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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Fünftes Kapitel.

Fünfzehn Minuten nach dem Verschwinden Actes und ihrer tückischen Räuber eilte Phaon mit einigen Fackelträgern nach dem Palatium, wo er zu jeder Tages- und Nachtzeit unbedingt Zutritt hatte. Die Wachen vor dem Vestibulum fragten erstaunt, was der Vertraute des Kaisers zu so ungewöhnlicher Stunde begehre.

»Das werde ich dem Gewaltigen selbst sagen,« gab Phaon zur Antwort. »Man lasse ihn wecken; man führe mich ohne Verzug ins Cubiculum!«

Die Hast und die Aufregung, die Phaon bekundete, waren beredter als seine Worte.

Einer der Prätorianer führte ihn also ins Vorgemach und bemerkte den Sklaven, die hier die Wache hatten, was Phaon begehre.

»Geh nur zu und wecke ihn selbst!« sagte der Obersklave.

Inzwischen war Claudius Nero, von unruhigen Träumen verfolgt, jählings erwacht.

Er hörte die abgedämpften und dennoch erregten Stimmen, fuhr sich über die Augen, als zweifle er, ob sein Traum sich noch fortspinne, und rief dann seufzend ins Vorgemach: »Cassius, was gibt's?«

»Herr,« entgegnete Phaon an Stelle des Angesprochenen, »ich bringe dir mißliche Botschaft. Darf ich hineinkommen?«

»Phaon – du? Ich ahne das Fürchterlichste. Schnell – und berichte!«

Nero hatte sich hoch aufgesetzt.

»Ein Gewaltstreich, eine That ohne gleichen!« murmelte Phaon, über die Schwelle schreitend. »Acte, das Weib deiner Wahl, ist soeben entführt worden.«

In hastigen Worten erzählte er, was sich ereignet hatte.

Nero sprang mit beiden Füßen zugleich auf das prächtige Löwenfell, das vor der bronzenen Bettstatt auf dem Mosaikboden lag. Im Schimmer der blaßblauen Hängelampe sah er aus, wie ein mondscheinbeleuchtetes Wachsbild.

»Cassius,« rief er mit bleierner Stimme, »kleide mich an! Du, Elpenor, laß mir die Pferde satteln – zehn, zwanzig, dreißig! Die erlesensten Leute aus der Kohorte sollen sich auf der Via Sacra versammeln! Phaon, ich bitte dich, einen Tropfen Wasser!«

Nachdem der Kaiser getrunken hatte, fuhr er unter dem Ankleiden in hellenischer Sprache fort: »Also ihr habt euch gewehrt, Phaon? Tapfer gewehrt?«

»Ja, Herr! Keiner war da so kläglich, daß er für seinen Kaiser nicht alles geopfert hätte. Beim Haupt meiner Mutter hatt' ich mir zugeschworen, eher zu sterben, als die niederträchtigen Räuber bis zum Cubiculum Actes vordringen zu lassen . . . Vielleicht hätten wir obgesiegt, trotz der feindlichen Uebermacht . . .«

»Mein Freund,« sprach Claudius Nero gerührt, »von dieser Stunde an bist du frei. Und daß du die Freiheit vollauf genießen mögest, schenke ich dir zwei Rittervermögen und mein Landhaus Eirene. Du bist treu und gerecht wie ein Abier.«

Dann zum Kammersklaven gewendet: »Cassius, du bürgst mir dafür, daß die bezüglichen Urkunden heute noch vom Geheimschreiber fertig gestellt werden.«

Phaon beugte sich nieder und küßte dem Imperator die Hand: »Nicht um Lohnes willen, sondern weil ich dich liebe, hab' ich dein teures Kleinod verteidigt. Leider umsonst.«

»Waren es Prätorianer, die auf euch anstürmten?«

»Herr, ich vermute, – trotz ihrer ungewöhnlichen Mäntel und trotz der Kapuzen, die sie über den Köpfen trugen. Ihr Anführer war dem Ostiarius bekannt. Das heißt, der Ostiarius weiß nicht den Namen: nur der Stimme entsinnt er sich, obschon sie verstellt war – von damals her, wie ihm der Mensch die Wachstafeln der Kaiserin-Mutter behändigte . . .«

»Mich wundert nur, daß aus den Nachbarhäusern euch niemand zu Hilfe kam. Man wußte doch, daß die Geliebte des Imperators diese Villa bewohnte . . .«

»Erlauchter Cäsar, du kennst die vorsichtigen Gepflogenheiten der Römer. Ein nächtlicher Lärm scheucht sie alle in ihre Wohnung zurück . . . Und solche Tumulte sind ja nichts Seltenes.«

»Ahnst du, wohin sich die Entführer gewandt haben?« fragte der Kaiser.

»Sie sprengten die Via Appia hinunter . . .«

»So ist immer noch Hoffnung. Aprippina wird es nicht wagen, meiner Acte ein Haar zu krümmen. Sie weiß zu genau, daß sie mit diesem Mädchen mich selbst vernichtet. Cassius, reich mir das Schwert! Du begleitest mich, Phaon!«

Er stand da, die Klinge um die Hüften gegürtet, ein jugendstrahlender Kriegsgott.

Plötzlich die Stirn runzelnd: »Beim Herkules! Wer gestattet dir, unangemeldet hier einzutreten?«

Die letzten Worte galten dem Staatsminister, dessen Privatgemächer sich am ersten Cavädium befanden.

Seneca, über die unwirsche Art dieses Empfanges höchlich verblüfft, erwiderte ruhig: »Die Pflicht, Herr!«

»Wieso?«

»Nun, ich höre zu ungewohnter Stunde Lärm im Palatium: also denke ich, allen Gesetzen der Logik gemäß, irgend was Ungewöhnliches habe sich zugetragen.«

Nero hatte das Schwert aus der Scheide gezogen. Er packte den Staatsminister wie ein Besessener vorn bei der Tunica.

»Ja, es ist gut, daß du kömmst,« knirschte er augenrollend. »Ich sehe, du weißt darum. Augenblicklich wirst du bekennen, wo ihr sie hingeschleppt, – oder, bei meiner Cäsarenwürde, ich spieße dich auf, wie der Koch eine Drossel!«

»Nero,« versetzte der Philosoph, »deine Sinne verwirren sich! Lege nicht Hand an den Mann, der bis zur Stunde dein treuester Freund gewesen! Oder nein: töte mich lieber, ehe du mich so unverzeihlich beschimpfst.«

Etwas beschämt trat Claudius Nero zurück, noch immer das Schwert blank in der Rechten.

»Vergib mir,« sprach er, sich mühsam zur Ruhe zwingend – »aber der Schein ist gegen dich.«

»Inwiefern?«

»Während der letzten Wochen hast du mit Agrippina die Staatsgeschäfte so gut wie allein besorgt, – und was meine zärtliche Mutter mir angethan, das paßt so verwünscht in ihre sonstigen Pläne, in ihre Ideen von Recht und Gesetz, daß ich vermuten durfte, du habest hier mitgewirkt . . .«

»Mitgewirkt? Wovon redest du nur?«

»Mein Glück ist zertrümmert. Acte befindet sich in der Gewalt Agrippinas. Ha, du begreifst nun? Und bist so gar nicht erstaunt? Beim Zeus, du selber hast ja anfangs meine Liebe getadelt! So bist du dennoch der Bundesgenosse der Kaiserin.«

In seiner rasenden Aufregung zückte er von neuem das Schwert.

Seneca beteuerte gleichmütig seine Unschuld.

»Schweig!« herrschte Nero ihn an. »Ich glaube dir's. Ich wäre ein Schuft, wenn ich dir's nicht glaubte. So verächtlich kann doch ein menschliches Wesen nicht sein, daß es mit der Zunge mir wohlwollte und mit dem Herzen drauf sänne, wie es mich elend machte. Jetzt aber vorwärts! Agrippina soll sie herausgeben. Sie soll und sie muß, oder die Erde öffnet sich zwischen ihr und ihrem verzweifelten Sohne. Was willst du noch?«

»Dich begleiten,« sagte der Staatsminister.

»Wozu?«

»Mein Platz ist an der Seite des Kaisers – jetzt und allezeit, – sogar im Kampf wider die Uebergriffe der Agrippina. Wir machen das Geschehene um jeden Preis rückgängig.«

»Sprichst du im Ernste? Du, der alte, finsterblickende Mann, der mir so tausendfältig gesagt hat, der Fürst des Weltreichs dürfe nur eine Geliebte haben: den Staat . . .?«

»Ich rede im Ernste, nachdem ich mich überzeugt habe, daß Nero im Besitz jenes unvergeßlichen Mädchens ein besserer Regent sein wird, als wenn das Geschick sie ihm wegnimmt.«

Draußen auf den Platten der Via Sacra stampften die Rosse.

Der Staatsminister heischte den Mantel.

Bald danach saß der Kaiser mit seiner Gefolgschaft in den goldblinkenden Sätteln.

Zehn riesige Fackeln warfen ihr unruhiges Licht über das schweigsame Forum – bis hinauf zu den Zinnen des Kapitols. Flammrot bestrahlt, ragten die Säulen des Saturnustempels und die düsteren Gemäuer des mamertinischen Kerkers zum wolkigen Himmel auf.

Nero selbst, im blitzenden Brustharnisch, über den Schultern das langhinwallende Sagum, hatte in dieser Beleuchtung etwas Dämonisches. Man erkannte den milden, harmonischen Jüngling von eh' nicht wieder, den huldreichblickenden Imperator, der sonst so weihevoll die Treppe zu der Senatsversammlung emporstieg oder dem Volke für das hallende ›Ave, Cäsar!‹ dankte.

Ein Dutzend der Prätorianer vorauf, setzte die Kavalkade sich in Bewegung.

Rechts zwischen dem cälischen und dem palatinischen Hügel bog man ein, und gewann so – unter der finsteren Wölbung des Drususbogens hindurchsprengend – die endlose Via Appia.

Dort drüben, westlich, jenseits der wuchtigen Prachtgebäude des Hauptwegs, lag die einst so hundertfältig gebenedeite Villa, wo Nero glücklich gewesen: wo er am Busen Actes die Welt mit ihrem Glanze und ihren Kümmernissen vergessen hatte; wo aus den blauen Augen mit den großen, märchenhaften Pupillen ihm das Rätsel des Daseins, vor dem er bis dahin heimlich zurückgeschaudert, wonnig entgegenlachte.

Er knirschte wild mit den Zähnen.

Wenn es dennoch zu spät war? Wenn Agrippina in ihrem glühenden Hasse dennoch die Grenze des Denkbaren überschritt . . .?

Gestern erst hatte er zwischen den Schreibrollen und den Federgestellen seines Arbeitsgemachs einen Zettel gefunden mit hieroglyphischen Redensarten, die er, das ganze Gemüt von dem leuchtenden Bilde seiner Geliebten erfüllt, nicht weiter beachtet hatte.

Jetzt, wie er des eigentümlichen Zettels wieder gedachte, fiel es ihm von den Augen wie Schuppen.

›Die einst dich beschirmte,‹ – so hieß es auf dem grünlichgrauen Papyrusstreifen – ›die trachtet jetzt nach deinem Verderben! Kennst du nicht die uralte Mär von der Löwin? Der junge Leu, den sie herangesäugt, war ihr endlich über den Kopf gewachsen, und da er im Schlafe lag, so erwürgte sie ihn. Hüte dich, Löwe! – Also reden zu dir deine Verwarner, die Manen des Kaisers Claudius und des armen Britannicus.‹

Seneca, trotz seiner vorgerückten Jahre noch rüstig und straff, war bis dahin wortlos neben dem Cäsar einhergesprengt. Er hatte just seine eigenen Gedanken. Am verflossenen Tage erst war er bei Flavius Scevinus gewesen. Die Verschwörung schien sich entwickeln zu wollen; dennoch war man auf größere Schwierigkeiten gestoßen, als man vorausgesetzt. Nun ereignete sich, gegen alle Erwartung, dieser Zwischenfall mit Acte und Agrippina. Konnte ein Gott die Würfel günstiger schütteln? Selbst wenn alles scheinbar ins Gleiche kam – eine Kluft zwischen Nero und Agrippina war für immer gerissen: denn das eine erkannte Seneca wohl: die Qual dieser Schreckensnacht würde Nero, der so verstört, so leichenhaft dreinschaute, niemals vergessen. Bis zur Stunde hatte der Staatsminister alles aufgeboten, um die Verbrechen der Kaiserin-Mutter vor dem Sohne geheim zu halten. Nun aber, da sich die Lage der Dinge so gründlich verschoben hatte, konnte man hier und da schon wenigstens andeuten . . .

So begegneten sich die Gedanken des Kaisers und Senecas fast in dem nämlichen Augenblicke an der nämlichen Stelle.

Nero teilte dem Staatsminister den Inhalt des eigenartigen Zettels mit.

»Auf die Folter mit meinen Sklaven,« rief er empört, »dafern du es nicht herausbringt, wer es gewagt hat, mit dem Kaiser derartigen Spuk zu treiben!«

»Herr,« versetzte der Staatsminister voll stiller Genugthuung, »wie dir bekannt ist, verteilt der Aegypter Cyrus – gebeten und ungebeten – derartige Wahrsagungen.«

»Cyrus, der fingerfertige Gaukler vom Marsfeld?«

»Derselbe.«

»Pah, wie sollte der ins Palatium gelangen! Alle Welt kennt ihn. Die Wachsoldaten würden ihn festnehmen.«

»Entsinne dich seiner unbegreiflichen Künste! Hast du nicht selber . . . beinahe . . . mit angesehen, wie er den Tod ins Leben zurückführte? Wer das Wunder ›Eurydice‹ täglich zu stande bringt, ohne entlarvt zu werden, dem gelingt auch der Eintritt in das Palatium. Jedenfalls scheint mir diese Mahnung von außen zu kommen.«

»Die Löwin – der junge Leu . . .!« murmelte Nero. »O, ich verstehe! Das Unheil ist ein vortrefflicher Lehrmeister.«

Er schwieg eine Weile.

»Seneca!« fuhr er plötzlich heraus.

»Herr?«

»Der junge Leu wird sich wehren.«

»Er thut wohl daran.«

»Wirklich? Er begeht keine Missethat, wenn er sich wider die Mutter auflehnt?«

»Dafern sie ihn angreift, nein. Aber glaube mir, das alles wird noch besser und glätter, als du vermutest. Sobald die Löwin gewahrt, daß ihr muskelgewaltiger Sohn ernstlich die Mähne schüttelt, wird sie schon nachgeben.«

»Eins noch!« fragte Nero nach einer Pause. »Was soll das bedeuten: ›Die Manen des Kaisers Claudius und des armen Britannicus‹? Und weshalb sind Claudius und Britannicus meine Verwarner?«

Seneca zuckte die Achseln.

»Mit deiner Erlaubnis, Herr, verschiebe ich hier die Auslegung um einige Tage.«

»Weshalb?«

»Ich könnte mich irren . . .«

»Irren? Wie schaust du mich an, Seneca? So bang, so verschleiert, und doch wie von Trotz erfüllt! Sprich! Beim Herkules, ich bin es nun müde, ewig im Finstern zu tappen! Wäre ich besser berichtet, so hätte ich Zeit gehabt, mich gründlicher vorzusehen. Also was ist's mit den Manen des Claudius und des Britannicus?«

»Herr, du kannst mich von deinen Soldaten durchbohren lassen, denn dein ist die Macht; aber du wirst niemals im stande sein, mich zum Reden zu zwingen, wo die Klugheit mir Schweigen gebietet. Ich muß schweigen, Cäsar – um deinetwillen. Sieh erst zu, was du bei Agrippina ausrichtest! Hiervon mach' ich es abhängig, ob ich dir antworte oder nicht. Meines Wissens nämlich bin ich der Freund und Berater Neros, nicht ein Knecht seiner Willkür.«

Der Kaiser krauste die Stirne. Ein bitteres Wort schwebte ihm auf den Lippen. Endlich sagte er mit vollendeter Selbstbeherrschung: »Wohl, – ich vertraue dir. Mehr noch: ich bitte dich um Verzeihung. Als vorhin die Verzweiflung mich packte, hab' ich dich angefallen, wie ein Molosser. Ich schäme mich des. Ich weiß, teurer Seneca, was ich dir schulde. Ich weiß, was du dem römischen Staate bist und der Menschheit. Dir soll von jetzt noch unumschränktere Vollmacht verliehen sein, als bisher; du sollst gestalten und schaffen dürfen, was dir beliebt; du sollst meinetwegen der Lehre des Nicodemus Tempel erbauen, und ihren Bekennern den Zutritt zu allen Aemtern eröffnen: wenn ich nur Acte wiedergewinne, meine himmlische Acte! Ich begehre nicht Ruhm noch Macht: laßt mir das Glück und die stille Beschaulichkeit! Siehst du: wenn ihr die Eine mir raubt, so ist alles andre nur Spreu. Das ganze Weltall wird dann nicht ausreichen, die entsetzliche Lücke zu füllen.«

Seneca nickte, als fange er an, die elementare Glut dieser Leidenschaft zu begreifen.

»Verstehe nicht falsch,« fuhr Nero fort. »Ich gedenke nicht, meinen Obliegenheiten als Regent untreu zu werden. Ich will meine Pflicht erfüllen, – frei jedoch von Ehrsucht und Herrschbegier. Ich will der vornehmste und eifrigste Diener des Staates sein.. – Nur Acte verlang' ich zurück –: sonst stürzt alles über den Haufen! Sage das meiner Mutter! Deiner Beredungskunst wird es besser gelingen, als mir, der Bethörten die Augen zu öffnen.«

»Ich will thun, was ich kann,« sagte der Staatsminister entschlossen. »Du weißt – und eben noch hast du mir's vorgehalten – daß ich von Anbeginn über Acte und ihr Verhältnis zu dir verstimmt war. Die erste Pflicht eines Fürsten heißt Achtung vor dem Gesetz. Aber ich sehe nun, daß wir alle gefehlt haben, als wir die unglückliche Octavia dir zugesellten. Eros ist hartnäckig; er weicht keiner Vernunft. So will ich denn Mittel und Wege suchen, deine Verbindung mit Octavia zu lösen . . .«

»Zu lösen?« rief Nero im Tone eines Verzückten. »Welch ein Glück – auch für sie! Gelöst! Frei! Und Acte? Wird es dann möglich sein . . .?«

»Mein junger Freund,« sagte der Staatsminister bewegt, »außergewöhnliche Menschen erheischen außergewöhnliche Maßnahmen. Das Staatswohl geht über alles. Ein unglücklicher Regent aber ist ein schlechter Regent.«

»Teurer, Allweiser, ich danke dir . . . Ja, der Staat soll gedeihen, die Welt soll blühen wie ein einziger Frühlingsgarten, wenn du zu stande bringst, was ich so leidenschaftlich ersehne.«

Nun schwiegen sie lange Zeit. – Höher und höher stieg das Albanergebirge vor den nächtlichen Reitern empor, eine gespenstische, wildzerklüftete Wand. Der Weg schien kein Ende zu nehmen.

»Noch zwanzig Minuten,« sprach der getreue Phaon, als Nero seine wachsende Ungeduld in die schläfrige Mondnacht hinausklagte.

Weiter, weiter!

Da hielten sie denn mit ihren dampfenden Rossen vor dem Vestibulum. Phaon pochte. Der Thürhüter legte fragend den Kopf an das Gitter.

»Der Kaiser!« rief Nero gebieterisch.

Die Thüre drehte sich in den Zapfen. Ehrfurchtsvoll beugte der alte Ostiarius die Kniee.

»Meine Mutter . . .« fuhr Nero mit steigender Aufregung fort; »meldet mich der Kaiserin-Mutter! In dieser Minute noch!«

Der Gehilfe des Thürstehers erlaubte sich einen schüchternen Einwand.

»Auf den Anger mit dem Verruchten!« schrie Nero empört. »Du meldest mich oder du stirbst!«

Jetzt näherten sich einige Soldaten der Leibwache. Da sie den Kaiser erkannten, grüßten sie ihn mit ehrerbietigem Ave. Nero wiederholte ihnen den Wunsch, augenblicks Agrippina zu sprechen, nannte sie seine Getreuen und warf ihnen Gold zu.

»Herr,« sagte ihr Obmann, »wenn du uns bei den Göttern gelobst, daß du nichts Feindseliges gegen die Fürstin im Schilde führst . . . Du hast ein großes Gefolge, vielleicht gar eine Kohorte des Burrus . . .«

Nero erbleichte.

»Feindseliges? Ich, der Sohn, gegen die Mutter? Bist du von Sinnen?«

Der Kriegsmann zuckte die Achseln.

»Verzeihung, Herr, – aber man sprach davon . . .«

»Wer?«

»Und wenn du mich foltern ließest, ich könnte nicht antworten. Einer der Unsern vielleicht, oder ein Sklave . . . Es war nur ein flüchtiges Wort, das ich ganz im Vorbeigehen erhaschte . . .«

Der Kaiser atmete schwer auf.

So weit also war es gekommen! Agrippina fürchtete Uebles von dem leiblichen Sohne! Welch eine grauenhafte Verkehrung aller echten Gefühle! Wahrlich, man hätte sagen dürfen: ›Die da Uebles fürchtet, ist auch fähig, Uebles zu thun; die von Feindseligkeiten redet, plant selber Feindseligkeiten in ihrem Herzen!‹ Und hatte Nero nicht den klarsten Beweis dafür? Jetzt eben in dem Falle mit Acte?

»Ich werde Sorge tragen, daß dein unverschämtes Gerede bestraft werde,« sagte er zu dem Soldaten.

Dann zu den übrigen: »Ich allein, nur vom Staatsminister begleitet, werde die Herrscherin hier im Oecus erwarten.«

Hierauf zu seiner Gefolgschaft: »Bleibt ihr draußen vor dem Vestibulum, bis ich zurückkehre!«

»Welch ein Lärm!« erklang jetzt die ruhige Stimme der Kaiserin-Mutter, die an der Seite ihrer Gesellschafterin Acerronia ins Atrium trat, eh' noch der Kaiser die Schwelle des Oecus beschritten hatte. »Bist du es, geliebter Sohn? Laß dich umarmen! Was führt dich so frühe am Morgen hierher? Ist ein Unglück geschehen? Ich beschwöre dich, rede doch!«

»Nicht vor deinen Trabanten,« erwiderte Nero.

»So folge mir! – Acerronia darf doch zugegen sein?«

Nero machte eine Gebärde, die für die rothaarige Pantherkatze nicht eben schmeichelhaft war.

»Meinetwegen,« sprach er geringschätzig. Er hatte sie im Verdacht, die grollende Agrippina im Zorn gegen Acte bestärkt zu haben.

Unter andern Verhältnissen würde das hübsche Katzengesichtchen mit den winzigen Sommersprossen und den meergrünen Augen, die im Fackelscheine dämonisch blitzten und blinkten, selbst dem Cäsar diese Gebärde erwidert haben. Diesmal aber blieb die rotgelockte Harpyie auffallend gleichgültig. Es spielte sogar ein eigentümliches Lächeln um den blühenden Mund; sie sah ganz danach aus, als sei sie eher zum Küssen geneigt, als zum Beißen. Agrippina, des stattlichen Militärtribunen Pharax gründlich müde geworden, hatte ihr nämlich gestern die erste Andeutung darüber gemacht, daß die haarglühende Cordubanerin bezüglich dieses ausgezeichneten Mannes hoffen dürfe. Pharax, einer der intelligentesten und stattlichsten Offiziere, von freier Herkunft, ja, wie sich neuerdings ›zuverlässig‹ herausgestellt, sogar der Sohn eines Ritters, habe der Kaiserin seine geheimsten Wünsche betreffs Acerronias ehrfurchtsvoll unterbreitet, und herzlich darum gebeten, die hohe Frau wolle seine Bemühungen unterstützen, – was sie natürlich ihm zugesagt, da ihr die stille Neigung ihrer Gesellschaftsdame für Pharax bekannt sei. – In Wirklichkeit hatte die Kaiserin ihrem ehemaligen Günstling ein hübsches Vermögen versprochen, falls er in die Verbindung mit Acerronia einwillige. Er könne alsdann, dafern's ihn gelüste, den Abschied nehmen, und an der Seite dieses reizenden Wesens ein vergnügliches Leben führen. – Die sonst so überschlaue Brandfackel ahnte natürlich nicht das Geringste von diesem Zusammenhang; sie glaubte fest an die uneigennützige Liebe des Militärtribunen; sie war selig wie ein errötendes Kind, das zum erstenmal gekost wird . . .

Agrippina betrat ein kleines, mit persischem Luxus ausgeschmücktes Gemach, das einer der Prätorianer auf ihren Wink hatte erleuchten lassen. Nero folgte Arm in Arm mit dem Staatsminister. Dann erst kam die überlegen schmunzelnde Acerronia.

»Wo ist Acte?« fragte der Kaiser, dicht zu Agrippina herantretend.

»Was kümmert mich Acte?« versetzte die Kaiserin mit großer Kaltblütigkeit.

»Du hast sie entführen lassen. Deine Banditen haben sie nächtlicherweile geraubt.«

»Mein Sohn, ich verstehe dich nicht.«

Dem jungen Fürsten stieg das Blut in hochtobender Welle zum Angesicht. Seine Stirnadern schwollen, wie unheilverkündende Schlangen.

»Du sollst mich verstehen lernen,« rief er mit heiserer Stimme. »Aber ich will mich beherrschen, – sonst möchte ein Unglück geschehen. Seneca, sprich du an meiner Statt!«

Der Staatsminister setzte nun kurz auseinander, was Agrippina schon wußte, und fügte hinzu, daß es nicht klug sei, den Bogen zu straff zu spannen. All seine Philosophie, all seine Beredsamkeit bot er auf, um Agrippina zu rühren.

Umsonst.

»Mutter!« rief Nero, beide Hände krampfhaft zur Faust geballt. »Lüge nicht! Ich verachte dich wie die niedrigste Dirne vom Stadtwall, wenn du zu feige bist, uns die Wahrheit zu sagen.«

»Wohl!« versetzte sie, blaß wie die Marmorbilder rings in den Wandnischen. »Wohl! – Du hast richtig vermutet. Acte ist entfernt worden, – auf meinen Befehl, und zum Heile des Staates. Ich verbanne sie, – und niemals wirst du erfahren, wo sie sich aufhält . . . Niemals!«

»Du hast sie getötet!« stöhnte der Kaiser, jählings zurücktaumelnd.

»Nein,« erwiderte Agrippina fest. »Bei allem Heiligsten, was ich jemals empfunden, bei meiner Liebe zu dir, den ich einst auf den Knieen gewiegt: – ich habe dafür gesorgt, daß sie nicht Schaden und Not erleide! Glaubst du mir nun?«

»Ja. Gleichwohl: was frommt mir diese klägliche Zusage? Daß wir getrennt sind, das ist Schaden und Not genug. Ich will sie wieder haben, – um jeden Preis! Wo ist sie? Du sollst und du mußt mir antworten.«

»Niemals!«

»Niemals? – Und wenn ich darüber zu Grund gehe?«

»So stirbt Nero wenigstens unbefleckt, auf der Höhe seiner unvergleichlichen Machtstellung, nicht entweiht durch die dauernde Liebe zu einer nichtswürdigen, verächtlichen Sklavin.«

»Mutter!«

Er hatte die Faust erhoben. Ein Schauer überlief seinen fiebernden Leib.

»Wisse, daß kein andres menschliches Wesen diesen Moment überlebt hätte,« sagte er, die Hand wieder sinken lassend. – »Leb wohl! Ich werde sie suchen. – Beim allmächtigen Jupiter, jetzt erkenn' ich die Löwin, die dem schlummernden Sohn nach der Gurgel faßt! Hüte dich, Mutter, und besinne dich eines Besseren! Bringe mich deinem Dünkel, deinem thörichten Stolz nicht zum Opfer! Sonst . . .«

»Nun? Was? Sonst . . .?«

»Leb wohl!«

Wie sinnlos stürzte Nero von dannen.

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