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Negermärchen

Adolf Gelber: Negermärchen - Kapitel 8
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authorAdolf Gelber
titleNegermärchen
publisherRikola Verlag A.G.
year1921
illustratorAxel Leskoschek
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Die Königin von Ahaggar

In einem Jahre erhoben sich die Ahaggaren, sammelten ein Heer und sprachen: »Laßt uns gegen die Schaanba ziehen, um sie auszuplündern.« Sie zogen fort, und im Lande der Schaanba angekommen überfielen sie zahlreiche Dörfer, plünderten sie aus und töteten die Männer, die sich darin befanden; dann kehrten sie nach Hause zurück. Unter anderen hatten sie ein junges Mädchen geraubt, das sie mit sich führten. Nach Teilung der Beute blieb das Mädchen noch übrig und jeder verlangte nach ihr. Der Streit wurde hitzig, bis einer der Weisen kam und zu ihnen sagte: »Worüber streitet ihr euch?« Dann sprach er sein Urteil, nahm das Mädchen und gab es dem König, der es heiratete.

Das junge Mädchen hatte in ihrem Lande einen Bräutigam zurückgelassen; er gehörte dem Stamme der Schaanba an, und seine Stammesleute sagten ihm an jedem Tage: »Bist du ein Schaanbi? Du bist ein schlechter Mann. Du hast deine Braut von den Ahaggaren rauben lassen und lebst noch hier? Du bist vollkommen gesund, bist weder verstümmelt, noch krank oder verwundet. Es wäre besser für dich, du wärest tot als lebendig.« Eines Tages nahm er denn Abschied. Er verkaufte seine Gärten und kaufte von dem Gelde ein Reitkamel. Das sattelte er, belud es mit Gepäck und machte sich auf, indem er sagte: »Ich werde meine Braut selbst wieder herführen oder aber euch Nachricht bringen von ihr.«

Er ritt fort und durcheilte während eines ganzen Jahres das Land, fragte, wohin er kam, die Leute, und so kam er eines Tages auch zu einem Hirten. Dem sagte er, nachdem er ihn begrüßt hatte: »Welchem Stamme der Berber gehörst du an?« »Ich bin ein Ahaggar,« antwortete der Hirt. »Was hast du für Neuigkeiten?« »Was für Neuigkeiten wünschest du zu erfahren?« versetzte der Berber. »Nachrichten über ein junges Mädchen, das die Berber geraubt haben.«

»Wie ist ihr Name?«

»Marah.«

»Gewiß kenne ich sie,« sagte der Hirt, »sie ist bei uns.«

»Was ist sie bei euch?« »Sie ist des Königs Frau.« »Gib mir einen Rat, was ich zu tun habe, um sie zu sehen,« sagte der Schaanbi. Der Berber antwortete: »Ich werde dir gerne raten, wenn Gott dir rät.« Mit diesem Worte besagte er, daß er von dem Schaanbi für seine Mitteilungen bezahlt sein wollte, und dieser sagte auch: »Schön, hier sind zehn Taler, gib mir einen Rat. Willst du etwas tun, damit ich sie sehen soll?« »Beunruhige dich nicht darüber, ich werde schon ein Mittel finden.«

Dabei fügte er hinzu, der Schaanbi möchte fürs erste sein Kamel absatteln. Das tat der junge Mann, legte den Sattel, den er dem Kamel abgenommen hatte, in einer Höhle nieder, wo er auch für sich selbst einen Platz einrichtete, dann band er sein Kamel an. »So ist's recht,« sagte der Hirt, »nun bleibe hier, morgen werde ich dir Nachricht bringen.« Damit führte er seine Herde fort in den Ort.

Dort traf er die Frau des Königs und sagte: »Willkommen. Ich bringe dir Nachrichten.« »Ebenfalls willkommen,« sagte die Frau, »und was sind das für Nachrichten?« »Ich habe heute einen der Deinen gesehen. Ich weiß nicht, wie er mit dir zusammenhängt: ist es dein Gatte oder dein Bruder.«

»Ich habe weder Bruder noch Gatten,« antwortete sie, »ich habe keine Verwandten in meiner Heimat.«

»Doch aber,« sagte der Hirt, »kennt er dich ganz genau. Er hat mir deinen Namen genannt und mir eine genaue Beschreibung von dir gegeben.«

Die Frau antwortete: »Du lügst.«

Der Hirt ging schlafen. Am nächsten Morgen, bei Tagesanbruch, mußte er zusammen mit seiner Herrin melken; dann ließen sie die Herden aufstehen und der Hirt trieb sie fort. Sodann nahm er seinen Stock und seinen Schlauch voll Milch und folgte der Herde, die schon eine Strecke weit vorausgegangen war. Darnach kam er zu dem Schaanbi zurück.

»Die junge Frau will nicht zu dir kommen,« sagte er, »es gefällt ihr bei den Berbern.« »Was soll ich tun,« erwiderte der Schaanbi. »Du mußt auf ein Mittel denken.« »Gut,« sagte der Schaanbi. »Sie behauptet, du wärest ein Lügner.« »Nimm diesen Ring« – der Schaanbi zog ihn vom Finger und gab ihn dem Hirten – »und bringe ihn ihr; sie kennt ihn gut.«

Abends trieb der Hirt die Herde wieder zum Zelt zurück. Wie er da war, kam die Frau des Königs mit ihrem Milchtopf und sagte: »Hirt, treibe mir die Ziegen zu, daß ich sie melke.« Darauf setzte sie sich und fing an. Nun brachte er ihr die Ziegen, eine nach der andern, bis nur noch eine übrig blieb, worauf er sagte: »Eine Ziege haben wir noch vergessen.« Sie sprach: »Bring sie her.« Jetzt nahm sie ihren Topf und begann mit dem letzten Stück; da zog er den Ring aus der Tasche und warf ihn in den Topf hinein.

»Was ist das?« fragte sie.

»Ich weiß nicht,« sagte Hirt.

»Du hast doch aber etwas hineingeworfen?«

»Ich? Mir ist nichts bekannt.«

Darauf tauchte sie ihre Hand in den Topf, fand den Ring und verbarg ihn. Nichts sagte sie weiter, sondern ging in ihr Zelt, wo sie Feuer machte und den Ring zu betrachten anfing. Sie erkannte ihn wieder und saß in Erinnerungen vertieft da. Das Zelt war offen, sodaß der Hirt sie beobachten konnte. Als sie aufblickte, stand er ganz in der Nähe und sagte, als sie zusammenfuhr: »Was hast du denn, was ist mit dir geschehen?« »Nichts habe ich,« erwiderte die Frau. »Das ist nicht wahr,« sagte er, »und ich weiß wohl, was es ist. Erkennst du diesen Ring?« Sie antwortete: »Ich kenne ihn . . . nein, ich kenne ihn nicht.« »Ach, wozu lügst du? Der Besitzer dieses Ringes ist im Lande hier, versteckt habe ich ihn bei mir. Was soll ich ihm von dir sagen?« Sie flüsterte: »Nichts. Ich kenne ihn nicht.«

Darauf kehrte der Hirt zu dem Schaanbi zurück und sagte: »Sie weigert sich zu kommen. Aber wir wollen zusammen zu den Zelten gehen, verkürze die Fesseln deines Kamels und mach es zum Ritte bereit.« Dies geschah. Und wie es Nacht wurde und der Hirte seine Herde wieder gegen die Zelte zurück trieb, hielt er sie in einer gewissen Entfernung an, dann versteckte er den Schaanbi zwischen den Tieren und suchte seine Herrin auf. Sie sagte: »Hirt, warum hast du deine Herde so weit dort lagern lassen?« »Was kümmert's dich,« sprach er, »ich wollte es so; es kann dir alles eins sein. Komm die hundert Schritte hinaus, um dort zu melken. Ich trage dir dann deine Milch bis zu deiner Wohnung hier.« Sie sagte: »Gut,« ging hin und begann zu melken, und als nur noch eine Ziege übrig war – es war inzwischen gänzlich Nacht geworden – ließ der Hirt seinen Freund aufstehen und zeigte ihn der Frau. Da ergriff sie der Schaanbi und sagte:

»Marah, erkennst du mich?«

»Gewiß erkenne ich dich,« erwiderte sie, »du bist mein Verlobter.«

»Und warum hast du dich geweigert zu kommen?«

»Weil ich für dich fürchtete. Wenn dich die Berber sehen werden, werden sie dich töten.«

Er sprach: »Darum sorgst du dich? Als ich hieherkam, wußte ich, daß mein Leben auf dem Spiel steht. Seit einem Jahre habe ich dich gesucht und werde dich nicht wieder fortlassen, nachdem dich Gott in meine Hand gegeben. Willst du mit mir kommen, ja oder nein?« Dabei zog er den Dolch aus der Scheide und fügte hinzu: »Entschließe dich, ich kann nicht warten. Entweder wir gehen zusammen fort, oder ich werde dich töten.«

»Nein«, sagte sie, »du wirst mich nicht töten, wir werden zusammen fliehen.«

Sogleich nahm er sie bei der Hand und wandte sich der Richtung zu, wo sein Kamel war. Er ließ es niederknien, sattelte es und belud es mit seinem Gepäck. Der Hirt brachte ihnen noch einen Schlauch mit Wasser, einen mit Milch und Mundvorräte. Dann nahmen sie Abschied und machten sich auf den Weg.

Vier Tage und Nächte lang waren sie schon auf dem Weg, da kam der König von Ahaggar nach Hause. Die Frau war nicht da. Er suchte sie, und als er sie nicht fand, wandte er sich an den Hirten und sagte – denn er war schon alt: »Mein Kind, hast du die Königin nicht gesehen?« »Nein,« antwortete dieser, »ich hüte meine Herde, wenn dir eine Ziege fehlt, magst du dich an mich wenden, aber woher soll ich wissen, was aus deiner Frau geworden ist?«

Darauf brachte der König seine Wächter auf die Beine und befahl ihnen, nach der Frau zu suchen. »Gewiß,« sagte er, »hat sie sich verirrt.« Darauf erhoben sich die Wächter, sattelten ihre Pferde und Kamele und durcheilten das Land nach allen Richtungen – da endlich erkannten sie die Spur eines Reitkamels. Sie folgten der Spur und sprachen: »Das war ein gutes Kamel, sehr schnell ist es gelaufen,« und kehrten zum König zurück. Seine Frau, sagten sie, hätten sie nicht gefunden, wohl aber wären sie auf die Spur eines Reitkamels gestoßen, das sehr schnell gelaufen war.

»Und wohin ist es gelaufen?«

»Dem Laufe des Flusses ist es gefolgt, Herr,« antworteten die Wächter.

»Sie ist also entflohen! Verflucht seien die Väter eurer Väter!« schrie der König. »Sattelt mir mein Reitkamel.«

Sie taten, wie er ihnen befohlen hatte. Während dessen rüstete er sich selbst und wies die Diener zurück, die ihm helfen wollten. Er gürtete sich, nahm Wurfspieß, Lanze, Schild und Schwert und Flinte und bestieg sein Reitkamel. Die Wächter fragten: »Sollen mir dich nicht begleiten?« »Nein,« sagte er, »niemand soll es. Es genügt, daß ihr die Spuren des Kamels, des einzigen, das in diesen Tagen von hier weggejagt ist, gefunden. Ich werde es allein verfolgen.« Und er ritt davon, fand die Spur und nahm die Verfolgung auf.

Währenddessen war der Schaanbi bei einem Brunnen angelangt. Er stieg ab, entlastete sein Kamel und machte den Wassersack fertig. Darauf sagte er zu seiner Braut: »Ich will in den Brunnen hinabsteigen und dir das Wasser hinaufreichen, um unser Kamel zu tränken.« Dies tat er denn auch und fing unten zu schöpfen an. Die Frau blieb oben, dicht am Rande und sah den Weg entlang, den sie gekommen waren; da tauchte plötzlich in der Ferne ein Reiter auf. Da goß sie, während der Schaanbi ihr das Wasser zu reichen fortfuhr, es mit Absicht immer wieder auf den Boden, worauf er fragte: »Hat denn das Kamel noch immer nicht seinen Durst gelöscht?« »Nein,« erwiderte sie, »es ist noch immer durstig.« So schöpfte er und schöpfte, und reichte das Wasser immer wieder hinauf, ohne daß sie es dem Kamel zu trinken gab, wodurch die Fortsetzung der Flucht in dem heißen Sande zur Unmöglichkeit wurde; und während der Schaanbi noch unten in dem Brunnen steckte, war also plötzlich der Berber da.

Er sprang von seinem Kamel ab, und als er sich über den Brunnen beugte und den Schaanbi drinnen gewahrte, stieß er einen Schrei aus, und da erkannte der junge Mann unten, wie es um ihn stand. »Du Schaanbidieb,« schrie der Berber, »der du in unser Land gekommen bist, um mir die Frau zu entführen, allein habe ich deine Spur verfolgt und dich eingeholt, du Schaanbiknabe. Herauf mit dir, oder ich lasse dich unten verschmachten.« Damit warf er ihm ein Seil in die Tiefe zu.

»Wie Gott will,« sagte der Schaanbi und legte sich das Seil um den Leib. Darauf zog ihn der Ahaggar aus dem Brunnen und schrie: »Frau, wirst du nicht helfen, ich töte dich, wenn du so dastehst.« Da zog sie mit und nun fesselten sie ihn und legten ihn in die Sonne, schlachteten sein Kamel und machten ein Feuer an, um das Fleisch zu braten; und wie die Frau ein Stück Fleisch durchgebraten hatte, legte es der Berber dem andern, den er mit dem Gesicht zur Erde gekehrt hatte, auf den Rücken, damit es da erkalte. Dann aß er und die Frau aß auch, und sie warteten noch eine Weile bis die Tageshitze vorüber war. Wie denn der Abend herangekommen war, erhoben sie sich, um zurückzureiten, und der Ahaggar ging, um sein Kamel einzuholen, das während dessen auf der Weide an die hundert Schritte weit gekommen war.

Der Schaanbi rief Gott an. Dann sagte er zur Frau: »Willst du mir nicht wenigstens einen Schluck Wasser geben?« »Nein,« antwortete sie. »Wie,« sprach er, »hast du keine Gottesfurcht? Alles, was mit mir geschieht, erdulde ich deinetwegen. Hast du denn vergessen, daß wir von demselben Blut sind? Vetter bin ich dir und Bräutigam hast du mich genannt.« Da stand sie auf und gab ihm zu trinken; aber sie reichte ihm das Wasser aus der Ferne. »Was fürchtest du dich,« sagte er, »bin ich denn für dich ein wildes Tier geworden, daß du Angst vor mir hast?« »Vor dir habe ich keine Angst,« erwiderte sie, »ich fürchte nur, daß der Ahaggar mich sieht.« »Er ist doch weit,« sagte darauf der Schaanbi, und da näherte sie sich ihm. Aber als sie nun ganz nahe bei ihm war, packte er sie mit den Zähnen und sagte: »Binde mich los.« »Ja, ja,« erwiderte sie, »nur laß meine Hand los. Ich werde dich losbinden.« »Nein,« sagte er, »nicht eher lasse ich dich los, als bis du mich befreit hast. Tu's rasch, sonst werde ich dir deine Hand zerfleischen.« Da nahm sie seinen Dolch in die eine Hand und schnitt die Fesseln, die ihn hielten, durch.

Darauf erhob er sich, sah um sich und bemerkte den Berber in der Ferne. Nahm seine Kleider wieder und gürtete sich kniend für einen Kampf. Darauf nahm er seine Flinte, und nachdem er sich vergewissert hatte, daß sie geladen war, sprang er, immerfort sich duckend, so daß der Berber ihn nicht gewahren konnte, bis zu einem Punkte auf dem Wege, auf dem sein Feind das Kamel heranführte und legte sich dort in einen Hinterhalt. Als dann der Berber auf Schußweite nähergekommen war, feuerte er einen Schuß auf ihn ab, der ihn niederstreckte. Dann durchbohrte er ihn noch mit seinem Schwerte und schnitt ihm den Kopf ab.

Als er zu seiner Braut zurückkam, sagte er ihr, indem er ihr das Schwert zeigte: »Wenn ich keine Gottesfurcht hätte, ich täte dir dasselbe, was ich dem Berber getan.« Sie weinte, er ließ das Kamel niederknien, sattelte es, belud es mit seinem Gepäck, stieg auf und ließ die Frau hinter sich aufsteigen; dann zog er fort und führte das Haupt des Berbers mit sich.

Als sie nach Hause kamen, kamen die Leute ihres Stammes aus den Zelten und sagten nach der ersten Begrüßung zu ihnen: »Wir hielten dich für tot, denn es ist ein ganzes Jahr vergangen, seitdem du fortgezogen bist.« »Ja,« antwortete er, »eure Tochter hat mich töten wollen, aber Gott hat es nicht gewollt.« »Wieso das?« fragten sie ihn. Er zeigte ihnen darauf sein Gepäck und das Kamel des Berbers, sowie das Haupt seines Feindes und erzählte ihnen, wie es gewesen war. Da standen die Brüder der jungen Frau auf und sagten: »Ist es wahr, was er gesprochen hat.«

Sie verhüllte ihr Haupt.

Da sprachen sie zu ihm: »Du bist ein Mann und hast wie ein Mann gehandelt.« Dann nahmen sie ihre Schwerter und Flinten und töteten die Schwester um dessen, was sie getan.

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