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Johannes Scherr: Nemesis - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorJohannes Scherr
titleNemesis
publisherMax Hesses Verlag
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid446a0579
created20070514
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1. Hoch droben.

Im ersten Dämmerschein des Morgens trat ein Mann aus dem Düster des Tannenforstes.

Am Saume desselben blieb er stehen, schlug die Arme übereinander und schaute bohrenden Blickes in das graue Frühlingsnebelmeer hinab, welches hart unter seinen Füßen die Tiefe füllte und meilenweit hinzuwogen schien.

Der Hochwald, aus welchem der Mann getreten, krönte eine Kuppe, von welcher aus man über die Nebelmassen hinweg ostwärts und südwärts die grandiosen und bizarren Formen einer Reihe von schneeglänzenden Kolossen in den blaßblauen Himmel emporragen sah. Aber diese Bergriesen hatten jetzt, wie immer vor Sonnenaufgang und nach Sonnenuntergang, ein unheimlich geisterhaftes Ansehen, etwas leblos Starres, Ankältendes. Der Winter schien auf ihnen zu schlafen, bleiern, unnahbar, mit eisigem Odem Licht und Leben aus seiner Nähe bannend.

Ringsher lautlose Stille, nur unterbrochen durch ein dumpfes Geräusch wie von stürzenden Wassern, welches in monotoner Wiederkehr durch das Dunstgeschwele herauf und herüber kam.

Da rührte ein leiser Morgenwindzug die Wipfel der Tannen, und nach kurzer Weile war die Szene wesentlich verändert.

Im Osten leuchtete es auf, erst schwach und weißlich flimmernd, dann hell und rosenfarben. Grünlich grelle Streiflichter zuckten über die Granitwände und Schneefelder des Hochgebirges hin, schwanden, kamen wieder, nahmen zu an Stärke und Kraft der wechselnden Farben, sprangen gedankenschnell von Fels zu Fels, von Firn zu Firn und pflanzten dann auf all den zahllosen Zacken und Hörnern die rotleuchtenden Banner des Tages auf, dessen Gestirn mählich hinter den östlichen Bergen emporstieg.

Jetzt bot der Ort, wo der Mann stand, einen kontrastvollen Ausblick. Oben alles Licht und Glut, unten noch dämmerndes Grau. Aber die Sonne, höher und höher steigend, griff mit ihrer belebenden Macht bald auch in die Tiefe hinein. Die rotglühenden Alpenspitzen warfen zitternde Reflexe auf das Nebelmeer, dessen Oberfläche dann unter dem Einflusse der Morgenbrise zu wogen und zu wallen begann. Im nächsten Augenblick hob und schob sich die ganze ungeheure Masse in die Höhe, trennte und furchte sich da und dort, dehnte sich in dichten Bänken hüben und drüben an den Bergen aufwärts. In der Mitte bildete sich eine riesenhafte muldenförmige Vertiefung, deren Grund die Gestalt eines dünnen weißen Flors annahm. Jetzt zerrissen ihn die Sonnenstrahlen, und herauf blitzte blau und silbern der Spiegel des Sees.

Er war von bedeutendem Umfang, allein seine Ufer waren vorerst noch nicht zu überblicken. Langsam und seine Massen in grotesken Bildungen durcheinanderschiebend quoll und brodelte der Nebel nach allen Seiten hin auseinander. Wie ein strahlend Aug' schaute das Wasser aus der Tiefe. Dann wurde der Riß weiter und weiter, der See dehnte sich nach rechts und links, die Dünste schwammen und drängten eilfertiger nach oben, und schon begannen die obersten Schichten an den Bergwänden ringsum in einzelne Wolken zu zerflattern. In dem Maße, in welchem sie aufstrebend die Felszacken und Schneekuppen verschleierten, lichtete sich drunten die Szene. Während der Nebel in halber Höhe der Berge einen rötlichweißen Gürtel bildete, der nach und nach verqualmte, lagen die Ufer des Sees dem Auge bloß. Es war ein herrlicher Wasserspiegel von länglich-ovaler Form, die aber auf der südlichen und östlichen Seite wildzerrissen sich wies. Hier stiegen die Berge oft in schwindelnd hohen senkrechten Felswänden, überall aber jäh und scheinbar unzugänglich in das Wasser herab. An seinem westlichen Ende drängte sich der See mehr und mehr zusammen und ergoß den Überfluß seiner Wasser in das Bett eines Stromes, welcher eine Strecke weit rauschend zwischen engzusammentretenden Felsen sich hinwand, dann in ein offenes Talgelände hinaustrat und dort dem Auge entschwand. Aus dem Tale herauf führte eine Straße an den See, welche den Verkehr der Gebirgslandschaft mit den ebeneren Gegenden vermittelte. Wenige Büchsenschüsse weit unterhalb der Ausmündung des Sees in den Fluß war über diesen eine jener in Berggegenden häufigen hölzernen Brücken geschlagen, deren Dach einen hellroten Anstrich hatte. Diesseits dieser Brücke zweigte sich von der am rechten Ufer des Flusses herauf führenden Straße ein schmalerer Fahrweg ab. Er ging über die Brücke, zog sich jenseits derselben eine Strecke weit in einem Halbbogen um den See und führte auf ein Gehöfte zu, dessen Hauptgebäude sich durch das Grauweiß seines Daches als eine Mühle verriet. Das Räderwerk derselben wurde durch einen Teil des Wassers, welches ein gewaltiger Bergbach aus den Schneefeldern herabbrachte, in Bewegung gesetzt. Etwas linkshin hinter der Mühle sah man dieses wilde Bergwasser aus den Klüften des Hochgebirges auf ein bewaldetes Plateau heraustreten, welches in steilen, zackigen Felsschichten jählings abstürzte. Von dieser wohl an fünfhundert Fuß hohen Wand warf sich der Strom in drei majestätischen Sprüngen, die von unzähligen kleineren Kaskaden und Kaskadellen umflattert wurden, in die Tiefe und bildete so einen prachtvollen Katarakt, welcher unter dem Namen des Donnerfalls weitum berühmt war. Weiter aufwärts den See sah die südliche Seite seines Gestades unwohnlich und unwirtlich aus. Überall abschüssige Granitwände, an denen sich von den höher gelegenen Gletschern stärkere und schwächere Silberfäden herabspannen. Da und dort unterhalb der Schneegrenze eine malerische Gruppe von Ahornbäumen, Tannen und Bergkiefern oder auch einzelne grüne Matten, Ausläufer schmaler Hochtäler, die sich in den mächtigen Gebirgsstock hineingelagert hatten und zur Sommerszeit die Schauplätze einer genüglichen und munteren Sennenwirtschaft waren. Einzelne Sennhütten klebten da droben wie Schwalbennester an den Abhängen. Das Ufer des Sees dagegen schien oberhalb der Mühle auf dieser Seite keine Spur von menschlicher Besiedelung zu zeigen; denn es gehörte ein sehr scharfes Auge dazu, im Hintergrund einer kleinen Bucht ein zwischen zwei mächtige Tannenstämme hineingepreßtes Häuschen wahrzunehmen, dessen graues Schindeldach mit dem Grau des schroff hinter ihm aufragenden Gesteins zusammenfloß. Zwei kleine, in der Morgensonne blitzende Fenster verrieten jedoch, daß dort ein menschliches Wesen in die Einsamkeit zwischen Fels und Wasser sich eingenistet habe. Das östliche Gestade des Sees verschwamm in dämmender Unbestimmtheit, weil auf dasselbe die über ihm aufgetürmten Berge noch ihre Schatten warfen. Dagegen lag das nördliche Ufer schon in voller Beleuchtung und bot einen von dem gegenüberliegenden wesentlich verschiedenen Anblick. Das Land stieg hier in sanftgeschwungenen Wellenlinien vom Wasser auf und bog dann weiter nach Norden hin in eine weite Ebene aus, in welcher inmitten von reichen Saatfeldern und Wiesengründen Gehöfte, Weiler und Dörfer zerstreut lagen und mehrere spitz zulaufende rote Kirchtürme aus dichten Obstbäumepflanzungen hervorlugten. Die letzteren, namentlich die Frühobstbäume, begannen eben in Blüte oder, wie man hier herum sagte, in Blust zu schießen und hoben sich um so anmutiger von dem jungen Grün der Saaten und Matten ab. Durch das schöne Gelände schlängelte sich, von den ostwärts gelegenen Bergen herkommend, ein stillgleitender Fluß, auf weitem Umwege sein Wasser dem See zuführend. Da, wo er die Grenzmarke des dem See zunächstgelegenen Dorfes verließ, trat er in ein tiefes, schmales, von wildem Gestrüpp überwuchertes Tobel, aus welchem hervorrauschend er in so launischen Wendungen dem See zufloß, daß man vermuten durfte, Kunst habe hier dem Wasser seinen Lauf vorgezeichnet. So war es in der Tat. Die Gartenkunst hatte den Lauf des Flusses zwischen dem Tobel und dem See zu ihren Zwecken benutzt und zwar so geschickt, daß dieses Wasser eine Hauptzierde des weitläufigen Parkes abgab, welcher sich weit am Seeufer hin- und weit an der sanften Abdachung desselben hinaufzog. Dieser Anlage, von der Natur so außerordentlich begünstigt, fehlte auch jener Zauber der Romantik nicht, welcher den trümmerhaften Überbleibseln früherer Jahrhunderte anhaftet. Jenseits des Flüßchens nämlich, in halber Höhe der Abdachung, sprang aus derselben ein hoher felsiger Hügel vor, dessen Gipfel die Ruinen einer Feudalburg krönten. Birken und Fichten waren zwischen den Trümmern aufgeschossen, und über die Baumgipfel hinweg ragte jener Kern mittelalterlicher Festen, der gewaltige Wartturm, genannt das Berchfrit, noch jetzt mit der nur wenig verwüsteten Kraft einer eisernen Zeit.

Auch hier aber zeigte sich eine Erscheinung, die an den Sitzen alter Geschlechter häufig vorkommt. Die Nachkommen der Burgherren hatten das Schloß ihrer Ahnen nicht mehr wohnlich und bequem genug gefunden und hatten sich deshalb am Ufer des Sees einen Wohnsitz geschaffen, welcher den Bedürfnissen und Gewohnheiten einer vorgeschritteneren Zeit mehr entsprach. Der ältere Teil dieses neuen Schlosses, das eigentliche Hauptgebäude, verriet durch seine edlen Verhältnisse, daß es noch zur Zeit der Renaissance entstanden sei. Später hatte man ihm zwei Flügel angefügt, die zu jenem in keinem Verhältnisse standen und deutlich zeigten, daß ihre Entstehung schon in die Rokoko-Periode gefallen, wo die Forderungen der Architektur vor den maßlosen Ansprüchen einer üppigen Ornamentik zurücktreten mußten. Diese Seitenflügel waren rechte Triumphe des Zopfstils. Von dem Mittelflügel führte eine leichtgeschwungene Freitreppe in einen Garten herab, zu dessen Anlage man eine in den See hinausgehende Landzunge benutzt oder auch eine solche künstlich geschaffen hatte. Der Garten hatte die Form seiner ursprünglichen Anlage beibehalten. Er prunkte also, wahrend der Park hinter dem Schlosse nach den naturgemäßeren Grundsätzen der englischen Hortikultur eingerichtet war, mit jener steifen Korrektheit, auf welche die deutsche Gärtnerei des vorigen Jahrhunderts in sklavischer Nachahmung der Gärten von Versailles und Trianon so versessen war. Die beiden Seitenflügel des Schlosses endigten jeder in einem achteckigen Turm mit wunderlichen Bedachungen, welche man chinesische Kuppeln zu nennen beliebte. Der Balkon eines dieser Türme, des östlichen, verlängerte sich in einen gußeisernen Steg, welcher nach einem aus dem See aufragenden Felsblock hinüberführte, auf dessen Oberfläche ein zierlicher Pavillon errichtet war. Wenngleich der architektonischen Symmetrie ermangelnd, verriet die ganze Besitzung, wie sie, weich ans Seegestade hingebettet, aus den herrlichen Baumgruppen des Parkes aufstieg und angesichts der Größe und Schönheit des Hochgebirges dalag, die Sicherheit und das wohlige Behagen großen und von Geschlecht zu Geschlecht ununterbrochen vererbten Reichtums. Es war ein Herrenhaus im vornehmsten Sinne des Wortes.

Vor der Fronte des westlichen Flügels breitete sich ein großer Hofraum aus, welchen im Halbkreise gebaute Stallungen, Remisen und Dienerwohnungen einfaßten. Vom Hoftor ab lief eine breite Allee prächtiger alter Linden und Kastanien am rechten Seeufer hin, ließ mittels einer steinernen Brücke den hier in den See mündenden Fluß hinter sich und dehnte sich schnurgerade bis zur Einlaßpforte des Parkes. Der Wächter derselben konnte von den Fenstern seines Häuschens aus in die lange Gasse eines großen Dorfes hineinsehen, dessen Häusergruppen am Fuße des Berges lagen, von welchem wir zuerst gesprochen. Verfolgte man vom Parktore aus die Straße gegen das Dorf zu, so erblickte man am. Eingang desselben rechts und links ein ansehnliches Gebäude. Das eine war die Oberförsterei, das andere die Oberrentei der ehemals reichsfreien, jetzt mediatisierten Grafschaft Wippoltstein. Inzwischen war die Sonne höher gestiegen. Die Nebelmassen hatten sich an den Bergen emporgewunden und an den Firnen zerteilt, um droben in der blauen Unermeßlichkeit wieder zu rötlich schimmernden Morgenwolken zusammenzufließen. Der Tag schritt belebend über die Landschaft. Alles in ihr wurde Ton und Klang. Aus den Saatfeldern in der Ebene schwirrten Lerchen tönend in die Lüfte, während im Hochwalde das Pfeifen des Eichhorns und das Glucksen des Birkhuhns in den Schlag des Schneefinken und der Goldamsel sich mischten. Aus den Dörfern hervor sah man Bauern zu Acker fahren, und ein paar Fischerkähne furchten die leichtgekräuselte Fläche des Sees. Vom andern Ufer desselben trug der Morgenwind das laute Gebrause des Kataraktes herüber, und allwärtsher stieg aus den Gründen aufwärts zu den Höhen jenes verworrene, aus hundert verschiedenen Tönen gemischte Tosen, welches dem Mann auf der Bergkuppe verriet, daß die Menschen da unten an ihr mannigfaltiges Tagewerk gegangen.

Er stand noch immer mit verschränkten Armen und sah in all die Pracht hinein. Dann schnippte er mit den Fingern und brummte in den Bart:

»Die alte Geschichte, bei Iove! Granit, Schnee und Wasser die Hülle und Fülle, drüberhin ein Stückchen blauer Luft, dort der Edelsitz mit seinem großprahlerisch hochmütigen Aussehen, da unten die Dörfer mit ihren Äckern, worauf sich arme Narren für andere abplacken. Die alte Geschichte, ganz die alte Geschichte!«

Der so sprach, war ein Mann über Mittelgröße und über die Mitte des Lebens hinaus. Unter seinem breitkrempigen und ziemlich vernutzten grauen Filzhut standen eisengraue Kopfhaare hervor, und ein mächtiger Backenbart von derselben Farbe rahmte ein tiefgebräuntes, fast bronziertes Gesicht ein, welches mit seinen grauen, rastlosen, stahlscharfen Augen, seiner breiten Stirn, über welche sich eine düstere Furche bis zur Nasenwurzel herabzog, mit seiner übergroßen, aber nicht gemein geformten Nase und dem energischen Kinn wie eine Ruine der Intelligenz aussah. Das Schlimmste darin war der Mund mit den dünnen farblosen Lippen, in deren tiefherabgezogenen Winkeln ein stereotyper bösartiger Hohn zu lauern schien. Wollte man diesen Zug übersehen, so konnte man der ganzen Physiognomie den Charakter eines gewissen brutalen Humors zuerkennen. Seine fünfzig Jahre drückten offenbar den Mann nicht sehr. Seine muskulöse Gestalt hielt sich fest und gerade, und sein Kopf saß aufrecht auf dem sehnigen braunen Hals, den er bloß trug, so daß ein nicht eben sehr weißer Hemdkragen zum Vorschein kam. Sein Anzug, bestehend aus einem schwarzen Manchesterrock mit Schnurwerk und hechtgrauen Beinkleidern, hatte früher augenscheinlich Anspruch auf Eleganz gemacht, näherte sich aber jetzt dem bedenklichen Zustand der Fadenscheinigkeit. Über die linke Schulter hatte er einen zusammengerollten Mantel von dunkler Farbe geworfen, an der rechten Seite hing ihm eine Ledertasche mit Messingbeschlägen, wie man sie auf Reisen zur Aufbewahrung von Barvorrat zu tragen pflegt, und in der Hand führte er einen tüchtigen Knotenstock.

Die ganze Erscheinung des Mannes machte so ziemlich den Eindruck dessen, was die Engländer schäbige Gentilität zu nennen pflegen. Wir könnten das etwa mit flottem Strolchentum vertauschen, wenn nicht beide Begriffe doch wieder zu harmlose wären, um hier in Anwendung gebracht zu werden. Es war etwas in diesem Gesicht, was, in Worte übertragen, ganz deutlich lautete: Wahre dich!

Der Mann zog eine vielgebrauchte lederne Kapsel hervor, nahm daraus eine Stange Kautabak, biß davon ein »Quid« ab und schob es in seine linke Backenhöhle. Diesem transatlantischen Genusse sich überlassend, blickte er abermals mit großer Aufmerksamkeit in die prächtige Landschaft hinab. Nach einer Weile mit einer Vehemenz, um die ihn ein Yankee beneidet haben würde, einen Strahl brauner Jauche zwischen den Zähnen hervorspritzend, murmelte er:

»Erinnere mich, daß ich an so'nem Frühlingsmorgen just an der Stelle da stand in meinen Grünlingsjahren und so 'nen Sonnenaufgangsspektakel mit ansah wie heute. Machte damals ein Gedicht darauf, ein ganz passables Gedicht, bei Jove! Hm,« fuhr er fort, »rechne, es war eine ganz hübsche Zeit damals, und ist das Altwerden 'ne schnöde Erfindung. Das Land da unten ist jung geblieben und recht hübsch, das muß man sagen. Habe doch pompöse Gegenden gesehen, höllisch pompöse, aber kalkuliere, ist was an dem, was die Poeten von Heimat und Heimatgefühl zu klingklingeln wissen. Wie sagt der Lateiner? Ille terrarum mihi praetor omnes angulus ridet. Ja, ja, 's ist was dran. Kommt mir das alte Zeug da von Bergen und Wasser fast glorioser vor als alles, was ich in der alten und neuen Welt von der Art gesehen, und wird mir so wunderlich zumute, daß ich, by all the powers! imstande wäre, wieder ein Gedicht zu machen. – Bin jedoch,« setzte er hinzu, indem er sich mit der Hand über das Gesicht fuhr und laut gähnte, »schier zu alt zu solchen Narreteien und will drum lieber trachten als dichten, trachten nach einem bequemen Winkel, wo ich mich komfortabel hinhocken und über den Lauf der Welt philosophische Betrachtungen anstellen kann. Ich habe philosophieren gelernt, sollt' ich meinen – ein bißchen anders freilich als die Herren Kathederphilosophen, deren Quark die liebe dumme Jugend vertrauensvoll in ihren Mappen mit nach Hause trägt. Rechne, daß ich doch höllisch jung sein mußte, als ich dies auch tat. – Schloß Wippoltstein da unten sieht noch immer recht herrenmäßig aus, von außen – wollen bald erfahren, wie's drinnen aussieht. Konnte aus dem Kauderwelsch des albernen Köhlers nicht recht klug werden. Nun, der Meister Veit lebt noch, so viel ist sicher. Der wird wohl Bescheid wissen. Was der glatte Halunke für Augen machen wird! Mag er, kümmert mich verteufelt wenig, bei Jove! Bin der Mann dazu, ihm den Kopf zurechtzusetzen, bin es, kalkulier' ich. – Doch 's ist schier kühl hier oben, und die göttliche Aussicht fängt allgemach an langweilig zu werden. Müssen uns nach etwas Soliderem, Substantiellerem umsehen – 's wird nachgerade Zeit sein zum Luncheon, wie die Yankees sagen. Wollen uns daher die liebe Heimat mehr aus der Nähe betrachten.«

Mit diesen Worten brach er das verworren schweifende Selbstgespräch ab, rollte sein Quid aus der linken Backenhöhle in die rechte und begann den schmalen, talwärts führenden Fußpfad hinabzusteigen.

Rasch ausschreitend hatte er nach einer halben Stunde den freien Platz zwischen dem Parktor und dem Dorfe erreicht und ging ohne Zögern in das letztere hinein. Bei dem stattlichen Wirtshause zum Steinbock angelangt, blieb er einen Augenblick stehen und sagte für sich:

»Hm, die alte Kajüte sieht noch immer recht einladend aus. Haben das Schild neu malen lassen, rechne ich. Ob sie wohl drinnen auch noch so guten Roten schenken, wie vorzeiten? Könnte nichts schaden, es mal zu probieren, denk ich – doch nein, bin auf dem Geschäftswege jetzt, also vorwärts.« Und er schritt weiter, die lange Gasse hinab, an der Kirche und dem Pfarrhause vorüber, die Häuser links und rechts scharf ins Auge fassend, doch ohne irgend eine Bewegung zu verraten. Die Begegnenden blieben stehen, um dem Wanderer nachzusehen. Er aber schlenderte weiter, ohne dieser dörflichen Neugierde die geringste Beachtung zu schenken.

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