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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Sechstes Kapitel.

In stürmischer Eile sausten die Rosse thalabwärts. Nach kurzer Frist machte man Halt. Die Tiere drohten zu unterliegen. Man erquickte sie mit Wasser und Brot und rieb sie mit Ulmenlaub.

Nach Verlauf einer halben Stunde setzte man den Ritt in gemäßigter Schnelligkeit fort. Vom Frühlicht bestrahlt, lag die Zweimillionenstadt wie eine erwachende Riesin vor den Blicken des Kaisers. Die bräunliche Dunstschicht über den hochaufragenden Tempeln, Theatern, Palästen und Thermen wogte und wallte wie ein rätselhaftes Gewand, unter dem sich schlaftrunken die Glieder regten . . .

Endlich erreichte man den Bogen des Drusus. Bleich vor sich hin starrend, sprengte der Kaiser über das menschenbelebte Forum, ohne sich um die Heilrufe, die ihm lauter als jemals entgegenschallten, irgend zu kümmern.

Allenthalben standen erregte Gruppen, die sich über das ungewohnte Ereignis – den nächtlichen Ausritt des Imperators – mit fiebernder Lebhaftigkeit unterhielten und bereits eingehend unterrichtet waren: denn die Sklavinnen aus der Villa der Acte, insbesondere Erotion, waren, sobald ihre Furcht sich etwas gelegt hatte, eiligst in die Subura gestürzt, um den Erbsenverkäufern und Bäckern die Erlebnisse dieser entsetzlichen Nacht unter Jammern und Wehgeschrei zu erzählen.

So wenig Uebles man der jungen Octavia auch nachsagen konnte: man war dennoch geneigt, die Partei des Kaisers zu nehmen; denn Octavia in ihrer majestätischen Ruhe galt für gleichgültig gegen ihren Gemahl, während der Name Actes von einer wundersamen Gloriole weiblicher Zärtlichkeit und Minne umgeben schien.

»Ich habe sie selbst gesehen, die schöne Freigelassene des Nicodemus,« sagte ein hagerer Klient, der eben aus dem Hause seines Patrons trat. »Sie ist ein zauberhaftes Geschöpf, – und ich kann mir wohl ausmalen, wie der Cäsar um ihren Verlust grollen und toben mag.«

»So ist's, Lucius,« versetzte ein andrer, der ihm zur Seite schritt. »Die Gunst Octavias neben der Flammenglut dieser Acte bedünkt mich wie massilischer Rauchwein neben dem süßesten Cyprier. Man hat die Gemahlin ihm aufgenötigt . . .«

»Das alles wäre ja noch gegangen,« fuhr der Klient fort. »Aber die Kaiserin-Mutter soll greulich gehetzt haben, so daß Octavia schließlich zu dem Ueberfall ihre Zustimmung gab . . . Nun haben wir den Skandal! Ganz im Vertrauen: Agrippina scheint eifersüchtiger und empörter gewesen zu sein als Octavia selbst.«

»Ja, ja! Sie fürchtete, Acte möchte zu großen Einfluß gewinnen, – am Ende gar auf die Staatsregierung . . .«

»Ganz zweifellos. Und da packt sie denn zu, wie ein Bauernbube, der ein Vogelnest aushebt. Aber ich fürchte, ihr thörichter Eingriff bedeutet uns Schlimmes.«

»Wieso?«

»Nun, sahst du ihn nicht vorüberreiten? Den Cäsar mein' ich. Er glich einem zornentbrannten Achilleus, der da kömmt, den Patroklus zu rächen. Niemals lohte ihm so gespenstisches Feuer unter den Wimpern. Ich bebte zusammen bei diesem Anblick.«

So schritten sie weiter, immer an Leuten vorbei, die mit ängstlich gedämpfter Stimme das gleiche Thema behandelten.

Er selbst aber, mit dem sich ganz Rom in dieser frühen Morgenstunde beschäftigte, warf sich, zu Tode ermattet, aufs Lager, wo er sofort entschlief. Kein Traum beeinträchtigte seinen erquickenden Schlummer. Es war, als gönne ihm ein allgütiges Schicksal die volle Sammlung der Kräfte, die er zum baldigen Kampfe benötigen würde.

Gegen Mittag erst wachte er auf. Er befahl einen kühlenden Trunk; alle Speise wies er kurz und mürrisch zurück.

Er plante, er überlegte. Stundenlang verharrte er in seinem Arbeitsgemach. Auf den Zehen huschten die Sklaven und Freigelassenen an der verriegelten Thüre vorüber: niemand wagte um Einlaß zu bitten.

Selbst da Seneca um die Stunde der Cöna vorsichtig anklopfte, scholl ihm ein halb gebietendes, halb verzweifeltes »Laßt mich allein!« entgegen.

Längst schon war es wiederum dunkel geworden, als Nero von selbst an die Thüre trat und dem Sklaven Cassius die Weisung erteilte, Licht zu bringen, und Brot und samischen Wein. Die Hofbeamten und Gäste möchten zu Tisch liegen, wann und wie es dem Küchenmeister genehm sei. Der Staatsminister solle den Imperator vertreten.

Hiernach entbot er den Freigelassenen Phaon.

Als der Vertraute ins Zimmer trat, überreichte er ihm eine Anweisung auf die Schatzkammer.

»Verschwende, vergeude!« raunte er, ihn beim Arme ergreifend. »Sende zehntausend Boten und Späher aus, zwanzigtausend, so viel du willst, – und jeden mit dem Gehalt eines Militärtribunen! Sie sollen suchen, als gält' es Leben und Tod. Wer sie findet, der darf zum Lohne fordern, was er begehrt, – meinetwegen den Thron! Aber findet sie . . .! Fort! Zu lange schon hab' ich gezögert. Nein, nein, ich will nichts hören . . . deine Gegenwart ist mir zuwider . . . du trägst ja ein menschliches Angesicht!«

Phaon, aufs tiefste erschüttert, entfernte sich. Nero versank wieder in sein trostloses Brüten.

»Es ist alles umsonst,« stöhnte er. »Das nämliche hab' ich schon einmal erlebt . . . Alles Nachforschen fruchtet nichts . . . – Ich fühl' es . . . Ich weiß es!«

Am folgenden Tage die gleiche Zerrissenheit. Schon vor Sonnenaufgang verließ er sein Schlafgemach und begab sich, scheu wie ein Flüchtling, nach dem Museion, wo bereits Cassius, der Leibsklave, für ein Frühmahl gesorgt hatte.

Nero, obgleich ihn hungern mußte, berührte zunächst keinen Bissen. Starr grübelnd saß er vor seinem Arbeitstisch, mit der Rohrfeder spielend, oder die gelbgetönten Papyrusstreifen, die in zierlicher Schichtung vor ihm gehäuft lagen, auf und ab schiebend.

Dann sprang er empor, durchmaß das Zimmer wie ein Tiger den Käfig, ballte die Fäuste, oder legte sich die Finger festgekrallt an die Gurgel. Plötzlich stieß er einen raubtierähnlichen Schrei aus, warf sich stöhnend auf das erzgetriebene Ruhebett und schlug die Hände vors Angesicht.

So lag er wohl eine Viertelstunde lang, bald regungslos, bald an allen Gliedern geschüttelt wie ein Epilepsiekranker.

Endlich erhob er sich, trat zu dem schöngetäfelten Schreibtisch, wo er so manchmal der griechischen und lateinischen Muse geopfert, wo er die Verse gedichtet:

»Wie süß und lieblich ruht sich's am Quellgesträuch,
Wenn Actes Blondhaar flutend herniederwallt,
    Und ihres Lächelns Maienblüte
        Selbst die entseelte Natur bezaubert.«

Glückliche Zeit!

Er fetzte sich jetzt, nahm eines der gelblichen Blätter, tauchte die Rohrfeder ein und schrieb wie folgt:

 

»Claudius Cäsar Nero an seine erlauchte Mutter,
die hochmögende Agrippina.

Ich schwebe hier zwischen Leben und Tod.

Mutter, hast Du mich je geliebt, so löse mir dies entsetzliche Rätsel!

Ich habe Boten entsandt zu Tausenden: aber ich ahne, sie werden zurückkehren, ohne die leiseste Spur der Geliebten entdeckt zu haben. Du bist zu groß, zu gewaltig. Niemand vermag zu siegen, wenn Du ihm die Fehde beutst . . .

Mutter, ich will Dich auf Händen tragen mein Leben lang, wenn Du mich nur zum wenigsten über ihr Schicksal beruhigst. Fast schon zweifle ich ja, daß sie noch lebt. Ach, und ich habe sie lieb gehabt, maßlos, über alle Vernunft!

Mutter, gib mir sie wieder!

Bei der Asche meines vielteuren Vaters Domitius beschwöre ich Dich!

Kannst Du denn gar nicht mitempfinden, wenn ich Dir sage, daß ich sie liebe?

Mutter, die Antwort, die ich von Dir erbitte, wird Cassius, mein Sklave, so schnell es angeht, zurückbringen. Zögere um keinen Preis, ich beschwöre Dich! Laß ihm ein frisches Pferd satteln! Sage mir, daß ich noch hoffen darf! Jupiter schütze Dich!«

 

Nachdem er dies Schreiben umschnürt und gesiegelt hatte, ward er ein wenig ruhiger.

Er rief den Sklaven herein, erteilte ihm die nötigen Befehle und nahm dann einiges von dem Mahle, das nur aus Milch, Weizenbrot und einer Platte von Thunfischgarum bestand. Ihm wollte nichts munden; die Kehle war ihm wie zugeschnürt.

Nun warf er sich in den üppigen Armsessel. Er zählte die Blumen auf dem syrischen Teppich zu seinen Füßen; dann blickte er wieder ausdruckslos nach der schön kassettierten Zimmerdecke, als wisse er weder von sich noch seiner Umgebung.

Die Zeit bis zur Rückkehr des Cassius dünkte ihm eine Unendlichkeit.

Ach, und immer wieder die dumpf-beklemmende Angst wegen Acte! . . . Es war heute der dritte Tag, daß er den wonnigen Mund nicht geküßt hatte, der ihm bei jeder Begegnung so viel Liebes und Gutes gesagt . . . Ihre letzte himmlisch-süße Umarmung! . . . Hätte ein Gott ihm vorausgesagt, was da wenige Stunden später erfolgen sollte! Vielleicht war es die letzte für dieses Leben! Ein gespenstisches Vorgefühl schien ihm zuzuraunen: ›Ja, wahrhaftig, die letzte!‹ Er würde also nie, nie wieder so froh, so reich und so selig sein . . .

Grausiges Schrecknis! Was war ihm die weite Welt, wenn Acte sie nicht mit ihrem strahlenden Lichte erfüllte? Selbst des neuerwachenden Lenzes hatte er sich nur um ihretwillen erfreut; – die Rosen hatten nur darum so verlockend geduftet, weil Acte sie mitgenoß; jedes flammende Abendrot, das ihm das Herz aufwärts trug in das Reich poesievoller Träume, war nur deshalb so göttlich, weil er vom glutüberströmten Himmel die Blicke hinwegwenden konnte in Actes tiefschwarze Augensterne, wo sich der lodernde Brand des Gewölkes so zauberisch widerspiegelte. Wenn sie dann eins ihrer schmelzenden Lieder sang: ›Uranos, Vater des Alls . . .‹ oder: ›Helios, senkst du die Zügel und steigst zum Okeanos nieder . . .‹ – dann hatte auch er wohl zur Kithara gegriffen . . . Ihre Stimmen vermischten sich in freundlicher Harmonie, die Erde schien so hehr und so frühlingsgrün, das Palatium mit seinen weltgeschichtlichen Forderungen so ferne, daß Nero meinte, in dieser sanften Verzückung sterben zu müssen, wie eine Welle, die sich im Meer verliert. Ja, – das war die Liebe, das war das Glück . . .! Und jetzt?

Er stand auf und öffnete eines der Ebenholzkästchen, die, auf langen Bronzegerüsten nebeneinander gereiht, die Rollen seiner Handbibliothek enthielten. Behutsam holte er das kunstvoll geschriebene, mit leuchtendem Rotschnitt versehene Exemplar seines hellenischen Lieblingsdichters hervor.

Wie oftmals hatte er, Schulter an Schulter mit Acte, die unsterbliche Epopöe von der Heimkehr des Dulders Odysseus durchblättert, und sich schönheitsberauscht dahintragen lassen auf den Fluten dieser unvergleichlichen Melodien!

Welche trostlose Wandlung! Oede und traurig starrten ihm jetzt die Verse entgegen, die ihm damals die Seele mit Schauern des Vollgenusses und der Bewunderung durchrieselt hatten.

Und Cassius kehrte immer noch nicht zurück!

Er las und las, um diese Ungeduld zu betäuben . . . Nun ward ihm plötzlich zu Sinne, als gebe es nur ein einziges Mittel, die Qual über den Verlust seiner Acte aus dem Herzen herauszureißen: das Schwert.

Ja, wenn er, gleich den Heroen der hauptumlockten Achäer, über trotzige Feinde hinwegstürmen, wenn er ein Ilion zertreten konnte, – dann vergaß er vielleicht den schimmernden Jugendtraum und gewöhnte sich an die ewige Nacht.

Die Sonne stand hoch, als der Leibsklave Cassius von der albanischen Villa zurückkehrte. Er überbrachte ein dreifach umschnürtes alexandrinisches Pergament.

Zitternden Fingers löste der Kaiser die silberdurchwirkte Schnur.

Der Brief lautete:

 

»Agrippina wünscht ihrem geliebten Sohn Claudius Nero Glück und Segen.

Ich beantworte Deine Zeilen gern der Wahrheit gemäß.

Da Du mich jüngsthin bestürmtest, wie es die Mutter des Imperators nicht dulden kann, wenn sie selber vor der erhabenen Würde des Princeps einige Ehrfurcht empfindet, so bin ich Dir schroffer begegnet, als ich dies sonst wohl gethan hätte.

Vernimm jetzt, daß die Unsterblichen selber zwischen Dir und jenem unglückseligen Mädchen die ewige Trennung herbeigeführt haben.

Auf meinen Befehl ist Acte nach Antium geschafft und von dort auf ein Schiff gebracht worden. Ich hatte nichts Uebles im Sinne: was ich gethan habe, das geschah aus reinster innigster Liebe zu Dir. Ich wollte sie, ohne sie zu gefährden, für einige Monate nach Sardinien verbannen, damit Nero diese thörichte Spielerei inzwischen vergäße. Die Bireme jedoch, die mit Acte nach Westen steuerte, ist – nur wenige tausend Ellen von der Küste entfernt – durch ein großes hispanisches Kauffahrteischiff, das nach Ostia bestimmt war, unbegreiflicherweise in den Grund gerannt worden. Da die Bireme fast augenblicklich zum Sinken kam, hat sich nur ein verschwindend kleiner Teil der Bemannung zu retten vermocht, zumal die See ziemlich hoch ging. Alle übrigen, darunter auch Acte, haben den Tod gefunden.

Füge Dich, mein geliebter Sohn, in die Strenge des Fatums. All Deine Seufzer werden die arme Ertrunkene nicht wieder lebendig machen. Ich aber will mit verdoppelter Liebe Dich hegen und pflegen und Dir beistehen in der Erfüllung des wahrhaft göttlichen Amtes, zu dem Du berufen bist: in der Regierung des Römervolks.

Gehab Dich wohl!«

 

Da Nero, die zitternde Faust starr um die Lehne des Bronzesessels geklammert, das Blatt sinken ließ, trat Phaon vorsichtig ins Gemach. Eine halbe Minute lang hielt er sich scheu an der Pforte, durch die der geängstigte Cassius leise hinausschlüpfte, wie ein Hund, der die Nähe des Löwen scheut.

Endlich fuhr der Kaiser empor. »Sie lügt,« rief er mit herzzerreißender Stimme, »sie lügt! Acte ertrunken! Ein erbärmliches Märchen, dieser Zusammenstoß mit dem hispanischen Kauffahrteischiff! Da, lies, teurer Phaon, und bestätige mir, daß der Brief da nur eine Fabel erzählt!«

Phaon, schwer atmend vor tiefer Erregung, überflog hastig das Pergament. Dann sagte er mühsam: »Herr, mein Leben gäb' ich darum, könnt' ich die Kaiserin Lügen strafen. Aber ich selber komme von Antium . . .«

»Unglücklicher! . . .« stammelte Nero.

»Erhabener Cäsar, beuge dich dem Willen der unsterblichen Götter! Agrippina redet die Wahrheit. Das ganze quiritische Volk weiß schon darum. Die Bireme versank: – und alles, was sie getragen, mit Ausnahme des Obersteuermanns und dreier Matrosen, fand den Tod in den Wellen.«

»Beweise! Beweise!« schrie Nero verstört. »Auch du belügst mich! Agrippina hat dich erkauft! Beweise, hörst du? – oder ich laß dir den Kopf vor die Füße werfen!«

»Claudius Nero ist trostlos, aber er zweifelt nicht an der Ehrlichkeit seines getreuen Phaon. Die Beweise kannst du dir leicht verschaffen. Das Kauffahrteischiff liegt noch im Hafen; es hat beim Anprall auf die Bireme ernstlich Schaden genommen, und ohne die fiebernde Anstrengung sämtlicher Ruderknechte wäre es gleichfalls zu Grunde gegangen . . . Die Hafenbeamten, deren Zuverlässigkeit dir bekannt ist, haben die Mannschaft des hispanischen Fahrzeugs bereits vernommen; desgleichen zwei freigeborene Matrosen der niedergerannten Bireme . . .«

»So kehre nach Antium zurück!« keuchte der Cäsar. »Der Hafenaufseher soll die Hispanier in Ketten schlagen! Mann für Mann bringst du sie her! Ich will sie den Bestien zum Fraße vorwerfen; unter den Griffen hungriger Tiger sollen sie langsam verbluten, die herzlosen Schurken, die es gewagt haben, das Kleinod des Imperators in den Abgrund zu schleudern!«

»Selbst im Unglück wirst du gerecht sein,« stammelte Phaon. »Die Hispanier sind unschuldig. Die Verantwortung für das entsetzliche Unglück trifft nur den Obersteuermann der Bireme, der nicht rechtzeitig auswich.«

»So bring mir den Obersteuermann! Keine Folter sei mir zu grausam für diesen Elenden, keine Qual, die sich ausdenken läßt. Ich selber will ihn erdrosseln, zerreißen, zerfleischen . . . so . . . so . . .!«

Zähneknirschend hatte er beide Hände erhoben und die Finger gekrallt, als fühle er die wütende Mordlust eines gätulischen Löwen. Dann taumelte er. Von Schmerz und Jammer bewältigt, sank er in die Arme seines Getreuen, der ihn vorsichtig auf die Polster der Ottomane bettete. Eine wohlthätige Ohnmacht umfing ihm das kranke, schmerzdurchtobte Gemüt.

Die Hände im Schoß gefaltet, stand Phaon daneben, unschlüssig, was zu beginnen sei, immer und immer wieder in das totenblasse Gesicht starrend. Vielleicht gönnte er dem Unglücklichen diese Minute des Selbstvergessens; vielleicht ahnte er, daß es dem Cäsar wie dem römischen Volke zum Heil gereichen würde, wenn der Gequälte nach diesen furchtbaren Stürmen niemals wieder zum Leben erwachte.

Als Nero die Augen aufschlug, heischte er einen Becher des schwersten Weines, leerte ihn, ohne abzusetzen, und hieß dann Phaon hinaustreten.

Mit erkünstelter Ruhe las er noch einmal das Pergament seiner Mutter.

Hiernach verfiel er in eine brütende Lethargie.

»Also tot, – tot!« murmelte er von Zeit zu Zeit, um dann wieder halbe Stunden lang schweigend auf den Boden zu starren. Er sah nichts; er hörte nichts.

Es ward Abend. Noch immer lag ein dumpfbetäubender Druck auf seinem Gehirn, ein Schleier, der ihm verhüllte, wie unsagbar elend er war.

Plötzlich zerriß der Schleier.

Claudius Nero sprang, vor sich selber erschreckend, empor und sank in die Kniee. Der Schweiß perlte ihm von der Stirne. Er rang die Hände wie ein sündiger Beter, dem die Gottheit ihre Gnade verweigert.

»Es ist vorbei!« ächzte er aus erstickender Brust. »Nie, nie im Leben werde ich wieder sagen: ›Acte, du meine Seele!‹ Nie, nie! Ihr Götter, ob ihr seid oder nicht seid, ich beschwöre euch: ist der Gedanke denn auszudenken? Vorbei! Zertrümmert! Vernichtet! Könnte ich einmal noch ihr liebes, himmlisches Auge schauen, das jetzt der ewige Schatten verschlungen hat, o, mein ganzes inhaltsloses, erbärmliches Leben wollte ich freudig dahinströmen lassen in einem einzigen dampfenden Blutstrom! Ach, daß ich verröchelnd noch einmal ihre Stimme vernähme, die süße, holde, herzbewegende Stimme! Welch eine Welt ist das, in der solch ein Verbrechen wider das Schöne und Gute möglich ist! Acte, mein Liebchen, tot! Und diese fühllosen Mauern stehen noch heute, wie gestern – vielleicht um Jahrtausende höhnisch zu überdauern! Dies wimmelnde Rom freut sich nach wie vor seines kindischen, vergnügungslüsternen Daseins! Die Senatoren steigen zum Kapitol, als hätte sich nichts geändert! Die vestalischen Jungfrauen bringen ihre Opfer dar, die Prätorianer ziehen auf Wache, die Zecher schmausen und trinken, die Wüstlinge laufen den Mädchen nach, die Strolche stehlen, die Nazarener singen und beten, – als wäre der heutige Tag so ruhig und friedlich, wie all die Tage zuvor! Fluch über das elende Schandgesindel, das nicht trauernd zu Hause bleibt, wenn dem Kaiser, der doch über alle gebietet, das Herz zerbricht! Eine rühmliche Treue! Aber nein! Ich verzeihe ihnen. Sie sind schuldlos. Was soll ich vom Pöbel erwarten, da doch die eigene Mutter Hand angelegt hat an das einzige Glück ihres Sohnes! Acte! Acte!«

Er sprang empor. »Ich ernte nur, was ich gesät habe,« murmelte er voll unsäglicher Bitternis. »Ich war ein Thor, ein verächtlicher Sklave. Warum auch hab' ich das alles so weit sich entwickeln lassen? Die gütige Mutter! Sie will mich auf Händen tragen! Sie will die Regierung getreu mit mir teilen! Täusche dich nicht, du Zerstörerin meines Daseins! Um solche Wunden vernarben zu lassen, wird die Hälfte der Herrschaft nicht ausreichen! Die Erde soll nun begreifen, wem der Thron des Augustus gehört: Dir oder mir!«

»Phaon!« rief er mit Donnerstimme.

Es klang als habe er sein unermeßliches Leid mit Riesenkraft überwältigt und erhebe nun ein Triumphgeschrei.

Der Freigelassene trat ängstlich über die Schwelle.

»Geh und hol mir den Staatsminister!« sagte der Kaiser, halb zur Seite gewandt.

»Wie du befiehlst.«

»Noch eins, Phaon! Weiß man nicht, wer die Räuber gewesen sind, die meine Acte entführt haben?«

»Nein, Herr! Alle Nachforschungen sind fruchtlos geblieben. ›Sklaven der Agrippina‹ – sagen die einen; ›Prätorianer‹ die andern . . .«

»Schweig! Meine Frage war abgeschmackt. Wenn ich's auch wüßte, – sie waren ja doch nur Werkzeuge in der Hand Agrippinas. Also: den Staatsminister!«

Seneca schritt dem Kaiser voll Würde, beinahe traurig entgegen.

»Mein Freund,« sagte Nero mit eiserner Selbstbeherrschung, »fürchte nicht, daß ich jammern und klagen werde über das Ewig-Verlorene! Was ich mit dir bereden will, das schaut weit hinaus in die Zukunft.«

Er legte ihm kurz und bündig seine Absichten dar.

»So bist du wahrlich der Cäsar nach meinem Herzen,« sprach Seneca und schloß ihn feierlich in die Arme. »Was in meiner Gewalt steht und in der meiner Freunde . . .«

»Ja, ich weiß, ihr werdet mir euern Geist leihen, und wenn es not thut, euer geheiligtes Schwert. Handle Seneca! Plane! Berechne! Mir fiebert noch das gemarterte Hirn . . .«

»Keinen Rückfall in die kaum überwundene Schwäche! Beim Zeus, ich lasse dich nicht! Heute noch sprech' ich mit Tigellinus. Der erste Sturm wider die Selbstüberhebung der Agrippina soll dem römischen Volke beweisen, daß Nero seine welthistorische Pflicht nun erkannt hat.«

»Du wolltest mir von Agrippina manches erzählen; von Claudius und dem armen Britannicus . . .«

»Noch nicht, dafern du dem Rate des Freundes folgst. Du wirst größer und herrlicher dastehen, wenn du nur im Selbstgefühl des Regenten handelst, nicht auf Grund gewisser Gerüchte, die vielleicht doch nur . . . Gerüchte sind.«

Nero neigte sein Haupt. »Ich vertraue dir,« sagte er seufzend. »Rette mich vor mir selbst! Gib mir den allgewaltigen Zauberstab, um die Geister des Einst zu verscheuchen, die mich so lieblich und doch so schreckenerregend umwirbeln . . .«

»Dieser Stab ist das Scepter. Handhabe es wie ein Heros . . .!«

»Wenn du willst, wie ein Dämon.«

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