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Negermärchen

Adolf Gelber: Negermärchen - Kapitel 19
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authorAdolf Gelber
titleNegermärchen
publisherRikola Verlag A.G.
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illustratorAxel Leskoschek
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Der Fels der Voreltern

Die Namafrau, die der Elefant geheiratet hatte, lachte nie. Er hatte sich in sie verliebt, und ihre Leute hatten sie an ihn verkauft, weil er es so forderte. Und eines Tages kamen ihre beiden Brüder zu ihr, aber aus Furcht vor ihm im Verborgenen. Sie blickte auf, als sie sie erkannte, und tat, als wollte sie Holz holen; und als sie hinausging, legte sie den Finger an den Mund und verbarg sie ganz hinten im Kral im Brennholz.

Als sie zurückkam, wendete die alte blinde Schwiegermutter, die in dem Zimmer saß, kaum den Kopf: aber die Namafrau sah, daß sie lauschte, und sie sagte:

»Ich war hinten im Kral.«

Die Blinde sprach kein Wort.

»Ich habe nach dem Kniehaarlosen gesehen.«

Damit meinte sie den Hammel.

Jene schwieg.

»Er ist noch immer dort und reibt sich an der Tränke die Haare an seinen Knien weg. War, seitdem ich in dieses Dorf geheiratet habe, noch immer keine Zeit, für die Hochzeiterin den Hochzeitshammel zu schlachten?«

Da antwortete die blinde Schwiegermutter: »Dinge, die von Alters her nie gesprochen worden sind, spricht sie.«

Die Namafrau sagte: »Wer bist du denn eigentlich?«

Die Blinde wendete ihr das Gesicht mit den leeren Augen zu und sagte:

»Wovon riechst du?«

Die Frau sagte: »Ich habe mich nach der alten Weise meiner Namaleute eingerieben und mich mit unserem Geruch bestreut. Soll ich mich hier auch nicht einreiben und mit dem Geruch bestreuen, wie er in meiner Heimat üblich ist?«

Da sagte die Schwiegermutter: »Von der Liebsten meines Sohnes werden Dinge gesprochen, die von Alters her nicht gesprochen worden sind.«

Die Namafrau sagte: »In meiner Heimat sprechen die Hochzeiterinnen so, wenn man ihnen den Kniehaarlosen nicht schlachtet.«

Da kam der Elefant, der im Felde gewesen war, und roch den Namageruch. »Woher kommt der Geruch?« fragte er und rieb sich am Hause, daß es zu wanken begann. Dann trat er ins Zimmer und sah die Mutter an. Sie wendete den Kopf ab. »Sind Brüder gekommen?« fragte er. »Woher kommt da hinten im Krale der Geruch?«

»Von ihr,« sagte die Mutter. »Was sie von Alters her nicht getan hat, tut sie und bestreut sich mit dem Geruch.« Und die Frau sagte: »Ja, hinten im Kral war ich. Welches Tages hast du den dort stehenden Hammel für mich geschlachtet?«

Er schlug auf den Tisch. Da sagte die Schwiegermutter zu ihm: »Dinge, die von Alters her nicht getan wurden, werden getan. Geh tu ihr den Willen und schlachte das Tier.« Da sagte er: »Gut,« und die Namafrau ging und holte es heraus, worauf der Kniehaarlose für sie geschlachtet wurde.

In der Nacht schlief der Sohn ein. Die Namafrau schlief nicht und die Schwiegermutter fragte: »Woran denkst du?«

Sie antwortete: »Ich denke wie ihr atmet, wenn ihr euren Lebensschlaf schlafet und wie ihr atmet, wenn ihr den Todesschlaf schlafet.« Und es sagte die Schwiegermutter:

»Hm, das ist ein gesprächsreicher Abend. Warum willst du es wissen?«

Die Namafrau sagte: »So!« und die Blinde sagte: »Wenn wir den Todesschlaf schlafen, dann atmen wir sui, sui, und wenn wir den Lebensschlaf schlafen, atmen wir Chu-zawaba-chu-zawaba-chu-zawaba.« Darauf schlief die Namafrau mit dem ersteren Schlaf ein, und auch die andere schlief ein.

Da richtete sich aber die Namafrau auf und lauschte: und als alle hart schnarchten und sui-sui schliefen, eilte sie hinaus und sagte zu den beiden Brüdern: »Den Todesschlaf schläft das Volk, lasset uns fertig machen.«

Da standen die beiden auf und gingen hinaus, und sie nahm die nötigen Dinge und sagte: »Was Geräusch macht, will meinen Tod.« Und es geschah alles in der Stille. Dann ging sie mit ihren Brüdern, die bepackt dastanden, zwischen das Vieh und ließ ihrem Mann eine Kuh, ein Schaf und eine Ziege. Und sie sagte zur Kuh: »Wenn du meinen Tod nicht willst, schreie nicht, als ob du eine wärest;« und belehrte das Schaf und die Ziege ebenso. Hierauf zogen sie weg und all das Vieh hinter ihnen drein. Und als die zurückgelassenen Tiere in der Nacht lärmten und schrien, als ob es alle wären, dachte der Elefant, der es hörte, es wären alle. Aber als er bei Tagesanbruch aufstand und sah, daß die Frau weg war und daß sie mit allem weg war, sagte er zur Mutter:

»Sie ist entflohen.«

Die Mutter sagte: »Was von Alters her nicht geschehen ist, geschieht.«

Er sagte: »Wenn ich falle, wird die Erde dröhnen,« und er folgte ihnen.

Als sie ihn kommen sahen, bogen sie aus und gelangten an einen Fels, durch den sie nicht durchkonnten. »Wer seid ihr?« fragte der Fels. Sie sagte: »Wir sind Leute, hinter denen eine große Reisegesellschaft folgt.« Der Fels antwortete: »Das ist zu wenig.« Darauf sprach sie: »Meiner Voreltern Fels, rette mich und biege dich zu beiden Seiten für uns aus.« Da teilte sich der Fels und ließ sie durch, und als alle durch ihn hindurch waren, schob er sich wieder zusammen.

Aber der Elefant hatte es gesehen, und als er zu dem Felsen kam, sprach er: »Meiner Voreltern Fels, spalte dich auch für mich!« Da spaltete er sich; aber als der Elefant in der Mitte war, kam der Felsen wieder zusammen und der Elefant wurde erdrückt.

Dann teilte sich der Felsen wieder, und wie der Elefant zu Boden stürzte, dröhnte die Erde. Und die blinde Mutter hörte es und sagte zu Hause:

»Wie es von meinem Sohne gesagt worden ist, so ist es geschehen. Die Erde hat gebebt.«

Und sie wußte, daß er tot war.

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