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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Vierzehntes Kapitel.

Agrippina verließ rasch den Oecus und eilte in das matterhellte Schlafgemach der Octavia.

Die junge Frau hatte sich schluchzend über das Bett geworfen. Mit reichlich strömenden Thränen benetzte sie ihren Arm und den schwellenden Pfühl.

»Weine nicht!« sagte die Kaiserin-Mutter halb schroff, halb mitleidig. »Hättest du's pfiffiger angefangen, der flügge Vogel wär' dir gewiß nicht ausgekommen. Diejenige ist in meinen Augen kein Weib, die – schön und jung – einen Mann, der auch nur einmal an ihrem Herzen geruht hat, nicht zu fesseln versteht.«

Octavia hob langsam ihr thränenbefeuchtetes Antlitz. Sie bewegte die Lippen, wie zum Versuch einer Widerlegung.

»Laß nur!« wehrte die Kaiserin-Mutter. »Ich bin nicht gekommen, dir Vorwürfe zu machen oder Kritik zu üben. Was hülfe das auch? Das Gestern wird durch das Heulen der Klageweiber nicht besser. Im Gegenteil: ich will dir verkündigen, daß du in kurzem über die Nebenbuhlerin triumphieren sollst.«

»Triumphieren?« wiederholte Octavia zweifelsbang.

»Ja. Mein Entschluß ist gefaßt. Trotzig genug hat er mir's zugerufen: nur der Tod trenne sein Bündnis mit Acte. Für diesen unerläßlichen Tod werde ich sorgen.«

Zitternd barg Octavia ihr Angesicht.

»Sei ganz unbesorgt!« tröstete Agrippina. »Die Sittlichkeit, die Tugend, der Glanz der Cäsarenwürde gebietet's. Wir befinden uns im Stande der Notwehr: da ist jedes Mittel erlaubt. Hat nicht auch Mucius Scävola, den die Geschichte als den edelsten Patrioten preist, heimlich, wie ein bezahlter Messerheld, sich ins Zelt des Porsena geschlichen? Hat nicht Brutus die eigenen Söhne geschlachtet, um des Vaterlandes, um der Hoheit des Konsulates willen? Der Thron des Kaisers aber strahlt höher und herrlicher, als alles übrige auf der leuchtenden Erdscheibe. Kurz und gut: drei Wochen geb' ich ihm Frist. Wenn er bis dahin die liederliche Dirne nicht fortjagt, so ist ihr Schicksal besiegelt. Ich lasse sie töten.«

»Beim allmächtigen Jupiter,« stöhnte Octavia, angstvoll emporfahrend, »das wirst du nicht, Mutter des Imperators!«

»Weshalb nicht?«

»Weil . . . weil . . .«

»Es gibt eine Grenze,« rief Agrippina, »wo die Gutmütigkeit einfach absurd wird. Wenn dereinst die Weltgeschichte über mich urteilt, wird sie gar manches Verdammungswort auf meine Eigenart schleudern: denn wie viele von den traurigen Alltagsmenschen der Zukunft werden im stande sein, mich und meine heldenhaften Beweggründe zu begreifen? Das alles will ich für Tand und Firlefanz halten: das eine aber, der Fluch der Lächerlichkeit – dieser Gedanke könnte mich rasend machen. Ich vertrete hier das Gesetz und die Ehre des Kaiserhauses: mir, als dem Oberhaupt der Familie, geziemt es, den alten Glanz derselben zu wahren, und die Schuldige, die ihn befleckt, aus der Welt zu schaffen.«

Octavia trat auf sie zu.

»Teure Mutter,« sprach sie mit herzbewegender Stimme, »ich am letzten wäre berufen, diese Schuldige zu verteidigen. Aber mir sagt's mein Gewissen: nur das Weh meiner ewig verlorenen Liebe macht mich so unversöhnlich in der Beurteilung ihrer Handlungsweise – und so wär' es dennoch ein Mord.«

»Gut, nenne es so! Aber wenn mir ein Strauchdieb ins umfriedigte Heim steigt, um die Schatzkammer zu berauben, so hab' ich ein Recht, ihn zu morden.«

»Mutter,« schluchzte Octavia, »Acte hat mir das Kleinod seiner Liebe niemals geraubt, denn es lag niemals in meiner Schatzkammer. Sieh, auf den Knieen wollt' ich tagtäglich den Göttern danken, und Opfer bringen und Weihgeschenke bis zum letzten Denar, wenn ich nach jahrelanger Bemühung sein Herz mir erobern könnte, ach, nur für eine einzige flüchtige Woche! So aber – die rohe, mitleidslose Gewalt, – nein, Mutter, das geht nicht. Das würde ihn nur noch tiefer erbittern; er würde in mir die Urheberin seines Verlustes ahnen; er würde mich hassen, während ich jetzt ihm nur gleichgültig bin.«

»Fürchte das nicht!« erwiderte Agrippina. »Alles läßt sich im Leben verschmerzen, zumal wenn man Kaiser ist. Liebt er sie wirklich – gut, so wird er ihr kurze Zeit nachweinen, und dann um so stürmischer das Bedürfnis nach einem Ersatz fühlen. Dann ist es deine Aufgabe, schön zu sein, zärtlich, und die Erinnerungen, die sich noch hier und da regen, zu deinem Vorteil zu nützen. Laß ihn im Anfang sich einbilden, er umarme in dir seine ›Himmlische‹, wie er sie nennt. Ihr seid so ziemlich von der gleichen Statur; seine glühende Phantasie wird sich leicht eine Täuschung gewähren, bis er allmählich auch die Wirklichkeit lieben lernt. Auf dich kann er unmöglich Verdacht haben betreffs der Acte. Er weiß, wie sehr du die Götter ehrst, wie scheu und sittsam du bist. Schlimmstenfalls tret' ich ihm offen unter die Augen und sage ihm schlankweg: ›Ich, deine Mutter, bin es gewesen, die dich von Acte befreit hat. Octavia ist am kleinen Finger hübscher als die Verlorene am ganzen Leibe. Vertragt euch und sorgt mir dafür, daß bald ein Kronprinz zur Welt kömmt! Ich will euch nicht zürnen wegen des unangenehmen Ehrentitels Großmutter, der für Agrippina fast schon ein Schimpfwort ist!‹ – Jetzt geh' zur Ruhe, Octavia! Du wirst müde sein, just so wie ich.«

»Nein, nein, ich lasse dich nicht!« rief Octavia. Sie hatte die schon zur Thür sich wendende Agrippina sanft bei der Schulter gefaßt. »Ach, du verkennst ihn. Glaube doch ja nicht, daß du so leichtes Spiel mit ihm hast! Wenn er sie wirklich liebt – wie ich fürchte – so wird er um ihres Besitzes willen die Fehde aufnehmen mit allen Gewalten der Erde. Und kämpfst du nicht offen, läßt du sie heimlich dahinraffen, die er so anbetet, so gnade uns allen der gütige Jupiter! Mich, dich, ganz Rom wird er zermalmen in der Maßlosigkeit seiner Herzensqual. Die kurze Zeit, da er mein Gatte war, hat schon ausgereicht, mir den Blick in die furchtbar-dräuenden Abgründe seiner Brust zu erschließen. Da wohnt alles dicht gedrängt bei einander: die guten und bösen Genien, das Glück und das Unheil, der Gott und der weltzertrümmernde Unmensch. Ich wäre selig gewesen vor allen Weibern, wenn mir das Schicksal vergönnt hätte, das Herrliche, Edle in seiner Seele erstarken zu lassen, die Dämonen der Finsternis aber sieghaft hinabzudrängen. Mir ward es nach dem unerforschlichen Ratschluß der Götter versagt: dieser Acte aber – so scheint es – gelingt's. Ueberlaß mich also getrost meinem wühlenden Gram, wenn er nur glücklich ist, wenn nur die Keime unsterblicher Großthaten unverkümmert und hehr in ihm aufblühen!«

Agrippina starrte ihr mit einem Ausdruck von Schwerhörigkeit ins Gesicht, als hätte Octavia gotisch oder sarmatisch geredet.

»Ich verstehe dich nicht,« sagte sie endlich mit verzweifeltem Achselzucken.

»Wenn du ihn liebtest wie ich, so verstündest du mich. Du hättest ihm jetzt gleich zu Anfang den Mund geschlossen, ihn weggeführt – unter irgend einem erträglichen Vorwand – und mir alles erspart. Ach, was hab' ich gelitten! Welche Qual, wie er dich kurz und bündig zur Rede stellte, und mich, seine Gemahlin, so völlig mißachtete, daß er in meiner Gegenwart die Sache seiner Geliebten verfocht!«

»Nun, da siehst du ja, was sie dir anthut, die erbärmliche Schlange! Das ist's ja, was ich beseitigen will! Du bist wahrlich in einem Grade verwirrt . . .«

»Nicht doch! Ich sehe vollständig klar . . . Was ich da sagte, war nur ein schlecht unterdrückter Aufschrei meiner geängstigten Seele. Acte zerquält mich, ja, ja, sie quält mich zum Rasendwerden, – aber du darfst sie nicht töten! Schwöre mir's beim Heiligsten, was du kennst! Sonst habe ich erst recht keine Ruhe mehr! Sonst geh' ich in dieser Minute noch zu ihm, und verrate ihm, was du planst!«

Ueber die Züge der Kaiserin-Mutter flammte die Glut einer wilden Entrüstung.

»Du hast die Natur einer Sklavin,« rief sie voll Ingrimm. »Wer sich bettlergleich in den Staub der Landstraße legt, der darf sich nicht wundern, wenn er getreten wird.«

». . . Ich gehe zu ihm,« stöhnte Octavia.

Sie nestelte mit fiebernden Fingerspitzen über dem halbentblößten Busen die Tunica zu und griff nach der Palla.

»Gut denn,« grollte die Kaiserin-Mutter, wie sie sah, daß Octavia Ernst machte. »Ich will dir's geloben . . .«

»Beim Höchsten und Heiligsten zwischen Himmel und Erde!« sprach Octavia ihr vor.

»Bei meiner Herrschergewalt über dies Weltreich!« verbesserte Agrippina in der Haltung einer gebietenden Niobe. »Es soll der Dirne, für die du um Schonung bittest, kein Leids geschehen. Das aber wirst du, hoff' ich, gestatten, daß ich gleichwohl mit aller Kraft danach strebe, dieses Verhältnis auf irgend eine entsprechende Weise zu lösen. Ist dir's um deinetwillen so gleichgültig, – gut! Mir als der Mutter des Imperators ist es ein Greuel, und so werd' ich denn handeln, wie mein Stolz mir gebietet.«

Ohne Gruß schritt sie hochatmend von dannen.

Der syrische Teppich wallte langsam über die Pforte.

Octavia aber warf sich, wie zu Tode erschöpft, in die Kniee und betete.

»Allgütige Mutter der Alls,« – so klang es bebend von ihren Lippen, – »frauenbeschützende Juno, erbarme dich meiner! Ich hab' ihn geliebt als mein Höchstes von Anbeginn, – und bin stumm geblieben und frostig mit qualvoller Selbstüberwindung, weil ich die Hoffnung in meinem angstvoll pochenden Herzen ertöten wollte. Ach, und dann kam der kurze glückselige Traum, wo ich jeden Augenblick hätte aufschreien mögen: ›Glaube doch nicht, daß ich kalt bin! Ich sterbe ja fast vor heißer, unaussprechlicher Sehnsucht! Siehst du, nur weil ich mich schäme, daß ich so lange gezweifelt habe, nur um deswillen liegt es bei aller Wonne wie Blei auf diesem selig schauernden Herzen . . .!‹ Vielleicht, wenn ich damals verwunden hätte, was mir die Brust durchtobte . . . Fürchterlicher Gedanke! . . .«

Sie senkte das Haupt. Voll und prächtig wallte ihr lichtbraunes Haar über die schneeige Stirne, über Antlitz und Busen.

»Frauenbeschützende Juno,« hauchte sie, »Gnadenreiche, vergib mir, wenn ich in thörichtem Ungeschick etwas versäumt habe! Erbarme dich meiner! Heile dies zu Tod verwundete Herz von seiner verzehrenden Liebe, laß sie verlöschen wie eine Kerze im Luftzug, oder verleih mir die Zauberkraft, meinen Claudius Nero zurückzugewinnen! Denn lange ertrag' ich's nicht. Allnächtlich betaue ich mein verödetes Lager mit Thränen, – und graut dann der Morgen, so frage ich: ›Was soll mir der neuerstandene Tag, da er alles beim alten läßt?‹ Erbarme dich meiner, errette mich von diesem nagenden Elend –: so will ich dich preisen, hochherrliche Matronalis, mein ganzes Leben hindurch!«

Ein wenig getröstet, erhob sie sich.

»Die Macht der Natur!« murmelte sie im Ton einer Nachtwandlerin. »Was war es doch, was er mir damals von der Macht der Natur und ihren geheimnisvollen Zwecken erzählte? Jupiter donnere nicht und Amor schieße nicht Pfeile; dennoch walte ein Göttliches hinter dem Schein aller Dinge, und dennoch sei die Liebe die wirksamste und gewaltigste aller Gottheiten. Wenn zwei – ein Mann und ein Weib – für einander entbrannt seien, so geschehe dies im Namen jener verborgenen Allmacht und zur Erfüllung ihrer unendlichen Zwecke . . .«

Sie strich sich, diesem Gedanken nachhängend, langsam über die haarumflutete Stirn.

»Ja, ja, so war's – oder doch ähnlich . . . Der Mann liebt in dem Weibe, das er vergöttert, schon das zukünftige Kind, und deshalb – obschon er's nicht klar begreift, sondern nur leise im Inneren fühlt – hängt seine Liebe auch mit so stürmischem Eigensinn just an der einen, die ihm das schönste und vollendetste Kind verheißt . . .«

Mit beiden Händen überdeckte sie ihr hocherglühendes Antlitz.

»Wehe mir,« stöhnte sie tonlos, »wehe mir! Hätt' ich ihm jetzt die freudige Hoffnung zu bieten, daß er durch mich Vater werden, daß er ein Kind besitzen solle, ihm ähnlich – ja, dann . . .«

Nach kurzer Pause gell aufschreiend:

»Thorheit! Mein Kind würde ihm niemals die Sehnsucht stillen. Es wäre nicht das Kind seiner Träume. Ja, wenn Acte . . . O, ich bin die unglückseligste aller Frauen!«

Völlig erlahmt setzte sie sich in den Lehnstuhl.

Nach einer Weile pochte man zweimal an die Thür des Cubiculums.

Octavia hieß ihre Getreuen – Phyllis und die Freigelassene Rabonia – eintreten.

Die nicht mehr jugendliche Rabonia erlaubte sich einen fragenden Blick, den Octavia mit einem flüchtigen Nicken beantwortete.

Rabonia entkleidete nun die Fürstin sanft und geräuschlos ihrer Gewandung, während Phyllis ihr die Sandalen löste, die Spangen vom Arme nahm und die letzten Goldnadeln aus dem üppigen Haar zog, das nun mantelähnlich über die Schultern Octavias herniederwallte.

Rabonia schlang es in einen Knoten, und mochte sich nicht enthalten, die unvergleichliche Schönheit dieses duftigen Lichtbrauns zu loben. –

»Du Gute,« sagte die junge Kaiserin, »glaubst du mir Freude zu machen mit dieser harmlosen Schmeichelei? Ich danke dir um der freundlichen Absicht willen.«

Nachdem Octavia im Seitengemach das übliche Bad genommen, entfernte sich Phyllis mit einem formvollen Gruße. Rabonia half ihrer schönen Gebieterin beim Besteigen des Lagers und streckte sich dann als Wächterin dieser lieblichen Frauenblume dicht vor dem Bette auf ein teppichbelegtes Polster.

Die bläuliche Ampel goß ihr melancholisches Licht wie versöhnend über die bleichen Züge der Dulderin, die zwar geschlossenen Auges dalag, aber noch wachte, als Rabonia bereits lange entschlummert war.

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