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Nachgelassene Denkwürdigkeiten über mich selbst

: Nachgelassene Denkwürdigkeiten über mich selbst - Kapitel 1
Quellenangabe
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typeautobio
authorH. Smith
booktitleAmerikanische Anthologie. Zweiter Theil: Novellen.
titleNachgelassene Denkwürdigkeiten über mich selbst
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
firstpub
translatorAdolf Strodtmann
correctorfranka.antenne@gmx.de
senderwww.gaga.net
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projectid08d3f330
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I.

»Sie sind hier?« rief ich in einem eben nicht höflichen Tone aus, als ich beim Umwenden meinen alten Freund Doktor Linnel ruhig neben meinem Bette sitzen sah. »Wer hat Sie rufen lassen?«

»Niemand; es hat mich eines der besten und reizendsten jungen Mädchen in der ganzen Grafschaft hierher gebracht – Ihre Tochter.«

»Dann hat sich Sarah nicht allein eine große Freiheit herausgenommen, sondern hat auch gegen meine bestimmten Befehle gehandelt, wie sie dieß in der letzten Zeit schon mehre Male gethan hat. Sie hat mich schon öfter gequält, nach Ihnen zu schicken, aber ich habe es bestimmt abgeschlagen. Wenigstens hundert Male habe ich ihr schon gesagt, daß ich das Mediciniren nicht liebe und die Doktoren hasse.«

»Ich freue mich zu bemerken, daß Ihre Krankheit Ihrem Talente, den Leuten Komplimente zu sagen, keinen Eintrag gethan hat.«

»Ach, ich wollte nichts Unhöfliches sagen oder persönlich werden. Wenn Sie als Freund zu mir kommen, freue ich mich immer, Sie zu sehen. Auch wenn Sie sarkastisch sind und scharfe Dinge sagen, wie Sie bisweilen zu thun gewohnt sind, so kann man doch einem Mann nicht bös sein, der so ruhig lächeln und in so sanftem Tone sprechen kann; aber als Receptschreiber, muß ich offen bekennen, ist mir Ihr Zimmer lieber wie Ihre Gesellschaft. Wenn meine Zeit gekommen ist, kann ich auch ohne den Beistand eines Doktors sterben.«

»Sehr richtig, aber die Frage ist, können Sie auch ohne ihn leben?«

»Warum nicht? Ich bin dreiundsechzig Jahre alt und habe in meinem ganzen Leben keinen Arzt zu Rathe gezogen.«

»Sie waren vielleicht nie zuvor krank?«

»Niemals! und ich bin auch jetzt nicht wirklich krank, nur sehr mißvergnügt, wie die meisten Menschen in dieser Lebenszeit es sind – schwach und matt und dergleichen – mit Spleen behaftet, wie es mein Sohn Georg nennt; so versprach ich Sarah, daß ich mich einen Tag zu Bette legen wollte, um zu sehen, ob ich mich nicht ein bischen erholen könne.«

»Da gab Ihnen Ihre Tochter einen guten Rath, und vielleicht bin ich im Stande, dasselbe zu thun, wenn Sie mir genau erzählen wollen, was Ihnen fehlt. Sie werden mir dieß um so weniger abschlagen, da Sie selbst bekannt haben, Sie seien gänzlich mißvergnügt, und da ich so weit hergekommen bin, Sie zu besuchen.«

»Ich habe Ihnen ja bereits meine Krankheit genannt; ich bin dreiundsechzig Jahre – mein großes Stufenjahr, wie Sie wissen: siebenmal neun; beides unglückliche Zahlen. Selten entrinnt Einer dieser mißlichen Periode. Georg schrieb mir an meinem letzten Geburtstag, daß eine gefährliche Zeit herannahe und ich für einige Monate erwarten müsse, vollkommen kraftlos zu werden; bei dem Doktor sei aber keine Hülfe zu finden, da das Uebel natürlich und unvermeidlich sei.«

»Ich meinte, aller Glaube an die kritischen Jahre sei schon längst verbannt, ausgenommen bei den alten Weibern, die sich in alte Männer verkleiden. Ihr Sohn ist jung genug, um das besser zu wissen. Seien Sie versichert, mein lieber Freund, Ihr Unwohlsein hat keinen Bezug zu diesem besonderen Lebensjahre. Können Sie mir keine andere Ursache für diese plötzliche Veränderung in Ihrer Konstitution angeben, die bisher so gut gewesen ist?«

»Ich wüßte nicht. Wohl habe ich in der letzten Zeit viel Sorge und Kummer gehabt.«

»Und doch sind wenige Menschen so glücklich gewesen. Die Welt giebt Ihnen Kredit, weil Sie sich durch Ihre Verträge mit der Regierung ein unermeßliches Vermögen erworben haben.«

»Da hat die Welt Recht. Aber mit Reichthum kann man nicht immer Gesundheit erkaufen, und noch weniger Glückseligkeit. Ich sage Ihnen, Doktor, wenn Einer Alles zu fürchten und nichts zu hoffen hat, blickt er zuweilen mit Schmerz auf die sorgenfreien Tage zurück, wo er Alles zu hoffen und nichts zu fürchten hatte.«

»Dank Gott, ich gehöre zur vorigen Klasse und gedenke auch darin zu bleiben.«

»Ja, Doktor, Sie werden reich werden, wenn Sie alt werden, wie es bei mir der Fall gewesen ist.«

»Das heißt so viel, als ich werde Geld zusammenscharren, wenn ich zu alt bin, mich dessen zu freuen, und es nicht lange mehr behalten kann. Ich hoffe, die blinde Göttin wird mich vor aller solcher grausamen Güte bewahren.«

»Vor einem Unglück hat Sie das Schicksal bewahrt – Sie haben keine Kinder. Ich habe nur zwei; aber ach! theurer Linnel! ich kann es nicht mit Worten aussprechen, welche Unannehmlichkeiten, welches Unglück und Aergerniß sie erst kürzlich über mich gebracht haben. Wenn es einen Menschen giebt, den ich mehr hasse, als einen anderen, so ist es Godfrey Thorpe von Oakfield Hall, und zwar nicht ohne viele und gute Gründe, abgesehen davon, daß er ein stolzer, anmaßlicher Dummkopf, aufgeblasen wie Lucifer und so arm wie Hiob ist. Erstlich war er die Veranlassung, daß ich aus dem County Club ausballotirt wurde, indem er erklärte, daß er nicht mit einem ehemaligen Malzer zusammen sein könne. Zweitens sein Einfluß durch den Generalkommissär und gewisse mir aufgebürdete schlechte Streiche – denn ich bin gewiß, die Verläumdungen kamen von ihm – verhinderten, daß ich den großen Kontrakt, um die Kavallerie mit Fourage zu versehen, nicht abschließen konnte. Drittens trieb er mich von dem Marktflecken, den ich fünf Jahre lang repräsentirt hatte, indem er mich mit meinem eigenen Gelde schlug, denn ich hatte ihm gerade achttausend Pfund auf das Oakfield-Gut vorgestreckt, das jetzt zu seinem vollen Werth verpfändet ist. Indessen giebt es noch einen Trost: wenn er es noch länger mit seinen Jagdhunden und Pferden und seinem großen Etablissement so antreibt, so hoffe ich eines schönen Tages ihn von seiner stolzen alten Halle wegzutreiben, wie er mich von meinem Marktflecken vertrieben hat.«

»Verdrießlich genug, das muß ich gestehen; aber was hat alles das mit den Verdrießlichkeiten zu thun, welche Ihnen Ihre Kinder verursacht haben?«

»Das sollen Sie sogleich hören. Thorpe hat eine einzige Tochter, nicht ohne persönliche Reize, aber ein gekünsteltes, schlaues Mädchen, die, wahrscheinlich nicht unbekannt mit ihres Vaters verzweifelten Verhältnissen und wohl wissend, daß mein Sohn einer der reichsten jungen Männer im Lande ist, ihn mit solchem Erfolg zu gewinnen wußte, daß der einfältige Tropf ganz vernarrt in sie wurde, so daß er ihr sogleich seine Hand anbot, was natürlich auf der Stelle angenommen wurde. Daß Georg sich leicht verstricken und von einem schönen Spielwerk verlocken ließ, wundert mich gar nicht, denn er war immer ein verdorbenes Kind, das von Jugend auf seinen eigenen Weg ging, durch lange Nachsicht in seinem Eigensinn und seiner Halsstarrigkeit bestärkt; aber denken Sie sich meinen Schrecken und meinen Zorn, als er mir mit einer Miene von Befriedigung sagte, der stolze alte Vater habe seine Einwilligung zur Heirath nur unter der Bedingung gegeben, daß sein Schwiegersohn den Namen Thorpe annehme! Welch beispiellose Unverschämtheit! Wie konnte er, – wie konnte mein Sohn, – wie konnte Jemand auf der Welt sich träumen, daß, nachdem ich mich Jahre lang gequält und abgearbeitet habe, um mir ein Vermögen zu erwerben, und nun zu einer Familie gekommen bin, die meinen Namen sichern sollte, ich damit übereinstimmen könnte, daß der Name in den Staub getreten und mein sauer erworbenes Vermögen geopfert werde, um die Race eines Mannes fortzupflanzen, den ich hasse und sein mit Schulden beladenes Gut frei zu machen? Ich entließ meinen mißrathenen Sohn, indem ich ihm die Heirath gänzlich untersagte, und ich habe seit der Zeit meinem letzten Willen ein Codicill angehängt, daß, wenn er je Julie Thorpe heirathet, mein Vermögen dem Landkrankenhause zufallen soll. Es liegt noch einiger Trost in dieser Betrachtung; aber ich gebe Ihnen zu bedenken, wie tief und traurig mein Herz durch die Vereitelung meiner schönsten und köstlichsten Hoffnungen verwundet worden ist.«

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