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Nachtwachen

August Klingemann: Nachtwachen - Kapitel 9
Quellenangabe
pfad/bonavent/nachtwa1/nachtwa1.xml
typefiction
authorBonaventura
titleNachtwachen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Weimar
seriesLiebhaberbibliothek
volumeNeunzehnter Band
printrun4.-8. Tausend
editorRaimund Steinert
year1916
firstpub1804
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090000
projectid66373d02
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Achte Nachtwache

Die Dichter sind ein unschädliches Völkchen, mit ihren Träumen und Entzückungen und dem Himmel voll griechischer Götter, den sie in ihrer Phantasie mit sich umhertragen. Bösartig aber werden sie sobald sie sich erdreisten ihr Ideal an die Wirklichkeit zu halten, und nun in diese, mit der sie gar nichts zu schaffen haben sollten, zornig hineinschlagen. Sie würden indeß unschädlich bleiben, wenn man ihnen nur in der Wirklichkeit ihr freies Pläzchen ungestört einräumen und sie nicht durch das Drängen und Treiben in derselben eben zum Rückblik in sie zwingen wollte. Für den Maasstab ihres Ideals muß alles zu klein ausfallen, denn dieser reicht über die Wolken hinaus und sie selbst können sein Ende nicht absehen, und müssen sich nur an die Sterne als provisorische Grenzpunkte halten, von denen indeß wer weiß wie viele bis heute unsichtbar sind und ihr Licht sich noch auf der Reise zu uns herab befindet.

Der Stadtpoet auf seinem Dachkämmerchen gehörte auch zu den Idealisten, die man mit Gewalt durch Hunger, Gläubiger, Gerichtsfrohne u. s. w. zu Realisten bekehrt hatte, wie Karl der Große die Heiden mit dem Schwerdte in den Fluß trieb, damit sie dort zu Christen getauft würden. Ich hatte mit dem Nachtraben Bekanntschaft gemacht und lief wenn ich meine Karte als einen Zeitschein in die Nachtuhr geschoben hatte, oft zu ihm hinauf, um seinem Gähren und Brausen zuzuschauen, wenn er dort oben als begeisterter Apostel mit der Flamme auf dem Haupte gegen die Menschen zürnte. Sein ganzes Genie konzentrirte sich auf die Vollendung einer Tragödie, worin die großen Geister der Menschheit deren Körper und bloße äußere Hülle sie gleichsam nur erscheint, die Liebe, der Haß, die Zeit und Ewigkeit als hohe geheimnißvolle Gestalten auftraten, durch die statt des Chors ein tragischer Hanswurst, eine groteske und furchtbare Maske, hinlief. Der Tragiker hielt das schöne Antliz des Lebens mit eiserner Faust unverrükt vor seinen großen Hohlspiegel, worinn es sich in wilde Züge verzerrte und gleichsam seine Abgründe offenbarte in den Furchen und häßlichen Runzeln die in die schönen Wangen fielen; so zeichnete er's ab.

Es ist gut, daß es viele nicht begriffen, denn in unserm Lorgnetten Zeitalter sind die größesten Gegenstände so entrükt worden, daß man sie höchstens nur noch in der Ferne undeutlich durch die Vergrößerungsgläser erkennt; dagegen die kleinen recht gründlich kultivirt werden, weil Kurzsichtige in der Nähe um so schärfer sehen. –

Er hatte das Ganze bereits beendigt, und hoffte daß die Götter die er dabei angerufen, sich ihm diesmal wenigstens als ein goldener Regen offenbahren würden, durch den er seine Gläubiger, den Hunger und die Gerichtsdiener von sich verscheuchen könnte. Heute war der Tag an dem das imprimatur des wichtigsten Zensors, des Verlegers, hatte einlaufen müssen, und mich trieb die Neugierde zu ihm hinauf und die Sehnsucht ihn in dem fröhlichen Gelage der Edengötter zu erblicken. – Ist es nicht traurig, daß die Menschen ihre Freudensäle so fest verschlossen halten und durch GeharnischteAuf den holländischen Dukaten steht ein geharnischter Mann. bewachen lassen, vor denen der Bettler, der sie nicht bestechen kann, erschrocken zurückweicht!

Ich stieg keuchend in den hohen Olymp hinauf und öffnete den Eingang; aber statt eines Trauerspiels, das ich nicht erwartet hatte, fand ich ihrer zwei, das rükgehende vom Verleger, und den Tragiker selbst der das zweite aus dem Stegereife zugleich gedichtet und als ProtagonistSo hieß der eine Akteur der zu Tespis Zeit mit dem Chore die ganze Tragödie ausmachte. aufgeführt hatte. Da ihn der tragische Dolch gemangelt, so hatte er in der Eile, was bei einem improvisirten Drama leicht übersehen werden kann, die Schnur die dem auf der Retourfuhre begriffenen Manuscripte als Reisegurt gedient, dazu auserwählt, und schwebte an ihr als ein gen Himmel fahrender Heiliger, recht leicht und mit abgeworfenem Erdenballast über seinem Werke.

Es war übrigens in der Stube ganz still und fast schauerlich; nur ein paar zahme

Mäuse, spielten als einzige Hausthiere friedlich zu meinen Füssen und pfiffen, entweder aus guter Laune, oder aus Hunger; für das leztere schien beinahe eine dritte zu entscheiden, die sehr eifrig an der Unsterblichkeit des Dichters, seinem retourgegangenen opere posthumo, nagte.

»Armer Teufel, sagte ich zu ihm hinaufblickend, ich weiß nicht ob ich deine Himmelfarth komisch oder ernsthaft nehmen soll! Drollig bleibt es allerdings, daß du als eine Mozartsche Stimme in ein schlechtes Dorfkonzert mit eingelegt bist, und eben so natürlich daß du dich daraus weggestohlen; in einem ganzen Lande von Hinkenden wird eine einzige Ausnahme als ein seltsames verschrobenes lusus naturae verlacht, eben so würde in einem Staate von lauter Dieben die Ehrlichkeit allein mit dem Strange bestraft werden müssen; es kommt Alles in der Welt auf die Zusammenstellung und Uebereinkunft an, und da nun deine Landsleute nur an ein abscheuliches kreischendes Geschrei statt des Gesanges gewöhnt sind, so mußten sie dich eben deines guten gebildeten Vortrags wegen zu den Nachtwächtern zählen, wie ich denn deshalb auch einer geworden bin. O die Menschen schreiten hübsch vorwärts und ich hätte wohl Lust meinen Kopf nach einem Jahrtausende nur auf eine Stunde lang in diese alberne Welt zu stecken; ich wette darauf ich würde sehen wie sie in den Antikenkabinetten und Museen nur noch das Frazzenhafte abzeichneten und nach einem Ideale der Häßlichkeit strebten, nachdem sie die Schönheit längst als eine zweite französische Poesie für fade erklärt hätten. Den mechanischen Vorlesungen über die Natur wünschte ich auch beizuwohnen in denen es gelehrt wird wie man eine Welt mit geringem Aufwande von Kräften vollständig zusammenstellen kann, und die jungen Schüler zu Weltschöpfern ausgebildet werden, da man sie jezt nur zu Ichsschöpfern anzieht. Guter Gott was müssen nach einem Jahrtausend nicht für Fortschritte in allen Wissenschaften gemacht sein, da wir jezt bereits so weit sind; man muß dann, Naturreparirer, eben so häufig wie jezt Uhrmacher haben; Korrespondenzen mit dem Monde führen, von dem wir heutiges Tages schon Steine heraberhalten; Shakspearsche Stücke in den untersten Klassen als Exercitien ausarbeiten; die Liebe, die Freundschaft, die Treue, wie jezt den Hanswurst, schon nicht mehr auf den Theatern dulden; Tollhäuser nur noch für Vernünftige aufbauen; die Aerzte als schädliche Mitglieder des Staates ausreuten, weil sie das Mittel gegen den Tod aufgefunden; und Gewitter und Erdbeben so leicht veranstalten können, wie jezt Feuerwerke. – Armer schwebender Teufel, wie würde es da mit deiner Unsterblichkeit aussehen, und du hast wohlgethan daß du dich rasch aus dem Staube machtest.« –

Ich wurde aber plözlich in meiner guten Laune gerührt, sowie ein heftig Lachender zulezt in Thränen ausbricht, als ich in einen Winkel blikte, wo seine Kindheit gleichsam als die einzige Freude und zugleich als die einzige zurückgebliebene Möbel dem Erblaßten stumm und bedeutend gegenübergestellt war; es war ein altes verwittertes Gemälde, auf dem die Farben schon halb verlöscht, so wie dem Aberglauben nach auf den Portraiten Verstorbener die Wangenröte verfliegt. Es stellte den Poeten dar, wie er als ein freundlicher lächelnder Knabe an der Brust seiner Mutter spielte; ach das schöne Antliz war seine erste und einzige Liebe und sie war ihm nur sterbend untreu geworden. Hier in dem Bilde lachte die Kindheit noch um ihn, und er stand in dem Frühlingsgarten voll geschlossener Blumenknospen, nach deren Dufte er sich sehnte und die ihm nur als Giftblumen aufbrachen und den Tod gaben. Ich mußte mich schaudernd abwenden als ich die Kopie, den lächelnden umlokten Kindskopf, mit dem jezigen Originale dem schwebenden Hypokratischen Gesichte verglich, das schwarz und schreklich wie ein Medusenhaupt in seine Jugend schauete. Er schien noch in der lezten Minute den lezten Blik auf das Gemählde geworfen zu haben, denn er hing dagegen gekehrt und die Lampe brannte dicht davor wie vor einem Altarblatte. – O die Leidenschaften sind die tückischen Retouschirer, die den blühenden Rafaelskopf der Jugend mit den fortschreitenden Jahren auffrischen und durch immer härtere Züge entstellen und verzerren, bis aus dem Engelshaupt eine Höllenbreugelische Larve geworden ist. –

Der Arbeitstisch des Dichters, dieser Altar des Apoll, war ein Stein, denn alles vorräthige Holz, bis auf den abgelöseten Rahmen des Gemäldes, war längst bei seinen nächtlichen Opfern zur Flamme verzehrt. Auf diesem Steine lagen das rükgekehrte Trauerspiel, der Mensch überschrieben, und zugleich der Absagebrief des Poeten an das Leben; dieser lautete so:

»Absagebrief an das Leben.

Der Mensch taugt nichts, darum streiche ich ihn aus. Mein Mensch hat keinen Verleger gefunden weder als persona vera noch ficta, für die lezte (meine Tragödie) will kein Buchhändler die Drukkosten herschießen, und um die erste, (mich selbst) bekümmert sich gar der Teufel nicht, und sie lassen mich verhungern, wie den Ugolino, in dem größten Hungerthurme, der Welt, von dem sie vor meinen Augen den Schlüssel auf immer in das Meer geworfen haben. Ein Glück ist's noch daß mir so viel Kraft übrig bleibt, die Zinne zu erklimmen und mich hinabzustürzen. Ich danke dafür, in diesem meinem Testamente, dem Buchhändler, der ob er gleich meinem Menschen nicht forthelfen wollte, mir doch wenigstens die Schnur in den Thurm hinabwarf, an der ich in die Höhe kommen kann.

Ich denke es ist lustig droben, und eine gute freie Aussicht; besser ist's in alle Wege, selbst wenn ich nichts sehen sollte, als hier unten, denn ich weiß nichts mehr darum; – aber der alte Ugolino tappte, vor Hunger blind geworden, in seinem Thurme umher, und war sich seiner Blindheit bewußt und das Leben kämpfte noch gewaltig in ihm, daß er nicht untergehen konnte.

Auch ich habe zwar, wie er, in meinem Kerker auch noch mit holden Knaben getändelt, die ich einsam in der Nacht erzeugte und die um mich her spielten als eine blühende Jugend und goldene helle Träume; in ihnen die ich hinterlassen wollte, schloß ich mich warm an das Leben; – aber sie haben auch sie verstoßen, und die hungrigen Thiere, die sie mit mir einsperrten, haben sie zernagt, daß sie mich nur noch in der Erinnerung umgaukeln.

Mag's sein; die Thür ist fester hinter mir zugeworfen, und das leztemal, daß sie sie öffneten, war's nur um den Sarg meines lezten Kindes hereinzutragen; – ich hinterlasse nun nichts, und gehe dir trozig entgegen, Gott, oder Nichts!« –

Dies war die lezte zurükgebliebene Asche von einer Flamme, die in sich selbst ersticken mußte. Ich sammelte sie, und so viele Reliquien von dem Menschen ich den hungrigen Mäusen noch entreissen konnte, sorgfältig, indem ich mich gewaltsamerweise zum Erben der Hinterlassenschaft einsezte.

Bringt mich der Himmel unverhofft einmal in eine bessere Lage, so gebe ich das Trauerspiel: der Mensch, so zernagt und unvollständig es auch ist, auf meine Kosten heraus, und vertheile die Exemplare gratis unter die Menschen. Für jezt will ich nur etwas vom Prologe des Hanswurstes mittheilen. Der Poet entschuldigt sich in einer kurzen Vorrede darüber, daß er den Hanswurst in eine Tragödie einzuführen wagte, mit eigenen Worten folgendermaßen:

»Die alten Griechen hatten einen Chorus in ihren Trauerspielen angebracht, der durch die allgemeinen Betrachtungen, die er anstellte, den Blick von der einzelnen schrecklichen Handlung abwendete und so die Gemüther besänftigte. Ich denke es ist mit dem Besänftigen jezt nicht an der Zeit, und man soll vielmehr heftig erzürnen und aufwiegeln, weil sonst nichts mehr anschlägt, und die Menschheit im Ganzen so schlaff und boshaft geworden ist, daß sie's ordentlicherweise mechanisch betreibt, und ihre heimlichen Sünden aus bloßer Abspannung vollführt. Man soll sie heftig reizen, wie einen asthenischen Kranken, und ich habe deshalb meinen Hanswurst angebracht, um sie recht wild zu machen; denn wie, nach dem Sprichworte, Kinder und Narren die Wahrheit sagen, so befördern sie auch das Furchtbare und Tragische, indem jene es unschuldig hart vortragen, und diese gar darüber spotten und Possen damit treiben. Neuere Aesthetiker werden mir Gerechtigkeit wiederfahren lassen.« –

Das was ich noch von dem Manuscripte mittheilen will, lautete so:

»Prolog des Hanswurstes zu der
Tragödie: der Mensch.

Ich trete als Vorredner des Menschen auf. Ein respektives zahlreiches Publikum wird es leichter übersehen, daß ich meiner Handthierung nach ein Narr bin, wenn ich für mich anführe, daß nach Doktor DarwinS. dessen Gedicht über die Natur. eigentlich der Affe, der doch ohnstreitig noch

läppischer ist als ein bloßer Narr, der Vorredner und Prologist des ganzen Menschengeschlechts ist, und daß meine und Ihre Gedanken und Gefühle sich nur blos mit der Zeit etwas verfeinert und kultivirt haben, obgleich sie ihrem Ursprunge gemäß doch immer nur Gedanken und Gefühle bleiben, wie sie in dem Kopfe und Herzen eines Affen entstehen konnten. Doktor Darwin, den ich hier als meinen Stellvertreter und Anwalt aufführe, behauptet nämlich, daß der Mensch als Mensch einer Affenart am mittelländischen Meere sein Dasein verdanke, und daß diese blos dadurch daß sie sich ihres Daumenmuskels so bedienen lernte, daß Daumen und Fingerspizen sich berührten, sich allmählig ein verfeinertes Gefühl verschaffte, von diesem in den folgenden Generationen zu Begriffen überging und sich zulezt zu verständigen Menschen einkleidete, wie wir sie jezt noch täglich in Hof- und anderen Uniformen einherschreiten sehen.

Das Ganze hat sehr viel für sich; finden wir doch nach Jahrtausenden noch hin und wieder auffallende Annäherungen und Verwandschaften in dieser Rücksicht, ja ich glaube bemerkt zu haben, daß manche respektive und geschäzte Personen sich ihres Daumenmuskels noch jezt nicht gehörig bedienen lernten, wie z. B. manche Schriftsteller und Leute die die Feder führen wollen; sollte ich darin nicht irren, so spricht das sehr für Darwin. Auf der andern Seite finden wir auch manche Gefühle und Geschicklichkeiten in dem Affen, die uns offenbar bei dem salto mortale zum Menschen entfallen sind, so liebt z. B. eine Affenmutter noch heutiges Tages ihre Kinder mehr als manche Fürstenmutter; das einzige was dies widerlegen könnte, wäre noch, wenn man anführen wollte daß diese sie, eben aus übergroßer Liebe vernachläßigte um das zu bezwecken, was jene nur etwas schneller durch das Erdrücken ihrer Jungen erreicht.

Genug ich bin mit Doktor Darwin einverstanden, und thue den philanthropischen Vorschlag, daß wir unsere jüngeren Brüder, die Affen in allen Welttheilen, höher schäzen lernen, und sie, die jezt nur unsere Parodisten sind, durch eine gründliche Anweisung, den Daumen und die Fingerspizen zusammen zu bringen, so daß sie mindestens eine Schreibfeder führen können, zu uns herauf ziehen mögen. Ist es doch besser mit dem ersten Doktor Darwin die Affen für unsere Vorfahren anzunehmen, als so lange zu zögern bis ein zweiter gar andere wilde Thiere zu unsern Adscendenten macht, welches er vielleicht durch eben so gute Wahrscheinlichkeitsgründe belegen könnte, da die meisten Menschen, wenn man ihnen das Untertheil des Gesichts und den Mund, mit dem sie die gleissenden Worte verschwenden, verdekt, in ihren Physiognomien eine auffallende Geschlechtsähnlichkeit besonders mit Raubvögeln, als z. B. Geiern, Falken u. s. w. erhalten, ja da auch der alte Adel seine Stammbäume eher zu den Raubthieren, als Affen hinaufführen kann, welches, ausser ihrer Vorliebe zur Räuberei im Mittelalter, auch noch aus ihren Wappen erhellet, in denen sie meistentheils Löwen, Tieger, Adler und andere dergleichen wilde Thiere führen. –

Das Gesagte mag hinlänglich sein, um meine Person und Maske vor der jezt aufzuführenden Tragödie: Der Mensch, zu rechtfertigen. Ich verspreche einem respektiven Publikum zum Voraus daß ich spaßhaft sein will bis zum Todtlachen, der Dichter mag es noch so ernsthaft und tragisch anlegen. – Was soll es auch überhaupt mit dem Ernste, der Mensch ist eine spashafte Bestie von Haus aus und er agirt blos auf einer grössern Bühne als die Akteure der kleinern in diese große wie in Hamlet eingeschachtelten; mag er's noch so wichtig nehmen wollen, hinter den Koulissen muß er doch Krone, Zepter und Theaterdolch ablegen, und als abgetretener Komödiant in sein dunkles Kämmerchen schleichen, bis es dem Direktor gefällt eine neue Komödie anzusagen. Wollte er sein Ich in puris naturalibus oder auch nur im Nachtkleide und mit der Schlafmüze zeigen, beim Teufel jedermann würde vor der Seichtigkeit und Nichtsnuzigkeit davon laufen; so behängt er's aber mit bunten Theaterlappen und nimmt die Masken der Freude und Liebe vor das Gesicht, um interessant zu scheinen, und durch das innen angebrachte Sprachrohr die Stimme zu erhöhen; dann schaut zulezt das Ich auf die Lappen herab, und bildet sich ein sie machten's aus, ja es giebt wohl gar andere noch schlechter gekleidete Ich's, die den zusammengeflikten Popanz bewundern und lobpreisen; denn beim Lichte besehen ist doch die zweite MandandaneGöthe's Triumpf der Empfindsamkeit. auch eine nur künstlicher zusammengenähte, die eine gorge de Paris vorgestekt hat um ein Herz zu fingiren, und eine täuschender gearbeitete Larve vor den Todtenkopf hält.

Der Todtenkopf fehlt nie hinter der liebäugelnden Larve, und das Leben ist nur das Schellenkleid das das Nichts umgehängt hat, um damit zu klingeln und es zulezt grimmig zu zerreißen und von sich zu schleudern. Es ist Alles Nichts und würgt sich selbst auf und schlingt sich gierig hinunter, und eben dieses Selbstverschlingen ist die tückische Spiegelfechterei als gäbe es Etwas, da doch wenn das Würgen einmal inne halten wollte eben das Nichts recht deutlich zur Erscheinung käme, daß sie davor erschrecken müßten; Thoren verstehen unter diesem Innehalten die Ewigkeit, es ist aber das eigentliche Nichts und der absolute Tod, da das Leben im Gegentheile nur durch ein fortlaufendes Sterben entsteht.

Wollte man dergleichen ernsthaft nehmen, so mögte es leicht zum Tollhause führen, ich aber nehme es blos als Hanswurst, und führe dadurch den Prolog bis zur Tragödie hin, in der es der Dichter freilich höher genommen und sogar einen Gott und eine Unsterblichkeit in sie hineinerfunden hat, um seinen Menschen bedeutender zu machen. Ich hoffe indeß das alte Schicksal, unter dem bei den Griechen selbst die Götter standen, darin abzugeben, und die handelnden Personen recht toll in einander zu verwirren, daß sie gar nicht klug aus sich werden, und der Mensch sich zulezt für Gott selbst halten, oder zum mindesten wie die Idealisten und die Weltgeschichte, an einer solchen Maske formen soll.

Ich habe mich jezt so ziemlich angekündigt, und kann das Trauerspiel nun allenfalls selbst auftreten lassen mit seinen drei Einheiten, der Zeit – auf die ich streng halten werde, damit der Mensch sich gar nicht etwa in die Ewigkeit verirrt – des Orts – der immer im Raume bleiben soll – und der Handlung – die ich so viel als möglich beschränken werde, damit der Oedipus, der Mensch, nur bis zur Blindheit, nicht aber in einer zweiten Handlung zur Verklärung fortschreite.

Gegen die Maskeneinführung habe ich mich nicht gesperrt, denn je mehr Masken über einander, um desto mehr Spaß, sie eine nach der andern abzuziehen bis zur vorlezten satirischen, der hypokratischen und der lezten verfestigten, die nicht mehr lacht und weint – dem Schädel ohne Schopf und Zopf, mit dem der Tragikomiker am Ende abläuft. – Auch gegen die Verse habe ich nichts einwenden wollen, sie sind nur eine komischere Lüge, so wie der Kothurn nur eine komischere Aufgeblasenheit.

Prologus tritt ab. –«

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