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Nachtwachen

August Klingemann: Nachtwachen - Kapitel 5
Quellenangabe
pfad/bonavent/nachtwa1/nachtwa1.xml
typefiction
authorBonaventura
titleNachtwachen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Weimar
seriesLiebhaberbibliothek
volumeNeunzehnter Band
printrun4.-8. Tausend
editorRaimund Steinert
year1916
firstpub1804
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
created20090000
projectid66373d02
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Vierte Nachtwache

Zu den Lieblingsörtern, an denen ich mich während meiner Nachtwachen aufzuhalten pflege, gehört der Vorsprung in dem alten gothischen Dome. Hier sitze ich bei dem dämmernden Scheine der einzigen immer brennenden Lampe und komme mir oft selbst wie ein Nachtgeist vor. Der Ort lädt zu Betrachtungen ein; heute führte es mich auf meine eigene Geschichte, und ich blätterte, gleichsam aus Langerweile, mein Lebensbuch auf, das verwirrt und toll genug geschrieben ist.

Gleich auf dem ersten Blatte sieht es bedenklich aus, und pagina V handelt nicht von meiner Geburt, sondern vom Schatzgraben. Hier sieht man mystische Zeichen, aus der Kabbala und auf dem erklärenden Holzschnitte einen nicht gewöhnlichen Schuhmacher, der das Schuhmachen aufgeben will, um Gold machen zu lernen. Eine Zigeunerin steht daneben, gelb und unkenntlich und das Haar struppig um die Stirn gezauset; sie unterrichtet ihn im Schatzgraben, giebt ihm eine Wünschelruthe und zeigt auch genau den Ort an, wo er in drei Tagen einen Schatz heben soll. Ich habe heute blos die Laune mich bei den Holzschnitten in dem Buche aufzuhalten, und somit gehe ich zum

zweiten Holzschnitte

über. Hier ist der Schuhmacher wieder, ohne die Zigeunerin; sein Gesicht ist diesmal dem Künstler schon weit ausdrucksvoller gelungen. Es hat kräftige Züge und zeigt an, daß der Mann nicht blos bei den Füssen stehen geblieben, sondern ultra crepidam gegangen ist. Er ist ein satirischer Beitrag zu den Fehlgriffen des Genies, und machte es einleuchtend, wie derjenige, der ein guter Hutmacher geworden wäre, einen schlechten Schuhmacher abgeben muß, und auch im Gegentheile, wenn man das Beispiel auf den Kopf stellt. – Das Lokale ist ein Kreuzweg, die schwarzen Striche sollen die Nacht anschaulich machen und das Zikzak am Himmel einen Blitz bedeuten. Es ist klar, ein anderer ehrlicher Mann von Handwerke liefe bei solchen Umgebungen davon; unser Genie aber läßt sich nicht stören. Er hat bereits aus einer Vertiefung eine schwere Truhe gehoben; und ist auch schon darüber aus gewesen, sein erobertes Schatzkästlein zu öffnen. Doch, o Himmel, sein Inhalt ist wohl nur allein für den kuriosen Liebhaber ein Schatz zu nennen – denn ich selbst befinde mich leibhaft in dem Kästlein, und zwar ohne alle fahrende Habe, und schon ein ganz fertiger Weltbürger.

Was mein Schatzgräber für Betrachtungen über seinen Fund angestellt hat, davon steht nichts auf dem Holzschnitte, weil der Künstler die Grenzen seiner Kunst nicht im mindesten hat überschreiten wollen.

Dritter Holzschnitt.

Hier ist ein gewiegter Kommentator von Nöthen. – Auf einem Buche sitze ich, aus einem lese ich; mein Adoptiv-Vater beschäftigt sich mit einem Schuhe, scheint aber zugleich eigenen Betrachtungen über die Unsterblichkeit Raum zu geben. Das Buch worauf ich sitze, enthält Hans Sachsens Fastnachtsspiele, das woraus ich lese, ist Jakob Böhmens Morgenröthe, sie sind der Kern aus unserer Hausbibliothek, weil beide Verfasser zunftfähige Schuhmacher und Poeten waren.

Weiter mag ich nicht im Erklären gehen, weil in dem Holzschnitte von meiner eigenen Originalität zuviel die Rede ist. Ich lese also lieber das hiezugehörige

dritte Kapitel

für mich in der Stille. Es ist von meinem Schuhmacher, der so weit es ging, meinen Lebenslauf selbst fortgeführt hat, verfaßt, und hebt so an:

»Wunderlich wird mir gar oft zu Muthe, wenn ich den Kreuzgang betrachte.« – Es war nemlich dem Gebrauche gemäß, der Ort wo ich gefunden, bei meiner Taufe, zu mir Gevatter geworden. – »Ueber einen gewöhnlichen Leisten kann ich ihn nicht schlagen, denn es ist etwas Ueberschwengliches in ihm, etwa wie in dem alten Böhme, der auch schon früh über dem Schuhmachen sich vertiefte und ins Geheimniß verfiel. So auch er; kommen ihm doch ganz gewöhnliche Dinge höchst ungewöhnlich vor; wie z. B. ein Sonnenaufgang, der sich doch tagtäglich zuträgt, und wobei wir andern Menschenkinder eben nichts Absonderliches zu denken pflegen. So auch die Sterne am Himmel und die Blumen auf der Erde, die er oft unter einander sich besprechen und gar wundersamen Verkehr treiben läßt. Hat er mich doch neulich über einen Schuh gar konfus gemacht, indem er mich anfangs über die Bestandtheile desselben befragte, und als ich ihm darauf Rede und Antwort gegeben hatte, plözlich über jede einzelne Substanz Aufklärung verlangte, immer höher und höher sich verstieg, erst in die Naturwissenschaften, indem er das Leder auf den Ochsen zurück führte, dann gar noch weiter bis ich mich zulezt mit meinem Schuhe hoch oben in der Theologie befand und er mir grad heraus sagte, daß ich in meinem Fache ein Stümper sei, weil ich ihm darin nicht bis zum lezten Grunde Auskunft geben könnte. Ebenfalls nennt er die Blumen oft eine Schrift, die wir nur nicht zu lesen verständen, desgleichen auch die bunten Gesteine. Er hoft diese Sprache noch einst zu lernen, und verspricht dann gar wundersame Dinge daraus mitzutheilen. Oft behorcht er ganz heimlich die Mücken oder Fliegen wenn sie im Sonnenschein summen, weil er glaubt sie unterredeten sich über wichtige Gegenstände, von denen bis jezt noch kein Mensch etwas ahnete: Schwazt er den Gesellen und Lehrburschen in der Werkstatt dergleichen vor und sie lachen über ihn, so erklärt er sie sehr ernsthaft für Blinde und Taube, die weder sähen noch hörten, was um sie her vorginge. Jezt sizt er Tag und Nacht bei'm Jakob Böhme und Hans Sachs, welches zween gar absonderliche Schumacher waren, aus denen auch zu ihrer Zeit niemand klug werden konnte. –

Soviel ist mir sonnenklar; ein gewöhnliches Menschenkind ist dieser Kreuzgang nicht, bin ich doch auch auf keine gewöhnliche Weise zu ihm gekommen.

Nie wird mir der Abend aus dem Sinne kommen, als ich unmuthig über meinen wenigen Verdienst hier auf dem Dreifuße eingeschlummert war; – daß es gerade ein Dreifuß sein mußte, soll, wie man mir sagt, nicht ohne Einfluß gewesen sein – es träumte mir wie ich einen Schaz fände in einer verschlossenen Truhe, doch gebot man mir diese Truhe nicht eher zu öffnen, bis ich erwacht sein würde. Das war alles so deutlich und selbst verständig, indem Traum und Wachen sich ganz klar von einander unterschieden, daß es mir nie wieder aus dem Kopfe wollte, und ich zulezt mit einer Zigeunerin Bekanntschaft machte, um den Versuch wirklich anzustellen.

Es ging alles in der Ordnung; ich hob die Truhe die ich im Traume gesehen, besann mich zuvor, ob ich wirklich wachte, und öffnete sie dann; aber statt des Goldes was ich erwartete, hatte ich dieses Wunderkind aus der Erde gehoben.

Anfangs war ich wohl etwas betreten darüber, weil solch ein lebendiger Schaz zum mindesten von einem todten begleitet sein muß, wenn ein Uebriges dabei heraus kommen soll, und der Bube war mutternakt, und lachte noch dazu darüber, als ich ihn darauf ansah. Als ich mich besonnen hatte, nahm ich indeß die Sache tiefer und hatte meine eigenen Gedanken dabei, weshalb ich meinen Schaz sorgsam nach Hause trug.

So weit mein ehrlicher Schuhmacher, als ich plözlich durch eine sonderbare Erscheinung unterbrochen wurde. Eine große männliche Gestalt in einen Mantel gehüllt, schritt durch das Gewölbe, und blieb auf einem Grabsteine stehen. Ich schlich mich leise hinter eine Säule, wo ich ihr nahe war, da warf sie den Mantel von sich, und ich erblickte hinter schwarzen tief über die Stirne herabtretenden Haaren ein finsteres feindliches Antlitz mit einem südlichen blasgrauen Kolorit.

Ich trete immer vor ein fremdes ungewöhnliches Menschenleben mit denselben Gefühlen hin, wie vor den Vorhang hinter dem ein Shakspearsches Schauspiel aufgeführt werden soll; und am liebsten ist es mir, wenn jenes so wie dieses ein Trauerspiel ist, wie ich denn auch neben dem ächten Ernst nur tragischen Spaß leiden mag, und solche Narren wie im König Lear; eben weil diese allein wahrhaft kek sind und die Possenreißerei en gros treiben und ohne Rücksichten, über das ganze Menschenleben. Die kleinen Wizbolde und gutmüthigen Komödienverfasser dagegen, die sich nur blos in den Familien umhertreiben, und nicht, wie Aristophanes, selbst über die Götter sich lustig zu machen wagen, sind mir herzlich zuwider, eben so wie jene schwachen gerührten Seelen, die statt ein ganzes Menschenleben zu zertrümmern, um den Menschen selbst darüber zu erheben, sich nur mit der kleinen Quälerei beschäftigen, und neben ihrem Gefolterten den Arzt stehen haben, der ihnen genau die Grade der Tortur bestimmt, damit der arme Schelm, obgleich geradebrecht, doch mit dem Leben zulezt noch davon gehen kann; als ob das Leben das Höchste wäre, und nicht vielmehr der Mensch, der noch weiter geht als das Leben das grade nur den ersten Akt und den inferno in der divina comedia, durch die, er um sein Ideal zu suchen, hinwandelt, ausmacht. –

Mein Mann, der hier nahe vor mir auf dem Grabsteine kniete, einen blankgeschliffenen Dolch, den er aus einer schön gearbeiteten Scheide gezogen, in der Hand, schien mir ächt tragischer Natur zu sein, und fesselte mich in seine Nähe.

Feuerlärm hatte ich eben nicht Luft zu machen, im Falle er etwas Ernsthaftes unternehmen würde, eben so wenig wollte ich als Vertrauter in der Koulisse stehen, um im fünften Akte bei dem Stichworte zu rechter Zeit bereit zu sein, meinem Helden den Arm zu halten; denn sein Leben kam mir vor gleichsam wie die schön gearbeitete Scheide in seiner Hand, die in der bunten Hülle den Dolch verbarg, oder wie der Blumenkorb der Kleopatra, unter dessen Rosen die giftige Schlange lauschte, und wo das Drama des Lebens sich einmal so zusammengestellt hat, muß man die tragische Katastrophe nicht abwenden wollen.

Ich hatte einen König Saul, als ich noch Marionettendirekteur war, dem er aufs Haar glich; auch in allen seinen Manieren – grade solche hölzerne mechanische Bewegungen, und einen so steinernen antiken Stil, wodurch sich Marionettentruppen von lebenden Schauspielern auszeichnen, die heut zu Tage auf unsern Theatern nicht einmal auf die rechte Weise zu sterben verstehen.

Es war schon alles dicht bis zum Niederfallen des Vorhangs beendigt, da blieb dem Manne plötzlich der schon zum Todesstöße aufgehobene Arm erstarrt, und er kniete wie ein steinernes Denkbild auf dem Grabsteine. Zwischen der Dolchspitze und der Brust, die sie durchschneiden sollte, war kaum noch einer Spanne weit Raum, und der Tod stand ganz dicht an dem Leben, doch schien die Zeit aufgehört zu haben und nicht mehr fortrücken zu wollen und der eine Moment zur Ewigkeit geworden zu sein, die auf immer alle Veränderung aufgehoben.

Mir wurde es ganz unheimlich, ich sah erschrocken hinauf nach dem Zifferblatte der Kirchenuhr, auch hier stand der Zeiger still und grade auf der Mitternachtszahl. Ich schien mir gelähmt und rings war alles unbeweglich und todt. Der Mann auf dem Grabe, der Dohm mit seinen starren hohen Säulen und Monumenten und den umher knieenden steinernen Rittern und Heiligen, die unbeweglich auf eine neue hereinbrechende Zeit und ein Fortschreiten in derselben, wodurch sie entfesselt würden, zu harren schienen.

Jezt war's vorüber, das Räderwerk der Uhr machte sich Luft, der Zeiger rückte fort, und der erste Schlag der Mitternachtsstunde hallte langsam durch das öde Gewölbe. Da schien, wie durch das Anziehen des Uhrwerks, der Mann auf dem Grabe wieder Bewegung zu erhalten, der Dolch rollte rasselnd auf dem Steine hin, und zerbrach.

»Verwünscht sei die Starrsucht,« sagte er kalt, wie wenn er's schon gewohnt wäre, »sie läßt mich nie den Stoß vollführen! –« Damit stand er, wie, wenn nichts weiter vorgefallen wäre, auf, und wollte sich wieder entfernen.

»Du gefällst mir,« rief ich, »es ist doch Haltung in deinem Leben, und ächte tragische Ruhe. Ich liebe die große klassische Würde im Menschen, die viel Worte haßt, wo viel gethan werden soll; und ein solcher salto mortale, wie der, zu dem du eben bereit warst, ist doch nichts kleines, und gehört zu den Forçestücken, die man, bis zulezt, aufspart.« –

»Kannst du mir zu dem Sprunge verhelfen,« sagte er finster, »so ist's gut; sonst bemühe dich nicht weiter in Lobsprüchen und Bemerkungen. Ueber die Kunst zu leben ist mehr als zuviel geschrieben, doch suche ich noch immer einen Traktat, über die Kunst zu sterben, vergeblich; und ich kann nicht sterben!« –

»O besäßen doch dieses dein Talent manche von unsern beliebten Schriftstellern!« rief ich aus, »Ihre Werke könnten dann immerhin Ephemeren bleiben, wären sie selbst doch unsterblich, und könnten ihre ephemerische Schriftstellerei ewig fortsetzen, und bis zum jüngsten Tage beliebt bleiben. Leider kommt für sie die Stunde nur zu früh, in der sie und ihre Eintagsfliegen mit ihnen sterben müssen. – O Freund, könnte ich dich doch in diesem Augenblicke zu einem Kozebue erheben, dieser Kozebue ginge dann nie unter, und selbst am Ende aller Dinge lägen noch seine lezten Werke in dem Hozarthschen Schwanzstücke, und die Zeit könnte ihre lezte Pfeife die sie da raucht, mit einer Szene aus seinem lezten Drama anbrennen, und so begeistert, in die Ewigkeit übergehen!«

Der Mann wollte jezt still abtreten, und ohne, wie ein schlechter Akteur, noch zum Schlusse eine gewaltige Tirade zu machen; ich aber hielt ihn bei der Hand, und sagte: »Nicht so eilig, Freund, ist es doch nicht nöthig, da du immer Zeit hast, so lange nur überhaupt von der Zeit selbst die Rede sein kann; denn aus deinen Worten zu schließen, halte ich dich für den ewigen Juden, der, weil er das Unsterbliche lästerte, zur Strafe schon hier unten unsterblich geworden ist, wo alles um ihn her vergeht. Du bist finster, du einziger Mensch, dessen Leben der Zeiger der Zeit, der als ein scharfes, nie im Morden innehaltendes Schwerdt, auf dem Zifferblatte umherfliegt, nimmer durchschneiden soll, und der nicht eher vergehen kann, als bis ihr eisernes Räderwerk selbst zertrümmert. Nimm die Sache von der leichten Seite; denn es ist doch spaßhaft und der Mühe werth, dieser großen Tragikomödie, der Weltgeschichte bis zum lezten Akte als Zuschauer beizuwohnen, und du kannst dir zulezt das ganz eigne Vergnügen machen, wenn du am Ende aller Dinge über der allgemeinen Sündfluth auf dem lezten hervorragenden Berggipfel als einzig Uebriggebliebener stehst, das ganze Stück, auf deine eigene Hand, auszupfeifen, und dich dann wild und zornig, ein zweiter Prometheus, in den Abgrund zu stürzen.«

»Pfeifen will ich,« sagte der Mann trozig, »hätte mich nur der Dichter nicht selbst mit ins Stück verflochten als handelnde Person; das verzeih ich ihm nimmer!«

»Um so besser!« rief ich, »da giebt es wohl gar noch zu guter lezt eine Revolte im Stücke selbst, und der erste Held empört sich gegen seinen Verfasser. Ist das doch auch in der, der großen Weltkomödie nachgeäfften kleinen nicht selten, und der Held wächst am Ende dem Dichter über den Kopf, daß er ihn nicht mehr bezwingen kann. – O ich hätte wohl Lust deine Geschichte anzuhören, du ewig Reisender, um darüber mich auszuschütten vor Lachen; wie ich denn oft bei einer ächten ernsten Tragödie brav zu lachen pflege, und im Gegentheile beim guten Possenspiele dann und wann weinen muß, indem das wahrhaft Kühne und Große immer zugleich von den beiden entgegengesetzten Seiten aufgefaßt werden kann!« –

»Ich verstehe dich, Spaßvogel,« sagte der Mann! »Bin auch gerade jezt wild genug um zu lachen, und dir meine Geschichte zu erzählen. Doch, beim Himmel, laß dir keine ernste Miene dabei entwischen, sonst machst du mich im Augenblicke stumm!« –

»Sorge nicht, Kamerad, ich lache mit,« antwortete ich, und jener setzte sich unter eine steinerne, am Grabe betende Ritterfamilie, und hub an:

»Es ist, du wirst mir's zugeben, verdammt langweilig, seine eigene Geschichte von Perioden zu Perioden, so recht gemüthlich, aufzurollen; ich bringe sie deshalb lieber in Handlung, und führe sie als ein Marionettenspiel mit dem Hanswurst auf; da wird das Ganze anschaulicher und possirlicher.

Zuerst giebt es eine Mozartsche Symphonie von schlechten Dorfmusikanten exekutirt, das paßt so recht zu einem verpfuschten Leben, und erhebt das Gemüth durch die großen Gedanken, indem man zugleich bei dem Gekrazze des Teufels werden mögte. – Dann kommt der Hanswurst, und entschuldigt den Marionettendirektor, weil er es wie unser Herrgott gemacht, und die wichtigsten Rollen den talentlosesten Akteuren anvertraut habe; er leitet grade daraus aber auch wieder das Gute her, daß das Stück rührend ausfallen müsse, eben wie es bei großen tragischen Stoffen der Fall sei, die durch kleine gewöhnliche Dichter bearbeitet würden. Über das Leben und den Zeitkarakter machte er die höchst albernen Bemerkungen, daß beide jezt mehr rührend als komisch seyen, und daß man jezt weniger über die Menschen lachen als weinen könne, weshalb er denn auch selbst ein moralischer und ernsthafter Narr geworden, und immer nur im edlen Genre sich zeige, wo er vielen Applaus bekäme.

Darauf treten die hölzernen Puppen selbst auf; zwei Brüder ohne Herzen umarmen sich, und der Hanswurst lacht über das Zusammenklappern der Arme, und über den Kuß, wobei sie die steifen Lippen nicht bewegen können. Der eine hölzerne Bruder bleibt im Marionettencharakter, und drückt sich unendlich steif aus, macht auch lange trockene Perioden, worin gar kein Leben hinein kommen will, und die deshalb Muster im prosaischen Style abgeben. Die andere Puppe aber möchte gern einen lebendigen Akteur affektiren, und spricht hin und wieder in schlechten Jamben, reimt auch wohl gar zu Zeiten die Endsylben, und der Hanswurst nikt dabei mit dem Kopfe, und hält eine Rede über die Wärme des Gefühls in einer Marionette, und über den eleganten Vortrag bei tragischen Gedichten. – Darauf geben sich die Brüder die hölzernen Hände und gehen ab. Der Hanswurst tanzt ein Solo zur Zugabe, und dann redet im Zwischenakte Mozart wieder durch die Dorfmusikanten.

Jezt gehts weiter. Zwei neue Puppen treten auf, eine Kolombine mit einem Pagen, der den Sonnenschein über sie ausspannt; die Kolombine ist die prima donna der Gesellschaft, und ohne Schmeichelei das Meisterstück des Formenschneiders. Wahrhaft griechische Konture, und alles an ihr ins Ideale hinübergearbeitet. Der eine Bruder kommt, derjenige, der vorher in Prosa sprach; er erblickt sie, schlägt sich auf die Stelle des Herzens, redet darauf plözlich in Versen, reimt alle Endsylben, oder bringt die Assonanz in A und O an, daß die Kolombine darüber erschrickt, und mit den Pagen davon läuft. Jener will ihr nachstürzen, rennt aber, weil der Marionettendirektor hier ein Versehen macht, sehr hart gegen den Hanswurst, der nun, aus dem Stegreife, eine sehr boshafte satirische Rede hält, worin er ihm darthut, daß es seinem Schöpfer – dem Marionettendirektor nemlich – nicht gefalle, ihm die Dame zu bestimmen, und daß dadurch eben das Stück recht toll und komisch werden würde, indem ein melancholischer Narr die possirlichste Person in einem Possenspiele abgäbe. – Die andere Puppe stößt Flüche aus, lästert sogar in Verzweiflung auf den Direktor, wobei den Zuschauern vor Lachen die Thränen aus den Augen stürzen. Zulezt faßt sie aber doch noch Hoffnung die Dame wiederzufinden, und beschließt wenigstens das ganze Theater zu durchsuchen. Der Hanswurst begleitet sie.

Im dritten Akte erscheint die Kolombine wieder, und thut sehr schön mit der andern Brudermarionette, sie singen auch ein zärtliches Duett mit einander, und wechseln sodann die Ringe, worauf ein alter geschäftiger Pantalon mit Musikanten ankommt, die viel lustige Musik abspielen, wobei man nur allein die Töne nicht hört, was auf die Zuschauer einen sonderbaren Eindruck macht. Zulezt wird bei der stummen Musik getanzt, und der Pantalon macht recht gute Bemerkungen über sein musikalisches Gehör, vertheidigt auch das Mährchen, daß die Töne am Nordpole gefrören, und nur im warmen Süden wieder aufthaueten und hörbar würden. Das Alles ist so sonderbar, daß man schlechterdings nicht weiß, ob man's ernsthaft oder lustig nehmen soll; einige gescheute Leute unter den Zuschauern halten's gar für toll.

Als jene beiden ersten endlich zu Bette gegangen sind, kommt der Hanswurst mit dem andern Bruder wieder. Dieser spricht, wie er weite Reisen von einem Pole zum andern gemacht, und doch die Kolombine nicht gefunden, weshalb er verzweifeln und sich ums Leben bringen wollte. Der Hanswurst öffnet eine Klappe an der Brust der Marionette und findet wirklich jezt zu seinem Erstaunen ein Herz darin, worüber er besorgt wird und in der Angst mehrere gescheute Ideen bekommt, z. B. daß Alles in dem Leben, sowohl der Schmerz wie die Freude, nur Erscheinung sei, wobei nur blos das ein böser Punkt, daß die Erscheinung selbst nie zur Erscheinung käme, weshalb die Marionetten es denn auch niemals ahneten, daß man sie zum Besten hätte und blos zum Zeitvertreib mit ihnen spielte, sondern sich vielmehr sehr ernsthafte und bedeutende Personen dankten. – Er will ihm darauf das Wesen einer Marionette selbst begreiflich machen, konfundiert sich aber beständig dabei, und steht nach einer langen sehr drolligen Rede wieder am Ende da, wo er anfing. – Nun lachte er in der Stille hämisch ins Fäustchen und geht ab. –

Im vierten Akte treffen die beiden Brüder zusammen, und indem der mit dem Herzen redet, werden plötzlich die stummen Töne aus dem vorigen Akte hörbar, und begleiten die Worte, worüber der Bruder ohne Herz ganz konfus wird. Arlequin kommt nun auch dazu und spottet über die Liebe, weil sie keine heroische Empfindung sei, und nicht für das allgemeine Beste benuzt werden könne. Er fordert auch den Direktor auf, sie für die Folge ganz abzuschaffen, und reine moralische Gefühle bei seiner Truppe einzuführen. Zulezt dringt er auf eine Revision des Menschengeschlechts und auf einige höchstnöthige Weltreparaturen; besteht auch sehr trotzig darauf zu wissen, weshalb er den Narren eines ihm unbekannten Publikums abgeben müsse.

Nun wird eine tragische Situation sehr schlecht ausgeführt. Die schöne Kolombine erscheint nemlich, und als der Bruder ohne Herz sie dem andern als seine Gattin vorstellt, fällt dieser ohne ein Wort zu sagen, höchst ungeschickt, mit dem hölzernen Kopfe auf einen Stein. Jene beiden laufen fort, um Hülfe zu senden; der Hanswurst aber hebt ihn auf und indem er ihm die blutige Stirn abwischt, bittet er ihn ganz gelassen, daß, weil es keine Dinge an sich gäbe, er sich den Stein, so wie die ganze Geschichte lieber aus dem Kopfe schlagen möge. Auch lobt er den Direktor, daß er das griechische Fatum abgeschaft und dafür eine moralische Theaterordnung eingeführt habe, nach der Alles zulezt sich gut auflösen müsse.

Der lezte Akt ist nun gar zum Todtlachen. Erst werden alberne Walzer gespielt, um die Gemüther zu besänftigen; dann erscheint die Marionette mit dem Herzen, und beweiset der Kolombine durch Syllogismen und Sophismen, daß der Direktor die Puppen vertauscht, und sie, in einem Irrthume, seinem Bruder zur Gemahlin gegeben, da sie doch dem komischen Ausgange des Stückes gemäß, ihm selbst gehöre. Die Kolombine scheint ihm zu glauben, will aber doch aus Moralität und Achtung gegen den Marionettendirektor es nicht gehabt haben, worauf er in Verzweiflung geräth und kurze Anstalt sie zu entführen macht. Sie stößt ihn verächtlich zurück, da gebehrdet er sich wie ein Rasender, rennt die hölzerne Stirn gegen die Wand, und wendet die Assonanz in U an. Zulezt stürzt er fort, und schleudert nur noch den schönen Pagen aus dem zweiten Akte, der eben schlaftrunken, im Nachtkleide, vorübergehen will, in das Zimmer, das er hinter sich zuschließt.

Nach einer kurzen Pause erscheint er wieder mit der Bruder-Marionette, die einen gezogenen Degen in der Hand hält, und nach einer kurzen steifen Tirade, erst den Pagen, dann die Kolombine und endlich sich selbst niederstößt. Der Bruder steht ganz stier und dumm unter den drei hölzernen Puppen, die rings umher auf der Erde liegen; dann greift er, ohne ein Wort weiter zu sagen, ebenfalls nach dem Degen, um auch sich selbst, zu guter lezt, hinterherzusenden; doch in diesem Augenblicke reißt der Drath, den der Direktor zu starr anzieht, und der Arm kann den Stoß nicht vollführen und hängt unbeweglich nieder; zugleich spricht es wie eine fremde Stimme aus dem Munde der Puppe und ruft: »Du sollst ewig leben!« –

Nun erscheint der Hanswurst wieder um ihn zu besänftigen und zu trösten, führt auch unter andern, als er es gar zu arg macht, ärgerlich an, wie albern es sei, wenn es einer Marionette einfiele über sich selbst zu reflektiren, da sie doch blos der Laune des Direktors gemäß, sich betragen müsse, der sie wieder in den Kasten lege, wenn es ihm gefiele. Dann sagte er auch manches Gute über die Freiheit des Willens und über den Wahnsinn in einem Marionettengehirne, den er ganz realistisch und vernünftig abhandelt; alles das um der Puppe zu beweisen, wie toll es eigentlich von ihr sei dergleichen Dinge sehr hoch zu nehmen, indem alles zulezt doch auf ein Possenspiel hinausliefe, und der Hanswurst im Grunde die einzige vernünftige Rolle in der ganzen Farçe abgäbe, eben weil er die Farçe nicht höher nähme als eine Farçe.«

Hier hielt der Mann einen Augenblick inne, und sagte dann in recht lustig wilder Laune: »Da hast du das ganze Fastnachtsspiel, worin ich selbst den Bruder mit dem Herzen dargestellt habe. Ich finde es übrigens recht wohl gethan, seine Geschichte so in Holz zu schnizzen und abzuspielen, man kann dabei recht boshaft sein, ohne daß die Moralisten etwas dagegen einwenden, und es eine Lästerung heißen dürfen. Auch erscheint alles recht erhaben unmotivirt, wie es doch in den ursprünglichen Verhältnissen wirklich ist, obgleich wir albernen Menschen im Kleinen gern motiviren mögen, dagegen unser Director es gar nicht thut, und keine Rechenschaft giebt, weshalb er so manche verpfuschte Rolle, wie ich z. B. eine bin, in seinem Fastnachtsspiele nicht ausstreichen will. O schon seit vielen Menschenaltern habe ich mich bestrebt aus dem Stücke herauszuspringen und dem Direktor zu entwischen, aber er läßt mich nicht fort, so pfiffig ich es auch anfangen mag. Das Ueberdrüßigste dabei ist die Langeweile, die ich immer mehr empfinde; denn du sollst wissen, daß ich hier unten schon viele Jahrhunderte als Akteur gedient habe, und eine von den stehenden italienischen Masken bin, die gar nicht vom Theater herunterkommen.«

»Ich hab's auf alle Weise versucht. Anfangs gab ich mich bei den Gerichten an, als großen Bösewicht und dreifachen Mörder; sie untersuchten's und thaten endlich den Ausspruch: ich müsse leben bleiben, indem sich aus meiner Defension ergäbe, wie ich nicht in bestimmten und ausdrüklichen Worten den Mord beauftragt, und er mir nur höchstens als eine geistige Handlung zuzurechnen sei, die nicht vor ein forum externum gehöre. Ich verwünschte meinen Defensor, und die Folge war ein leichter Injurienprozeß, womit man mich laufen ließ.«

»Darauf nahm ich Kriegsdienste, und versäumte keine Schlacht; doch zeichnete das Schicksal meinen Namen auf keine einzige Kugel, und der Tod umarmte mich auf der großen Wahlstätte unter tausend Sterbenden, und zerriß seinen Lorbeerkranz, um ihn mit mir zu theilen. Ja ich mußte nun gar in dem verhaßten Drama eine glänzende Heldenrolle übernehmen, und verwünschte knirschend meine Unsterblichkeit, die mir auf allen Seiten in den Weg trat.«

»Tausendmal sezte ich den Giftbecher an die Lippen, und tausendmal entstürzte er der Hand, ehe ich ihn leeren konnte. Zu jeder Mitternachtsstunde trete ich, wie die mechanische Figur an dem Zifferblatte einer Uhr, aus meiner Verborgenheit hervor, um den Todesstoß zu vollführen, gehe aber jedesmal, wenn der lezte Schlag verhallt ist, wie sie, zurück, um sofort ins Unendliche wieder zu kehren und abzugehen. O wüßte ich nur dieses immerfort sausende Räderwerk der Zeit selbst aufzufinden, um mich hinein zu stürzen und es auseinander zu reißen, oder mich zerschmettern zu lassen. Die Sehnsucht diesen Vorsaz auszuführen bringt mich oft zur Verzweiflung; ja ich mache selbst wie im Wahnsinne tausend Plane es möglich zu machen – dann schaue ich aber plözlich tief in mich selbst hinein, wie in einen unermeßlichen Abgrund, in dem die Zeit, wie ein unterirdischer nie versiegender Strom dumpf dahin rauscht, und aus der finsteren Tiefe schallt das Wort ewig einsam herauf, und ich stürze schaudernd vor mir selbst zurük, und kann mir doch nimmer entfliehen.« –

Hier endete der Mann, und in mir stieg die heiße Sehnsucht auf, dem armen Schlaflosen das wohlthätige Opium mit eigener Hand zu reichen, und ihm den langen süßen Schlaf, nach dem sein heißes überwachtes Auge vergeblich schmachtete, zuzuführen. Doch fürchtete ich, daß in dem entscheidenden Augenblicke sein Wahnsinn von ihm weichen könnte, und er, sterbend, das Leben, eben um der Vergänglichkeit willen, wieder liebgewinnen mögte. O, aus diesem Widerspruche ist ja der Mensch geschaffen; er liebt das Leben um des Todes willen, und er würde es hassen wenn das, was er fürchtet, vor ihm verschwunden wäre.

So konnte ich nichts für ihn thun, und überließ ihn seinem Wahnsinn und seinem Schicksale.

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