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Negermärchen

Adolf Gelber: Negermärchen - Kapitel 20
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authorAdolf Gelber
titleNegermärchen
publisherRikola Verlag A.G.
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illustratorAxel Leskoschek
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Wenn der Löwe ein Amulett braucht

Gevatter Bock hatte beschlossen, auf die Pilgerfahrt nach Mekka zu gehen. »Alle Tiergeschlechter,« sagte er, »haben den Titel eines Heiligen erhalten, nur unseres Gleichen ist damit noch nicht beehrt worden.« »Bock, geh nicht nach Mekka, die Gegend ist gefährlich,« rieten ihm die andern, aber er ließ sich nicht halten und machte sich mit einem Pilgerstab in der einen und einem Krug Honig in der andern Hand auf den Weg. Er reiste am Tage, reiste bei Nacht, durchquerte dichte Wälder, und eines schönen Abends, als er wieder in die Nähe eines Dorfes kam, sah er sich einer Hyäne gegenüber, die ihn fragte: »Wer bist du?« Er antwortete: »Ich bin's, der Bock auf der Wallfahrt.« »Und wohin geht die Wallfahrt?« »Nach Mekka geht sie.« Darauf lachte die Hungrige und sagte: »Da befindest du dich in einem Irrtum, denn du wirst nicht nach Mekka gehen.«

»Wieso?« fragte der Bock, »Gott will es.«

»Nein, erwiderte die Hyäne, »Gott will etwas anderes. Gott selbst sorgt für mich. Schon öfter hat er mir so eine umherstreichende Ziege zukommen lassen, damit ich mich an ihr labe, und nun hat er dich mir in den Weg geschickt.«

Der Bock war bestürzt und fragte: »Willst du mich denn gleich töten?« »Nein,« erwiderte die Hyäne, »ängstige dich nicht, nicht sofort wird es geschehen, denn hier auf offenem Felde könnten mir ja von dem ersten besten Hergelaufenen überrascht werden. Sei nur ruhig, ich weiß einen schönen Schlupfwinkel, dort erst verzehre ich dich.«

Dies gesagt, trug die Hyäne den Bock durch den Wald und dichtes Gebüsch, und als sie immer noch das Licht der Sterne über sich sah, rannte sie zu dem sichern Schlupfwinkel. Es war dies eine Höhle, eine schöne, tiefe, schattige, sichere Höhle. Aber als sie hineinkam, o weh, welch ein Schrecken! lag ein Löwe mit seinen Jungen drin!

Die Hyäne stotterte: »Du bist es, Bruder Löwe?«

»Ja,« antwortete er.

»Ich habe erfahren, daß du dich hier niedergelassen hast und bin gleich herbeigeeilt, um dich zu begrüßen und dir diesen Bock als Geschenk zu bringen.«

Da begann der Bock zu schreien: »Lüge, Lüge, Herr! Hier an deiner Türe hat sie mich getroffen, als ich eben zu dir hereingehen wollte.«

»Das ist nicht wahr,« schrie die Hyäne.

»Nicht?« schrie der Bock. »Habe ich dir nicht draußen gesagt, was mich zu dem Löwen führt? Eine wichtige Sache ist es, Herr. Ich habe deinen Zustand erfahren und habe mich auf den Weg gemacht, um dir ein Mittel anzubieten, daß du über alle deine Brüder herrschen kannst.«

»Nun, setzt euch beide,« sprach der Löwe zu ihnen, dann wandte er sich an den Bock und fragte: »Bist du denn ein Priester?«

»Jawohl, ein Priester bin ich,« erwiderte dieser, »und dazu ein bedeutender Schriftgelehrter.«

»O, das ist ja dann sehr viel. Also was willst du für mich tun – eine Arznei schreiben oder mir vielleicht ein Amulett schreiben?«

»Ein Amulett, ein Amulett,« sagte der Pilger. »Eine Arznei brauchst du gottlob nicht, sondern bist, dem Himmel sei Dank, gesund und stark.«

»Das bin ich,« sagte der Löwe. »Also auf was für einem Papier willst du schreiben?«

Der Ziegenbock antwortete: »Solche Sachen schreibe ich gewöhnlich nicht auf Papier, es ist leicht zerreißbar. Ich bediene mich für solche Zwecke meistens einer Hyänenhaut.«

»Er lügt, Herr,« schrie die Hyäne. »Er ein Priester? Nichts als ein abscheulicher Heide ist er.«

»Hyäne, ich verstehe dich nicht,« sagte der Löwe. »Wie kannst du meinen Priester beleidigen. Kaum haben wir uns begrüßt, und ich bin noch nicht mit meiner Frage zu Ende, beleidigst du ihn schon so vor mir.« »Also mein Lieber,« wandte er sich wieder an den andern, »schreibst du auf einer frischen oder auf einer trockenen Haut?«

»Wenn es sein kann,« erwiderte der Bock, »würde ich eine frische Haut vorziehen.«

Die Hyäne sagte: »Ich möchte mich zurückziehen, mein Bruder.«

»Warte doch noch ein wenig,« antwortete der Löwe, »du siehst doch, daß mein Priester und ich noch beim Plaudern sind. Wir sind noch nicht mit unserer Unterhaltung zu Ende und du sprichst schon vom Fortgehen.«

»Ach, Bruder ich glaubte, es handle sich um irgend eine Hyäne und daß von mir nicht die Rede wäre.«

»Du hast recht, es ist nur im allgemeinen von einer Hyäne die Rede und nicht von dir. Aber da wir eine Hyäne haben müssen und du grade hier bist, so warte nur noch ein wenig.«

»Nun denn, wie du wünschest,« sagte die Hyäne ergeben.

»Gib mir also ein Stück von deiner Haut, damit er für mich das Amulett schreibt.«

»Ach Bruder, das ist nicht möglich.«

»Beeile dich, zieh es dir selbst ab. Du weißt, wenn ich es mir nehme, dann tue ich dir weh.«

Die Hyäne nahm ein Stück Haut von ihrer Seite, aber es schmerzte, und sie sagte: »Ach, Bruder, wie schmerzt es.«

»Vorwärts, mach schnell. Wenn ich mich erst damit befasse, tut es erst recht weh,« sagte der Löwe.

»Nun denn, du Hund,« fluchte die Hyäne und warf dem Bock ein Stück Fell aus ihrer Seite hin.

Der Pilger nahm es, tauchte es in seinen Honigkrug, drehte es darin um und reichte es dem Löwen. Der sagte:

»Das ist also das Amulett, Priester? Süß ist es.«

»Jawohl. Und du wirst sehen, es wird eine gute Wirkung haben.«

»Ach, schade, daß es so rasch verbraucht ist,« sagte der Löwe. »Liebe Schwester, möchtest du mir nicht noch einmal geben?«

»Bruder, es ist doch keine Arznei,« erwiderte die Hyäne.

»Doch, doch,« brüllte der Löwe »und wenn ich nicht genug davon bekomme, dann hilft es nicht. Also gib mehr her!«

Darauf erhielt der Bock ein neues Stück Haut, tauchte es in den Honig, wendete es nach allen Seiten darin um und gab es dem Löwen, der es verschlang und dann sich umdrehte, seine Mähne sträubte und mit funkelnden Augen seine Krallen zeigte.

»Gib mehr. Ich fühle, daß ich anfange wild zu werden!«

Ohne lang eine Stelle auszusuchen, riß sich die Hyäne ein neues Stück ab, schleuderte es dem Bock hin und sprang zum Ausgang, worauf der Bock schrie: »Die Hyäne reißt aus!« Da brüllte der Löwe: »Ich bin es, der Löwe! Du könntest mir eine weite große Ebene geben, die nur mit Hyänen bedeckt ist, und ich würde sie dir alle bringen – wievielmehr diese treulose Hyäne, die dem König der Tiere nicht einmal ein Stückchen Haut für ein Amulett gönnen will, das ihm so notwendig ist in seinem Reiche!« Und er stürzte hinter der Hyäne aus der Höhle heraus.

Sie legten die Ohren an und wirbelten den Boden auf in ihrem Laufe. Der Löwe erreichte endlich die Hyäne, schlug sie nieder und zog ihr mit einem Tatzenschlag die ganze Haut ab. Dann warf er sich die Haut über die Schulter und kehrte in seine Höhle zurück.

»Hier Bock,« rief er, »hier ist genug Haut zum Schreiben!«

Aber wie er sich umsah, war kein Bock und kein Krug mit Honig mehr da. Darauf nahm der Löwe die Haut der Hyäne ins Maul und sprach: »Merkwürdig, daß sie nicht mehr süß ist. Also hat nur die Tinte des Priesters sie süß gemacht.«

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