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Nächte der Venus

Reinhold Eichacker: Nächte der Venus - Kapitel 22
Quellenangabe
authorReinhold Eichacker
titleNächte der Venus
publisherUniversal-Verlag
printrun26.-50. Tausend
yearo.J.
firstpub
illustratorE. Deetjen
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170112
projectid755b6cc7
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Spuk.

Im Festsaal Gedränge und Stimmengeschwirre,
Lichterflut, junges Blut,
Menschengegacker und Blickegegirre,
Tische, Sektbuden, Teelauben, Bier,
davor Subalternes – und hohes Tier,
alt, jung, reich, arm, gemischt wie das Kleid,
denn Parole ist heute: Wohltätigkeit! –
Ladenmädel, Kokotte und Frau,
Halsborde, Boa, Fleischpolsterschau,
Matrone, geschieden, ledig, getraut,
Ehemann, Witwer, Blaustrumpf und Braut,
Jungfrau (vereinzeltes Exemplar) –
in Hüten, in Glatze, in lockigem Haar,
ab und zu klappernd ein Chapeau-claque,
bei Gehrock, und Joppe und Ordensfrack,
in Fischbein gepanzert und miederfremd,
in Jäger- und Leinen- und Seidenhemd,
in Sonntagsfähnchen und Spitzenkleid,
kurz: alles gemischt, ich sagte ja, heut
herrscht laut die Parole: Wohltätigkeit. –
      – Und nach der üblichen, alten Weise
dreht sich die Menge im Narrenkreise.
Die junge Frau Doktor ist ganz entzückt,
und nickt
den Tanten,
Freundinnen, Freunden und Festbekannten
beseligt zu.
Der Backfisch kichert verschämt und wird rot,
die dicke Geheime Kommerzienrat stöhnt
vor Wohltätigkeit und Atemnot,
sie ist soviel Arbeit nicht mehr gewöhnt.
Der Landwirt schilt auf die Steuerlast,
weil das ihm als Thema am besten paßt,
die Operndiva gähnt blasiert,
wenn ihr mal ein kleiner faux-pas passiert,
die jüngeren Jungfraun, ganz Süße und Mund,
gehn mit Blumen und Karten und Pralinees rund.
Das Ladenmädel fühlt sich »so froh«,
und kokettiert schnell nach irgendwo,
der Landrat schenkt sich das Sektglas voll
und findet die »Akustik« toll,
die Witwe zieht lächelnd die Handschuhe an
und äugt nach dem Opfer, dem künftigen Mann,
der Herr Gerichtsrat verbeugt sich steif
und hält die Welt fürs Tollhaus reif,
der lange Primaner spricht wie ein Buch
und schneuzt aus Versehen ins Biertischtuch,
die Exzellenz steht gewichtig und schreit
vor Leutselig-, Wohltätig-, Schwerhörigkeit,
die Gräfin gähnt leise: »wie abgeschmackt!«
– da – bums! – die Musik – im Walzertakt!
            ... Der Taktstock fliegt,
            die Geige liegt
            dem Lockenjüngling weich am Kinn,
      Ein Ah! – man lacht, der Blick fängt Glanz,
      schon walzt das erste Paar im Tanz
      und plötzlich dreht der Saal sich um
      und oben auf dem Podium
      sitzt, wie ein Geisbock anzuschau'n
            – ein Faun!
      Kratzt sich das zottige Ziegenfell
            und klemmt sich schnell
      die Hirtenflöte Pans vors Maul,
            kreischt wie ein Tier
            vor Lust und Gier,
      wischt sich die Lippen mit dem Schwanz,
      und spielt, nicht faul,
            zum Tanz!
Und – wuppdich! – verwandelt sich plötzlich der Saal.
Das ist kein Parkett mehr, kein Tanzlokal,
die Waldwiese dehnt sich im Sonnenglanz
und auf dem Rasen hüpft närrisch im Tanz
der Nymphen Völkchen in dichtem Schwarm,
und jede hält fest ihren Faun im Arm.
Verschwunden sind Hüte, das Kleid, das Korsett,
Blasiertheit, Geziertheit und Standesstolz,
das sind alles Wesen aus gleichem Holz,
und alles ist nett
wahrhaftig und nackt,
und dreht sich im sinnlichsten Walzertakt.
– Die junge Frau Doktor als Nymphenmaid
ist auch ohne Kleidchen voll Seligkeit,
der Backfisch hat sich den Primaner gewählt,
der ihr was von Venus und Bacchus erzählt,
der Landwirt in struppigem Ziegenfell
dreht sich mit der girrenden Ladenmamsell,
und merkt nicht, weil er wie ein Zaunbulle hopst,
daß ihr der Assessor am Rücken 'rumklopft,
der Doktor schwingt wild die Geheimrat rund,
ihr Busen quetscht furchtbar den Magenschwund,
der Amtsrichter hat aus der brandenden Gischt
vor Schrecken die Operndiva erwischt;
sie reißt ihn wie eine Bacchantin im Kreis,
daß er sich vor Scham nicht zu helfen weiß,
er schaudert, wie alles im Fleische sich wiegt,
und fragt sich entsetzt,
ob das denn nicht alle Gesetze verletzt,
– und schaudert noch als er am Boden liegt.
Die Witwe schwirrt lachend und kichernd vorbei,
der Landrat, als lüsterner, werbender Tor
raunt feixend ihr eben ins niedliche Ohr,
daß sie die entzückendste Wald-Krabbe sei.
      Das Blumenmädchen, vom Tanze berauscht,
hat Blumen und Karten mit Geisbock vertauscht,
die Gräfin ist trostlos, – und dreht sich geziert,
sie wurde von Seiner Exzellenz engagiert,
und ob' auch ihr Herzchen nach Jugend jetzt schreit,
Exzellenz ist ganz Wohltätig-Schwerhörigkeit –
– Da plötzlich wieder ein quietschender Schrei,
            ein schrillender Ton
            wie Lachen und Hohn,
der Waldschrat hoch auf dem Podium
dreht feixend den Rücken zum Publikum
wischt sich durch die grinsende Geisbockfratze,
            blickt stumm um sich 'rum
            und mit einem Satze
            hängt er an dem Rande der Galerie,
            schüttelt den Staub aus dem Bockschweif aus,
            krümmt das schmutzige, zottige Knie
            und – wupp! – ist er oben zum Fenster hinaus! –
Und wieder schließt sich der leuchtende Saal,
die Waldwiese wird wieder zum Tanzlokal,
die Zottelzaune vertauschen schnell
den Rock und den Frack mit dem Ziegenfell,
die Nymphen schließen ganz sittsam den Schoß
und lassen die Kniee des Tänzers los.
      Um Knochen und Formen voll Üppigkeit,
schließt wieder Rattun sich und Seidenkleid,
der Backfisch hängt tänzelnd das Nacktärmchen ein,
und schlüpft in das zierliche Mieder hinein,
der Frau Geheimrat wächst langsam – o Graus! –
das Fischbein aus Magen und Busen heraus,
der Herr Gerichtsrat wünscht, wenig galant,
die Operndiva ins Pfefferland,
der lange Primaner fällt schwitzend in Trab
und tritt sieben Damen die Spitzen ab,
der Landwirt knöpft sich seinen Gehrock zu
und brummt was von Sekt und von Rendezvous, –
die Witwe erklärt sich vom Landrat betört,
wobei sie mit Blicken zwei andre erhört,
die Gräfin sinkt atemlos auf eine Bank
und fühlt sich vor trostloser Langweile krank,
nur die Exzellenz glänzt vor Taubheit und schreit:
»Tscha, Gräfin – ganz recht tscha – die Wohltätigkeit!«

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