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Nachtwachen

August Klingemann: Nachtwachen - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorBonaventura
titleNachtwachen
publisherGustav Kiepenheuer Verlag Weimar
seriesLiebhaberbibliothek
volumeNeunzehnter Band
printrun4.-8. Tausend
editorRaimund Steinert
year1916
firstpub1804
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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projectid66373d02
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Zwölfte Nachtwache

Es geht nun einmal höchst unregelmäßig in der Welt zu, deshalb unterbreche ich den Unbekannten im Mantel hier mitten in seiner Erzählung, und es wäre nicht übel zu wünschen daß mancher große Dichter und Schriftsteller sich selbst zur rechten Zeit unterbrechen möchte, so auch der Tod in der rechten Stunde das Leben großer Männer – Beispiele liegen nahe.

Oft erhebt sich der Mensch wie der Adler zur Sonne und scheinet der Erde entrückt, daß alle dem Verklärten in seinem Glanze nachstaunen; – aber der Egoist kehrt plözlich zurük und statt den Sonnenstrahl wie Prometheus geraubt zu haben und zur Erde herabzuführen, verbindet er den Umstehenden die Augen, weil er glaubt es blende sie die Sonne.

Wer kennt den Sonnenadler nicht, der durch die neuere Geschicht schwebt! –

Was übrigens meinen Unbekannten betrifft, so gebe ich nach romantischen Stoffen hungernden Autoren mein Wort, daß sich ein mäßiges Honorar mit seinem Leben erschreiben ließe – sie mögen ihn nur aufsuchen und seine Geschichte beenden lassen. –

In dieser Nacht war grosser Lerm. Aus der Hausthür eines berühmten Dichters flog eine Perücke und hinter drein eilte ihr Besitzer, so daß es zweideutig war, ob er dem vorausfliehenden Gute nachseze, oder vielmehr nachgesezt werde. Ich hielt ihn dieser Zweideutigkeit halber fest, und ließ ihn beichten. –

Mein Freund! – sagte er – Ich seze der Unsterblichkeit nach, und werde von ihr nachgesezt! Er selbst wird es wissen, wie schwer es ist berühmt zu werden, wie noch unendlich schwerer aber zu leben; man klagt in allen Fächern über Ueberhäufung, so auch in dem Fache des berühmt und lebendig seins, dazu beschwert man sich über so manche in beiden Fächern angestellte schlechte Subjekte, daß man niemandem mehr auf sein Wort glauben will. Mir besonders hat man große Schwierigkeiten in den Weg gelegt, und ich habe es durchaus zu nichts bringen können. Sage er selbst, was soll ein Mensch der nicht schon im Mutterleibe eine Krone auf dem Haupte trägt, oder mindestens, wenn er aus dem Sie gekrochen, an den Aesten eines Stammbaums das Klettern lernen kann, in dieser Welt anfangen, wenn er weiter nichts mitbringt als sein naktes Ich und gesunde Glieder. Ich kenne nichts einfältigeres in der Zeit worin wir einmal leben, und wo die Aemter, die Würden, die Ordensbänder und Sterne schon früher fertig sind, als der, der sie tragen oder bekleiden soll. Möchte ein armer Teufel, der nicht mindestens bei seiner Geburt gleich in einen warmen Rock fahren kann, nicht lieber wünschen als ein Stumpf aus seiner Mutterleibe hervorzugehen, angestaunt und gespeiset zu werden? Ich denke er versteht mich Kamerad!

Ich hab's auf alle Weise versucht mich fortzubringen, aber immer vergeblich; bis ich endlich fand ich habe Kants Nase, Göthens Augen, Lessings Stirn, Schillers Mund und den Hintern mehrerer berühmter Männer; ich machte darauf aufmerksam und fand Eingang, ja man fing an mich zu bewundern. Jetzt trieb ich's weiter, ich schrieb an große Geister um alten abgelegten Trödel, und das Glück wollte mir wohl, daß ich jetzt in Schuhen einherschreite in denen einst Kant eigenfüßig ging, am Tage Göthens Hut auf Lessings Perücke setze, und zu Abends Schillers Schlafmütze trage, ja ich ging noch weiter, ich lernte weinen wie Kotzebue und niesen wie Tiek, und er glaubt nicht welchen Eindruck ich oft dadurch zuwege bringe, die Kreatur wohnt nun einmal im Leibe, und hat es mit diesem lieber zu thun, als mit dem Geiste; es ist keine Spiegelfechterei, wenn ich ihm erzähle, daß jemand vor dem ich einst wie Göthe mit verkehrt gesetztem Hute und in die Rockfalten verborgenen Händen einherwandelte, mir die Versicherung gab, das amüsire ihn mehr, als Göthens neueste Schriften. – Man zieht mich seitdem an die vornehmsten Tafeln und ich befinde mich wohl dabei. –

»Nur heute fuhr ich übel, denn als ich einen bekannten großen Geist, der öffentlich bedeutend auftritt, in seinen vier Pfählen belauschen wollte, behandelte er mich als einen Dieb, ohnerachtet das was ich ihm in der Eile mit den Augen entwandte, nicht eben sehr rühmenswerth war.«

Er setzte sich nach diesen Worten Lessings Perücke wieder auf das Haupt und machte dabei noch folgenden Sarkasmus:

Freund was hat man von dieser Unsterblichkeit, wenn nach dem Tode die Perücke unsterblicher ist, als der Mann der sie trug? – Vom Leben selbst will ich nicht einmal reden, denn während seines Daseins stolzirt nur der sterblichste Schlucker unsterblich einher, während man nach dem Genius, wo er sich blicken läßt, mit Fäusten ausschlägt – erinnere er sich an das Haupt das vor mir in dieser Perücke steckte; Gute Nacht!« –

Ich ließ den Narren laufen. –

Auf dem Gottesacker trieb sich ein junger Mensch herum im Mondenschein, ich konnte ganz nahe an ihn kommen und er bemerkte mich nicht, weil er beschäftigt war durch heftiges Gestikuliren und Deklamiren sich in eine mäßige Verzweiflung zu bringen – das Mittel ist probat, und ich kannte wirklich einen Frühprediger der durch nichts zu Thränen zu bewegen war, außer wenn er sich selbst sehr heftig reden hörte; – es gelang ihm allmälig damit, ja er zog zulezt ein Pistol und sezte es sich verschiedene male an die Stirn, bis er endlich eine solche Höhe erreicht hatte, daß er kühn genug war es abzudrücken – es versagte, und bei der heftigen Bewegung entfiel ihm ein falscher Haarzopf. Da die Sache mir zulezt doch etwas mißlich vorkam, so sprang ich hinzu, und überreichte ihm den Entfallenen unter einer für die Lage passenden Anrede. Er mochte 's noch in der ersten Hitze für einen Dolch halten und brachte einige ernsthafte wie wohl vergebliche Stöße damit zu Stande.

Ich suchte ihn durch die Bemerkung, daß tragische Situationen durch komische Nüancen, wie z. B. durch einen dem König Lear im Affekte entfallenen Haarbeutel u. d. g. gestört würden, zu sich zu bringen, und es gelang mir in so weit, daß er sich auf den Grabhügel niedersetzte, und sich dazu verstand den falschen Haarzopf von mir wieder anheften zu lassen. Während des Geschäftes versuchte ich es ihn durch eine Apologie des Lebens zu bekehren, die er ruhig anhören mußte, weil ich ihn bei den Haaren dazu hielt.

Apologie des Lebens.

Bei Gott, das Leben ist doch schön! – Und was vermag Sie nur, junger Mensch, daß sie es leichtfertig wie diesen Haarzopf von sich schleudern wollen? – Fassen Sie das Band; ich will während des Wickelns so kurz als möglich ihnen einige Schönheiten zu entwickeln suchen. –

Was giebt es auf der Erde das Sie im Himmel – wenn anders außer dem Lufthimmel über uns noch ein zweiter, oder gar mehrere existiren sollten – besser erwarten könnten? – Finden Sie nicht hier unten Alles leidlich eingerichtet? Wissenschaften, Kultur und Sitten sind im schönsten Flore und wandern recht modern einher; der allgemeine Staat ist, wie Holland, mit Kanälen und Gräben durchschnitten, worinn alle menschliche Fähigkeiten geschickt abgeleitet und vertheilt werden, damit nicht zu fürchten steht, daß sie auf einmal in zu großer Vereinigung das Ganze überschwemmen möchten. Es giebt Menschen, die so vortheilhaft placirt sind, daß man sie als recht gute Hammer und Zangen betrachten kann, und die doch deshalb keineswegs an ihrer Unsterblichkeit Abbruch leiden; sehen sie nur diesen Koloß der Menschheit an, wie alles sich an ihm regt und arbeitet und verkehrt, der erste klettert über den zweiten hinauf, und über diesen wieder ein dritter, wie die Aequilibristen, dieser trägt Erfindungen, jener Systeme mit sich in die Höhe, und es kann nicht fehlen, daß dies Menschengeschlecht, das auf seinen eigenen Schultern immer höher kommt, oder sich, wie Münchhausen, bei seinem eigenen Zopf emporzieht, zuletzt sich bis in den Himmel verklettert, und es ganz unnöthig wird an einen zweiten zu denken. – Hält der Zopf nur an diesem Menschheitskopfe und ist kein falscher, wie der, an dem ich wickele, was ist es denn noch nöthig auf einem andern Wege als auf diesem sich in eine höhere Welt zu versetzen.

Was denken Sie auch dort zu gewinnen, Freund? Bessere Gesetze etwa? Für unsere hienieden spricht das Alter! Bessere Sitten? Wir sind darin so empor gestiegen, daß wir fast daraus hinausgekommen und über ihnen stehen! Bessere Verfassungen? Haben sie nicht, wie auf einer Landkarte die verschiedenen Farben, eine Menge vor sich liegen? Gehen Sie nach Frankreich, Freund, wo die Verfassungen mit den Moden wechseln, da können sie alle der Reihe nach anpassen, aus einer Monarchie in die Republik, und aus dieser wieder in eine Despotie fahren; sie können dort groß und klein, kurz nach einander, und zuletzt wieder ganz gewöhnlich sein, was doch immer für die Menschheit am interessantesten bleibt.

Freund, gegen den Menschenhaß giebt es treffliche Mittel; ja ich habe das Exempel gehabt, daß ein gutes Gericht mich selbst einst vom Selbstmorde abbrachte, und ich gesättigt ausrief: »das Leben ist doch schön!« Wie andere den Kopf oder das Herz, so nehme ich den Magen für den Sitz des Lebens an; an allem was je Großes und Vortrefliches in der Welt geschah, ist meistentheils der Magen Schuld. Der Mensch ist ein verschlingendes Geschöpf, und wirft man ihm nur viel vor, so giebt er in den Verdauungsstunden die vortreflichsten Sachen von sich, und verklärt sich essend und wird unsterblich.

Welche weise Einrichtung des Staats dahero, die Bürger – wie die Hunde die man zu Künstlern ausbilden will – periodisch hungern zu lassen! Für eine Mahlzeit schlagen die Dichter wie die Nachtigallen, bilden die Philosophen Systeme, richten die Richter, heilen die Aerzte, heulen die Pfaffen, hämmern, klopfen, zimmern, ackern die Arbeiter, und der Staat frißt sich zur höchsten Kultur hinauf. Ja hätte der Schöpfer den Magen vergessen, behaupte ich, so läge die Welt noch so roh da wie bei der Schöpfung, und sei jezt nicht der Rede werth.

Was denken Sie nun aber von jenem Leben, in das Sie diese innere Seele aller Bildung nicht mit hinüber nehmen, und wo sie nur geistig hineindringen wollen! – Reißen Sie sich nicht los, ich schlinge jezt erst die Schleife, wodurch ich ihr Haar wieder mit dem Zopfe verbinde! – Freund, der Geist ohne Magen gleicht dem Bären, der träg an seinen eigenen Pfoten saugt. Er ist nur der Schatzmeister dieses in ihm hängenden Säkels, und schneiden Sie ihm diesen ab, so ist's um ihn gethan. Giebt es eine Seelenwanderung, woran ich nicht zweifle, und fahren die abgeschiedenen Geister, wie denn das nicht unwahrscheinlich ist, eben so gut in Blumen und Früchte u. s. w. als in Thiere – wo liegt denn noch anders dieser Verbindungskanal der Geister, als in dem sie verschlingenden Magen, durch ihn steigen sie, nachdem das animalische wieder abgegangen ist, verflüchtigt in den Kopf empor, und es liegt so am Tage, daß wir die größten Weisen, einen Plato, Hemsterhuis, Kant u. s. w. blos durch behagliches Hineinessen in uns aufnehmen können.

Denken Sie hier an Beispiele: Göthe, der den Hans Sachs, die Romantiker und Griechen in sich vereinigt, ist ein so guter Esser, als Dichter, und hat wahrscheinlich diese Geister vorweggespeiset; Bonaparte mag den Julius Cäsar zu sich genommen haben, und nur der Geist des Brutus scheint dort noch ungegessen sich irgendwo aufzuhalten.

Wie ist es möglich, Freund, daß Sie diesem Magen und diesem Leben entsagen, und überhaupt aus dieser künstlichen Maschine, in der sie tausend Räder drehn und treiben, heraus fliegen wollen? Wie viele Bühnen liegen nicht um sie her, auf denen sie als Held agiren können! Schlachtfelder, Almanache, Litteraturzeitungen, das größere und das kleinere Theater« –

»Ich stehe am Hoftheater« – fiel der junge Mensch ein, indem er eine Danksagungsverbeugung für den wieder angehefteten falschen Zopf machte. – »Das Pistol ist übrigens ungeladen, und ich suchte mich nur hier am Grabe durch mäßiges Rasen in den Karakter eines Selbstmörders zu versetzen, den ich morgen darzustellen habe. Nüchternheit ist das Grab der Kunst! Ich fahre in die Leidenschaften möglichst hinein, wie in Schlachthandschuhe, ich spiele meine Karaktere mit Gefühl, und bin wenigstens, wie die größten Meister, auf einen Tag geizig, wenn ich einen Geizigen, oder toll, wenn ich einen Tollen dargestellt habe.

Dahin ging er, und ließ mich fast abgeschmakt und lächerlich da stehn. »O falsche Welt!« rief ich grimmig aus – »an der nichts mehr wahrhaft ist, selbst bis auf die Haarzöpfe deiner Bewohner, du leerer abgeschmackter Tummelplatz von Narren und Masken, ist es denn nicht möglich auf dir zu einiger Begeisterung sich zu erheben!«

Es war mir, wie wenn ich mich jezt in der Nacht unter dem zugedeckten Monde, weit ausdehnte, und auf großen schwarzen Schwingen, wie der Teufel über dem Erdball schwebte. Ich schüttelte mich und lachte, und hätte gern alle die Schläfer unter mir mit eins aufgerüttelt; und das ganze Geschlecht im Negligée angeschaut, wo es noch keine Schminke, falsche Zähne und Zöpfe und Brüste und Hintere auf- – und an- – und umgelegt, um den ganzen abgeschmakten Haufen boshaft auszupfeifen.

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