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Napoleon Bonaparte

Alexandre Dumas (der Ältere): Napoleon Bonaparte - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ätere
titleNapoleon Bonaparte
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
editorMax Pannwitz
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Hundert Tage.

Den 1. März um drei Uhr ging die Flottille im Golf Juan vor Anker, um fünf Uhr stieg Napoleon ans Land, und es wurde in einem Olivenwäldchen biwakiert, wo man noch jetzt den Baum zeigt, an dessen Fuß der Kaiser sich niederließ. Fünfundzwanzig Grenadiere und ein Gardeoffizier wurden in demselben Augenblick nach Antibes gesandt, um die Garnison zu gewinnen: aber von ihrer Begeisterung fortgerissen, zogen sie in die Stadt ein mit dem Rufe: »Es lebe der Kaiser!« Man wußte noch nichts von der Landung Napoleons und hielt die Leute für wahnsinnig. Der Kommandant ließ die Brücke aufziehen, und die 25 Tapfern sahen sich gefangen.

Das war ein rechter Unstern; auch schlugen einige Offiziere Napoleon vor, nach Antibes zu marschieren und es mit Gewalt zu nehmen, um dem übeln Eindruck zuvorzukommen, den der Widerstand dieses Platzes auf die öffentliche Meinung hervorbringen könnte. Napoleon antwortete, daß man auf Paris und nicht auf Antibes losgehen müsse, und indem er dem Wort die Tat folgen ließ, hob er das Biwak mit dem Aufgang des Mondes auf.

Noch mitten in der Nacht erreichte die kleine Armee Cannes, zog gegen sechs Uhr morgens durch Grasse und machte auf einer Anhöhe halt, die die Stadt beherrscht. Kaum hatte sich Napoleon dort festgesetzt, als er von den Bewohnern der Umgegend, bei denen sich das Gerücht seiner wunderbaren Landung bereits verbreitet hatte, umringt wurde. Er empfing sie, wie er dies in den Tuilerien getan haben würde, indem er ihre Klagen anhörte, Bittschriften entgegennahm und ihnen Gerechtigkeit versprach. Der Kaiser glaubte in Grasse eine Straße zu finden, deren Anlage er im Jahre 1813 befohlen hatte, aber die Straße war nicht fertig. Er mußte sich also entschließen, in der Stadt seinen Wagen und die vier kleinen, von der Insel Elba mitgebrachten Artilleriestücke zurückzulassen. Man nahm seinen Weg über die noch mit Schnee bedeckten Bergpfade, und des Abends blieb man nach einem Marsch von zwanzig Stunden im Dorfe Cérénon über Nacht. Am 3. März langte man, in Barême an, am 4. in Digne und am 5. in Gap. In dieser Stadt hielt man so lange an, als nötig war, um die Aufrufe, die man am andern Tage auf dem Wege zu Tausenden verteilte, zu drucken.

Indessen war der Kaiser nicht ohne Besorgnis. Bis jetzt hatte er es nur mit der Bevölkerung zu tun gehabt, und deren Begeisterung ließ sich nicht bezweifeln. Aber kein Soldat hatte sich gezeigt, kein organisiertes Korps hatte sich mit der kleinen Armee vereinigt, und vor allem wünschte und hoffte Napoleon, daß seine Person auf die zu seiner Bekämpfung ausgesandten Regimenter ihren Einfluß ausübte. Der so gefürchtete und so gewünschte Augenblick brach endlich an. Zwischen Lamuse und Vizille stieß der General Cambronne, der mit 40 Grenadieren in der Vorhut marschierte, auf ein von Grenoble ausgesandtes Bataillon, das den Weg versperren sollte. Der Anführer dieser Abteilung weigerte sich, den General Cambronne anzuerkennen, und dieser ließ den Kaiser von dem, was vorging, benachrichtigen.

Napoleon verfolgte eben seinen Weg in einem schlechten Reisewagen, den man sich in Gap verschafft hatte, als er diese Nachricht erhielt. Er ließ sogleich sein Pferd bringen, stieg auf und ritt im Galopp bis auf fast 100 Schritte an die Soldaten, die eine sperrende Mauer bildeten, heran, ohne daß ein einziger Ruf, ein einziger Willkomm seine Person begrüßt hätte.

Der Augenblick, das Spiel zu gewinnen oder zu verlieren, war da. Der Grund und Boden, worauf man stand, ließ leinen Rückzug zu: links von der Straße war ein steiler Berg, rechts eine kleine, kaum 30 Fuß breite, von einer Schlucht begrenzte Wiese und gegenüber das schlagfertige Bataillon, das sich von der Schlucht bis an den Berg ausdehnte.

Napoleon hielt auf einer kleinen Anhöhe, zehn Schritte von einem Bache, der durch eine Wiese fließt. Da wendet er sich gegen den General Bertrand und ruft, ihm die Zügel seines Pferdes zuwerfend: »Man hat mich getäuscht: doch gleichviel, vorwärts!« Mit diesen Worten steigt er ab. geht durch den Bach, schreitet stracks auf das noch immer unbewegliche Bataillon zu, bleibt zwanzig Schritte von der Linie stehen, in demselben Augenblick, wo der das Bataillon führende Adjutant des Generals Marchand seinen Degen zieht und Feuer zu geben befiehlt, und ruft: »Wie? meine Freunde, erkennt ihr mich nicht? Ich bin euer Kaiser. Wenn ein Soldat unter euch ist, der seinen General töten will, so kann er es, hier stehe ich.« Kaum sind diese Worte gesprochen, als der Ruf: »Es lebe der Kaiser!« aus aller Munde erschallt. Der Adjutant befiehlt zum zweitenmal, Feuer zu geben, aber seine Stimme wird von tausendstimmigem Geschrei erstickt. Zugleich, und während vier polnische Lanciers den Wegeilenden verfolgen, lösen sich die Reihen der Soldaten, sie stürzen vor, umgeben Napoleon, fallen ihm zu Füßen, küssen ihm die Hände, reißen die weiße Kokarde ab und stecken die dreifarbige auf, dies alles unter einem Freudengeschrei und einem Entzücken, das die Augen ihres alten Generals mit Tränen füllt. Bald aber erinnert er sich, daß kein Augenblick zu verlieren ist, er kommandiert eine halbe Wendung rechts, stellt sich an die Spitze der Kolonne und marschiert so, Cambronne mit seinen 40 Grenadieren vor sich, und das Bataillon, das man ausgeschickt hat, um ihm den Weg zu versperren, hinter sich, zur Höhe des Berges von Vizille. Von hier aus sieht er, wie eine halbe Meile weiter unten der Adjutant, immer von den vier Lanciers verfolgt, vor denen er dank seinem frischen Pferde einen Vorsprung gewinnt, die Stadt erreicht, verschwindet und gleich darauf am andern Ende wiedererscheint und ihnen nur dadurch entrinnt, daß er einen Querweg einschlägt, wo ihre vor Mattigkeit halb toten Pferde ihm nicht mehr folgen können. – Indessen hat dieser fliehende Mann und die vier ihn verfolgenden Männer, die wie der Blitz durch die Straßen von Vizille sprengen, durch die bloße Erscheinung alles verraten. Am Morgen hat man den Adjutanten an der Spitze seines Bataillons durchmarschieren sehen, und nun jagt er allein und verfolgt wieder zurück. Es ist also wahr: Napoleon rückt vor, begleitet von der Liebe des Volks und der Soldaten! Alles läuft hinaus, fragt sich, begeistert sich. Plötzlich bemerkt man den Zug auf dem Hügelrücken von La Mure. Männer, Weiber. Kinder, alles eilt ihm entgegen, die ganze Stadt umgibt ihn, ehe er vor ihren Toren erscheint, während die Bauern von den Bergen herabkommen, in eiligen Sprüngen wie Gemsen, und von Fels zu Fels den Ruf: »Es lebe der Kaiser!« erschallen lassen.

Napoleon macht in Vizille halt. Vizille ist die Wiege der französischen Freiheit, und das Jahr 1814 wird nicht meineidig an 1789,In Vizille fand 1783 eine Versammlung von Abgeordneten des Dauphiné statt, die als Vorläufer der Revolution betrachtet wird und zu deren Gedenken 1888 ein Denkmal errichtet worden ist. A. d. Ü. denn der Kaiser wird von einer vor Freude trunkenen Einwohnerschaft empfangen. Aber Vizille ist nur eine Stadt ohne Tor, ohne Mauern, ohne Garnison: nach Grenoble muß man marschieren. – Ein Teil der Einwohner begleitet Napoleon. – Eine Stunde von Vizille sieht man einen Offizier, ganz mit Staub bedeckt, herbeieilen. Wie der Grieche bei Marathon ist er nahe daran, vor Ermattung umzufallen; aber er bringt auch reiche Nachrichten.

Gegen 2 Uhr nachmittags ist das 7. Infanterieregiment, vom Oberst Labédoyère kommandiert, von Grenoble abmarschiert, um gegen den Kaiser vorzurücken. Aber eine halbe Stunde vor der Stadt hat der Oberst, der an der Spitze seines Regiments ritt, plötzlich umgewendet und Halt geboten. Sofort tritt ein Tambour auf den Oberst zu und hält ihm die geöffnete Trommel hin. Der Oberst greift hinein, zieht einen Adler hervor, und indem er sich, um von allen gesehen zu werden, in die Bügel stellt, ruft er aus: »Soldaten, schaut hier das glorreiche Zeichen, das in unsern unsterblichen Tagen vor euch herging. Er, der uns so oft zum Siege führte, rückt heran, um unsere Erniedrigung und unser Unglück zu rächen. Es ist Zeit, unter seine Fahne zu fliegen, die nie aufgehört hat, die unsrige zu sein. Wer mich liebt, der folge mir! Es lebe der Kaiser!« – Das ganze Regiment ist ihm gefolgt. Der Offizier wollte der erste sein, der diese Nachricht dem Kaiser überbrachte, und ist vorausgeeilt: aber das ganze Regiment folgt ihm auf dem Fuße nach.

Napoleon spornt sein Pferd und reitet weiter; seine ganze kleine Armee folgt ihm mit großem Geschrei im Sturmschritt. Auf der Höhe eines Hügels angekommen, bemerkt er das Regiment Labédoyère, das eilenden Fußes vorrückt. Kaum hat man ihn bemerkt, als der Ruf: Es lebe der Kaiser! ertönt. Dieser Ruf wird von den Tapferen der Insel Elba vernommen und erwidert. Da läßt es keinen mehr in seinen Reihen, alles läuft, alles dringt vorwärts. Napoleon wirft sich in die Mitte der Entgegenkommenden, Labédoyère stürzt sich von seinem Pferde herab, um Napoleons Knie zu umfassen. Dieser empfängt ihn in seinen Armen, drückt ihn an seine Brust und sagt: »Oberst, Sie setzen mich wieder auf den Thron!« Labédoyère ist außer sich vor Freude. Diese Umarmung wird ihn das Leben kosten, aber was liegt daran? Man hat ein Jahrhundert gelebt, wenn man solche Worte vernahm.

Sofort machte man sich wieder auf den Weg, denn Napoleon kann nicht ruhen, bevor er in Grenoble ist. Grenoble hat eine Besatzung, die sich, heißt es, halten soll. Vergeblich verbürgen sich die Soldaten bei dem Kaiser für ihre Kameraden: der Kaiser tut zwar, als sei er überzeugt wie sie, befiehlt aber doch, auf die Stadt zu marschieren.

Abends 8 Uhr langte Napoleon unter den Mauern von Grenoble an.

Die Wälle sind von dem dritten Genieregiment, das aus 2000 alten Soldaten besteht, von dem vierten Linien-Artillerie-Regiment, in dem Napoleon gedient hat, von zwei Bataillonen des 5. Linienregiments und den Husaren des vierten besetzt. Übrigens war der Marsch des Kaisers so reißend schnell gewesen, daß er allen Maßregeln zuvorkam. Man hatte keine Zeit mehr, die Brücken aufzuziehen; aber die Tore sind geschlossen, und der Kommandant weigert sich, sie öffnen zu lassen.

Napoleon erkennt, daß ihn ein Augenblick des Zögerns verderben kann. Die Nacht beraubt ihn der zauberischen Wirkung seiner Gegenwart; gewiß aller Augen suchen ihn, aber niemand sieht ihn. Da befiehlt er Labédoyère, die Artilleristen anzureden, und der Oberst steigt auf eine Erhöhung und ruft mit starker Stimme:

»Soldaten, wir bringen euch den Helden zurück, dem ihr in so viele Schlachten gefolgt seid: an euch ist es, ihn aufzunehmen und mit uns den alten Sammelruf der Besieger Europas zu wiederholen: › Es lebe der Kaiser!‹«

In der Tat wird dieser magische Ruf augenblicklich wiederholt und nicht allein auf den Wällen, sondern auch in allen Teilen der Stadt. Alles eilt nun den Toren zu, aber die Tore sind geschlossen, und der Kommandant hat die Schlüssel. Inzwischen sind die Soldaten, die Napoleon begleiten, näher getreten. Man gibt einander Rede und Antwort, man reicht sich die Hände durch die Fallgitter, aber man öffnet nicht. Der Kaiser knirscht vor Ungeduld, die nicht frei von Befürchtung ist. Plötzlich ertönt das Geschrei: Platz! Platz! Die ganze Bevölkerung der Vorstadt Très-Cloître ist's, die mit Balken herandringt, um die Tore einzustoßen. Jeder stellt sich in Reih und Glied, die Hebel beginnen ihr Werk, die Tore stöhnen, krachen, fallen, und 6000 Mann dringen zugleich ein.

Das ist keine Begeisterung mehr, es ist Wut, Raserei. Die Menschen stürzen sich auf Napoleon, als wollten sie ihn in Stücke zerreißen. In einem Augenblick ist er unter bacchantischem Jubelgeschrei von seinem Pferde gerafft, aufgehoben und fortgerissen. Nie, in keiner Schlacht, ist er solche Gefahr gelaufen. Alles zittert für ihn, denn er allein kann begreifen, daß die Flut, die ihn fortreißt, lauter Liebe ist.

Endlich hält er in einem Hotel: sein Generalstab kommt herbei und umgibt ihn. Kaum ist man wieder zu Atem gekommen, als man neuen Lärm hört: diesmal sind es die Bewohner der innern Stadt, die ihm die ganzen Tore bringen, da sie ihm die Schlüssel dazu nicht bringen konnten.

Nun ist die Nacht ein ununterbrochenes Fest, währenddessen Soldaten, Bürger und Bauern sich miteinander verbrüdern. Auch läßt Napoleon sofort seine Aufrufe wieder drucken. Am 8. morgens werden sie angeheftet und nach allen Seiten hin verbreitet. Sendboten gehen von der Stadt aus und tragen sie nach allen Enden hin mit der Kunde von der Besitznahme der Hauptstadt des Dauphiné und dem baldigen Eingreifen Österreichs und des Königs von Neapel. Erst in Grenoble weiß Napoleon bestimmt, daß er bis nach Paris gelangen wird.

Am folgenden Tag kommen Geistlichkeit, Generalstab, die gerichtlichen sowie alle bürgerlichen und militärischen Behörden, dem Kaiser ihre Huldigung darzubringen. Nach beendigter Audienz hält er über die 6000 Mann starke Besatzung Heerschau und zieht dann schleunigst gegen Lyon.

Tags darauf setzt er, nach Ausfertigung von drei Erlassen, die verkündeten, daß er die kaiserliche Gewalt wieder an sich nehme, den Zug fort und übernachtet zu Bourgoin. Immer größer wird die Menge des begleitenden Volkes, wie die Begeisterung, es ist, als gebe ihm ganz Frankreich das Geleit und dringe mit ihm nach der Hauptstadt vor.

Auf der Straße von Bourgoin nach Lyon erfährt Napoleon, daß der Herzog von Orleans, der Graf von Artois und der Marschall Macdonald die Stadt verteidigen wollen, und daß man im Begriff ist, zwei Brücken, Morand und la Guillotière abzubrechen. Er lacht über diese Zurüstungen, an die er nicht glaubt, denn er kennt den Patriotismus der Lyoneser und befiehlt dem vierten Husarenregiment, bis la Guillotière zu streifen. Das Regiment wird mit dem Rufe: »Es lebe der Kaiser!« aufgenommen. Der Ruf dringt bis zu Napoleon, der dem Regiment in einer Viertelstunde Entfernung nachfolgt. Er setzt sofort sein Pferd in Galopp und kommt allein und voll Vertrauen in einem Augenblick, wo man ihn am wenigstens erwartet, mitten unter dieser Bevölkerung an, deren Jubel er durch seine Gegenwart zum Entzücken steigert.

Im gleichen Moment werfen sich Soldaten beider Parteien auf die Barrikaden, die sie in wetteifernder Arbeit zerstören, und in einer Viertelstunde liegen sie einander in den Armen. Der Herzog von Orleans und der General Macdonald sind gezwungen, sich zurückzuziehen; der Graf von Artois entflieht, und es folgt ihm, nachdem ihn alles verlassen hat, ein einziger freiwilliger Royalist.

Um 5 Uhr abends eilt die ganze Besatzung dem Kaiser zu. Eine Stunde später nimmt die Armee Besitz von der Stadt.

Um 8 Uhr zieht Napoleon in die zweite Hauptstadt des Königreichs ein. Während seines dortigen viertägigen Aufenthaltes standen ununterbrochen 20 000 Menschen unter seinen Fenstern.

Am 13. reiste der Kaiser von Lyon ab und schlief in Mâcon. Immer höher stieg der Enthusiasmus. Nicht mehr einzelne Individuen, die Behörden selbst empfingen ihn jetzt an den Toren der Städte.

Am 17. wartete ihm zu Auxerre ein Präfekt auf, der erste höhere Staatsbeamte, der diesen Schritt der Anerkennung wagte.

Am Abend meldete man den Marschall Ney. Er kam, voll Scham über seine Kälte im Jahre 1814 und über die Eide, die er Ludwig XVIII. geleistet hatte, um sich einen Platz in den Reihen der Grenadiere zu erbitten. Napoleon öffnete ihm die Arme, nannte ihn den Tapfern der Tapfern, und alles war vergessen.

Abermals eine totbringende Umarmung.

Am 20. März um 2 Uhr nachmittags kam Napoleon zu Fontainebleau an. Dieses Schloß weckte schreckliche Erinnerungen, denn in einem seiner Zimmer hatte er sein Leben verlieren wollen, im andern hatte er das Kaiserreich wirklich verloren. Nur einen Augenblick hielt er dort an, dann setzte er seinen Triumphzug nach Paris fort.

Hier langte er, wie zu Grenoble und Lyon, abends an, am Schlusse eines langen Tagemarsches und an der Spitze der Truppen, die zum Schutz der Vorstädte bestimmt waren. Er hätte mit zwei Millionen Menschen einziehen können.

Um 8-1/2 Uhr abends betrat er den Hof der Tuilerien. Hier stürzte man ihm entgegen, wie man in Grenoble getan, tausend Arme strecken sich aus, fassen ihn, reichen ihn von einem dem andern mit unaussprechlichem, fieberhaftem Jubelgeschrei. So ungeheuer ist die Menge, daß man sie nicht zu meistern weiß: es ist wie ein Bergstrom, dem man seinen Lauf lassen muß. Napoleon kann nur die Worte sprechen: »Meine Freunde, ihr erstickt mich!«

In den Zimmern findet Napoleon eine andere Menge, eine vergoldete ehrfurchtsvolle Menge, eine Menge von Hofleuten, Generalen, Marschällen. Diese erstickten Napoleon nicht, sie beugten sich vor ihm.

»Meine Herren«, sagt der Kaiser zu ihnen, »uneigennützige Leute sind es, die mich in meine Hauptstadt zurückgeführt haben, die Unterleutnants und Soldaten haben alles getan, dem Volke, der Armee verdanke ich alles.«

Noch in derselben Nacht befaßte sich Napoleon mit der Neugestaltung des Ganzen. Minister wurden: Cambacérès für die Justiz, der Herzog von Vicenza für die auswärtigen Angelegenheiten, der Marschall Davoust für den Krieg, der Herzog von Gaëta für die Finanzen, Decrès für die Marine, Fouché für die Polizei, Carnot für das Innere, der Herzog von Bassano wurde wieder zum Staatssekretär eingesetzt, der Graf Mollien wieder Schatzmeister, der Herzog von Rovigo Generalkommandant der Gendarmerie, Herr von Montalivet Intendant der Zivilliste. Letort und Labédoyère wurden zu Generalen befördert, Bertrand und Drouot in ihren Stellen als Großmarschall des Palastes und Generalmajor der Garde bestätigt: endlich alle Kammerherren, Stallmeister, Zeremonienmeister von 1814 wiederernannt.

Am 26. März wurden alle großen Staatskörperschaften berufen, Napoleon die Wünsche Frankreichs vorzutragen.

Am 27. März hätte man glauben können, die Bourbonen hätten niemals existiert, und die ganze Nation meinte geträumt zu haben.

Wirklich war mit einem Tage die Revolution beendigt, sie hatte nicht einen Tropfen Blut gekostet, niemand konnte diesmal Napoleon den Tod eines Vaters, Bruders oder Freundes vorwerfen. Die einzige sichtbare Veränderung war die der Farbe auf den Fahnen, die über unsern Städten flatterten, und der Ruf: » Es lebe der Kaiser!«, der von einem Ende Frankreichs bis zum andern widertönte.

Indessen ist die Nation stolz auf die große Tat der Willensfreiheit, die sie soeben ausgeführt. Die Größe des Unternehmens, das sie so trefflich unterstützt hat, scheint durch den riesenhaften Erfolg die Unglücksfälle der drei letzten Jahre auszutilgen; die Nation weiß es Napoleon Dank, daß er den Thron wiederbestiegen hat.

Napoleon überblickt prüfend seine Lage.

Zwei Wege stehen ihm offen. Er kann alles für den Frieden versuchen und dabei sich auf den Krieg rüsten oder den Krieg mit einer jener unvorhergesehenen Bewegungen, mit einem jener plötzlichen Blitzschläge beginnen, die aus ihm Europas donnernden Jupiter gemacht haben.

Jeder dieser beiden Wege hat seine Übelstände.

Alles für den Frieden versuchen heißt den Verbündeten Zeit geben, sich zu sammeln. Wenn sie ihre Soldaten zählten und die unsrigen, so fanden sie bei sich ebenso viele Armeen wie bei uns Divisionen; wir standen wieder einer gegen fünf. Gleichviel, hatten wir doch auch so manchmal gesiegt!

Den Krieg beginnen heißt denen recht geben, die behaupten, Napoleon wolle den Frieden nicht. Zudem hat Napoleon nur über 40 000 Mann zu verfügen. Das reichte zwar hin, um Belgien wiederzunehmen und in Brüssel einzuziehen. Aber in Brüssel befand er sich dann in einem Kreis von festen Plätzen, die er nacheinander nehmen mußte, und doch waren Maastrich, Luxemburg und Antwerpen keine Baracken, die man mit einem Handstreich überrumpelte. Zudem gärte die Vendée, der Herzog von Angoulême marschierte auf Lyon und die Marseiller auf Grenoble. Zunächst galt es, zu rechter Zeit diesen Brand in den Eingeweiden, der Frankreich foltert, zu dämpfen, damit es mit seiner ganzen Gewalt und Wucht dem Feinde die Brust biete.

Napoleon entschließt sich daher für den erstgenannten Weg. Der Frieden, den er im Jahre 1814 zu Chatillon nach dem feindlichen Einfall in Frankreich verwarf, kann im Jahr 1815 nach seiner Rückkehr von der Insel Elba angenommen werden. Anhalten kann man, solange man emporsteigt, aber niemals beim Heruntersinken.

Um der Nation seinen guten Willen zu zeigen, richtet er daher folgendes Rundschreiben an die Könige von Europa:

»Mein Herr Bruder!

»Sie werden im Laufe des letzten Monats meine Rückkehr an die Küsten von Frankreich, meinen Einzug in Paris und die Abreise der bourbonischen Familie erfahren haben. Was diese Ereignisse in Wahrheit bedeuten, muß Eurer Majestät nunmehr bekannt sein. Sie sind das Werk einer unwiderstehlichen Macht, das Werk und der einstimmige Wille einer großen Nation, die ihre Pflichten und Rechte kennt. Die Erwartung, die mich zum größten aller Opfer bewog, war getäuscht worden, darum eben bin ich zurückgekommen, und von dem Punkte an, wo ich den Strand betrat, hat mich die Liebe meiner Untertanen bis in die Hauptstadt getragen. Das erste Bedürfnis meines Herzens ist, so große Zuneigung mit einem ehrenvollen Frieden zu belohnen. Da die Wiederherstellung des Kaiserthrons für das Glück der Franzosen nötig war, so ist es mein süßester Gedanke, sie zugleich der Befestigung der Ruhe Europas dienstbar zu machen. Des Kriegsruhms, der der Reihe nach die Fahnen der verschiedenen Nationen umstrahlt hat, ist's genug; genug auch des Schicksalswechsels, der große Unglücksschläge große Erfolge ablösen ließ, auf große Erfolge sind große Unfälle nachgefolgt, so ist's des wechselnden Glücks genug. Ein schönerer Schauplatz eröffnet sich heute den Souveränen, und ich will der erste sein, der ihn betritt.

»Nachdem wir der Welt das Schauspiel großer Kämpfe gegeben, wird es weit süßer sein, fortan keinen andern Wettstreit mehr zu kennen als den in der Verbreitung von Friedenswohltaten, keinen andern Kampf als den heiligen Kampf zur Beglückung der Völker: Frankreich will mit Freimut diesen edlen Endzweck aller seiner Wünsche verkünden. Eifersüchtig auf seine Selbständigkeit, wird es sich zum unabänderlichen Grundsatz seiner Politik die vollkommenste Achtung der Unabhängigkeit anderer Nationen machen. Sind dies, wie ich das glückliche Vertrauen hege, die persönlichen Gesinnungen Eurer Majestät, so ist die allgemeine Ruhe auf lange hin gesichert, und die innerhalb der Staaten thronende Gerechtigkeit reicht allein hin, ihr Gebiet zu schirmen.«

Dieses Schreiben, das einen Frieden, vorschlägt, dem die uneingeschränkteste Achtung von der Unabhängigkeit anderer Nationen zugrunde liegt, trifft die verbündeten Herrscher im besten Zug, Europa unter sich zu teilen. Bei diesem großen Menschenschacher, bei diesem öffentlichen Seelenhandel nimmt Rußland das Großherzogtum Warschau, Preußen verschlingt einen Teil des Königreichs Sachsen, einen Teil Polens, Westfalens, Frankens und hofft wie eine unermeßliche Schlange, deren Schwanz Memel berührt, seinen Kopf am linken Rheinufer hin bis Thionville zu verlängern. Österreich will wieder sein Italien haben, das es vor dem Vertrag von Campo-Formio hatte, sowie alles, was sein doppelköpfiger Adler auf Grund der Verträge von Luneville, Preßburg und Wien allmählich hat aus seinen Klauen fallen lassen. Der Statthalter von Holland, zum Königsrang erhoben, verlangt, daß man ihm die Einverleibung Belgiens, des Gebietes von Lüttich und des Großherzogtums Luxemburg in seine Erbstaaten bestätige. Der König von Sardinien endlich dringt auf die Vereinigung Genuas mit seinem Festlandstaate, von dem er seit 15 Jahren abwesend ist. Jede Großmacht will, wie ein marmorner Löwe die Kugel unter seiner Tatze, ein kleines Königreich für sich haben. Rußland fordert Polen, Preußen Sachsen, Spanien Portugal, Österreich, Italien. Und England, das die Kosten aller dieser Umwälzungen auslegt, soll wie der brave Schweppermann statt eines Eies zwei haben – Holland und Hannover.

Der Moment war, wie man sieht, übel gewählt. Indes hätte diese Eröffnung des Kaisers vielleicht einen Erfolg haben können, wäre der Kongreß nicht mehr versammelt gewesen, so daß die Unterhandlungen nacheinander mit einem Herrscher um den andern stattfinden konnten. Aber da sie noch beieinander saßen und einander ins Gesicht sehen konnten, übernahm sich ihre Selbstliebe, und Napoleon erhielt keine Antwort auf seinen Brief.

Der Kaiser war keineswegs erstaunt über dieses Stillschweigen; er hatte es vorausgesehen und verlor keine Stunde, sich zum Kriege zu rüsten. Je schärfer er aber seine Angriffsmittel prüfte, um so mehr beglückwünschte er sich, daß er seinem ersten Triebe nicht gefolgt war. Alles war außer Rand und Band in Frankreich: kaum blieb der Kern einer Armee übrig. Was das Kriegsmaterial, Pulver, Gewehre, Kanonen betrifft, so schien alles verschwunden.

Seit drei Monaten arbeitete Napoleon täglich sechzehn Stunden. Auf seinen Ruf bedeckte sich Frankreich mit Fabriken, Werkstätten. Gießereien, und die Waffenschmiede der Hauptstadt allein lieferten bis an 3000 Gewehre in 24 Stunden, während die Schneider in demselben Zeitraum 15 bis 1800 Uniformen fertigten. Desgleichen wurden die Stämme der Linienregimenter von 2 Bataillonen auf 5 gebracht, die der Reiterei um 2 Schwadronen verstärkt, 200 Bataillone Nationalgardisten organisiert, 20 Marine-Regimenter und 40 Regimenter junger Garden zum aktiven Dienst verwendet und die beurlaubten Veteranen wieder unter die Fahnen gerufen, der Jahrgang 1814–15 ausgehoben, die verabschiedeten Soldaten und Offiziere zum Wiedereintritt in die Linie aufgefordert. Sechs Armeen, Nord-, Mosel-, Rhein-, Jura-, Alpen- und Pyrenäen-Armee genannt, werden gebildet, während eine siebente als Reservearmee sich unter den Mauern von Paris und Lyon, die man befestigen will, sammelt.

In der Tat sollte jede große Hauptstadt vor einem Handstreich gesichert sein, und mehr als einmal verdankte die alte Lutetia den Mauern ihre Rettung. Wäre Wien im Jahre 1805 verteidigt worden, so hätte die Schlacht von Ulm den Krieg nicht entschieden. Wäre im Jahr 1806 Berlin befestigt gewesen, so hätte sich die bei Jena geschlagene Armee dort wieder gesammelt und sich ebendaselbst mit der russischen Armee vereinigt. Wäre im Jahr 1808 Madrid im Verteidigungsstand gewesen, so hätte die französische Armee, selbst nach den Siegen von Espinosa, Tudela, Burgos und Somosierra, es nicht gewagt, auf diese Hauptstadt zu marschieren; während sie die englische und spanische Armee in der Richtung von Salamanca und Valladolid hinter sich stehen ließ. Hätte sich endlich Paris im Jahre 1814 auch nur acht Tage gehalten, so wäre die verbündete Armee zwischen seinen Mauern und den 80 000 Mann, die Napoleon bei Fontainebleau sammelte, erstickt worden.

Der Ingenieurgeneral Haxo wird mit diesem großen Werke beauftragt; er soll Paris befestigen und General Léry Lyon.

Wenn uns daher die Verbündeten nur bis zum 1. Juni Zeit lassen, so steigt der Effektivstand unserer Armee von 200 000 auf 414 000 Mann. Bis zum 1. September wird dieser Stand nicht allein verdoppelt, sondern es wird auch aus jeder Stadt bis zum Zentrum Frankreichs eine Festung gemacht, die allesamt der Hauptstadt gleichsam als vorgeschobene Werke dienen sollen. So macht das Jahr 1815 dem von 1793 den Rang streitig, und Napoleon hat ebensoviel erreicht wie der öffentliche Wohlfahrtsausschuß, ohne daß er genötigt gewesen wäre, mit einem Dutzend Guillotinen nachzuhelfen.

Auch ist kein Augenblick zu verlieren; die Verbündeten. die sich um Sachsen und Krakau zanken, sind, Gewehr im Arm, mit brennender Lunte stehengeblieben. Vier Befehle werden erlassen, und Europa marschiert von neuem gegen Frankreich.

Wellington und Blücher versammelten 220 000 Mann, Engländer, Preußen, Hannoveraner, Belgier und Braunschweiger, zwischen Lüttich und Courtrai; die Bayern, Badenser und Württemberger eilen nach der Pfalz und dem Schwarzwald: die Österreicher nahen in Eilmärschen, um sich mit ihnen zu vereinigen; die Russen ziehen durch Franken und Sachsen und werden spätestens in zwei Monaten von Polen aus an den Ufern des Rheins stehen. 900 000 Mann sind auf den Beinen, 300 000 werden ihnen folgen.Es war im ganzen die Aufbringung von 700 000 bis 900 000 Mann vorgesehen. A. d. Ü. Die Koalition besitzt das Geheimnis des Kadmus, auf ihren Ruf steigen Soldaten aus der Erde.

Napoleon aber fühlt, je dichter er die feindlichen Armeen sich scharen sieht, um so mehr das Bedürfnis, sich auf dieses Volk zu stützen, das ihn im Jahre 1814 im Stich gelassen hat. – Einen Augenblick schwankt er, ob er nicht die Kaiserkrone beiseitelassen soll, um den Degen des Ersten Konsuls wieder zu ergreifen. Aber er, der im Schoß der Revolution geboren ist, hat Furcht vor ihnen; es graut ihm vor der Volksaufregung, weil er weiß, daß sie sich durch nichts mehr bändigen läßt. Die Nation hat sich über den Mangel an Freiheit beklagt: er will ihr daher die Zusatzakte zur Verfassung des Kaiserreichs verleihen. Das Jahr 1790 hat die Föderation gehabt, das Jahr 1815 soll das »Maifeld« haben; vielleicht läßt sich Frankreichs Freiheitsdrang dadurch beruhigen. Napoleon hält Heerschau über die Föderierten und schwört am 1. Juni auf dem Altar des Märzfeldes den Eid der Treue auf die neue Konstitution. An demselben Tage eröffnet er die Kammern.

Gleich darauf nimmt er, von dieser politischen Komödie, die er mit Widerwillen spielt, befreit, seine wahre Rolle wieder an und wird General. Er hat 180 000 Mann zur Verfügung, um den Feldzug zu eröffnen. Was soll er tun? Soll er den Anglopreußen entgegengehen, um sie bei Brüssel oder Namur zu treffen? Soll er die Verbündeten unter den Mauern von Paris oder Lyon erwarten? Soll er Hannibal oder Fabius sein?

Erwartet er die Verbündeten, so gewinnt er Zeit bis zum August, und dann hat er seine Aushebungen vollzählig gemacht, seine Rüstungen beendigt, sein ganzes Material in Bereitschaft gestellt. Er kann dann mit allen seinen Hilfsmitteln eine Armee bekämpfen, die sich durch die Beobachtungskorps, die sie notgedrungen in ihrem Rücken stehen ließ, geschwächt hat.

Aber das halbe Frankreich, das dann in Feindes Hand wäre, würde die Klugheit dieses Schrittes nicht begreifen. Man kann wohl den Fabius spielen, wenn man, wie Alexander, den siebenten Teil der Weltkugel besitzt, oder wenn man, wie Wellington, auf dem Boden eines andern Reiches sich bewegt. Zudem liegt ein derartiges Zaudern nicht in dem Genie des Kaisers.

Auf der andern Seite hofft er, durch einen sofortigen Angriff auf Belgien den Feind zu verblüffen, der uns außerstand wähnt, ins Feld zu rücken; Wellington und Blücher können geschlagen, auseinander gesprengt, vernichtet werden, bevor noch der Rest der verbündeten Truppen Zeit gefunden hat, zu ihnen zu stoßen. Damit fällt ihm Brüssel zu, die Rheinufer greifen wieder zu den Waffen, Italien, Polen und Sachsen stehen auf, und so kann gleich beim Anfang des Feldzugs der erste Schlag, wenn er recht getan wird, die Koalition auflösen.

Wahr ist freilich auch, daß im Unglücksfall der Feind schon Anfang Juli nach Frankreich gezogen wird, das heißt gegen zwei Monate früher, als er von selbst dahin kommen würde. Aber darf Napoleon nach seinem Triumphzuge vom Golf Juan bis Paris an seiner Armee zweifeln und eine Niederlage voraussetzen?

Von seinen 180 000 Mann muß der Kaiser ein Vierteil verzetteln, um Bordeaux, Toulouse, Chambéry, Belfort, Straßburg zu besetzen und die Vendée, diesen alten, durch Hoche und Kleber schlecht ausgeschnittenen politischen Krebs, im Zaum zu halten. Es verbleiben ihm daher nur 125 000 Mann, die er von Philippeville bis Maubeuge zusammenzieht. Freilich hat er 200 000 Feinde vor sich, aber wenn er nur noch sechs Wochen wartet, so hat er auf einmal ganz Europa auf dem Leibe. Am 12. Juni reist er von Paris ab, am 14. verlegt er sein Hauptquartier nach Beaumont, wo er inmitten von 60 000 Mann lagert, indem er 16 000 Mann auf seinem rechten Flügel gegen Philippeville und 40 000 Mann auf seinem linken gegen Solre an der Sambre wirft. In dieser Stellung hat Napoleon vor sich die Sambre, rechts die Maas, links und im Rücken die Wälder von Avesne, Chimay und Gedine.

Der Feind seinerseits steht zwischen der Sambre und Schelde und verbreitet sich staffelartig auf einem Raum von ungefähr 20 Stunden.

Die preußisch-sächsische Armee unter dem Oberbefehl Blüchers bildet die Vorhut. Sie zählt 120 000 Mann und 300 Feuerschlünde. Sie teilt sich in vier Korps; das erste, kommandiert von dem General Zieten, hat sein Hauptquartier zu Charleroi und Fleurus und bildet zugleich den Mittelpunkt; das zweite, unter dem General Pirsch, lagert in der Umgegend von Namur, das dritte, kommandiert von General Thielemann, steht an den Ufern der Maas in der Umgegend von Dinant; das vierte, kommandiert von dem General Bülow, hinter den drei ersten aufgestellt, hat sein Hauptquartier in Lüttich. So gestellt, hat die preußisch-sächsische Armee die Form eines Hufeisens, dessen beide Enden, wie wir sagten, auf der einen Seite bis Charleroi und auf der anderen bis Dinant reichen und von unsern Vorposten, eines 3, das andere nur 1 ½ Stunden, entfernt sind.

Die englisch-holländische ArmeeWellingtons Feldarmee bestand aus 36 000 Deutschen, 32 000 Engländern und 25 000 Holländern (nach Lettow-Vorbeck). A. d. Ü. steht unter dem Oberbefehl Wellingtons: sie zählt 104 200 Mann in 10 Divisionen, die in zwei große Infanterie- und ein Kavalleriekorps geteilt sind. Das erste Infanteriekorps befehligt der Prinz von Oranien, der sein Hauptquartier zu Braine-le-Comte hat, das zweite der Generalleutnant Hill, dessen Hauptquartier in Brüssel ist, die Reiterei endlich, die ihr Standquartier rings um Grammont hat, wird von Lord Uxbridge kommandiert. Der große Artilleriepark steht in Gent.

Die zweite Armee bietet die gleiche Stellung dar, wie die erste; nur ist das Hufeisen umgekehrt, und statt der Enden ist ihr Zentrum unserer Schlachtfront am nächsten, von der sie indes durch die preußisch-sächsische Armee vollständig getrennt wird.

Napoleon ist am Abend des 14. nur zwei Stunden von den Feinden angelangt, ohne daß sie noch die entfernteste Kenntnis von seinem Marsche haben. Über eine große Karte der Umgegend gebeugt und von Spionen, die ihm sichere Aufschlüsse über die verschiedenen Stellungen des Feindes bringen, umgeben, durchwacht er die Nacht. Nach genauer Einsicht in ihre Aufstellung berechnet er mit gewohntem Scharfsinn, daß sie bei der übergroßen Ausdehnung ihrer Linien drei Tage nötig haben, um sich zu vereinigen. Überfällt er sie unversehens, so kann er die beiden Armeen trennen und sie vereinzelt schlagen. Allererst zieht er 20 000 Pferde in ein Korps zusammen, der Säbel dieser Kavallerie soll die Schlangen mitten entzweischneiden, deren getrennte Stücke er dann sofort zertreten will.

Der Schlachtplan ist entworfen, Napoleon entsendet seine verschiedenen Befehle und fährt mit der Prüfung des Terrains und der Ausfragung der Spione fort. – Alles bestärkt ihn in dem Gedanken, daß er die Stellung des Feindes vollkommen kennt, und der Feind dagegen in gänzlicher Unwissenheit über die seinige schwebt, als plötzlich ein Adjutant des Generals Gérard im Galopp herbeisprengt. Dieser überbringt die Nachricht, daß der Generalleutnant Bourmont und die Obersten Clouet und Willoutrey vom vierten Korps zum Feinde übergegangen sind. Napoleon hört es mit der Ruhe eines an Verrat gewohnten Mannes: dann sagt er zu Ney, der vor ihm steht, gewendet:

»Nun! Marschall, hören Sie es? Ihr Schützling ist es, von dem ich nichts wollte, für den Sie mir bürgten, und den ich nur aus Rücksicht auf Sie angenommen habe; nun ist er zum Feinde übergegangen!«

»Sire«, antwortete der Marschall, »verzeihen Sie mir, aber ich glaubte ihn so ergeben, daß ich für ihn gut gesagt hätte, wie für mich selber«.

»Herr Marschall,« erwidert Napoleon, sich erhebend und ihm die Hand auf die Schulter legend, »wer blau ist, bleibt blau, und wer weiß ist, bleibt weiß.«

Dann setzt er sich wieder und nimmt augenblicklich mit seinem Angriffsplan die Veränderungen vor, die dieser Abfall nötig macht.

Mit Tagesanbruch sollen sich seine Kolonnen in Bewegung sehen. Die Vorhut seines linken Flügels, aus der Infanterie-Division des Generals Jérôme Bonaparte, ehem. Königs von Westfalen, gebildet, soll die Vorhut des preußischen Korps unter General Zieten werfen und sich der Brücke von Marchiennes bemächtigen; der rechte, von General Gerard kommandierte Flügel soll zur rechten Zeit die Brücke von Châtelet überrumpeln, während die leichte Reiterei des Generals Pajol, die die Vorhut des Zentrums bildet, von dem dritten Infanteriekorps unterstützt, vorzurücken und die Brücke von Charleroi zu nehmen hat. Um zehn Uhr soll die französische Armee über die Sambre gegangen und auf feindlichem Grund und Boden sein.

Alles geschieht, wie Napoleon befohlen. Jérôme wirft Zieten über den Haufen und nimmt ihm 500 Gefangene ab, Gérard stürmt die Brücke von Châtelet und jagt den Feind weiter als eine Stunde jenseits des Flusses zurück: nur Vandamme säumt und hat um sechs Uhr morgens sein Lager noch nicht verlassen. – »Er wird zu uns stoßen«, sagt Napoleon, »greifen Sie, Pajol, mit Ihrer leichten Reiterei an; ich folge Ihnen mit meiner Garde.«

– Pajol bricht auf und wirft alles, was ihm in den Weg kommt, über den Haufen. Ein Infanterieviereck will standhalten, der General Desmichels stürzt sich, an der Spitze des 4. und 6. Jägerregiments darauf, durchbricht, vierteilt und zerstückelt es und nimmt ihm einige hundert Gefangene ab. Pajol kommt, den fliehenden Feind niedersäbelnd, vor Charleroi an und reitet im Galopp ein; Napoleon folgt ihm. Um drei Uhr erscheint Vandamme; eine schlecht gemachte Ziffer ist die Ursache seiner Zögerung: er hat IV für VI gehalten. Sein Irrtum straft sich zuerst an ihm selbst dadurch, daß er nicht mitkämpfen durfte.

Noch am gleichen Abend ist die ganze französische Armee über die Sambre gesetzt: Blüchers Heer ist auf dem Rückzuge nach Fleurus und läßt zwischen sich und der englisch-holländischen Armee einen leeren Raum von vier Stunden.

Napoleon sieht den Fehler und beeilt sich, ihn zu benutzen: er erteilt Ney den mündlichen Befehl, mit 42 000 Mann auf der Straße von Brüssel nach Charleroi vorzurücken und nur erst im Dorfe Quatrebras, einem wichtigen, auf der Kreuzungsstraße von Brüssel, Nivelle, Charleroi und Namur gelegenen Punkte, stehenzubleiben. Dort soll er die Engländer aufhalten, während Napoleon mit seinen noch übrigen 72 000 Mann die Preußen schlägt. Der Marschall bricht augenblicklich auf.

Napoleon, der seine Befehle vollzogen glaubt, setzt sich am Morgen des 16. Juni wieder in Marsch und entdeckt die preußische Armee in Schlachtordnung zwischen Saint-Amand und Sombreffe, die Sambre vor sich. Sie ist aus drei Korps zusammengesetzt, die zu Charleroi, Namur und Dinant gelagert waren. Ihre Stellung ist unverantwortlich, denn sie bietet ihre rechte Flanke Ney dar, der den erhaltenen Befehlen gemäß, um diese Stunde in Quatrebas sein muß, das heißt 2 Stunden hinter dem Rücken des Feindes. Demzufolge trifft Napoleon seine Anordnungen. Er stellt seine Armee in der gleichen Linie, wie die Blüchers auf, um ihn von vorn anzugreifen, und schickt an Ney einen vertrauten Offizier mit dem Befehl, er solle ein Beobachtungskorps in Quatrebras lassen und sich in aller Eile gegen Bry wenden, um den Preußen in den Rücken zu fallen. – Ein anderer Offizier sprengt in demselben Augenblick davon, um das Korps des Grafen von Erlon, das die Nachhut bildet und folglich erst in Villers-Perruin sein soll, aufzuhalten; er soll ihn umwenden lassen und nach Bry zurückführen. Diese neue Anordnung fördert die Sache um eine Stunde und verdoppelt die guten Aussichten, denn, wenn auch der eine ausbleibt, wird doch sicher der andere kommen, und treffen beide ihren Anweisungen gemäß nacheinander ein, so muß die ganze preußische Armee verloren sein. Die ersten Kanonenschüsse, die Napoleon von Bry oder Vagnelée her hört, sollen das Zeichen zum Angriff in der Front sein. Nachdem der Kaiser so seine Verfügungen getroffen, macht er halt und wartet.

Indes verstreicht die Zeit, und Napoleon hört nichts. Zwei, drei, vier Stunden des Nachmittags verrinnen, immer die gleiche Stille. Der Tag ist jedoch zu kostbar, um ihn zu verlieren. Schon der morgende kann eine Verbindung der Feinde herbeiführen, dann müßte er einen neuen Plan entwerfen, um das aus den Händen gelassene Glück wiederzuwinnen. Napoleon gibt den Befehl zum Angriff; jedenfalls wird der Kampf die Preußen beschäftigen, und sie werden ihre Aufmerksamkeit weniger auf Ney richten der ohne Zweifel beim ersten Kanonenschuß anlangt.

Napoleon eröffnet den Kampf mit einem allgemeinen Angriff auf die Linke; er hofft, damit den größern Teil der feindlichen Streitkräfte auf diese Seite zu ziehen und ihn von seiner Rückzugslinie in dem Augenblick zu entfernen, wo Ney auf der alten Straße Brunehaut anlangt. Alsdann bietet er alles auf, um sein Zentrum zu durchbrechen und ihn so entzweizuschneiden, indem er den stärksten Teil der Armee in dem eisernen Dreieck, das er den Tag vorher aufgestellt hatte, einschließt. Der Kampf beginnt und dauert zwei Stunden, ohne daß man irgendwelche Nachricht von Ney oder von Erlon erhält; und doch mußten sie schon morgens 10 Uhr den Befehl erhalten haben, und doch hatte der eine nur einen Weg von 2, der andere von 2 ½ Stunden zurückzulegen. So muß Napoleon allein zu siegen versuchen. Er gibt den Befehl, seine Reserven in den Kampf zu führen, um gegen das Zentrum die den Erfolg des Tages entscheidende Bewegung ins Werk zu setzen. In diesem Augenblick meldet man ihm, daß eine starke feindliche Kolonne in der Ebene von Heppignies sich zeige und seinen linken Flügel bedrohe. Wie diese Kolonne zwischen Ney und Erlon durchpassieren konnte, wie Blücher dasselbe Manöver, das er, Napoleon, im Sinne gehabt, hatte ausführen können, – das ist ihm unbegreiflich. Gleichviel, er wendet seine Reserven, um sie diesem neuen Angriff entgegenzustellen, und die Bewegung auf das Zentrum ist verschoben.

Eine Viertelstunde nachher erfährt er, daß diese Kolonne Erlons Korps ist, das die Straße von Saint-Amand statt der von Bry eingeschlagen hat. Er nimmt nun sein unterbrochenes Manöver wieder auf, marschiert auf Ligny, nimmt es im Sturmschritt und nötigt den Feind zum Rückzug. Aber die Nacht bricht herein, und die ganze Armee Blüchers marschiert durch Bry, das von Ney mit 20 000 Mann besetzt sein sollte. Nichtsdestoweniger ist die Schlacht gewonnen; 40 Kanonen fallen in unsere Hände. 20 000 Mann sind außer Gefecht gesetzt, und die preußische Armee ist so in Unordnung, daß die Generale von den 70 000 Mann, aus denen sie besteht, bis Mitternacht kaum 30 000 wieder zusammenbringen konnten.»Es wäre um ihre Armee geschehen gewesen.« sagt Napoleon selbst in seinem militärischen Leben, »wenn ich sie während der Nacht verfolgt hätte, wie sie es mit mir am Abend des 18. machten. Ich habe ihnen viele Lektionen gegeben, aber sie haben mich ihrerseits gelehrt, daß eine Verfolgung, so gefährlich sie auch für den Sieger scheint, ebenso auch ihre Vorteile hat.«

Blücher selbst war mit dem Pferde gestürzt und entkam ganz zerquetscht im Schutze der Dunkelheit auf dem Pferde eines Dragoners.

Während der Nacht erhält Napoleon Nachrichten von Ney und muß erkennen, daß sich die Fehler von 1814 im Jahre 1815 erneuern. Statt mit Tagesanbruch, wie er Befehl erhalten hat, auf das nur von 10 000 Holländern besetzte Quatrebras zu marschieren und sich des Ortes zu bemächtigen, ist Ney erst am Mittag von Gosselies aufgebrochen, so daß in Quatrebras, das von Wellington zum Sammelplatz für die nach und nach eintreffenden verschiedenen Armeekorps bezeichnet worden war, diese Korps erst mittags 3 Uhr angelangt waren, und Ney somit 30 000 Mann statt 10 000 angetroffen hatte. Der Marschall, der der Gefahr gegenüber immer seine gewohnte Tatkraft wiederfand, und der zudem die 20 000 Mann des Grafen Erlon hinter sich glaubte, hatte keinen Augenblick gezögert anzugreifen. Groß war daher sein Erstaunen, als er fand, daß das Korps, worauf er rechnete, ihm nicht zu Hilfe kam, und er, durch überlegene Streitkräfte zurückgeworfen, seine Reserve nicht erreichte, als er die Schutz suchende Hand dahin ausstreckte, wo sie sein sollte. Demgemäß hatte er Adjutanten nach ihr ausgeschickt, mit dem bestimmten Befehl, sie sollte sogleich zurückkehren. Aber im gleichen Augenblick hatte er selbst Napoleons Weisung empfangen. Doch zu spät: der Kampf war angesponnen, er mußte standhalten. Dessenungeachtet hatte er von neuem nach dem Grafen Erlon geschickt und ihn ermächtigt, seinen Weg nach Bry fortzusetzen, sich selbst aber mit neuer Wut gegen den Feind gewendet. In diesem Augenblick war eine neue Verstärkung von 12 000 Engländern unter Wellington angelangt und Ney zum Rückzug auf Fraisne gezwungen worden, während das Armeekorps des Grafen Erlon seine Zeit völlig mit Märschen und Gegenmärschen verlor und beharrlich auf einem Umkreis von 3 Stunden zwischen zwei Kanonaden hin und her marschierte, ohne allen Nutzen für Ney oder für Napoleon.

War nun der Sieg auch minder entscheidend, als er es hätte sein können, so war es dennoch ein Sieg. Die preußische Armee hatte, in vollem Rückzug begriffen, da sie links hin wich, die englische Armee bloßgestellt, die jetzt am weitesten vorgerückt war. Napoleon entsendet, um eine Vereinigung zu verhindern, Grouchy mit 34 000 Mann mit dem Befehl, den Preußen nachzujagen, bis sie standhalten. Aber Grouchy begeht denselben Fehler wie Ney: nur steht es im Buche des Schicksals geschrieben, daß die Folgen dieses Fehlers fürchterlicher sein sollen.

So gewohnt der englische Obergeneral an die plötzlichen Schläge Napoleons war, so hatte er doch noch geglaubt, zu rechter Zeit in Quatrebras anzulangen, um sich mit Blücher zu vereinigen. Wirklich erhält Lord Wellington am 15. abends 7 Uhr zu Brüssel einen Kurier von dem Feldmarschall, der ihm den Aufbruch der ganzen französischen Armee und den Beginn der Feindseligkeiten berichtet. Vier Stunden darauf, als er eben zu Pferd steigen wollte, erfährt er, daß die Franzosen Herren von Charleroi sind und ihre 150 000 Mann starke Armee in fortlaufender Linie geradeaus auf Brüssel marschiert und den ganzen Raum zwischen Marchiennes, Charleroi und Chatelet einnimmt. Er bricht schleunigst auf, befiehlt allen seinen Truppen, ihr Standquartier zu verlassen, um sich auf Quatrebras zusammenzuziehen, wo er, wie gemeldet, um 6 Uhr eintrifft, um die Niederlage der preußischen Armee zu erfahren. Wäre der Marschall Ney den erhaltenen Instruktionen nachgekommen, so erfuhr Wellington ihre gänzliche Vernichtung.»Wäre Ney noch derselbe wie in den früheren Feldzügen gewesen,« sagt Napoleon in seinen Memoiren, »so hätte er um 6 Uhr morgens die Position von Quatrebras eingenommen, die ganze belgische Division getötet oder gefangen; er hätte die preußische Armee umgangen, indem er auf der Straße von Namur eine Abteilung, die der feindlichen Schlachtlinie in den Rücken gefallen wäre, vorrücken ließ, oder er hätte, auf der Straße von Jemappes mit Blitzesschnelle vordringend, die Divisionen Braunschweig und die fünfte englische, die von Brüssel kamen, auf dem Marsch überfallen und wäre sofort der ersten und dritten englischen Division, die auf der Chaussee von Nivelle, beide ohne Reiterei und Artillerie, todmüde anlangten, zu Leibe gegangen.«

Übrigens hat der Tod eine schreckliche Ausgleichung vorgenommen: der Herzog von Braunschweig ist bei Quatrebras und der General Letort bei Fleurus gefallen.

Folgendes war die Stellung der drei Armeen während der Nacht vom 16. auf den 17.

Napoleon lagerte auf dem Schlachtfeld; das dritte Korps vorwärts von Saint-Amand, das vierte vorwärts von Ligny, die Reiterei des Marschalls Grouchy zu Sombreffe, die Garde auf den Anhöhen von Bry, das sechste Korps hinter Ligny und die leichte Reiterei nach der Straße von Namur hin, auf der ihre Vorposten standen.

Blücher, wenig bedrängt von Grouchy, der ihn schon nach einstündiger Verfolgung aus dem Gesicht verlor, hatte seinen Rückzug in zwei Kolonnen bewerkstelligt und erst hinter Gembloux Stellung genommen wo das vierte Korps, unter den Befehlen des Generals Bülow, von Lüttich anlangend, zu ihm gestoßen war.

Wellington hatte sich bei Quatrebras gehalten und die verschiedenen Divisionen seiner Armee nach und nach an sich gezogen, die entsetzlich abgemattet waren, da sie die ganze Nacht vom 15. auf den 16., den ganzen 16. und beinahe die ganze Nacht vom 16. auf den 17. marschiert waren.

Gegen 2 Uhr morgens schickt Napoleon einen Adjutanten an den Marschall Ney. Der Kaiser nimmt an, daß die englisch-holländische Armee der rückgängigen Bewegung der preußisch-sächsischen folgen wird, und befiehlt dem Marschall, seinen Angriff auf Quatrebras zu erneuern. Der General Graf Lobau. der mit zwei Divisionen des sechsten Korps, seiner leichten Reiterei und den Kürassieren des Generals Milhaud auf die Straße von Namur gerückt ist, soll ihn bei diesem Angriff unterstützen, zu dem er unter solchem Beistand stark genug sein muß, da er es aller Wahrscheinlichkeit nach nur mit der Nachhut der Armee zu tun haben wird.

Mit Tagesanbruch setzt sich die französische Armee in zwei Kolonnen wieder in Marsch, die eine 68 000 Mann stark, von Napoleon kommandiert, die den Engländern folgt; die andere von 34 000 Mann, unter Grouchys Befehlen, zur Verfolgung der Preußen.

Ney ist noch immer zurück, und Napoleon gelangt zuerst vor den Pachthof von Quatrebras, wo er ein Korps englischer Kavallerie bemerkt. Er wirft, um ihre Stärke zu erkennen, eine Abteilung von 100 Husaren auf sie, die, von dem feindlichen Regiment scharf bedrängt, zurückkommen. Jetzt macht die französische Armee halt und stellt sich in Schlachtordnung. Die Kürassiere des Generals Milhaud breiten sich auf dem rechten Flügel aus, die leichte Reiterei stellt sich staffelförmig auf dem linken auf, die Infanterie im Zentrum und in der zweiten Linie, die Artillerie benutzt die Unebenheiten des Terrains und setzt sich demgemäß in Stellung.

Ney ist noch nicht erschienen. Napoleon will in der Besorgnis, ihn sonst, wie am gestrigen Tage, zu verlieren, ohne ihn nichts beginnen. 500 Husaren sind gegen Fraisne, wo er sein muß, gesprengt, um sich mit ihm in Verbindung zu setzen. Bei dem Gehölze Delhutte angelangt, das sich zwischen der Straße von Namur und der von Charleroi befindet, hält diese Abteilung ein Regiment roter Lanciers von der Division Lefèbre-Desnouettes für ein Korps Engländer und beginnt ein Gewehrfeuer. Nach Verlauf einer Viertelstunde erkennt und erklärt man sich gegenseitig. Ney steht also in Fraisne, wie Napoleon es gedacht hat, und zwei Offiziere gehen an ihn ab und drängen ihn, auf Quatrebras vorzurücken. Die Husaren kehren um und nehmen ihre Stellung auf dem linken Flügel der französischen Armee, die roten Lanciers bleiben auf ihrem Posten. Napoleon läßt, um keine Zeit zu verlieren, eine Batterie von 12 Kolonnen, die das Feuer eröffnen, aufpflanzen; nur zwei Geschütz« erwidern es, ein neuer Beweis, daß der Feind während der Nacht Quatrebras geräumt und nur eine Nachhut dort gelassen hat, um seinen Rückzug zu decken. Übrigens läßt sich alles nur instinktmäßig tun oder erraten, da der herabstürzende Regen den Gesichtskreis auf einen äußerst engen Raum beschränkt.

Nach einstündiger Kanonade, während deren er die Augen unaufhörlich, gegen Fraisne gerichtet hält, sieht Napoleon, daß der Marschall immer noch zögert, und schickt ihm einen Befehl nach dem andern. Da meldet man ihm, daß der Graf Erlon sich endlich mit seinem Armeekorps zeigt. Da er bisher noch nie, weder bei Quatrebras noch bei Ligny, ins Gefecht gekommen, so beauftragt ihn Napoleon mit der Verfolgung des Feindes. Sofort stellt er sich an die Spitze der Kolonne und marschiert im Sturmschritt auf Quatrebras. Hinter ihm erscheint das zweite Korps. Napoleon setzt sein Pferd in Galopp, sprengt, nur von 30 Mann begleitet, über die Fläche, die sich zwischen den beiden Straßen ausbreitet, langt bei dem Marschall Ney an, dem er nicht nur seine gestrige Langsamkeit vorwirft, sondern noch mehr die heutige, wodurch er zwei kostbare Stunden verloren hat, während deren er die feindliche Armee auf ihrem Rückzug hätte hart bedrängen und diesen vielleicht in eine vollständige Auflösung hätte verwandeln können. Sofort eilt er, ohne die Entschuldigungen des Marschalls anzuhören, an die Spitze der Armee, wo er einen Teil der Soldaten bis ans Knie im Moraste, den andern bis um die Schenkel im Wasser watend findet. Er bedenkt, daß die englisch-holländische Armee mit dem gleichen Übelstand zu kämpfen hat, und daß sie außerdem noch der ganzen Verwirrung eines Rückzugs preisgeben ist. Er gibt der fliegenden Artillerie Befehl, auf der Chaussee, wo sie mit aller Leichtigkeit fortrollen kann, voranzueilen und keinen Augenblick das Feuer einzustellen, und wäre es nur, um ihre und die feindliche Stellung anzuzeigen. Die beiden feindlichen Armeen setzen ihren Marsch in diesem Sumpfe fort, von Nebel umhüllt und sich im Schlamme fortschleppend, wie zwei ungeheure vorsintflutliche Drachen, die Flammen und Rauch aufeinander speien.

Gegen 6 Uhr abends wird die Kanonade stetig und stärker. In der Tat hat der Feind eine Batterie von 15 Kanonen enthüllt. Napoleon errät, daß dessen Nachhut Verstärkung erhalten hat, und daß Wellington, der bei dem Gehölz von Soignes angekommen sein muß, im Begriff ist, für die Nacht Stellung davor zu nehmen. Der Kaiser will sich dessen versichern; er läßt die Kürassiere des Generals Milhaud, die Miene machen anzugreifen, unter dem Schutze von 4 Batterien leichter Artillerie vorrücken. Jetzt enthüllt der Feind 40 Geschütze, die mit einem Male losbrechen. Kein Zweifel mehr, die ganze Armee steht da; das allein wollte Napoleon wissen. Er ruft seine Kürassiere zurück, die er morgen nötig hat, nimmt Stellung vor Planchenoit, legt sein Hauptquartier in den Pachthof von Caillou und läßt während der Nacht eine Warte aufschlagen, von deren Höhe er am anderen Morgen die ganze Ebene übersehen könnte. Aller Wahrscheinlichkeit nach nimmt Wellington die Schlacht an.

Im Laufe des Abends führt man mehrere Offiziere von der englischen Reiterei, die man während des Tages zu Gefangenen gemacht hatte, vor Napoleon, er kann aber von ihnen nichts weiter erfahren.

Um 10 Uhr schickt Napoleon an Grouchy, von dem er glaubt, daß er vor Wavre stehe, einen Offizier, um ihn wissen zu lassen, daß er die ganze englisch-holländische Armee vor sich habe, die vor dem Forste von Soignes, mit dem linken Flügel an den Flecken la Haie gelehnt, aufgestellt sei, und daß er ihr mit aller Wahrscheinlichkeit morgen eine Schlacht liefern werde. Demgemäß befiehlt er ihm, zwei Stunden vor Tagesanbruch eine Division von 7000 Mann mit 16 Stücken schweren Geschützes von seinem Lager abzusenden, und zwar auf St. Lambert zu, damit sie sich mit dem rechten Flügel der großen Armee in Verbindung setzen und gegen den linken der englisch-holländischen operieren könne. Grouchy selbst solle, sobald er gewiß sei, daß die preußisch-sächsische Armee Wavre geräumt habe, um sich auf Brüssel zu werfen oder irgendeiner anderen Richtung zu folgen, mit dem größten Teile seiner Truppen in der gleichen Richtung, wie die Division, die ihm als Vorhut dienen würde, aufbrechen und mit seiner ganzen Macht gegen zwei Uhr nachmittags in dem Augenblicke, wo seine Gegenwart entscheidend sein dürfte, anzukommen suchen.Die Weisung an Grouchy ist erst am nächsten Vormittag um 10 Uhr von Napoleon gegeben worden. Erst in den auf St. Helena verfaßten Memoiren hat der Kaiser behauptet, schon am Abend vorher den Befehl gegeben zu haben. A. d. Ü. Übrigens werde Napoleon, um nicht die Preußen durch seine Kanonade herbeizuführen, das Gefecht erst ziemlich spät vormittags beginnen. Kaum ist diese Depesche abgefertigt, als ein Adjutant des Marschalls Grouchy mit einem abends 5 Uhr geschriebenen Bericht aus Gembloux anlangt.

Der Marschall hat die Fährte des Feindes verloren, er weiß nicht, ob er auf Brüssel oder auf Lüttich marschiert ist; demzufolge hat er eine Vorhut auf jeder dieser beiden Straßen aufgestellt. Da Napoleon gerade die Posten kontrolliert, so findet er erst bei seiner Rückkehr die Depesche. Sogleich sendet er einen anderen, dem nach Wavre geschickten ähnlichen Befehl ab, und kaum ist der Offizier, der ihn mitnimmt weg, so reitet ein zweiter Adjutant ein, der einen zweiten, morgens 2 Uhr geschriebenen und gleichfalls von Gembloux kommenden Bericht überbringt. Grouchy hat abends 6 Uhr erfahren, daß Blücher mit all seinen Streitkräften sich gegen Wavre gewendet hat. Dorthin habe er (Grouchy) den Preußen auf der Stelle folgen wollen, aber seine Truppen hätten schon Biwak bezogen und kochten ihre Suppe; er wolle daher erst morgen früh aufbrechen. Napoleon kann diese Trägheit seiner Generale nicht begreifen, die doch, von 1814–1815, ein Jahr Zeit zur Ruhe gehabt haben; er entsendet an den Marschall einen noch dringenderen Befehl als die beiden ersten.

Folgendes sind nun die Stellungen der 4 Armeen während der Nacht vom 17. auf den 18.: Napoleon, mit dem 1., 2. und 6. Infanteriekorps, der leichten Reitereidivision des Generals Subervic, den Kürassieren und Dragonern von Milhaud und Kellermann, endlich mit der Kaisergarde, zusammen 68 000 Mann und 240 Kanonen, lagert hinter und vor Planchenoit, quer auf der großen Straße von Brüssel nach Charleroi.

Wellington, mit der ganzen englisch-holländischen, mehr als 80 000 Mann und 250 Feuerschlünde starken Armee, hat sein Hauptquartier zu Waterloo und breitet sich auf der Spitze einer Anhöhe von Braine-Laleud bis nach la Haie aus.

Blücher ist zu Wavre, wo er wieder 75 000 Mann gesammelt hat, mit denen er schlagfertig steht, um überall hinzueilen, wo ihm der Kanonendonner die Notwendigkeit seiner Gegenwart verkünden sollte.

Grouchy endlich ist in Gembloux, wo er ausruht, nachdem er in zwei Tagen drei Stunden Marsch zurückgelegt hat.

So verstreicht die Nacht. Jeder ahnt wohl, daß man am Vorabend einer Schlacht von Zama ist, aber man weiß noch nicht; wer Scipio und wer Hannibal sein wird.

Mit Tagesanbruch tritt Napoleon unruhig aus seinem Zelte, denn er fürchtet, Wellington nicht mehr in seiner gestrigen Stellung zu finden. Er glaubt, der englische und der preußische General hätten die Nacht benutzen müssen, um sich vor Brüssel zu vereinigen, und sie erwarteten ihn am Ausgang der Engpässe des Forstes von Soignes. Aber auf den ersten Blick ist er wieder beruhigt. Die englisch-holländischen Truppen stehen noch immer auf der Hügellinie, wo sie gestern hielten; im Fall einer Niederlage ist ihr Rückzug unmöglich. Napoleon wirft nur einen Blick auf seine Anordnungen. Dann sagt er, sich zu seinen Begleitern umwendend: »Das Schicksal des Tages hängt von Grouchy ab; befolgt er die erhaltenen Befehle, so stehen unsere Aussichten neunzig gegen zehn!«

Morgens 8 Uhr klärt sich das Wetter auf, und Artillerieoffiziere, die Napoleon zur Untersuchung der Ebene abgeschickt hat, kommen mit der Meldung zurück, der Boden beginne zu trocknen und in einer Stunde könne die Artillerie anfangen zu manövrieren. Sogleich steigt Napoleon, der zum Frühstück abgesessen war, wieder aufs Pferd, reitet gegen la Haie Sainte und erkundet die feindliche Linie. Aber da er seinen Augen noch immer nicht traut, heißt er den General Haxo sich dem Dorfs so viel wie möglich zu nähern, um sich zu vergewissern, daß der Feind durch keine während der Nacht aufgeworfene Verschanzung gedeckt ist. Eine halbe Stunde später kehrt der General zurück; er hat keinerlei Befestigung wahrgenommen, und der Feind ist nur durch die natürliche Beschaffenheit der Örtlichkeit selbst verteidigt. Man befiehlt den Soldaten, ihre Waffen zu putzen und trocknen zu lassen.

Napoleon hatte zuerst den Gedanken, auf dem rechten Flügel anzugreifen; aber gegen elf Uhr berichtet ihm Ney, der diesen Teil des Terrains zu untersuchen hatte, daß ein Bach, der durch die Schlucht läuft, durch den gestrigen Regen zum sumpfigen Waldstrom geworden sei, den er mit dem Fußvolk nicht überschreiten könnte; er müsse daher aus dem Dorfe rottenweise ausmarschieren. Da ändert Napoleon seinen Plan; er will diese örtliche Schwierigkeit vermeiden, bis zum Anfang der Schlucht hinaufsteigen und die feindliche Armee im Zentrum durchbrechen, Reiterei und Artillerie auf die Brüsseler Straße werfen, so daß dann den in der Mitte zerschnittenen zwei feindlichen Armeekorps kein Rückzug übrigbleibt, da dem einen Grouchy, der um 2 oder 3 Uhr eintreffen muß, den Weg abschneidet, und dem andern die Reiterei und Artillerie die Brüsseler Straße versperren. Sonach richtet der Kaiser alle seine Reserven auf das Zentrum.

Als dann jeder auf seinem Posten ist und nur den Befehl zum Aufbruch erwartet, setzt Napoleon sein Pferd in Galopp und reitet an der Linie hinab. Überall, wo er vorbeikommt, weckt er die Töne der Militärmusik und den Freudenruf der Soldaten, eine Gewohnheit, die dem Beginn seiner Schlachten immer einen festlichen Anstrich verleiht, im grellen Gegensatz gegen die Kälte der feindlichen Armeen, wo selten ein kommandierender General so viel Vertrauen und Sympathie besitzt, um eine solche Begeisterung hervorzurufen. Mit dem Fernglas in der Hand an einen Baum des kleinen Querwegs gelehnt, vor dem seine Soldaten in Schlachtordnung stehen, ist Wellington Zeuge dieses eindrucksvollen Schauspiels einer Armee, die schwört zu siegen oder zu sterben.

Napoleon kehrt zurück und stellt sich auf die Höhen von Rossomme, von wo aus er das ganze Schlachtfeld überschaut. Hinter ihm ertönt noch, sich wie eine angezündete Pulverfurche fortpflanzend, das Geschrei und die Musik, dann sinkt plötzlich alles in jene feierliche Stille zurück, wie sie immer über zwei Heeren schwebt, die zum Kampfe schreiten.

Bald wird diese Stille durch ein Gewehrfeuer unterbrochen, das von unserer äußersten Linken ausgeht, und dessen Rauch man über dem Gehölz von Goumont wahrnimmt, es sind Jérômes Plänkler, die den Kampf anspinnen müssen, um die Engländer auf diese Seite zu locken. Wirklich enthüllt der Feind seine Artillerie, und der Donner der Kanonen beginnt das Zischen der Flintenkugeln zu beherrschen. General Reille läßt die Batterie der Division Foy vorrücken und Kellermann seine 12 leichten Artilleriestücke vorgaloppieren; zugleich sprengt, unter völliger Bewegungslosigkeit des Restes der Linie, die Division Foy weg und eilt Jérôme zu Hilfe.

Im Augenblick, wo Napoleon dieser ersten Bewegung voll Eifer zuschaut, reitet ein von Marschall Ney, der den Zentrumsangriff gegen den Pachthof von Belle-Alliance auf der Straße von Brüssel leiten sollte, entsendeter Adjutant im Galopp herbei, mit der Meldung, alles sei gerüstet und der Marschall erwarte nur noch das Zeichen. In der Tat sieht Napoleon die für diesen Angriff bezeichneten Truppen in tiefen Massen vor sich und will eben das Zeichen geben, als er auf einmal bei einem letzten Blick auf das ganze Brett des Schlachtfeldes mitten im Nebel etwas wie eine Wolle wahrnimmt, das in der Richtung von Saint-Lambert heranzieht. Er wendet sich zum Herzog von Dalmatien, der als Generalmajor neben ihm hält, und fragt ihn, was er von dieser Erscheinung denke. Plötzlich richten sich alle Fernrohre des Generalstabs nach dieser Seite. Einige behaupten, es seien Bäume, andere, es seien Leute. Napoleon ist der erste, der eine Marschkolonne unterscheidet: aber ist's Grouchy? ist's Blücher? Das weiß man nicht. Marschall Soult meint, es sei Grouchy, Napoleon aber zweifelt noch ahnungsvoll. Er beruft den General Domon und befiehlt ihm, mit seiner und des Generals Subervic leichten Kavalleriedivision aufzubrechen, um nach rechts aufzuklären und schleunigst mit dem anlangenden Korps Fühlung zu suchen. Ist's Grouchys Abteilung, so soll er sich mit ihr vereinigen, ist's Blüchers Vorhut, sie aufhalten.

Gesagt, getan. 3000 Mann Reiterei jagen im Galopp weg, entrollen sich wie ein endloses Band, schlängeln sich einen Augenblick durch die Linien unserer Armee, züngeln über unseren äußersten rechten Flügel hinaus, reiten weiter und schließen sich wie auf einer Parade etwa in einer Entfernung von 3000 Ellen (fast 6 Kilometer) wieder zusammen.

Kaum ist diese Bewegung ausgeführt, die so anziehend war, daß sie eine Weile die Aufmerksamkeit von dem Gehölz von Goumont, wo die Artillerie immer fortdonnert, abgezogen hat, als ein Jägeroffizier dem Kaiser einen preußischen Husaren vorführt, der zwischen Wavre und Planchenoit durch einen fliegenden Streifzug gefangen war. Er trägt einen Brief des Generals Bülow, der Wellington von dessen Ankunft benachrichtigt und Verhaltungsbefehle verlangt. Außer dieser alle Zweifel über die bemerkten Massen aufhebenden Auskunft gibt der Gefangene noch weitere, die man trotz ihrer Unglaublichkeit glauben muß. Er sagt, es hätten noch die drei Korps der preußisch-sächsischen Armee zu Wavre gestanden, wo Grouchy sie auf keine Weise beunruhigt habe. Es stehe auch kein Franzose davor, denn eine Patrouille seines Regiments habe in eben dieser Nacht bis zwei Stunden vor Wavre hin gestreift, ohne auf irgend etwas zu stoßen.

Napoleon wendet sich wieder zu Marschall Soult mit den Worten: »Heute morgen noch standen unsere Aussichten auf neunzig; durch Bülows Ankunft verlieren wir dreißig. Es steht aber noch sechzig gegen vierzig, und wenn Grouchy den ungeheuren Fehler, daß er gestern in Gembloux seinem Vergnügen nachging, wieder gutmacht, wenn er seine Abteilung mit Blitzesschnelle schickt, so wird der Sieg nur noch entscheidender sein, denn dann ist Bülows Korps gänzlich verloren. Lassen Sie einen Offizier kommen!«

Ein Offizier des Generalstabs reitet augenblicklich herbei; er soll Bülows Brief zu Grouchy bringen und ihn aufs schnellste herbeirufen. Nach seiner eigenen Aussage muß er jetzt, in dieser Stunde, vor Wavre sein. Der Offizier soll einen Umweg machen und vom Rücken zu ihm kommen. Er hat auf trefflichen Wegen nur 4–5 Stunden zurückzulegen, der Offizier hat ein rasches Pferd und verspricht, in 1 ½ Stunden an Ort und Stelle zu sein.

Im gleichen Augenblick schickt der General Domon einen Adjutanten, der die Nachricht bestätigt; es sind die Preußen, die man vor sich hat, und er selbst hat soeben mehrere auserlesene Streifpatrouillen entsendet, um sich mit Marschall Grouchy in Verbindung zu setzen.

Der Kaiser befiehlt dem General Lobau, mit zwei Divisionen schräg über die große Straße von Charleroi zu setzen und zur Unterstützung der leichten Reiterei auf das äußerste Ende des rechten Flügels zu eilen. Er soll eine gute Stellung wählen, wo er mit 10 000 Mann 30 000 auszuhalten vermag. So lauten die Befehle, die Napoleon erteilt, wenn er seine Leute kennt. Augenblicklich wird diese Bewegung ausgeführt, und Napoleon kehrt seine Augen wieder nach dem Schlachtfelde.

Eben haben die Plänkler auf der ganzen Linie das Feuer begonnen, und doch ist es, mit Ausnahme des mit gleicher Erbitterung fortdauernden blutigen Kampfes im Gehölz von Goumont, noch immer nichts Ernsthaftes. Außer einer Division, die die englische Armee von ihrem Zentrum den Garden zu Hilfe gesendet hat, steht die ganze englisch-holländische Linie unbeweglich, und auf ihrer äußersten Linken ruhen Bülows Truppen aus und schließen sich aufs neue, um ihre noch im Hohlweg langsam heranziehende Artillerie abzuwarten. Jetzt schickt Napoleon den Marschall Ney den Befehl, das Feuer seiner Batterien spielen zu lassen, auf la Haie-Sainte zu marschieren, es mit dem Bajonett zu nehmen, eine Division Fußvolk darin zu lassen, augenblicklich auf die zwei Pachthöfe von la Papelotte und la Haie zu stürmen und den Feind herauszutreiben, um die englisch-holländische Armee von Bülows Korps zu trennen. – Der diesen Befehl überbringende Adjutant eilt davon, sprengt über die kleine Ebene, die Napoleon vom Marschall trennt, und verliert sich in den gedrängten Reihen der Kolonnen, die das Signal erwarten. Nach einigen Minuten blitzen auf einmal 80 Feuerschlünde und verkünden, daß der Befehl des Oberbefehlshabers vollzogen wird.

Der Graf von Erlon rückt mit drei Divisionen vor im Schutze dieses fürchterlichen Feuers, das die englischen Linien zu lichten beginnt, als plötzlich die Artillerie, wie sie über einen tiefen Grund fährt, einsinkt. Wellington, der von seiner Höhenlinie diesen Unfall gesehen hat, benutzt ihn und wirft auf die Artillerie eine Kavalleriebrigade, die sich in zwei Korps trennt und sich mit Blitzesschnelle teils auf die Division Marcognet, teils auf die hilflos gelassenen Stücke wirft, die nicht nur den Angriff eingestellt haben, sondern auch nicht mehr imstande sind, sich selbst zu verteidigen. Die Infanterie kann sich des Andrangs nicht erwehren; sie wird überwältigt und verliert zwei Adler. Die Artillerie wird niedergesäbelt, die Stränge an den Kanonen und die Kniekehlen der Pferde werden durchgehauen, schon sind 7 Kanonen unbrauchbar gemacht. Da bemerkt Napoleon den Wirrwarr und befiehlt den Kürassieren des Generals Milhaud, ihren Brüdern zu Hilfe zu eilen. Die Eisenmauer setzt sich, von dem vierten Lanciers-Regiment unterstützt, in Bewegung, und die englische Brigade, auf frischer Tat gefaßt, verschwindet, zermalmt, zerschmettert, zerstückt unter diesem fürchterlichen Stoß. Unter anderen sind zwei Dragonerregimenter völlig vernichtet. Die Kanonen werden wieder gewonnen, und die Division Marcognet ist herausgehauen.

Diesen bewundernswert ausgeführten Befehl hat Napoleon selbst überbracht, indem er sich in einem Regen von Kugeln und Granaten, die an seiner Seite den General Devaux töten und den General Lallemand verwunden, an die Spitze der Linie stürzt. Indes rückt Ney auch ohne alle Artillerie immer weiter vor, und während des erzählten üblen, obwohl so rasch wieder gutgemachten Zwischenfalls zur Rechten der Straße von Charleroi nach Brüssel hat er auf der großen Straße und auf den Feldern links eine andere Kolonne, die endlich la Haie-Sainte erreicht, vorrücken lassen.

Hier, unter dem Feuer der ganzen englischen Artillerie, das die unsrige nur noch schwach erwidern kann, verdichtet sich der Kampf. Drei Stunden lang ringt Ney, der die ganze Kraft seiner schönen Jahre wiedergefunden hat, blutig nach der Stellung, die er endlich erstürmt und mit feindlichen Leichnamen übersät findet. Drei schottische Regimenter schlafen dort Mann an Mann, in Reih und Glied gefallen, wie sie gekämpft haben, und die 2. belgische, die 5. und 6. englische Division haben dort ein Drittel ihrer Leute gelassen. Napoleon wirft auf die Flüchtigen Milhauds unermüdliche Kürassiere, die sie, den Säbel in ihren Rippen, bis mitten in die Reihen der feindlichen Armee verfolgen, wo sie Verwirrung anrichten. Von der Höhe, wo der Kaiser steht, sieht er den Train und die englischen Reserven vom Kampfplatze abziehen und sich nach der Straße von Brüssel drängen. Der Tag ist unser, wenn Grouchy kommt.

Beständig sind Napoleons Augen nach Saint Lambert gewendet, wo die Preußen endlich den Kampf begonnen haben, aber trotz ihrer Überzahl von den 2500 Reitern Domons und Subervics und von Lobaus 7000 Mann aufgehalten werden. Wie würden ihm letztere in dieser Stunde zustatten kommen, um seinen Angriff auf das Zentrum zu unterstützen, wohin er aufs neue seine Blicke richtet, indes er nichts hört und nichts sieht, was ihm die so ersehnte Ankunft Grouchys verkündet.

Jetzt schickt Napoleon dem Marschall den Befehl, sich um jeden Preis in seiner Stellung zu halten. Er muß einen Augenblick klar sein Schachbrett übersehen.

Auf der äußersten Linken hat Jérôme einen Teil des Gehölzes und das Schloß von Goumont gewonnen, wovon nichts mehr sichtbar ist, als die vier nackten Mauern, da alle Dächer von den Haubitzen zerstört sind, aber die Engländer halten sich dauernd in dem Hohlweg längs dem Obstgarten hin. Auf dieser Seite ist es also nur ein halber Sieg.

Vorn und gegen das Zentrum hin hat der Marschall la Haie-Sainte erstürmt und hält sich darin, trotz der Artillerie Wellingtons und seiner Reiterangriffe, die vor unserem fürchterlichen Musketenfeuer zurückprallen. Hier ist es ein vollständiger Sieg.

Rechts von der Chaussee kämpft der General Durutte um die Pachthöfe von la Papelotte und la Haie; und hier – kann man siegen.

Endlich auf der äußersten Rechten haben sich Bülows Preußen, nachdem sie sich in die Schlacht begeben, senkrecht zu unserer Rechten aufgestellt. 30 000 Mann und 60 Feuerschlünde rücken gegen die Divisionen der Generale Domon, Subervic und Lobau vor; hier also ist für den Augenblick die wahre Gefahr.

Die Gefahr wächst noch durch die anlangenden Berichte; Domons Streifpatrouillen sind zurückgekehrt, ohne Grouchy bemerkt zu haben. Bald erhält man eine Depesche des Marschalls selbst. Statt mit Tagesanbruch von Gembloux aufzubrechen, wie er in seinem gestrigen Briefe versprochen hatte, hat er es erst um 9 ½ Uhr getan. Jetzt ist es schon 4 ½ nachmittags, schon fünf Stunden dauert das Feuer der Kanonen; noch hofft Napoleon, daß er, dem ersten Kriegsgebote gehorsam, dem Kanonendonner nachziehen werde. Um 7 ½ Uhr kann er auf dem Schlachtfelde sein; bis dahin muß man die Anstrengungen verdoppeln und zumal den Fortschritt der 30 000 Mann Bülows aufhalten, die sich, wenn Grouchy endlich anrückt, in einem Kreuzfeuer befinden werden.

Napoleon befiehlt dem General Duhesme, der die beiden Divisionen der jungen Garde kommandiert, auf Planchenoit zu gehen, wohin Lobau, von den Preußen gedrängt, einen regelmäßigen Rückzug ausführt. Duhesme nimmt 8000 Mann und 24 Kanonen, die in starkem Galopp ankommen, sich in Batterie stellen und in dem Augenblick ihr Feuer beginnen, wo die preußische Artillerie mit ihren Kartätschen die Brüsseler Straße bearbeitet. Diese Verstärkung hemmt den Fortschritt der Preußen und scheint sie einen Augenblick sogar zum Weichen zu bringen. Napoleon benutzt diesen Wechsel. Ney erhält Befehl, im Sturmschritt gegen das Zentrum der englisch-holländischen Armee zu marschieren und sie zu durchbrechen. Er zieht Milhauds Kürassiere an sich, die vorn angreifen, um ein Loch zu bohren. Der Marschall folgt ihnen, und bald steht er mit seinen Truppen auf der Plattform. Da entflammt sich die ganze englische Linie und speit ihm Tod ins Gesicht, zugleich wirft Wellington alles, was ihm von Reiterei übrig ist, gegen Ney, während sein Fußvolk sich in Vierecke zusammenschließt. Napoleon fühlt die Notwendigkeit, den Angriff zu unterstützen, und schickt dem Grafen Valmy den Befehl, mit seinen zwei Kürassierdivisionen auf die Plattform zu rücken, um den Divisionen Milhaud und Lefèvre-Desnouettes beizuspringen. Im gleichen Augenblick läßt Marschall Ney die schwere Kavallerie des Generals Guyot vorrücken. Zu ihr stoßen die Divisionen Milhaud und Lefèvre-Desnouettes und stürzen sich in den Kampf, 3000 Kürassiere und 3000 Gardedragoner, das heißt die ersten Soldaten der Welt, sprengen, so stark ihre Pferde laufen können, heran und stoßen sich an den englischen Vierecken, die sich öffnen, ihre Kartätschen speien lassen und sich wieder schließen. Aber nichts hält den fürchterlichen Sturm unserer Soldaten auf. Die englische Kavallerie zieht sich, zurückgeworfen, den langen Säbel unserer Kürassiere und Dragoner in den Rippen, inzwischen zurück und schließt sich hinten unter dem Schutze ihrer Artillerie wieder. Urplötzlich stürmen Kürassiere und Dragoner auf die Vierecke, von denen sich einige endlich auflösen; aber sterben, ohne einen Schritt zu weichen. Jetzt beginnt ein gräßliches Schlachten, von Zeit zu Zeit durch verzweifelte Reiterangriffe unterbrochen, gegen die unsere Soldaten sich wenden müssen, und während deren die englischen Vierecke wieder Atem schöpfen und sich neu bilden, um abermals zerrissen zu werden. Wellington, von Viereck zu Viereck verfolgt, vergießt Tränen der Wut, wie er so 12 000 Mann seiner besten Truppen unter seinen Augen niedermetzeln lassen muß; aber er weiß, daß sie keinen Schuh breit weichen werden. Er berechnet die Zeit, die noch verfließen muß, bevor die Zerstörung vollendet ist, zieht seine Uhr und sagt zu seiner Umgebung: »Noch zwei Stunden reicht es aus, und bevor eine verrinnt, ist die Nacht gekommen oder Blücher.« So geht es 5/4 Stunden fort.

Jetzt sieht Napoleon von der Höhe, von der er das ganze Schlachtfeld beherrscht, eine dichte Masse auf dem Wege von Wavre vorrücken ... Endlich langt Grouchy, den er so lange erwartet an, spät zwar, aber noch zeitig genug, um den Sieg zu vervollständigen! Beim Anblick dieser Verstärkung schickt er Adjutanten, um nach allen Richtungen zu melden, daß Grouchy erscheint und in die Linie einrückt. In der Tat entwickeln sich Massen auf Massen und stellen sich in Schlachtordnung. Unsere Soldaten verdoppeln den Eifer, denn sie glauben nur noch einen letzten Schlag tun zu dürfen. Da donnert plötzlich eine furchtbare Artillerie den Neuangekommenen voraus, und die Kugeln, statt gegen die Preußen gerichtet zu werden, reihen ganze Glieder der Unsrigen nieder. Alle starren einander an: der Kaiser schlägt sich vor die Stirn: es ist nicht Grouchy, es ist Blücher!

Napoleon übersieht auf den ersten Blick seine Lage. Sie ist schrecklich, 60 000 Mann frischer Truppen, auf die er nicht rechnete, sind nacheinander über seine durch achtstündigen Kampf zermalmten Truppen hergefallen. Im Zentrum ist er immer noch im Vorteil, aber er hat keinen rechten Flügel mehr. Die Fortsetzung der Blutarbeit, um den Feind entzweizuschneiden, wäre nunmehr unnütz und sogar gefährlich. Da ersinnt und befiehlt der Kaiser eines der schönsten Manöver, die er je in seinen kühnsten strategischen Kombinationen erdacht hat: es ist ein großer schräger Frontwechsel auf dem Zentrum, mittels dessen er beiden Armeen die Stirn bieten kann. Zudem verfließt die Zeit, und die Nacht, die für die Engländer kommen sollte, sie wird auch für ihn kommen.

Sofort gibt er seinem linken Flügel Befehl, das Gehölz von Goumont und die wenigen Engländer, die noch unter dem Schutze der mit Schießscharten versehenen Mauern des Schlosses standhalten, hinter sich zu lassen und das erste und zweite Korps, die schwer gelitten, zu ersetzen, während er zugleich Kellermanns und Milhauds Reiter, die auf der Plattform des Mont St. Jean zu hart bedrängt werden, befreien soll. Er befiehlt Lobau und Duhesme, den Rückzug fortzusetzen und sich in Reih und Glied oberhalb Planchenoit aufzustellen, dem General Pelet, in diesem Dorfe zum Schutze der Bewegung tapfer auszuharren. Das Zentrum soll und kann für sich selber stehen. Zugleich erhält ein Adjutant Befehl, die Linie zu durchreiten und die Ankunft des Marschalls Grouchy zu melden.

Bei dieser Nachricht belebt sich die Begeisterung aufs neue: alles auf der unermeßlichen Linie dringt vor; Ney, fünfmal seines Pferdes beraubt, nimmt den Degen in die Hand. Napoleon stellt sich an die Spitze der Reserve und stürmt in eigener Person auf der Chaussee heran. Noch immer weicht der Feind auf sein Zentrum zurück, seine erste Linie ist durchbrochen; die Garde reitet über sie hinweg und nimmt eine Batterie. Aber hier stößt sie auf eine zweite Linie, die aus einer fürchterlichen Masse gebildet ist, es sind die Trümmer der von der französischen Kavallerie zwei Stunden zuvor über den Haufen geworfenen Regimenter, die sich neu gebildet haben; es sind die englischen Gardebrigaden, das belgische Regiment von Chassé und die Division Braunschweig. Ganz gleichgültig! Die Kolonne entfaltet sich wie zu einem Manöver, aber plötzlich schleudern 10 in Batterie gestellte Feldstücke auf Pistolenschußweite Tod und Verderben und reißen ihr den ganzen Kopf weg, während 20 andere Feuerschlünde sie von der Flanke packen und sich in die um Belle-Alliance aufgehäuften Waffen einbohren, die ihre Bewegung bloßgestellt hat. Der General Friant wird verwundet; der General Michel, der General Jamin und der General Mallet werden getötet. Die Majore Augelet, Cardinal und Agnès stürzen tot nieder, General Guyot, der zum achtenmal seine schwere Kavallerie zum Angriff führt, erhält zwei Schüsse. Neys Kleider und Hut werden von Kugeln durchlöchert. Ein momentanes Schwanken wird auf der ganzen Linie fühlbar. – In diesem Augenblick ist Blücher in dem Flecken La Haie angekommen und hat die beiden Regimenter, die es verteidigen, daraus vertrieben. Diese beiden Regimenter, die sich eine halbe Stunde gegen 10 000 gehalten, treten den Rückzug an, aber Blücher zieht 6000 Mann englischer Kavallerie, die Wellingtons linken Flügel geschützt haben, zu sich, da sie dort der Preußen wegen überflüssig geworden sind. Diese 9000 Mann, die, mit den Verfolgten untermengt anlangen, machen einen ungeheuern Riß mitten ins Herz der Armee. Da wirft sich Cambronne mit dem zweiten Bataillon des ersten Jägerregiments zwischen die englische Kavallerie und die Fliehenden, schließt sich zum Viereck und deckt den Rückzug der übrigen Gardebataillone. Sein Bataillon zieht den ganzen Stoß auf sich; es ist umringt, bedrängt, von allen Seiten angegriffen. Das ist der Moment, wo Cambronne, auf die Aufforderung, sich zu ergeben antwortet, zwar nicht die blumige Phrase, die man ihm angedichtet hat, sondern ein einziges Wort, freilich ein Wachthauswort, dem jedoch der rohe Nachdruck nichts von seiner Erhabenheit nimmt, und fast sogleich von einem Haubitzenstück, das ihn in den Kopf trifft, zerschmettert vom Pferde sinkt.

Zugleich läßt Wellington das ganze Ende seines rechten Flügels vorrücken, worüber er jetzt verfügen kann, weil er infolge unserer Bewegung nicht mehr in Schach gehalten ist, und seinerseits nun die Offensive ergreifend, schleudert er ihn wie einen Waldstrom von den Höhen der Plattform herab. Diese Kavallerie umreitet die Vierecke der Garde, die sie nicht anzugreifen wagt, wendet sich rechts und kehrt zurück, um unser Zentrum unterhalb la Haie-Sainte zu durchbohren. Jetzt erfährt man, daß Bülow unsere äußerste Rechte umgeht, daß der General Duhesme gefährlich verwundet ist, endlich, daß Grouchy, auf den man zählte, nicht kommt. Flinten- und Kanonenfeuer schlägt aus einer Entfernung von nicht mehr als 500 Ellen (1000 Meter) in unsern Rücken, Bülow hat uns überflutet. Der Schrei »Rette sich, wer kann!« ertönt, die Auflösung beginnt. Die noch standhaltenden Bataillone werden von den Flüchtigen auseinander gerissen. Napoleon sprengte, als er eben umzingelt werden sollte, mit Ney, Soult, Bertrand, Drouot, Corbineau, Flahaut, Gourgaud und Labédoyère, die ohne Soldaten sind, in Cambronnes Karree. Die Kavallerie macht Angriff auf Angriff; die englische Artillerie säubert, von der Zinne ihrer Höhen herab, die ganze Ebene; die unsrige, die keine Arme mehr zur Bedienung hat, bleibt stumm. Der Kampf hört auf, die Metzelei beginnt.

In diesem Augenblick lichten sich die Wolken; Blücher und Wellington, die sich auf dem Pachthof von Belle-Alliance die Kunde gereicht haben, benutzen diesen Beistand des Himmels, um ihre Kavallerie zur Verfolgung unserer Truppen zu spornen. Die Sprungfedern, die diesen Riesenkörper bewegten, sind zerbrochen, die Armee ist zerstreut; nur einige Bataillone der Garde halten stand und sterben.

Umsonst bemüht sich Napoleon, der Verwirrung Einhalt zu tun. Er wirft sich mitten in die gelösten Glieder, findet ein Regiment der Garde und Batterien in Reserve hinter Planchenoit und versucht, die Flüchtigen zu sammeln. Unglücklicherweise hindert die Nacht, ihn zu sehen, und der Lärm, ihn zu hören. Da steigt er vom Pferd, wirft sich, den Degen in der Hand, mitten in ein Karree: Jérôme folgt ihm mit den Worten: »Du hast recht, Bruder, hier muß fallen, was den Namen Bonaparte trägt.« Aber er wird von seinen Generalen und den Offizieren des Generalstabs weggeführt und von seinen Grenadieren zurückgewiesen, die wohl selbst sterben wollen, nicht aber; daß ihr Kaiser mit ihnen sterbe. Man hebt ihn wieder aufs Pferd, ein Offizier faßt den Zügel und reißt ihn im Galopp fort. So jagt er mitten durch die Preußen, die ihn fast eine halbe Meile überholt haben. Kein Geschoß, keine Kugel will ihn treffen. Endlich langt er in Jemappes an, hält dort eine Weile, erneuert seine Sammlungsversuche, die jedoch von der Nacht, der Verwirrung, der allgemeinen Auflösung und mehr noch durch die wilde Verfolgung der Engländer vereitelt werden. Da muß er sich sagen, wie nach Moskau, daß alles zum zweitenmal vorbei ist, und daß er nur von Paris aus die Armee wieder sammeln und Frankreich retten kann. So setzt er seinen Weg fort, hält in Philippeville an und gelangt am 20. nach Laon.

Der Schreiber dieser Zeilen hat Napoleon nur zweimal in seinem Leben, und zwar im Verlauf einer Woche während der kurzen Zeit des Pferdewechselns gesehen, das erstemal, als er nach Ligny ging, das zweitemal, als er von Waterloo zurückkam; das erstemal bei den Strahlen der Sonne, das zweitemal beim Scheine einer Lampe, das erstemal mitten unter dem freudigen Zuruf der Menge, das zweitemal inmitten der Totenstille der Bevölkerung.

Jedesmal saß Napoleon in demselben Wagen, an demselben Platze, mit demselben Kleide angetan; jedesmal war es derselbe unbestimmte und verlorene Blick; jedesmal dasselbe Haupt, ruhig und leidenschaftslos; nur hatte er bei der Rückkunft die Stirn ein wenig mehr gegen die Brust geneigt als bei der Hinfahrt.

War es Mißmut darüber, daß er nicht schlafen konnte, oder war es der Schmerz, die Welt verloren zu haben?

Am 21. Juni ist Napoleon in Paris zurück. Am 22. erklären sich die Pairs- und die Deputiertenkammer für permanent und jeden als Landesverräter, der sie vertagen oder auflösen wollte. – An demselben Tage dankt Napoleon zugunsten seines Sohnes ab.

Am 6. Juli zieht Ludwig XVIII. wieder in Paris ein. Am 14. geht Napoleon, nachdem er das Anerbieten des Kapitäns Baudin, der ihn nach den Vereinigten Staaten führen will, ausgeschlagen hat, an Bord des Bellerophon, Kapitän Maitland, und schreibt an den Prinzregenten von England:

»Königliche Hoheit!

»Den Parteien, die mein Land teilen, und der Feindschaft der Großmächte Europas preisgegeben, habe ich meine politische Laufbahn vollendet. Nun komme ich, wie Themistokles, mich am Herde des britischen Volkes niederzulassen. Ich stelle mich unter den Schutz seiner Gesetze, den ich von Eurer Königlichen Hoheit beanspruche, als dem mächtigsten, dem beständigsten und edelmütigsten meiner Feinde.

Napoleon.«

Am 16. Juli segelte der Bellerophon nach England ab. Am 24. ging er zu Torbay vor Anker, wo Napoleon erfuhr, daß General Gourgaud, der Überbringer seines Briefes, sich nicht hatte mit dem Lande in Verbindung setzen können und genötigt worden war, seine Depeschen aus den Händen zu geben.

Am 26., abends, lief der Bellerophon auf der Reede von Plymouth ein. Da verbreitete sich zuerst das Gerücht von der Deportation nach St. Helena. Napoleon wollte nicht daran glauben. Aber am 30. Juli zeigte ihm ein Kommissar den seine Deportation nach St. Helena verfügenden Beschluß. Entrüstet griff Napoleon zur Feder und schrieb:

»Ich protestiere hiermit feierlich im Angesichte des Himmels und der Menschen gegen die mir angetane Gewalt, gegen die Verletzung meiner heiligsten Rechte, da man mit Gewalt über meine Person und meine Freiheit verfügt. Ich bin freiwillig an Bord des Bellerophon gekommen, ich bin kein Gefangener, ich bin der Gast Englands. Ich bin sogar auf Veranlassung des Kapitäns dorthin gekommen, der behauptete, von der Regierung Befehle zu meiner Aufnahme zu haben und mich mit meinem Gefolge nach England geleiten zu wollen, wenn mir dies genehm wäre. Ich bin in gutem Glauben gekommen, um mich unter den Schutz der Gesetze Englands zu stellen. Sobald ich an Bord des Bellerophon saß, war ich am Herde des britischen Volkes. Wenn die Regierung, indem sie dem Kapitän des Bellerophon den Befehl gab, mich sowie mein Gefolge aufzunehmen, mir nur eine Schlinge hat legen Willen, so hat sie an ihrer Ehre gefrevelt und ihre Flagge geschändet.

»Sollte diese Handlung tatsächlich ausgeführt werden, so würden die Engländer hinfort vergeblich von ihrer Loyalität, von ihren Gesetzen und von ihrer Freiheit sprechen; die britische Treue würde in der Gastfreundschaft des Bellerophon ihr Grab gefunden haben.

»Ich rufe die Geschichte an. Sie wird sagen, daß ein Feind, der lange Zeit dem englischen Volke in offenem Kampfe gegenüberstand, freiwillig gekommen ist, in seinem Unglück ein Asyl unter seinen Gesetzen zu suchen. Welchen größeren Beweis seiner Achtung und seines Vertrauens konnte er ihm geben? Aber wie hat man in England eine solche Großherzigkeit erwidert? Man tat, als wollte man diesem Feinde eine gastfreundliche Hand reichen, und sobald er sich in gutem Glauben überliefert hatte, opferte man ihn

Napoleon.

»An Bord des Bellerophon, auf dem Meere.« Dieser Verwahrung ungeachtet, mußte Napoleon am 7. August, den Bellerophon verlassen, um an Bord des Northumberland zu steigen. Der ministerielle Befehl besagte, es solle Napoleon der Degen abgenommen werden. Der Admiral Keith schämte sich eines solchen Befehls und wollte ihn nicht vollziehen. – Montag den 7. August 1815 lichtete der Northumberland die Anker zur Fahrt nach St. Helena. – Am 16. Oktober, siebzig Tage nach seiner Abreise von England und hundert Tage, nachdem er Frankreich verlassen hatte, betrat Napoleon den Felsen, den er hinfort nicht wieder verlassen sollte.

England aber nahm die Schmach seines Verrats in ihrer ganzen Fülle auf sich, und vom 16. Oktober 1815 an hatten die Könige ihren Christus und die Völker ihren Judas.

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