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Nachricht von Lessings Tod

Johann Anton Leisewitz: Nachricht von Lessings Tod - Kapitel 1
Quellenangabe
typeletter
booktitleJulius von Tarent und die dramatischen Fragmente
authorJohann Anton Leisewitz
firstpub1781
year1969
publisherWissenschaftliche Buchgesellschaft
addressDarmstadt
titleNachricht von Lessings Tod
pages113-119
created20040825
sendergerd.bouillon
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Johann Anton Leisewitz

Nachricht von Lessings Tod

1781

Aus einem Schreiben an
Professor Lichtenberg
in
Göttingen

Braunschweig, den 25. Februar 1781.

Die Nachricht von Lessing's Tode ist nur zu wahr. Der Mann, dem für seine mannigfaltigen Talente, auch ein rein ausgelebtes Menschenalter noch immer zu kurz gewesen wäre, starb am 15. Februar im 53sten Jahre.

Doch ich muß Betrachtungen der Art abbrechen, wenn ich fortschreiben will, und Sie verlangen ja auch nur eine authentische Nachricht von seinem Tode.

Lessing bemerkte schon seit langer Zeit eine Abnahme seiner Gesundheit, und die ersten Schwachheiten ließen einen Schlagfluß befürchten. Er fühlte eine gewisse der Lähmung nahe Schwere, eine unnatürliche Neigung zum Schlafe, die ihn oft in Gesellschaften, wenn er noch den letzten Bissen oder das letzte Wort im Munde hatte, überfiel. Zuweilen konnte er das Wort, das er suchte, nicht finden, sagte unwillkürlich ein anderes, und zuweilen kam ihm sogar ein Buchstaben statt eines andern in die Feder. Lessing war in gewissen Augenblicken nicht im Stande, zwei Zeilen orthographisch zu schreiben.

Unterdessen waren das lange Zeit Uebel eines einzigen Augenblick's, und bloß körperliche Uebel, sein Geist blieb noch immer so sehr derselbe, daß verschiedene seiner vertrautesten Freunde seine Krankheit für Einbildung hielten.

Eine Reise im vorigen Herbste schien ihm sehr vortheilhaft gewesen zu sein; allein seine Schwachheit nahm mit dem Winter auf die heftigste Art zu. Er ward in den letzten Monaten äußerst engbrüstig, ein Weg nach Braunschweig kostete ihm Stunden, sein Gang ward schleppend, seine Stimme gedämpft, jenes durchdringende Feuer seiner Augen fing an zu verlöschen. Er klagte nun auch, daß er keine Gedanken zusammen bringen könne, daß er immer arbeiten wolle, und nie arbeiten könne, er ward gegen alles gleichgültig; wir vermissten ihn recht in seinem Umgange, denn auch da glänzten vorher alle seine Talente nur in der Richtung, die ihnen die Unterredung anwies.

Den 3ten Februar, wie er Abends in Gesellschaft gespeist hat, kömmt er höchst engbrüstig zu Hause, er hatte sogar die Sprache verloren. Dem ungeachtet will er zu keinem Arzt schicken, und befiehlt auch dem Bedienten, ihn allein zu lassen und das Zimmer zu verschließen. Er hat eine höchst üble Nacht, und doch trifft ihn einer seiner Bekannten den andern Morgen unter den Händen des Friseurs an, weil er fest entschlossen ist, nach Wolfenbüttel zu fahren, das er wahrscheinlich nicht erreicht hätte. Es kostete Mühe, ihn davon abzubringen und ihn zu überreden, unsere Leib-Medicus Brückmann kommen zu lassen. Dieser ließ ihm sogleich eine Ader schlagen und Zugpflaster legen. Er fing nun auch an, Blut auszuwerfen, schien sich doch aber gleich den folgenden Tag ziemlich erholet zu haben.

Während seiner Krankheit war er sehr ruhig, gelassen und zuweilen munter, oft und lange außer Bette, nahm viele Besuche an, und ließ sich vorlesen. Zu einer Zeit schien er sich seinen Tod sehr nahe, zu einer andern sehr entfernt zu denken. Auf seine gänzliche Genesung hoffte er unterdessen nicht, und erklärte einmal, er sei auf Leben und Tod gefaßt.

Lessing hatte in seinem ganzen Leben einen ungemein folgsamen Schlaf, der sogleich kam, wenn es ihm nur einfiel die Augen zu schließen; er hat mich oft versichert, daß er nie geträumt hätte. Dieses Glück behielt er bis an sein Ende, und sagte noch kurz vorher, wenn er den ganzen Tag geschlafen hätte, freue er sich doch auf die Nacht.

Unterdessen kamen die Anfälle der Engbrüstigkeit immer von neuem wieder, und es war umsonst, daß seine Aerzte, Herr Leibmedicus Brückmann und Herr Hofrath Sommer, alles anwandten, was die Freundschaft fodern, und die Kunst leisten konnte.

Am letzten Tage glaubte er sich außerordentlich wohl zu befinden, wie er sich aber Abends in's Bett legen ließ, befiel ihn die Engbrüstigkeit so heftig, daß er nach wenigen Minuten, sich und den Umstehenden unvermuthet, starb.

Herr Hofrath Sommer öffnete den Leichnam, und ist so gütig gewesen mir die Erlaubniß zu geben, Ihnen den Sections-Bericht mittheilen zu dürfen. Dieser verdienstvolle Mann hält die in Lessing's Alter ungewöhnlichen Verknöcherungen für die Ursache der Brust-Wassersucht und des Todes.

Unter Lessing's Nachlasse müssen sich verschiedene sehr schätzbare Handschriften finden, viele Anmerkungen über die deutsche Sprache und alte Litteratur, eine ziemliche Menge von Collectaneen über das Heldenbuch, eine nach mehreren Manuskripten berichtigte Abschrift des Renners, Reise-Anmerkungen über Italien, der Anfang einer Lebensbeschreibung des seel. Reiske, Entwürfe zu Schauspielen, und schon ausgearbeitete Scenen, wenigstens einige zu dem Doktor Faust, welche die in den Litteratur-Briefen bekannt gewordenen übertreffen, vielleicht etwas von einem Spartakus und Nero. Er hatte sich auch wenigstens vorgenommen, eine Geschichte der deutschen Dichtkunst, von den Minnesängern bis auf Luther, zu schreiben; ich weiß aber nicht, ob sich etwas davon finden wird.

Besonders muß sich jetzt ein Umstand aufklären, der für das Publikum äußerst interessant ist. Vor einigen Jahren wurde Lessingen in Leipzig ein Kasten mit Handschriften entwandt oder durch Nachlässigkeit verloren; in diesem Kasten befanden sich, nur, so viel ich weiß, ein Schauspiel, die Matrone von Ephesus, eine Abhandlung über die beste Einrichtung eines deutschen Wörterbuchs, der Buchstaben A zu einem deutschen Wörterbuche, eine Litterar-Geschichte der Aesopischen Fabel. Lessing behauptete nun zwar immer, daß er keine Concepte oder Abschriften von diesen verlor'nen Schriften mehr hätte. Allein viele seiner Freunde, die seine Abneigung, zwei Mal an dieselbe Sache zu gehen, kannten, haben immer an diesem Vorgeben gezweifelt, und ich weiß jemand, der noch nach dieser Zeit eine Abschrift der Matrone von Ephesus bei ihm gesehen haben will.

Diese Abneigung, von der ich eben redete, ging so weit, daß er zuweilen etwas liegen ließ, wenn schon ein Theil davon gedruckt war. Zu den Fragmenten dieser Art gehört ein Schauspiel, der Schlaftrunk und ein Sophocles, der schon 1760 bei Voß in Berlin bis zur 113ten Seite abgedruckt ist. Es sollte eine Abhandlung über das Leben und die Schriften des griechischen Dichters werden, und ist ganz im Geschmack des Bayle.

Ich bin &c.

Leisewitz.








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