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Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen

Kurt Aram: Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
authorKurt Aram
titleNach Sibirien mit hunderttausend Deutschen
publisherVerlag Ullstein & Co.
year1915
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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Eingesperrt

Bewacht von drei Soldaten und zwei Polizisten, der Pristav voraus, so zogen wir durch die Straßen zu unserem Polizeirevier, das mir ja nicht mehr unbekannt war. Ich wurde in einen Raum geführt, wo ein Schreiber saß und Formulare ausfüllte. Vor der Tür blieben die fünf Mann zu meiner Bewachung, damit ich nicht entkäme. Durchs Fenster konnte ich sie auf und ab patrouillieren sehen.

Es war gegen elf Uhr. Der Schreiber kümmerte sich zunächst nicht um mich. Dann sprang er plötzlich auf und holte einen Stuhl für mich.

Mir wurde unbehaglich. Russische Grobheit ist mir in solchen Zeiten lieber als russische Höflichkeit. Sie ist mir verdächtig geworden.

Es wurde zwölf Uhr, es wurde eins. Niemand kümmerte sich um mich. Ich wartete, saß und wartete.

Um halb zwei erschien der Pristav, der die Haussuchung vorgenommen, und fragte, ob ich nicht lieber in einem Wagen zum Polizeipräsidium führe, wohin ich jetzt müsse? Natürlich war mir das lieber als zu Fuß Spießruten laufen durch die ganze Stadt.

Man besorgte einen Wagen. Der Schreiber dienerte, ich dienerte wieder. Zwei Soldaten nahmen mich in die Mitte, und wir stiegen ein.

Ich wollte eine Zigarette rauchen und bat um Feuer. Man bot es mir und nahm auch von meinen Zigaretten. So fuhren wir, Zigaretten rauchend, zu dritt durch die Stadt über den Eriwan-Platz zum Polizeipräsidium. Die Soldaten halfen mir aus dem Wagen. Bei soviel Höflichkeit wurde mir immer unbehaglicher.

Man brachte mich in einen Bureauraum, wo ein Pristav an einem Tisch saß und in Briefen blätterte. An einem Nachbartisch saß ein Schreiber. Am Fenster ein Fräulein mit einer Schreibmaschine.

Man deutete auf einen freien Stuhl, auf dem ich Platz nahm.

Schweigen. Der Pristav las. Der Schreiber schrieb. Das Fräulein tippte.

Nun bemerkte ich, daß unter den Briefen, in denen der Pristav las, auch das Päckchen mit meinen Notizbüchern lag. Ich strengte mich an und glaubte zu bemerken, daß es Briefe in deutscher Sprache waren, die der Pristav las.

Es wurde drei Uhr. Der Pristav las, der Schreiber schrieb, das Fräulein tippte.

»Erlauben Sie, könnte ich mir nicht etwas zu essen holen lassen? Ich habe Hunger!«

Für einen Augenblick sahen alle drei auf von ihrer Tätigkeit. Dann las der Pristav wieder, der Schreiber schrieb, das Fräulein tippte.

Der Pristav ruft mich an seinen Tisch und hält einen deutschen Taufschein in der Hand. »Können Sie das lesen?«

Der Taufschein ist sehr undeutlich geschrieben. Kein Wunder, daß er nicht damit fertig wird. Ich kann ihn natürlich entziffern, tue es und biete dem Pristav eine Zigarette an, damit ich selbst rauchen kann.

Wir rauchen, und der Pristav nimmt jetzt meine Notizbücher vor. Er blättert hin und her, aber ich habe den Eindruck, er nimmt die Sache nicht allzu ernst. Plötzlich stutzt er. Dies Notizbuch habe ich einmal nach einem längeren Besuch der Kruppschen Werke erhalten. In großen Goldlettern steht der Name der Firma, der »Fabrik des Todes«, wie die Russen sagen, neben dem des Deutschen Kaisers der bestgehaßte Name in Rußland, auf dem Lederdeckel des Notizbuches.

Der Pristav wirft mir einen forschenden Blick zu, legt auch dies Notizbuch beiseite, und zwar so, daß man die Goldbuchstaben nicht mehr sieht, und sagt zu mir in bestem Deutsch: »Ich habe nichts gefunden.«

Ich denke mit dem russischen Sprichwort, erleichternd aufatmend: »Gott sei Dank, er nimmt!«

Der Pristav diktiert dem Tippfräulein ein Protokoll über den Befund meiner Notizbücher.

Als das beendet ist, frage ich: »Nun kann ich wohl gehen?«

»Sie müssen auf den Polizeimeester warten. Ich muß Sie ihm vorführen. Er ist bei einer Messe, kommt aber hoffentlich bald.«

Der Pristav scheint ein netter Mensch zu sein, ein zugänglicher Mensch.

»Sagen Sie, Euer Hochwohlgeboren, kann ich vielleicht meiner Frau eine Nachricht geben? Sie können sich denken, sie ängstigt sich.

»Das ist verboten,« sagt der Pristav und verläßt das Zimmer.

Nach einer Weile kehrt er zurück. »Der Polizeimeester ist immer noch abwesend.«

Ich stelle mich dumm und meine: »Ich kann ja morgen wiederkommen.«

»Wir müssen Sie hier behalten.«

Er sieht mich scharf an, aber ich zucke nicht mit der Wimper.

Nach einer Weile meine ich: »Dann darf ich Sie vielleicht bitten, meiner Frau eine Nachricht zu übermitteln.«

Er in gemacht barschem Ton, denn die beiden andern, die offenbar kein Deutsch verstehen, schauen mißtrauisch von einem zum andern »Schreiben Sie.«

Ich schreibe also an meine Frau, sie solle sich nicht beunruhigen, ich müsse vorläufig hier bleiben, es werde aber schon so schlimm nicht werden, denn ein reizender Pristav sei bei mir, der vorzüglich Deutsch spreche, bei dem werde ich schon gut aufgehoben sein. Er werde selbst zu ihr kommen und sie beruhigen. Sie könne ihm Vertrauen schenken.

Der Pristav liest den Brief, ohne eine Miene zu verziehen, und steckt ihn zu sich. Ich denke, er versieht den Brief. Wie ihn auch meine Frau verstehen wird. »Gott sei Dank, er nimmt!« konnte ich ja nicht in kahlen Worten hinschreiben.

Wieder sitzen wir eine Weile stumm auf unseren Stühlen.

Der Pristav erhebt sich. »Da der Polizeimeester nicht kommt, muß ich Sie bei der Geheimpolizei abliefern.«

O weh, etwas Schlimmeres konnte er mir nicht antun.

Als wir aus dem Zimmer sind, frage ich: »Sagen Sie, muß das sein?«

Er macht ein böses Gesicht und führt mich über allerhand Treppen, durch mancherlei Gänge zur Geheimpolizei.

Ein dumpfer Raum mit Gendarmen. Der Pristav steht stramm, rapportiert, macht kehrt, ohne mir noch einen Blick zuzuwerfen, und verschwindet.

Hier versteht man nur Russisch. Ich stelle mich dumm. Da packt man mich einfach beim Arm und führt mich zu den Meßgeräten. Man mißt mich nach allen Regeln der Kriminalistik wie einen gemeinen Verbrecher.

Mitten in dieser Beschäftigung stürzt der Pristav wieder in den Raum, ruft den Gendarmen etwas zu, greift mich am Arm und zieht mich fort.

Er hastet mit mir durch Gänge und über Treppen, und als wir wieder auf gewöhnlichem Polizeigebiet stehen, sieht er mich lächelnd an und sagt: »Sie haben Glück. Der Polizeimeester ist eben gekommen.« Er deutet nach der Geheimpolizei. »Wen die Hunde erst einmal in den Klauen haben, den lassen sie so leicht nicht wieder frei!«

Was soll ich sagen? Ich schweige und komme mir vor wie einer, der der Höhle des Löwen noch gerade mit knapper Not entronnen ist.

Der Pristav geleitet mich in den Empfangsraum des Polizeimeesters. Dieser ist aber schon wieder fort. Hingegen ist der Polizeimeesterstellvertreter, wie das auf russisch heißt, da.

Der Pristav führt mich vor den Polizeimeesterstellvertreter.

Er sitzt hinter seinem Schreibtisch voller Akten und Papiere, darunter auch meine jetzt wieder versiegelten Notizbücher, und blickt nicht auf von seinen Papieren.

Der Pristav steht stramm. Der Polizeimeesterstellvertreter blättert in einem Protokoll.

Der Polizeimeesterstellvertreter: »Ich habe zu eröffnen, daß nichts Verdächtiges gefunden worden ist. Er braucht sich nicht zu ängstigen, es liegt nichts gegen Ihn vor. Nur haben wir den Befehl erhalten, auch alle Deutschen von 45-50 Jahren zu verhaften.«

Kleine Pause.

Ich: »Werde ich auch verschickt werden? Und was wird aus meiner Frau?«

Der Polizeimeesterstellvertreter stellt sich taub.

Der Pristav: »Wohin soll ich den Gefangenen bringen, Ew. Hochwohlgeboren?«

»In den Turm.« Das ist das Zuchthaus.

Der Pristav: »Ew. Hochwohlgeboren erlauben, aber es liegt doch nichts Verdächtiges gegen den Gefangenen vor, er ist ein gebildeter Mann, es ist auch in der ›Reserve‹ noch Platz. Könnte ich ihn nicht dahin bringen?«

Der Polizeimeesterstellvertreter, sichtlich gelangweilt: »Meinetwegen.«

Ich: »Erlauben, Ew. Hochwohlgeboren, die Frage: wohin werde ich verschickt?«

Der Polizeimeesterstellvertreter wütend: »Pascholl!« (Raus!)

Wir also raus.

Auf der Straße ich zu meinem Pristav: »Könnten wir uns nicht einen Wagen nehmen?«

Er ist einverstanden.

Als wir im Wagen sitzen, ich: »Ich habe einen scheußlichen Hunger. Könnten wir nicht erst etwas essen?«

Er ist einverstanden.

Ich: »Am besten ißt man im Hotel London. Fahren wir dorthin.«

Er lacht, er durchschaut mich. Ich will gerade dorthin, um meine Frau noch einmal zu sprechen.

Wir fahren zum Hotel London, und ich bestelle gleich ein Kabinett für uns, damit uns niemand Fremdes steht. Dorthin begeben wir uns auch gleich, während der Portier meine Frau ruft.

Meine Frau erscheint. Es kommen auch die alte und die junge Frau Richter. Der Pristav hat keine Amtsmiene mehr. Er ist der liebenswürdigste Mensch von der Welt. Er erzählt, daß er in Petersburg die deutsche Handelsschule besucht hat, daß er von Beruf einst Ingenieur war und viele deutsche Freunde hat, daß er dann aber wegen »Dummheiten« seinen Beruf verlassen mußte und Polizeioffizier wurde und jetzt in Tiflis wegen seiner Sprachkenntnisse vereidigter Dolmetscher für alle deutschen Angelegenheiten ist. Er ist zu gebildet, um all den Unsinn zu glauben, der in russischen Zeitungen über die Deutschen sieht, und er hofft, wenn ich einmal wieder nach Deutschland komme, werde ich nicht verschweigen, daß es auch unter russischen Polizisten anständige Menschen gibt.

Er bestellt für uns alle ein auserlesenes Essen. Natürlich auf meine Kosten. Er bestellt vor allem tüchtig was zu trinken.

Erst die beste und reichlichste Sakuska mit Schnaps, Schnaps, Schnaps, der jetzt ja außer in den ersten Hotels nur noch schwer zu haben ist.

Alle Achtung, saufen kann er, daß mir die Augen übergehen.

Nach der Sakuska noch einmal Kaviar extra für uns alle. Wir hindern ihn nicht, denn zur Not ißt er alles allein.

Nach dem Kaviar einen möglichst umfangreichen Sterlet mit schwerem Weißwein. Nach dem Sterlet ein Braten mit reichlich Rotwein. Nach dem Braten ein ordentlicher Truthahn, das kaukasische Leibgericht, mit möglichst viel Sekt. Dann Kaffee mit vielen Likören. Dann wieder Schnaps und Wein und wieder Schnaps.

So etwas von essen und trinken habe ich selbst in Rußland noch nicht gesehen.

Mein Pristav wird immer aufgeräumter, je voller er wird. Der Vorsteher in der »Reserve« ist ein alter Freund von ihm, dem er mich noch besonders empfehlen wird. Ich solle es so gut haben wie nur möglich, auch fände ich dort schon eine ganze Menge Deutsche vor. Es sei alles gar nicht so schlimm, wie es aussähe. Meine Frau brauche sich nicht zu beunruhigen. Sie dürfe mich jeden Nachmittag besuchen, und sowie er erfahre, wann wir verschickt würden, wolle er mich benachrichtigen; und was meine Frau anlange, wenn sie mit wolle, so brauche ich nur ein Gesuch an den Gouverneur einzureichen, denn das Gesetz erlaube jedem nach Sibirien verschickten Verbrecher, der verheiratet sei, die Frau mitzunehmen oder nachkommen zu lassen. Was wollten wir also noch mehr? Wir sähen doch, das sei alles nicht so schlimm, und wenn der Krieg vorbei, dann solle ich ihm auch einmal schreiben, ich würde dann gewiß etwas für ihn tun können, denn das mit der Polizei passe ihm auf die Dauer durchaus nicht.

Da er schon reichlich betrunken war, begann er mit den Damen zu flirten, und ich konnte für einen Augenblick das Kabinett verlassen, denn der uns bedienende Kellner hatte mir schon längst durch allerlei Winke zu verstehen gegeben, daß draußen irgend etwas Wichtiges auf mich warte.

Beim Portier war für mich ein Brief aus Berlin abgegeben worden, den irgendein von dort freigelassener Russe hierher gebracht hatte. Ein dicker Brief, in dem es unter anderem auch hieß: Da man die Russen in Berlin so anständig wie nur möglich behandle, nähme man an, daß es auch mir gut gehe. Sollte das aber nicht zutreffen, so solle ich nur den Schutz des nächsten amerikanischen Konsulats anrufen, und es würde alles für mich geschehen ... Ein hübscher Hohn in diesem Augenblick, wo ich im Begriff war, eingesperrt und dann verschickt zu werden.

Wertvoller als der Brief waren für mich einige Ausschnitte aus deutschen Zeitungen und ein langer Artikel von dem Abgeordneten Konrad Haußmann im »März« über die erste Periode des Krieges und die Aussichten für die zweite Kriegsperiode, die nun ihren Anfang nähme.

Aber ich durfte nicht länger draußen bleiben, ich mußte wieder in das Kabinett.

Der brave Pristav war so wein- und schnapsselig, daß er kaum noch zurechnungsfähig war. Als er mich erblickte, gab er sich einen Ruck, setzte seine Dienstmiene auf und behauptete, jetzt sei es aber höchste Zeit, mich in der »Reserve« abzuliefern.

»Wäre es nicht vernünftiger, Sie ruhten erst ein bißchen aus, Herr Kapitän?«

Er schwankte bedenklich hin und her.

»Die Reserve läuft uns ja nicht fort. Schlafen Sie ein bißchen, und nachher holen Sie mich ab. Ich geben Ihnen mein Ehrenwort, daß ich nicht mit einem Schritt das Hotel verlasse.«

Zuerst wollte er nicht, dann aber gab er nach. Vor allem, weil ihm einfiel, daß daheim für den Abend eine gebratene Gans auf ihn warte. Es wurde schon dunkel. Jetzt war gerade die richtige Zeit, sich ihr zu widmen. Brachte er mich erst in die »Reserve«, taugte die Gans nichts mehr, denn seine Frau erwartete ihn ja bestimmt um diese Stunde. Er hatte ganz vergessen, ihr zu telephonieren.

Er ging und meinte, gegen Mitternacht sei es immer noch früh genug, mich einzuliefern. Auch sei ja der Vorsteher der »Reserve« sein Freund und würde ein Auge zudrücken.

Er verschwand, wir gingen auf unser Zimmer; ich erzählte, was vorgefallen und was weiter bevorstehe, und wie sich meine Frau derweil verhalten solle. Dann las ich den Artikel aus dem »März« vor. Also so war es in Wahrheit derweil in Deutschland gegangen? So gut, so großartig gut? Einen Augenblick stutzte ich. Die deutsche Presse wird doch nicht auch so lügen gelernt haben wie die russische? Aber nur für einen Augenblick stutzte ich. Nein, das gab es nicht in Deutschland, das war völlig ausgeschlossen. Auch kannte ich doch Konrad Haußmann persönlich. Der schwindelte nicht. Auch merkte ich jetzt, mit welch echt schwäbischer Vorsicht das alles niedergeschrieben war.

Und nun fand ich in dem Brief aus Berlin noch einen undeutlich hingekritzelten Nachsatz, der lautete: »Mit unseren landwirtschaftlichen Maschinen haben wir Glück gehabt. Es wird Sie vor allem interessieren, zu erfahren, daß unsere Dreschmaschine tadellos funktioniert.« Wieder stutzte ich einen Augenblick. Mit landwirtschaftlichen Maschinen hatten weder der Briefschreiber noch ich etwas zu tun. Ach so, jetzt verstand ich. Die »Dreschmaschine« war das deutsche Heer. Damit der Überbringer des Briefes, falls das Skriptum in die Hände russischer Behörden fiel, keine Unannehmlichkeiten hätte, hatte mein Freund das so eingekleidet ... Nun verstand ich, was er mir mitteilen wollte. Die Dreschmaschine funktionierte tadellos. Gott sei Lob und Dank! Das war die Hauptsache. Wenn unsere Feinde nur Keile kriegten!

Der Pristav erschien schon gegen halb zehn Uhr abends wieder auf meinem Zimmer. Die Gans war verzehrt, der Weindunst hatte sich etwas verzogen. Nun war ihm doch angst geworden um mich.

Als er mich aber auf unserem Zimmer vorfand, atmete er auf und bat zunächst einmal um eine Flasche Wein.

Meine Frau und ich waren jetzt allein mit ihm, und so konnte ich ihm ein wenig auf den Zahn fühlen, wieviel mich sein Entgegenkommen für diesen Tag kostete. Als er merkte, wohinaus ich wollte, wehrte er energisch ab. Er dachte gar nicht an so etwas. Nur wenn ich wieder in Deutschland sei, solle ich an ihn denken. Und jetzt tränke er gern mit uns noch eine Flasche Wein.

Ich bestellte lieber gleich noch zwei, und ich muß sagen, der Mann, dieser russische Polizeimensch, der bares Geld ablehnte, begann mir zu imponieren. Aber man soll auch einen anständigen russischen Polizisten nicht überschätzen. Wie ich später erfuhr, hat er die zurückbleibenden deutschen Frauen auf Grund des guten Renommees, das ihm sein Verhalten mir gegenüber eingetragen, und worüber in deutschen Kreisen natürlich viel gesprochen wurde, weidlich ausgebeutet. Er galt fortan als anständiger Kerl und Deutschenfreund, und jede deutsche Frau, die sich keinen Rat mehr wußte, als der Mann verschickt war, wandte sich zunächst an ihn. Er war die Freundlichkeit selbst, er gab guten Rat, so viel man wollte. Aber er ließ sich jetzt tüchtig dafür bezahlen. Genützt hat jedoch sein Rat niemandem ...

Als die drei Flaschen geleert waren, verabschiedeten wir uns von meiner Frau und fuhren samt einem kleinen Handkoffer zur »Reserve«.

Es ging über die Nikolaibrücke, auf die ich tagsüber so oft gestarrt hatte, tief in die Altstadt hinein auf holprigen, immer schmaleren Wegen.

Der Wagen hielt vor einem unbeleuchteten Hauseingang.

Der Pristav nahm mein Köfferchen in die eine Hand, mich an der anderen und geleitete mich durch einen langen, dunklen Gang. In der Ferne leuchtete eine trübselige Petroleumlampe, unser Ziel. Allerlei, für mich nicht klar erkennbare Gestalten huschten wie auf Strümpfen vorüber.

Eine Tür stand offen. In der Tür lehnten zwei Polizisten. In dem Zimmerchen an der Decke eine trübselige Petroleumlampe.

»So, hier ist es,« sagte der Pristav und stellte das Köfferchen ab.

Auf Eisenbettstellen, auf dem Boden lagen Menschen, die mich neugierig, aber durchaus nicht freundlich musterten.

»Guten Abend, meine Herren. Hier bringe ich den schon angekündigten Zuwachs.«

Niemand sprach ein Wort.

»Also, Herr Professor, machen Sie es sich auf der Bettstelle dort bequem, die ich für Sie habe. reservieren lassen. Und wenn Sie einen Wunsch haben, telefonieren Sie mir. Die Nummer wissen Sie ja.« Der Pristav drückte mir die Hand und empfahl sich.

»Gute Nacht, meine Herren,« sagte er zu den dunklen Gestalten ringsum.

Niemand sprach ein Wort.

Ich wollte jemanden anreden, aber sowie ich den Versuch machte, drehte sich der Betreffende auf die andere Seite.

Man schnitt mich. Kein Zweifel, diese Deutschen schnitten mich. Warum? Ich hatte keine Ahnung.

Ich setzte mich auf die Eisenbettstelle, schob das Köfferchen unter den Kopf und streckte mich aus, so gut es gehen wollte.

Einer der Polizisten an der Tür trat ins Zimmer und schraubte die Petroleumlampe kleiner. Dann setzte er sich zu dem anderen Polizisten auf eine Bank vor der Tür. Schweigen. Dunkel! ...

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