Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adolf Gelber >

Negermärchen

Adolf Gelber: Negermärchen - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/gelber/negermae/negermae.xml
typefairy
authorAdolf Gelber
titleNegermärchen
publisherRikola Verlag A.G.
year1921
illustratorAxel Leskoschek
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20130101
modified20140825
projectide919f7e2
Schließen

Navigation:

Die Reiherfeder

Einst machten sich zwei Knaben zum Besuche ihrer weit entfernt wohnenden Verwandten auf den Weg. Der eine hatte sich mit einer Reiherfeder und der andere mit einer Krähenfeder geschmückt. Als sie so dahin wanderten, sahen sie einige Mädchen von einem Hügel herab ihnen entgegenkommen. Sie riefen sie an und sagten: »Ihr Mädchen dort auf dem Hügel, welchen von uns beiden mögt ihr wohl leiden?« Die Mädchen lachten und sagten: »Die Reiherfeder ist schöner, aber den mit der Krähenfeder mögen wir eher leiden.« Darauf gingen sie weiter und gewahrten nicht lange darnach wieder einige Mädchen, denen sie zuriefen: »Welchen von uns beiden mögt ihr wohl leiden?« und diese antworteten ebenfalls: »Den, der die Krähenfeder trägt.« Und so war es noch ein drittes Mal. Da sprach der, der die Reiherfeder trug: »Mich verschmähen sie, also wollen wir die Federn tauschen,« worauf der andere zustimmte und dem Freunde die Krähenfeder gab und selbst sich die Reiherfeder auf den Kopf steckte. Als sie dann aber wieder auf einige Mädchen stießen und an sie die Frage stellten, antworteten die Mädchen: »Den mögen mir leiden, der die Reiherfeder trägt,« und von jetzt ab ging es immer so fort: wo ihnen Mädchen begegneten, fragten sie, welchen sie leiden möchten, und immer kam nun die Antwort: »Den, der die Reiherfeder trägt.« So sprach endlich der andere: »O weh, mich verschmähen sie alle, mich allein, denn der Häßliche bin ich. Alle mögen dich, ich aber werde wohl niemals eine Frau bekommen.«

Eines Tages, als sie wieder eine Mädchenschar befragt hatten, kamen sie zu einem Wasserlauf, der rauschte durch eine Schlucht dahin. Da sprach der, der jetzt die Krähenfeder trug: »Laß uns Wasser trinken.« Der andere sagte: »Gut.« Sie tranken, und nachdem sie getrunken hatten, sprach der erstere: »Laß uns jetzt eine Grube graben.« Fragte der andere: »Wozu?« »Das wirst du sehen,« erwiderte jener, »ein Spiel wird's sein, du wirst daran Gefallen haben.« So gruben sie und gruben, bis die Grube recht tief war; da warf der mit der Krähenfeder, die Feder vom Kopfe des andern hinein und sagte: »Hole sie wieder,« worauf der Freund hineinstieg und sie herausbrachte. »Ist die Grube für das Spiel noch nicht tief genug?« fragte er. »Nein,« sagte der andere, worauf er, nachdem sie eine Weile weiter gearbeitet hatten, die Reiherfeder vom Kopfe des anderen noch einmal hineinwarf und sprach: »Spring hinein, damit wir sehen, ob sie noch nicht tief genug ist.« Und so wiederholte er es noch mehreremale, sprang auch selbst hinein und kam wieder heraus, und auch der mit der Reiherfeder mußte noch ein paarmal in die Tiefe springen. Und wie nun abermals seine Reiherfeder hineinflog und er ihr nachsprang, verschwand er so vollständig in der Tiefe, daß sein Kopf oben nicht mehr zu sehen war; und er sagte zum Freunde oben: »Hilf mir heraus.« Aber der lachte und statt ihm herauszuhelfen, schüttete er Erde über ihn, so daß er ihn begrub. Dann verdeckte er die Grube gut und ging weiter, um den Weg zur Verwandtschaft fortzusetzen.

Als er dort ankam, fragte man ihn, ob er denn allein gekommen wäre? »Ja,« sagte er, »ich war ganz allein« und blieb bei ihnen lange Zeit. Dann machte er sich auf die Heimreise, und als er zu Hause ankam, fragten sie ihn: »Wo ist denn dein Freund?« Er antwortete: »Ach, das weiß ich nicht, der ist wohl noch zurück, wahrscheinlich geht er noch.« Sodann begaben sie sich zur Ruhe. Am nächsten Tage fragten sie wieder, wo sein Freund sei und er wiederholte: »Das weiß ich nicht, ich habe ihn zurückgelassen, wahrscheinlich geht er noch.« Und am nächsten Tage war es dieselbe Sache: er hatte ihn zurückgelassen und gewiß mußte er sich schon auf dem Rückwege befinden – der Freund kam aber nicht.

Da geschah es, daß die Leute des Verschwundenen vor ihrer Hütte einen Vogel gewahrten, der stand da und sang:

»Euer Sohn ist nicht da.
Weil er die Reiherfeder getragen.
Sie begruben ihn deshalb, sie begruben ihn,
Im Morast begruben sie ihn.«

Als sie das hörten, machten sie sich auf und sprachen: »Wo ist er?«

Der Freund sagte: »Ich habe ihn zurückgelassen.«

»Und warum kommt er nicht?«

»Gewiß ist er noch auf dem Wege.«

Sie schwiegen und gingen. Am nächsten Morgen kehrte der Vogel wieder und sang:

»Euer Sohn ist nicht da.
Weil er die Reiherfeder getragen.
Sie begruben ihn deshalb, sie begruben ihn,
Im Morast begruben sie ihn.«

Darauf sprachen sie: »Du warst mit ihm.«

Er antwortete: »Gewiß kommt er morgen.«

Sie sprachen: »Und der Vogel da, was singt er?«

»Ach,« antwortete er, »gewiß ist er betrunken und singt sich selbst etwas vor.«

»Gut,« sprachen sie. Aber als der Vogel wieder sang, sagten sie: »Laßt uns gehen, nachsehen, was es zu bedeuten hat.« Und die Mutter des Getöteten, sowie einige andere machten sich auf den Weg, und ihm sagten sie: »Du mußt mit.« Und auf dem Wege trafen sie mit Leuten zusammen und fragten, ob sie die Knaben nicht zusammen gesehen hätten. »Ja,« sagten die Leute, »als sie dorthin zur Verwandtschaft gingen, haben wir sie gesehen.« »Und als sie zurückkehrten?« »Da haben wir sie nicht beisammen gesehen; nur diesen einen, den mit der Krähenfeder, haben wir da gesehen.«

Sie gingen weiter und trafen wieder Leute, die sagten: »Ja, wir haben sie beide beieinander gesehen; als sie in das Dorf dort gingen, haben wir sie gesehen, und als sie von dort zurückkehrten, vor dieser Schlucht hier, haben wir sie gesehen.« »Und als sie aus der Schlucht herauskamen?« »Nein,« sagten die Leute, »da haben wir nur den einen, der aus der Schlucht zurückkehrte, gesehen.«

Sie gingen in die Schlucht und kamen an eine Stelle, wo der Morast war. »Warum ist der Morast da?« fragten sie, und der mit der Krähenfeder antwortete: »Der war schon, als wir hingingen, da.« »Nein,« sagten sie, »der ist ganz frisch da,« und wieder war der Vogel da und sang:

»Euer Sohn ist da, euer Sohn ist da.
Sie begruben ihn, weil er die Reiherfeder getragen
Und begruben ihn deshalb, begruben ihn,
Hier an dieser Stelle begruben sie ihn.«

Da begannen sie nachzugraben und sahen bald einen Kopf, da schrie die Mutter: »Wer ist denn das hier, du Mörder?« Darauf gruben sie eine zweite Grube, warfen ihn hinein und verschlossen sie mit Erde, und der Vogel sang:

»Sie begruben ihn, weil er gemordet,
Begruben ihn, weil er den Freund gemordet!
Weil er die Reiherfeder hineingeworfen
Und den Freund, der hineinsprang, darin begraben.«

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.