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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Drittes Kapitel.

Tausend Schritte ostwärts von dem Schauplatze dieses nächtlichen Ueberfalls sonderten sich die Berittenen in zwei verschiedene Abteilungen.

Die größere sprengte mitsamt den Toten und Verwundeten aus der Via Latina dem mondbestrahlten Gebirge zu; denn das Regengewölk begann sich zu lichten.

Die übrigen, Pallas voran, verfolgten die Richtung der Via Appia und erreichten nach scharfem Ritte das Städtchen Bovillä, woselbst sie Halt machten.

Der feiste Wirt der verräucherten Thorschenke ward aus dem Schlafe gepocht; nach den Anstrengungen der letzten Stunden bedurfte man einer Erfrischung.

Pallas ließ die acht oder zehn Reiter vorn in der Zechstube allein und trat mit der todbleichen Acte, die er gleich hinter dem letzten Hause der Via Appia zu sich aufs Pferd genommen, in ein Seitengemach, das der Schenkwirt für erlesenere Gäste bereit hielt.

Eine samnitische Magd, der das verworrene, blauschwarze Haar tief ins Gesicht hing, hatte, mit ihren nackten Beinchen auf den hölzernen Tisch kletternd, die krokodilköpfige Hängelampe entzündet, die nun schwelenden Dochtes ihr trübseliges Licht verbreitete.

Pallas hieß Acte niedersitzen. Er enthüllte sein Antlitz. Dann trat er, die Arme über der Brust gekreuzt, vor sie hin und fragte sie mit bebender Stimme: »Kennst du mich noch?«

»Ja, und zwar besser als ehedem.«

»Wie meinst du das?«

»Früher hielt ich den Vertrauten der Kaiserin für einen gerechten und wackeren Mann; jetzt aber weiß ich, daß er ein Schurke ist.«

Die Hand zuckte ihm nach dem Schwerte.

Dann beherrschte er sich.

»Acte,« sprach er, »laß uns die Lage der Dinge in voller Ruhe erörtern. Ich bin absichtlich während des ganzes Rittes stumm geblieben; diese Absicht hast du verstanden. Was wir zu reden haben, schickt sich nicht für die Ohren meiner Gefolgsleute.«

»Rede denn!« sagte sie frostig.

»Acte, elende, fluchbeladene Dirne, ich habe dich über die Maßen geliebt. Ich habe dir angeboten, was selbst eine Freigeborene stolz hätte nehmen dürfen: diese Hand, mein Haus und mein Herz. Acte, du solltest das ehrliche Weib eines ehrlichen Mannes werden. Du hast es vorgezogen, die Geliebte des lüsternen Imperators zu sein – eine Verderberin der kaiserlichen Familie, eine Verbrecherin an dem Glücke Octavias. Alle Welt ist empört, das Volk deutet mit Fingern auf dich . . . Und nun, da ich im Auftrage der Kaiserin-Mutter gekommen bin, dies schmachbedeckte Verhältnis zu lösen, nun erfrecht sich die ehrlose Libertine, die Buhlerin, mich einen Schurken zu heißen! Armseliges Kind, frage dich selber, ob deine Dreistigkeit nicht den Tod verdient!«

Acte stützte den Kopf in die Hand. Ein Hauch von Zerknirschung ruhte sekundenlang über dem sinnenden Antlitz.

Plötzlich röteten sich ihre Wangen; sie hob die herrlichen Wimpern und maß den Vertrauten der Kaiserin mit trotzigen Blicken.

Je schroffer und verdammender seine Rede geklungen, je mehr sie ihm recht geben mußte, wenn sie sich auf den Standpunkt Octavias und der Kaiserin-Mutter stellte, um so entschiedener regte sich ihr das dunkle, aber machtvolle Bewußtsein, daß sie kraft eines höheren Gesetzes bessere Ansprüche auf den Geliebten habe, als irgend wer sonst.

Ein freundlicher Warner aus der Gemeinde der Nazarener, der da mit Worten der Milde an ihre Seele gepocht, der ihr klargemacht hätte, daß die echte Christin entsagen muß, wo das Glück ihres Herzens mit den Geboten des göttlichen Heilands im Widerspruch steht, hätte vielleicht ihr erregtes Gemüt auf die richtigen Pfade geleitet. Pallas jedoch, der im Namen der Agrippina und der beleidigten römischen Gesellschaft zu reden vorgab, während er doch in Wahrheit nur dem Drang seiner eigenen Leidenschaft folgte, Pallas war nicht der Mann, ihre Achtung vor dem geschriebenen Recht und dem Willen der Kaiserin-Mutter zu kräftigen.

Sie sah zu ihm auf und versetzte mit ruhiger Stimme: »Nein, ich bin nicht, was du mich schiltst. Ich sage dir's frei ins Gesicht, – und weshalb sollt' ich mich schämen . . .? Macht's doch den tiefsten Kern meines Wesens aus –: Erst seit ich Nero liebe, glaub' ich zu leben! Ja, Pallas, ich habe ihn lieb, wie nichts, nichts auf der Welt. Sein Weib bin ich gewesen, und ich sehe nichts Schlimmes darin; denn nur die unbezwingliche Sehnsucht hat mich ihm zugeführt. Er aber war nicht mein Geliebter, wie ihr's versteht, wenn ihr dem Publius Ovidius nachplappert, sondern mein rechter Gemahl. Er hat alles mit mir geteilt, was ihm das Herz bewegte, und wenn nicht Octavia wäre, die ja gewiß edel und gut ist, die ihm aber das tiefe Gemüt nicht ersättigen kann, er hätte mich frank und frei auf den Thron erhoben.«

»Das lügst du!« rief Pallas.

»Ich lüge nicht. Hundertmal hat er mir's zugeschworen, wenn er schwärmend zu meinen Füßen lag. Dann versetzte ich wohl: ›Laß nur, mein Trauter! Ich verlange nicht nach dem Glanz des Palatiums, – ja nicht einmal nach dem Ruhme, vor der Welt deine Gattin zu heißen: nur dich will ich, Nero, nur dich allein, und wärst du der niedrigste deiner Sklaven.‹ –«

»Redensarten, erbärmliche Redensarten!«

»Es ist die Wahrheit. Und so glühend, wie ich ihn liebe, so liebt er auch mich. Das weiß die Kaiserin-Mutter nur allzuwohl: daher denn ihre sinnlose Wut. Aber sie wird's nicht ändern, denn seine Liebe ist unermeßlich, gleich dem brausenden Meer, das ihr nicht ausschöpfen könnt, und mühtet ihr euch Jahrtausende. Du vollends? Pah, ich verachte dich. Du betrügst ja die Herrin, der du zu dienen vorgibst. Nicht das Recht, sondern Haß und elende Eifersucht sind deine Leitsterne.«

»Nenne es wie du willst! Eins ist sicher, und das solltest du kurz in Betracht ziehen: daß du in meiner Gewalt bist.«

»In deiner Gewalt?« lachte das junge Mädchen. »Zuerst war ich durch euren Angriff betäubt. Es übermannte mich wie Verzweiflung: das alles schien mir so fremd, so unglaublich . . . Jetzt aber sage ich dir: ich spotte eurer erbärmlichen Tücke. In dieser Stunde vielleicht ist Nero schon auf dem Wege, um seine Acte zu retten. Der Arm des Kaisers reicht weiter, als du dir vorstellst. Wenn du dann elend in Ketten schmachtest, – gut, so will ich ein freundliches Wort für dich einlegen zum Dank dafür, daß du nicht rauh gegen mich warst, während ich über dem Bug deines Rosses hing. Ja, ihr sollt alle begnadigt werden – durch meine Fürsprache. Wie froh und wie stolz will ich sein, wenn er euch dann verkündigen läßt: ›Ihr seid frei, – denn Acte, mein blonder Liebling, hat es gewollt!‹ –«

Starr vor Bewunderung blickte Pallas die anmutvolle Gestalt an, die zu wachsen schien mit der Größe ihrer Empfindungen.

»Mädchen,« sprach er, »willst du mich anhören?«

»Gern,« versetzte sie lächelnd. »Wenn die That dich gereut, so will ich dir alles, alles verzeihen. Bring mich zurück in mein glückseliges Heim, so sollst du überdies noch reichlich belohnt werden. Die Beschämung wird dich dann vielleicht zum treuesten Diener des Mannes machen, den du verraten wolltest.«

Bitter lächelnd nahm er sie bei der Hand.

»Du vergissest, daß ich dich liebe. Nie im Leben wirst du zu ihm zurückkehren. Wisse, der Arm des Kaisers reicht weit; aber die Herrscherin Roms heißt Agrippina. In wenigen Stunden erreichen wir Antium. Abseits vom Hafen wartet auf uns ein Kahn, der uns an Bord einer schnellen Bireme bringt. Dein Schicksal ist klar vorgezeichnet. Ich schaffe dich nach Sardinien und verkaufe dich dort als Sklavin an den ersten Verwalter der Staatsbergwerke, der seit Jahren bereits der Kaiserin-Mutter ohne Rückhalt ergeben ist. Dort, mein Täubchen, wirst du ängstlich bewacht werden. Zeigst du dich störrisch, wohl, so kann sich's ereignen, daß du gelegentlich einige Tage unter der Erde verbringst in den Höhlen und Stollen, aus denen die Zwangsarbeiter das Erz zu Tage fördern. Niemand erfährt, was aus der reizenden Acte geworden ist. Die Leute, die dein Haus überfielen, gehören sämtlich zu den bevorzugten Wachen der Kaiserin. Alle waren vermummt. Kein Toter, dessen Gesicht uns verraten könnte, blieb in eurem Atrium liegen. Begib dich also jeglicher Hoffnung! Der Handstreich der Agrippina ist wirklich geglückt. Acte ist ausgetilgt aus dem Buch der Lebendigen.«

Verstört sah sie dem Sprecher ins Auge.

»Ist das wahr?« fragte sie tonlos. »Oder quälst du mich nur aus Rachsucht, weil ich dir damals nicht mit Ja antworten konnte? Thue das nicht, Pallas! War es denn meine Schuld? Kann denn ein sterblicher Mensch für das, was er fühlt? Laß mich jetzt nicht entgelten, ich bitte dich herzlich, was nur das Schicksal verbrochen! Nicht wahr, du hast mich erschrecken wollen? Sardinien! Welch ein entsetzliches Wort! Ich kannte einen jungen Ligurier, der zwei Strafjahre in der Tiefe des Bergwerks verbüßt hatte: da er nun heimkehrte, war er ein Greis geworden. Rede doch, Pallas; dein Schweigen ist ja schrecklicher als dein Zorn! Agrippina, die Mutter meines geliebten Nero, kann nicht so grausam sein, – ach, und wenn sie es wäre, so hättest du ihr zu solcher Missethat nicht die Hand geboten!«

»Wie schön du bist in dieser flehenden Bangigkeit,« murmelte Pallas. »Aber es ist, wie ich dir sage. Alle Götter ruf' ich zu Zeugen. Die Kaiserin hat es befohlen, und will ich der Gnade der hohen Frau nicht verlustig gehen, so muß ich gehorchen. Nur ein Mittel gibt es, ein einziges . . .«

»Nenne es! Kein Opfer soll mir zu schwer sein, wenn's mich zu Nero zurückführt.«

»Davon war nicht die Rede; nur von dem Elend deiner Gefangenschaft. Höre also! Ich will dich mit Gefahr meines eigenen Lebens erretten, ich will vor Antium meine Gefolgschaft zurücksenden, und dann mit dir, du armes, gequältes Kind, ein alexandrinisches Kauffahrteischiff besteigen, das gleich nach Aufgang der Sonne die Anker lichtet. Nur das eine verlang' ich: daß du den Claudius Nero vergessen lernst. In dem Menschengewimmel der ägyptischen Hafenstadt verliert sich der einzelne wie ein Sandkorn am Meeresufer. Schaue nicht so entrüstet zu mir empor! Ich bin noch immer der alte. Meine Frau sollst du werden nach dem Gesetz, – nicht meine Geliebte. Ich will alles verschmerzen, was sich ereignet hat, so sehr mir die bloße Vorstellung das Blut ins Gehirn treibt . . . Ich will dich als rein empfangen, obgleich du in den Armen eines andern geruht hast; ich will dich ehren und achten, trotz deiner Schändlichkeiten. Ueberlege dir' s, Acte! Gib mir keine verfrühte Antwort! Eine halbe Stunde noch haben wir Zeit. Inzwischen nimm einen Schluck Päligner und iß ein paar Bissen Brot! Ich liebe dich, Acte; ich liebe dich heiß und tief. Was dir grausam erscheint, ist nur der unbezwingliche Drang meines Innern.«

Er füllte aus dem irdenen Krug, den der Schenkwirt jetzt auf den Tisch neben dem Eingang setzte, einen Metallbecher, und bot ihn mit ritterlicher Gebärde dar, während das Schenkmädchen einige Schnitten Gerstenbrotes herzutrug.

Acte leerte den Becher unendlich langsam – bis auf den Grund.

Pallas hielt sich inzwischen abseits und schlürfte ein paar Tropfen des dunklen Landweines mit dem Ausdruck eines Besinnungslosen. Sein Antlitz glühte; die Hand, mit der er das Trinkgefäß an die Lippen führte, zitterte wie im Fieberfrost.

Nach fünfzehn Minuten trat Pallas wieder zu Acte heran.

»Was hast du beschlossen?« fragte er tonlos.

»Kannst du noch zweifeln? Ich bekenne dir, daß die Anhänglichkeit deiner Liebe mich rührt; aber wenn du auch nur sekundenlang glauben konntest, ich würde den Cäsar, dem ich mit Seele und Leib angehöre bis in den Tod, um deinetwillen verraten . . .«

»Nicht um meinetwillen,« fiel Pallas ihr in die Rede, »sondern um deinetwillen . . .«

»Gleichviel! Wenn du jemals gedacht hast, ich könnte dem Stern meines Lebens untreu werden, um dieses Dasein zu retten, so bist du von Sinnen. Ich dir folgen! Ich dein Weib sein! Wäre nicht jeder Augenblick meiner Zukunft trostlose Sehnsucht, traurige Selbstverachtung? Nein, lieber das Schlimmste! Ich sag' dies wahrlich nicht, um deine Ehre zu kränken. Jeder andre, und wär' es der herrlichste senatorische Jüngling, wäre mir gleich verhaßt. Bin ich denn eine Ware, die man verschachert? Oder hat Nicodemus mich freigelassen, damit ich das Recht dieser Freiheit auch ausübe? Pferde und Hunde, Wurfspieße und Gemälde, Ringe und Halsbänder mögen ihre Besitzer wechseln, ohne an Wert zu verlieren: aber ein weibliches Herz . . .? Pallas, gesteh es nur: Du selber fühlst, wie unsäglich gemein es wäre, wenn ich dir nachgäbe!«

»Ja, dafern es aus eigenem Willen geschähe. So aber gehorchst du der Not. . . .«

»Ich gehorche ihr nicht. Ich sage dir kurz und bündig: Lieber töte ich mich, eh' ich noch ferner auf deine Vorschläge achte. Bring mich nach Rom zurück! Frevle nicht an dem Herrscher, der dich belohnen, der dich zermalmen kann!«

»Das wäre dein letztes Wort?«

»Mein letztes.«

»Wohlan, so ist dein Schicksal besiegelt. In wenigen Stunden schwimmst du auf hoher See, und Sardinien wird dich für ewig begraben.«

»Armer, sterblicher Mensch!« rief Acte, sich hoch emporrichtend. »Willst du auch nur voraussagen, was morgen geschieht? Kannst du bestimmen, wie lang noch dein Odem geht, oder wann Agrippina samt dir in den Abgrund stürzt? Rühme dich nicht des Sieges, da du die ganze Schar deiner Gegner noch nicht kennen gelernt! Claudius Nero wird den Erdkreis durchforschen, und diesmal wird er mich finden – da ich mich finden lasse! Dann aber wehe dir und allen, die sich zu meinem Unglück verbündet haben!«

»Du redest voll Zuversicht,« polterte Pallas.

»Ja! Und mutig nehme ich diese Buße auf mein sündiges Haupt, – denn ich weiß, ich habe gefehlt. Die Strafe des allmächtigen Gottes soll mich entsühnen. Ihn aber, den Geliebten, sehe ich wieder! Eine untrügliche Ahnung sagt mir's voraus: Meine Lippen werden ihm noch zärtlich die Stirne küssen, wenn die arme Octavia längst von hinnen gegangen ist, und Agrippina, und du, ihr schnödes, erbärmliches Werkzeug.«

»Schweig, sonst lass' ich dich fesseln!« rief Pallas, am ganzen Leibe erbebend. »Ich bin dein Kerkermeister, ja, wenn nötig, dein Henker. Also reize nicht den, der dich zerknicken kann. Uebrigens sollst du erfahren, daß auch Pallas einen unermüdlichen Willen besitzt. Mein wirst du dennoch, eh' du Sardiniens Ufer betrittst – und sollt' es mein Leben kosten!«

Acte legte die Hände schlaff ineinander. Ihre Lippen murmelten ein leises Gebet.

Pallas aber trat an die Thür und mahnte seine Genossen zum Aufbruch.

Dann zu Acte gewendet: »Bei dem ersten Alarmschrei, den du versuchen solltest, trifft dich dieses Stilett.«

Er hielt ihr die Waffe dicht vors Gesicht.

Fünf Minuten später ging der Ritt weiter in die dämmernde Nacht hinaus.

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