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Nächte der Venus

Reinhold Eichacker: Nächte der Venus - Kapitel 7
Quellenangabe
authorReinhold Eichacker
titleNächte der Venus
publisherUniversal-Verlag
printrun26.-50. Tausend
yearo.J.
firstpub
illustratorE. Deetjen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170112
projectid755b6cc7
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Der Venuswalzer.

Weiße Schultern, schwarze Fräcke,
und im Nebensaal, um die Ecke
die rotbehoste Zigeunerkapelle – – –
Auf dem Parkett
schwebende, schleifende, gleitende Füße,
in den Kleidern die ganze Süße
von Ambra und Iris und Rosenbukett.
Und über allem die trunkene Welle
von Tönen ...
Weinende Geigen und jubelnde Flöten
bei der Pußta braunen Söhnen;
jähes Erblassen und tiefes Erröten
bei den Paaren im Lichterglanz
und in dem flüsternden, flirtenden Rund –
Da – mitten im Tanz,
stockte Dein Fuß und bleich hauchte Dein Mund:
»Ich will nicht mehr tanzen –
                          komm ... in mein Zimmer!«
Und wie eine Flamme, vom Sturmwind erfaßt,
triebst Du zur Türe in fliegender Hast.
Aus Deiner Haare goldschürfendem Schimmer
schlug es wie Brand –
             Du sagtest kein Wort,
nur Deine heiße, bebende Hand
zog mich fort,
                          und ich folgte ihr ...
Dann – waren wir beide allein –
                          bei Dir! –
Nur der Mondenschein
hielt die träumende Stille des Dunkels umfangen
– – vom Saal her Stimmen
verschwommen und weit,
wie der Meermuschel Rauschen zur Kinderzeit –
– ... nur die Geigen sangen. –
             Die Töne flossen, vom Mondlicht getragen
durchs offene Fenster
und wiegten sich perlend, in sattem Behagen
wie schillernde Vögel in Blütenzweigen,
zur Höhe jauchzend, im Basse zerhackt,
immer weiter und weiter im Walzertakt,
und lockten zum Reigen – – –
             Wir standen an Deines Bettes Schwelle
auf weichem, seidigem Eisbärfelle
wie auf einer Wolke
und schwebten trunken
zu fernen Sternen am nächtigen Zelt – –
tief, tief versunken
war Zimmer und Erde und Menschenwelt.
             – Das Fell verschäumte zu spielender Flut
und trug uns wiegend den Tönen entgegen,
in unseren Gliedern war kein Bewegen,
wir standen, wie jäh erstarrtes Verlangen,
im Tanze drehte sich nur unser Blut ...
– – Und die Geigen sangen.
             Und unsere Adern sangen es mit,
die Sinne schwebten im Walzerschritt,
sich drehend und neigend,
sich senkend und steigend,
zärtlich und leis,
stürmend und heiß
und immer enger und enger im Kreis – – –!
Schon bebten die Füße im gleichen Takt,
schon flammten die Arme verschränkt und nackt,
in Deinen Augen versank mein Blick,
Dein Herz war nur noch von mir ein Stück,
Dein Mund war mein Mund,
Dein Kuß war mein Kuß,
eins waren die Wünsche,
eins Schmerz und Genuß,
ein Wirbel, ein Wesen, ein Ziel und ein Preis –
– und immer noch enger und enger der Kreis!
Und immer noch höher umstieg uns die Glut,
in rasendem Tanze verschmolz unser Blut,
und riß uns und trug uns,
und biß uns und schlug uns
und fetzte uns nackt aus zerfallenden Hüllen,
zerstäubte uns peitschend, das Weltall zu füllen,
warf Sterne und Sonnen in unsere Bahn,
schuf Höllen, und hob uns zum Himmel hinan,
als flammende Achse des irdischen Balls
umwirbelten uns die Gesichte des Alls,
und unsere Sehnsucht erstickte im Schrei
der sterbenden Geigen – – –
... und langsam, lautlos sanken wir wieder als zwei
vertaumelnde Menschen zur Erde nieder ...
Erwachend und stumm,
schauten wir uns in dem Zimmer um
und – lagen an Deines Bettes Schwelle
auf weichem, seidigen Eisbärfelle
und unsere Sinne beschlossen den Reigen
und zwischen den zärtlich verklingenden Geigen
zerstampften die Bässe, beendend, zerhackt,
den letzten, verhauchenden Walzertakt!

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