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Negermärchen

Adolf Gelber: Negermärchen - Kapitel 21
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authorAdolf Gelber
titleNegermärchen
publisherRikola Verlag A.G.
year1921
illustratorAxel Leskoschek
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Das Seil über dem Kongo

Ihr wißt doch, wie das damals mit dem Rebhuhn vor sich gegangen war. Es hieß Nangumbi und war sehr schön. Es wohnte in einem Dorf, das befand sich in den Zweigen eines sehr hohen Baumes. Oder vielleicht war es nicht auf einem Baum, sondern unten in einem dichten Grase; aber es war jedenfalls ein hübsches Dorf, und Nangumbi war, wie gesagt, auch sehr schön. Eines Tages, als es aus seinem Dorfe wegflog, kam es nicht weit davon in ein anderes, wo fünf Frauen wohnten, die natürlich auch alle Rebhühner waren, und sie sprachen, als sie ihn sahen, zueinander: »Hei, was ist das für ein hübscher Kerl.« Ihre Namen aber müßt ihr euch merken, denn ihr werdet schon sehen, daß dies sehr wichtig ist, weil . . . Aber ich darf es nicht zu früh ausplauschen, und überdies brauchet ihr auch nicht gleich so neugierig zu sein. Also die eine hieß Nankimpele, die zweite Nawoki, die dritte Nambende, die vierte Nantutu; und die fünfte, auf die ihr aber besonders aufpassen müsset, hieß Nankimpiti. Nankimpiti heißt man nämlich in den Dörfern, auf den Bäumen dort und im Grase gewöhnlich die Kröte; aber ich bitte euch, warum soll grade die Kröte so heißen? Es kann ja auch ganz gut sein, daß einmal eine Rebhuhnfrau Nankimpiti genannt wird.

Also eines Tags, wie die fünf beisammen waren, sprachen sie: »Wollen wir nicht dem Nangumbi einmal in seinem Dorfe einen Besuch machen? Und wir wollen ihm auch etwas Gutes mitbringen.« So richteten sie abends, als sie mit den andern Dingen in ihren Häusern fertig geworden waren, einen Brei an, den sie mit Palmöl anrührten; und am andern Morgen flogen sie, jede mit dem Topf, in dem sich der Brei befand, in das andere Dorf hinüber, trafen aber Nangumbi nicht zu Hause. Nur seine Kinder waren da. Sie sagten: »Ach, hat der Nangumbi Kinder? Seid gegrüßt, Kinderchen, wo ist denn euer Vater?« Und die Kinder zwitscherten:

»Er ist ausgegangen, er ist ausgegangen,
Palmwein zapfen ist er ausgegangen.«

Worauf sie antworteten:

»Palmwein zapfen? Palmwein zapfen?
Er ist fleißig, er ist fleißig;
Aber Brei ist auch nicht ohne.
Fliegen wir ihm nach, fliegen wir ihm nach!«

Die Kinder führten sie an eine Stelle, von wo herab man einen Abhang sah; dort irgendwo saß Nangumbi im Grase, aber sie konnten ihn nicht gewahren. Da fing Nawoki zu rufen an, und der Ruf lautete so:

»Je–je–jangumbi,
Je–je–jangumbi,
Bist du nach dem Wasser gegangen?
Antworte doch.«

Er antwortete nicht. Dann kam Nambende und rief ebenfalls Je–je–jangumbi, und als er nicht kam, zwitscherte Nantutu und dann Nankimpiti immer mit demselben Sange, aber er kam nicht. Da sagte denn Nankimpele: »Wartet, jetzt werde ich es versuchen,« und sie sagte:

»Ne–ne–nangumbi,
Ne–ne–nangumbi,
Bist du nicht beim Wasser,
Sondern tust Palmwein zapfen?
Wir sind da, wir sind da!
Antworte doch.«

Das hörte der Mann und antwortete sofort von der Stelle, wo er sich befand: »Ke-ke, ke-ke . . . das scheint ein lieber Besuch zu sein, den ich da habe.« Dann flog er auf und ließ sich an der Stelle nieder, wo sich die Frauen befanden. Er begrüßte sie höflich und fragte, was sie hergeführt habe? Sie antworteten, daß sie ihm Palmölbrei gebracht hätten, was ihm sehr recht war. Aber wo war der Brei? Sie hatten ihn in seinem Dorfe zurückgelassen! Also flogen sie dorthin, und als er nun ihren Brei besah, freute er sich recht, denn jede hatte in dem Brei etwas gekocht: Nankimpele ein Huhn, Nawoki einen Aal, Nambende einen Barsch und Nantutu eine Quappe. Nankimpiti aber, ihr wißt, die mit dem Krötennamen, hatte nur Bananen in den Brei getan. Darauf sagte der Mann: »Ich danke euch und wollt ihr, daß ich euch eine Pisangfrucht dafür schenke?« Sie sagten: »Ja,« worauf er jeder eine andere Art der Frucht schenkte, denn er war sehr reich und hatte verschiedenartige Pisangfrüchte. Und so gab er der, die ein Huhn gekocht hatte, eine Ndongila, der, die ihm den Aal gebracht hatte, eine Seluka; der Nambende gab er für den Barsch eine Nsengono, der Nantutu eine Jimba und der Nankimpiti, die ihm die Banane gebracht hatte, auch eine Banane. Sie sagte: »Für mich hast keinen Pisang? Er erwiderte: »Dir ist doch die Banane das liebste, also gebe ich dir für deine Banane auch eine Banane.« Da aßen sie, und die fünf Frauen kehrten in ihr Dorf zurück.

Am andern Morgen kochten sie wieder Brei in derselben Weise, gingen in derselben Weise, riefen in derselben Weise. Der Mann kam, wie am Tage zuvor, flog mit ihnen in sein Dorf und gab, nachdem er ihren Brei besehen hatte in derselben Weise eine Ndongila für das Huhn, eine Seluka für den Aal, eine Nsengono für den Barsch, eine Jimba für die Quappe und eine Banane für die Banane: und nachdem sie gegessen hatten, flogen sie wieder in ihr Dorf zurück. So ging es dann einen Morgen nach dem andern: sie kochten und flogen und riefen und aßen, immer in derselben Weise, und Nankimpiti erhielt täglich für ihre Banane auch eine Banane, dann gingen sie in ihre Dörfer zurück.

Einmal aber, als sie wieder bei sich zu Hause den Brei kochten, kam eine Nachbarin zu Nankimpiti, worauf diese rasch ihren Topf verdeckte, und als die Nachbarin fragte, was sie darin habe, sagte sie: »Nichts, eine Banane koche ich in dem Brei.« Das war aber nicht wahr, es war ein Huhn, das sie diesmal darin kochte, und als die Freundinnen kamen und fragten, ob sie nicht heute um die Mittagsstunde wieder hinüberfliegen und den Mann suchen wollten, sagte Nankimpiti, daß sie heute keine Zeit habe. »Warum denn, warum denn?« zwitscherten sie. Aber sie wollte durchaus nicht mit den Frauen gehen. Wie sie sich jedoch entfernt hatten, erhob sie sich gleich und flog in sein Dorf hinüber und rief. Aber sie rief nicht mit ihrer eigenen Stimme, sondern wollte die Stimme derjenigen nachahmen, die geliebt wurde. So rief sie zuerst mit Nawokis Stimme, dann mit der Stimme Nambendes, dann derjenigen Nantutus. Er blieb still. Dann rief sie mit ihrer eigenen, und als er wiederum stumm blieb, sang sie mit Nankimpeles Stimme, nicht mehr je-je-jangumbi, sondern

»Ne–ne–nangumbi,
Ne–ne–nangumbi,
Bist du nicht beim Wasser,
Sondern tust Palmwein zapfen?
Ich bin da, ich bin da,
Nankimpele ist da.«

Als der Mann diese Stimme hörte, dachte er: »Das ist die, die ich liebe, die mich da ruft, ist jene, die ich liebe,« und kam mit großer Hast. Als er kam und Nankimpiti dort sitzend fand, fragte er erstaunt: »Bist du es, die mich hier fortwährend gerufen hat?« Sie antwortete: »Ja.« »Und wo sind die andern?« fragte er. Sie sagte: »Die andern sind noch im Dorfe,« worauf der Mann sagte: »Nun, meinetwegen, also komm zum Brei in mein Dorf.«

Als sie hinkamen und Nankimpiti den Topf aufmachte, fand er, daß sie den Brei darin mit Huhn gekocht hatte, und sie sagte: »Also siehst du, weil du das Huhn gern magst.« Und nachher sagte sie: »Jetzt, während du issest, rück näher heran, damit ich dich auf dem Kopf krauen kann,« und da rückte er näher und legte, während er aß, den Kopf in ihren Schoß. Da fing sie ihn zu krauen an und sang:

»Nangumbis Kopf
Wegen des Krauens
In meinem Schoße –
Nangumbis Kopf
Wegen des Krauens
In meinem Schoße –
Und seine Federn sind hart.
Tje, tje, tje.«

So sang sie, und er aß, und als er mit dem Essen fertig war, lullte sie ihn noch weiter, so daß er einschlief. Wie sie aber sah, daß er in tiefen Schlaf gefallen war, zog sie ein Messer, das sie mitgebracht hatte, aus der Scheide und schnitt ihm den Kopf ab. Dann begrub sie den Kopf und kehrte zurück in ihr Dorf.

Wie die andern Frauen kamen, riefen sie nach Nangumbi, aber er kam nicht und kam nicht, worauf sie sagten: »Vielleicht hat er heute anderwärts zu tun« und flogen zurück in ihr Dorf. Des andern Tages kamen sie wieder und riefen bis an den Abend und fragten Nangumbis Kinder, wo denn ihr Vater wäre? Aber sie antworteten, daß er schon seit vorgestern nicht mehr zu Hause gewesen sei.

Einen Tag später, als sie sich wieder aufmachten, fragten sie Nankimpiti: »Willst du nicht mit uns hinfliegen?« Sie erwiderte: »Ach, ich habe heute Zahnweh, ich bleibe im Dorf.« Auf dem Wege begegneten sie einer Nachtschwalbe, die sang: »Sada-da, Sada-da, zaubern kann ich, zaubern kann ich.« »Wenn du es kannst,« sagten sie, »dann sprich, wo ist Nangumbi?« Die Nachtschwalbe antwortete: »Sadada, Sadada, erst bezahlt mich, erst bezahlt mich.« Sie bezahlten, worauf sie wieder sang: »Sucht ihn, sucht ihn.« Da sagten sie: »Eine Betrügerin bist du« und flogen weiter. Darauf fanden sie eine Krähe, die krächzte ebenfalls: »Kra, kra, zaubern kann ich, zaubern kann ich.« Sie bezahlten, aber die Krähe sagte: »Euer Geld in meine Taschen zaubern kann ich.« Da fragten sie einen dritten Vogel, und er sagte, daß es am besten wäre, die Heuschrecken zu fragen, die sprängen im Dorfe Nangumbis und auf dem Abhang beim Wasser, wo er den Palmwein zapfte, immer im Grase herum. Sie gingen zu den Heuschrecken und richtig sagte ein Heuschreck, er habe gesehen, wie jemand Nangumbis Kopf begrub.

Sie kehrten in ihr Dorf zurück und fragten Nankimpiti, ob sie nicht dort auf dem Abhang etwas begraben habe? Sie antwortete: »Eine böse Heuschrecke habe ich dort gefangen und begraben.« Darauf kehrten sie wieder zu den Heuschrecken zurück. Die fragten: »Seid ihr schon wieder da? Was wollt ihr?« »Wir möchten wissen,« antworteten sie, »welche von euch begraben worden ist?« Die älteste Heuschrecke sprach: »Das sollt ihr gleich erfahren, mir wollen alle Heuschrecken, die hier beisammen sind, zählen« und gleich zählte sie sie und keine fehlte, alle waren da. Darauf erschraken die Frauen und sprachen: »Hat hier nicht am Ende Nankimpiti etwas Böses getan?«

Zu Hause angekommen, berieten sie sich mit den ältesten Rebhühnern in ihrem Dorfe, und die gingen nun alle mit ihnen zur Hummel, um sie, weil sie die weiseste war, zu fragen, was jetzt zu tun wäre, worauf die Hummel sprach:

»Brumm, brumm, wißt ihr, wo der Kongofluß ist?«

Sie sagten ja.

Die Hummel sprach: »Gehet hin und ziehet eine Schnur über den Kongo, die von einem Ufer bis zum andern reicht. Könnt ihr das?«

Sie sagten ja.

Die Hummel sprach: »Auf dieser Schnur werdet ihr einzeln übersetzen, hin und zurück und ohne am andern Ende sich aufzuhalten, in einem Zuge. Versteht ihr mich?«

Sie sagten ja.

Die Hummel sprach: »Wer den Mann getötet hat, wird dann über dem Flusse, über den ihr einzeln hin und zurück übersetzen werdet, offenbar werden. Versteht ihr mich? Und die Schnur soll nur dünn sein, sie soll nicht dick sein, und der Sang, den jede singen muß, wenn sie über die Schnur geht, ist dieser:

»Vater Nangumbi, Vater Nangumbi,
Unter dem, der dich ermordet hat,
Soll die Schnur
Über diesem Fluß zerreißen –
Sie soll unter dem zerreißen,
Der dich ermordet hat.«

»Jawohl,« sagten die Frauen, »das werden wir tun, damit wir den herausfinden, der den Vater Nangumbi ermordet hat.«

Darauf gingen sie alle nach Hause und waren des andern Tages, als sie aufwachten, alle bereit zum Marsch an den Kongo. Nur Nankimpiti fehlte. »Willst du nicht mit?« fragten sie sie. Sie erwiderte: »Ich habe wieder Zahnschmerzen.« »Du mußt aber mitkommen,« sprachen sie. Sie antwortete: »Es sei, ich werde mit euch gehen, damit ich euch zusehe, aber ich habe auf jeden Fall sehr, sehr heftige Zahnschmerzen.« »Die werden dich nicht hindern,« antworteten die andern, »keine einzige darf zurückbleiben.« »Also gut,« sagte Nankimpiti, »laßt uns gehen, daß dies zu einem Ende gelangt.«

So gingen sie hin und nahmen die Schnur, die ganz dünn war und banden sie an dem einen Ufer des Flusses fest. Dann flog ein Vogel auf, der sie über den Fluß hinüberzog und am andern Ufer festband; und nachdem dies geschehen war, ging Nawoki zuerst unter dem Gesang:

»Vater Nangumbi, Vater Nangumbi,
Unter dem, der dich ermordet hat,
Soll die Schnur
Über diesem Fluß zerreißen –
Unter dem zerreißen,
Der dich ermordet hat.«

über den Fluß und kam unter demselben Sange wieder zurück. Dann folgte Nambende, hierauf Nantutu und ebenso Nankimpele, und jede stieß, als sie zurückkam, einen lauten Schrei aus und rief: »Ihr sehet Leute, ich war es nicht!« Zum Schlusse mußte aber auch Nankimpiti auf die Schnur. Sie hatte wieder Zahnschmerzen, aber sie mußte und begab sich auf die Schnur. Ganz leise begann sie zu singen, aber die Leute unten riefen: »Sing lauter! Sing lauter!« und da sang sie auch:

»Vater Nangumbi, Vater Nangumbi,
Unter dem, der dich ermordet hat,
Soll die Schnur
Über diesem Fluß zerreißen –
Unter dem zerreißen,
Der dich ermordet hat.«

Und siehe da, auch sie kam an das andere Ufer. Aber, als sie sich umwandte und nach dem diesseitigen Ufer zurückkehren wollte, und als sie an die Stromschnelle kam, riß die Schnur mitten entzwei und sie stürzte hinunter. Ihre Verwandten erhoben ein lautes Geschrei und begannen zu weinen. Warum? Denn sie erkannten, daß ihre Tochter eine Mörderin war.

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