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Nachgelassene Gedichte

Reinhard Sorge: Nachgelassene Gedichte - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
authorReinhard Johannes Sorge
titleNachgelassene Gedichte
publisherVier Quellen Verlag
addressLeipzig
year1925
firstpub1925
pages70
senderadlerbird@t-online.de
created20041205
modified20170929
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Abendandacht

        "Komm in den Abend mit, geliebter Knabe!"
Ich komme. Du umschlingst mich, süßer Heiland;
Du hüllst den Mantel um mich, Herr, von Liebe;
Wir schreiten hin, verwobner Herzen Feier
In eins.

Du hebst mich auf, und unsrer Liebe zittert
Das Weh der Welt
Wie eine Träne auf und schüttert leise.
Du zeigst mir tief die brennenden Städte;
Wir neigen unsre Angesichter schweigend
In ewigen Untergang.

Die Lichter zitttern leise, wie wir schreiten;
Die Bäume ruhen und die Sträucher stille,
Der Frühling bricht durch die Gebüsche. Flüstern
Zu Leid.

Du senkst mich nieder in die stille Zelle. –
Schon läutet uns das Glöcklein zum Kapitel.
Der Brüder liebe Mäntel ziehn den Gang lang.
Wir beten an das Allerheiligste.

Beschwerter Seufzer Hauch steigt süß im Mitleid
Dir zu und mischt sich mit der duftenden Wolke
Von Weihrauch, steigend vor dem weißen Brote
Zu Lob.

Du reißt mich aufwärts in die Himmelschöre;
Ich höre Worte, die noch nie gelautet,
Ich höre Lieder, die noch nie getönt.

Du schlingst mich höher in die seligen Reihen;
Du neigst Dich mir für Deine innigen Arme.
Wir tauschen Küsse, die ich nicht gewußt.
Und Tränen rinnen, nicht von dieser Erde.

 


 

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