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Negermärchen

Adolf Gelber: Negermärchen - Kapitel 11
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authorAdolf Gelber
titleNegermärchen
publisherRikola Verlag A.G.
year1921
illustratorAxel Leskoschek
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Der Werwolf

Es waren einmal drei Mädchen, die gingen zu dritt ins Gras. Als sie durch ein Flußtal kamen, fanden sie ein kleines Steinchen. Die eine wendete es hin und her und sagte: »Seht hier ein Steinchen, so schön wie mein Bruder;« darauf legte sie es wieder hin. Die zweite kam und sprach: »Es liegt hier ein Steinchen so schön wie mein Bräutigam« und legte es gleich der ersten zurück auf den Platz. Da kam die letzte und lachte und sprach: »Soll ich sagen, seht hier ein Steinchen, so schön wie mein Mann sein muß? Ihr Dummen, wie soll ein Steinchen so schön sein können wie ein Mensch?« Darauf hob sie den Stein auf und schleuderte ihn weg von dem Wege, indem sie dazu rief: »Fort mit dir, der du so schön bist wie mein Bruder, und mein Bräutigam und mein Mann.« Dann gingen sie weiter ins Gras.

Sie schnitten, bis sie genug hatten, und beluden sich damit. Als sie aber auf dem Rückweg wieder an den Platz kamen, fanden sie den Stein, der zurückgeflogen war, riesengroß gewachsen, und er lag als ein Hindernis da. Diejenige, welche früher vorangegangen war, war auch jetzt die vorderste und sang, als sie an den Stein kam wie folgt:

»Du Stein der hohen Zierde, he, Zierde,
Makenda, Makanda, Mahona,
Mach mir frei den gesperrten Pfad, damit ich durchschreite,
Makenda, Makanda, Mahona,
Damit ich durchschreite, he durchschreite.
Die dich verachtete, kommt nachher,
Makenda, Makanda, Mahona,
Nachher, he, nachher!«

Da rückte der Stein auf die Seite und machte ihr Platz, sodaß sie durchschreiten konnte. Nun stieg die zweite hinab und sang ebenfalls: »Damit ich durchschreite, he, durchschreite« und er machte ihr Platz. Da kam die Verächterin und sang im Trotz:

»Mach frei den gesperrten Pfad, damit ich durchschreite, he, durchschreite,
Du steinerner Bruder.
Heb auf die Schranke, damit ich durchschreite, he durchschreite,
Du steinerner Bräutigam
Heb auf das Bollwerk, damit ich durchschreite, he durchschreite,
Du steinerner Mann!«

Und immer mehr lachte sie und rief Makenda, Mahona, bis sie ermattete. Aber der Stein rührte sich nicht und machte ihr nicht Platz. Die Schwestern sahen zu und sagten: »Siehst du, das ist, weil du nicht aufhörst, über alles zu spotten, sogar der Stein wird bös über dich.« Und als Stunde um Stunde verging und die Verächterin noch immer nicht hinüberkonnte, wurden sie matt vor Hunger, verließen sie und gingen nach Haus. Da begann die Zurückgebliebene zu weinen, und darauf erschien ein Schakal, der zu ihr sagte: »Wenn ich dich hinüberschaffe, was wirst du mir geben?« Sie antwortete: »Ich werde dir das Kleinvieh aus meines Vaters Hause geben.« Der Schakal sagte: »Das ist nicht genug.« Sie sagte: »Ich werde dir die Rinder meines Vaters geben.« Er sagte: »Das ist nicht genug.« Sie fragte: »Schakal, was soll ich dir also geben?« Er antwortete: »Willst du mein Weib werden?« Sie sprach: »Wohl, ich will dein Weib werden,« worauf er sagte: »Das ist recht, meine junge Frau, du sollst es gut haben. Hänge dich fest an mich, ich ziehe dich hinan.« Da hing sie sich an ihn, und er begann sie zu ziehen und brachte sie fast schon auf die Höhe des Steines. Da, knacks, brach der Stein mitten entzwei, der Schakal stürzte zu Boden und sie glitt ihm nach bis auf den Boden. Worauf der Schakal fluchend entlief.

Sie begann zu rufen. Da erschien ein wilder Hund, aber der versuchte es auch vergebens. Fast gelangte er schon auf die Höhe hinauf und suchte sie hinüberzuschwingen, da sprang der Stein mitten entzwei und sie lagen unten, während der Stein sich rasch wieder zusammenfügte. Der Hund verschwand, sie blieb allein und rang die Hände – da kam wieder jemand. Es war die Hyäne. Aber das Mädchen wußte es nicht, denn die Hyäne sah ganz aus wie ein Mann.

»Was hast du, Kind?« fragte er. »Nichts Herr, nur daß der Stein mich nicht hinüberläßt, sodaß ich nicht zu den Meinigen nach Hause gelangen kann und der Schakal und der Hund mühten sich vergebens, mich hinüberzubringen.« Der Mann lachte und sagte: »Das machen sie immer so, weil sie es mir nachtun wollen, aber es wird ihnen nicht gelingen. Nur ich und kein anderer kann hinüber und wenn ich dich hinüberbringe, was gibst du mir dafür? Sie sprach: »Ich will dir die Ziegen und Schafe alle aus meines Vaters Hause geben.« Der Mann sagte: »Was fällt dir ein?« Sie sagte weinend: »Ich werde dir die Rinder geben.« Der Mann wiederholte, daß das nicht genug sei. Darauf sprach er weiter: »Graut es dir vor mir oder willst du meine Frau werden?« Sie antwortete ja, und der Mann sagte: »Recht so, junge Frau, also du bist einverstanden. Hänge dich jetzt fest an mich.« Das tat sie, und richtig brachte er sie zur Höhe und auf die andere Seite und sagte: »Siehst du, wie gut es ist, daß ich gerade daherkam. Nun komm' und hör' zu weinen auf.« Sprach das Mädchen: »Willst du nicht jetzt zu meinen Eltern kommen, damit ich von ihnen Abschied nehme?« Er sagte: »Gerade zu ihnen führ ich dich hin.« Da legte sie ihre Hand in die seine und sie gingen, und als sie sich eine Strecke weit von der Höhe entfernt hatten, fragte er: »Erblickst du dort deine Heimat?« Sie antwortete: »Ja, ich sehe sie dort.« Sie gingen weiter und er wiederholte: »Erblickst du noch deine Heimat?« Sie antwortete: »Ich sehe die Bäume in der Pflanzung, aber warum werden sie kleiner, je näher sie sind?« Er lachte und sprach, nachdem sie wieder eine Strecke weit gegangen waren: »Erblickst du noch die Heimat?« Sie sagte: »Dort ist der Baum unterhalb des Hauses und dort ist das Haus selbst, und da stehen meine Schwestern, aber, Mann, ich fürchte mich, so furchtbar klein ist alles geworden!« Da strich er mit der Hand über ihre Augen, und wie er dann zum vierten Mal fragte: »Erblickst du noch deine Heimat?« sah sie nichts mehr – denn alles war ein Spuk.

Sie sank zu Boden. Er hob sie auf und trug sie an den Ort, wo er wohnte, und als sie erwachte, sagte er: »Hier ist der Ort, wo du nun immer bleiben wirst.« Und da sie nach den Eltern fragte, schrie er: »Schöne junge Frau, wirst du nicht aufhören, nach den Menschen zu fragen?« Und da sie klagte: »Stein, Stein, warum habe ich dich weggeworfen?« sagte er: »So ist's recht, warum hast du ihn weggeworfen, schöne junge Frau?«

Der Ort, wo sie schliefen, war eine Höhle, die hatte zwei Räume, und der Mann sagte: »Der ist für dich. Hier wirst du kochen und das Fleisch braten, und wenn du in den andern hineinblickst, wirst du es zu spüren bekommen, schöne junge Frau. Der ist nur für mich. Und wenn ich Fleisch bringe, wirst du nur das, das ich in deinen Raum hineinhänge, kochen und braten, und was ich in meinem an die Wand hänge, das geht dich nichts an. Und wenn du doch hineinschaust, so werde ich es, auch wenn ich abwesend bin, erfahren. Wenn ich zum Stein dort an der Wand sage: ›Stein, rede,‹ so wird er reden und sagen: ›Ja, sie war hier drin.‹ Und wenn du in der Viehabteilung oder auf dem Boden gewesen ist, so sind auch dort Steine, die werden reden: ›Ja, sie war hier drin‹ oder ›sie war nicht drin‹.« Da erkannte die Frau, daß er ein furchtbarer Zauberer war; und weil sie sich nicht mehr laut zu weinen und zu sprechen traute, dachte sie sich: »Warum habe ich den Stein weggeworfen?« und fühlte sich sehr unglücklich.

Als es Abend wurde, sagte der Mann: »Jetzt werde ich ausgehen, und daß du mir nicht nachblickst und deinen Raum nicht verlässest! Und jetzt gleich lösch auch das Feuer am Herde aus.« »Warum?« fragte sie. Er sagte, indem er heftig nach ihr schlug: »Darum!« und löschte selbst das Feuer aus, so daß sie auch durch die Ritzen in der Wand in seinen Raum nicht hinübersehen konnte; und dort verwandelte er sich dann. Denn allnächtlich verwandelte er sich. Er sagte: »Fell, kehre dich nach außen« und darauf verschwanden seine Arme und Beine und aus seinem Körper wurde ein Tier mit einem Hyänenrachen und Hyänenbeinen: und statt des Kopfes bekam er einen greulichen Hyänenkopf. Dann schlich er lautlos hinaus.

Draußen angekommen sagte er: »Haus des Mannes sei geschlossen,« worauf sich die Türe der Höhle sofort schloß, so daß niemand von außen sie zu sehen bekam, und wie er durch den Hof ging, sagte er wieder nach einem schweren Zauber: »Hof des Mannes, sei geschlossen,« woraus sich ebenso der Hof nach außen schloß. Die Frau aber blieb drinnen in ihrem Kerker und weinte, indes er aus einem Kraal eine Ziege holte; die trug er im Maule nach Haus. Wie er ankam, sagte er: »Hof des Mannes,« und dann: »Haus des Mannes öffne dich,« worauf er eintrat und dann in der Viehabteilung sowie auf dem Boden seine Zaubersteine fragte, ob jemand dagewesen. Und dann erfuhr er noch von dem Stein in seiner Höhle, daß das Feuer drinnen die ganze Nacht ausgelöscht geblieben und von niemand wieder angezündet worden. »So ist's recht, schöne junge Frau,« sagte er darauf, »denn sonst wärest du gleich heute von mir gefressen worden.«

Nun hörte er weinen und rief hinüber.

Die Frau antwortete:

»Erkennst du meine Stimme nicht?« fragte er.

»Ich erkenne sie nicht,« antwortete sie.

»Weil sie etwas verwandelt ist,« sagte er, »gleich wirst du sie wiedererkennen. Warum weinst du?«

»Ich weine nicht.«

»Ja, du weinst; nicht wahr, aus Sehnsucht nach mir, schöne junge Frau?« Darauf sprach er leise zu seinem Fell: »Fell, kehre dich jetzt nach innen,« und gleich verwandelte er sich wiederum. Die Borsten am Rücken schwanden, aus den Hyänenfüßen wurden wieder wie bei einem Menschen Arme und Beine und aus dem Hyänenkopf wieder der Kopf des Mannes. Er ging nun zu der Frau hinein und sagte: »Das ist recht, junge Frau, hier bist du gesessen und dafür habe ich dir gutes Ziegenfleisch gebracht,« und gleich mußte sie davon kochen und braten, während er das übrige an die Wand hing. Dann drehte sie sich im Tanze, weil er es so wollte, und dann schlief er ein.

Einmal aber hörte sie, als er nachts heimkam, daß er etwas Schweres mit sich schleppte, und sie klopfte an die Wand. »Wer klopft?« schrie er. Sie sagte: »Soll ich dir nicht helfen?« Er lachte und sagte: »Nicht für dich, junge Frau, ist's, nicht für dich, es würde dir nicht recht sein,« und wie sie noch ein zweites und drittes Mal so auf seine Heimkehr lauerte, dachte sie sich: »Was tut er denn da und was wird denn geschehen, wenn ich es doch einmal wage hineinzuspähen?« Darauf nahm sie, als er nach Hause kam und sie ihn drin in seinem Raum hörte, einen Holzspan, den sie anzündete und blickte hinüber durch eine Ritze in der Wand. Und da begann ihr freilich zu grauen, denn sie gewahrte, wie sich auf dem Rücken die Fellhaare noch gleich Federn hin und her bewegten und dann verschwand das Fell und ihr Mann stand aufrecht da. Da sang sie:

»Sieh da, ein wildes Tier hat mich geheiratet
          Hia Malombe,
          Hia Malombe,
Und ich bin seine junge Frau.
Sieh da, ein blutiges Tier hat mich gefangen
          Hia Malombe,
          Hia Malombe,
Und das ist mein Glück.«

Er horchte auf und rief herüber: »Höre, junge Frau, mir scheint, du bist wach drinnen.«

Sie antwortete: »Ja, ich bin wach.«

»Junge Frau, junge Frau,« kam es wieder herüber, »denke dran, daß etwas geschehen wird, wenn du mich belauern solltest!«

»Gar nicht belauere ich dich,« antwortete die Frau.

»Also was ist das für ein Singsang, den du da singst? Er klingt so traurig.«

»Gar nicht traurig ist er,« sprach die Frau.

»Doch, doch! Wiederhole die Worte.«

Da antwortete sie: »Ich singe:

»Sieh da, ein Mann hat mich geheiratet
          Hia Malombe,
          Hia Malombe,
Und ich bin seine junge Frau.
Sieh da, einen Mann hab ich bekommen.
Und das ist mein Glück.«

Da sprach der Mann aus seiner Höhle: »Recht so, meine junge Frau, bringe dem Hause nur immer mit deinem Gesange Segen,« und er war wieder gut. Aber wie er sich abends in seinem Gelaß wieder zur nächtlichen Jagd bereit machen wollte und die Worte sprach: »Fell, kehre dich nach außen,« wollte es sich nicht mehr wenden und da erkannte er, daß sie ihn bei seiner Heimkehr in der Morgendämmerung gesehen hatte, und schon wollte er ihr das Blut aussaugen – da erinnerte er sich an etwas. »Geh, meine Süße,« bat er, »geh, meine Holde, hinaus in unseren Hof. Und zieh den Stein aus der Mauer und sei recht freundlich mit dem Steine und sprich: ›Bitte, Stein, hilf ihm‹ und steck ihn in die Mauer zurück.« Das tat sie denn und so kehrte ihm der Zauber zurück. Er mußte zum Fell nur noch sagen: »Kraft des Steines kehre dich nach außen,« und gleich stand wieder die greuliche Hyäne da. Und mit den Worten: »Haus des Mannes, schließe dich« und »Hof des Mannes, schließe dich,« schlich er in die Nacht hinaus und begab sich wieder auf die Jagd.

Aber, seitdem die junge Frau verschwunden war, suchten ihre Eltern nach ihr, und fragten einmal auch bei einer berühmten alten Frau an, die eine Zauberin war. Die sprach mit den beiden Mädchen, die damals mit der Verschwundenen ins Gras gegangen waren und dann mit dem Schakal und mit dem Hunde. Wie denn die Hyäne weggegangen war, kam die Alte hinaufgeschlichen, Hof und Türe taten sich vor ihr auf, und die junge Frau erschrak, als sie sie erblickte und sagte weinend: »Ach, wollt ihr mich strafen? Gewiß hat euch mein Mann geschickt.« Da sprach die Alte: »Nein, Kind, dein Mann ist der Werwolf und weißt du nicht, warum du nie in seine Kammer darfst? In eine Hyäne verwandelt er sich immer und Menschenfleisch bringt er, und drinnen in seiner Kammer ist es an der Wand aufgehängt.«

Und sie führte die junge Frau in die Kammer, wo sie gleich sah, daß es wirklich auch so war; und die Alte berührte drei Steine mit einem Hammer, und sie verwandelten sich ebenfalls in Hyänen – sie berührte sie an den Köpfen, sie zerfielen zu Staub und gleich darauf war die Alte verschwunden – das junge Weib aber sagte: »Nein, jetzt bleibe ich nicht mehr« und sie floh.

Auf dem Wege begegnete ihr ein Tier, das sprach: »Das ist doch das Weib der Hyäne« und entfloh. Dann begegnete ihr ein zweites, das sagte ebenfalls: »Bist du es, Weib der Hyäne?« und entfloh. Ein drittes aber kam und sagte: »Geh nur und rette uns, du Milde!« und folgte ihr nach. So kamen sie bis zu der Furt, wo die Steine lagen, und die junge Frau erkannte, daß wiederum jenes erste kleine Steinchen da war, und wie sie herankam, begann es zu wachsen und zu wachsen und wurde riesengroß und versperrte den Weg. Da rief sie: »Werwolf töte mich – ich trag es nicht länger!« Und siehe, da lag auf einmal der Hammer, den die Alte früher oben gehabt. Die junge Frau erhob ihn und warf ihn gegen den Stein; siehe, da zersprang er und darin war die Seele ihres Mannes. Die wollte sich auf sie stürzen, aber da war plötzlich die Alte da und griff nach der Seele, worauf die Hyäne tot niederfiel. Die junge Frau weinte und sagte: »Das muß ich dir danken.« Dann kehrten sie miteinander in ihr Dorf zurück.

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