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Napoleon Bonaparte

Alexandre Dumas (der Ältere): Napoleon Bonaparte - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ätere
titleNapoleon Bonaparte
publisherSchreitersche Verlagsbuchhandlung
editorMax Pannwitz
translatorHeinrich Elsner
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Napoleon auf der Insel Elba.

Napoleon war König der Insel Elba.

Als er die Herrschaft der Welt verlor, hatte er anfangs nichts behalten wollen als sein Unglück. »Ein kleiner Taler des Tags,« hatte er gesagt, »und ein Pferd – das ist alles, was ich brauche.« Darum hatte er, statt Italien, Toskana, Korsika zu wählen, die Augen auf den kleinen Winkel der Erde geworfen, wo wir ihn wiederfinden, und auch dies nur auf dringende Bitten seiner Umgebung.

Aber während er die eigenen Interessen vernachlässigte, hatte er einen langen Kampf für die Rechte seiner Begleiter geführt.

Es waren dies die Generale Bertrand und Drouot, der eine Großmarschall des Palastes, der andere Adjutant des Kaisers; es war der General Cambronne, Major im ersten Regiment der Gardejäger; es waren der Baron Jermanowski, Major der polnischen Lanciers; der Ritter Malet; die Artilleriehauptleute Cornuel und Raoul; die Infanteriehauptleute Loubers, Lamourette, Hureau und Combi, endlich die Hauptleute bei den polnischen Lanciers Balinski und Schoultz.

Diese Offiziere befehligten 400 ausgewählte Grenadiere und unberittene Jäger der alten Garde, die die Erlaubnis erhalten hatten, ihren alten Kaiser in die Verbannung zu begleiten. Für den Fall ihrer Rückkehr nach Frankreich hatte Napoleon für sie die Beibehaltung ihrer Bürgerrechte ausbedingen lassen.

Man schrieb den 13. Mai 1814. als die Fregatte The Undaunted um 6 Uhr abends auf der Reede von Portoferrajo Anker warf.

General Dalesme, der dort noch im Namen Frankreichs befehligte, begab sich augenblicklich an Bord, um Napoleon ehrfurchtsvoll zu bewillkommnen.

Graf Drouot, der zum Gouverneur der Insel ernannt worden war, begab sich ans Land, um sich in dieser Eigenschaft anerkennen und die Forts von Portoferrajo übergeben zu lassen. Baron Jermanowski begleitet ihn, um die Stelle eines Platzkommandanten einzunehmen, während Ritter Baillon als Palastverwalter für die Wohnung Seiner Majestät zu sorgen hatte.

Noch am gleichen Abend begaben sich alle Behörden, die Geistlichkeit und die bedeutendsten Einwohner aus freien Stücken in Vertretung der Einwohnerschaft an Bord der Fregatte und wurden bei dem Kaiser vorgelassen.

Am folgenden 4. trug in der Frühe eine Truppenabteilung die Fahne mit dem neuen Wappen, das sich der Kaiser gewählt hatte, in die Stadt; es war das der Insel, nämlich ein Silbergrund mit roter Einfassung und drei goldene Bienen darauf. Sogleich wurde sie auf dem Fort Etoile unter Geschützbegrüßung aufgepflanzt; auch die englische Fregatte begrüßte sie sowie alle Schiffe, die im Hafen lagen.

Gegen 2 Uhr betrat Napoleon mit seinem ganzen Gefolge das Land. In dem Augenblick, als er den Fuß auf den Boden der Insel setzte, wurde er von 101 von der Artillerie des Forts gelösten Kanonenschüssen begrüßt, worauf die englische Fregatte mit 24 Schüssen und den Hochrufen ihrer ganzen Mannschaft antwortete.

Der Kaiser trug die Uniform eines Obersten der berittenen Jäger der Garde: er hatte an seinem Hute die rot und weiße Kokarde der Insel mit der dreifarbigen vertauscht.

Vor seinem Einzuge in die Stadt wurde er von den Behörden, der Geistlichkeit und den angesehensten Bürgern, mit dem Bürgermeister an der Spitze, der ihm die Schlüssel von Portoferrajo auf einer silbernen Platte überreichte, empfangen. Die Truppen der Garnison standen unter Waffen und bildeten Spalier. Hinter ihnen drängte sich die ganze Bevölkerung, nicht bloß der Hauptstadt, sondern auch anderer Städte und Dörfer, die von allen Ecken und Enden der Insel herbeigeströmt war. Sie konnten nicht glauben, daß sie, arme Fischer, den Mann zum Könige haben sollten, dessen Macht, Namen und Taten die Welt erfüllt hatten. Napoleon war dabei heiter, freundlich und beinahe fröhlich.

Nachdem er dem Bürgermeister geantwortet hatte, begab er sich mit seinem Gefolge in die Kathedrale, wo man das Te Deum sang. Sodann verfügte er sich nach dem Austritt aus der Kirche in das Haus des Bürgermeisters, das ihm vorläufig zur Wohnung bestimmt war. Abends war die Stadt und der Hafen durch die Einwohner von freien Stücken erleuchtet.

Am nämlichen Tage veröffentlichte General Dalesme folgende von Napoleon abgefaßte Bekanntmachung:

»Bewohner der Insel Elba!

Die Wechselfälle des Lebens haben den Kaiser Napoleon in eure Mitte geführt: seine eigene Wahl gibt ihn euch zum Herrscher. Vor dem Eintritt in eure Mauern hat euer neuer Monarch folgende Worte an mich gerichtet, die ich mich beeile, euch kundzutun, weil sie die Bürgschaft eures künftigen Glückes sind.

»General« sagte der Kaiser zu mir, »ich habe meine Rechte dem Interesse des Vaterlandes geopfert und mir als mein Reich und Eigentum nur die Insel Elba vorbehalten. Alle Mächte haben hierzu ihre Zustimmung gegeben. Indem Sie die Bewohner mit diesem Stand der Dinge bekannt machen, sagen Sie ihnen, daß ich diese Insel zu meinem Aufenthalt gewählt habe wegen der Sanftheit ihrer Sitten und ihres Klimas: versichern Sie ihnen, daß sie stets der Gegenstand meines lebhaften Wohlwollens sein werden.«

Bewohner Elbas, solche Worte bedürfen keiner Erläuterung, sie werden euer Glück begründen. Des Kaisers Urteil ist treffend: ich bin euch diese Anerkennung schuldig und gebe sie euch.

Bewohner Elbas, ich werde bald von euch scheiden, und dieses Scheiden wird mir wehe tun: aber der Gedanke an euer Glück versüßt mir das Bittere meines Scheidens, und wo ich auch immer sein werde, überall werde ich das Andenken an die Tugenden der Bewohner der Insel Elba bewahren.

Dalesme.«

Die 400 Grenadiere langten am 26. Mai an, und am 28. zog General Dalesme mit der alten Besatzung ab. So war die Insel völlig ihrem neuen Beherrscher übergeben.

Napoleon konnte nicht lange untätig bleiben. Nachdem er die ersten Tage den notwendigsten Geschäften, die mit der Besitzergreifung verbunden waren, gewidmet hatte, stieg er am 18. Mai zu Pferde und besuchte alle Teile der Insel. Er wollte sich selbst von dem Stande des Ackerbaus überzeugen, und was sonst zum mehr oder minder sicheren Ertrag der Insel beitrage, wie Handel, Fischfang. Ausbeutung von Marmor und Metall. Mit besonderer Aufmerksamkeit nahm er die Brüche und die Bergwerke, die ihren Hauptreichtum ausmachen, in Augenschein.

Nachdem er alles bis auf das letzte Dorf besichtigt und überall den Bewohnern Beweise seiner Fürsorge gegeben hatte, kehrte er wieder nach Portoferrajo zurück und beschäftigte sich damit, seinen Hof zu organisieren und die öffentlichen Einkünfte für die dringendsten Bedürfnisse anzuwenden. Diese Einkünfte flossen aus Eisenminen, von denen man jährlich eine Million ziehen konnte; aus dem Thunfischfang, der für 4–500 000 Franken verpachtet wurde; aus Salinen, deren Benutzung fast die gleiche Summe ergeben konnte, endlich aus Grundsteuern und einigen Zöllen. Alle diese Einnahmen, nebst den zwei Millionen, die er sich vorbehalten hatte, konnten ihm jährlich ungefähr 4 ½ Millionen bringen. Napoleon sagte oft, er sei niemals so reich gewesen.

Das Rathaus hatte er gegen eine hübsche bürgerliche Wohnung, die er pomphaft seinen Stadtpalast nannte, vertauscht. Dieses Haus lag auf einem Felsen zwischen dem Fort Falcone und dem Fort Etoile in einer Bastion. Mühlenbastion genannt, und bestand aus zwei Pavillons und einem Hauptgebäude, das beide verband. Von seinen Fenstern aus übersah man die zu den Füßen gelegene Stadt und den Hafen so genau, daß keine neue Erscheinung dem Auge des Herrn entgehen konnte.

Sein Landpalast stand in San Martino. Vor seiner Ankunft war dies nur eine Hütte, die er neu aufbauen und mit Geschmack möblieren ließ. Indes übernachtete dort der Kaiser nie, es war nichts als das Absteigequartier auf seinen Spazierritten. Am Fuße eines sehr hohen Berges, von dem ein Waldbach herabrauschte, inmitten einer Wiese gelegen, bot es eine Aussicht über die ganze amphitheatralisch gebaute Stadt, auf den Hafen darunter sowie am fernen Horizont, über die dampfende Oberfläche des Meeres hinweg, auf die Gestade Toskanas.

Nach Verlauf von 6 Wochen langte die Kaiserinmutter auf der Insel Elba an und einige Tage darauf Prinzessin Pauline. Diese war zum Kaiser nach Frejus gekommen und hatte sich mit ihm einschiffen wollen; aber sie war damals so leidend, daß der Arzt sich widersetzt hatte. Der englische Kapitän hatte sich aber verpflichtet, zurückzukehren und die Prinzessin an einem bestimmten Tage zu holen. Da dieser Tag verflossen war, ohne daß die Fregatte erschien, so bediente sich die Prinzessin eines neapolitanischen Schiffs, um ihre Überfahrt zu bewerkstelligen. Sie blieb nur zwei Tage und reiste dann nach Neapel ab; aber am ersten November kehrte sie auf der Brigg L'Inconstant zurück, um den Kaiser nie mehr zu verlassen.

Man kann sich denken, daß Napoleon, aus dem Zustand größter Tätigkeit in völlige Ruhe versetzt, das Bedürfnis hatte, sich regelmäßige Beschäftigung zu schaffen. So füllte, er auch alle seine Stunden regelmäßig aus. Mit dem Tage stand er auf, schloß sich in seine Bibliothek ein und arbeitete bis 8 Uhr morgens an seinen militärischen Memoiren. Dann ging er aus, um die öffentlichen Arbeiten zu besichtigen, blieb stehen, um an die Arbeiter, die sämtlich Soldaten seiner Garde waren, Fragen zu richten. Gegen 11 Uhr nahm er sein sehr bescheidenes Frühstück. In der Zeit der größten Hitze schlief er, wenn er viel gelaufen war oder gearbeitet hatte, nach dem Frühstück ein bis zwei Stunden und machte regelmäßig um 3 Uhr, sei es zu Pferde oder im Wagen, vom Großmarschall Bertrand und dem General Drouot begleitet, einen Ausflug. Unterwegs hörte er alle Gesuche an, die man da an ihn richten konnte, und ließ nie jemand unbefriedigt. Um 7 Uhr kehrte er zurück, speiste mit seiner Schwester, die das erste Stockwerk seines Stadtpalastes bewohnte, zu Mittag und zog bald den Intendanten der Insel, bald Herrn von Balbiani, bald den Kammerherrn Vantini, bald den Maire von Portoferrajo, bald den Hauptmann der Nationalgarde, mehrmals auch die Maires von Portolongone und von Rio zur Tafel.

Was die Kaiserinmutter betrifft, so bewohnte sie ein besonderes Haus, das ihr der Kammerherr Vantini abgetreten hatte.

Indessen war die Insel Elba für alle Neugierigen Europas ein Reiseziel geworden, und bald wurde der Zudrang der Fremden so groß, daß man Maßregeln ergreifen mußte, um die bei der Anhäufung so vieler Fremden, darunter einer guten Anzahl Abenteurer, die ihr Glück machen wollten, unvermeidlichen Schwierigkeiten abzustellen. Die Erzeugnisse des Bodens reichten bald nicht mehr aus, und man mußte sich Lebensmittel vom Kontinent verschaffen; der Handel von Portoferrajo nahm dadurch zu, und diese Zunahme hob den allgemeinen Wohlstand.

So war Napoleon selbst in der Verbannung eine Quelle des Wohlstandes für das Land, das ihn besaß. Bis zu den letzten Klassen der Gesellschaft machte sich dieser Einfluß wohltätig bemerkbar; es war, als umgebe die Insel ein neuer Luftkreis.

Unter diesen Fremden waren die Engländer am zahlreichsten; sie schienen den höchsten Wert darauf zu legen, ihn zu sehen und zu hören. Napoleon empfing sie seinerseits wohlwollend. Lord Bentinck, Lord Douglas und mehrere andere Herren des hohen Adels nahmen eine wertvolle Erinnerung an die Art, wie sie aufgenommen worden waren, nach England mit.

Von allen Besuchen, die der Kaiser empfing, blieben die angenehmsten die einer großen Zahl von Offizieren aller Nationen, Italiener, Franzosen, Polen, Deutsche, die ihm ihre Dienste anboten. Er antwortete, daß er weder Stellen noch Grade für sie zu vergeben habe. – »Gut, wir dienen als Soldaten!« sagten sie. Und fast immer nahm er sie unter seine Grenadiere auf. Diese Verehrung seines Namens schmeichelte ihm am meisten.

Der 15. August, der Geburtstag des Kaisers, brach an. Er wurde mit schwer zu beschreibendem Freudentaumel gefeiert, was für Napoleon, der an offizielle Feste gewöhnt war, ein ganz neues Schauspiel sein mußte. Die Stadt gab dem Kaiser und seiner Garde einen Ball; auf dem großen Platz wurde ein weites, schön verziertes Zelt errichtet, und Napoleon befahl, es auf allen Seiten offen zu lassen, damit das ganze Volk am Feste teilnehme.

Was man allenthalben an öffentlichen Arbeiten unternahm, ist unglaublich. Zwei italienische Architekten, die Herren Bargini, ein Römer, und Bettarini, ein Toskaner, entwarfen die Pläne dazu, aber fast jedesmal änderte der Kaiser ihre Entwürfe nach seinen Gedanken und war so der eigentliche Schöpfer und Baumeister. So änderte er den Riß mehrerer angefangener Straßen, machte eine Quelle ausfindig, deren Wasser ihm besser zu sein schien als das, das man in Portoferrajo trank, und führte sie bis an die Stadt.

Obgleich man vermuten konnte, daß Napoleon mit seinem Adlerblick den europäischen Ereignissen folgte, hatte er sich doch den Anschein nach ganz in sein Schicksal ergeben. Es zweifelte sogar niemand daran, daß er sich mit der Zeit an dieses neue Leben gewöhnen werde, wo er von der Liebe aller derer, die sich ihm näherten, umgeben war, – als die verbündeten Souveräne es selbst auf sich nahmen, den Löwen wiederzuwecken, der vermutlich gar nicht schlief.

Schon seit mehreren Monaten weilte Napoleon in, seinem kleinen Reich, das er mit allen Mitteln zu verschönern suchte, die ihm sein feuriger und erfinderischer Geist eingab, das er insgeheim benachrichtigt wurde, man berate über seine Entfernung von der Insel.

Frankreich verlangte durch sein Organ, den Herrn von Talleyrand, mit großem Nachdruck auf dem Kongresse in Wien diese angeblich für seine Sicherheit unumgänglich notwendige Maßregel, indem es unaufhörlich vorstellte, wie gefährlich es für die regierende Dynastie sei, wenn Napoleon so nahe an den Küsten Italiens und der Provence sich aufhalte. Es machte dem Kongresse namentlich bemerkbar, daß der berühmte Geächtete, wenn man seine weitere Verbannung nicht bald veranlasse, in vier Tagen nach Neapel gelangen und von da mit Hilfe seines Schwagers Murat, der dort noch regiere, an der Spitze einer Armee in die bereits unzufriedenen Provinzen Oberitaliens dringen, sie durch den ersten Aufruf zur Empörung verleiten und so den tödlichen Kampf, den man kaum beendigt habe, wieder erneuern könne.

Um diese Verletzung des Vertrags von Fontainebleau in etwas zu rechtfertigen, legte man eine Korrespondenz des Generals Excelmanns mit dem Könige von Neapel vor, die eben erst aufgefangen worden war und eine auf frischer Tat ertappte Verschwörung vermuten ließ, deren Mittelpunkt die Insel Elba war, und die sich über Italien und Frankreich verzweigte. Der Verdacht verstärkte sich bald durch eine andere Verschwörung, die man zu Mailand entdeckte, und an der mehrere Oberoffiziere der alten italienischen Armee beteiligt waren.

Österreich sah die gefährliche Nachbarschaft ebenfalls nicht mit ruhigen Augen an; die Augsburger Zeitung, sein Organ, sprach dies auch ganz offen aus; man las dort nachstehende Mitteilung:

»So beunruhigend auch die Mailänder Ereignisse sind, so darf man sich nichtsdestoweniger in dem Gedanken beruhigen, daß sie vielleicht dazu beitragen können, so bald als möglich einen Menschen Zu entfernen, der auf dem Felsen der Insel Elba die Fäden dieser durch sein Gold angezettelten Meutereien in den Händen hielt und, solange er in der Nähe der italienischen Küsten bleibt, die Souveräne dieser Länder nicht in ihrem ruhigen Besitz lassen wird.«

Jedoch wagte es der Kongreß trotz der allgemeinen Überzeugung nicht, auf so schwache Beweise hin einen Beschluß zu fassen, der in geradem Widerspruch mit den Grundsätzen der von den verbündeten Monarchen so nachdrücklich verkündeten Mäßigung stand. Er beschloß, um den Anschein zu vermeiden, als verletze man die bestehenden Verträge, Napoleon Eröffnungen zu machen und ihn zum freiwilligen Verlassen Elbas zu bestimmen zu suchen, mit dem Vorbehalt, Gewalt zu brauchen, falls er sich widersetzen würde. Man beschäftigte sich also sofort mit der Wahl eines andern Aufenthaltes. Es wurde auf Malta hingewiesen. Allein England sah hier Vorteile für Napoleon, aus einem Gefangenen konnte er Großmeister werden; es brachte daher St. Helena in Vorschlag.In den offiziellen Verhandlungsberichten findet sich hierüber nicht ein Wort. A. d. Ü.

Napoleons Gedanke war, daß diese Gerüchte durch seine Feinde selbst verbreitet seien, um ihn zu irgendeiner Handlung der Verzweiflung zu veranlassen, die dann gestattete, die ihm gemachten Versprechen zu verletzen. Infolgedessen entsandte er sogleich einen verschwiegenen, geschickten und treuen Agenten nach Wien, mit dem Auftrag, festzustellen, ob die ihm mitgeteilten Nachrichten glaubwürdig seien. Dieser Mann war an den Prinzen Eugen Beauharnais empfohlen, der damals in Wien anwesend war, im Vertrauen des Kaisers Alexander stand und daher wissen mußte, was auf dem Kongreß vorging. Der Agent verschaffte sich bald alle nötigen Auskünfte und ließ sie an den Kaiser gelangen. Überdies richtete er einen sicheren Briefwechsel ein, durch den Napoleon über alles, was sich zutrug, auf dem laufenden gehalten wurde.

Außer diesem Briefwechsel mit Wien unterhielt Napoleon Verbindungen mit Paris, und jede Nachricht, die ihm von dort zukam, zeugte von einer wachsenden Erregung gegen die Bourbonen. In dieser zweideutigen Lage, die ihn zu einem Entschluß nötigte, kam ihm der erste Gedanke an den riesenhaften Entwurf, den er bald zur Ausführung brachte.

Napoleon übertrug, was er in Wien getan hatte, auf Frankreich. Er entsandte Boten mit geheimen Anweisungen, die die Wahrheit feststellen und, wenn Gelegenheit dazu wäre, Verbindungen mit seinen treu gebliebenen Freunden und mit Heerführern, die sich am meisten zurückgesetzt sahen und deswegen am unzufriedensten sein mußten, anknüpfen sollten.

Diese Boten bestätigten ihm bei ihrer Rückkehr die Nachrichten, an die Napoleon nicht zu glauben gewagt hatte. Zugleich geben sie ihm die Versicherung, es herrsche eine dumpfe Gärung im Volke und in der Armee, alle Unzufriedenen, die nicht zu zählen seien, richteten die Augen auf ihn und wünschten nichts sehnlicher als seine Rückkehr; ein Ausbruch sei unvermeidlich, und die Bourbonen könnten unmöglich lange gegen den öffentlichen Haß ankämpfen, den die Unerfahrenheit und Unvorsichtigkeit ihrer Regierung hervorgebracht hätte.

Es war also kein Zweifel mehr, hier drohte die Gefahr, dort winkte die Hoffnung: hier ein ewiges Gefängnis auf einem Felsen mitten im Ozean, dort die Herrschaft der Welt!

Mit gewohnter Blitzesschnelle faßte Napoleon seinen Entschluß; in weniger als acht Tagen war in seinem Geiste alles entschieden. Es handelte sich nur noch um die Zurüstungen zu dem Riesenunternehmen, ohne den Argwohn des englischen Kommissars zu erwecken, der von Zeit zu Zeit die Insel Elba besuchte, und unter dessen Oberaufsicht man alle Schritte des Exkaisers gestellt hatte.

Dieser Kommissar war Oberst Campbell, der den Kaiser bei seiner Ankunft begleitet hatte. Er hatte eine englische Fregatte zur Verfügung, mit der er beständig von Portoferrajo nach Genua, von Genua nach Livorno, von Livorno nach Portoferrajo fuhr. Sein Aufenthalt hier währte gewöhnlich 14 Tage, während deren der Oberst ans Land stieg und Napoleon dem Anschein nach seine Aufwartung machte.

Außerdem galt es, die geheimen Agenten, die auf der Insel sein konnten, zu täuschen, den naturgemäßen Scharfsinn der Einwohner abzuleiten, kurz, über seine Absichten völlig irrezuführen.

Zu diesem Zwecke ließ Napoleon die angefangenen Arbeiten eifrig fortsetzen, mehrere neue Straßen, die er in allen Richtungen, quer durch und um die Insel herum, zu führen beschloß, anlegen, die von Portoferrajo nach Portocongone ausbessern und für Fuhrwerke Herrichten, endlich ließ er, da es wenig Bäume auf der Insel gab, vom Kontinent eine große Anzahl Maulbeerbäume kommen, die er an beiden Seiten des Wegs zu pflanzen befahl. Dann ließ er es sich angelegen sein, seinen Landpalast in San Martino weiter auszubauen. Er bestellte in Italien Statuen und Vasen, kaufte Orangenbäume und seltene Pflanzen; kurz er schien alle Mühe darauf zu verwenden, wie auf eine Wohnung, die er lange Zeit bewohnen wollte.

Zu Portoferrajo ließ er die alten Mauern, die seinen Palast umgaben, und ein langes Gebäude, das den Offizieren als Behausung diente, bis auf die Höhe einer Terrasse niederreißen und deren Umfang so vergrößern, daß man einen Waffenplatz daraus machen und zwei Bataillone Revue passieren lassen konnte. Eine alte verlassene Kirche wurde den Einwohnern zur Errichtung eines Theaters überlassen, zu dem die besten Schauspieler Italiens kommen sollten. Alle Straßen wurden ausgebessert. Das Tor von Terre war nur für Maultiere gangbar; man erweiterte es, und durch Anlagen einer Terrasse wurde der Weg für alle Arten von Wagen gut benutzbar gemacht.

Während dieser Zeit ließ er zur weiteren Vorbereitung seines Plans die Brigg l' Inconstant, die er sich zu vollem Eigentum vorbehalten, und die Schebecke Etoile, die er gekauft hatte, häufige Fahrten nach Genua, Livorno, Neapel, an die afrikanischen Küsten und selbst nach Frankreich machen, um die englischen und französischen Kreuzer an ihren Anblick zu gewöhnen. Wirklich besuchten diese Schiffe nacheinander die Küsten des Mittelländischen Meeres mit der Flagge Elbas in allen Richtungen und in wiederholten Fahrten, ohne im mindesten beunruhigt zu werden. Das hatte Napoleon gewollt.

Nun beschäftigte er sich ernstlich mit den Zurüstungen zu seiner Abreise. Er ließ des Nachts und ganz insgeheim eine große Anzahl Waffen und Schießbedarf auf den Inconstant schaffen, er ließ die Kleider, die Wäsche und die Fußbekleidung seiner Garde ausbessern, er berief die Polen, die in Portocongone und auf der kleinen Insel Pianosa, deren Fort sie bewachten, standen, und beschleunigte die Bildung und Einübung des Jägerbataillons, zu dem er ausschließlich Leute aus Korsika und Italien nahm. In den ersten Tagen des Januar war alles bereit, um die erste günstige Gelegenheit, die die aus Frankreich erwarteten Nachrichten brächten, zu benutzen.

Endlich trafen diese Nachrichten ein: ein Oberst der alten Armee war ihr Überbringer und reiste sofort wieder nach Neapel ab.

Unglücklicherweise war in diesem Augenblick der Oberst Campbell mit seiner Fregatte im Hafen. Napoleon mußte warten, ohne die geringste Ungeduld sehen zu lassen, und ihn mit den gewöhnlichen Rücksichten behandeln, bis die Zeit seines gewohnten Aufenthalts verflossen war. Endlich, am Nachmittag des 24. Februar, ließ Campbell um die Erlaubnis bitten, dem Kaiser seine Aufwartung machen zu dürfen; er kam, um Abschied von ihm zu nehmen und um seine Aufträge für Livorno zu bitten. Napoleon begleitete ihn bis ans Tor, und die Leute vom Dienst konnten folgende letzten Worte, die er an ihn richtete, hören: »Leben Sie wohl, Herr Oberst; ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise. Auf Wiedersehen!« Kaum hatte der Oberst Napoleon verlassen, so ließ dieser den Großmarschall rufen; er brachte einen Teil des Tages und der Nacht eingeschlossen mit ihm zu, legte sich um drei Uhr morgens nieder und stand mit Tagesanbruch auf.

Mit dem ersten Blick, den er auf den Hafen warf, sah er die englische Fregatte im Begriff, unter Segel zu gehen. Von da an wendete er, wie wenn eine magische Kraft seinen Blick an das Fahrzeug gefesselt hätte, kein Auge mehr von ihm ab. Er sah sie alle ihre Segel, eines nach dem andern, entfalten, die Anker lichten, sich in Bewegung setzen, mit einem guten Südostwind aus dem Hafen laufen und mit vollen Segeln gegen Livorno steuern.

Sodann stieg er mit einem Fernglas auf die Terrasse und verfolgte den Lauf des sich entfernenden Fahrzeugs: gegen Mittag schien die Fregatte nur noch ein weißer Punkt auf dem Meere, um ein Uhr war sie ganz verschwunden.

Sogleich gab Napoleon seine Befehle. Eine der hauptsächlichsten Anordnungen war, daß er alle Fahrzeuge, die sich im Hafen befanden, mit einer dreitägigen Sperre, einem »Embargo« von drei Tagen, belegte: auch die kleinsten wurden dieser Maßregel, die augenblicklich ausgeführt wurde, unterworfen.

Dann schloß man, da die Brigg Inconstant und die Schebecke Etoile für den Transport nicht hinreichten, mit den Eigentümern von drei oder vier Handelsschiffen, die man unter den besten Seglern auswählte, Verträge ab. Denselben Abend waren alle Käufe geschlossen, und die Fahrzeuge standen zur Verfügung des Kaisers.

In der Nacht vom 25. auf den 26., vom Samstag auf den Sonntag, berief Napoleon seine Vertrauensmänner und die angesehensten Einwohner, aus denen er eine Art Regierungsrat bildete. Dann ernannte er den Obersten der Nationalgarde Capi zum Kommandanten der Insel, vertraute den Bewohnern die Verteidigung des Landes an und empfahl ihnen seine Mutter und seine Schwester. Er versicherte zum voraus die Versammelten, ohne ihnen genau den Zweck seines Unternehmens anzugeben, des Erfolgs, der nicht ausbleiben könne, er versprach, im Falle eines Krieges Hilfe zur Verteidigung der Insel zu senden, und schärfte ihnen ein, die Insel keinesfalls an irgendeine Machte, es wäre denn auf einen von ihm ausgegangenen Befehl hin, zu übergeben.

Am Morgen verfügte er noch einiges über sein Haus, nahm Abschied von seiner Familie und gab Befehl zur Einschiffung.

Am Mittag ertönte der Generalmarsch.

Um 2 Uhr erfolgte das Signal zum Antreten. Jetzt kündigte Napoleon selbst seinen alten Waffengenossen an, zu welchen neuen Taten sie berufen seien. Als er Frankreich nannte und von der Hoffnung einer nahen Rückkehr ins Vaterland sprach, ertönt ein Ruf der Begeisterung, die sich in Tränen auflöst; die Soldaten brechen aus den Reihen, fallen einander in die Arme, springen vor Freude wie Rasende umher und stürzen sich dem Kaiser, als wär' er ein Gott, zu Füßen.

Die Kaiserinmutter und die Prinzessin Pauline sahen weinend diesem Auftritt von den Fenstern des Palastes zu.

Um 7 Uhr war die Einschiffung vollendet. Um 8 Uhr fuhr Napoleon aus dem Hafen auf einem Boote; einige Minuten später war er an Bord des Inconstant. Im Augenblick, wo er den Fuß darauf setzte, knallte ein Kanonenschuß; es war das Zeichen zur Abfahrt.

Sogleich spannte die kleine Flottille die Segel aus und verlieh mit einem frischen Südsüdostwinde die Reede, dann den Meerbusen, steuerte nordwestlich und segelte in einer gewissen Entfernung an den Küsten Italiens hin. In demselben Augenblick, wo sie unter Segel ging, fuhren Sendboten nach Neapel und Mailand, während ein Oberoffizier nach Korsika steuerte, um dort einen Aufstand zu erregen, der dem Kaiser im Fall seines Unterliegens in Frankreich eine Zuflucht sichern sollte.

Am 27. stieg jeder mit Tagesanbruch auf das Verdeck, um sich über den Weg, den man während der Nacht gemacht hatte, zu vergewissern. Groß und grausam war das Erstaunen, als man bemerkte, daß man höchstens 6 Meilen zurückgelegt hatte. Kaum hatte man das Kap St. André umschifft, so hatte der Wind angefangen, schwächer zu wehen, und eine verzweifelte Windstille war ihm gefolgt.

Als die Sonne den Horizont geklärt hatte, sah man nach Westen hin, an den Küsten Korsikas, die französische Kreuzerflottille, die aus zwei Fregatten bestand. Fleur de Lys und Melpomene.

Dieser Anblick verbreitete Schrecken über alle Fahrzeuge; auf der Brigg l'Inconstant, die den Kaiser trug, war er sehr groß, und die Lage schien so kritisch, die Gefahr so drängend, daß man zu erwägen anfing, ob man nicht nach Portoferrajo zurückkehren und daselbst günstigen Wind abwarten sollte. Aber der Kaiser machte augenblicklich der Beratung und Unschlüssigkeit ein Ende durch den Befehl, die Fahrt fortzusetzen, indem er prophezeite, die Windstille werde aufhören. Und wirklich, wie wenn der Wind ihm untertänig wäre, wehte er gegen 11 Uhr wieder, und um 4 Uhr befand man sich auf der Höhe von Livorno zwischen Capraja und Gorgone.

Aber jetzt verbreitete sich eine neue und ernstere Unruhe als die erste auf der ganzen Flottille. Man entdeckte plötzlich nördlich unter dem Wind, etwa 5 Meilen entfernt, eine Fregatte, eine andere tauchte zu gleicher Zeit an den Küsten Korsikas auf, und zu guter Letzt sah man in der Entfernung ein drittes Kriegsschiff mit günstigem Winde auf die Flottille zusteuern.

Da gab es kein Zögern mehr, man mußte auf der Stelle einen Entschluß fassen. Die Nacht rückte heran, und im Schutze der Dunkelheit konnte man den Fregatten entgehen, aber das Kriegsschiff steuerte immer näher, und man konnte es bereits als eine französische Brigg erkennen. Der erste Gedanke, der sich jetzt aller bemächtigte, war, das Unternehmen sei entdeckt oder verraten, und man habe es mit überlegenen Kräften zu tun. Der Kaiser allein behauptete, der Zufall habe die drei Fahrzeuge herbeigeführt, die miteinander nichts zu tun und nur dem Anscheine nach feindselige Absichten hätten. Er war überzeugt, daß man eine so geheim ausgeführte Expedition nicht so schnell erfahren haben könne, um ein ganzes Geschwader zu ihrer Verfolgung in Bewegung zu setzen.

Trotz dieser Überzeugung befahl er, die Luken zu öffnen, und beschloß, im Fall eines Angriffes zu entern, fest, überzeugt, daß er mit seiner Veteranenmannschaft die feindliche Brigg nehmen und dann seinen Weg ruhig fortsetzen könne, indem er sich durch eine nächtliche Fahrt in entgegengesetzter Richtung der Verfolgung der Fregatten entzöge. Jedoch immer noch in der Hoffnung, der Zufall allein habe die drei Schiffe, die man sah, hier vereinigt, befahl er den Soldaten und allen Personen, die Verdacht erregen konnten, unter das Verdeck zu gehen, und Signale teilten sogleich den andern Fahrzeugen diesen Befehl mit. Nachdem diese Vorsichtsmaßregel getroffen war, wartete man die Ereignisse ab.

Um 6 Uhr abends waren die beiden Fahrzeuge in der Nähe und im Bereich des Sprachrohrs. Obgleich es schnell dunkel zu werden anfing, erkannte man doch die französische Brigg Zephyr, Kapitän Andrieux. Im übrigen konnte man leicht aus ihren Bewegungen erkennen, daß sie mit ganz friedlichen Absichten nahte. Die Voraussagungen des Kaisers erwiesen sich also als zutreffend.

Als sich die beiden Briggs erkannten, grüßten sie sich nach Seebrauch und wechselten, ihren Lauf fortsetzend, einige Worte. Die beiden Kapitäne fragten sich gegenseitig nach dem Ort ihrer Bestimmung. Kapitän Andrieux antwortete, er gehe nach Livorno. Die Antwort des Inconstant besagte, er gehe nach Genua und werde gern Aufträge mitnehmen. Der Kapitän Andrieux dankte und fragte, wie sich der Kaiser befinde. Bei dieser Frage kann Napoleon dem Wunsche nicht widerstehen, an einer für ihn so interessanten Unterhaltung teilzunehmen; er nimmt das Sprachrohr aus den Händen des Kapitäns Chotard und antwortet: »Vorzüglich«. Nach dem Austausch dieser Mitteilungen setzten beide Briggs ihren Weg fort und verloren sich in der Nacht.

Man fuhr mit allen Segeln und sehr frischem Winde weiter, so daß man am andern Tage, den 28., das Kap Corse umschiffte. An diesem Tage signalisierte man abermals ein Kriegsschiff von 74 Kanonen auf hoher See, das gegen Bastia segelte. Es erregte keine Unruhe: vom ersten Augenblick an erkannte man, daß es keine schlimmen Absichten hatte.

Ehe Napoleon die Insel Elba verließ, hatte er zwei Aufrufe verfaßt. Als er sie aber ins reine schreiben lassen wollte, konnte sie niemand, auch er selbst nicht, entziffern. Da warf er sie ins Meer und diktierte sogleich zwei andere, der eine richtete sich an die Armee, der andere an das französische Volk. Alle, die schreiben konnten, verwandelten sich sofort in Sekretäre, alles wurde zum Pult. Trommeln, Bänke, Tschakos, und jeder setzte sich an die Arbeit. Mitten in dieser Arbeit bemerkte man die Küsten von Antibes, die mit begeistertem Rufe begrüßt wurden.

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