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Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen

Kurt Aram: Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
authorKurt Aram
titleNach Sibirien mit hunderttausend Deutschen
publisherVerlag Ullstein & Co.
year1915
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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Wieder unter Deutschen

Am anderen Morgen klärte es sich bald auf, weshalb ich so unfreundlich empfangen worden war.

Ein Deutscher aus Tilsit, der eine Eisenbahn im Kaukasus baute und nun schon seit vier Wochen hier in der »Reserve« als Kriegsgefangener saß, klärte mich auf. Ich tat ihm in meiner Vereinsamung offenbar leid.

Die anderen Deutschen waren durch gewöhnliche Polizisten hierher gebracht worden, und zwar ohne viel Federlesens. Mich brachte ein leibhaftiger Pristav in eigener Person, und noch dazu unterhielt er sich höchst liebenswürdig mit mir. Die anderen waren alle bei Tageslicht eingeliefert worden. Mich brachte man gegen Mitternacht. Auch war mein Kommen vorher angekündigt worden, und man hatte eigens eine Eisenbettstelle für mich reserviert. Dabei kannte mich persönlich kein Mensch. Was Wunder, daß die gefangenen Deutschen in der »Reserve« zu der Ansicht kamen, ich müsse ein Polizeispitzel sein.

Der Tilsiter hatte nun gleich gemerkt, daß man mir offenbar unrecht tat, und so klärte er mich auf.

Aber auch die anderen merkten bald, daß sie mich verkannt hatten, und wurden zutraulich. Schon gegen Mittag nahm mich ein Tischlermeister beiseite und warnte mich davor, gegen den Tilsiter gar zu offenherzig zu sein. Er verkehre sehr freundschaftlich mit dem Polizeiältesten, und das sei verdächtig genug. Womöglich sei er ein Spitzel.

Fortan stieß ich immer wieder unter den Deutschen auf dies Mißtrauen, sowie ein neuer unbekannter Deutscher sich mit der Polizei irgendwie auf guten Fuß stellte.

Es war wie eine Krankheit unter ihnen, die einzige Psychose, wenn man so will, die ich als Wirkung alles dessen, was sie durchmachen mußten, immer wieder beobachten konnte ...

Lagen die Polizeiräume des 9. Reviers nach der Straße zu, so waren die Räume der »Reserve« in einem langgestreckten Seitenflügel von ganz orientalischer Art untergebracht. Das Gebäude war einstöckig, die Außenwand ohne Fenster. Fenster besaß nur die Innenwand nach dem Hof zu, und wie überall im Orient, war diesen Fenstern eine Holzgalerie vorgelagert, die im Parterre wie im ersten Stock rings um den ganzen Hof lief.

Das Parterre bestand aus Zellen, welche zurzeit von den Junggesellen unter den Polizisten des 9. Reviers bewohnt wurden. Im ersten Stock lagen die Wohn- und Lehrräume für die angehenden Polizisten, die eigentliche »Reserve«. In diesen Räumen waren bei Kriegsbeginn die ersten deutschen Zivilkriegsgefangenen untergebracht worden. Bald aber wurden diese Räume für Soldaten, Reserve und Landwehr, nötig, denen der Nachtdienst in der Stadt anvertraut war. Die deutschen Kriegsgefangenen wurden aus dem ersten Stock hinausgeworfen und in einem kleinen Raum im Parterre untergebracht.

Die Bude, in der zur Not sechs Menschen menschlich existieren konnten, mußte, als ich eingesperrt wurde, für uns alle reichen, und wir waren siebzehn.

Ein dunkles, feuchtes Loch, in dem nun siebzehn Deutsche ihre Tage und Nächte verbringen mußten.

Im ersten Stock lagen fünfzig Soldaten. Im Parterre in einem Raum siebzehn deutsche Zivilkriegsgefangene. Außerdem hausten im Parterre zusammen mit den Beamten im Bureau des 9. Reviers mindestens dreißig Polizisten. Wir waren also gut hundert Menschen, und diesen hundert Menschen stand zum Waschen ein einziger Wasserhahn zur Verfügung, aus dem aber nur morgens zwischen fünf und sieben Uhr mit einiger Sicherheit ein dünner Strahl Wasser lief. Für die übrige Zeit des Tages war die Leitung meist gesperrt oder sie funktionierte überhaupt nicht. Für die hundert Menschen standen im Parterre zwei echt persische Klosetts zur Verfügung, die jeder Beschreibung spotten. Und im ersten Stock fünf mehr europäische Klosetts, sogar mit Wasserspülung, die aber ebenfalls bestenfalls morgens von fünf bis sieben funktionierten. Nun war der Herbst des Jahres 1914 in Tiflis auffallend heiß. Es herrschten bis weit in den Oktober hinein wahrhaft tropische Temperaturen. Dazu nehme man noch, daß »Reserve« wie Polizeirevier von Ungeziefer aller Art, namentlich von Flöhen und Wanzen, wimmelten, und man hat eine kleine Vorstellung davon, unter welchen sanitären und hygienischen Bedingungen wir Deutschen damals leben mußten.

Was waren das nun für Deutsche? Zwei unter ihnen, junge Menschen, einer davon schwindsüchtig, waren aus dem hohen Kaukasus hierher transportiert worden. Sie waren im Kaukasus geboren, unter Tataren groß geworden und noch nie in Deutschland gewesen. Da ihr Vater aber deutscher, schwäbischer Abstammung war, waren die beiden, von Beruf Bienenzüchter, jetzt Verbrecher. Ein dritter war zwar in Deutschland geboren, aber in der Schweiz groß geworden, wo er das Käsemachen gelernt hatte. Seit einer Reihe von Jahren lebte er, den beiden Bienenzüchtern benachbart, im hohen Kaukasus als Käsesalzer.

Dazu gesellten sich noch vier Primaner deutscher Abstammung, siebzehnjährige Jungen, die Russisch miteinander sprachen, wenn es schnell gehen sollte. Russisch fiel ihnen bedeutend leichter. Alle vier waren in Tiflis geboren und noch nie in Deutschland gewesen. Einer von ihnen konnte überhaupt nicht Deutsch, und das kam so: Sein Vater hatte eine Grusinerin geheiratet, was wir gewöhnlich Georgierin nennen. Ein halbes Jahr nach der Geburt des Kindes war der Vater gestorben und die Mutter hatte sich bald darauf mit einem Grusiner wiederverheiratet. Der Junge hatte also nie mehr ein deutsches Wort gehört.

Dann war hier der schon erwähnte Tilsiter, ein Mann, der sein halbes Leben im Ausland verbracht hatte und schon während des Burenkrieges englischer Kriegsgefangener in Südafrika gewesen war. Er sprach Deutsch, Englisch, Französisch und Russisch auf seine Weise, das heißt, gleich mangelhaft, war aber ein fixer Kerl von gutem Humor.

Keiner von diesen hatte gedient und keiner von ihnen war militärtauglich.

Ferner gab es unter uns zwei Tischlermeister, Märker von Geburt, die aber schon ein halbes Menschenalter in Tiflis lebten und es hier zu einer kleinen, einträglichen Möbelfabrik gebracht hatten. Der ältere von den beiden hatte beim 2. Garderegiment zu Fuß in Berlin gedient, war aber jetzt schon 48 Jahre alt. Der jüngere, von 45 Jahren, hatte nicht gedient. Wegen schweren Herzfehlers. Eng mit ihm liiert war ein Breslauer, der Typus eines Kneipwirtes, der in Tiflis möblierte Zimmer vermietete. Er hatte in Breslau gedient, lebte seit vielen Jahren in Tiflis und war schwer leidend. Schweres Asthma, Rheuma, kranke Nieren, kranke Leber, krankes Herz. An dem ganzen Menschen, der wie ein Sechziger aussah, in Wirklichkeit aber erst 47 Jahre zählte, war sozusagen nicht ein gesunder Faden mehr. Den vierten in diesem Bunde gab der Schwager der beiden Tischlermeister ab, ein Mann hugenottischer Abstammung aus Westdeutschland, der das Pech hatte, noch vierzehn Tage bis zu seinem 50. Geburtstag zu zählen, als der Befehl des erlauchten russischen Oberkommandierenden erging, auch alle Deutschen zwischen 45 und 50 Jahren einzufangen.

Unvergeßlich ist mir auch noch ein Berliner. Architekt von Beruf, der das Kaukasische Museum in Tiflis mit bauen half. Er erschien immer nur vorübergehend unter uns, um nach wenigen Tagen wieder für ewige Zeit auf freien Fuß gesetzt zu werden. Ohne ihn konnte man mit den Zeichnungen für das neue Museum nicht fertig werden. Immer wieder verlangte man von ihm eine Änderung dieser oder jener Zeichnung. Er sagte, die Arbeit könne er nicht hier, sondern nur in seinem Bureau ausführen, auch nicht in einem Tag, sondern er brauche dazu mindestens sechs Tage. Also ließ man ihn immer wieder für vier, fünf Tage nach Hause, wo er gemächlich seinen anderen Arbeiten nachging, um dann gegen Ende des Termins, wenn die Polizei ihn unbedingt wieder einsperren wollte, in zwei Stunden die gewünschte Zeichnung zu machen. Dann erschien er wieder bei uns, bis nach wenigen Tagen das, selbe Spiel sich wiederholte. Er lebte seit zehn Jahren in Rußland, davon fünf in Tiflis, und sprach perfekt Russisch. Gedient hatte er nicht und war militäruntauglich.

Auch zwei deutsche Besitzer eines Kinematographentheaters in Tiflis gesellten sich zu uns. Immer wieder gelang es dem einen Bruder, den andern durch reichliche Spenden für das russische Rote Kreuz, die aber durch die Hände der Polizei gingen und in ihnen zum größten Teil hängen blieben, für ein, zwei Tage frei zu bekommen. Das wiederholte sich einige Male, bis die Brüder einige tausend Rubel los waren, mit weiteren »Zahlungen an das russische Rote Kreuz« zögerten und dann einfach wieder alle beide eingesperrt wurden.

Dann erwähne ich noch einen Sechsundvierzigjährigen, der aber wie ein hoher Fünfziger aussah. Ein schwächlicher, kränklicher, melancholischer Mann, der eben erst eine schwere Gehirnentzündung hinter sich hatte und an ihren Folgen herumdoktorte. Sein Vater war Ungar gewesen, seine Mutter Französin. Er selbst kannte nicht einmal Wien, geschweige denn Deutschland. Er war in Tiflis geboren und nie aus dem Kaukasus herausgekommen. Er sprach besser Französisch als Deutsch. Nun war er auf einmal ein deutscher Verbrecher geworden.

Der Käsesalzer und ich waren die einzigen unter diesen Deutschen, die nicht perfekt Russisch sprachen. Der Berliner, der Tilsiter, der Märker, der beim 2. Garderegiment gedient hatte, und ich waren die einzigen, denen man nachsagen konnte, daß sie bewußt deutsch fühlten und dachten.

Nun, die russische Behandlung, die man diesen Leuten angedeihen ließ, hat die Folge gehabt, daß sie alle bewußte Deutsche und echte deutsche Patrioten geworden sind. Höchstens bei den beiden Kinodirektoren könnte man in diesem Punkt zweifelhaft sein. Aber bei keinem der andern. Das Deutschtum, dessen sich viele unter ihnen gar nicht mehr bewußt waren, kam unter den Leiden, die sie dafür erdulden mußten, zum Durchbruch und hat sich dann auch in den schwersten Stunden bewährt ...

Kaum war die Sonne heraus, standen wir auf, froh, den Wanzen und Flöhen entronnen zu sein. Wir erhoben uns auch deshalb so früh, um möglichst viel und möglichst alle wenigstens ein bißchen von dem Wasserhahn zum Waschen profitieren zu können. Derweil sorgten die beiden Bienenzüchter und der Käsesalzer für das Frühstück. Gegen eine bestimmte Abgabe erhielten wir aus der Kantine heißes Wasser, womit die drei für uns alle Tee bereiteten. Dazu gab es Brot und Käse vom vorigen Tag. Alles auf unsere Kosten. Die zuerst eingesperrt waren, hatten sich nach und nach, so gut es ging, häuslich eingerichtet. Alle Späteren schlössen sich dann dieser Hausordnung an, wozu vor allem gehörte, daß sich jeder zwei Teegläser, zwei Teller und ein Besteck aus Blech von Polizisten oder Soldaten, die gerade Ausgang hatten, besorgen lassen mußte. Selbstverständlich auf eigene Kosten.

Nach dem Frühstück wurde nach einer bestimmten Ordnung, die Tätigkeit ging reihum, das Zimmer gekehrt und gefegt und namentlich auch der Raum vor dem Zimmer, den die passierenden Polizisten und Soldaten immer wieder versauten. Dann stand man herum und unterhielt sich. Meine Unterhaltung war zunächst besonders begehrt, denn ich hatte ja Nachrichten aus Deutschland. »Es wird Sie interessieren zu erfahren, daß unsere Dreschmaschine tadellos funktioniert,« wurde zum geflügelten Wort bei allen Deutschen.

Gegen 9 Uhr traten im Hof die Polizisten irgendeines der Tifliser Reviere zusammen, um Unterricht im Schießen zu erhalten, den ein Stabsoffizier leitete.

Wir hatten so Gelegenheit, nach und nach die gesamte Tifliser Polizei beaugenscheinigen zu können. Meist sehr übel, sehr roh und ordinär aussehende Kerle. Jeder Polizist durfte nur zwei Kugeln aus seinem Revolver auf die Scheibe abfeuern. Was er dadurch viel lernen konnte, war uns unerfindlich. Regnete es einmal, fiel der Schießunterricht aus. Weil russische Kugeln das Naßwerden nicht vertragen können, wie wir spotteten.

Nach der Schießerei brachte der Stabsoffizier die Polizisten zum ersten Stock, wo er ihnen noch für eine halbe Stunde theoretischen Unterricht im Gebrauch der Waffe gab.

Dann war der Hof wieder leer und blieb leer bis gegen Mittag, wo die Soldaten aus dem ersten Stock hier ihr Mittagsmahl an einigen Holztischen im Freien einzunehmen pflegten.

Endlich erwirkten wir durch die Soldaten die Erlaubnis, uns ebenfalls auf dem Hof bewegen zu dürfen, was die Polizei uns verboten hatte. Nun konnte man doch wenigstens ein bißchen die Glieder rühren.

Hatten die Soldaten gegessen, holten zwei von ihnen unser Mittagessen, einen fürchterlichen Schlangenfraß, für den wir pro Mann fünfzig Pfennig zu bezahlen hatten.

Nach Tisch warteten wir auf den Augenblick, wo wir Besuch empfangen durften. Von zwei bis fünf Uhr.

Aber auch hier bedurfte es wieder des Eingreifens der Soldaten, um uns vor der Polizeiwillkür und ihrem Haß zu schützen.

Als zum Beispiel meine Frau das erstemal kam, wollte die Polizei es durchaus nicht zulassen, daß sie zu mir kam. Meine Frau berief sich auf ihr gutes Recht, aber das half nichts. Zwei rüde Kerle packten sie einfach am Arm und setzten sie auf die Straße. Ich konnte nichts machen, denn mich hielten zwei Polizisten ebenfalls fest, als ich meiner Frau zu Hilfe eilen wollte.

Zu diesem Augenblick erschien der Tilsiter, der sich ja auskannte, lief sofort in den ersten Stock zum Feldwebel und teilte ihm den Vorgang mit. Der Feldwebel kam wutschnaubend mit einem Unteroffizier und zwei Soldaten die Treppe herunter und fuhr die Polizisten an. Es kam zu einem wahrhaft homerischen Wortgefecht, bei dem die Soldaten aus ihrer Verachtung der Polizei kein Hehl machten.

Dann eilte der Feldwebel an das Telephon, ließ sich mit dem Hotel London verbinden, in dem meine Frau immer noch leben mußte, und bat sie, sofort wieder zurückzukommen. Sie habe das Recht, mich zu besuchen, und er verbürge sich dafür, daß sie ungehindert zu mir gelange.

Er schickte einen Unteroffizier und zwei Soldaten auf die Straße, die auf meine Frau warten mußten und sie dann auch sicher trotz der wutsschnaubenden Polizisten zu mir brachten.

Fortan hielten sich immer einige Soldaten zur Besuchszeit auf der Straße auf, um die Besucher sicher zu uns zu bringen. Und wenn die Besuchszeit zu Ende war, geleiteten stets zwei Soldaten meine Frau auf die Straße, denn auf sie hatten die Polizisten es besonders abgesehen.

Diese Stunden von zwei bis fünf waren immer die aufregendsten am Tag. Jeder erfuhr Neuigkeiten aus der Stadt. Die Frauen und Kinder kamen und brachten neue Nachrichten, wie es zu Hause ging. Und einige schmuggelten auch, was die Hauptsache war, in der ersten Zeit die neuen Zeitungen zu uns durch.

Später war das nicht mehr nötig, weil die Soldaten dann für uns die Zeitungen einfach kauften, obwohl es verboten war.

Die schwerste Zeit war immer, wenn uns der Besuch verlassen hatte, denn an die Zeitungslektüre konnten wir erst abends gehen, wenn es dunkel war und die beiden wachhabenden Polizisten entsprechend geschmiert waren.

Wenn Frauen und Kinder uns wieder verließen, – es war deshalb so schwer, weil wir ja nicht wußten, ob wir sie morgen wiedersähen.

Da uns die Polizei nicht mehr viel anhaben konnte, seitdem sich die Soldaten unserer annahmen, rächte sie sich dadurch, daß sie immer wieder behauptete, morgen in aller Frühe würden wir verschickt.

Es dauerte immerhin eine ganze Weile, bis wir das durchschauten. Aber auch als wir das taten, wer bürgte uns dafür, daß sie diesmal nicht recht hatten, mochten sie uns noch so oft angelogen haben?

Wir wurden ja mit Absicht im ungewissen gelassen über unser Schicksal ...

Wenn es dunkel wird, hocken wir wie die Verschwörer alle zusammen in unserer Bude. An der Tür steht einer Wache, damit wir nicht vom Hauptmann der »Reserve« überrascht werden, der meist um diese Zeit seine Runde macht. Vor dem Tischlermeister, dem Fünfundvierzigjährigen, liegt die neueste Zeitung. Der ältere Bruder von der Garde hält eine kleine Stearinkerze mit schützender Hand, damit nicht zuviel Licht nach außen dringt. Die beiden Polizisten haben wir mit einem Rubel fortgeschickt, etwas für das Abendessen zu holen. Sie wissen, je länger sie fortbleiben, um so reichlicher ist das Trinkgeld. Der Tischlermeister liest langsam die Zeitung vor. Er liest russisch, und der Tilsiter übersetzt es auf deutsch.

Es ist ein sehr spannender Augenblick. Zum Gouverneur von Belgien ist Freiherr von der Goltz ernannt worden. Die Deutschen müssen sich in Belgien doch wie zu Hause fühlen, trotzdem die letzten Forts von Lüttich immer noch nicht gefallen sind. Für wie dumm die russischen Zeitungen ihre Leser halten müssen. Belgien hat eine deutsche Verwaltung und Lüttich ist immer noch belgisch, wie reimt sich das zusammen?

Wir kennen ja aber nachgerade russische Zeitungen, und so lesen wir in der Hauptsache zwischen den Zeilen.

»Antwerpen wird belagert,« ruft der Tischlermeister so laut, daß ihm der energische Bruder für einen Augenblick die Kehle zudrückt, worüber beinahe die Stearinkerze ausgeht. »Mensch, ich schlage dir tot, wenn du noch einmal so schreist!« droht der frühere Gardist und gibt erst jetzt wieder des Bruders Kehle frei. Der vergißt nämlich bei der aufregenden Lektüre, daß er mit seiner Zeitung nicht zu Hause sitzt als freier Mann, sondern als Gefangener in der »Reserve«.

Der Berliner, der Architekt, der wieder einmal bei uns eine Gastrolle gibt, sagt: »Mir scheint, Antwerpen is schon gefallen. Aufhängen will ich mir lassen, wenn ich nicht recht habe. Die Ingenieure von Krupp mit den 42-cm-Brummern haben Antwerpen abmontiert, einfach abmontiert, sage ich Ihnen. Und nun packen sie den Kram zusammen und jehn damit vor Belfort. Dat wird dann auch abmontiert. Sehr einfach. So machen wir das. Vastehste?«

Wir lachen leise. »Abmontieren«, das ist wirklich gut, ein famoser Ausdruck ...

Die Polizisten nähern sich. Unser Wachposten warnt. Die Stearinkerze erlischt, das Petroleumlämpchen wird entzündet und »Tisch gedeckt«. Es gibt wie immer am Abend Tee, Brot und Käse. Natürlich auf unsere Kosten.

Im ersten Stock sammeln sich die Soldaten. Der Hauptmann ist erschienen. Appell. Dann gemeinsamer Gesang der Liturgie zum Schutze Rußlands und des Zaren.

Der Tag ist vorüber. Jeder sucht seine Lagerstatt auf. Die Petroleumlampe wird herabgeschraubt. Der Berliner sagt laut: »Es wird schon wer'n mit Mutter Bern. Mit Mutter Born is ooch jeworn.«

Schweigen. Dann erklärt er die Berliner Redensart so: »Mutter Born is Belgien, un Mutter Bern, dat is Rußland, Frankreich, England, je nachdem, wer jrade an der Reihe is.«

Oh, wir sind guten Mutes. Wir freuen uns trotz der Flöhe und Wanzen, die jetzt ihre beste Zeit haben.

»Es wird schon wer'n
mit Mutter Bern.
Mit Mutter Born
is ooch jewor'n.«

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