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Nanna oder Über das Seelenleben der Pflanzen

Gustav Theodor Fechner: Nanna oder Über das Seelenleben der Pflanzen - Kapitel 18
Quellenangabe
titleNanna oder Über das Seelenleben der Pflanzen
authorGustav Theodor Fechner
typetractate
year1921
firstpub1848
addressLeipzig
publisherLeopold Voss
sendergustav@uni-leipzig.de, Joachim Drogott
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XVI. Farben und Düfte.

Die Farben und Düfte der Pflanzen sind etwas für uns so Schönes und Reizendes, für die Pflanze selbst so Bedeutsames, daß sie nach allem, was wir gelegentlich darüber gesagt, wohl noch einige Worte besonderer Betrachtung verdienen.

Man denke die Pflanzen weg von der Erde, was gäbe es noch darauf zu sehen als gelben Wüstensand, graue Felsgesteine, wüste Schnee- und Eisfelder. So kahl ein Baum im Winter aussieht, so kahl sähe die ganze Erde aus. Die Pflanzen sind es, welche ihr das schöne grüne Kleid weben, an dessen Heiterkeit unser Auge sich erfreut, erfrischt, woran es selbst gesunden kann. Auch wir machen unsere Kleider zumeist aus Pflanzenstoffen, färben sie mit Pflanzenfarben, wie es die Erde tut; aber unser Kleid ist ein totes; die Erde hat ein Kleid aus selbstlebendigen Stoffen mit lebendigen Farben angezogen, ein Kleid, dessen Maschen sich selber weben, sich selber färben, sich selber erneuen, ein ewig frisches, nie alterndes Kleid; dessen Abgänge erst unser eignes Kleid geben. Sonderbar freilich, daß die tote ein lebendiges Kleid anzieht, indes wir Lebendige ein totes Kleid anziehen. Aber ist dies nicht vielleicht auch eine Sonderbarkeit, die eben nur in unseren Ansichten, nicht in der Natur besteht? Ist die Erde auch so tot, wie wir sie halten?

Gewiß können wir glauben, daß, wo auch Lust und Absicht liege, dieser Farbenschmuck der Erde nicht ohne Lust und Absicht wird gemacht sein. Nur müssen wir dann eben Lust und Absicht nicht bloß an ein Walten Gottes über der Natur, sondern auch in der Natur zu knüpfen wissen.

Die Erzeugung der Farbe hängt jedenfalls nicht von der Pflanze allein ab; sie gibt wohl ihre besonderen Lebensbedingungen dazu her, aber außer, über ihr liegen größere, allgemeinere, über die ganze Pflanzenwelt reichende. Und so kann man, auf diese allgemeinen Gründe weisend, sagen: die Sonne ist’s, die über den Himmel geht, die über alle Kräuter scheint, deren Strahlenpinsel die Erde grün und bunt färbt; ja die Sonne selber erscheint nur wie die Faust Gottes, die diesen Strahlenpinsel führt, täglich hin- und zurückführt über die Fläche, die zu malen ist; erst im Lenz in leisen Strichen, dann mit immer kräftigeren, saftigeren Zügen. In der Tat weiß man, daß alles Begrünen der Pflanzen und alles Färben der Blumen nur durch den Reiz und unter dem Einfluß des Sonnenlichts erfolgt, ohne daß dies selber etwas von Stoff dazu hergibt, so wenig wie der Pinsel Farbe. Woher aber wird diese Farbe genommen? Aus der Farbenmuschel des Himmels; denn wir wissen, daß die Luft, deren Schein das Himmelsgewölbe darstellt, die Stoffe liefert, aus denen die Pflanzenfarben sich entwickeln, nicht die Erde. Diese liefert nur die grobe Unterlage, gleichsam die Leinwand, dazu.

Hauptsächlich ist es nämlich die Kohlensäure und der Sauerstoff der Luft, welche bei der Erzeugung der Pflanzenfarben beteiligt sind; aus der Erde aber gehen vorzugsweise Mineralbestandteile in die Pflanze über.

Die Wirkung des Sonnenlichts in Färbung der Pflanzen wird dadurch der Wirkung eines Pinsels um so ähnlicher, daß sie ganz lokal erfolgt. Denn ein vor dem Lichte bewahrter Teil bleibt weiß, während die übrige Pflanze grün wird.

Man kann fragen, warum als Hauptfarbe der Erde nun eben Grün, warum nicht Blau, nicht Rot, nicht Gelb, nicht Weiß? Nun, blau ist schon der Himmel, und golden ist schon die Sonne, und rot ist schon das Blut, und weiß ist schon der Schnee, und so möchte man, mit einem anderen Bilde spielend, auch sagen: die goldne Sonne und der blaue Himmel tun sich nur zusammen, um die grüne Pflanzenfarbe als ihr Kind zu zeugen, das Rot im Blute und Grün im Safte aber sind bestimmt, sich zu ergänzen, wie Tierreich und Pflanzenreich überhaupt sich auch sonst nach so viel Beziehungen zu ergänzen haben; man weiß nämlich, daß Rot und Grün wirklich im Verhältnis optischer Ergänzung zueinander stehen, d. h. sich zu Weiß miteinander mischen lassen. Wie sich das organische Leben auf der Erde gepalten hat, hat sich auch die Himmelsgabe gespalten, durch die es wächst und gedeiht; und dem sanfteren Teile ist die sanftere Farbe, dem tätigem die tätigere anheimgefallen.

Das beantwortet freilich die vorige Frage nicht, sondern erweitert sie vielmehr dahin: warum nun gerade diese Verteilung im ganzen Systeme der Naturfarben?

Und ich antworte weiter: aus keinem anderen Grunde wird wohl die Erde gerade grün sein, als warum der Eisvogel gerade blau, der Kanarienvogel gerade gelb, der Flamingo gerade rot ist. Es sollte unter anderen Weltkörpern nun eben auch einen in der Hauptsache grünen geben; das hat die Erde getroffen; warum eben diese, ist dann freilich nicht weiter anzugeben. Andere Weltkörper werden dafür eine andere Farbe haben. Hat man doch wirklich vermutet, die rötliche Farbe des Mars rühre von einer roten Vegetation auf ihm her.

Der Kreis der Frage ist wieder erweitert, die Erklärung zurückgeschoben, aber jede Zurückschiebung der Erklärung ist doch selbst schon ein Stück Erklärung. Ins Unendliche aber können wir nicht gehen.

Sollte wirklich die grüne Farbe der Erde ganz zufällig sein? Aber warum begönne dann gerade da, wo das Grün der Pflanzenwelt aufhört, das Grün des Meeres? Anfangs war sogar alles mit der einförmig grünen Lasurfarbe des Meeres überzogen. Aber da das Land stieg und wieder Farbe haben wollte, deckte es der Schöpfer mit der Deckfarbe der Pflanzenwelt zu und nahm wieder Grün dazu, und selbst von den Höhen des Landes rinnen die Gletscherwasser wieder grün herab. So Meer wie Land grün, Anfang wie Ende der Wasser grün. Das scheint doch dahin zu deuten, es sei wirklich auf eine ganz grüne Haut des Erdkörpers, ebenso wie auf das ganz blaue Hemd desselben abgesehen gewesen. Im Großen will die Natur einmal sich gleichbleibende Farben, den Wechsel verlegt sie ins Kleine. Die Wolken des Himmels sind nicht blau, so wenig wie die Tiere der Erde grün; aber jene wie diese laufen nur einzeln durch Luft oder über Land.

Gehen wir auf Betrachtung der individuellen Beziehungen der Farbe zur Pflanzenwelt und Einzelpflanze über, so bleibt immer merkwürdig, daß das Grün ebenso überwiegend dem Kraute zukommt, wie es der Blüte fehlt, obwohl nicht ohne Ausnahme nach beiden Seiten. Dabei besitzen die mit grüner Farbe blühenden Arten gewöhnlich kein reines Grün, sondern nur ein schmutziges Gelbgrün oder Graugrün, und viele scheinbar grünblühende Pflanzen, wie die Familien der Gräser, haben häufig nicht sowohl grüngefärbte als farblose Blütenspelzen. Reines Grün kommt in der Tat sehr selten bei Blüten vor (Schübler).

Von Blättern gibt es gar manche rote und scheckige; viele sind jung gelblich und die meisten werden im Verwelken rot oder gelb.

Es gibt sogar ganze Pflanzen, die in keinem ihrer Teile grün werden, und diese gehören merkwürdigerweise alle zu den Schmarotzergewächsen, d. i. Gewächsen, die auf anderen Pflanzen einwurzeln; so die Orobanchen, Lathräa-Arten, Cytineen, Cassytha- und Cascuta -Arten, die Monotropen und blattlosen Orchideen (Decandolle).

Dieser Gegensatz des grünen Krauts und der andersfarbigen Blüten hängt mit einem Gegensatz in den beiderseitigen Lebensäußerungen zusammen. Die nicht grünen Blumen verschlucken Sauerstoff und hauchen Kohlensäure unter denselben Umständen aus, wo die grünen Blätter Kohlensäure einschlürfen und dafür Sauerstoffgas ausatmen.

Desgleichen hat sich die Natur darin eigensinnig gezeigt, daß reines Schwarz an den Blumen nicht vorkommt, sofern selbst die dunkelsten Flecke an Blumen, die man beim ersten Anblicke wohl für Schwarz halten möchte, bei näherer Untersuchung noch einen besonders gearteten Farbenschein zeigen.

Decandolle sagt hierüber in f. Physiol. II, S. 726. "Das Schwarz scheint keine Farbe, die den Blumen natürlich wäre, vielmehr sind die Blumen, bei denen sich Schwarz vorfindet, in der Regel ursprünglich gelbe Blumen, die in ein sehr dunkles Braun übergehen. Letzteres scheint wenigstens bei den schwärzlichen Teilen der Blumen des Pelargonium tricolor Curtis und der ViciaFaba L. (Saubohne) stattzufinden. Das gleiche gilt von denjenigen braunen oder schwarzen Blumen, deren Farbe ein sehr dunkles Rot ist, wie wir es z. B. bei Orchis nigra All. sehen."

Der Übersetzer Röper bemerkt dazu:

Die scheinbar schwarzen Stellen in der Blumenkrone der Vicia Faba L. sind wirklich nur sehr dunkelbraun, wie man mit Hilfe eines Mikroskops deutlich erkennen kann . .. Die scheinbar schwarzen Haare auf den Blütenhüllschuppen der Protea Lepidocarpon R. Brown. erscheinen, bei starker Vergrößerung und durchfallendem Lichte, dunkelviolett, ins Indigoblau spielend. Sie sind zum Teil mit gelben Haaren vermengt und werden von gelben Haaren umgeben."

Es wird behauptet, daß ebensowenig reines Weiß bei den Blumen vorkomme wie reines Schwarz; indem auch die für sich weißesten Blumen, wenn man sie auf farbigem Papier betrachtet, doch im Abstich dagegen noch eine Färbung verraten (vergl. Decandolle, Physiol. II. S. 723); doch vermute ich, daß das Eintreten subjektiver komplementärer Färbung (die für manche Augen lebhafter als für andere ist) hierbei Täuschung erweckt. An den wenigen weißen Blumen, die mir gerade in jetziger Jahreszeit zu Gebote stehen, konnte ich keine Bestätigung jener Behauptung erlangen.

Wenn sich schon das weiße Licht zwischen Tier- und Pflanzenreich so gespalten hat, daß dem Tierleibe das Rot, dem Pflanzenleibe das Grün daraus zuteil ward, so ist bemerkenswert zu sehen, wie sich nun das Grün innerhalb des Pflanzenreichs nochmals spaltet, indem der im Kraute noch vereinigte Gegensatz von Gelb und Blau in der Blüte auseinandertritt. Ähnlich nämlich, wie unter den Menschen ein Gegensatz zwischen blonder und brünetter Haar-, Haut- und Augenfarbe waltet, wonach sie sich gewissermaßen in zwei Klassen sondern, kehrt unter den Blumen ein analoger Gegensatz zwischen gelben und blauen Blütenfarben wieder. Die Tatsache ist folgende:

Schübler und Frank haben in einer besonderen Abhandlung dargetan, daß man die Blumen in zwei große Reihen einteilen kann, in solche, die Gelb zur Grundlage der Farbe haben (oxydierte oder xanthische Reihe), und in solche, bei denen Blau die Grundlage ist (desoxydierte oder zyanische Reihe). Blumen, die zur ersten Reihe gehören, können je nach Varietät oder Spezies nur in Gelb, Rot und Weiß, aber nicht in Blau variieren; Blumen, zur zweiten Reihe gehörig, dagegen nur in Blau, Rot und Weiß, aber nicht in Gelb, so daß sich beide Reihen in Rot und Weiß begegnen, aber in Blau und Gelb scheiden.

So gibt es keine blauen Cactus, Aloe, Rosen, Ranunkeln, Tulpen, Mesembryanthemen, Georginen usw., sondern nur gelbe, rote und weiße; sie gehören zur ersten, der xanthischen Reihe; andrerseits keine gelben Glockenblumen (Campanulen), Geranien, Phlox, Anagallis, Astern usw., sondern nur blaue, rote und weiße; diese gehören zur zyanischen Reihe. Von dieser Regel finden zwar einige Ausnahmen statt; wie es denn z. B. unter den im ganzen zur zyanischen Reihe gehörenden Hyazinthen einige gelbe Spielarten gibt; doch sind diese Ausnahmen selten.

Die Gattungen der Gewächse, welche zur xanthischen Reihe gehören, sind weit häufiger zur Ausbildung saurer Stoffe geneigt als die Gattungen, welche zur zyanischen Reihe gehören, die dagegen nicht selten durch eigentümliche, auf den Körper oft stark wirkende, scharfe, bittre und narkotische Stoffe ausgezeichnet sind. Obwohl man hierin keine ausnahmsfreie Regel sehen darf.

Beim Erwachen des Jahres sind verhältnismäßig die meisten Blumen weiß, beim Schlusse des Jahres gelb. Es ist, als ob dort der Schnee des Winters, hier die Sonne des Sommers eine Nachwirkung äußerten.

Ausführliche Untersuchungen über die relative Verteilung der Blütenfarben (der deutschen Flora) unter die verschiedenen Monate des Jahres hat Fritsch in s. Abhandl. über die period. Erscheinungen des Pflanzenreichs in den Abhandl. der böhm. Gesellsch. der Wiss. 1847, S. 74, bekannt gemacht.

Den uns nun naher angehenden Bezug der Pflanzenfärbung zu den Seelenerscheinungen anlangend, so kann die Pflanze wegen Mangels an Augen freilich weder der Schönheit ihrer eignen Farbe noch derer ihrer Nachbarinnen in derselben Weise, wie wir es tun, gewahren. Denn ob sie schon für den Lichtreiz empfänglich ist, mischt sich doch das von verschiedenen Stellen des Raumes herkommende Farbenlicht gleichgültig auf jedem Punkte ihrer Oberfläche und verwischt sich so zu einem allgemeinen Scheine. Sollen wir aber deshalb für die Blume ihre eigne Schönheit verloren halten? Gewiß nicht; sie gewinnt solche nur von anderer Seite her und gewinnt sicher mehr hierbei, als wir überhaupt davon haben können; so wahr jedem das, was er selber schafft, im Moment des Schaffens schöner und bedeutungsvoller erscheint, als einem anderen, dem es dann geboten wird; mag es übrigens auch beiden gleich erscheinen. In der Tat hängt die Erzeugung der Farbe aufs innigste mit dem aktiven Lebensprozeß der Pflanze zusammen, der durch das äußere Licht zwar angeregt wird, aber doch erst durch eigene Reaktion gegen diese Anregung die Farbe gibt. Freilich können wir nicht beschwören, daß die Pflanze ihr Grün und Rot und Blau im Prozeß der Erzeugung auch in derselben Farbenempfindung gewahr werde, wie wir in der äußeren Anschauung; haben eher Grund es zu bezweifeln; doch hindert andrerseits auch nichts, an etwas Ähnliches zu denken. Sollte der Mensch, der alles, was auf Erden geschieht, nach den Hauptmomenten in sich widerspiegeln soll, nicht auch diese Hauptseite des Seelenlebens der Pflanze in sich widerspiegeln? Gewiß jedenfalls hat die Pflanze bei Erzeugung der verschiedenen Farben ebenso verschiedene Empfindungen, wie wir beim Erblicken derselben; da die Erzeugung jeder Farbe mit Verschiedenen inneren Änderungen in ihr zusammenhängt.

In gewisser Weise mag sich das produzieren der Pflanzenfarben mit dem produzieren durch unsere Phantasie vergleichen lassen. Die Pflanze, kann man sagen, wandelt das Licht phantastisch in Farben um. Das Licht fällt weiß oder irgendwie gefärbt auf die Pflanze; sie empfindet seine Einwirkung in irgend welcher Weise; aber sie gibt es nicht so wieder, wie sie es empfangen; vielmehr hat es nur dazu gedient, eine selbstschöpferische Tätigkeit in ihr anzuregen, wodurch die Farbe erzeugt wird, und diese Tätigkeit ist nun auch unstreitig vom Gefühl der Selbstschöpfung begleitet. So bedarf unsere Phantasie zwar der sinnlichen Anregungen aus der Außenwelt; aber eben auch nur, um dadurch zu innern Selbstschöpfungen angeregt zu werden, die das Empfangene in anderer Form und mit dem Gefühl der Selbsttätigkeit aus dem Innern herausstellen.

Auch selbst die weiße Blume, obwohl sie das Licht bloß umgeändert zurückzustrahlen scheint, verhält sich nicht passiv gegen das Licht; da vielmehr die Weiße der Blumen ebenfalls auf tätigen Prozessen beruht, vermöge deren die Blume das Licht in nur vermehrter Fülle und Reinheit wiedergibt, wie auch des Menschen Phantasie die Verhältnisse, durch die sie angeregt worden, reiner und schöner im Kunstwerk wiederzugebären und so erst recht zur Fülle der Anschaulichkeit zu bringen vermag. Die Blume macht sich nur selbst zu diesem Kunstwerk. Wo könnten wir die Weiße des Lichts voller und schöner beobachten als an der Weiße der Lilien und anderer weißer Blumen?

Tiere und Menschen färben sich freilich auch an der Oberfläche, ohne daß es uns einfällt, diesem Färbungsprozesse eine ähnliche Bedeutung unterzulegen wie bei den Pflanzen. Aber es finden zwischen der Art, wie die Färbung der Pflanzen und die der Tiere zustande kommt, ähnliche Unterschiede statt wie zwischen dem Wachstum beider (vergl. VIII.), daher man auch ebenso eine ganz verschiedene Bedeutung daran zu knüpfen berechtigt ist, worüber ich hier nicht nochmals in besondere Ausführungen eingehe.

Näheres über Pflanzenfarben in physiologischer und chemischer Hinsicht s. außer in den Lehrbüchern der Pflanzen-Physiologie in Fechners Repertor. der org. Chemie. II. S. 832; Auszüge aus den neueren Abhandl. von Mohl, Pieper, Marquart, Hope, Berzelius, Decaisne, Elsner, Turpin, Morren, Hünefeld in Wiegm. Arch. 1835. II. 186. 1836. II. 85. 1837. II. 35. 1838. II. 32. 1839. II. 80. 1840. II. 91.

Nun einiges noch von den Düften:

Die Düfte der Blumen scheinen gegen ihre Farben eine nur untergeordnete Rolle zu spielen, da nicht einmal alle Blumen damit begabt sind. Und wenn es wahr ist, was wir früher angedeutet, daß das Duften der Blumen hauptsächlich die Bestimmung hat, eine Mitteilung von Empfindungen oder instinktartigen Mitgefühlen zwischen verschiedenen Pflanzen zu bewirken; so erklärt sich dies wohl. Die Farbenerzeugung in den Pflanzen hängt mit der Entwickelung eigner Seelenprozesse zusammen; diese aber ist natürlich wichtiger und notwendiger als das Wechselspiel mit andern Seelen.

Auch unter den Tieren gibt es gesellschaftlich lebende und einsam lebende. Die riechenden Pflanzen repräsentieren uns die ersteren, die nichtriechenden die letzteren. Und die Pflanze mag nach der Natur ihres beschränkten Lebenskreises und dem Umstande, daß das Geschlecht schon in jedem Individuum für sich vereinigt ist, des psychischen Verkehrs mit ihresgleichen im ganzen noch weniger bedürfen als das Tier.

Das Tier selber lehrt uns, daß der Geruch wirklich imstande ist, dem sinnlich psychischen Verkehr zu dienen, und zwar namentlich auch für die analoge Zeit des Fortpflanzungsprozesses. Dies ist für die Deutung immer wichtig. Aber doch erfolgt dieser Verkehr bei Tieren im ganzen ohne Vergleich mehr durch die Stimme. Und insofern, wie nach gar mancher anderen Beziehung kann man sagen: der Duft nimmt bei den Pflanzen eine ähnliche Bedeutung an wie bei den Tieren die Stimme. Der Gleichungspunkte gibt es mehrerlei.

Aus dem Inneren kommt die Stimme, aus dem Inneren kommt der Duft, und beide sind das zugleich feinste und sicherste Charaktermerkmal für das, woraus sie kommen. Wie man selbst im Dunkeln jeden Menschen noch an dem Ton der Stimme erkennen kann, so im Dunkeln jede Blume, ja jede Varietät der Blume, an dem Dufte. Beide Merkmale, scheinbar einfach in sich, variieren doch in den verschiedensten Nuancen und bezeichnen damit ebenso viele Nuancen von Organisations-Verwickelungen, deren höchstes, entwickeltstes Produkt sie sind. Jedes trägt gleichsam die Seele des Wesens aus dem es kommt, auf seinen Fittichen von dannen.

Unstreitig käme es nur darauf an, das Geruchsorgan recht fein auszubilden, um nicht bloß jede Varietät, sondern auch jedes Individuum von Hyazinthe oder Nelke noch von jedem anderen nach dem Geruche zu unterscheiden. Unser Geruchsorgan ist nur in dieser Hinsicht teils nicht geübt, teils unstreitig nicht so von Natur darauf eingerichtet, wie das der Blume sein mag, weil uns diese Unterscheidung nicht so nahe angeht. Unterscheidet doch auch der Neger sehr wohl physiognomisch die Gesichter seiner Landsleute, die uns alle ungefähr gleich aussehen.

Die niederen Tiere, die sich nicht viel zu sagen haben, Würmer, Insekten, sind im ganzen stumm, und so die niedern Pflanzen, Pilze, Flechten, geruchlos. Zwar bringen manche Insekten ausnahmsweise Geräusche hervor, aber nur durch äußerliches Scheuern, Schwirren, Bohren; die Töne kommen nicht aus dem Innern, und so duften ausnahmsweise manche Pilze, Flechten, aber der Duft kommt aus keiner Blüte.

Wie die Stimme auch bei den Geschöpfen, die solche haben, doch nicht beständig erklingt, vielmehr nach Art und Weise des Geschöpfes und anderen Umständen bald mehr tages, bald mehr abends, halb mehr nachts, bald lauter, bald leiser, am meisten im ganzen um die Zeit des Fortpflanzungsprozesses, zeigt sich alles entsprechend beim Duften der Pflanzen; und dies beweist am besten, daß die Blumendüfte nicht etwa bloß einfach mechanisch durch die Sonnenwärme aus den Blumensäften herausdestilliert werden, als wären die Blumen kleine Destillierkolben für ätherische Öle; sondern daß die Blumen wirklich nach äußeren und inneren Anforderungen an ihr Leben solche entwickeln.

Wäre die Wärme der Grund des Entweichens der Düfte, so müßten alle Blumen am meisten des Tages über duften und abends erschöpft sein. Nun ist es wahr, die Lippenblumen und die Cistrosen, die Myrten- und Orangen-Gebüsche füllen die Luft des südlichen Europa um so stärker mit ihrem Dufte, je heißer es ist; aber dafür gibt es andere Blumen, die den Tag über fast gar nicht riechen und erst bei Sonnenuntergang zu duften anfangen, wie die Nachtigall bloß abends Lieder singt, und fast keine einzige Blume gibt es, die bloß bei Tage duftete. Ja im allgemeinen scheint große Sonnenhitze die Neigung zum Duften eher zu mindern, wie Tiere in der Hitze schläfrig werden (Decand. II. S. 764), was übrigens nicht hindert, zu glauben, daß sie doch hilfreich vorbereitend für die Duftentwicklung bei Abend wirken könne.

Namentlich sind alle Blumen mit Trauerfarben, wie z. B. Pelargonium triste W. Aiton, Hesperis tristis L., Gladiolus tristis L. usw. den ganzen Tag hindurch fast ganz geruchlos und duften bei Sonnenuntergang einen ambrosischen Geruch aus. Bei andern Pflanzen ist der Geruch am Tage schwach und wird abends stärker, wie bei Datura suaveolens Willd. (Datura arborea Miller), Oenothera suaveolens Desf., Genista juncea L. usw. Die Blumen des Cereus grandiflorus Miller (Cactus grandiflorus L.) beginnt um 7 Uhr abends sich zu öffnen und fängt gleichzeitig an, ihren Duft zu verbreiten. Senebier will Narzissenblumen in tiefer Dunkelheit erzogen haben, welche so stark wie andere rochen (?); dagegen man bei der Cacalia septentrionalis bemerkt, daß die Sonnenstrahlen der Blume einen aromatischen Geruch entlocken, der verschwindet, wenn man dieselben abhält, und wiedererscheint, wenn man den schattenden Körper entfernt. Bei den Orangenblüten dauert der Geruch mit leichten Abänderungen während der Blütezeit ununterbrochen fort. Coronilla glauca riecht nur am Tage, und auch bei Cestrum diurnum ist der Geruch nachts viel schwächer. Bei vielen Blumen verändert sich der Geruch nach der Befruchtung. (Decand., Physiol. 11. S. 763. 768 und Wiegm. Arch. 1840. n. 90.)

Der Umstand, daß bei den Pflanzen das Haupt-Verkehrsmittel auf einen niederen Sinn wie bei den Tieren bezogen ist, mag ebenso daran hängen, daß die ganze Pflanze auf einer niedrigeren sinnlichen Stufe steht als das Tier, wie daß die ganze Sinnlichkeit derselben doch in eine höhere Stufe ausläuft als beim Tiere; beides stimmt dahin zusammen, dem Geruche diese abgeänderte Stelle anzuweisen. Bemerken wir, daß schon innerhalb des Tierreichs selbst Versetzungen der Funktionen gar häufig sind. Des Vogels Hand liegt mit in seinem Schnabel, bei mehreren Tieren dient das Atemwerkzeug mit als Bein usw. Auch hat ja, wie bemerkt, der Geruch doch teilweis schon dieselbe Funktion bei Tieren wie bei Pflanzen, nur in einem mehr untergeordneten Grade.

Man kann dem Dufte wie den Farben noch die andere Funktion beilegen, Schmetterlinge und andere Insekten zu den Blumen zu locken (vergl. S. 219); hat aber hierin nichts dem vorigen Widersprechendes zu finden. Die Natur sucht überall mit einem Schlage mehreres zugleich zu treffen.

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