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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Zweites Buch.

Erstes Kapitel.

Zwei Wochen später saßen im Arbeitsgemache des Flavius Scevinus sechs Personen in flüsternder Unterredung: der Hausherr; Metella, seine Gemahlin; Barea Soranus; Pätus Thrasea; die reiche Aegypterin Epicharis; und der Staatsminister Annäus Seneca.

Der letztere hatte infolge der Festigkeit, mit der er sich jeder Gewaltmaßregel wider die junge Geliebte seines kaiserlichen Gebieters entgegenstemmte, so sehr die Gunst der Kaiserin-Mutter verscherzt, daß sie alles aufbot, um ihn aus seiner maßgebenden Stellung bei Hof zu verdrängen.

Seneca nämlich beurteilte – trotz seiner Theorie von der Allgewalt des Naturwillens, der in der Liebe um so entschiedener zum Ausdruck gelange, je eigensinniger die Verliebtheit sich zu gebärden scheine – die Leidenschaft des Cäsars als einen vorübergehenden Rausch, der sich ohne Nachteil für Neros geistige Entwickelung austoben werde, falls man ihm Zeit lasse, im entgegengesetzten Falle jedoch die bedenklichsten Folgen nach sich ziehen könne.

Noch scheute Agrippina sich vor dem Aeußersten – vor der Umgehung Senecas nämlich und der Ausführung ihrer Pläne auf eigene Faust; – denn die im großen und ganzen verständige Haltung Neros nach jener letzten unangenehmen Erörterung und die strenge Zurückgezogenheit Actes flößten ihr einen gewissen Respekt ein.

Auch waren die Worte der unglücklichen Octavia vielleicht nicht spurlos an ihr vorübergegangen.

Dennoch glaubte der Staatsminister den Zeitpunkt ziemlich nahe gerückt, da es heißen würde: ›Dem Uebermute der Agrippina Wälle entgegengetürmt!‹

»Genossen,« sprach Pätus Thrasea mit seiner herzbewegenden Stimme, »ich bin der Ansicht, daß wir, falls nicht Nero für eine entscheidende That sofort zu gewinnen ist, selbständig vorgehen –, wenn auch so schonend als möglich. Der heillose Vorfall bei dem Gartenfeste des Flavius Scevinus hat uns ja zur Genüge gezeigt, daß die Mörderin des Kaisers Claudius und des Britannicus ihre schmachvollen Künste noch nicht verlernt hat. Wenn unser Annäus Seneca, dem diese Missethaten von Anfang bekannt waren, nicht schon längst für die Beseitigung der Verbrecherin Sorge getragen, so ist dies lediglich eine vielleicht allzu zaghafte Rücksicht auf den pietätsvollen Sohn gewesen, der von den Frevelthaten der Mutter nichts ahnte. Mehr und mehr jedoch scheint sich Nero von den Staatsgeschäften zurückzuziehen. Agrippina ist thatsächlich die Alleinherrscherin, und neben einigen klugen und verständigen Maßnahmen übt sie, wo es ihr wirklicher oder vermeintlicher Vorteil erheischt, die verruchteste Willkür aus.«

»Du sagst es!« riefen Metella und die Aegypterin Epicharis zugleich.

»Insbesondere,« fuhr Pätus Thrasea fort, »hat mich die schändliche Missethat gegen Flavius Scevinus empört. Ich schwieg – denn ich schweige da, wo das Reden verfrüht erscheint. Sofort aber bin ich klar darüber gewesen, daß jener geheimnisvolle Dolchstoß die Antwort Agrippinas auf den patriotischen Trinkspruch unsres herrlichen Freundes war. Viele Wochen hindurch lag Flavius Scevinus schwer krank danieder. Jetzt endlich ist er dank der Heilkunst seines redlichen Polyhymnius, wieder genesen. Ich habe im Einverständnis mit Flavius euch hier in dies Zimmer entboten; denn es erscheint mir ebensosehr eine Pflicht der Freundschaft, wie der Vaterlandsliebe, die widerwärtige Angelegenheit energisch ins Auge zu fassen.«

»Du meinst, es herrsche kein Zweifel über den Thäter?« wandte sich Barea Soranus an Pätus Thrasea.

»Alle Welt raunt sich zu, Agrippina sei die Verbrecherin.«

»Und die Beweise für ihre Urheberschaft? Ich hasse dies erbärmliche Weib, – aber ich bin ein Freund der Gerechtigkeit. Noch will mir das, was Pätus Thrasea angeführt hat, nicht vollständig einleuchten.«

»Wieso?« fragte Pätus.

»Nun, ich sehe zum Beispiel vollkommen die Gründe ein, weshalb Agrippina den Kaiser Claudius aus dem Wege geräumt hat. Der Tropf war ihr persönlich zum Ekel; seine schulmeisterlichen Schrullen kamen ihr überall quer; und wenn es denn in der That vergiftete Pilze waren, mit denen sie dem Schwächling zu Leibe ging, so will ich meinetwegen auch das alberne Witzwort glauben, das man ihr in den Mund legt: ›Pilze sind ein Gericht, das die Menschen zu Göttern macht.‹ Ich fasse das, obwohl ich es schurkisch und dirnenhaft finde. – Sie hat dann später dem edlen Britannicus vergiftetes Wasser unter den Glühwein gegossen. Auch hier muß ich einräumen, daß die Motive der Verbrecherin logisch, daß ihre Handlungen vom Standpunkte eines ehrbegierigen Schandweibes klar und verständlich waren. – Wenn sie jedoch um einiger Worte willen – die doch schließlich nur dem Cäsar zu Gemüt führen sollten, daß er aufgehört habe, ein Kind zu sein, – wenn sie, sage ich, dem Flavius Scevinus diesen harmlosen Trinkspruch mit sofortiger Abschlachtung lohnt, so bin ich ratlos über die Gründe. Man schießt doch nicht mit Katapulten nach Spottvögeln.«

Es entstand eine Pause.

»Pätus,« hub dann Flavius Scevinus an, »du hast mir früher schon allerlei Andeutungen gemacht, – aber die Aerzte erlaubten ja nicht, daß du öfter als dies einzige Mal meine Schwelle betratest. Ich sollte erst vollständig wieder gekräftigt sein, eh' ich dem altvertrauten Freunde die Hand schüttelte. Ich denke, daß du mehr weißt, als Barea Soranus vermutet. Wohl denn, so ergänze nun jene Andeutungen, damit auch diese hier, insbesondere der Staatsminister, alles erfahren mögen!«

»Gern,« erwiderte Pätus. »Ich hätte schon angefangen, wenn nicht Freund Barea gar so rhetorisch wirksam seine Skepsis betont hätte. Seneca wird nicht staunen, denn er kennt ja die Sitten der Kaiserin und ihren ungezügelten schnöden Charakter.«

»In der That,« bestätigte Seneca, »ihre Kühnheit entwickelt sich täglich gefahrdrohender. Ich habe ihr das Vergangene verziehen, um Neros willen, und weil ich der Ansicht bin, daß es dem wahren Philosophen geziemt, streng gegen sich selbst, mild aber gegen andre zu sein. Nun jedoch gilt es, den reißenden Strom endlich einzudämmen: sonst überschwemmt er das Reich, und die Farbe seiner Gewässer wird ein dampfendes Rot sein.«

»So weit also ist es gekommen mit unsern Hoffnungen!« seufzte Flavius Scevinus.

»So weit – unter dem Scepter des milden, menschenfreundlichen Nero, des glühenden Kunstschwärmers, des trunkenen Naturfreundes, der vielleicht nur den einzigen Fehler besitzt, allem, was ihn begeistert, in gar zu leidenschaftlicher Träumerei nachzuhängen.«

»Wir geraten hier auf ein fremdes Gebiet,« bemerkte der finster blickende Barea. »Pätus wollte uns darlegen, was er beobachtet hat.«

»Pätus Thrasea hat das Wort!« riefen drei Stimmen zugleich.

»Also, mein teurer Flavius Scevinus,« begann Thrasea, »das Verbrechen, das die Kaiserin-Mutter an dir begehen ließ, war nur halb ein politisches, und als solches sogar ein äußerst unkluges und verfrühtes; denn es hat uns veranlaßt, die Gefahr, die jedem von uns über dem Haupte schwebt, ruhig und sicher ins Auge zu fassen, und die Verwirklichung unsrer Pläne mit verdoppelter Energie zu betreiben. Sie glaubte aus deinem Trinkspruch entnommen zu haben, daß auch du, den sie halb für einen Bekehrten hielt, ein Stein in der Wallmauer sein würdest, die das alte, noch ungebrochene Römertum ihr entgegenzustellen gedenkt. Und so mochte sie in ihrer plötzlichen Aufwallung stöhnen: ›Hinweg mit dem Hindernis – und je eher desto besser!‹ Ihre Aufwallung jedoch würde nicht so maßlos gewesen sein, wenn Otho, dem sie einige Tage zuvor ihre verschwiegenste Gunst anbot, ohne etwas andres zu ernten als verbindliche Ausflüchte – (Poppäa hat mir's erzählt) – wenn also Otho während des Trinkspruches nicht so vergnüglich gelächelt hätte. Das gab den Ausschlag.«

»Pah,« unterbrach ihn Barea, »wer weiß, über was er grinste. Vielleicht über die hübschen Rundungen seiner Gemahlin. Vielleicht über das unverschämte Lärvchen der Acerronia.«

»Ereifere dich nicht, wackerer Soranus,« fuhr Pätus fort. »Worüber Otho gelächelt hat, bleibt ja gleichgültig. Thatsache ist, daß er gelächelt, oder, wie du dich ausdrückst, gegrinst hat, daß die Kaiserin dieses Grinsen bemerkte und auf sich und ihre peinliche Situation bezog. Klar und deutlich hab' ich gesehen, wie sie bei diesem mehrfach erwähnten Lächeln erbleichte, während das Schärfste, was du gesprochen, längst doch vorüber war. Nun kochte die Wut des verschmähten, liebebedürftigen Weibes in ihr empor. Sie wollte dem Otho, den sie noch immer nicht aufgibt, zeigen, wie's dem Vermessenen ergeht, der die schönste Frau Roms – denn dafür hält sie sich doch – zu beleidigen wagt.«

»Hm!« brummte Soranus.

Nach einer Pause hub Thrasea Pätus wiederum an: »Ich bemerkte alsbald, daß sie irgend was plane. Vielleicht gedachte sie auch, just durch die Schnelligkeit der Bestrafung dem poppäasüchtigen Otho Eindruck zu machen. Kurz, sie benutzte den ersten geeigneten Augenblick, um dem Bevorzugten ihrer Leibwächter einen Auftrag zu geben, den dieser mit erschreckender Pünktlichkeit, aber den Göttern sei Dank, ohne rechtes Geschick ausführte.«

»Auch ich gewahrte das flüchtige Zwiegespräch der Kaiserin mit einem der Centurionen,« sagte Metella. »Ich fand es der guten Sitte zuwider, aber ich dachte, es handle sich nur um ein zärtliches Liebeswort. Denn wir wissen ja durch Poppäa, daß Agrippina keinerlei Vorurteile kennt in der Wahl ihrer Liebhaber. Gestern ein senatorischer Jüngling, heute vielleicht ein wohlgewachsener Soldat: – das ist so ihre tugendsame Gepflogenheit.«

»Aber sie hält's doch ziemlich geheim,« versetzte die Aegypterin Epicharis. »Mir wenigstens, die ich so vielfach herumgehorcht, ist noch nie was von ihren bedenklichen Abenteuern zu Ohren gekommen.«

»Nun, man ist ja wohl vorsichtig in solchen Bemerkungen,« lächelte Pätus Thrasea. »Damals jedoch war es ein öffentliches Geheimnis, daß der Centurio Gallienus im Vollbesitz ihrer Gunst stand, und heute noch soll er zu gewissen Stunden nach Mitternacht von dem Wahne besessen sein, er, der unbedeutende Kriegsmann, beherrsche die Herrscherin Roms.«

»Das alles beweist nichts,« rief Barea Soranus. »Ich versichere euch, der Centurio hat bis zu dem Augenblick, da wir den Hilferuf des Scevinus vernahmen, den Platz hinter der Loge seiner Gebieterin nicht verlassen.«

»Vortrefflich,« erwiderte Pätus. »Aber daß man innerhalb der zehn Minuten, die zwischen dem kurzen Gespräch mit der Kaiserin und der Gruppierung der Logenwache belegen sind, sehr wohl einen derartigen Auftrag weiter geben und dem Buben, der die Missethat ausführen soll, das Stilett behändigen kann – das will meinem ewigen Krittler Barea Soranus nicht einleuchten – obgleich ich hier ausdrücklich hinzufüge, daß ich dieses Verhandeln des Centurio Gallienus mit einem der Prätorianer beobachtet habe.«

»Das scheint mir allerdings von Belang,« versetzte Soranus. »Aber ich zwinge mich trotzdem zu zweifeln, solang auch nur die leiseste Möglichkeit einer andern Deutung vorliegt. Muß das, was aufeinander folgt, auch schon deshalb ursächlich miteinander verknüpft sein? Werde nicht ungeduldig, Pätus Thrasea! Ich entwickle hier nur meine Grundsätze. Im übrigen traue ich – ohne Bescheidenheit sei es gesagt – deinem bewährten Scharfblicke mehr als dem meinigen.«

»Und trautest du meinem sogenannten Scharfblick auch nicht, so würdest du meinen Worten doch glauben als denen eines wahrhaftigen Mannes. Ich vermute nicht nur, ich weiß, daß Agrippina die Mörderin ist; ich weiß es aus dem Mund einer Frau, die bei jenem Feste zugegen war und häufig genug mit Agrippina verkehrte, um ihre Eigenheiten zu kennen; ja, die den Dolch, mit dem das Verbrechen geschah, auffand und als eine Waffe der Kaiserin-Mutter erkannte.«

»Beim Herkules,« rief Soranus, »nun schweige ich.«

»Wer ist jene Frau?« erklang es im Chore.

»Ich darf sie nicht nennen.«

»Schade,« versetzte Flavius Scevinus.

»Aber ich kann mir sie denken,« sagte Metella.

»Wo aber fand jene Unbekannte den Dolch?« fragte Barea Soranus.

Hiernach Seneca: »Augenscheinlich am Orte der That; der Verbrecher hatte ihn von sich geworfen. Darf ich euch aber jetzt einen Rat erteilen, so wäre es der: Laßt uns an das gedenken, was kommen soll, nicht aber an das, was gewesen ist. Agrippina hat sich außerhalb des Gesetzes gestellt: das ist zweifellos. Aber wäre sie auch so rein, wie die fromme Iphigeneia, so würde dennoch das Wohl des Staates ihre Entthronung fordern. Ich sage Entthronung, denn keiner von uns kann besser wissen, als ich, wie sehr sie in Wahrheit Kaiserin ist, während Nero, mein herrlicher, mein göttlich begabter Schüler, nur eine Scheinregierung führt. Zu Anfang mag das heilsam gewesen sein: jetzt aber empört sich die Seele aller edel gesinnten Römer wider die schmachvolle Thatsache, daß ein Weib, und noch dazu die heimliche Buhlerin prätorianischer Leibwächter, über den ruhmvollen Staat des Augustus gebietet. Jede Woche, die wir verlieren, um dieser Herrschaft den Boden zu untergraben, ist eine ernste Gefahr für das Weltreich. Wollt ihr' s erleben, daß Agrippina im ewig wachsenden Brand ihres Ehrgeizes etwa dem eigenen Sohne so mitspielt, wie ihrem Stiefsohn Britannicus? Daß sie den Cäsar in Ketten wirft oder ermordet, um vergnügt mit irgend einem robusten Kerl aus der Prätorianerkaserne Hof zu halten, und das römische Volk auszusaugen, wie eine schwellende Giftspinne? Ich sehe sie vor mir, und in der That, sie gleicht einer ungeheuren Spinne. Da, wo die Strahlen ihres Netzes zusammenlaufen, steht das Palatium. All die einzelnen Fäden aber, bis zur Grenze des Reiches, sind mit Soldaten besetzt, die sie erkauft hat mit den Reichtümern unsrer Provinzen. Sie ist danach angethan, von ihrem Schlafgemach aus den Erdkreis zu knechten; sie liebäugelt den Senat über den Haufen, wenn ihr etwa die Bleikugeln ihrer balearischen Schleuderer versagen sollten. Immer und immer wieder packt mich die Reue, daß ich von Anfang an zu nachgiebig war, daß ich, in der sicheren Voraussetzung, Nero werde sich frühe genug zum Adler entwickeln, dem wachsenden Einfluß der Hassenswerten mitunter Vorschub geleistet habe . . .«

Er unterbrach sich.

Der gefeierte Redner hatte noch niemals mit so warmherziger Ueberzeugungskraft, mit so packender Frische in Gebärde und Ausdruck gesprochen.

Es darf indes nicht verhehlt werden, daß die Sorge ums eigene Heil bei dieser Beredsamkeit wesentlich mitspielte.

Ein Lauscher hatte ihm hinterbracht, wie herb sich Agrippina über seine Person und sein Verhalten bezüglich Neros geäußert hatte.

Es galt nun, der Kaiserin-Mutter gründlich zuvorzukommen, wenn man das Spiel nicht verlieren wollte.

Der nämliche Lauscher – ein hellenischer Sklave, den er einst wider den Jähzorn der Agrippina mild einschreitend beschützt hatte – teilte ihm ferner mit, was zwischen dem jungen Kaiser und seiner Mutter betreffs der Freigelassenen Acte geredet worden, und Seneca hatte nun seinerseits den Versuch gemacht, dem Kaiser von der Fortsetzung dieses Verhältnisses abzuraten.

In diesem Fall nämlich – wenn Claudius Nero sich selbst bezwang – hätten die Genossen des Pätus Thrasea in Nero einen kräftigen Rückhalt gefunden.

Leider ergab sich, daß auf die Mitwirkung des liebeglühenden Jünglings durchaus nicht zu rechnen war.

Die Palastrevolution büßte dadurch ihren wichtigsten Hebel ein, der ihr tausend Schwierigkeiten spielend aus dem Wege geräumt hätte.

Mit Beihilfe des jungen, von wirklicher Schaffenslust begeisterten Imperators wäre alles geräuschlos, ja vielleicht in der scheinbaren Form einer freiwilligen Entsagung der Agrippina von statten gegangen.

So aber, wie die Dinge jetzt lagen, mußte man höchst wahrscheinlich Gewalt üben.

Und dieser Gewalt die gangbarsten Pfade zu zeigen, war die Aufgabe, die sich Seneca für den weiteren Verlauf seiner Rede gestellt hatte.

Zunächst wies er auf die Notwendigkeit hin, Burrus, den Befehlshaber der Prätorianer, dann aber auch die Sympathien der Krieger selbst zu gewinnen.

Nero hatte bis jetzt die Geldspenden an die prätorianische Leibwache ordnungsgemäß auszahlen, gelegentlich auch verdoppeln oder verdreifachen lassen.

Im Eifer, ihre Herrschaft zu festigen, zahlte die Kaiserin-Mutter auf eigene Faust diese Geldspenden nochmals und fügte besondere Ehrengaben an die Militärtribunen und Centurionen hinzu.

Burrus befand sich, ohne persönlich über Gebühr eitel zu sein, dennoch ziemlich unter dem Banne der Kaiserin, die ihn trefflich zu nehmen wußte; und es schien nicht gerade leicht, diesen Bann zu zerstören.

Beide Ausgaben indes getraute sich Seneca trotz ihrer Schwierigkeit siegreich zu lösen.

Die Bearbeitung der Soldaten sollte von einigen Centurionen ausgehen, die mit Geldmitteln bis ins Ungeheuere versehen waren.

Was den Burrus betraf, so war dieser Bär, dem die Galanterie so schlecht zu Gesichte stand, in erster Linie Soldat. Dem selbständigen Kaiser zu dienen, würde ihm rühmlicher scheinen, als die bisherige Situation, die ihn mehr, als seinem Charakter entsprach, zum Herkules am Spinnrocken der Agrippina entwürdigte.

Sobald Burrus gewonnen war, galt es einen leicht durchzuführenden Handstreich.

Seneca würde den Burrus ersuchen, sämtliche Prätorianer in der großen Kaserne bereit zu halten. Alsdann wollte der Staatsminister mit einer hohen Gefolgschaft von Senatoren und Priestern den Kaiser dorthin geleiten und ihn veranlassen, den Kriegern in kurzer Ansprache mitzuteilen, daß aus Gründen des Staatswohles Agrippinas Herrschaft ein Ende genommen. Hiernach sollte den Leuten eine Summe geschenkt werden, die sämtliche Donationen der Agrippina um das Zwölffache übertraf. Inzwischen würde sich der Militärtribun Julius Vindex, den man längst ins Vertrauen gezogen, mit einer Schar senatorischer junger Männer bereit halten, im Falle unerwarteter Hindernisse das Volk zum Kampfe wider die Herrschaft der Palla aufzuwiegeln. Waffen lagen in Hülle und Fülle unter den riesigen Kellerwölbungen der Aegypterin Epicharis. Die Römer, in ihren Sympathien für Nero, würden trotz der Erschlaffung des überfeinerten Zeitalters, noch einmal das Schwert ziehen, um zu beweisen, daß der Geist der lorbeergekrönten Fabier noch immer nicht völlig dahin sei. Thrasea Pätus aber sollte im Senat, den der Staatsminister sofort nach dem Kapitol zu entbieten hätte, durch die Macht seiner Beredsamkeit und das Ansehen seiner Person die Schleppträger Agrippinas zu Boden schlagen und einen Beschluß herbeiführen, der das Vorgefallene als gesetzlich bezeichnen und den Verschwörern den Dank des geretteten Vaterlands feierlich aussprechen würde.

Die kleine Versammlung atmete hoch auf, als der Staatsminister seine zündende Rede beendet hatte.

Niemand wußte im Grunde etwas hinzuzufügen.

Die Rollen schienen so gut verteilt, die einzelnen Räder des ganzen Getriebes mit so großer Genauigkeit für einander gestimmt, daß keine eigentliche Kritik möglich war.

»So soll es geschehen!« rief endlich Barea Soranus. »Und wenn alles geglückt ist, dann klagt mir die Kaiserin-Mutter vor dem Staatsgerichtshof der Patres Conscripti öffentlich als Verbrecherin an und schickt sie unter guter Bedeckung nach Pandataria, wo sie in strengster Verbannung darüber nachdenken mag, daß politische Herrschbegier zwar den Männern geziemt, nicht aber den Weibern!«

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