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Ernst Eckstein: Nero - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleNero
authorErnst Eckstein
year1897
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleNero
pagesIII-VI
created20030403
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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Zehntes Kapitel.

Ein Gladiatorenkampf, der die weinerregten Gemüter des Publikums zu heller Begeisterung entflammt hatte, neigte sich, da Claudius Nero den Festplatz wieder betrat, soeben dem Ende zu.

Aus mehreren Wunden blutend, war der eine der Fechter in die Kniee gesunken; sein zerbrochenes Schwert lag einige Schritte abseits im Sand der Rotunde. Fragend blickte der Sieger umher, und ließ dann die Blicke auf dem Hochsitz der Imperatorenfamilie haften, um von den Lippen der Kaiserin-Mutter den Spruch zu empfangen, der über Leben und Tod seines entwaffneten Gegners beschließen sollte.

Agrippina, obschon die rotgelockte Hispanierin Acerronia ihr heimlich zuredete, lehnte die ihr angetragene Entscheidung ab, – denn sie sei hier ja Gast so gut wie die andern – und wies den Fechter mit einer vornehm-kühlen Gebärde an die übrigen Sitzreihen.

Der Uebermut der entnervten Jünglinge und der herzlos-öden Koketten wünschte den Kelch dieser blutigen Scene bis zur Neige zu kosten.

Ueberall senkte man weitstarrenden Auges den Daumen.

Das hieß verdolmetscht: »Erspare dem Flavius Scevinus die Kurkosten! Vorwärts! Den Todesstoß!«

Ein letztes Zögern: dann senkte sich die Klinge des Siegers breit in die Brust seines Opfers. Ein dunkler Blutstrahl zischte rauchend zum Himmel auf . . .

Da, inmitten der weithin dröhnenden Beifallsrufe, erschien der Cäsar.

Hehren Angesichts wie Apoll schritt er die Stufen hinauf zur Tribüne, wo er zwischen Octavia und Agrippina Platz nahm.

»Das hättest du hindern sollen,« wandte sich Nero zu seiner Mutter. »Oder du zum wenigsten, edle Octavia, die man die Sanfte nennt. – Freilich, eine Römerin von der Sohle zum Scheitel, bist du auch abgehärtet gegen die Gräuel des Sterbens. Ich begreife das und ich füge mich. Heute nur, heute . . . ich weiß nicht, – aber das Fest war so schön, so harmonisch, – ihr hättet euch sträuben sollen, diesen glückseligen Tag durch einen Mord zu entweihen.«

»Mord?« fragte Agrippina erstaunt.

»Ja, Mord,« wiederholte der Cäsar; »denn so gesetzlich er ist, es bleibt immer ein erbärmlicher Mord. Hörtest du nie die Meinung des Seneca? Auch der edle Flavius Scevinus gehorcht hier lediglich den Pflichten des Gastgebers, nicht seinem eigenen Gefühl, wenn er dem grausamen Zeitgeschmack willfährig scheint. Im Herzen aber teilt er die Ansicht meines unsterblichen Lehrers.«

»Die Gladiatorenkämpfe sind ein Vermächtnis der Ahnen,« versetzte Octavia. »Cicero selber, der doch so gut ein Philosoph war, wie Seneca, hielt sie für die geeignetste Schule männlicher Tapferkeit. Wie käme es mir zu, dem Willen und den Gewohnheiten des Römervolkes zu widerstreben?«

»Das dächte ich auch!« sagte die Kaiserin-Mutter mit großem Nachdruck. Ihre Stimmung war geradezu grimmig. Der dreiste Trinkspruch des Hausherrn tobte ihr jetzt, da Flavius Scevinus ihr offen als Muster ethischer Lebensführung gepriesen wurde, doppelt heiß durch die Adern.

»Mutter,« wandte sich Nero wieder zu Agrippina, während zwei Sklaven den sterbenden Thraker hinausschafften, »rede, was hast du? Mißfiel dir, was ich doch aus heiligster Ueberzeugung zu Octavia gesprochen? Du schaust so ernst, so verdrossen aus. Ach, und ich bin so froh, so glückselig, so ganz durchflutet von Festeswonne und Lebenslust, daß ich dem Tod gebieterisch in den Weg treten möchte! Mutter, ich weiß, der Trinkspruch des Flavius Scevinus hat dir wehe gethan. So fein er gedrechselt war, die Spitze umschloß dennoch ein schleichendes Gift . . . Sieh, Mutter, eine beträchtliche Anzahl der Senatoren und die Mehrheit des römischen Volkes wünscht, daß ich das Scepter des römischen Imperators allein trage, aber Nero fühlt zur Genüge, wem er den Thron verdankt. Du sollst die Herrin bleiben über das Reich, falls du mit echter Milde regierst und ohne Verletzung der Staatsgesetze. Nur im kleinen wirst du mir nachgeben, nur im Spiel, während der Ernst dein unumschränktes Gebiet sei. Ich bin nicht ehrgeizig, Mutter. Ich lasse mich nicht verführen durch die Mahnrufe derer, die dich verdrängen wollen.«

Noch ehe ihm Agrippina etwas erwidern konnte, scholl aus dem mächtigen Piniengang, unmittelbar hinter dem Festplatz, ein hallender Hilferuf.

Alles sprang von den Sitzen auf.

Die Prätorianer voran, stürmte man in die breite Allee, wo Flavius Scevinus, auf den Arm der schönen Poppäa Sabina gestützt, langsam heranschwankte.

»Mord! Mord!« rief Poppäa mit ihrer dunkeltönigen Stimme. »Welch ein Zeitalter! Nicht mehr im eigenen Hause verschont man den Festgeber!«

Im Augenblicke war Nero auf der andern Seite des wackeren Senators und legte ihm wie beschirmend die rechte Hand weithinumklammernd über die Hüfte. So streifte er den Arm der Poppäa, die trotz der Aufregung des Moments bei dieser Berührung eigentümlich zusammenzuckte. Es war, als wolle sie den Kaiser empfinden lassen, wie gewaltig er auf sie wirke.

»Sprich, wie geschah es?« fragte Nero besorgt. »Und vor allem: wie fühlst du dich?«

»Für diesmal scheint die Sache noch leidlich abgelaufen zu sein,« scherzte Flavius Scevinus. »Ich wandle hier mit der Gattin des Otho und verabsäume, von ihrem anmutreichen Geplauder bestrickt, meine Pflichten als Hausherr. Da raschelt es im Gebüsch. Ich denke, es ist ein Raubvogel: aber noch eh' ich das ausgedacht, trifft's mich hier rechts auf der Schulter. ›Oho!‹ ruf' ich und wende mich um. Da verschwindet's schon wieder, und ich merke nur, wie mir das warme Blut über den Rücken fließt.«

»Prätorianer! Umzingelt den Park und das Haus!« rief Agrippina gebieterisch. »Die Mauer ist hoch, die Ausgänge sämtlich geschlossen. Der elende Missethäter soll uns mit heiler Haut nicht davonkommen!«

»Fackeln her!« gebot Tigellinus, während Nero und die schöne Poppäa den blutüberströmten Flavius Scevinus nach dem Cubiculum führten.

»Vergebliche Mühe!« rief der Verwundete mit einem seltsamen Blick auf die Kaiserin-Mutter. »Solche Meuchelmörder sind schlau, über die Maßen schlau, und sie haben das Glück, daß unsre Erbitterung sie stets in der falschen Richtung verfolgt.«

Im Cubiculum angelangt, wandte sich Nero an den ängstlich dastehenden Artemidorus.

»Hilf mir,« sprach er, »deinen Gebieter aufs Lager heben!«

»Durchlauchtigster Kaiser,« versetzte der Freigelassene, »siehe, hier stehen Leute genug, darunter die Aerzte. Der edle Scevinus würde es niemals verzeihen, wenn ich's geschehen ließe . . .«

»Schweig!« unterbrach ihn Scevinus barsch. »Thu, was Nero, der Imperator, gebietet! Er ist der Herr, er allein, dem ihr Gehorsam schuldet, und geböte er euch, – seine eigene Mutter in Haft zu nehmen.«

Claudius Nero wechselte mit der schönen Poppäa einen Blick des Erstaunens, der sich ihrerseits sofort in den schmachtenden Augenaufschlag der Minne verwandelte.

Danach hob der Kaiser mit kaum bemerkbarer Kraftanstrengung den Oberkörper des breitschulterigen Mannes auf die eherne Bettstatt, während Artemidorus die Kniee des Patienten umspannt hatte, und so gemeinschaftlich mit dem Beherrscher des Weltreichs den Dienst eines Krankenträgers versah.

Zurücktretend gewahrte Nero, daß seine schneeige Toga über und über mit Blut getränkt war.

Eine sonderbare Empfindung beschlich ihn.

Blut an dem Tage, der ihn mit seiner heißgeliebten Acte zusammengeführt – das bedeutete Unheil.

Zwar widerstrebte er diesem Eindruck.

»Thorheit!« sagte er zu sich selbst. »Nero glaubt ebensowenig an die Ammengeschichten der Wahrsager, wie an die zärtlichen Abenteuer des Jupiter. Ich selbst werde nun Jupiter sein in den Armen meines bezaubernden Liebchens, und die Regierung der Erde den Verblendeten überlassen, die im Kampf um die Herrschaft das Glück dieses vergänglichen Lebens erblicken.«

Die Wunde des Flavius Scevinus schien nicht gefährlich. Der Dolchstoß, in rasender Ueberstürzung ausgeführt, war zu weit links gegangen.

Der Hausarzt Polyhymnius legte einen kunstgerechten Verband an und ließ dem Erschöpften aus schneekühlem Wasser und Fruchtsaft eine Art Limonade bereiten, die ihn sichtlich erquickte.

Hiernach bedankte sich Flavius nochmals in den bewegtesten Ausdrücken bei dem hilfreichen Imperator.

»Das ist die wahre Herrschernatur,« fügte er bedeutsam hinzu, »die überall selbst zugreift, wo es ein Unglück zu lindern, eine Schmach zu bestrafen, eine hochherzige That zu belohnen gilt. Nero, der seinen Freunden hilft, wie ein Bruder, wird in den Stunden ernster Gefahr auf uns zählen dürfen.«

Dann zu Poppäa. »Gib mir die Hand, du liebenswürdigste unter den Römerinnen! Wäre ich zwanzig Jahre jünger, ich möchte deinen glückseligen Otho beneiden. Du bist schön wie die himmlische Aphrodite und freundlich wie Eos. Versprich mir, daß du mich dieser Tage besuchst! Ich muß die allerliebste Geschichte, die du begonnen hattest, zu Ende hören.«

»Wenn es dem Diener gestattet ist,« fiel hier der Arzt Polyhymnius ein, »für das Wohl seines Gebieters unbedingt Sorge zu tragen, so möchte ich dem göttlichen Cäsar und der edlen Poppäa den Rat erteilen, unsern Kranken von jetzt ab allein zu lassen. Das Wundfieber, das nicht ausbleiben wird, möchte sonst gar zu bedenklich wüten.«

»Du redest weise,« versetzte der Imperator. »Komm, Poppäa! Dein zärtlicher Otho wird ohnedies vor Eifersucht halb schon vergangen sein.«

»Laß ihn, Herr!« sagte Poppäa schalkhaft; »die Eifersucht ist das Oel, das die Flammen der Liebe nährt. Uebrigens« – fügte sie leise hinzu – »Eifersucht auf Flavius Scevinus . . .? Du überschätzest seine Talente.«

Sie warf ihm einen verzehrenden Blick zu, während sie jetzt durch den großen Mittelsaal in das Freie trat.

Hier herrschte eine unglaubliche Aufregung. In Abteilungen von drei oder vier Mann durchstreiften die Leibsoldaten des Imperators, soweit sie nicht zur Umzingelung des Grundstücks verwendet waren, die endlosen Baumreihen und das dichte Gestrüpp.

Je ein Fackelträger begleitete sie.

Die Beherzteren unter den Senatoren und Rittern, von Milichus, dem Obersklaven des Hauses, mit Waffen versehen, schlossen sich, soweit es ihr Zustand gestattete, an. Die Mehrzahl freilich – zumal die gesamte Jugend – hatte dem schweren Wein des Flavius Scevinus derart zugesprochen, daß sie taumelten, wie die Gefolgschaft des Dionysos. Diese unermüdlichen Zecher sanken nach fruchtloser Anstrengung seufzend auf die polsterbelegten Sitze zurück. Selbst Tigellinus, der doch so gründliche Uebung hatte, wußte sich nur mit äußerster Mühe noch in Bewegung zu setzen.

Die Frauen und Mädchen, soweit sie nicht auf ihren Bisellien entschlummert waren, hatten sich ins Cavädium geflüchtet.

Nur Agrippina und die ernste Octavia saßen stolz aufrecht in ihrer Loge, klar und gleichmäßig von den ruhig brennenden Kandelabern bestrahlt, ernste, majestätische Bildsäulen.

Nero hatte sein Schwert gezogen. In eigener Person wollte er die erbärmliche Missethat, die ein tückisch-verborgener Feind an Flavius Scevinus verübt hatte, rächen.

Poppäa Sabina, die nächste Fackel aus dem ehernen Halter emporhebend, folgte ihm; denn Otho, ihr eifersüchtiger Gemahl, war nirgend zu schauen – oder die Gattin verstand es, ihm auszuweichen . . .

Poppäa, in das üppig verschlungene Gestrüpp leuchtend, zuckte mit einemmal heftig zusammen.

Sie hatte unmittelbar am Wegraine in der kleinen Vertiefung, die das Gewässer zu Thal führte, einen blinkenden Dolch entdeckt.

Ohne ein Wort zu sprechen, hob sie ihn auf.

Nero, im Eifer seiner Verfolgung, hatte ihr plötzliches Bücken nicht wahrgenommen.

Die bläulich schillernde Klinge war dreischneidig, die Blutspuren zwar nicht umfangreich, aber doch frisch genug, um jeden Zweifel an der Bedeutung dieses unerwarteten Fundes zu unterdrücken.

Immer weiter stürmte Nero voraus.

Poppäa Sabina benützte einen günstigen Augenblick, um den Dolch am taufeuchten Rasen abzuwischen und ihn vorsichtig unter den Gürtel zu schieben.

Alles war ihr nun klar.

Ganz die nämliche Waffe hatte sie neulich durch einen seltsamen Zufall in den Gemächern der Agrippina bemerkt, – ein unscheinbares Stilett, nicht dazu angethan, seine fürstliche Besitzerin zu verraten.

Einfach genug, und doch wie die kunstvolle Anzettelung eines Tragödiendichters hatte die Sache sich zugetragen.

Noch sah Poppäa im Geiste das üppige Schlafgemach.

Agrippina war unpäßlich. Poppäa brachte ein herrliches Blumengewinde »als Gruß für die holde Dulderin« – in Wahrheit, um sich bei der Kaiserin-Mutter einzuschmeicheln, im Hinblick auf Nero.

Agrippina war damals besonders huldvoll; die gelben Rosen hatten für Augenblicke ihr Herz erobert.

Sie ließ Poppäa zu sich entbieten und dankte ihr.

Außer der Kranken war nur die Pantherkatze im Zimmer, die rote Hispanierin Acerronia.

Da plötzlich fiel Agrippina in Ohnmacht. Vielleicht hatte der Duft des Rosengewindes zu stark auf ihre erregten Nerven gewirkt. Acerronia fing die Herrin sorglich in ihren Armen auf, rieb ihr die Stirne, die Wangen, und rief der erschreckten Poppäa zu:

»Die Essenz, ich beschwöre dich, die Essenz! Rechts in der Wandlade hinter dem Ebenholzschrein! Das Fläschchen mit der Ausschrift: ›Niemals zuviel!‹«

Poppäa suchte. In ihrer Erregung fand sie nicht gleich den elfenbeinernen Knopf der Wandlade. Sie suchte und drückte, bis ihr eine der übrigen Silberplatten der Wandbekleidung entgegensprang.

Die allbekannten Krystallflaschen der Giftmischerin Locusta verrieten ihr zur Genüge, daß sie hier einen sehr unerwünschten Einblick gethan hatte.

Hier lagen auch zehn bis zwölf Dolche mit dreifach gekanteter Klinge und kupfernem Rundgriff.

Sie hatte das alles wie im Fluge geschaut, – aber ihr Gedächtnis war treu.

Geräuschlos klappte sie die Silberplatte wiederum ein, fand nun sofort die Wandlade mit dem Essenzfläschchen und eilte zu Acerronia.

Niemand hatte etwas gemerkt . . .

So sollte auch jetzt niemand erfahren, wie eigentümlich ihre Entdeckung von damals sich heute verwertete.

Agrippina durfte nicht ahnen, daß Poppäa Sabina den Beweis für die Urheberschaft der Kaiserin-Mutter an dem Mordanfalle auf Flavius Scevinus hier unter dem Busen trug; daß es ihr nur ein Wort kostete, um Agrippina bei dem ahnungslos-vertrauenden Imperator jämmerlich zu entlarven. Die junge Frau blieb so Herrin der Situation. Vorläufig unverbrüchliches Schweigen – dann aber, wenn es die Umstände etwa erheischen sollten: voran! Beim Jupiter, Nero würde erkennen, wie vortrefflich dieses Stilett zu den übrigen paßte, die bei den Flaschen Locustas im Schreine lagen!

Dies alles zuckte ihr mit der Schnelligkeit eines Blitzes durch das Gehirn.

Nun eilte sie seelenvergnügt weiter.

Bald hatte sie den rastlos forschenden Cäsar wiederum eingeholt.

»Da kommen die ersten bereits zurück,« sagte sie seufzend. »Es scheint, sie haben genau so vergeblich gesucht, als wir.«

»Nichts, teurer Cäsar, nichts!« rief Tigellinus mit lallender Stimme von weitem schon. »Auch die Tribunen der Prätorianer, deren Pfad ich gekreuzt habe, sind, beim Herkules, ohne die leiseste Spur. Die Lanzen der Leibwächter haben sich überall durch Lorbeer und Myrte gebohrt: jeder irgend denkbare Spitzbube hätte aufgespießt werden müssen.«

»So hat der Missethäter die Mauer erstiegen,« sagte der Cäsar.

»Kaum glaublich, wenn er nicht im Besitz einer Leiter war. Von dieser Leiter jedoch müßte man in dem weichen Erdboden Eindrücke vorfinden, selbst wenn der Schurke sie nach sich gezogen hätte. Zudem stehen da draußen ja Prätorianer, – und Leute der Stadtkohorte, die der Lärm in die Nähe zog.«

»Gut. So weilt der Mörder in unsrer Mitte.«

Tigellinus zuckte die Achseln.

»Wer unter all den Geladenen wäre ein so verruchter Bube und Lumpenhund? Und ferner: wer hegte Feindschaft wider den wackeren Scevinus? Er ist allenthalben beliebt, ein vergnügtes, harmloses Kneipgenie . . . Seine Sklaven vergöttern ihn. Artemidorus vielleicht . . .?«

»Artemidorus befand sich im Hause, als man um Hilfe rief.«

»Nun, nun, er ist ihm doch durchgebrannt, – damals, vor einigen Monaten.«

»Das geschah nur aus Furcht, nicht aus Gehässigkeit.«

»Aber wer soll's denn gewesen sein?« fragte der Agrigentiner, ein wenig taumelnd. »Du glaubst doch nicht, daß irgend ein leidenschaftlicher Anbeter unsrer Poppäa dem Sechzigjährigen grollte, weil er Seite an Seite mit ihr durch den Park schweifte?«

»Ich glaube vorläufig gar nichts,« erwiderte Nero. »Du aber wirst mir einräumen, daß der Dolch nicht von selber geflogen kam, wie das Täubchen Melinnos. Also werde ich thun, was meines Amtes ist. Forsche nach Burrus! Heiß ihn seine Prätorianer zusammenrufen! Die Stadtsoldaten mögen draußen die Wache halten, falls der Verbrecher sich etwa in einem der undurchdringlichen Baumwipfel sollte verborgen haben. Wie die Sache jetzt liegt, traue ich keinem. Jedermann vom Senator bis zum niedrigsten Sklaven herab soll untersucht werden. Man möge erfahren, daß im Reiche des Nero solche Banditenstreiche sofort geahndet werden.«

Fünf Minuten danach erscholl die Drommete. Von allen Seiten strömte die Leibwache herzu. Auch die Gäste waren in kürzester Frist vollzählig.

»Tritt du heran zu uns auf den Hochsitz,« sagte der Cäsar zu Poppäa Sabina. »Du, die Begleiterin des Flavius Scevinus bei dem schnöden Ereignisse, stellst hier gleichsam das öffentliche Gewissen dar. Deine Trauer und deine Schönheit wird dem Schuldigen Reue und Scham einflößen und so die Entdeckung erleichtern. Auch bist du, Poppäa, die du ja mit ihm warst, die einzige, die erhaben über jedem Verdacht steht, – du, und wir, die kaiserliche Familie!«

Agrippina warf der schönen Poppäa, als diese zur Linken des Imperators stehen blieb, einen befremdlichen Blick zu, dem die übermütige junge Frau ruhig und freundlich begegnete. – Was hätte es jetzt auch für einen Zweck gehabt, Agrippina zu reizen? – Nein, Poppäa war viel zu schlau, um ihre weitausschauenden Pläne zu überstürzen.

»Wen mag sie so plötzlich dazu gedungen haben, die kaiserliche Verbrecherin?« dachte Poppäa. »Burrus gilt als ihr Günstling . . . Aber ihm trau' ich's nicht zu: das bewiese doch eine zu pöbelhafte Gesinnung. Vielleicht der Centurio Ubius, der so fabelhaft rasch avancieren soll? Pah, was bekümmert's mich? Da ich ja weiß, wo der Urquell dieser Missethat sprudelt, so weiß ich genug.«

Im Innern mußte sie herzlich darüber lachen, wie rasch und wie leicht sie, dank jener Ohnmacht der Agrippina, das Spiel durchschaut und so einen Vorteil gewonnen hatte, der ihr mit höchster Wahrscheinlichkeit über kurz oder lang zu statten kam.

Trotz dieses heimlichen Siegesgefühls beherrschte sie sich, und fand so die nötige Würde, als der entrüstete Nero mit flammendem Auge in den Kreis der Gäste hinabrief: »Ein Frevel hat sich ereignet – ruchlos wie kein andrer zuvor! Helft mir den Thäter entlarven! Wer sich da schuldlos fühlt, halte es ja nicht für überflüssig, diese Schuldlosigkeit zu beweisen! Keiner verlasse hier seinen Platz, eh' er nicht dargethan, wo er bis dahin sich aufgehalten; daß er weder verborgene Waffen trägt, noch etwa Spuren des meuchlings vergossenen Blutes. Insbesondere ihr, glorreiche Prätorianer, Stützen des Rechtes und der Gesetze – ihr vor allen müßt darauf halten, daß der Schurke entdeckt werde! Malt euch die unerträgliche Schmach aus, daß er sich etwa in eurer Mitte befände! Fort mit dem Buben! Fort aus dieser ehrenwerten Truppe der Auserlesenen! Der Henker wäre zu gut dazu, ihm den Garaus zu machen.«

Ein beifälliges Gemurmel ging durch die Runde.

»So beginne mit mir,« sagte die Kaiserin-Mutter, die Arme ausbreitend, als überliefere sie sich einem entehrenden Schicksale.

Dabei geschah es, daß ihr ein silberner Nagel, dessen Spitze durch den Rand der Polsterbrüstung hervorlugte, scharf über die Hand ritzte. Ihr Blut floß hell über den Harnisch des ihr zur Rechten stehenden Centurionen Ubius, und dann, als sie mit einem flüchtigen Aufschrei zurückzuckte, über ihr eigenes lilienweißes Gewand.

»Mutter,« rief der Kaiser entsetzt, »was beginnst du! Nochmals Blut an diesem herrlichen Tage, der so leuchtend begann und so himmlisch zu enden schien?«

»Mein Sohn, dieses Blut ist ein Zufall: aber im Zufall äußert sich oft der Wille der unsterblichen Götter. Sie wollen Dich, ihren Liebling, vielleicht gemahnen, daß du die Gäste des Flavius Scevinus beleidigst, wenn du hier eine Kriminalsitzung planst, als wäre der Festplatz im Parke eines Senators die pöbelumdrängte Basilica, wo die Rechtsbeflissenen ihre Spitzfindigkeiten zum besten geben.«

Nero griff wie betäubt an die Stirne. War er denn immer noch der zehn- oder zwölfjährige Knabe, den die Mutter, wenn er mit zerrissener Tunica heimkehrte, bei den Haaren zauste, nach der ungeschlachten Manier einer Oskerin?

Schon wollte er – mit vollkommener Mäßigung, aber dennoch energisch – betonen, daß die Sicherheit seiner Staatsbürger ihm höher stehe, als die höfische Rücksicht auf die Geselligkeit. Burrus jedoch, der Oberst der Prätorianer, war ihm zuvorgekommen.

»Allgewaltige Agrippina,« sprach er mit fester Stimme, »mein Amt gebietet mir, unverzüglich ans Werk zu gehen und den Befehlen des Imperators Folge zu leisten. Mag die vornehme Dame dadurch verletzt werden: die Mutter des Kaisers wird bereitwillig anerkennen, daß der alte, schlechterzogene Soldat seine Pflicht gethan.«

Agrippina zuckte die Achseln. Wenn der Oberst der Prätorianer für Nero Partei ergriff – was konnte sie machen? Heimlich gelobte sie sich, den Bären jetzt endgültig mit Rosenketten zu fesseln, damit sie künftighin solche Ausbrüche eines unerwarteten Pflichtgefühls hintertreiben könne.

Der Befehlshaber der Prätorianer rief nun acht seiner Leute, auf deren unverbrüchliche Treue er bauen konnte, mit Namen auf, und befahl ihnen, zunächst ihre Kameraden, dann aber alle männlichen Gäste, soweit sie nicht darthun konnten, wo sie sich während des Attentats aufgehalten, sowie sämtliche Sklaven gründlich zu untersuchen. Die Frauen und Mädchen, die nicht im stande sein würden, sich sofort zu entlasten, hieß er unter Bedeckung einiger weiteren Prätorianer ins Atrium treten.

Keine der Damen erhob sich.

Die ganze Angelegenheit war über alles Erwarten schnell zu Ende gebracht.

Jeder hatte zum wenigsten zwei oder drei Zeugen, die ihm eidlich erhärteten, daß er sich anderwärts aufgehalten.

Nirgends fand sich eine stilettartige Waffe, – und die Gestalt der Wunde ließ doch keinen Zweifel darüber, daß sie von einem Stilett herrührte.

Das Ergebnis der Untersuchung war in jeder Beziehung gleich Null.

»Ich sagte es ja!« rief Agrippina. »Wir bitten euch sehr um Verzeihung, ihr edlen Gäste des Flavius Scevinus, wenn der rühmliche Rechtseifer unsres geliebten Sohnes ein wenig zu weit gegangen.«

Nero erwiderte nichts. Seine Seele war bereits von andern Bildern erfüllt. Schweigend erhob er sich und behändigte unbemerkt dem Sklaven Artemidorus das Schreiben Actes für die sicilianische Dame . . .

In der nämlichen Ordnung, wie man im Hause des Flavius Scevinus eingetroffen, wandte sich der Zug der kaiserlichen Familie dem Heimweg zu. Metella, die Gattin des bedauernswerten Scevinus, geleitete ihre erlauchten Gäste bis ans Vestibulum.

»Möge er bald genesen!« flüsterte Agrippina, der Frau des Verwundeten freundlich die Stirne küssend.

»Das wünsche auch ich,« rief Nero. Er führte die Hand Metellas dreimal an seine Lippen.

»Und möge der Unhold, der deinen Frieden gestört hat, trotz der Schlauheit seines Verbrechens entdeckt werden!« sagte Octavia, die Weinende zärtlich umarmend. »Getröste dich, liebste Metella! Polyhymnius ist ein vortrefflicher Arzt, und die Wunde ist leicht.«

Der Zug setzte sich in Bewegung. Weder Nero, noch Octavia sprachen ein Wort. Außer den regelmäßigen Schritten der Sänftenträger, des Fackelgefolges und der Soldaten der Leibwache hörte man keinen Laut. –

Nero sah einer leuchtenden Sonne entgegen, die er heute schon flüchtig geschaut, die aber morgen aufgehen sollte für sein ganzes, glückliches Leben.

Octavia hatte, ohne doch das Geringste zu wissen, das dunkle Gefühl, als würde es nie wieder Tag werden.

Das ruhig-klare Schweigen ihres Gemahls war so seltsam beredt. Sein Auge strahlte, sein Mund lächelte, wie der eines Kindes, das am Abend seines Geburtsfestes von der Puppe träumt, die ihm beschert worden ist.

Was ihn so klar, so beruhigt stimmte, und diese blühende Jugendlust über sein Antlitz goß, das konnte nur eins sein: die babylonische Rose, nach der Millionen vergeblich suchen – das Glück.

Die arme Octavia fühlte es wie ein unaussprechliches Weh, daß sie keinerlei Anteil hatte an diesen Empfindungen; daß die babylonische Rose in seinen Händen für sie den Schmerz, die Entsagung, das Unglück für alle Zeiten bedeutete.

»In deinen Schutz befehle ich Sein und Leben, allgütiger Jupiter!« murmelte sie unhörbar. Sie rang die Hände. Sie ächzte, als wollte das Herz ihr in Stücke springen, aber so leise, wie der junge Spartaner, dem das gefangene Raubtier heimlich die Brust zerfleischte. Claudius Nero, der so glückselig in die sternbestrahlte Aprilnacht hinauslächelte, sollte nicht wissen, wie ohne Maßen sie elend war.

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