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Nachtasyl

Maxim Gorki: Nachtasyl - Kapitel 6
Quellenangabe
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typedrama
authorMaxim Gorki
titleNachtasyl
publisher
year
firstpub1902
translatorAugust Scholz
correctorreuters@abc.de
senderkoch.text@t-online.de
created20090730
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Vierter Aufzug

Bühneneinrichtung des ersten Aufzugs. Nur Pepels Kammer ist nicht mehr da, die Verschläge sind beseitigt. Auch der Amboß fehlt an der Stelle, wo Kleschtsch früher saß. In der Ecke, in der früher Pepels Kammer war, liegt der Tatar; er wälzt sich hin und her und stöhnt ab und zu. Am Tische sitzt Kleschtsch; er bessert eine Harmonika aus und probiert dann und wann die Akkorde. Am anderen Ende des Tisches sitzen Satin, der Baron und Nastja. Vor ihnen eine Flache Branntwein, drei Flaschen Bier, ein großes Stück Schwarzbrot. Auf dem Ofen der Schauspieler, er rückt unruhig hin und her und hustet. Es ist Nacht. Die Bühne wird durch eine Lampe erhellt, die mitten auf dem Tisch steht. Draußen heult der Wind.

 

Kleschtsch: J–ja … mitten in dem Lärm damals ist er verschwunden …

Der Baron: Geflüchtet ist er vor der Polizei … wie der Nebel vor der Sonne flieht …

Satin: So fliehen die Sünder vor dem Antlitz des Gerechten!

Nastja: Ein prächtiger alter Mann war 's! Und ihr … seid überhaupt keine Menschen … ihr seid Gesindel …

Der Baron  trinkt: Auf Ihr Wohl, Lady!

Satin: Ein interessanter Greis … ja! Unsere Nastenjka hat sich in ihn verliebt …

Nastja: Das hab ich auch … recht liebgewonnen hab ich ihn! Er hatte für alles ein Auge … für alles Verständnis …

Satin  lachend: Und war überhaupt für viele … was eine Mehlsuppe für zahnlose Leute ist …

Der Baron  lachend: Oder ein Zugpflaster für 'n Geschwür.

Kleschtsch: Er hatte ein mitleidiges Herz … ihr hier … kennt kein Mitleid …

Satin: Was hast du davon, daß ich dich bemitleide?

Kleschtsch: Brauchst mich nicht zu bemitleiden … aber wenigstens kränken … sollst du mich nicht …

Der Tatar  richtet sich auf der Pritsche auf und wiegt seine kranke Hand wie ein kleines Kind hin und her: Der Alte war gut … trug das Gesetz im Herzen! Wer's Gesetz im Herzen trägt – der ist gut! Wer's Gesetz nicht in sich hat – der ist verloren! …

Der Baron: Was für ein Gesetz, Fürst?

Der Tatar: Na, eben – das Gesetz … je nachdem … du verstehst mich schon!

Der Baron: Rede weiter!

Der Tatar: Tritt keinem Menschen zu nahe – da hast du schon das Gesetz …

Satin: Bei uns in Rußland nennt man das »Sammlung der Verordnungen über die Kriminal- und Korrektionsstrafen« …

Der Baron: Nebst einem Anhang: »Bestimmungen über die Strafen, die von den Friedensrichtern verhängt werden können« …

Der Tatar: Bei uns heißt es Koran … Euer Koran sind eure Gesetze … seinen Koran muß der Mensch im Herzen tragen … ja!

Kleschtsch  probiert die Harmonika: Zischt noch immer, das Biest! Was der Tatar sagt, ist richtig … man muß nach den Gesetzen leben … nach dem Evangelium …

Satin: Leb doch danach …

Der Baron: Versuch's doch …

Der Tatar: Mohammed hat den Koran gegeben, er sagte: Da habt ihr Euer Gesetz! Tut, was darin geschrieben steht! Dann wird eine Zeit kommen – da reicht der Koran nicht mehr zu … diese Zeit wird sich ein eignes Gesetz geben, ein neues … Jede Zeit gibt sich ihr eignes Gesetz …

Satin: Na ja … unsre Zeit hat sich eben die »Sammlung der Strafverordnungen« gegeben. Ein strammes Gesetz … wird sich so leicht nicht abnutzen!

Nastja  klopft mit ihrem Glas auf den Tisch: Nu möchte ich bloß wissen … warum leb ich eigentlich … hier bei euch? Ich will fort von hier … irgendwohin will ich gehen … bis ans Ende der Welt!

Der Baron: Ohne Schuhe, Lady?

Nastja: Ganz nackt meinetwegen! Auf allen vieren will ich kriechen!

Der Baron: Das wird ja sehr spaßig aussehen, Lady … auf allen vieren …

Nastja: Jawohl, das tu ich! Wenn ich nur deine Fratze nicht mehr zu sehen brauche … Ach, wie mir alles zuwider ist! Das ganze Leben … alle Menschen! …

Satin: Wenn du gehst, dann nimm doch den Schauspieler mit … Er will ja auch bald aufbrechen … er hat nämlich in Erfahrung gebracht, daß genau einen halben Kilometer vom Ende der Welt eine Heilanstalt für Organons existiert …

Der Schauspieler  streckt den Kopf über den Ofenrand vor: Für Organismen, Schafskopf!

Satin: Für Organons, die mit Alkohol vergiftet sind …

Der Schauspieler: Ja! Er wird aufbrechen! Sehr bald wird er aufbrechen … Ihr werdet sehen!

Der Baron: Wer ist dieser »er«, Sire?

Der Schauspieler: Ich bin's!

Der Baron: Merci, mein lieber Jünger der … äh, wie heißt sie doch? Die Göttin des Dramas, der Tragödie … wie hieß sie?

Der Schauspieler: Eine Muse war's, Schafskopf! Nicht Göttin, sondern Muse!

Satin: Lachesis … Hera … Aphrodite … Atropos … der Teufel soll sie alle unterscheiden! Ja … unser Musenjünger verläßt uns also … Den Floh hat ihm der Alte ins Ohr gesetzt …

Der Baron: Der Alte war ein Narr …

Der Schauspieler: Und ihr seid Wilde! Unwissende Knoten seid ihr! Wißt nicht mal, wer Melpomene ist. Ihr herzlosen Menschen! Ihr werdet sehen – er verläßt euch! »Prasset nur, ihr traurigen Gesellen« … wie es bei Béranger heißt … ja! Er wird den Ort schon finden … wo er nichts mehr … gar nichts mehr …

Der Baron: Wo es gar nichts mehr gibt, Sire?

Der Schauspieler: Ja! Gar nichts mehr! »Die Höhle hier … sie wird zum Grab mir werden … Ich sterbe, welk und kraftlos!« Und ihr … warum lebt ihr nur? Warum?

Der Baron: Hör mal, du – Kean oder Genie und Leidenschaft! Brülle nicht so!

Der Schauspieler: Halt's Maul! Gerade werde ich brüllen!

Nastja  hebt den Kopf vom Tisch hoch, fuchtelt mit den Armen in der Luft herum: Immer schrei zu! Mögen sie's hören!

Der Baron: Was hat das für 'nen Sinn, Lady?

Satin: Laß sie schwatzen, Baron! Hol sie der Teufel, alle beide … Mögen sie schreien … mögen sie sich die Schädel einrennen … immerzu! Einen Sinn hat's schon! … Stör die Leute nicht, wie der Alte sagt … Der Graukopf hat hier alles rebellisch gemacht …

Kleschtsch: Hat alle gelockt … irgendwohin … und wußte selber den Weg nicht …

Der Baron: Der Alte war ein Scharlatan …

Nastja: 's ist nicht wahr! Du bist selber ein Scharlatan!

Der Baron: Kusch dich, Lady!

Kleschtsch: Von der Wahrheit war er kein Freund, der Alte … Ist immer mächtig über die Wahrheit hergezogen … Schließlich hat er recht … Was nützt mir alle Wahrheit, wenn ich nichts zu beißen habe? Da, seht euch den Tataren an auf den Tataren weisend  … Hat sich die Hand zerquetscht bei der Arbeit … jetzt heißt es, sie muß ihm abgenommen werden … Da habt ihr die Wahrheit!

Satin  schlägt mit der Faust auf den Tisch: Still da! Ihr seid dummes Volk, alle miteinander. Redet bloß nicht von dem Alten! Ruhiger. Du, Baron, bist der Dümmste von allen … hat keinen blauen Schimmer – und schwatzt doch! Ein Scharlatan soll der Alte sein? Was heißt Wahrheit? Der Mensch ist die Wahrheit! Das hat er begriffen … ihr aber nicht! Ihr seid stumpfsinnig wie die Ziegelsteine. Ich versteh in ganz gut, den Alten … Er hat wohl geflunkert … aber es geschah aus Mitleid mit euch, weiß der Teufel! Es gibt viele solche Leute, die aus Mitleid mit dem Nächsten lügen … ich weiß es, hab darüber gelesen! Sie lügen so schön, so begeistert, so wundervoll! Es gibt so trostreiche, so versöhnende Lügen … Eine solche Lüge bringt es fertig, den klotz zu rechtfertigen, der die Hand des Arbeiters zermalmt … und den Verhungernden anzuklagen … Ich – kenne die Lüge! Wer ein schwaches Herz hat … oder wer sich von fremden Säften nährt – der bedarf der Lüge … Jenem flößt sie Courage ein, diesem leiht sie ein Mäntelchen … Wer aber sein eigner Herr ist … wer unabhängig ist und nicht vom schweiße des andern lebt – was braucht der die Lüge? Die Lüge ist die Religion der Knechte und der Herren … die Wahrheit ist die Gottheit des freien Menschen!

Der Baron: Bravo! Famos gesagt! Bin ganz deiner Meinung! Du sprichst … wie 'n anständiger Mensch!

Satin: Warum soll nicht ein Gauner mal so reden wie 'n anständiger Mensch – wenn die anständigen Leute so reden wie die Gauner? Ja … ich hab vieles vergessen, aber einiges hab ich doch noch behalten! Der Alte? Das war ein ganz gescheiter Kopf! Der hat auf mich gewirkt … wie Säure auf eine alte, schmutzige Münze … Na, prosit, er soll leben! Schenk ein … Nastja schenkt ein Glas Bier ein und reicht es Satin.

Satin  lächelnd: Der Alte – der lebt von innen heraus … er sieht alles mit seinen eigenen Augen an … Ich fragte … ihn einmal: »Großvater, wozu leben eigentlich die Menschen?« … Sucht in Stimme und Bewegungen Luka nachzuahmen. »Die Menschen? Ei, die leben um des Tüchtigsten willen! Da leben zum Beispiel die Tischler, wollen wir annehmen – lauter elendes Volk … und mit einemmal wird aus ihrer Mitte ein Tischler geboren … solch ein Tischler wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat; allen ist er über, kein andrer Tischler ist ihm gleich. Dem ganzen Tischlerhandwerk gibt er ein neues Gesicht … sein eignes Gesicht sozusagen … und mit einem Stoß rückt die Tischlerei um zwanzig Jahre vorwärts … Und so leben auch alle andern … die Schlosser und die Schuhmacher und alle übrigen Arbeitsleute … auch die Bauern … und sogar die Herren – nur um des Tüchtigsten willen! Jeder denkt, er sei für sich selbst auf der Welt, und nun stellt sich's heraus, daß er für jenen da ist … für den Tüchtigsten! Hundert Jahre … oder vielleicht noch länger … leben sie so, für den Tüchtigsten!« Nastja blickt Satin starr ins Gesicht. Kleschtsch hört auf, an der Harmonika zu arbeiten, und hört gleichfalls zu. Der Baron läßt den Kopf sinken und trommelt mit den Fingern auf den Tisch. Der Schauspieler streckt den Kopf über den Ofenrand vor und sucht vorsichtig auf die Pritsche herunterzuklettern.

Satin  fortfahrend: »Alle, mein Lieber, alle leben einzig um des Tüchtigsten willen! Darum sollen wir auch jeden Menschen respektieren … wissen wir doch nicht, wer er ist, wozu er geboren wurde, und was er noch vollbringen kann … Vielleicht wurde er uns zum Glück geboren … zu großem Nutzen … Ganz besonders aber müssen wir die Kinder respektieren … die kleinen Kinderchen ! Die Kinderchen müssen Freiheit habe … Laßt die Kinder sich ausleben … respektiert die Kinder!« Lacht still für sich. Pause.

Der Baron  nachdenklich: Für den Tüchtigsten … Hm ja … Das erinnert mich an meine eigne Familie … Eine alte Familie … noch aus den Zeiten Katharinas … vornehmer Adel … Militärs! … Wir sind aus Frankreich eingewandert … sind in russische Dienste getreten … sind immer höher gestiegen … Unter Nikolaus I. hat mein Großvater, Gustave Deville … einen hohen Posten bekleidet … er war reich … hatte Hunderte von Leibeigenen … Pferde … einen Koch …

Nastja: Lüg doch nicht! 's ist alles Schwindel!

Der Baron  springt auf: Wa–as? N–na … weiter!

Nastja: Alles Schwindel!

Der Baron  schreit: Ein Haus in Moskau! Ein Haus in Petersburg! Kutschen … Wappen am Kutschenschlag! Kleschtsch nimmt die Harmonika, erhebt sich und geht auf die Seite, von wo aus er die Szene beobachtet.

Nastja: Schwindel!

Der Baron: Kusch dich! Dutzende von Lakaien … sag ich dir!

Nastja  mit sichtlichem Behagen: Alles Schwindel!

Der Baron: Ich schlag dir den Schädel ein!

Nastja  macht Miene wegzulaufen: Kutschen? Ist Schwindel!

Satin: Hör auf, Nastenjka! Mach ihn nicht wütend …

Der Baron: Wart, du nichtsnutziges Ding! Mein Großvater …

Nastja: Es gab gar keinen Großvater! Gar nichts gab's! Satin lacht.

Der Baron  sinkt, ganz erschöpft vor zorniger Erregung, auf die Bank zurück: Satin, sag ihr doch … der Schlumpe … was – auch du lachst? Auch du … willst mir nicht glauben? Schreit voll Verzweiflung, indem er mit der Faust auf den Tisch schlägt. Hol euch der Teufel … es war so, wie ich es sage!

Nastja  in triumphierendem Ton: Aha, siehst du, wie du aufgeschrien hast? Jetzt weißt du, wie einem Menschen zumute ist, wenn man ihm nicht glauben will!

Kleschtsch  kehrt an den Tisch zurück: Ich dachte schon, es gibt 'ne Prügelei …

Der Tatar: Ist das 'n dummes Volk! Zu läppisch!

Der Baron: Ich … laß mich nicht so foppen! Ich habe Beweise … Dokumente hab ich, zum Kuckuck!

Satin: Wirf sie in 'n Ofen! Und vergiß die Kutschen deines Großvaters … In der Kutsche der Vergangenheit kommt der Mensch nicht vom Fleck …

Der Baron: Wie kann sie es aber wagen …

Nastja: Nun sag einer! Wie ich's wagen kann …

Satin: Du siehst doch, sie wagt es! Ist sie etwa schlechter als du! Wenn sie auch in ihrer Vergangenheit ganz sicher keine Kutschen und keinen Großvater  … vielleicht nicht mal Vater und Mutter aufzuweisen hat …

Der Baron  sich beruhigend: Hol dich der Teufel … du urteilst über alles so kaltblütig, während ich gleich … Ich glaube, ich hab keinen Charakter …

Satin: Schaff dir einen an. Ist 'ne nützliche Sache … Pause. Sag mal, Nastja – gehst du nicht öfters ins Krankenhaus?

Nastja: Weshalb?

Satin: Zu Natascha?

Nastja: Jetzt fragst du? Die ist längst heraus … heraus und verschwunden! Nirgends ist sie zu finden …

Satin: Also spurlos verschwunden …

Kleschtsch: Bin neugierig, ob Wasjka die Wassilissa, oder Wassilissa den Wasjka gründlicher reinlegt …

Nastja: Wassilissa? Die wird sich rausschwindeln! Die ist schlau. Den Wasjka werden sie wohl in die Zwangsarbeit schicken …

Satin: Für Totschlag bei 'ner Schlägerei gibt's nur Gefängnis …

Nastja: Schade. Zwangsarbeit wäre besser. Euch alle sollte man in die Zwangsarbeit schicken … Wegfegen sollte man euch, wie einen Haufen Schmutz … in 'ne Grube irgendwohin!

Satin  verdutzt: Was fällt dir ein? Bist wohl verrückt geworden?

Der Baron: Ich hau dir gleich eine 'runter … freches Ding!

Nastja: Versuch's mal! Rühr mich nur an!

Der Baron: Gewiß versuch ich's!

Satin: Laß sie, rühr sie nicht an! »Beleidige den Menschen nicht in ihr!« … Immer wieder fällt mir dieser Alte ein! Lacht laut. Beleidige den Menschen nicht in ihr! Und wenn man mich beleidigt hat – so, daß ich fürs ganze Leben genug habe –, was soll ich dann tun? Verzeihen? Nie und nimmer!

Der Baron  zu Nastja: Merk dir's, du: Ich bin nicht deinesgleichen! Du … Dirne!

Nastja: Ach, du … Unglücklicher ! Du lebst doch von mir, wie die Made vom Apfel … Die Männer lachen verständnisvoll.

Kleschtsch: Dumme Gans! Ein schöner Apfel bist du …

Der Baron: Soll man sich ärgern … über solch eine … Idiotin?

Nastja: Ihr lacht? Verstellt euch doch nicht! Euch ist's nicht zum Lachen …

Der Schauspieler  finster: Gib's ihnen gehörig!

Nastja: Wenn ich nur … könnte! Ich würde euch alle … Nimmt eine Tasse vom Tisch und wirft sie auf den Boden. So!

Der Tatar: Was zerschlägst du das Geschirr? He, du verdrehte Schraube?

Der Baron  erhebt sich: Nein, ich muß ihr doch mal … Manieren beibringen!

Nastja  läuft fort: Hol euch der Teufel!

Satin  ruft hinter ihr her: Hör endlich auf! Was soll das? Wem willst du hier bange machen?

Nastja: Ihr Wölfe! Krepieren sollt ihr! Wölfe!

Der Schauspieler  finster: Amen!

Der Tatar: Uh! Böses Volk – diese russischen Weiber! Zu frech … zu zügellos! Die Tatarin – die ist nicht so! Die Tatarin kennt das Gesetz!

Kleschtsch: 'nen Denkzettel müßte sie kriegen …

Der Baron: So 'ne gern – meine Person!

Kleschtsch  probiert die Harmonika: Fertig! Und ihr Besitzer läßt sich nicht sehen … Der Junge treibt's toll …

Satin: Nun trink mal!

Kleschtsch  trinkt: Danke! 's ist Zeit, sich aufs Ohr zu legen …

Satin: Gewöhnst dich nach und nach an uns ?

Kleschtsch  trinkt und geht in die Ecke zur Pritsche: Es macht sich … Überall – sind schließlich Menschen … Anfangs sieht man das nicht so … aber später, wenn man genauer zuschaut, zeigt sich's, daß überall Menschen sind … Es macht sich alles … Der Tatar breitet irgend etwas auf der Pritsche aus, kniet nieder und betet.

Der Baron  zu Satin, auf den Tataren zeigend: Sieh doch!

Satin: Laß ihn … 's ist ein guter Kerl … stör ihn nicht! Lacht laut. Ich bin heut so weichherzig … weiß der Teufel, wie das kommt!

Der Baron: Du bist immer weichherzig, wenn du angeheitert bist … und so verständig bist du dann …

Satin: Wenn ich angeheitert bin … gefällt mir alles. Hm – ja … Er betet? Sehr schön von ihm! Der Mensch kann glauben oder nicht glauben … das ist seine Sache! Der Mensch – ist frei! … Der Mensch – ist die Wahrheit! was heißt überhaupt »Mensch«? Das bist nicht du, und nicht ich bin's, und nicht sie sind es … nein! Sondern du, ich, sie, der alte Luka, Napoleon, Mohammed … alle miteinander sind es! Zeichnet in der Luft die Umrisse einer menschlichen Gestalt. Verstanden! Das ist – etwas ganz Großes! Das ist etwas, worin alle Anfänge stecken und alle Enden … Alles im Menschen, alles für den Menschen. Nur der Mensch allein existiert, alles übrige – ist das Werk seiner Hände und seines Gehirns! Der M–ensch! Einfach großartig! So erhaben klingt das! M–men–nsch! Man soll den Menschen respektieren! Nicht bemitleiden … nicht durch Mitleid erniedrigen soll man ihn … sondern respektieren! Trinken wir auf das Wohl des Menschen, Baron! Wie schön ist's doch – sich als Mensch zu fühlen! Ich … bin ein ehemaliger Sträfling, ein Totschläger, ein Falschspieler … na ja! Wenn ich auf die Straße gehe, gucken die Leute mich an, als wäre ich der ärgste Spitzbube … sie gehen mir aus dem Wege, sie starren hinter mir her …und öfters sagen sie zu mir: Halunke! Windbeutel! Warum arbeitest du nicht? … Arbeiten? Wozu? Um satt zu werden? Lacht laut auf. Ich habe die Menschen immer verachtet, die um das Sattwerden gar zu besorgt sind. Nicht darauf kommt's an, Baron! Nicht darauf! ^Der Mensch ist die Hauptsache! Der Mensch steht höher als der satte Magen! Erhebt sich von seinem Platz.

Der Baron  schüttelt den Kopf: Du denkst nach über die Dinge … Das ist vernünftig … das wärmt dir das Herz … Mir ist's nicht gegeben. Sieht sich vorsichtig um und fährt leise fort. Ich fürchte mich manchmal, Bruder … verstehst du! Ich verlier den Mut, denn ich sage mir: Was weiter?

Satin  geht auf und ab: Dummes Zeug! Vor wem soll der Mensch sich fürchten?

Der Baron: Soweit ich zurückdenken kann, siehst du … war's mir immer, als ob ein Nebel auf meinem Gehirn läge. ich wußte nie recht, was mit mir los war … fühlte mich immer, als ob ich mein Leben lang mich nur an- und ausgezogen hätte … warum? Keine Ahnung! Ich habe gelernt … habe die Uniform einer adeligen Erziehungsanstalt getragen … aber was ich gelernt habe? Keine Ahnung … Ich habe geheiratet – zog einen Frack an, dann einen Schlafrock … nahm mir ein Scheusal von Weib – warum? Keine Ahnung … Ich hab alles durchgebracht, was da war – und trug ein schäbiges graues Jackett und fuchsige Hosen … aber wie ich eigentlich auf den Hund gekommen bin? Nicht die blasseste Ahnung … Ich wurde beim Kameralhof angestellt … bekam eine Uniform, eine Mütze mit Kokarde … ich unterschlug amtliche Gelder … zog den Sträflingskittel an … dann – zog ich das hier an … Und alles … geschah wie im Traum … lächerlich, was?

Satin: Nicht sehr … Ich find's eher dumm …

Der Baron: Ja … auch mir scheint es dumm … Aber irgendeinen Zweck muß es doch haben, daß ich geboren wurde … wie?

Satin  lacht: Schon möglich … Der Mensch wird um des Tüchtigsten willen geboren! Nickt mit dem Kopf. Stimmt … ausgezeichnet.

Der Baron: Diese … Nastjka … Läuft einfach fort … will doch mal sehen, wo sie steckt! Es ist doch immer … Ab. Pause.

Der Schauspieler: Du, Tatar! Pause. Tatar! Der Tatar wendet den Kopf nach ihm um. Bete für mich …

Der Tatar: Was willst du?

Der Schauspieler  leiser: Beten sollst du … für mich! …

Der Tatar  nach kurzem Schweigen: Bete doch selber …

Der Schauspieler  klettert rasch vom Ofen herunter, tritt an den Tisch heran, gießt sich mit zitternder Hand ein Glas Branntwein ein, trinkt und geht hastig , fast laufend, in den Hausflur. Jetzt geh ich!

Satin: He – du, Sikambrer! Wohin? Er pfeift. Medwedew, in einer wattierten Frauenjacke, und Bubnow kommen herein – beide ein wenig angeheitert. Bubnow trägt in der einen Hand ein Bund Brezeln, in der andern ein paar geräucherte Fische, unter dem Arm eine Flasche Branntwein, in der Rocktasche eine zweite.

Medwedew: Das Kamel ist … 'ne Art Esel, sozusagen. Nur daß es keine Ohren hat …

Bubnow: Hör endlich auf! Bist selber – eine Art Esel.

Medwedew: Ohren hat das Kamel überhaupt nicht! Es hört mit den Nasenlöchern …

Bubnow  zu Satin: Herzensfreund! ich hab dich in allen schenken und Spelunken gesucht! Nimm mir die Flasche ab, ich hab keine Hand frei …

Satin: Leg doch die Brezeln auf den Tisch, dann hast du gleich eine Hand frei …

Bubnow: Stimmt! Du bist doch … Hast du gehört, Mann des Gesetzes? Das ist 'n Schlaukopf!

Medwedew: Alle Gauner – sind schlau … Das weiß ich längst! was sollten sie ohne Schlauheit anfangen? Ein unordentlicher Mensch – der kann auch dumm sein; doch ein Spitzbube muß Grütze im Kopfe haben. Aber wegen des Kamels, Bruder … bist du schiefgewickelt … Ein Kamel ist 'n Reittier, sag ich … Hörner hat es nicht … und Zähne auch nicht …

Bubnow: Wo steckt denn die ganze Gesellschaft? Kein Mensch da! Heda, kommt doch ran … ich spendier heut! Wer sitzt denn dort im Winkel?

Satin: Hast wohl bald alles verjuxt, Vogelscheuche?

Bubnow: Das versteht sich! Diesmal war's Kapitälchen nur ganz klein … das ich zusammengescharrt hatte … Schiefkopf! Wo ist denn der Schiefkopf?

Kleschtsch  tritt an den Tisch heran: Er ist nicht da …

Bubnow: U–u–rrr! Bulldogge! Brlju, brlju! brlju! Puterhahn! Nur nicht bellen, nur nicht knurren! Trink, schmause. laß den Kopf nicht hängen … ich halte alle frei! Das tu ich zu gern, Bruder! Wenn ich ein reicher Mann wäre … ich machte 'ne Schenke auf, in der alles umsonst zu haben wäre! Bei Gott! Mit Musik und einen Sängerchor … Immer ran, trinkt, eßt, hört zu … erquickt eure Seele! Nur herein zu mir, armer Mann … in meine Gratiskneipe! Satin! Bruder! Ich möchte dich … da, nimm die Hälfte meiner sämtlichen Kapitalien! Da, nimm sie!

Satin: Gib mir nur gleich alles …

Bubnow: Alles? Mein ganzes Kapital? Sollst du haben … da! Ein Rubel! Noch einer … ein Zwanziger … ein paar Fünfer … ein paar Zweikopekenstücke … das ist alles!

Bubnow: Schön … Bei mir ist's sicherer aufgehoben … ich gewinne damit mein Geld zurück …

Medwedew: Ich bin Zeuge … Du hast ihm das Geld in Verwahrung gegeben … wieviel war's doch?

Bubnow: Du? Du bist – ein Kamel … Wir brauchen keine Zeugen …

Aljoschka  kommt mit nackten Füßen herein: Kinder! Ich hab mir die Füße naß gemacht!

Bubnow: Komm – mach dir auch die Gurgel naß … dann klappt die Sache wieder! Bist 'n lieber Kerl … singst und musizierst … sehr nett von dir! Aber – saufen … solltest du nicht! Das Saufen ist nämlich schädlich, Bruder … sehr schädlich! …

Aljoschka: Das seh ich an dir! Du bist erst ein Mensch, wenn du einen weg hast … Kleschtsch! Ist meine Harmonika repariert? Singt und tanzt dazu.

Wär ich nicht so 'n schmucker,
Netter, frischer Knabe,
würde mich die Frau Gevatter'n
Nicht so gerne haben!

Ganz erfroren bin ich, Kinder! 's ist kalt!

Medwedew: Hm … und wenn man fragen darf: wer ist denn die Frau Gevatterin?

Bubnow: Du – das gewöhn dir ab! Du hast jetzt gar nichts zu fragen! Bist kein Polizist mehr … abgemacht! Weder Polizist noch Onkel bist du …

Aljoschka: Sondern einfach – Tantchens Mann!

Bubnow: Von deinen Nichten sitzt die eine im Loch und die andre liegt im Sterben …

Medwedew  wirft sich in die Brust: Das ist nicht wahr! Sie liegt nicht im Sterbe: sie ist einfach verschollen! Satin lacht laut auf.

Bubnow: Ganz gleich, Bruder! Ein Mensch ohne Nichten – ist kein Onkel!

Aljoschka:Ew. Exzellenz! Pensionierter Tambour von der Löffelgarde!

Geld hat die Gevatter'n,
Ich hab keinen Groschen –
Dafür bin ich allerwegen
Einer von den Forschen!

Brr! 's ist kalt! Schiefkopf kommt herein; dann, bis zum Ende des Aufzugs, folgen noch ein paar Gestalten. Männer und Weiber. Sie entkleiden sich, strecken sich auf den Pritschen aus und brummen vor sich hin.

Schiefkopf: Warum bist du fortgelaufen, Bubnow?

Bubnow: Komm her, setz dich! Wollen was singen, Bruder! Mein Lieblingslied … was?

Der Tatar: Jetzt ist Nacht, da wird geschlafen! Singt am Tage!

Satin: Laß sie doch, Fürst" Komm mal her!

Der Tatar: »Laß sie doch« – so! 's gibt Spektakel … wenn gesungen wird.

Bubnow  geht zu ihm hin: Was macht die Hand, Tatar? Hat man sie dir schon abgeschnitten?

Der Tatar: Warum abgeschnitten? Wollen noch warten … vielleicht ist's nicht nötig, sie abzuschneiden … eine Hand ist nicht von Eisen … 's ist rasch gemacht, das Abschneiden …

Schiefkopf: 's ist eine faule Sache, Hassanka! Was bist du ohne Hand? Bei unsereinen fragen sie bloß nach den Händen und nach dem Buckel … Ein Mensch ohne Hand – ist überhaupt kein Mensch! Kann sich einfach begraben lassen … Komm, trink ein Gläschen mit uns …

Kwaschnja  tritt ein: Ach, meine lieben Mieter! Ist das 'n Hundewetter draußen! Ein Matsch und eine Kälte … ist mein Polizist da? Heda, Wachtmeister!

Medwedew: Hier bin ich …

Kwaschnja: Hast du wieder meine Jacke an? Was ist denn mit dir? Ich glaube gar, du hast 'n bißchen … na, das fehlte noch!

Medwedew: Bubnow … hat Geburtstag … und 's ist so kalt … so 'n Matsch!

Kwaschnja: Ich will dich lehren … so 'n Matsch! Nur nicht über die Stränge schlagen … Geh schlafen! …

Medwedew  ab in die Küche: Schlafen gehen? Das kann ich … das will ich tun …'s ist Zeit! Ab.

Satin: Warum bist du denn so streng gegen ihn?

Kwaschnja: Es geht nicht anders, lieber Freund. Ein Mann wie der muß streng gehalten werden. Zum Spaß hab ich ihn mir nicht genommen! Er ist 'n Militär, dacht ich … und ihr seid ein wüstes Volk … da wird ich als Weib nicht allein fertig mit euch … nu fängt er mir an zu saufen – nee, mein Junge, das gibt's nicht!

Satin: Hast deinen Assistenten schlecht gewählt …

Kwaschnja: Nee, laß mal – er ist ganz gut … du willst mich ja nicht haben! Und wenn du mich schließlich auch wolltest – länger als acht Tage würde die Herrlichkeit nicht dauern … Mit Haut und Haaren würdest du mich verspielen!

Satin  lacht laut auf: Das stimmt! Verspielen würd ich dich …

Kwaschnja: Na also! Aljoschka!

Aljoschka: Hier ist er …

Kwaschnja: Sag mal – was hast du über mich geschwatzt?

Aljoschka: Ich? Allerhand! Alles schwatz ich, was ich verantworten kann! Das ist 'n Weib! sag ich. Ein ganz erstaunliches Weib! Fleisch, Fett, Knochen – über drei Zentner, und Gehirn – nicht 'n halbes Lot.

Kwaschnja: Na, da lügst du, mein Junge. Ich hab sogar ein ganz ansehnliches Gehirn … Nein – warum erzählst du den Leuten, daß ich meinen Polizisten prügle?

Aljoschka: Ich dachte, weil du ihn an den Haaren zerrst … das ist doch so gut wie geprügelt …

Kwaschnja  lacht: Dummer Kerl! Wozu den Schmutz aus dem Hause tragen? … Das muß ihn doch kränken … Aus lauter Ärger über dein Geklätsch hat er zu trinken angefangen …

Aljoschka: Sieh mal an! Also ist's doch wahr, was das Sprichwort sagt: daß auch das Huhn trinkt! Satin und Kleschtsch lachen.

Kwaschnja: Bist du aber witzig! Und sag mal, was bist du eigentlich für 'n Früchtchen, Aljoschka?

Aljoschka: ich bin ein Kerl, der in die Welt paßt! Allerfeinste Sorte! Wohin mein Auge sieht – dahin mein Herz mich zieht!

Bubnow  an der Pritsche des Tataren: Komm! Schlafen lassen wir dich doch nicht! Wollen heute singen … die ganze Nacht! Was, Schiefkopf?

Schiefkopf: Können wir machen …

Aljoschka: Ich begleite …

Satin: Und wir hören zu!

Der Tatar  schmunzelnd: Na, alter Satan Bubna … schenk mir ein Glas ein! »Wollen schwelgen, wollen trinken – bis daß uns der Tod tut winken!«

Bubnow: Schenk ihm ein, Satin! Schiefkopf, setz dich! Ach, Brüder! Wie wenig braucht doch der Mensch zum Glück! Ich zum Beispiel – nur ein paar Schlückchen hab ich getrunken … und bin kreuzfidel! Schiefkopf, fang an … mein Lieblingslied! Singen will ich … und weinen! …

Schiefkopf  stimmt ein Lied an: »Auf und nieder geht die Sonne …« Bubnow fällt ein. »… dunkel bleibt mein Kerker doch …« Die Tür wird heftig aufgerissen.

Der Baron  auf der Schwelle stehend, schreit: Heda … Ihr! Kommt rasch … kommt mal raus ! Auf dem Platze … dort … hat sich der Schauspieler … erhängt! Schweigen. Alle sehen den Baron an. Hinter seinem Rücken erscheint Nastja, die langsam, mit weit geöffneten Augen, auf den Tisch zugeht.

Satin  leise: Muß uns der das Lied verderben … der Narr!

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