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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Zwölftes Kapitel.

In rosigster Laune kehrte der Imperator zwei Tage später nach der Villa seines sehnsüchtig harrenden Mädchens zurück.

Noch stand die Sonne zwar hoch, aber ein köstlicher Seewind strich seit der vierten Morgenstunde vom Tyrrhenischen Meere herüber, atmete weich und erfrischend durch die hohen Cypressen und zerstreute den Duft der Purpurrosen, wie ein übermütiger Knabe, in alle Winkel des Gartens.

Die prächtige Sänfte, von acht Lusitaniern in halbseidenen Veilchenkostümen getragen, war mitsamt den glänzend ausgestatteten Sklaven ein Geschenk des Kaisers für seine maßlos geliebte Acte.

Er sagte ihr dies, nachdem sie zusammen das Tragbett bestiegen und die veilchenfarbenen Gardinen so dicht geschlossen hatten, daß ohne besondere Anstrengung niemand hereinschauen konnte.

Sie dankte mit einem glühenden Kusse, – aber doch so, daß er fühlen mußte, dies kostbare Geschenk sei ihr nichts im Vergleich mit dem Glücke, das sie an seiner Seite und im Vollbesitz seiner Liebe empfand.

Mit einemmal schmiegte sie sich errötend an seine Brust, liebkoste seine Wange und sagte dann halblaut: »Es ist doch gerade als ob wir verheiratet wären, richtig vor Gott und seinem Gesetz! Ach, Nero, würde das himmlisch sein . . . Ich – so offen an deiner Seite, durchs weite Rom . . .! Mir schwindelt, wenn ich nur daran denke. Laß mich um Fingersbreite noch den Vorhang zurückziehen! Mein Schleier ist dicht genug: man erkennt mich nicht.«

»Ganz wie du willst,« versetzte der Kaiser. »Deine Stimme betrachte ich als die Stimme des Schicksals.«

»Auch sieht man so viel besser das blühende Rom, und die herrlichen Prunkpaläste, und die Bürger in ihren glänzenden Togen . . . Dort – beinahe vor uns – erhebt sich der Aventin mit seinem Dianatempel; und drüben, links, der langgestreckte Janiculus. Wie schön sich hier die schwarzblauen Schatten gegen das Licht abgrenzen! – Sprich, kommen wir über das Forum? Ich hätte Lust, dein fürstliches Heim zu schauen, und mir so einzureden, auch ich hätte ein Recht, die Schwelle des Palatiums zu überschreiten.«

»Das hast du, Acte!«

Sie verschloß ihm den Mund.

»Rede nicht!« bat sie schmeichlerisch. »Genug, daß ich die unglückliche Octavia aus deinem Herzen verdrängt habe! Genug, und mehr als genug! Aber siehe, ich stürbe lieber, als daß ich zugäbe . . . Nein, das Palatium ist der Tempel der Schuldlosen, und ehe ich sie verfolgte bis in ihr Heiligtum, eher wollt' ich zu ihren Füßen den grausamsten Tod erleiden.«

»Sprich nicht so thöricht! Wenn sie nun die Absicht hätte, dies Heiligtum rückhaltslos aufzugeben? Wenn sie flüchten wollte, so daß ich inmitten dieses cäsarischen Glanzes allein stünde . . .?«

»Das wird sie nicht! Aber jetzt biegen wir ein . . . Das ist die Via Sacra . . . Und dort, vom Tempel der Dioskuren beschirmt, ragt die ehrwürdige Hofburg der Imperatoren zum Himmel auf. Die Hofburg meines glühend geliebten Nero!«

Plötzlich fuhr sie zurück.

»O, wie verdrießlich!«

»Was hast du?« fragte der Imperator.

»Das war Pallas, der Vertraute der Kaiserin-Mutter. Er kam unmittelbar an unsrer Lectica vorüber. Er hat mich erkannt.«

»Du bist ja verhüllt, wie ein ägyptisches Zauberbild.«

»Nicht ganz so, – und Pallas hat scharfe Augen, Ich erzählte dir schon . . .«

»Ja, du erzähltest mir, daß auch er sein Antlitz emporgehoben zu der himmlischen Acte. Wie muß er unglücklich sein! Ich beklag' ihn aus vollstem Herzen.«

»Gleichviel, er hat mich erkannt, und ich fürchte . . .«

»Was denn, mein zaghaftes Reh?«

»Er wird uns zu schaden suchen . . .«

»Bin ich nicht Kaiser?«

»Das wohl . . . Aber gerade als Kaiser hast du schon Feinde genug, so daß ich's für überflüssig erachte, auch dem Privatmanne Widersacher zu schaffen, – dazu noch so unheimliche, wie diesen finsterblickenden Pallas.«

»Du überschätzest ihn. Zudem, wenn er dich auch erkannt hätte, wüßte er dann etwa sofort, wer dein Begleiter wäre? Verlaß dich darauf, seine Vermutung, ich sei in die Freigelassene des Nicodemus verliebt, war nur ein ganz vorübergehender Einfall. Er sucht seinen Rivalen wo anders. Daß er dir aber auch nur ein Härchen deines goldschimmernden Hauptes krümme, das wird Claudius Nero zu hindern wissen.«

»Du hast recht,« flüsterte Acte. »Frisch und vertrauend, das sei unser Grundsatz! Allgütiger Himmel, wie schön das ist! Das ganze Marsfeld ein einziger, blütenbesäter Garten! Dort die Platanen, die Steineichen! Hier die flammigen Blumen zwischen den Rasengründen! Und hier die Buchsbaumfelder mit ihren künstlich ausgeschnittenen Figuren!«

»Siehst du dort das riesige C. N. C. – vor den Säulen der Marmorhalle?«

»Das bedeutet ›Claudius Nero Cäsar‹!« jubelte Acte. »Die ganze Pracht und Herrlichkeit dieser Welt scheint nur dazu da zu sein, um dir zu huldigen, mein Einzig-Geliebter!«

»Und doch bist du in all dieser Pracht die einzige Perle, die mich wahrhaftig beseligt.«

Sie sah zu ihm auf.

»Ist's auch wahr?« fragte sie schalkhaft.

»So wahr die Maisonne uns zu Häupten, und ein ewiger Frühling uns in den Herzen glüht! Acte, Acte, mit Worten ist's ja nicht auszusagen, wie ganz und gar ich ein andrer geworden, seit du mich liebst! Ich verstehe jetzt die Natur und mich selbst; das ewige Sehnen, das durch den Weltraum geht, ist mir kein Rätsel mehr. Und so glaube ich auch: die Sehnsucht, das Verlangen, der Wille nach Glück ist der einzig wahrhaftige Kern unsres Wesens. Leben ist Lieben, Leben ist Wollen. Und lehrt ihr Nazarener denn etwas andres, wenn ihr dies Wollen noch hinausverlegt über die Todesstunde, wenn ihr ein ewiges Wollen, ein ewiges Leben hofft?«

Acte, von unsäglicher Lust durchschauert, lehnte ihr bänderumflochtenes Köpfchen an seine Schulter.

»Dort ist das Zelt des Aegypters,« fuhr Nero in verändertem Tone fort. »Wenn ich bedenke, wie dreist der pfiffige Nicodemus über dein Glück verfügte! Schmachvoll! Der Gerechte und Weise hatte nur außer Betracht gelassen, daß ein reines Mädchenherz keine Ware ist, die man verschachert, sondern ein Schatz, der sich aus freiem Antrieb verschenkt . . .«

»Nein, nicht aus freiem Antrieb, sondern weil ihm die Liebe ihr unabweisbares Joch auferlegt. Ach, ich liebte dich wie von Sinnen . . . Hättest du damals mich bei der Hand gefaßt, – ich wäre dir blindlings gefolgt bis ans Ende der Welt . . .«

»Ja, ich hab' es versäumt . . .« murmelte Nero betrübt.

Dann sich aufraffend: »Schäme dich, thörichter Knabe! Alles besitzest du, und willst Nänien und Trauergesänge anstimmen? Laß uns fröhlich sein, Acte! Laß uns die Gegenwart voll und verschwenderisch auskosten! Wehmütige Gedanken sind albern, wenn Liebe bei Liebe ist. Ja, dort steht das Zelt des Aegypters, – aber ich lache darob! Bin ich nicht tausendmal glückseliger als im verwichenen Herbst? Weiß ich nicht, was ich damals nicht ahnen konnte: daß du mich liebst?«

»So gefällst du mir! Ach, wie es hier glänzt und leuchtet zwischen den Baumgängen! Ueberall prangt mein Geliebter – in Marmor, in Bronze, in Silber, in Gold, – und überall ist es der gleiche, anbetungswürdige Heros. Du hast den bezauberndsten Mund, den ich jemals erblickt habe. So wonnige Lippen – wie zum Kusse geschaffen, zum Gesange und zur Beredsamkeit. Nero, ich werde noch wahnsinnig vor Selbstüberhebung und Stolz. So weit die bewohnte Erde reicht, tönt dein Name, dein himmlischsüßer, göttlicher Name . . . ›Nero!‹ murmelt der Lusitanier, und Ehrfurcht beugt ihm beim Anblick deines Bildes die Kniee. ›Nero‹ klingt es in Asien und Afrika; ›Nero‹ in Gallien, und jenseits der Grenze bei den Germanen . . .«

»Die nun allerdings ihre Kniee vor dem Standbild des Kaisers nicht in Bewegung setzen!«

»Nicht? Weshalb nicht?«

»Weil sie ein freies Volk sind, und den römischen Adlern keinerlei Heerfolge leisten.«

»Du zeigtest mir doch jüngsthin vom Söllergemach einen chattischen Edlen in römischer Rüstung?«

»Das war Giso, der Sohn des chattischen Häuptlings Lollarius. Giso thut bei uns Dienste, um die römische Sprache und die römische Kriegswissenschaft zu erlernen und dann im Heimatlande seine Erfahrungen nutzbar zu machen.«

»Du gestattest ihm das?«

»Weshalb nicht? Wenn ich's ihm weigerte, sähe das nicht danach aus, als ob das römische Reich die germanischen Völkerschaften an seiner Grenze fürchtete?«

»Da hast du recht, – ich überlegte das nicht.«

»Uebrigens hat uns dieser jugendmutige Chatte schon redlich gelohnt, was wir ihm beigebracht – im Ostland gegen die widerwärtigen Parther, und weiter nordwärts gegen zwei sarmatische Stämme, die keinen Respekt vor der römischen Größe zeigten.«

»Ach,« seufzte das junge Mädchen, »wie wollte ich glücklich sein, all diese Erwägungen mit dir teilen zu können!«

»Merkst du denn nicht, daß ich selber aufgehört habe, sie ernst zu nehmen? Du und die Schönheit der ewig jungen Mutter Natur, die mir ein ohnmächtiger Versuch bedünkt, deine Herrlichkeit nachzustammeln, – das ist meine Welt, meine Gegenwart, meine Zukunft. Sieh doch, wie es da plötzlich aufleuchtet am Giebel des alten Minervatempels! Die Sonne schreitet nach Westen, und so ist es, als riefe die Göttin der Weisheit mir selber Beifall mit den Flammen ihres nachtverscheuchenden Lichtes.«

»Ja, die Gegenwart und die Zukunft! Heute abend im Cäcuber lass' ich sie hochleben, – so laut und so lange du willst. Aber sag doch, wer ist das üppige Weib, das sich dort an der Seite der zierlichen Orientalin dahintragen läßt, – die Sänfte in Blaßrot, die Träger in Braungelb . . .? Sie ist schön, – aber der lodernde Blick ihrer Augen erschreckt mich . . .«

»Hörtest du nie von Poppäa Sabina, der Gattin des Otho, meines Jugendgespielen?«

»Doch, doch . . . Aber sieh nur, wie sie dich anschaut! Sie muß dich von weitem erkannt haben. Wie Zorn bebte es über das stolze Gesicht . . .«

»Was thust du?«

»Ich halte den Vorhang zu, bis wir vorüber sind . . .«

»Damit sie doppelt aufmerksam wird . . .?«

»Damit ihr böser Blick dir nichts anhaben kann. Sprich, Nero, kömmst du öfter mit ihr zusammen?«

»Sehr selten, und zudem bin ich gegen die bösesten Blicke so sicher gefeit, als trüg' ich ein Amulett auf der Brust.«

»Wir Nazarener glauben nicht an die Wunderkraft dieses Tandes,« versetzte Acte. »Aber wolltest du eine Locke von meinem Haar schneiden, und sie allezeit bei dir führen – ich dächte, das müßte dir Glück bringen.«

»Heute noch raub' ich mir diese Locke. Sie wird mich schützen, wenn alles um mich in Trümmer fällt.«

»Sag mal, wer war denn die Dunkelhaarige, die neben ihr saß? Die hatte auch einen Blick . . . ich weiß nicht, die beiden passen zusammen!«

»Meinst du? Das war Hasdra, die Vertraute der Poppäa Sabina . . . Man sagt ihr nach, sie sei bis über die Ohren in Pharax verliebt . . .«

»Pharax?«

»Nun ja, Pharax, der neugebackene Centurio der Leibwache . . .«

»Der nämliche . . .? Aber nein, der war doch damals noch Soldat in der Stadtkohorte.«

»Doch, doch, derselbe, der damals den Artemidorus führte. Wer sich der Gunst der Kaiserin Agrippina erfreut, der macht rasche Fortschritte auf dem Wege zur Höhe . . .«

»Nun, ich gönne die Hasdra dem Pharax und den Pharax der Hasdra. Weißt du, Nero, ich möchte alles umher recht von Herzen glücklich und froh sehen. Ach, wenn ich zu gebieten hätte, gäb' es kein Weh und kein Jammern mehr; nur sonnige Lust, nur ambrosisches Jauchzen . . .«

»Dann fall dem Tod in den Arm, wenn er der Mutter das blühende Kind hinwegmäht, und dem Vater den vortrefflichen Sohn! Dann schaff' die thörichten Hoffnungen aus der Welt, und die Krankheit, und das markverzehrende Alter . . .!«

Das war der letzte ernstere Klang in ihrem Geplauder. Wie schwellend reichten die Ulmen, die Pinien, die Ahornbäume sich die gewaltigen Aeste über den wohlig beschatteten Weg hin! Wie öffnete jede neue Wendung der Sänftenträger entzückende Fernsichten, bald auf den fünfzackigen Berg Soracte, bald auf die Höhen von Alba oder die langgestreckte, malerisch zerklüftete Hügelreihe Sabinums! Der Turm des Mäcenas hob sich stolz wider den blauen Hintergrund ab – und rings, so weit das Auge reichte, Blume an Blume, Ranke an Ranke, üppiges Frühlingsgrün, so recht eine Welt zum traumverlornen Genießen.

Noch eh' die Sonne sich bis zum Scheitel des Mons Janiculus herabgeneigt hatte, war das glückselige Paar wieder daheim in der Villa jenseits des Drususbogens.

Nero speiste heute bei Acte. Sie war närrisch vor Freude über diesen reizenden Einfall; ihr Küchenmeister hatte für ein erlesenes Mahl gesorgt. Mit eigener Hand goß sie ihrem Geliebten den köstlichen Wein in die Schale: – campanisches Vollblut, gekeltert beim Regierungsantritt des Kaisers Claudius; dann Reben aus der Zeit des Augustus; und schließlich als Perle des Frohgelages Falerner, nach den ehvorletzten republikanischen Konsuln betitelt.

»Welch ein herrlicher Tag!« jauchzte Acte. »Es lebe die Gegenwart und die Zukunft! So hatten wir's ausgemacht in der Sänfte.«

Er leerte den Becher bis auf den Grund, und stellte ihn dann energisch zwischen die Fruchtschalen.

»Komm!« seufzte er, und drückte ihr einen Feuerkuß auf die Kehle.

Sie betraten das Zimmer, – und es war, als hätten sie's kaum erst verlassen. Auch der fünfarmige Leuchter brannte; nur stand schneekühle Milch an Stelle des Weines auf dem kunstvollen Monopodium. Sie schlang beide Arme um seinen Nacken. Dann schien alles wie gestern zu werden . . .

Da plötzlich klopfte es wider die Thüre, leise, bescheiden, aber doch ernsthaft, wie von einem, der sich seines Rechtes bewußt ist.

Stirnrunzelnd sprang der junge Cäsar empor.

»Was bedeutet das?« fragte er, zitternd vor Ingrimm.

»Ich begreife es nicht. Keine unter den Dienerinnen würde es wagen . . . Phaon vielleicht . . .?«

»Phaon«, sagte der Imperator, »weiß, daß ich ihm strengstens verboten habe . . .«

»So muß es etwas Außergewöhnliches sein, was ihn zum Ungehorsam veranlaßt.«

»Willst du, daß ich ihm öffne?«

»Tritt an die Thüre und frage bloß . . .«

Sie war bleich geworden bei dem schroffen, unangenehmen Ton, der in die Stille dieser lauschigen Einsamkeit wie der Ruf einer Kriegsdrommete hereingedrungen.

»Ich habe ein Herzklopfen . . .« sagte sie angstvoll.

Er strich ihr schmeichlerisch über das flutende Haar.

»Du liebe Thörin! Wovor erbangst du? Was hienieden soll dich bedrohen, wenn du so gut bleibst und so hold wie bisher, und wenn der Kaiser seinen Arm über dich hält?«

Er trat gelassen zum Eingang, schob den Riegel zurück und fragte durch die Spalte hindurch: »Bist du es, Phaon?«

»Ja, Herr!« klang's in gedämpftem Tone zurück. »Verzeih mir, wenn ich im Ungestüm der Erregung vergaß, was du mir anbefohlen. Aber es war in der That ein eigentümlicher Vorfall.«

»Wart einen Augenblick!«

Dann zu Acte gewandt: »Es ist Phaon. Kann er hereintreten?«

Sie hatte eine milchfarbene Palla über die Schultern geworfen.

»Meinetwegen, ja!« versetzte sie, halb schon neugierig, obwohl die Verstimmung über den plötzlichen Schreck ihr noch in den Gliedern lag.

Der Sklave erschien und verneigte sich ehrfurchtsvoll.

»Sprich!« winkte ihm Claudius Nero.

»Die Sache ist schneller erzählt, als die Fabel vom sterbenden Löwen. Ich stehe da just am Vestibulum und schau' so hinaus in den rosigen Abend, nichts denkend oder doch wenig: da tritt so ein unbekannter Pacuvius oder Lucilius, die Kapuze der Pänula halb ins Gesicht gezogen, recht ungebührlich zu mir heran und fragt barsch, wie ein Packträger: ›Wohnt hier Acte, die Freigelassene des Nicodemus?‹«

»Und was gabst du zur Antwort?« forschte der Cäsar.

»Nun, ich versetzte ihm kurz aber deutlich, er sei ein Flegel.«

»Das muß man dir lassen, Phaon, du beherrschest die Umgangsformen! Der Flegel inzwischen – wie verdaute er diesen Brocken?«

»Er stürzte mit einer gewissen Heftigkeit über mich her, packte mich vor der Brust, empfing einige Faustschläge und brüllte dann zornig: ›Willst du gar den Beleidigten spielen, du erbärmlicher Kuppler? Ich stehe hier im Namen höherer Gewalten, die dich zerschmettern können!‹ – ›Noch ein Wort, und ich hau' dich fünf bis sechsthalb Klafter tief in den Boden hinein!‹ rief ich erbittert. Da sah er, ich war keiner von denen, die sich ankläffen lassen, und so ward er denn höflicher. Nach einigem Hin und Her gab er mir eine doppelt umschnürte Wachstafel. ›Die Sache eilt außerordentlich‹, fügte er ernsthaft hinzu. ›Das Wohl und Wehe des Cäsars hängt von der pünktlichen Einlieferung ab! Fliege also – und tritt auf wie ein Siegesgewisser!‹ Verzeih mir – so bin ich denn hergelaufen, deinem Gebote zum Trotz; denn ich dachte, möglicherweise hat es doch vielleicht Eile damit, und das Schicksal verlangt's.«

Phaon entfernte sich.

Der Kaiser nahm eins der silbernen Fruchtmesser und zertrennte die seidene Schnur, welche das Briefgetäfel widereinander preßte. Dann las er mit halblauter, ironischer Stimme wie folgt:

»Die ehemalige Sklavin Acte, von dem römischen Ritter Lucius Nicodemus zu ihrer eigenen Verderbnis mit der Freiheit beschenkt, wird hiermit aufgefordert, ihre Beziehungen zu dem erhabenen Beherrscher des Weltreichs augenblicklich zu lösen und den göttlichen Imperator unverzüglich seiner edlen Gemahlin, die verzweiflungsvoll um ihn trauert, wieder zurückzugeben.

Octavia selber weiß, beim allmächtigen Jupiter, nicht das geringste von diesem Schritte.

Aus eigenem Antrieb vielmehr wendet sich das Gerechtigkeitsgefühl und die Klugheit ehrlicher Vaterlandsfreunde mit einem geschäftlichen Vorschlag an die Verführerin.

Wenn sich die Freigelassene Acte bereit finden läßt, ihre Wohnung und das Weichbild der Siebenhügelstadt binnen drei Tagen auf Nimmerwiederkehr zu verlassen, so wollen die Partner der jungen Kaiserin Gnade üben, die Freigelassene Acte nicht weiter behelligen, noch etwa sie den Aedilen um ihres Wandels willen zur Züchtigung überantworten, sondern vielmehr am Tage des Wegzugs ihr eine Summe behändigen, die ihr auf Lebenszeit ein behagliches Auskommen sichert.

Weigert sich Acte, so mögen die gräßlichsten Folgen über ihr Haupt kommen.

Der ihr diese Wachstafel übermitteln läßt, hat den Willen sowohl als die Macht, auszuführen, was er ihr androht.

Acte wird aufgefordert, heute noch ihren Entschluß dadurch zweifellos kund zu geben, daß sie zu Anfang der zweiten Nachtwache ihren Söller betritt und dem Manne, der diese Tafel ihr hat behändigen lassen, ein vernehmliches: ›Ja, ich reise!‹ entgegenruft, sobald er, von einem Fackelträger begleitet, am Hause vorüber kömmt. Sein Erkennungszeichen wird sein: über der Pänula ein flammrotes Tuch und das lautgesprochene Wort: ›Es reut sie!‹«

Als Nero geendet hatte, saß Acte wie niedergeschmettert auf einem der Bronzesessel. Glühende Thränen quollen ihr zwischen den halbgeschlossenen Wimpern hervor.

Nero legte die Wachstafel ruhig, aber dennoch mit geheimer Beklommenheit auf das duftige Monopodium.

Dann zu Acte herantretend: »Liebling! Ich kenne die Schriftzüge, so mühevoll sie verstellt sind!«

Das schluchzende Mädchen schaute hastig empor.

Er trocknete mit den Falten ihres Gewandes die zährenbenetzte Wange.

»Es sind die Schriftzüge meiner Mutter, der Kaiserin Agrippina,« sagte er feierlich. »Mit unsäglicher Sorgfalt hat sie den Griffel geführt; mit berechnender Absicht hier und da eine Linie gegraben, die mich beirren sollte. Aber ich kenne sie – und malte sie ihre Buchstaben mit der Linken. Sieh doch ihr A und ihr nahezu griechisches  S! Zudem: wer sonst sollte in ganz Rom sich erdreisten, solche Ungeheuerlichkeiten an die Braut des Imperators zu richten?«

Acte seufzte.

»Deine Mutter habe ich allerdings noch schwerer zu fürchten, als deine Gemahlin.«

»Octavia ist ernst und gemessen,« erwiderte Nero. »Ihre Liebe zu mir scheint seit lange im Schwinden. Da hast du recht. Eher noch, als an die Urheberschaft der armen Octavia, würde ich an gewisse Staatsbeamte, an unzufriedene Senatoren und Ritter denken. Es gibt Leute genug, die den übermächtigen Einfluß der Agrippina verabscheuen und vielleicht in der Absicht, unsern Verdacht auf Agrippina zu lenken, derartige Drohbriefe in die Welt setzen könnten. Auch senatorische Damen gibt's, die mit Unlust bemerken, daß ich seit jenem vielversprechenden Anlauf bei Flavius Scevinus mich von jeder Festlichkeit fern halte. Aber all diese Variationen sind Hirngespinste. Ich bin meiner Sache gewiß. Auch an verschiedenen Wortwendungen erkenn' ich die trotzige Weise der Herrscherin, die noch nie einen Wunsch geäußert, ohne im nämlichen Augenblick die Erfüllung zu sehen.«

»Welch ein Unglück!« stöhnte das junge Mädchen.

»Unglück? Wieso? Wer ist Herr und Gebieter in Rom: ich oder Agrippina?«

»Sie ist deine Mutter!«

»Du willst sagen, sie knechtet mich, weil ich bis dahin ihre thätige Mitwirkung bei den Staatsgeschäften geduldet habe? Du irrst, Acte! Was bis heute geschah, das geschah nur um deswillen, weil es meinem Verlangen entsprach. Ich bin kein asiatischer König, dem es Vergnügen macht, bis in die fernsten Provinzen seine unbegrenzte Gewalt fühlen zu lassen. Ich begeistere mich nicht für die umständliche Maschinerie des Beamtentums, für die Rechtsstreitigkeiten der Bürger und den kleinlichen Ehrgeiz der Offiziere. Was ich in dieser Beziehung geleistet habe, das geschah nur aus Pflicht. Zwischen Seneca und den geheimnisvollen Lucius Nicodemus eingeklemmt, schritt ich vorwärts auf dem einmal betretenen Pfade: aber je mehr die andern von dem lästigen Reisegepäck mir abnahmen, um so frischer ward mir zu Mute. Ich bin ein Mensch, Acte, ein Freund des Schönen und Edlen, ein Künstler, ein Dichter. Ach, und vor allem ein zärtlich liebender Tollkopf, dem eine Stunde in deinen wonnigen Armen lieber ist, als hundert Triumphzüge über die Parther. Seitdem du mein bist, hab' ich die andern gewähren lassen. Agrippina und Seneca führten das Scepter; kaum noch, daß ich mit Burrus halb im Verkehre blieb und mit dem eifrigen Tigellinus, der mich bei den Soldaten der Leibwache gelegentlich mich tüchtigen Goldspenden in gutes Gedenken bringt. Jetzt aber, da sie das eine mir rauben wollen, was ich mir vorbehielt, jetzt sollen sie fühlen, daß nur meine Gnade zu dem sie erhoben hat, was sie bedeuten; daß ich der Herr bin über sie alle, und daß ich mein Glück verteidigen werde bis auf den letzten Blutstropfen.«

»Du wirst dich zu Grunde richten,« jammerte Acte. »Steure nicht wider den Strom! Kämpfe nicht thöricht gegen die wildanstürmende Uebermacht! Nero, mein Liebling, du täuschest dich! Glaube mir doch, die Zügel, die du beinahe schon aus der Hand gegeben, sind nicht im Augenblicke wieder erfaßt, – und eh' sie erfaßt sind, liegt deine Acte zermalmt und zertreten unter den Hufen!«

Er riß sie stürmisch empor. Mit der Linken ihre Hüfte umklammernd, hob er die Rechte und that einen furchtbaren Schwur, daß er sie schützen und schirmen werde bis zum letzten verröchelnden Atemzug.

Nun hing sie wieder selig an seinem Hals und küßte ihn – so süß und so schmeichlerisch, wie nur sie es verstand in ihrer kindlichholden Vermischung von Jungfräulichkeit und leidenschaftlicher Frauenart.

»Nero, was soll ich thun?« hauchte sie zärtlich. »Sprich nur! Ich gehorche dir blindlings, und wüßte ich, daß es mein Tod wäre!«

»Du bleibst ruhig zu Hause,« lächelte Nero, ihre Küsse erwidernd. »Laß durch unsern getreuen Phaon das Ostium und das Posticum doppelt verriegeln! Ich schicke dir unverweilt ein Dutzend meiner Gefolgsleute. Sollte der Unbekannte, wenn du die Antwort verweigerst, zudringlich werden, so befiehlst du ihm: ›Packe dich!‹ Wenn er sich dann nicht ohne Zögern zurückzieht, läßt du ihn festnehmen. Noch einen Kuß, Acte! Welch ein himmlischer Frühlingshauch entströmt deinem Haargelock! Narzissen und Rosen! Ach, und ach! diese Lippen! So, nun sei gutes Muts, mein angebetetes Mädchen, mein wonniger Herzensschatz!«

»Leb wohl!« stammelte Acte. »Leb wohl zu tausendmal!«

»Diese Wachstafel hier stecke ich zu mir,« sagte Nero geschäftsmäßig. »Heute noch red' ich mit Agrippina. Sie wird ihre Urheberschaft nicht ableugnen. Auf alle Fälle soll das Palatium erfahren, wie Nero es aufnimmt, wenn irgend eine sterbliche Hand sich an Acte versündigt.«

Er schwang die Toga über die Schulter und schritt, einen Blick der unendlichsten Zärtlichkeit auf die Geliebte heftend, dem Ausgange zu.

»Flink, Leute!« herrschte er seine muskelkräftigen Lusitanier an, die auf den Marmorfliesen zwischen den schlanken korinthischen Säulen kauerten.

Sie sprangen eiligst empor und legten sich die Tragriemen über die Schultern.

Nero schmiegte sich in die Polster.

Phaon stand am Seitenrande des Tragbetts; auch die Obersklaven des Atriums und einige Sklavinnen drängten sich dienstbeflissen heran.

Der Kaiser warf eine Handvoll Goldstücke unter die Leute, nickte den üblichen Abschiedsgruß der römischen Großen, und befahl dann mit energischer Stimme: »Nach dem Palatium!«

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