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Gutenberg > Gotthold Ephraim Lessing >

Nathan der Weise

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
authorGotthold Ephraim Lessing
year1995
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000003-3
titleNathan der Weise
sendergerd.bouillon@t-online.de
corrected20120920
firstpub1779
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Dritter Aufzug

Erster Auftritt

(Szene: in Nathans Hause.)

Recha und Daja.

Recha.
Wie, Daja, drückte sich mein Vater aus?
»Ich dürf' ihn jeden Augenblick erwarten?«
Das klingt nicht wahr? als ob er noch so bald
Erscheinen werde. Wieviel Augenblicke
Sind aber schon vorbei! Ah nun: wer denkt
An die verflossenen? Ich will allein
In jedem nächsten Augenblicke leben.
Er wird doch einmal kommen, der ihn bringt.

Daja.
O der verwünschten Botschaft von dem Sultan!
Denn Nathan hätte sicher ohne sie
Ihn gleich mit hergebracht.

Recha. Und wenn er nun
Gekommen, dieser Augenblick; wenn denn
Nun meiner Wünsche wärmster, innigster
Erfüllet ist: was dann? was dann?

Daja. Was dann?
Dann hoff ich, daß auch meiner Wünsche wärmster
Soll in Erfüllung gehen.

Recha. Was wird dann
In meiner Brust an dessen Stelle treten,
Die schon verlernt, ohn' einen herrschenden
Wunsch aller Wünsche sich zu dehnen? Nichts?
Ah, ich erschrecke! ...

Daja. Mein, mein Wunsch wird dann
An des erfüllten Stelle treten; meiner.
Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Händen
Zu wissen, welche deiner würdig sind.

Recha.
Du irrst. Was diesen Wunsch zu deinem macht,
Das nämliche verhindert, daß er meiner
Je werden kann. Dich zieht dein Vaterland:
Und meines, meines sollte mich nicht halten?
Ein Bild der Deinen, das in deiner Seele
Noch nicht verloschen, sollte mehr vermögen,
Als die ich sehn, und greifen kann, und hören,
Die Meinen?

Daja. Sperre dich, soviel du willst!
Des Himmels Wege sind des Himmels Wege.
Und wenn es nun dein Retter selber wäre,
Durch den sein Gott, für den er kämpft, dich in
Das Land, dich zu dem Volke führen wollte,
Für welche du geboren wurdest?

Recha. Daja!
Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!
Du hast doch wahrlich deine sonderbaren
Begriffe! »Sein, sein Gott! für den er kämpft!«
Wem eignet Gott? was ist das für ein Gott,
Der einem Menschen eignet? der für sich
Muß kämpfen lassen? Und wie weiß
Man denn, für welchen Erdkloß man geboren,
Wenn man's für den nicht ist, auf welchem man
Geboren? Wenn mein Vater dich so hörte!
Was tat er dir, mir immer nur mein Glück
So weit von ihm als möglich vorzuspiegeln?
Was tat er dir, den Samen der Vernunft,
Den er so rein in meine Seele streute,
Mit deines Landes Unkraut oder Blumen
So gern zu mischen? Liebe, liebe Daja,
Er will nun deine bunten Blumen nicht
Auf meinem Boden! Und ich muß dir sagen,
Ich selber fühle meinen Boden, wenn
Sie noch so schön ihn kleiden, so entkräftet,
So ausgezehrt durch deine Blume; fühle
In ihrem Dufte, sauersüßem Dufte,
Mich so betäubt, so schwindelnd! Dein Gehirn
Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum
Die stärkern Nerven nicht, die ihn vertragen.
Nur schlägt er mir nicht zu; und schon dein Engel,
Wie wenig fehlte, daß er mich zur Närrin
Gemacht? Noch schäm ich mich vor meinem Vater
Der Posse!

Daja. Posse! Als ob der Verstand
Nur hier zu Hause wäre! Posse! Posse!
Wenn ich nur reden dürfte!

Recha. Darfst du nicht?
Wenn war ich nicht ganz Ohr, sooft es dir
Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich
Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten
Nicht stets Bewunderung; und ihren Leiden
Nicht immer Tränen gern gezollt? Ihr Glaube
Schien freilich mir das Heldenmäßigste
An ihnen nie. Doch so viel tröstender
War mir die Lehre, daß Ergebenheit
In Gott von unserm Wähnen über Gott
So ganz und gar nicht abhängt. Liebe Daja,
Das hat mein Vater uns so oft gesagt;
Darüber hast du selbst mit ihm so oft
Dich einverstanden: warum untergräbst
Du denn allein, was du mit ihm zugleich
Gebauet? Liebe Daja, das ist kein
Gespräch, womit wir unserm Freund' am besten
Entgegensehn. Für mich zwar, ja! Denn mir,
Mir liegt daran unendlich, ob auch er ...
Horch, Daja! Kommt es nicht an unsre Türe?
Wenn Er es wäre! horch!

Zweiter Auftritt

Recha. Daja und der Tempelherr, dem jemand von außen die Türe öffnet, mit den Worten:

Nur hier herein!

Recha (fährt zusammen, faßt sich und will ihm zu Füßen fallen).
Er ist's! Mein Retter, ah!

Tempelherr. Dies zu vermeiden
Erschien ich bloß so spät: und doch

Recha. Ich will
Ja zu den Füßen dieses stolzen Mannes
Nur Gott noch einmal danken; nicht dem Manne.
Der Mann will keinen Dank; will ihn so wenig
Als ihn der Wassereimer will, der bei
Dem Löschen so geschäftig sich erwiesen.
Der ließ sich füllen, ließ sich leeren, mir
Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der
Ward nur so in die Glut hineingestoßen;
Da fiel ich ungefähr ihm in den Arm;
Da blieb ich ungefähr, so wie ein Funken
Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen;
Bis wiederum, ich weiß nicht was, uns beide
Herausschmiß aus der Glut. Was gibt es da
Zu danken? In Europa treibt der Wein
Zu noch weit andern Taten. Tempelherren,
Die müssen einmal nun so handeln; müssen
Wie etwas besser zugelernte Hunde,
Sowohl aus Feuer, als aus Wasser holen.

Tempelherr (der sie mit Erstaunen und Unruhe die Zeit über betrachtet).
O Daja, Daja! Wenn in Augenblicken
Des Kummers und der Galle, meine Laune
Dich übel anließ, warum jede Torheit,
Die meiner Zung' entfuhr, ihr hinterbringen?
Das hieß sich zu empfindlich rächen, Daja!
Doch wenn du nur von nun an besser mich
Bei ihr vertreten willst.

Daja. Ich denke, Ritter
Ich denke nicht, daß diese kleinen Stacheln,
Ihr an das Herz geworfen, Euch da sehr
Geschadet haben.

Recha. Wie? Ihr hattet Kummer?
Und wart mit Euerm Kummer geiziger
Als Euerm Leben?

Tempelherr. Gutes, holdes Kind!
Wie ist doch meine Seele zwischen Auge
Und Ohr geteilt! Das war das Mädchen nicht,
Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer
Ich holte. Denn wer hätte die gekannt,
Und aus dem Feuer nicht geholt? Wer hätte
Auf mich gewartet? Zwar verstellt der Schreck.
(Pause, unter der er, in Anschauung ihrer, sich wie verliert.)

Recha.
Ich aber find Euch noch den nämlichen.
(Dergleichen; bis sie fortfährt, um ihn in seinem Anstaunen zu unterbrechen.)
Nun, Ritter, sagt uns doch, wo Ihr so lange
Gewesen? Fast dürft' ich auch fragen: wo
Ihr itzo seid?

Tempelherr. Ich bin, wo ich vielleicht
Nicht sollte sein.

Recha. Wo Ihr gewesen? Auch
Wo Ihr vielleicht nicht solltet sein gewesen?
Das ist nicht gut.

Tempelherr. Auf auf wie heißt der Berg?
Auf Sinai.

Recha. Auf Sinai? Ah schön!
Nun kann ich zuverlässig doch einmal
Erfahren, ob es wahr ...

Tempelherr. Was? was? Ob's wahr,
Daß noch daselbst der Ort zu sehn, wo Moses
Vor Gott gestanden, als ...

Recha. Nun das wohl nicht.
Denn wo er, stand, stand er vor Gott. Und davon
Ist mir zur Gnüge schon bekannt. Ob's wahr,
Möcht' ich nur gern von Euch erfahren, daß
Daß es bei weitem nicht so mühsam sei,
Auf diesen Berg hinaufzusteigen, als
Herab? Denn seht; soviel ich Berge noch
Gestiegen bin, war's just das Gegenteil.
Nun, Ritter? Was? Ihr kehrt Euch von mir ab?
Wollt mich nicht sehn?

Tempelherr. Weil ich Euch hören will.

Recha.
Weil Ihr mich nicht wollt merken lassen, daß
Ihr meiner Einfalt lächelt; daß Ihr lächelt,
Wie ich Euch doch so gar nichts Wichtigers
Von diesem heiligen Berg' aller Berge
Zu fragen weiß? Nicht wahr?

Tempelherr. So muß
Ich doch Euch wieder in die Augen sehn.
Was? Nun schlagt Ihr sie nieder? nun verbeißt
Das Lächeln Ihr? wie ich noch erst in Mienen,
In zweifelhaften Mienen lesen will,
Was ich so deutlich hör, Ihr so vernehmlich
Mir sagt verschweigt? Ah Recha! Recha! Wie
Hat er so wahr gesagt: »Kennt sie nur erst!«

Recha.
Wer hat? von wem? Euch das gesagt?

Tempelherr. »Kennt sie
Nur erst!« hat Euer Vater mir gesagt;
Von Euch gesagt.

Daja. Und ich nicht etwa auch?
Ich denn nicht auch?

Tempelherr. Allein wo ist er denn?
Wo ist denn Euer Vater? Ist er noch
Beim Sultan?

Recha. Ohne Zweifel.

Tempelherr. Noch, noch da?
O mich Vergeßlichen! Nein, nein; da ist
Er schwerlich mehr. Er wird dort unten bei
Dem Kloster meiner warten; ganz gewiß.
So red'ten, mein ich, wir es ab. Erlaubt!
Ich geh, ich hol ihn ...

Daja. Das ist meine Sache.
Bleibt, Ritter, bleibt. Ich bring ihn unverzüglich.

Tempelherr.
Nicht so, nicht so! Er sieht mir selbst entgegen;
Nicht Euch. Dazu, er könnte leicht ... wer weiß? ...
Er könnte bei dem Sultan leicht,... Ihr kennt
Den Sultan nicht! ... leicht in Verlegenheit
Gekommen sein. Glaubt mir; es hat Gefahr,
Wenn ich nicht geh.

Recha. Gefahr? was für Gefahr?

Tempelherr.
Gefahr für mich, für Euch, für ihn: wenn ich
Nicht schleunig, schleunig geh. (Ab.)

Dritter Auftritt

Recha und Daja.

Recha. Was ist das, Daja?
So schnell? Was kömmt ihm an? Was fiel ihm auf?
Was jagt ihn?

Daja. Laßt nur, laßt. Ich denk, es ist
Kein schlimmes Zeichen.

Recha. Zeichen? und wovon?

Daja.
Daß etwas vorgeht innerhalb. Es kocht,
Und soll nicht überkochen. Laßt ihn nur.
Nun ist's an Euch.

Recha. Was ist an mir? Du wirst,
Wie er, mir unbegreiflich.

Daja. Bald nun könnt
Ihr ihm die Unruh' all vergelten, die
Er Euch gemacht hat. Seid nur aber auch
Nicht allzu streng, nicht allzu rachbegierig.

Recha.
Wovon du sprichst, das magst du selber wissen.

Daja.
Und seid denn Ihr bereits so ruhig wieder?

Recha.
Das bin ich; ja das bin ich ...

Daja. Wenigstens
Gesteht, daß Ihr Euch seiner Unruh' freut;
Und seiner Unruh' danket, was Ihr itzt
Von Ruh' genießt.

Recha. Mir völlig unbewußt!
Denn was ich höchstens dir gestehen könnte,
Wär', daß es mich mich selbst befremdet, wie
Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen
So eine Stille plötzlich folgen können.
Sein voller Anblick, sein Gespräch, sein Ton
Hat mich ...

Daja. Gesättigt schon?

Recha. Gesättigt, will
Ich nun nicht sagen; nein bei weitem nicht

Daja.
Den heißen Hunger nur gestillt.

Recha. Nun ja:
Wenn du so willst.

Daja. Ich eben nicht.

Recha. Er wird
Mir ewig wert; mir ewig werter, als
Mein Leben bleiben: wenn auch schon mein Puls
Nicht mehr bei seinem bloßen Namen wechselt;
Nicht mehr mein Herz, sooft ich an ihn denke,
Geschwinder, stärker schlägt. Was schwatz ich? Komm,
Komm, liebe Daja, wieder an das Fenster,
Das auf die Palmen sieht.

Daja. So ist er doch
Wohl noch nicht ganz gestillt, der heiße Hunger.

Recha.
Nun werd ich auch die Palmen wieder sehn:
Nicht ihn bloß untern Palmen.

Daja. Diese Kälte
Beginnt auch wohl ein neues Fieber nur.

Recha.
Was Kält'? Ich bin nicht kalt. Ich sehe wahrlich
Nicht minder gern, was ich mit Ruhe sehe.

Vierter Auftritt

(Szene: ein Audienzsaal in dem Palaste des Saladin.)

Saladin und Sittah.

Saladin (im Hereintreten, gegen die Türe).
Hier bringt den Juden her, sobald er kömmt.
Er scheint sich eben nicht zu übereilen.

Sittah.
Er war auch wohl nicht bei der Hand; nicht gleich
Zu finden.

Saladin. Schwester! Schwester!

Sittah. Tust du doch,
Als stünde dir ein Treffen vor.

Saladin. Und das
Mit Waffen, die ich nicht gelernt zu führen.
Ich soll mich stellen; soll besorgen lassen;
Soll Fallen legen; soll auf Glatteis führen.
Wenn hätt' ich das gekonnt? Wo hätt' ich das
Gelernt? Und soll das alles, ah, wozu?
Wozu? Um Geld zu fischen; Geld! Um Geld,
Geld einem Juden abzubangen; Geld!
Zu solchen kleinen Listen wär' ich endlich
Gebracht, der Kleinigkeiten kleinste mir
Zu schaffen?

Sittah. Jede Kleinigkeit, zu sehr
Verschmäht, die rächt sich, Bruder.

Saladin. Leider wahr.
Und wenn nun dieser Jude gar der gute,
Vernünft'ge Mann ist, wie der Derwisch dir
Ihn ehedem beschrieben?

Sittah. O nun dann!
Was hat es dann für Not! Die Schlinge liegt
Ja nur dem geizigen, besorglichen,
Furchtsamen Juden: nicht dem guten, nicht
Dem weisen Manne. Dieser ist ja so
Schon unser, ohne Schlinge. Das Vergnügen,
Zu hören, wie ein solcher Mann sich ausred't;
Mit welcher dreisten Stärk' entweder er
Die Stricke kurz zerreißet; oder auch
Mit welcher schlauen Vorsicht er die Netze
Vorbei sich windet: dies Vergnügen hast
Du obendrein.

Saladin. Nun, das ist wahr. Gewiß;
Ich freue mich darauf.

Sittah. So kann dich ja
Auch weiter nichts verlegen machen. Denn
Ist's einer aus der Menge bloß; ist's bloß
Ein Jude, wie ein Jude: gegen den
Wirst du dich doch nicht schämen, so zu scheinen,
Wie er die Menschen all sich denkt? Vielmehr;
Wer sich ihm besser zeigt, der zeigt sich ihm
Als Geck, als Narr.

Saladin. So muß ich ja wohl gar
Schlecht handeln, daß von mir der Schlechte nicht
Schlecht denke?

Sittah. Traun! wenn du schlecht handeln nennst,
Ein jedes Ding nach seiner Art zu brauchen.

Saladin.
Was hätt' ein Weiberkopf erdacht, das er
Nicht zu beschönen wüßte!

Sittah. Zu beschönen!

Saladin.
Das feine, spitze Ding, besorg ich nur,
In meiner plumpen Hand zerbricht! So was
Will ausgeführt sein, wie's erfunden ist:
Mit aller Pfiffigkeit, Gewandtheit. Doch,
Mag's doch nur, mag's! Ich tanze, wie ich kann;
Und könnt' es freilich lieber schlechter noch
Als besser.

Sittah. Trau dir auch nur nicht zu wenig!
Ich stehe dir für dich! Wenn du nur willst.
Daß uns die Männer deinesgleichen doch
So gern bereden möchten, nur ihr Schwert,
Ihr Schwert nur habe sie so weit gebracht.
Der Löwe schämt sich freilich, wenn er mit
Dem Fuchse jagt: des Fuchses, nicht der List.

Saladin.
Und daß die Weiber doch so gern den Mann
Zu sich herunter hätten! Geh nur, geh!
Ich glaube meine Lektion zu können.

Sittah.
Was? ich soll gehn?

Saladin. Du wolltest doch nicht bleiben?

Sittah.
Wenn auch nicht bleiben ... im Gesicht euch bleiben
Doch hier im Nebenzimmer

Saladin. Da zu horchen?
Auch das nicht, Schwester; wenn ich soll bestehn.
Fort, fort! der Vorhang rauscht; er kömmt! doch daß
Du ja nicht da verweilst! Ich sehe nach.

(Indem sie sich durch eine Türe entfernt, tritt Nathan zu der andern herein; und Saladin hat sich gesetzt.)

Fünfter Auftritt

Saladin und Nathan.

Saladin.
Tritt näher, Jude! Näher! Nur ganz her!
Nur ohne Furcht!

Nathan. Die bleibe deinem Feinde!

Saladin.
Du nennst dich Nathan?

Nathan. Ja.

Saladin. Den weisen Nathan?

Nathan.
Nein.

Saladin. Wohl! nennst du dich nicht; nennt dich das Volk.

Nathan.
Kann sein; das Volk!

Saladin. Du glaubst doch nicht, daß ich
Verächtlich von des Volkes Stimme denke?
Ich habe längst gewünscht, den Mann zu kennen,
Den es den Weisen nennt.

Nathan. Und wenn es ihn
Zum Spott so nennte? Wenn dem Volke weise
Nichts weiter wär' als klug? und klug nur der,
Der sich auf seinen Vorteil gut versteht?

Saladin.
Auf seinen wahren Vorteil, meinst du doch?

Nathan.
Dann freilich wär' der Eigennützigste
Der Klügste. Dann wär' freilich klug und weise
Nur eins.

Saladin. Ich höre dich erweisen, was
Du widersprechen willst. Des Menschen wahre
Vorteile, die das Volk nicht kennt, kennst du.
Hast du zu kennen wenigstens gesucht;
Hast drüber nachgedacht: das auch allein
Macht schon den Weisen.

Nathan. Der sich jeder dünkt
Zu sein.

Saladin. Nun der Bescheidenheit genug!
Denn sie nur immerdar zu hören, wo
Man trockene Vernunft erwartet, ekelt.
(Er springt auf.)
Laß uns zur Sache kommen! Aber, aber
Aufrichtig, Jud', aufrichtig!

Nathan. Sultan, ich
Will sicherlich dich so bedienen, daß
Ich deiner fernern Kundschaft würdig bleibe.

Saladin. Bedienen? wie?

Nathan. Du sollst das Beste haben
Von allem; sollst es um den billigsten
Preis haben.

Saladin. Wovon sprichst du? doch wohl nicht
Von deinen Waren? Schachern wird mit dir
Schon meine Schwester. (Das der Horcherin!)
Ich habe mit dem Kaufmann nichts zu tun.

Nathan.
So wirst du ohne Zweifel wissen wollen,
Was ich auf meinem Wege von dem Feinde,
Der allerdings sich wieder reget, etwa
Bemerkt, getroffen? Wenn ich unverhohlen ...

Saladin.
Auch darauf bin ich eben nicht mit dir
Gesteuert. Davon weiß ich schon, so viel
Ich nötig habe. Kurz-,

Nathan. Gebiete, Sultan.

Saladin.
Ich heische deinen Unterricht in ganz
Was anderm; ganz was anderm. Da du nun
So weise bist: so sage mir doch einmal
Was für ein Glaube, was für ein Gesetz
Hat dir am meisten eingeleuchtet?

Nathan. Sultan,
Ich bin ein Jud'.

Saladin. Und ich ein Muselmann.
Der Christ ist zwischen uns. Von diesen drei
Religionen kann doch eine nur
Die wahre sein. Ein Mann, wie du, bleibt da
Nicht stehen, wo der Zufall der Geburt
Ihn hingeworfen: oder wenn er bleibt,
Bleibt er aus Einsicht, Gründen, Wahl des Bessern.
Wohlan! so teile deine Einsicht mir
Dann mit. Laß mich die Gründe hören, denen
Ich selber nachzugrübeln, nicht die Zeit
Gehabt. Laß mich die Wahl, die diese Gründe
Bestimmt, versteht sich, im Vertrauen wissen,
Damit ich sie zu meiner mache. Wie?
Du stutzest? wägst mich mit dem Auge? Kann
Wohl sein, daß ich der erste Sultan bin,
Der eine solche Grille hat; die mich
Doch eines Sultans eben nicht so ganz
Unwürdig dünkt. Nicht wahr? So rede doch!
Sprich! Oder willst du einen Augenblick,
Dich zu bedenken? Gut, ich geb ihn dir.
(Ob sie wohl horcht? Ich will sie doch belauschen;
Will hören, ob ich's recht gemacht. ) Denk nach.
Geschwind denk nach! Ich säume nicht, zurück-
Zukommen.
(Er geht in das Nebenzimmer, nach welchem sich Sittah begeben.)

Sechster Auftritt

Nathan allein.

Hm! hm! – wunderlich! – Wie ist
Mir denn? Was will der Sultan? was? Ich bin
Auf Geld gefaßt; und er will Wahrheit. Wahrheit!
Und will sie so, so bar, so blank, als ob
Die Wahrheit Münze wäre! ja, wenn noch
Uralte Münze, die gewogen ward!
Das ginge noch! Allein so neue Münze,
Die nur der Stempel macht, die man aufs Brett
Nur zählen darf, das ist sie doch nun nicht!
Wie Geld in Sack, so striche man in Kopf
Auch Wahrheit ein? Wer ist denn hier der Jude?
Ich oder er? Doch wie? Sollt' er auch wohl
Die Wahrheit nicht in Wahrheit fodern? Zwar,
Zwar der Verdacht, daß er die Wahrheit nur
Als Falle brauche, wär' auch gar zu klein!
Zu klein? Was ist für einen Großen denn
Zu klein? Gewiß, gewiß: er stürzte mit
Der Türe so ins Haus! Man pocht doch, hört
Doch erst, wenn man als Freund sich naht. Ich muß
Behutsam gehn! Und wie? wie das? So ganz
Stockjude sein zu wollen, geht schon nicht.
Und ganz und gar nicht Jude, geht noch minder.
Denn, wenn kein Jude, dürft' er mich nur fragen,
Warum kein Muselmann? Das war's! Das kann
Mich retten! Nicht die Kinder bloß, speist man
Mit Märchen ab. Er kommt. Er komme nur!

Siebenter Auftritt

Saladin und Nathan.

Saladin.
(So ist das Feld hier rein!) Ich komm dir doch
Nicht zu geschwind zurück? Du bist zu Rande
Mit deiner Überlegung. Nun so rede!
Es hört uns keine Seele.

Nathan. Möcht' auch doch
Die ganze Welt uns hören.

Saladin. So gewiß
Ist Nathan seiner Sache? Ha! das nenn
Ich einen Weisen! Nie die Wahrheit zu
Verhehlen! für sie alles auf das Spiel
Zu setzen! Leib und Leben! Gut und Blut!

Nathan.
Ja! Ja! wann's nötig ist und nutzt.

Saladin. Von nun
An darf ich hoffen, einen meiner Titel,
Verbesserer der Welt und des Gesetzes,
Mit Recht zu führen.

Nathan. Traun, ein schöner Titel!
Doch, Sultan, eh' ich mich dir ganz vertraue,
Erlaubst du wohl, dir ein Geschichtchen zu
Erzählen?

Saladin. Warum das nicht? Ich bin stets
Ein Freund gewesen von Geschichtchen, gut
Erzählt.

Nathan. Ja, gut erzählen, das ist nun
Wohl eben meine Sache nicht.

Saladin. Schon wieder
So stolz bescheiden? Mach! erzähl, erzähle!

Nathan.
Vor grauen Jahren lebt' ein Mann in Osten,
Der einen Ring von unschätzbarem Wert
Aus lieber Hand besaß. Der Stein war ein
Opal, der hundert schöne Farben spielte,
Und hatte die geheime Kraft, vor Gott
Und Menschen angenehm zu machen, wer
In dieser Zuversicht ihn trug. Was Wunder,
Daß ihn der Mann in Osten darum nie
Vom Finger ließ; und die Verfügung traf,
Auf ewig ihn bei seinem Hause zu
Erhalten? Nämlich so. Er ließ den Ring
Von seinen Söhnen dem geliebtesten;
Und setzte fest, daß dieser wiederum
Den Ring von seinen Söhnen dem vermache,
Der ihm der liebste sei; und stets der liebste,
Ohn' Ansehn der Geburt, in Kraft allein
Des Rings, das Haupt, der Fürst des Hauses werde.
Versteh mich, Sultan.

Saladin. Ich versteh dich. Weiter!

Nathan.
So kam nun dieser Ring, von Sohn zu Sohn,
Auf einen Vater endlich von drei Söhnen;
Die alle drei ihm gleich gehorsam waren,
Die alle drei er folglich gleich zu lieben
Sich nicht entbrechen konnte. Nur von Zeit
Zu Zeit schien ihm bald der, bald dieser, bald
Der dritte, sowie jeder sich mit ihm
Allein befand, und sein ergießend Herz
Die andern zwei nicht teilten, würdiger
Des Ringes; den er denn auch einem jeden
Die fromme Schwachheit hatte, zu versprechen.
Das ging nun so, solang es ging. Allein
Es kam zum Sterben, und der gute Vater
Kömmt in Verlegenheit. Es schmerzt ihn, zwei
Von seinen Söhnen, die sich auf sein Wort
Verlassen, so zu kränken. Was zu tun?
Er sendet in geheim zu einem Künstler,
Bei dem er, nach dem Muster seines Ringes,
Zwei andere bestellt, und weder Kosten
Noch Mühe sparen heißt, sie jenem gleich,
Vollkommen gleich zu machen. Das gelingt
Dem Künstler. Da er ihm die Ringe bringt,
Kann selbst der Vater seinen Musterring
Nicht unterscheiden. Froh und freudig ruft
Er seine Söhne, jeden insbesondre;
Gibt jedem insbesondre seinen Segen,
Und seinen Ring, und stirbt. Du hörst doch, Sultan?

Saladin (der sich betroffen von ihm gewandt).
Ich hör, ich höre! Komm mit deinem Märchen
Nur bald zu Ende. Wird's?

Nathan. Ich bin zu Ende.
Denn was noch folgt, versteht sich ja von selbst.
Kaum war der Vater tot, so kömmt ein jeder
Mit seinem Ring, und jeder will der Fürst
Des Hauses sein. Man untersucht, man zankt,
Man klagt. Umsonst; der rechte Ring war nicht
Erweislich;
(nach einer Pause, in welcher er des Sultans Antwort erwartet)
Fast so unerweislich, als
Uns itzt der rechte Glaube.

Saladin. Wie? das soll
Die Antwort sein auf meine Frage? ...

Nathan. Soll
Mich bloß entschuldigen, wenn ich die Ringe
Mir nicht getrau zu unterscheiden, die
Der Vater in der Absicht machen ließ,
Damit sie nicht zu unterscheiden wären.

Saladin.
Die Ringe! Spiele nicht mit mir! Ich dächte,
Daß die Religionen, die ich dir
Genannt, doch wohl zu unterscheiden wären.
Bis auf die Kleidung, bis auf Speis' und Trank!

Nathan.
Und nur von seiten ihrer Gründe nicht.
Denn gründen alle sich nicht auf Geschichte?
Geschrieben oder überliefert! Und
Geschichte muß doch wohl allein auf Treu
Und Glauben angenommen werden? Nicht?
Nun, wessen Treu und Glauben zieht man denn
Am wenigsten in Zweifel? Doch der Seinen?
Doch deren Blut wir sind? doch deren, die
Von Kindheit an uns Proben ihrer Liebe
Gegeben? die uns nie getäuscht, als wo
Getäuscht zu werden uns heilsamer war?
Wie kann ich meinen Vätern weniger
Als du den deinen glauben? Oder umgekehrt.
Kann ich von dir verlangen, daß du deine
Vorfahren Lügen strafst, um meinen nicht
Zu widersprechen? Oder umgekehrt.
Das nämliche gilt von den Christen. Nicht?

Saladin.
(Bei dem Lebendigen! Der Mann hat recht.
Ich muß verstummen.)

Nathan. Laß auf unsre Ring'
Uns wieder kommen. Wie gesagt: die Söhne
Verklagten sich; und jeder schwur dem Richter,
Unmittelbar aus seines Vaters Hand
Den Ring zu haben. Wie auch wahr! Nachdem
Er von ihm lange das Versprechen schon
Gehabt, des Ringes Vorrecht einmal zu
Genießen. Wie nicht minder wahr! Der Vater,
Beteurt' jeder, könne gegen ihn
Nicht falsch gewesen sein; und eh' er dieses
Von ihm, von einem solchen lieben Vater,
Argwohnen lass': eh' müss' er seine Brüder,
So gern er sonst von ihnen nur das Beste
Bereit zu glauben sei, des falschen Spiels
Bezeihen; und er wolle die Verräter
Schon auszufinden wissen; sich schon rächen.

Saladin.
Und nun, der Richter? Mich verlangt zu hören,
Was du den Richter sagen lässest. Sprich!

Nathan.
Der Richter sprach: Wenn ihr mir nun den Vater
Nicht bald zur Stelle schafft, so weis ich euch
Von meinem Stuhle. Denkt ihr, daß ich Rätsel
Zu lösen da bin? Oder harret ihr,
Bis daß der rechte Ring den Mund eröffne?
Doch halt! Ich höre ja, der rechte Ring
Besitzt die Wunderkraft beliebt zu machen;
Vor Gott und Menschen angenehm. Das muß
Entscheiden! Denn die falschen Ringe werden
Doch das nicht können! Nun; wen lieben zwei
Von Euch am meisten? Macht, sagt an! Ihr schweigt?
Die Ringe wirken nur zurück? und nicht
Nach außen? Jeder liebt sich selber nur
Am meisten? Oh, so seid ihr alle drei
Betrogene Betrüger! Eure Ringe
Sind alle drei nicht echt. Der echte Ring
Vermutlich ging verloren. Den Verlust
Zu bergen, zu ersetzen, ließ der Vater
Die drei für einen machen.

Saladin. Herrlich! herrlich!

Nathan.
Und also, fuhr der Richter fort, wenn ihr
Nicht meinen Rat, statt meines Spruches, wollt:
Geht nur! Mein Rat ist aber der: ihr nehmt
Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von
Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:
So glaube jeder sicher seinen Ring
Den echten. Möglich; daß der Vater nun
Die Tyrannei des einen Rings nicht länger
In seinem Hause dulden willen! Und gewiß;
Daß er euch alle drei geliebt, und gleich
Geliebt: indem er zwei nicht drücken mögen,
Um einen zu begünstigen. Wohlan!
Es eifre jeder seiner unbestochnen
Von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
Die Kraft des Steins in seinem Ring' an Tag
Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
Mit innigster Ergebenheit in Gott
Zu Hilf'! Und wenn sich dann der Steine Kräfte
Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen
Als ich; und sprechen. Geht! So sagte der
Bescheidne Richter.

Saladin. Gott! Gott!

Nathan. Saladin,
Wenn du dich fühlest, dieser weisere
Versprochne Mann zu sein: ...

Saladin (der auf ihn zustürzt und seine Hand ergreift, die er bis zu Ende nicht wieder fahren läßt).
Ich Staub? Ich Nichts?
O Gott!

Nathan. Was ist dir, Sultan?

Saladin. Nathan, lieber Nathan!
Die tausend tausend Jahre deines Richters
Sind noch nicht um. Sein Richterstuhl ist nicht
Der meine. Geh! Geh! Aber sei mein Freund.

Nathan.
Und weiter hätte Saladin mir nichts
Zu sagen?

Saladin. Nichts.

Nathan. Nichts?

Saladin. Gar nichts. Und warum?

Nathan.
Ich hätte noch Gelegenheit gewünscht,
Dir eine Bitte vorzutragen.

Saladin. Braucht's
Gelegenheit zu einer Bitte? Rede!

Nathan.
Ich komm von einer weiten Reis', auf welcher
Ich Schulden eingetrieben. Fast hab ich
Des baren Gelds zuviel. Die Zeit beginnt
Bedenklich wiederum zu werden; und
Ich weiß nicht recht, wo sicher damit hin.
Da dacht' ich, ob nicht du vielleicht, weil doch
Ein naher Krieg des Geldes immer mehr
Erfordert, etwas brauchen könntest.

Saladin (ihm steif in die Augen sehend).
Nathan!
Ich will nicht fragen, ob Al-Hafi schon
Bei dir gewesen; will nicht untersuchen,
Ob dich nicht sonst ein Argwohn treibt, mir dieses
Erbieten freierdings zu tun: ...

Nathan. Ein Argwohn?

Saladin.
Ich bin ihn wert. Verzeih mir! Denn was hilft's?
Ich muß dir nur gestehen, daß ich im
Begriffe war

Nathan. Doch nicht, das Nämliche
An mich zu suchen?

Saladin. Allerdings.

Nathan. So wär'
Uns beiden ja geholfen! Daß ich aber
Dir alle meine Barschaft nicht kann schicken,
Das macht der junge Tempelherr. Du kennst
Ihn ja. Ihm hab ich eine große Post
Vorher noch zu bezahlen.

Saladin. Tempelherr?
Du wirst doch meine schlimmsten Feinde nicht
Mit deinem Geld auch unterstützen wollen?

Nathan.
Ich spreche von dem einen nur, dem du
Das Leben spartest ...

Saladin. Ah! woran erinnerst
Du mich! Hab ich doch diesen Jüngling ganz
Vergessen! Kennst du ihn? Wo ist er?

Nathan. Wie?
So weißt du nicht, wieviel von deiner Gnade
Für ihn, durch ihn auf mich geflossen? Er,
Er mit Gefahr des neu erhaltnen Lebens,
Hat meine Tochter aus dem Feu'r gerettet.

Saladin.
Er? Hat er das? Ha! darnach sah er aus.
Das hätte traun mein Bruder auch getan,
Dem er so ähnelt! Ist er denn noch hier?
So bring ihn her! Ich habe meiner Schwester
Von diesem ihren Bruder, den sie nicht
Gekannt, so viel erzählet, daß ich sie
Sein Ebenbild doch auch muß sehen lassen!
Geh, hol ihn! Wie aus einer guten Tat,
Gebar sie auch schon bloße Leidenschaft,
Doch so viel andre gute Taten fließen!
Geh, hol ihn!

Nathan (indem er Saladins Hand fahren läßt).
Augenblicks! Und bei dem andern
Bleibt es doch auch? (Ab.)

Saladin. Ah! daß ich meine Schwester
Nicht horchen lassen! Zu ihr! zu ihr! Denn
Wie soll ich alles das ihr nun erzählen?

(Ab von der andern Seite.)

Achter Auftritt

Die Szene: unter den Palmen, in der Nähe des Klosters, wo der Tempelherr Nathans wartet.

Tempelherr (geht, mit sich selbst kämpfend, auf und ab; bis er losbricht).
Hier hält das Opfertier ermüdet still.
Nun gut! Ich mag nicht, mag nicht näher wissen,
Was in mir vorgeht; mag voraus nicht wittern,
Was vorgehn wird. Genug, ich bin umsonst
Geflohn! umsonst. Und weiter konnt' ich doch
Auch nichts, als fliehn! Nun komm', was kommen soll!
Ihm auszubeugen, war der Streich zu schnell
Gefallen; unter den zu kommen, ich
So lang und viel mich weigerte. Sie sehn,
Die ich zu sehn so wenig lüstern war,
Sie sehn, und der Entschluß, sie wieder aus
Den Augen nie zu lassen. Was Entschluß?
Entschluß ist Vorsatz, Tat: und ich, ich litt',
Ich litte bloß. Sie sehn, und das Gefühl
An sie verstrickt, in sie verwebt zu sein,
War eins. Bleibt eins. Von ihr getrennt
Zu leben, ist mir ganz undenkbar; wär'
Mein Tod, und wo wir immer nach dem Tode
Noch sind, auch da mein Tod. Ist das nun Liebe:
So liebt der Tempelritter freilich, liebt
Der Christ das Judenmädchen freilich. Hm!
Was tut's? Ich hab in dem gelobten Lande,
Und drum auch mir gelobt auf immerdar!
Der Vorurteile mehr schon abgelegt.
Was will mein Orden auch? Ich Tempelherr
Bin tot; war von dem Augenblick ihm tot,
Der mich zu Saladins Gefangnen machte.
Der Kopf, den Saladin mir schenkte, wär'
Mein alter? Ist ein neuer; der von allem
Nichts weiß, was jenem eingeplaudert ward,
Was jenen band. Und ist ein beßrer; für
Den väterlichen Himmel mehr gemacht.
Das spür ich ja. Denn erst mit ihm beginn
Ich so zu denken, wie mein Vater hier
Gedacht muß haben; wenn man Märchen nicht
Von ihm mir vorgelegen. Märchen? doch
Ganz glaubliche; die glaublicher mir nie,
Als itzt geschienen, da ich nur Gefahr
Zu straucheln laufe, wo er fiel. Er fiel?
Ich will mit Männern lieber fallen, als
Mit Kindern stehn. Sein Beispiel bürget mir
Für seinen Beifall. Und an wessen Beifall
Liegt mir denn sonst? An Nathans? O an dessen
Ermuntrung mehr, als Beifall, kann es mir
Noch weniger gebrechen. Welch ein Jude!
Und der so ganz nur Jude scheinen will!
Da kömmt er; kömmt mit Hast; glüht heitre Freude.
Wer kam vom Saladin je anders? He!
He, Nathan!

Neunter Auftritt

Nathan und der Tempelherr.

Nathan. Wie? seid Ihr's?

Tempelherr. Ihr habt
Sehr lang' Euch bei dem Sultan aufgehalten.

Nathan.
So lange nun wohl nicht. Ich ward im Hingehn
Zu viel verweilt. Ah, wahrlich, Curd; der Mann
Steht seinen Ruhm. Sein Ruhm ist bloß sein Schatten.
Doch laßt vor allen Dingen Euch geschwind
Nur sagen ...

Tempelherr. Was?

Nathan. Er will Euch sprechen; will,
Daß ungesäumt Ihr zu ihm kommt. Begleitet
Mich nur nach Hause, wo ich noch für ihn
Erst etwas anders zu verfügen habe:
Und dann, so gehn wir!

Tempelherr. Nathan, Euer Haus
Betret ich wieder eher nicht ...

Nathan. So seid
Ihr doch indes schon da gewesen? habt
Indes sie doch gesprochen? Nun? Sagt: wie
Gefällt Euch Recha?

Tempelherr. Über allen Ausdruck!
Allein, sie wiedersehn das werd ich nie!
Nie! nie! Ihr müßtet mir zur Stelle denn
Versprechen: daß ich sie auf immer, immer
Soll können sehn.

Nathan. Wie wollt Ihr, daß ich das
Versteh?

Tempelherr (nach einer kurzen Pause ihm plötzlich um den Hals fallend).
Mein Vater!

Nathan. Junger Mann!

Tempelherr (ihn ebenso plötzlich wieder lassend).
Nicht Sohn?
Ich bitt Euch, Nathan!

Nathan. Lieber junger Mann!

Tempelherr.
Nicht Sohn? Ich bitt Euch, Nathan! Ich beschwör
Euch bei den ersten Banden der Natur!
Zieht ihnen spätre Fesseln doch nicht vor!
Begnügt Euch doch ein Mensch zu sein! Stoßt mich
Nicht von Euch!

Nathan. Lieber, lieber Freund! ...

Tempelherr. Und Sohn?
Sohn nicht? Auch dann nicht, dann nicht einmal, wenn
Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter
Der Liebe schon den Weg gebahnet hätte?
Auch dann nicht einmal, wenn in eins zu schmelzen,
Auf Euern Wink nur beide warteten?
Ihr schweigt?

Nathan. Ihr überrascht mich, junger Ritter.

Tempelherr.
Ich überrasch Euch? überrasch Euch, Nathan,
Mit Euern eigenen Gedanken? Ihr
Verkennt sie doch in meinem Munde nicht?
Ich überrasch Euch?

Nathan. Eh' ich einmal weiß,
Was für ein Stauffen Euer Vater denn
Gewesen ist!

Tempelherr. Was sagt Ihr, Nathan? was?
In diesem Augenblicke fühlt Ihr nichts
Als Neubegier?

Nathan. Denn seht! Ich habe selbst
Wohl einen Stauffen ehedem gekannt,
Der Conrad hieß.

Tempelherr. Nun, wenn mein Vater denn
Nun ebenso geheißen hätte?

Nathan. Wahrlich?

Tempelherr.
Ich heiße selber ja nach meinem Vater: Curd
Ist Conrad.

Nathan. Nun so war mein Conrad doch
Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war,
Was Ihr; war Tempelherr; war nie vermählt.

Tempelherr.
O darum!

Nathan. Wie?

Tempelherr. O darum könnt' er doch
Mein Vater wohl gewesen sein.

Nathan. Ihr scherzt.

Tempelherr.
Und Ihr nehmt's wahrlich zu genau! Was wär's
Denn nun? So was von Bastard oder Bankert!
Der Schlag ist auch nicht zu verachten. Doch
Entlaßt mich immer meiner Ahnenprobe.
Ich will Euch Eurer wiederum entlassen.
Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel
In Euern Stammbaum setzte. Gott behüte!
Ihr könnt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham
Hinauf belegen. Und von da so weiter,
Weiß ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwören.

Nathan.
Ihr werdet bitter. Doch verdien ich's? Schlug
Ich denn Euch schon was ab? Ich will Euch ja
Nur bei dem Worte nicht den Augenblick
So fassen. Weiter nichts.

Tempelherr. Gewiß? Nichts weiter?
O so vergebt! ...

Nathan. Nun kommt nur, kommt!

Tempelherr. Wohin?
Nein! Mit in Euer Haus? Das nicht! das nicht!
Da brennt's! Ich will Euch hier erwarten. Geht!
Soll ich sie wiedersehn: so seh ich sie
Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie
Schon viel zu viel ...

Nathan. Ich will mich möglichst eilen.

Zehnter Auftritt

Der Tempelherr und bald darauf Daja.

Tempelherr.
Schon mehr als g'nug! Des Menschen Hirn faßt so
Unendlich viel; und ist doch manchmal auch
So plötzlich voll! von einer Kleinigkeit
So plötzlich voll! Taugt nichts, taugt nichts; es sei
Auch voll wovon es will. Doch nur Geduld!
Die Seele wirkt den auf gedunsnen Stoff
Bald ineinander, schafft sich Raum, und Licht
Und Ordnung kommen wieder. Lieb ich denn
Zum ersten Male? Oder war, was ich
Als Liebe kenne, Liebe nicht? Ist Liebe
Nur was ich itzt empfinde? ...

Daja (die sich von der Seite herbeigeschlichen).
Ritter! Ritter!

Tempelherr.
Wer ruft? Ha, Daja, Ihr?

Daja. Ich habe mich
Bei ihm vorbeigeschlichen. Aber noch
Könnt' er uns sehn, wo Ihr da steht. Drum kommt
Doch näher zu mir, hinter diesen Baum.

Tempelherr.
Was gibt's denn? So geheimnisvoll? Was ist's?

Daja.
Ja wohl betrifft es ein Geheimnis, was
Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes.
Das eine weiß nur ich; das andre wißt
Nur Ihr. Wie wär' es, wenn wir tauschten?
Vertraut mir Euers: so vertrau ich Euch
Das meine.

Tempelherr. Mit Vergnügen. Wenn ich nur
Erst weiß, was Ihr für meines achtet. Doch
Das wird aus Euerm wohl erhellen. Fangt
Nur immer an.

Daja. Ei denkt doch! Nein, Herr Ritter.
Erst Ihr; ich folge. Denn versichert, mein
Geheimnis kann Euch gar nichts nutzen, wenn
Ich nicht zuvor das Eure habe. Nur
Geschwind! Denn frag ich's Euch erst ab: so habt
Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnis dann
Bleibt mein Geheimnis; und das Eure seid
Ihr los. Doch armer Ritter! Daß Ihr Männer
Ein solch Geheimnis vor uns Weibern haben
Zu können, auch nur glaubt! .

Tempelherr. Das wir zu haben
Oft selbst nicht wissen.

Daja. Kann wohl sein. Drum muß
Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt
Zu machen, schon die Freundschaft haben. Sagt
Was hieß denn das, daß Ihr so Knall und Fall
Euch aus dem Staube machtet? daß Ihr uns
So sitzenließet? daß Ihr nun mit Nathan
Nicht wiederkommt? Hat Recha denn so wenig
Auf Euch gewirkt? wie? oder auch, so viel?
So viel! so viel! Lehrt Ihr des armen Vogels,
Der an der Rute klebt, Geflattre mich
Doch kennen! Kurz: gesteht es mir nur gleich,
Daß Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und
Ich sag Euch was ...

Tempelherr. Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr
Versteht Euch trefflich drauf.

Daja. Nun gebt mir nur
Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch
Erlassen.

Tempelherr. Weil er sich von selbst versteht?
Ein Tempelherr ein Judenmädchen lieben! ...

Daja.
Scheint freilich wenig Sinn zu haben. Doch
Zuweilen ist des Sinns in einer Sache
Auch mehr, als wir vermuten; und es wäre
So unerhört doch nicht, daß uns der Heiland
Auf Wegen zu sich zöge, die der Kluge
Von selbst nicht leicht betreten würde.

Tempelherr. Das
So feierlich? (Und setz ich statt des Heilands
Die Vorsicht: hat sie denn nicht recht? ) Ihr macht
Mich neubegieriger, als ich wohl sonst
Zu sein gewohnt bin.

Daja. Oh! das ist das Land
Der Wunder!

Tempelherr. (Nun! des Wunderbaren. Kann
Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt
Drängt sich ja hier zusammen.) Liebe Daja,
Nehmt für gestanden an, was Ihr verlangt:
Daß ich sie liebe; daß ich nicht begreife,
Wie ohne sie ich leben werde; daß ...

Daja.
Gewiß? gewiß? So schwört mir, Ritter, sie
Zur Eurigen zu machen; sie zu retten:
Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten.

Tempelherr.
Und wie? Wie kann ich? Kann ich schwören, was
In meiner Macht nicht steht?

Daja. In Eurer Macht
Steht es. Ich bring es durch ein einzig Wort
In Eure Macht.

Tempelherr. Daß selbst der Vater nichts
Dawider hätte?

Daja. Ei, was Vater! Vater!
Der Vater soll schon müssen.

Tempelherr. Müssen, Daja?
Noch ist er unter Räuber nicht gefallen.
Er muß nicht müssen.

Daja. Nun, so muß er wollen;
Muß gern am Ende wollen.

Tempelherr. Muß und gern!
Doch, Daja, wenn ich Euch nun sage, daß
Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen
Bereits versucht?

Daja. Was? und er fiel nicht ein?

Tempelherr.
Er fiel mit einem Mißlaut ein, der mich
Beleidigte.

Daja. Was sagt Ihr? Wie? Ihr hättet
Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha
Ihm blicken lassen: und er wär' vor Freuden
Nicht aufgesprungen? hätte frostig sich
Zurückgezogen? hätte Schwierigkeiten
Gemacht?

Tempelherr. So ungefähr.

Daja. So will ich denn
Mich länger keinen Augenblick bedenken

(Pause.)

Tempelherr.
Und Ihr bedenkt Euch doch?

Daja. Der Mann ist sonst
So gut! Ich selber bin so viel ihm schuldig!
Daß er doch gar nicht hören will! Gott weiß,
Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen.

Tempelherr.
Ich bitt Euch, Daja, setzt mich kurz und gut
Aus dieser Ungewißheit. Seid Ihr aber
Noch selber ungewiß; ob, was Ihr vorhabt,
Gut oder böse, schändlich oder löblich
Zu nennen: schweigt! Ich will vergessen, daß
Ihr etwas zu verschweigen habt.

Daja. Das spornt,
Anstatt zu halten. Nun; so wißt denn: Recha
Ist keine Jüdin; ist ist eine Christin.

Tempelherr (kalt).
So? Wünsch Euch Glück! Hat's schwer gehalten? Laßt
Euch nicht die Wehen schrecken! Fahret ja
Mit Eifer fort, den Himmel zu bevölkern:
Wenn Ihr die Erde nicht mehr könnt!

Daja. Wie, Ritter?
Verdienet meine Nachricht diesen Spott?
Daß Recha eine Christin ist: das freuet
Euch, einen Christen, einen Tempelherrn,
Der Ihr sie liebt, nicht mehr?

Tempelherr. Besonders, da
Sie eine Christin ist von Eurer Mache.

Daja.
Ah! so versteht Ihr's? So mag's gelten! Nein!
Den will ich sehn, der die bekehren soll!
Ihr Glück ist, längst zu sein, was sie zu werden
Verdorben ist.

Tempelherr. Erklärt Euch, oder geht!

Daja.
Sie ist ein Christenkind, von Christeneltern
Geboren; ist getauft ...

Tempelherr (hastig). Und Nathan?

Daja. Nicht
Ihr Vater!

Tempelherr. Nathan nicht ihr Vater? Wißt
Ihr, was Ihr sagt?

Daja. Die Wahrheit, die so oft
Mich blut'ge Tränen weinen machen. Nein,
Er ist ihr Vater nicht ...

Tempelherr. Und hätte sie
Als seine Tochter nur erzogen? hätte
Das Christenkind als eine Jüdin sich
Erzogen?

Daja. Ganz gewiß.

Tempelherr. Sie wüßte nicht,
Was sie geboren sei? Sie hätt' es nie
Von ihm erfahren, daß sie eine Christin
Geboren sei, und keine Jüdin?

Daja. Nie!

Tempelherr.
Er hätt' in diesem Wahne nicht das Kind
Bloß auferzogen? ließ das Mädchen noch
In diesem Wahne?

Daja. Leider!

Tempelherr. Nathan Wie?
Der weise gute Nathan hätte sich
Erlaubt, die Stimme der Natur so zu
Verfälschen? Die Ergießung eines Herzens
So zu verrenken, die, sich selbst gelassen,
Ganz andre Wege nehmen würde? Daja,
Ihr habt mir allerdings etwas vertraut
Von Wichtigkeit, was Folgen haben kann,
Was mich verwirrt, worauf ich gleich nicht weiß,
Was mir zu tun. Drum laßt mir Zeit. Drum geht!
Er kömmt hier wiederum vorbei. Er möcht'
Uns überfallen. Geht!

Daja. Ich wär' des Todes!

Tempelherr.
Ich bin ihn itzt zu sprechen ganz und gar
Nicht fähig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt
Ihm nur, daß wir einander bei dem Sultan
Schon finden würden.

Daja. Aber laßt Euch ja
Nichts merken gegen ihn. Das soll nur so
Den letzten Druck dem Dinge geben; soll
Euch, Rechas wegen, alle Skrupel nur
Benehmen! Wenn Ihr aber dann sie nach
Europa führt: so laßt Ihr doch mich nicht
Zurück?

Tempelherr. Das wird sich finden. Geht nur, geht!

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