Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
Schließen

Navigation:

Elftes Kapitel.

Sechs Wochen waren verstrichen.

Im lauschigen Xystus einer der reizendsten Villen jenseits des Drususbogens saß Acte auf einer teppichbelegten Marmorbank und folgte mit sehnsuchtsvoll-erwartendem Blicke dem Schatten der Sonnenuhr.

Die Stunde der Coena war jetzt vorüber.

Nero speiste heut bei dem Flottenbefehlshaber Anicetus. So war er Gast, nicht Gastgeber, wie im Palatium, und konnte aufbrechen, wann's ihm genehm schien. Es drängte ihn, möglichst frühe zu ihr zu eilen, die er mehr liebte als den Glanz seines Thrones und die herrlichsten Weisheitslehren des Staatsministers. Der junge Fürst gönnte jetzt den Großen der Hofburg jeglichen Einfluß auf die Regierung. Er litt es, daß seine Mutter, ja, daß Octavia in Dingen mitredete, die, selbst nach der Anschauung Agrippinas, die ureigenste Domäne des Imperators waren. Der Trinkspruch des Flavius Scevinus schien ganz und gar ohne Wirkung geblieben zu sein.

Nero sagte zu allem Ja, was ihm der würdige Seneca, vielfach von Tigellinus beeinflußt, vortrug.

Er verdoppelte, auf den Rat beider, für den Monat Dezember, in dem er geboren war, den Prätorianern die Löhnung, wobei es merkwürdigerweise in allen vierzehn Regionen von Mund zu Mund ging, diese politisch-bedeutungsvolle Idee entstamme dem Hirn des Agrigentiners.

Der Kaiser repräsentierte auch, wo das Hofzeremoniell oder die Hohe Körperschaft es verlangte.

Aber dies alles nur aus der Seele eines Mannes heraus, der in fröhlicher Resignation sein Tagewerk leistet, dieweil er alles Glück von den Stunden der Freiheit erwartet.

Der Gedanke an Acte beschäftigte ihn ja vom dämmernden Morgen bis in die sinkende Nacht.

Die ganze Welt war nur der Rahmen für das eine köstliche Bild, das er da insgeheim, einige hundert Schritt von der lärmenden Via Appia entfernt, selig verwahrte.

Niemand wußte noch um die Sache, als Tigellinus, dem er in überströmender Wonne alles gebeichtet hatte. Er hätte ersticken müssen an dem Uebermaße des Glücks. Und Tigellinus hatte ja bei den Manen seiner verstorbenen Mutter heilig geschworen, kein Wort zu verraten.

Acte, die rotverschnürten Füßchen übereinander schlagend, harrte auf ihren Abgott. Jeden Augenblick konnte er über die Schwelle treten. Die trauliche Marmorbank zwischen den Rosenhecken war sein erklärter Lieblingsplatz. Deshalb pflegte sie hier sein Erscheinen heranzuwarten.

Der Schatten der Sonnenuhr rückte weiter und weiter. Acte, von der Gewißheit berauscht, daß er kommen würde, übersann ihr Geschick, und sie fand sich beneidenswert, wie nie eine Sterbliche.

Die sechs Wochen, die nun hinter ihr lagen, waren ein einziger duftumwobener Traum gewesen.

Sie hatte alles verwunden, was die Gegenwart mit dem Vergangenen verknüpfte.

Wohl dachte sie noch zuweilen an die trostlosen Tage der Trennung, aber ihr Herz empfand nur eitel Wonne dabei.

Auch ihr Gewissen regte sich nicht im mindesten.

Sie wußte zwar, daß sie als gläubige Nazarenerin sündigte, wenn sie in Liebe den Mann umfing, der nicht allein vor dem Gesetze Christi, sondern auch vor den Göttern des Heidentums der Gemahl einer andern war.

Sie wußte das, aber – sie fühlte es nicht; wenigstens dann nicht, wenn sie an ihn gedachte, den sie über alle irdischen Grenzen hinaus anbetete.

Ein Blick aus seinen herzbezwingenden Augen genügte, um den letzten Rest ihrer Selbstanklagen über den Haufen zu stoßen.

Hatte sie nicht alles gethan, den Kaiser zu meiden?

War sie nicht willens gewesen, nach Sicilien zu flüchten, wo nie ein Strahl seiner berauschenden Gottheit sie erreicht haben würde?

Nur Abschied hatte sie nehmen wollen von diesem zauberisch holden Antlitz, das gleich von Anfang ihr höchster Himmel war, – und nur der Zufall oder die Fügung des Schicksals war es gewesen, was ihn gerade in dieser Abschiedsstunde für ewig an ihr Dasein gekettet hatte.

Ja, für ewig!

Eine solche Liebe konnte nicht enden; nur der Tod vermochte gewaltsam auseinander zu reißen, was für alle sonstigen Mächte der Erde unlöslich blieb.

Und dann: raubte sie ihn denn wirklich seiner herzenskühlen Gemahlin? Hatte sein ganzes Wesen nicht von Anbeginn ihr gehört, ihr, der Niedriggeborenen? Hatte Octavia ihn jemals auch nur halb so verstanden, wie sie?

Zumal seit einigen Wochen, seit vierzehn Tagen vielleicht. So lange war's her, daß im Verhalten der jungen Kaiserin eine gesteigerte Schroffheit sich ausprägte. Sie behandelte ihren Ehegemahl geradezu feindselig. Schlaflosigkeit und häufig wiederkehrende Kopfschmerzen vorschützend, hatte sie ihre Gemächer ganz von denen des Imperators getrennt . . .

Ja, die bleiche, herzlos-öde Octavia teilte mit Claudius Nero den Thron und die äußerlichen Ehren der Kaiserherrschaft; sie erschien ordnungsgemäß ihrem Gatten zur Seite, wo Sitte und Herkommen dies erheischten; sonst aber besaß sie nichts von dem Herrlichen, nichts . . .

Acte wußte nicht, was Octavia inzwischen erlebt hatte. Wenn sie's geahnt hätte, sie würde sich wohl gescheut haben, die junge Kaiserin herzlos und öde zu nennen.

Genau vor dreizehn Tagen war es gewesen. Tigellinus hatte bei Octavia heimlich um eine Audienz nachgesucht. Er schützte wichtige Staatsangelegenheiten vor, bat die Fürstin, ihre Freigelassene Rabonia und die beiden Sklavinnen aus dem Oecus zu schicken, und begann hiernach mit einer gemessenen Höflichkeit, wie folgt: »Herrin, ich fühle die Pflicht, dir eine entsetzliche Mitteilung zu Füßen zu legen, eine Mitteilung, die leider nur lückenhaft sein wird, da mir ein unverbrüchlicher Schwur gebietet, den Namen der Sünderin zu verschweigen.«

»Was gibt's?« fragte Octavia.

»Etwas Alltägliches, und doch ein Elend für die Herrin von Rom, ein Mißgeschick, das sich nicht aussagen läßt.«

»Du scheinst bewegt. Hab' ich dir dennoch unrecht gethan?«

»Unrecht, Herrin, unrecht bis in den Grund meiner Seele hinein, wie mir so viele unrecht thun, die nicht den wahren, echten, redlichen Tigellinus kennen, sondern die gesellschaftliche Maske, die meinen Namen trägt. Schwöre mir, Herrin, daß du alles geheim halten willst . . .!«

»Ich schwöre.«

»So wisse, dein Herr und Gemahl liebt eine andre, – ein junges, schönes, liebreizendes Geschöpf, aber nicht wert, dir das lichtbraune Haar zu strähnen. Sein heißes Gemüt ist dir allewig verloren: sie hat ihn verzaubert, wie Kirke die Kampfgenossen des Dulders Odysseus. Du schwankst? Du taumelst? Fasse doch Mut und vertraue mir! Siehe, hier schlägt noch ein Herz, das mit Freuden für dich, sein Alles, den Tod erlitte.«

Halb ohnmächtig war sie in seine Arme gesunken. Berauscht von der Wonnigkeit dieser Berührung hatte er sie voll Ungestüm an sich gepreßt.

Sie stieß ihn zurück.

»Elender!« sprach sie mit zuckender Lippe. »Und wär' er sechshundertmal schlechter und treuloser, als du ihn schilderst: – ich zum wenigsten will ihm treu sein bis zur letzten Minute. Wessen erfrechst du dich? Nur dein Blut könnte diese Besudelung abwaschen, – aber ich will kein Blut. Jupiter in seiner hehren Gerechtigkeit wird dich schon züchtigen.«

»Herrin . . .« stammelte Tigellinus.

»Laß mich allein!«

»Und so hätte ich nichts zu hoffen, – auch dann nicht, wenn ich's bewiese, daß Nero dich in offener Schamlosigkeit betrügt?«

»Wenn du nicht gutwillig gehst, so ruf' ich um Hilfe,« sagte Octavia, in der ganzen Fülle ihrer jugendschönen Majestät aufgerichtet. »Haben denn früher hier solche Dirnen gehaust, daß ein Mensch wie du sich erdreisten darf . . .«

»Ich gehe, Octavia,« zischte der Agrigentiner. Er war bleich wie der Tod. »Ich gehe! Auf Wiedersehen!«

. . . Von diesem herzbeklemmenden Vorfall wußte Acte nicht das geringste.

Für sie war Octavia nur das arme Geschöpf, das von Gott nicht bestimmt war, das liebeverlangende Herz des Kaisers zu begreifen und auszufüllen.

Daß sie selber, die Niedriggeborene, dies so vollkommen vermochte, betrachtete sie als ein unverdientes Gnadengeschenk des Himmels.

Sie schwindelte jetzt bei dem Gedanken ihrer maßlosen Seligkeit. Die Thränen traten ihr in die Augen.

»Gott der Gnade,« flüsterte sie, »verzeih mir mein Glück! Oder wenn du's nicht kannst, so laß mich im Jenseits für jeden Tag dieser Wonne hundert Jahre lang büßen, – unmenschliche Qual, – bis ich dann endlich, endlich, endlich wieder mit ihm vereint werde! Ich will ihm auch unermüdlich ins Ohr flüstern, daß du in Knechtsgestalt hernieder gestiegen bist, um uns loszukaufen von der Last unsrer Sünden! Seine Seele will ich erretten, – ach, leider aus Selbstsucht; denn was wäre der Himmel mit all seiner Herrlichkeit ohne den einzigen, den ich liebe, wie nichts auf der weiten unermeßlichen Welt!«

Nun blinkte ein sonniges Lächeln über ihr Antlitz. Es war ihr, als habe der Christengott sie erhört; so heilig klang es in ihrem Herzen, so göttlich ruhig.

Sie sprang empor. Im Peristyl ertönten die Schritte Phaons, des treuen Sklaven, den Claudius Nero mit der Verwaltung der kleinen Villa betraut hatte.

Die Harrende wußte, was diese Schritte besagten.

Vom Söller des Obergemaches hatte Phaon die wohlbekannte Sänfte erblickt, unter deren halbseidenen Vorhängen sich die Apollogestalt des jungen Kaisers verbarg. Die vier Lusitanier, in unauffälligem, grauem Gewand, die ihn trugen, waren verschwiegen; niemand kümmerte sich darum, wenn diese Lectica durchs Ostium in den halb überdachten Hof schlüpfte.

Acte schritt durch das Peristyl bis an den Korridor. Hier gewahrte sie hochklopfenden Herzens, wie ihr Geliebter in blumiger Tunica, die weiße Toga nur auf dem Arme haltend, der Sänfte entstieg und geraden Wegs nach dem zauberhaften Gemach schritt, wo der fünfarmige Leuchter bereits sein mildes Licht über die Wandbekleidung und das kostbare Mobiliar goß.

Das helle Blut stieg ihr ins Angesicht.

Ja, da draußen, unter den Steineichen, zwischen den duftigen Rosenhecken, am Springbrunnen, war es entzückend, Hand in Hand zärtlich zu plaudern und sich zum tausendstenmal zu sagen, daß man sich rasend, über alle Begriffe lieb habe.

Hier aber in dem stillen Gemach, wo das heimliche Liebesgeflüster so märchenhaft, so gedämpft klang, hier berauschte es Sinn und Seele noch unwiderstehlicher; auch hatte man nicht zu befürchten, es werde der Blick einer lauschenden Dienerin frech in die süße Verschwiegenheit dieses Glückes hereindringen.

Die kleine buckelbeschlagene Thür hatte sich hinter den beiden geschlossen.

Der Armleuchter an der purpurdurchwirkten Schnur leuchtete friedsam und klar, wie die milde Scheibe des Vollmonds.

Auf dem glänzenden Citrustische, unter dem florüberkleideten Fenster, stand eine silbergetriebene Kanne mit hellenischem Wein, zwei schlangenfüßige Schalen und zwei bläulich-schimmernde Murrhagefäße. Vor dem rosenfarbig gepolsterten Sigma, rechts neben dem schwellenden Ruhebette, befand sich ein ähnliches Monopodium mit duftigen Früchten und einer Flachschüssel hartgebackenen Zitronenkuchens.

Nero setzte sich auf die Kante des Lagers, umschlang seine frühlingsholde Geliebte mit jugendkräftigen Armen und drückte sie bebend an seine Brust.

»Hab' ich dich endlich, endlich wieder?« flüsterte er bewegt.

Er küßte ihr schämig gesenktes Antlitz, ihre schneeigen Schultern, ihr unvergleichliches Haar, das breit gelöst über den Nacken rollte.

Sie aber schmiegte sich auf seine Kniee, strich ihm lächelnd über das volle Gelock, und hing sich dann im Hochgefühl des Besitzes stürmisch an seinen Hals.

Das war es ja, was ihn im Wesen Actes immer und immer wieder so heiß entzückte: diese holdselige, zaghafte Scheu, diese jungfräuliche Befangenheit, und gleich darauf die hingebungsvolle Kraft einer Liebe, die keine Schranken kennt.

Nun folgte mit betäubender Innigkeit die ewig wiederkehrende Frage des Imperators:

»Hast du mich lieb? Hast du auch manchmal an mich gedacht?«

»Unablässig, jede Sekunde lang,« flüsterte Acte, vor Wonne vergehend. »Aber du? Du da draußen in der vornehmen Welt, wo die schönen Frauen und Mädchen wie Blumen sprießen, wo die Huldigungen auf jedem Schritte dir nachfolgen, wo die tausendfältige Sehnsucht allenthalben dir Netze wirft –?«

»Himmlische Acte, du übertreibst diese Dinge. Wahrlich, ich sage dir, käme die Schönheit aller Weiber, vom Tanais bis zum Gestade des Ozeans, zusammengefaßt in einem einzigen liebreizenden Wesen, – ich würde sie dennoch verschmähen, und der göttlichen Aphrodite zurufen: ›All deine Meisterwerke sind Stümperei, verglichen mit Acte, dem wonnigen Blondschatz, dessen große Pupillen so tief in die meinen schauen und mir so lieblich zulächeln: – Cäsar, hier ist deine Heimat!‹ –«

»Ja, – das ruft mein Antlitz dir zu! Ich liebe dich von Grund meiner Seele aus – du süßer, herrlicher Mensch! Dein bin ich und bleib' ich, und gälte es meinen ewigen Untergang! Zerbrich mich, Nero, zerbrich mich! Das wäre ein glückseliger Tod!«

Wie schön sie war, diese mädchenhaft errötende Acte, wenn so die Liebesglut eines unverkünstelten Herzens ihr gleichsam Flügel verlieh!

Nun schloß sie die Augen, als ob der überirdische Glanz ihres angebeteten Claudius Nero sie blende.

Ihre Wimpern erbebten und schimmerten feucht.

Sie atmete tiefer und tiefer, bis sie nach einer Weile entschlummert war, – ein Bild der Seligkeit und des unendlichsten Glücks.

Nero trat zu der silbergetriebenen Kanne, und füllte sich eine der schlangenfüßigen Trinkschalen.

Wie er, den duftigen Cyprier hoch in der Rechten, so das reizend schlummernde Mädchen erblickte, das, den Arm in bezaubernder Biegung unter das Haupt geschmiegt, an die schöne Ariadnestatue im Cubiculum des Palatiums gemahnte; wie er das hold gerötete Antlitz schaute, ihren knospenden Busen, und den halbgeöffneten, Küsse atmenden Mund, der die herrlichsten Zähne freigab, – da ergriff ihn etwas von jener dichterischen Begeisterung, die ihm oft so unmittelbar neben dem eigenen Erlebnis gedieh, daß ihm die Gegner diese echt künstlerische Veranlagung als Komödiantentum vorwarfen.

Er führte die Schale zum Munde, leerte sie halb, und schrieb dann, leise murmelnd, die folgenden Verse in seine Tafel:

Ja, beim unsterblichen Zeus, Ariadne bist du geworden
    Meinem bedrängten Gemüt, das in verzehrender Qual
Unablässig geschweift durchs Labyrinth der Erkenntnis,
    Ohne der gräßlichen Fahrt irgend ein Ende zu sehn.
Dich zu verherrlichen, trink' ich den leuchtenden Bacchus: doch wahrlich,
    Nimmer gelüstet es mich, treulos wie Theseus zu sein.
Weh dir, erbärmlicher Thor, der blind vom entsetzlichen Wahne,
    Die sich zu eigen ihm gab, irren Gebarens verließ!
Neu umdräun dich die Wege des trostlos-riesigen Bauwerks,
    Weil du den Frieden verschmäht, den dir die Liebe gereicht!

Diese rhythmisch wohlgegliederten Doppelverse, die für eine Improvisation gar nicht so übel waren, erfüllten das Herz des jugendlichen Imperators mit einer Art von transscendenter Verzückung.

Er setzte sich wieder auf die Kante der Bettstatt, und beschaute andachtsvoll das liebliche Rätsel, das ihm in dieser holden, nicht genug zu bewundernden Mädchengestalt entgegenlächelte.

Ihr langhinwallendes Blondhaar, das allein ausgereicht hätte, ein nachtumdunkeltes Weltall mit Poesie zu erleuchten; dieser schwellende Arm; diese Brust, weiß wie der Blütenschnee des Aprilmonds – bei allen Unsterblichen, es war wie ein Göttertraum!

Voll heiligen Staunens hielt er den Atem an, die Geliebte nicht aufzuwecken: das Bild war zu sehr über alle Beschreibung herrlich.

Ach, und wie liebte ihn diese Acte! Wie völlig ging sie auf in seinem Besitz! Ihre zerschmelzende Hingebung fand nicht ihresgleichen im ganzen Imperium!

Plötzlich wurde er traurig.

War es nicht dennoch ein Unglück, dieses Kleinod verbergen zu müssen, als sei die beglückende Liebe zu Acte ein Unrecht? Wenn es denn in der Menschenbrust ein Gewissen gab, das die gute That lobte und die schlechte verurteilte – wohl: so hatte sich sein Gewissen niemals reiner gefühlt als jetzt; die Gottheit wünschte dann nichts Vollkommeneres und Gerechteres, als diese heißerglühende Herzensneigung.

Er suchte sich die Erinnerung an Octavia heraufzubeschwören, und so die Probe zu machen, ob sich noch irgendwo eine Stimme erhübe zu Gunsten der unglückseligen Gattin.

Aber alles blieb stumm.

Acte war sein Traum und sein Leben, und da er sie liebte, kannte er fürder nur eine Pflicht: durch Acte glücklich zu sein und die Geliebte glücklich zu machen.

Abermals lehnte er so eine Weile in Betrachtung versunken. Wie war sie himmlisch, einer kaum erschlossenen Frühlingsrose vergleichbar! Wie war sie jung! Aber ach – nur den Göttern der hellenischen Sagenwelt war ewige Jugend eigen! Dieses liebliche Mädchen, das so ganz Blüte war und so völlig die Aetherlüfte des Olympos zu atmen schien, würde trotz all seines Liebreizes dem nagenden Einfluß der Jahre nicht widerstehen können. Diese schimmernden Wangen sollten allmählich verblassen, die ganze holdselige Zaubergestalt verwelken, verwittern . . . Und am Ende der schauderhaften Entartung stand ein hohläugiges, bleiches Gespenst: der Tod.

»Weh mir, der Tod!« murmelte Nero. – »Um so – sehnsuchtstrunkener will ich das Leben umfassen, so lang es mir leuchtet. Acte, beneidenswertes Geschöpf! Nach deinem Glauben ist der Tod nur ein Uebergang in ein besseres Sein, und das Verwelken des Leibes gleicht der Verpuppung der Raupe, die späterhin als strahlender Schmetterling zur unsterblichen Sonne schwebt. Ach, könnte ich glauben, wie du! Nicodemus, dein ehemaliger Herr, hat mir – wie oft! – zu beweisen versucht, was leider, leider nicht zu beweisen ist: die ewige Seligkeit in den ambrosischen Hallen des Jenseits. Wo ich ihm Zweifel entgegenschleuderte, hob er, einer Sibylle vergleichbar, die Finger der rechten Hand, und sagte prophetisch: ›Herr, du mußt glauben!‹ Er begreift nicht, welchen Widersinn diese Worte enthalten. Es ist, als ob man dem Kranken zuriefe: ›Du mußt nun gesund sein!‹ Er hat mich abgestoßen mit seiner Unlogik. Acte freilich könnte dasselbe sagen, und würde mein Herz berücken, denn bei ihr vernähme ich nichts von dem Widerspruch der Gedanken, sondern nur die Tieftönigkeit ihres Glaubens . . . Sterben, sterben . . .! Für ewig dahin gehn mit allem, was man gefühlt und gedacht und geträumt und geliebt hat! Es ist seltsam, wie mir das an die Seele faßt. Sonst verstand ich es doch, wenn mir Seneca nachwies, daß der Untergang unsres Ich kein Uebel bedeute. Seit ich Acte besitze, möchte ich ewig leben. Ewig um ihretwillen.«

Er beugte sich über die Schlummernde und küßte sie wie von Sinnen. Sie schlug die Augen auf, streckte ihm selig lächelnd die Hände entgegen, umschlang ihn und zog ihn liebend zu sich herab.

Jetzt nahm auch sie von dem Weine, den er ihr darbot. Sie trank wie eine Verschmachtende. Dann lohnte sie's dem Geliebten mit einem duftigen Kuß, hieß ihn an ihrer Seite verweilen, und blickte ihn, halb sich aufrichtend, wonnevoll an.

»Acte,« sprach er, mit ihrem goldigen Haar spielend, »Acte, mein Stern, mein Liebchen, mein Alles – bist du glücklich?«

»Unendlich glücklich.«

»Hast du irgendwie einen Wunsch, den du geheim hältst?«

»Nein . . .«

»Acte, ich sehe, wie du errötest. Sprich mir die Wahrheit!«

»Nun, ich dachte, wie es doch herrlich wäre, wenn ich dich manchmal begleiten dürfte, – zum Beispiel ins Marsfeld . . . Ach, weißt du noch, – die selige Stunde im Gezelte des Magiers? Aber das geht ja nicht . . .«

Nero stützte sein schönes Jünglingshaupt in die Rechte.

»Das geht nicht?« fragte er, dem jungen Mädchen das Kinn streichelnd. »Wer, vielteure Acte, wollte mir's wehren?«

»Deine Mutter, – Octavia, – der hohe Senat – was weiß ich!«

»Ich will dir beweisen, wie schwer du dich im Irrtum befindest. Ich bin der Herr, und mir gehorcht das Prätorium und das redliche Volk. Morgen kann ich nicht . . . Morgen speise ich bei Thrasea Pätus. Uebermorgen jedoch finde ich einen Vorwand . . . In der vierten Nachmittagsstunde hol' ich dich ab in die Prunkalleen des Campus.«

»Ach, wie reizend!« Sie klatschte in beide Hände. Es war ihr in der Abgeschlossenheit ihres Landhauses doch mitunter recht einsam geworden, obgleich der vortreffliche Phaon, ihr Obersklave, sie in Staatsgeschichte und Naturwissenschaft emsig und mit gutem Erfolg unterrichtete.

»Nun seh' ich, daß du um meinetwillen was wagst,« stammelte sie verzückt. »Aber ich will nicht Mißbrauch treiben mit deiner Güte. Vorsicht heißt die Mutter der Weisheit. So viel es an mir liegt, soll mich keiner der widerlichen Gaffer erkennen, die sich allenthalben heranwerfen. Ich will mich verschleiern . . .«

»Mach, was du willst! Jetzt aber – nur noch ein Viertelstündchen in süßem, weltvergessenem Geplauder! Ach, die Zeit meines Glückes ist leider noch immer ein achtfach geflügelter Hermes!«

»Nero, mein Herr und Gott!«

»Acte! Acte!«

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.