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Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen

Kurt Aram: Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen - Kapitel 2
Quellenangabe
typereport
authorKurt Aram
titleNach Sibirien mit hunderttausend Deutschen
publisherVerlag Ullstein & Co.
year1915
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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Die Reise nach Tiflis

Am Sonnabend Mittag, den 25. Juli, gingen wir, meine Frau und ich, in Konstantinopel an Bord der »Carintia«, eines kleinen schmucken Dampfers des Österreichischen Lloyd, der uns durch das Schwarze Meer nach Batum bringen sollte. Im Sommer des Jahres 1914 hatte bekanntlich die Türkei, dem Drängen Deutschlands und Rußlands nachgebend, durchgreifende Reformen in Ost-Anatolien, das in der Hauptsache von armenischen Christen und von Kurden bewohnt wird, zugesagt. Drei Monate lang hatte ich diese mich interessierende Frage in Konstantinopel studiert. Zwei europäische Generalinspekteure für Ost-Anatolien, ein Norweger und ein Holländer, waren derweil von der Hohen Pforte ernannt worden. Der eine sollte seinen Sitz in Trapezunt, der andere in Wan haben. Mitte Juli waren sie mit ihrem Gefolge nach Anatolien abgereist. Am 25. Juli wollte ich ihnen nachreisen und einen Einblick in ihre Arbeit gewinnen. Da es eine ausgiebige Forschungsreise werden sollte, war am 20. Juli meine Frau aus Neuyork zu mir nach Konstantinopel gekommen.

Karte: Rußland

Karte: Rußland

Wir wollten zunächst nach Wan am Wansee reisen. Um dorthin zu gelangen, gab es zwei Wege. Entweder fuhr man zu Schiff nach Trapezunt und reiste dann zu Wagen oder zu Pferd über Erzerum nach Wan. Das dauerte von Trapezunt aus etwa dreiundzwanzig Tage, also eine sehr umständliche und sehr beschwerliche Reise. Oder aber man fuhr zu Schiff nach Batum, benutzte von dort die russische Eisenbahn über Tiflis nach Eriwan und hatte dann nur noch dreieinhalb Tage bis Wan, der Weg war also bedeutend kürzer und, da man bis auf die letzten drei Tage die russische Eisenbahn benutzen konnte, auch bedeutend bequemer. Also wählten wir natürlich ihn. Zwar war der österreichisch-serbische Konflikt schon ausgebrochen, das österreichische Ultimatum drohte und hing als schwere Wetterwolke am politischen Horizont, aber in jenen wundervollen Sommertagen dachte niemand daran, daß sich in so kurzer Zeit aus dieser Wetterwolke ein Weltbrand entzünden würde.

Kurz nach drei Uhr an jenem 25. Juli lichtete die »Carintia« die Anker. Eitel Sonne, blaues Meer und blauer Himmel ringsum. Vorbei am Winterpalast des Sultans, vorbei an dem Prinzenpalast, in dem Abdul Hamid gefangen saß, vorbei an Arnautikoi, der Sommerresidenz der österreichischen und amerikanischen Botschaft, wo an jenem Tag die weißen Stationäre der österreichischen, italienischen und englischen Botschaft friedlich beieinander im Wasser lagen, weiß und unschuldig wie drei Lämmlein auf der Wiese. Vorbei an Therapia, der Sommerresidenz der deutschen Botschaft, wo im Hafen die »Loreley« sich leise wiegte, der deutsche Stationär, auch ein weißes Lämmlein wie die anderen. Wir zogen den Hut und grüßten hinüber, denn die »Lore« mit ihrem Kapitän war uns sehr ans Herz gewachsen. In der leichten Brise vom Schwarzen Meere her bauschte sich wohlig die deutsche Flagge. Für fünf Monate sahen wir sie damals zum letztenmal.

An Bord der »Carintia« befanden sich fast nur Mohammedaner und Armenier. Meine Frau und ich waren die einzigen Reichsdeutschen. Von Europäern gab es außer der Schiffsbesatzung nur noch ein polnisches Ehepaar aus Lemberg auf der Hochzeitsreise, das über Batum-Tiflis bis nach Täbris in Persien vordringen wollte, um einmal etwas anderes zu sehen als die meisten Hochzeitsreisenden. Er ein kleiner schüchterner Privatdozent mit mächtiger goldener Brille. Sie ein zierliches Persönchen in einem dicken Lodenkostüm, das sicherlich doppelt so schwer war wie sie selbst. Wir hatten vom ersten Augenblick an keine besonderen Sympathien füreinander. Unsere Rettung war der Kapitän, ein Riesenmensch, Montenegriner von Abstammung, aber leidenschaftlicher österreichischer Patriot, ein Labsal in all dem fremdartigen Völkergemisch um uns her, mit dem es nicht viel zu reden gab.

Als wir in das Schwarze Meer einliefen, änderte sich das bis dahin so liebliche Klima. Rauh kam der Wind von Anatolien her über kahle Berge und menschenarme Ebenen.

Der Kapitän und wir redeten uns in eine immer größere Unruhe hinein. Welches war der Wortlaut des österreichischen Ultimatums, wie würde es aufgenommen werden? Aber das Schiff hatte keinen Marconi-Apparat, und an irgendwelche Telegramme war erst in Samsun zu denken. Unser cholerischer Kapitän wurde jetzt schon fuchsteufelswild bei der Vorstellung, daß es am Ende auch in Samsun keine neuen Telegramme gäbe. Wie es schon im Jahre zuvor während der Balkankriege gewesen war. Damals befuhr er dieselbe Strecke wie jetzt.

Nun, selbstverständlich erfuhren wir nichts, gar nichts in Samsun und mußten uns auf Trapezunt vertrösten. Hierhin kamen wir am 29. Juli, einem Mittwoch. Es war noch sehr früh am Morgen. Von dem Lloyd-Agenten war nichts zu sehen. Ich ließ mich an Land fahren, um den deutschen Konsul aufzusuchen. Der deutsche Konsul befand sich nicht in der Stadt, sondern irgendwo weit weg auf dem Lande und wurde für den Tag nicht mehr zurück erwartet. Hingegen gab sich ein schwarzhaariger und dunkelhäutiger Sekretär des Konsulats alle Mühe, mir auf französisch klar zu machen, daß nicht die geringste Gefahr eines Weltkrieges bestände. Er wisse das ganz genau, und er machte allerhand dunkle Andeutungen über derweil eingelaufene Depeschen.

Als ich auf das Schiff zurückkehrte, nahm mich der Kapitän beiseite. Er war sehr erregt und sagte, es gehe das Gerücht um, die Österreicher beschössen schon Belgrad.

Um Mitternacht lagen wir stundenlang wartend bei Risa, dem letzten türkischen Hafenstädtchen nahe der russischen Grenze. Aber Nachrichten, die der Kapitän erhoffte, kamen nicht; und so mußte er nach Batum weiterdampfen, wo wir in der Frühe des 30. Juli in den Hafen einliefen.

Der Hafen war wie ausgestorben. Hafenarbeiterstreik. Nur Polizei, Gendarmerie und russische Zollbeamte.

Endlich konnten wir an Land gehen. Wir taten es zögernd und ungern. Ich kannte Batum schon von früheren Reisen, ich kannte auch Rußland ganz gut. Ich litt also keineswegs an den leichten Beklemmungen, wie sie manchen befallen, der zum erstenmal den Boden eines ihm völlig fremden Landes betritt, und nun gar russischen Boden. Aber die unheimliche Ruhe im Hafen, die Erregung des Kapitäns, all seine kaum verschleierten Hoffnungen, daß es nun endlich losgehe – wir zögerten in der Tat, das Schiff zu verlassen. Am Ende wären wir auch geblieben und am anderen Tag wenigstens bis nach Trapezunt zurückgefahren, um dann doch die Reise über Erzerum zu wagen, worüber wir uns schon mit dem Kapitän unterhalten hatten, hätte er nicht, uns die Hand schüttelnd, den Witz gemacht: »Geben Sie nur acht, daß Sie nicht doch noch nach Sibirien kommen.« Wir lachten. So schlimm würde es schon nicht werden.

Nicht weit von der »Carintia« lag denselben Morgen am Batumer Kai noch ein großer Passagierdampfer der Hamburg-Amerika-Linie. Seinen Namen weiß ich nicht mehr. Wohl aber, daß er als erster Hamburger Dampfer zum ersten Male die neue Strecke Hamburg–Neuyork–Konstantinopel–Batum zurückgelegt hatte.

Wir fuhren in das erstbeste Hotel, um uns ein wenig zu erfrischen und mit dem nächsten Zug nach Tiflis weiter zu fahren. Der nächste Zug ging erst am Abend. Es hieß, er würde so mit Militär besetzt sein, daß wir kaum noch einen Platz finden würden.

Schon am Nachmittag begaben wir uns zur Bahn und erwischten gerade noch ein freies Halbcoupé. Das polnische Ehepaar, das erst kurz vor Abfahrt erschien, mußte sich mit Stehplätzen im Gang begnügen.

Ein Riesenzug, vollgestopft von oben bis unten mit russischer Infanterie. Da ich russische Verhältnisse kannte, machte es mich besonders stutzig, daß nicht nur die Fahrkarten, sondern auch die Pässe abverlangt wurden, was sonst auf russischen Eisenbahnen nicht geschieht. Und zwar besichtigten die Papiere nicht nur der Schaffner und der Zugführer, sondern auch ein Infanterieoberstleutnant, der das Halbcoupé neben uns innehatte ... Sehr merkwürdig und ungewöhnlich ... Bald bot sich Gelegenheit, mit unserem Nachbar in Uniform ein Gespräch zu versuchen. Leider sprach er keine europäische Sprache oder tat wenigstens so. Da meine Kenntnis des Russischen mehr als unvollkommen ist, war nicht viel aus ihm herauszubringen. Nur so viel verstand ich, daß er mir klar zu machen suchte, der Militärtransport geschähe der Streiks wegen, und daß ein Offizier die Kontrolle über die Bahnzüge ausübe, sei seit der Revolution von 1904/05 allgemein ... Hm ...

Der Offizier benahm sich überaus höflich und liebenswürdig, und als wir in der Frühe des 31. Juli in Tiflis ankamen und am Bahnhof wegen Streiks der Kutscher und Trambahnangestellten kein Vehikel aufzutreiben war, das uns in das gut eine halbe Stunde entfernte Hotel bringen sollte, gab der Oberstleutnant keine Ruhe, bis er doch noch einen Wagen für uns aufgetrieben hatte. Das polnische Ehepaar nahmen wir mit und fuhren zum Hotel London, das von einer Mainzerin, Frau Richter, geführt wird. Wer je im Kaukasus war, kennt dies Haus und seine Besitzerin, die sehr energische, überaus auf Reinlichkeit bedachte alte Dame, die, früh verwitwet, seit dreißig Jahren dies beste Hotel der kaukasischen Hauptstadt führte und jedem Deutschen, der zu ihr kam, wie eine Mutter war. Das klingt wie eine Art Grabrede und ist es auch. Denn die Russen haben inzwischen ihre beiden Söhne nach Sibirien verschickt, ihr selbst das Hotel ruiniert und sie dann, als alles ruiniert war, einfach nach Deutschland ausgewiesen.

An jenem letzten Freitag des Juli 1914 war freilich noch kein Gedanke an derlei. Das Hotel war voll besetzt mit hohen russischen Offizieren, so daß wir kaum noch Unterkunft finden konnten.

Ich gab sofort meine Pässe dem Portier und schärfte ihm ein, alles zu tun, damit ich die Pässe womöglich morgen wieder in Händen hätte. Er meinte aber gleich, es würde damit wohl bis Montag dauern. Ich mußte die Pässe, da ich russisches Gebiet ja schon am Montag wieder verlassen wollte, abvisieren lassen, um ungestörten Austritt aus dem Lande zu erhalten. Zwar hätte ich das auch noch in Eriwan besorgen lassen können, aber hier, in der Hauptstadt, würden die Formalitäten sicher schneller erledigt als in einer kleineren Stadt.

Von Deutschen waren damals in dem Hotel die beiden Söhne der Frau Richter mit ihren Frauen, die Hotelbesitzerin selbst und ein bayrischer Ingenieur mit seiner jungen Frau, einer Wienerin. Er war erst vor wenigen Wochen nach dem Kaukasus gekommen, um in einer Kupferhütte bei Batum, die der Firma Siemens gehört, tätig zu sein. Zu diesen Deutschen kamen nun meine Frau und ich.

An Europäern gab es dann noch zwei Engländer und einen amerikanischen Missionar, der mit seiner Tochter gerade aus Persien angekommen war. Zwei Tage später gesellte sich zu uns noch ein junges holländisches Ehepaar, das im Kaukasus Hochtouren machen wollte.

Alle übrigen Hotelgäste waren russische Offiziere, unter denen sich zahlreiche Balten befanden, die bei den Tifliser Dragonern standen.

Natürlich war auch hier der österreichisch-serbische Konflikt das Tagesgespräch. Bei den Deutschen, bei den Russen, bei den Engländern. Aber auch der schwärzeste Pessimist ahnte nicht, was schon am Montag Wirklichkeit sein sollte.

Sonnabend, den 1. August, ging ich auf das deutsche Konsulat. Leider war der deutsche Konsul überhaupt nicht in Tiflis, sondern schon seit Wochen auf Heimatsurlaub in Deutschland. An seiner Stelle führte die Geschäfte ein Herr Lortz, Sekretär des Konsulats, unter tätiger Unterstützung des österreichischen Konsuls Dr. Corossacz, eines geborenen Ungarn. Der deutsche Sekretär erwies sich als so überarbeitet und aufgeregt, daß ich ihn nicht weiter stören wollte und zum österreichischen Konsulat ging. Der österreichische Konsul war sehr liebenswürdig und sehr zugeknöpft, also das, was man gemeinhin einen Diplomaten nennt.

Als ich wieder auf der Straße stand, traf ich zufällig einen mir von Konstantinopel her bekannten Syrier, der mich ganz entsetzt anstarrte und flüsterte: »Machen Sie, daß Sie fortkommen, es gibt Krieg!« Ich lächelte ungläubig, aber er machte jedenfalls, daß er schleunigst weiter kam.

Am nächsten Tag gegen Mittag, es war Sonntag, wir saßen gerade beim Frühstück, erschien ein Balte im Restaurant, ein Baron Drachenfels, tuschelte geheimnisvoll nach rechts und links mit ihm bekannten Deutschen aus der Stadt, die am Sonntag hier ebenfalls frühstückten. Er schien sehr erregt zu sein, bat einige Deutsche, die er kannte, darunter auch den bayrischen Ingenieur und seine junge Frau, die Wienerin, zu sich an den Tisch und bestellte Sekt, weil er Kater habe und ihn wegschwemmen wolle.

Meine Frau und ich saßen nicht an dem Tisch, da wir damals noch niemanden von der Tafelrunde persönlich kannten. Der Sekt löste die Zungen, und da eine junge Frau am Tische saß, der man eifrig den Hof machte, ging es bald sehr lebhaft zu.

Wir fanden, diese Deutschen benähmen sich denn doch etwas zu laut in dieser immerhin kritischen Zeit. Wir sahen auch, wie ein Tisch mit russischen Offizieren immer unruhiger wurde über die vergnügten Deutschen. Nach allem, was sie taten und sagten, wußte ich, daß ihr Zusammensein rein zufällig und ganz harmlos gemeint sei. Aber ich kannte ja Rußland und wußte, wie leicht man dort jemandem auch aus der größten Harmlosigkeit einen Strick dreht, wenn man will und einen Vorwand findet.

Wir verließen das Restaurant, zumal ich bemerke, wie auch der jüngere Sohn des Hauses immer unruhiger wurde über die fröhlich Sekt trinkende Gesellschaft. Ich hatte kein Recht, die Leute zu warnen, also entfernte ich mich lieber. Daß dies durchaus harmlos gemeinte Sektfrühstück noch so schwere Folgen haben würde, das hätte ich an jenem Sonntag noch nicht für möglich gehalten.

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