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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Siebentes Kapitel.

Am sechsten Tage nach diesen Geschehnissen prangte das Atrium des Kaiserpalastes schon bei dämmernder Morgenfrühe im Festgewande.

Das marmorne Podium neben dem Eingang in das Archivzimmer war mit kostbaren Teppichen überkleidet.

Hier standen zwei löwenfüßige Thronsessel, von goldenem Baldachin überragt.

Eine Fülle der herrlichsten Blumen, mit üppigem Grün durchmischt, wogte von einem Säulenkapitäle zum andern, schmückte den Boden und wucherte rechts und links aus den Kolonnaden hervor.

Wo es nur irgend anging, schmiegten sich die farbenglühendsten Teppiche an die schimmernde Architektur; die Wand des Archivzimmers troff geradezu von diesen wundervollen Geweben; die Bilder unter den Kolonnaden waren davon überdeckt; selbst vom Dache hernieder hingen die schweren Quasten und Troddeln, die sich, je höher die Sonne über den Horizont lugte, um so heller und flammenroter bemalten.

Heute früh in der zweiten Stunde des Tages sollte der feierliche Empfang einer Gesandtschaft des Chattenvolks stattfinden. Man hatte den großen Familienhof des Palatiums, nicht aber den Sitzungssaal des Senats gewählt, um so der Sache einen zwar minder staatsmännischen, aber vielleicht desto glänzenderen und wärmeren Ton zu verleihen.

Wäre dies längst erwartete diplomatische Schaustück nicht in Aussicht gewesen, so hätte Seneca vielleicht schon in voriger Woche Urlaub genommen. Die Hitze nämlich der letzten Maitage brütete sommerähnlich über der Stadt; aus der engen Subura hatte man gestern bereits einige Fieberfälle gemeldet. So aber mußte das Uebel ertragen werden, denn es handelte sich um die erste große Gelegenheit, dem Ehrgeiz der Agrippina nicht nur vor den versammelten Vätern, sondern sogar in Gegenwart ausländischer Botschafter einen empfindlichen Stoß zu versetzen. Es mußte ihr endlich einmal zum Bewußtsein gebracht werden, daß für die römischen Regierungsgeschäfte eine neue Aera im Aufdämmern war.

Der chattische Volksstamm, wohl der begabteste aller Germanen, unmittelbarer Nachbar der römischen Reichsgrenze, hatte, durch mehrfache Uebergriffe römischer Soldaten erbittert, während des letzten Jahres eine bedrohliche Haltung gezeigt und sich im Einverständnis mit den Sigambrern allerhand römerfeindlichen Plänen gewidmet. Wenn der Proprätor, der dort oben im Norden die Hoheitsrechte des Imperators vertrat, seinen Kundschaftern glauben durfte, so handelte es sich um einen Ansturm des gesamten freien Germaniens wider das Römerreich.

Die Sigambrer waren jedoch die einzigen unter den vielen germanischen Volksstämmen, bei welchen der Einheitsgedanke schon damals Wurzel gefaßt hatte. Alle übrigen, bis hinauf zu den Guttonen und Rugiern, vergeudeten, trotz der großen Erinnerungen an die Tage des Varus, ihre blühendste Kraft in Fehden von Gau zu Gau, und verhielten sich gleichgültig gegen die neue, vielleicht in der That noch verfrühte Idee. Ja, selbst unter den Edelingen der Chatten gab es jüngst wieder ungestüme Familienzwiste.

Den schlauen diplomatischen Schachzügen des kaiserlichen Vertreters war es unter solchen Verhältnissen unschwer gelungen, die Chatten durch einige Zugeständnisse, insbesondere durch Zahlung einer Entschädigungssumme, zur Abwiegelung zu bestimmen und ihnen die Freundschaft mit dem gewaltigen Römerreiche als ein so herrliches Ziel auszumalen, daß sie nach einigem Hin und Her den Beschluß faßten, zwölf ihrer ausgezeichneten Edelinge unter Führung des Oberfeldherrn Lollarius nach Rom zu schicken, dem Kaiser Geschenke zu übermitteln und ihm friedliche Nachbarschaft anzubieten.

An diese mehr theatralische Aufgabe der chattischen Edelleute knüpften sich noch einige mehr geschäftliche Punkte, die der kaiserliche Proprätor nicht auf eigene Faust zu erledigen wagte.

Agrippina hatte bereits vor mehreren Tagen die überflüssige, vom Standpunkt des römischen Volksbewußtseins geradezu anmaßende und verletzende Absicht geäußert, von ihrem albanischen Landsitz herüber zu kommen, an der Seite des jungen Kaisers die zwölf Botschafter zu empfangen und bei der ganzen Zeremonie buchstäblich den Vorsitz zu führen.

Das also war der Punkt, wo der Staatsminister zum erstenmal den Hebel einsetzen wollte, um die Kaiserin-Mutter sanft, aber allem Volke ersichtlich, beiseite zu schieben.

Seit jenem Tage, da Nero ihn zu sich gerufen und ihm eröffnet hatte, daß er gesonnen sei, durch den Glanz der Alleinherrschaft sich für das zu entschädigen, was Agrippina und ein schreckliches Schicksal ihm boshaft geraubt hatte, war Annäus Seneca überhaupt nicht müßig geblieben.

Er hatte den plötzlichen Aufschwung des Imperators mit einer Begeisterung begrüßt, die bei Nero den Glauben erwecken mußte, als sei das ein Verdienst, was ihm zunächst doch nur ein Bedürfnis war.

Am nämlichen Abend noch hatte sich Seneca zu Flavius Scevinus begeben und ihm gemeldet, daß, wenn die energische Stimmung des Kaisers standhalte, Nero selber als Mitverschworener gegen die Kaiserin-Mutter angesehen werden dürfe. Man möge daher vertagen, was man gegen Agrippina im Schild führte, da es unstreitig einen weit besseren Eindruck auf den Senat wie auf das römische Volk machen müsse, wenn Claudius Nero in eigener Person die Initiative ergreife.

Nachdem er dies mit Flavius Scevinus erörtert hatte, ließ der Staatsminister demungeachtet die nötigen Vorbereitungen treffen, um gegen etwaige Gewaltmaßregeln der Agrippina geschützt zu sein.

Burrus, der von der Verschwörung nichts ahnte, war leicht zu bestimmen, das Kommando über die halbe Kohorte, die in der Hofburg die Wache hielt, dem Agrigentiner Sophonius Tigellinus zu übertragen, zumal er seit einiger Zeit nicht mehr so blindlings die Kaiserin-Mutter vergötterte. Es war ihm zu Ohren gekommen, daß der Militärtribun Pharax bei Agrippina auffällig in Gunst stand, und die Gerüchte, die sich, unbestimmt freilich, aber dennoch in leicht zu deutender Richtung, an diese Bevorzugung knüpften, kränkten seinen Soldatenstolz. Nicht, daß er etwa die Neigung verspürt hätte, geradezu gegen die Fürstin zu rebellieren: aber sie sollte doch sehen, daß er nicht ganz das willfährige Spielwerk in ihrer Hand war, für das sie ihn ansah.

Tigellinus, sobald ihn Burrus mit dem Oberbefehl über die Wachmannschaften betraut hatte. streute unter die Krieger ganze Schläuche voll Gold aus, während sich Nero, den Winken des Staatsministers entsprechend, bis auf weiteres zurückhielt.

Jetzt, in der Morgenfrühe, da die Kaiserin-Mutter bereits in ihrer Carruca saß, um, von vier schnaubenden Kappadoziern gezogen, von ihrem Landhause nach der Hauptstadt zu eilen, erachtete Seneca den Augenblick für gekommen, um der Erbitterung Neros gegen Agrippina durch die früher verschobenen Enthüllungen frische Nahrung zu geben.

Während die Kammersklaven den Imperator für die große Empfangsfeierlichkeit ankleideten, saß der klug berechnende Staatsmann, die Arme über der Brust gekreuzt, im kaiserlichen Studiergemach und legte sich sein bedenkliches Thema sorgsam zurecht.

Der Leibsklave Cassius hatte dem Herrscher bereits mitgeteilt, daß der Minister noch vor dem Erscheinen der Senatoren schwerwiegende Dinge mit ihm zu erörtern wünsche. Ungeduldig drängte Nero zur Eile.

Mit außergewöhnlichem Ernste ging Seneca ihm entgegen, als er nun endlich in seiner purpurverbrämten Toga die Schwelle betrat.

»Komm, du Teurer!« sagte der Staatsminister vertraulich. »Eine halbe Stunde noch haben wir Zeit. Hier, sitz nieder – und höre mir zu!«

Nachdem er dem Kaiser in aller Kürze einige Grundlehren der augustinischen Staatsweisheit wiederholt, und insbesondere betont hatte, wie es zuzeiten gut sei, halbverjährte Verbrechen gleichsam als nicht geschehen zu betrachten, suchte er sich von dem Vorwurf zu reinigen, als habe er etwa die Thaten der Agrippina gebilligt.

»Glaube mir,« sprach er bewegt, »hundertmal hat mich die Stimme des inneren Gottes stürmisch gemahnt, allem Volk zu verkündigen, daß es befugt sei, von Agrippina nichts Gutes zu denken. Eins nur hat mich immer wieder zurückgehalten: die bange Rücksicht auf dich, den untadeligen Sohn der Verbrecherin. Ich wußte es ja, wie treu du deine Mutter verehrtest, wie du allein von sämtlichen Römern die Binde über den Augen trugst und so die Dinge nicht ahntest, die uns übrigen oft genug das Blut der Scham und des Zorns in die Stirne getrieben.«

Da Nero atemlos aufhorchte und ihm krampfhaft die rechte Faust um die Handwurzel legte, fuhr Seneca noch bedeutsamer fort: »Nein, teurer Cäsar, ich fiebere nicht, und was ich rede ist keineswegs die Ausgeburt eines kranken Gehirns. Frage den Tigellinus, frage, dafern du willst auch den Burrus, der ihr vielleicht nur deshalb jede Unthat vergibt, weil er, rauh, wie er scheint, dennoch weicher empfindet, als ein junger Poet . . .«

»Wie verstehe ich das?«

Seneca, jegliches Wort einförmig und bleiern betonend, gab ihm zur Antwort: »Nun – er liebt Agrippina und – er besitzt sie!«

»Das sagst du mir?« schrie Nero mit greller, mark- und beinerschütternder Stimme. »Burrus besitzt sie? Die Mutter des Imperators ist die Geliebte eines Kasernenhäuptlings?«

»Beruhige dich!« mahnte der Staatsminister mit großer Kaltblütigkeit. »Nicht zum erstenmal ereignet sich's in der Weltgeschichte, daß ein edler Stamm, nachdem er edle Früchte getragen, plötzlich in sich verfault . . . Uebrigens sagst du: ›Kasernenhäuptling‹. Weshalb so geringschätzig? Besser der Häuptling, als der plebejische Troßknecht. Neuerdings geht ja die Rede . . . Verzeih, aber ich bring' es nicht über die Lippen!«

»Glaubst du mich schonen zu sollen?« lachte der Imperator.

Nach kurzem Zögern hub Seneca wiederum an: »Es hilft nichts. Du mußt alles erfahren. Denn es handelt sich jetzt um die Frage: ›Du oder sie?‹ Drohend gärt es in allen Volksschichten. Heimlich murrt der Senat. Die Ritter, die kleinen Kaufleute, die Handwerker, ja selbst die Sklaven sind wutentbrannt, daß so die Willkür eines verwerflichen Weibes den Staat unter die Füße tritt. Zunächst: welch ein Abgrund von Lüsternheit! Burrus – ich wollte da noch ein Auge zudrücken. Aber wie ich jüngsthin erfahren –: sie hält es mit vielen . . .«

»Das lügst du!« rief Nero, emporfahrend. »Sie mag sich vergessen, sie mag sich entweihen, aber niemals wird sie ihren gewaltigen Stolz verleugnen.«

»Ich übertreibe vielleicht,« stammelte Seneca. »Aber mach's doch wie einst! Misch dich verkleidet unter den Pöbel der Vorstadt! Besuche die Schenken, die Garküchen, die Barbierstuben! Da wirst du's hören, wie man von einem gewissen Tribunen Pharax allerlei Dinge munkelt . . .«

Nero stöhnte laut auf.

»Und das alles ist wahr?« fragte er nach langer Pause.

»So wahr, Imperator, daß du mich auf dem Anger der Ausgestoßenen lebendig begraben sollst, wenn ich lüge! Weshalb zitterst du, Claudius Nero? Was ich erzählt habe, sind doch immer nur menschliche Schwächen, unrühmlich, meinetwegen verächtlich, aber verzeihlich. Senke den Blick nicht zu Boden! Bei dem Geiste des Alls, welch ein Trauern soll dich befallen, wenn ich dir jetzt berichte, was sie Schlimmeres gethan hat?«

»Sprich!« rief Nero verstört. »Ich bin jetzt auf alles gefaßt. Buhlt sie nicht auch mit den Maultiertreibern, die ihr Essenzen und Früchte bringen? Es gewährt mir eine qualvolle Lust, bis an die Kehle in diesem greulichen Schmutze zu wühlen.«

»Ich wiederhole dir, das alles ist menschlich,« sagte der Staatsminister. »Ein Weib, von heißem Blute durchlodert, allzeit nur ans Befehlen gewöhnt, von keinem Manne gezügelt, alternd, und dennoch jugendlich schön wie die schwellende Traube: ein solches Weib wird immer die Beute ihres unersättlichen Lebensdranges. Aber« – hier schwoll seine Stimme wie ein näher und näher klingendes Donnergerolle – »Mörderin braucht sie um deswegen doch nicht zu werden!«

Ein Lächeln, ausdruckslos wie das eines Blödsinnigen, glitt über die Züge des unglückseligen Kaisers.

»Weißt du,« fuhr Seneca fort, »wie dein bedauernswürdiger Stiefvater Claudius geendet? Ich will gerecht sein: auch dem Opfer zähle ich seine Schwächen vor. Claudius war kein Gatte für Agrippina. Domitius Aënobarbus mit seiner stahlharten Faust konnte sie niederhalten; Claudius, der Witwer der Messalina, war schon verloren, eh' er den Kampf begann. Dennoch: – hat er sie nicht zärtlich geliebt? Hat er sich jemals eines Vergehens, geschweige denn eines Verbrechens schuldig gemacht? Er regierte – oder besser: er ließ regieren. – Daß er nicht ihr die Herrschergewalt anvertraute, daß er den eigenen Sohn, den armen Britannicus, den er bereits zu deinen Gunsten enterbt hatte, nicht überdies noch verbannte, oder gar tötete: siehe, das war in den Augen der zärtlichen Agrippina die Unthat, die er gefrevelt hat. Da sie nun allerlei Ränke schmiedete, um ans Ruder zu kommen, merkte Claudius, was sie im Schilde führte. Er beschloß, die Ehe mit ihr zu lösen und den Britannicus in die Rechte des Kronprinzen wiederum einzusetzen. Was begann Agrippina? Zweierlei stand ihr frei: durch Milde, Güte und Nachgiebigkeit ihren Gemahl zu versöhnen – oder ihn mit Gewalt zu beseitigen, eh' er noch seine Entschlüsse zur That machen konnte . . . Ihre Lieblingswaffe bestand dazumal in den Tropfen der Giftmischerin Locusta. Dieses fluchbeladene Schandweib stellte ihr eine geruch- und geschmacklose Flüssigkeit her, die den kostbaren Vorzug hatte, die Vergiftung langsam, aber mit desto größerer Sicherheit zu bewerkstelligen. Als es nun just im engsten Familienkreise das Lieblingsgericht des Claudius – Steinpilze – gab, ließ sie durch einen der Köche in das prächtigste Exemplar so viel einträufeln, als zur tödlichen Wirkung erforderlich war. Man brachte die Schüssel. Wie eine aufmerksame Familienmutter schob sie ihm den vergifteten Pilz zu. Der sehe so reizend aus, so frisch und verlockend! Sie selber aß von den übrigen. Als er nach kurzer Zeit schläfrig ward, glaubte man, er sei ein wenig bezecht. In der Nacht jedoch verlor er nach und nach das Gesicht, das Gehör und die Beweglichkeit seiner Gliedmaßen. Unter entsetzlichen Qualen verschied er.«

Seneca schwieg. Der junge Kaiser blickte starr zu ihm auf.

»Welch ein Ungeheuer!« lallte er endlich. »Aber wer – selbst unter euch Menschenkennern und Philosophen – bürgt mir dafür, daß diese Geschichten mehr sind, als thörichte Fabeln, von den Gegnern ersonnen, von der Leichtgläubigkeit des Pöbels in Umlauf gesetzt?«

»Wenn du ihr volle Straflosigkeit zusicherst, wird die Giftmischerin Locusta diese Missethat freudig bestätigen, denn überall, wo das Gift eine Rolle spielt, war sie das Werkzeug in der Hand der erlauchten Verbrecherin.«

»Seneca, mein Lehrer und Freund, ich glaube dir's, wenn mir die Seele auch vor Scham und Jammer verdorren möchte! Weh mir, was soll ich beginnen?«

Wie zu Tode erschöpft sank er in den Sessel zurück.

Der Staatsminister, ohne auf die Verzweiflung des jungen Kaisers zu achten, hub nun wiederum an: »Weißt du, wie Britannicus starb, dein Stiefbruder? Ich am wenigsten hab' es beklagt, daß man den Jüngling von der Thronfolge ausschloß. Britannicus, so vortrefflich er war, stand doch hinter dem Sohn Agrippinas zurück. Der Staat gewann daher durch jene Enterbung. Aber weshalb mußte nun Agrippina dies blühende Leben unter die Füße stampfen? Britannicus war selbstlos genug. Er wäre dein Freund, dein erster Berater geworden. Er hätte mit seiner Kühle und Klarheit deine lodernde Phantasie gleichsam ergänzt. Die Nachwelt hätte von euch geredet wie von Damon und Phintias, wie von Pylades und Orestes –«

»Rede mir nicht von Orestes,« flüsterte Nero schaudernd.

»Warum nicht?«

»Mich überläuft's! Orestes – hat seine Mutter getötet.«

»Mit vollem Recht: denn die Mutter hatte ihm in Gemeinschaft mit ihrem Buhlen den teuren Vater erschlagen.«

Nero machte eine Bewegung der Abwehr.

»Diesen Britannicus also« – nahm Seneca das Gespräch wieder auf – »hat Agrippina ermordet – ach, mit so unsäglicher Schlauheit, mit so niederträchtiger Arglist, daß man sich fragen darf, ob die gesamte Weltgeschichte etwas Aehnliches aufweist. Britannicus war gewarnt. Keine Speise genoß er, ohne daß ein Sklave den Bissen ihm vorgekostet. Deine Mutter aber brachte es fertig, ihn mit dem zu vergeben, was die Natur so rein und so unverfälscht aus der Erde fördert. Sie ließ ihm den Würzewein so heiß vorsetzen, daß er zur Kühlung desselben kaltes Wasser verlangte. Sein Prägustator hatte aus der dampfenden Murrhaschale bereits geschöpft und geschmeckt. Der Trank war harmlos. Nun aber sich Britannicus das vergiftete Wasser hinzugegossen und einen Schluck über die Lippen gebracht, sank er jählings zurück und war sofort eine Leiche.«

»Wie?« rief Nero. »Aber ich war doch Zeuge des entsetzlichen Vorgangs. Man sagte, es sei eine Ohnmacht; erst einige Tage später verschied er am Schlagfluß.«

»Das hat man uns vorgeredet, uns und den übrigen; denn die Tafel sollte doch ihren Fortgang nehmen. Glaube mir doch, mein Liebling: auch für diese Unthat hab' ich Beweise!«

Nero warf sich breit über die Tischplatte und durchwühlte mit zuckenden Fingern sein Haar.

Leise trat Seneca zu ihm heran. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und flüsterte, wie von Mitleid bewegt: »Laß mich das andre verschweigen! Eines nur sollst du noch wissen: daß der Mordversuch auf Flavius Scevinus gleichfalls ein Werk der grollenden Agrippina war. Sein Trinkspruch hatte sie tödlich beleidigt . . .«

»Schweig, schweig!« stöhnte der Kaiser in herzzerreißendem Klagelaut. »Ich weiß genug!«

In diesem Augenblicke erscholl vom Atrium her die Stimme des Stundenausrufers.

»Es wird Zeit!« sagte der Staatsminister. »Fasse dich, teurer Freund! Nero der Sohn ist zu Grunde gegangen: möge Nero der Kaiser jetzt um so glorreicher strahlen auf der Höhe seiner Alleinherrschaft! Nein, nicht so, mein Knabe! Trockne die Thränen! Blicke frei in die Welt, wie ein Adler, der seinen Flug aufwärts zur Sonne nimmt! Zeige den nordländischen Barbaren, daß die Größe und Hoheit des römischen Namens voll und ganz in dir, dem Liebling des Volkes, verkörpert ist! Sei ein Mann! Sei ein Augustus!«

Langsam richtete Claudius Nero sich auf. Es war nun wirklich, als habe die entsetzliche Stunde ihn völlig gestählt und gehärtet. Hoch und herrlich stand er vor seinem alten Erzieher, der gleichfalls mit einemmal vergaß, was ihn bis dahin bewegt und erschüttert hatte. Forschend sah er dem jugendlichen Beherrscher des Weltreichs ins Angesicht. Der glich jetzt einem marmorgemeißelten Bildnis des Gottes Apollo, der nicht nur segnende Strahlen, sondern auch verderbliche Pfeile entsendet. Immer fester und ruhiger ward es um den blühenden Mund, der so seligsüße Wochen hindurch nur gelacht und geküßt hatte. Ja, ja, die trotzigen Chatten, wenn sie diesen leuchtenden Heldenjüngling erblickten, durften sich sagen: ›Wehe dem Volke, das den römischen Cäsar zum Feinde hat!‹

So begab er sich mit Seneca in den Oecus, wo seine Gefolgschaft schon seit fünfzehn Minuten bereit stand.

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