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Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen

Kurt Aram: Nach Sibirien mit hunderttausend Deutschen - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
authorKurt Aram
titleNach Sibirien mit hunderttausend Deutschen
publisherVerlag Ullstein & Co.
year1915
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140417
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Der Transport nach Wjatka

Als wir aus dem Tifliser Bahnhof heraus sind und das Weinen und Jammern der Kinder nicht mehr hören können, ist es für eine ganze Weile totenstill in unserer Zigarrenkiste. Keiner sieht den anderen an. Man muß sich erst ein wenig fassen.

Aber die rauhe Wirklichkeit, in der wir uns befinden, beschleunigt das. Wie Heringe in einer Tonne befinden wir uns hier. Die Kosakin und meine Frau, sowie die Kranken unter uns sitzen. Wir anderen stehen.

Zunächst bringen wir einigermaßen Ordnung unter das Gepäck, das überall herumliegt. In dem vorderen Teil des Wagens wird es übereinander gestapelt. Dann bleibt wenigstens der hintere Teil frei davon. Die beiden Soldaten schließen die hintere Wagentür auf und teilen uns mit, daß sie draußen kampieren werden, um uns nicht auch noch Platz fortzunehmen.

Der Polizeioffizier drückt sich auch bald, indem er die vordere Tür aufschließt. Er läßt sich ein Kupee zweiter Klasse durch den Schaffner besorgen und bleibt dort die Nacht über in aller Bequemlichkeit. Die drei Leute, die uns Verbrecher bewachen sollen, sind damit verduftet.

Unsere vier Primaner strecken sich zwischen den Bänken auf dem schmutzigen Boden aus. Die Bienenzüchter und der Käsesalzer klettern auf die Gepäckstücke und suchen dort Unterkunft für die Nacht. Wir andern sitzen und stehen abwechselnd herum.

Die Zigarrenkiste, die hinten am Zug hängt, schleudert elend hin und her. Ein wahres Glück, daß ein russischer Personenzug nicht schneller ist als bei uns ein Güterzug. Sonst wären wir schon nach einer Stunde fürs Irrenhaus reif.

Wir stehen oder sitzen und starren uns an ...

Und langsam gestaltet sich in uns ein Plan, wie wir aus dieser Lage uns befreien können. Bei irgendeiner größeren Haltestelle, jedenfalls in Baku, werden doch wohl die Türen einmal aufgeschlossen werden. Dann werden wir mit unserem Gepäck aus dem Wagen stürzen und uns weigern, wieder einzusteigen. Mögen sich die Behörden auf den Kopf stellen, wir steigen nicht wieder ein. Mögen sie uns einsperren oder was sonst immer tun, in diesem Waggon bleiben wir nicht. Und damit alles klappt, werden die Rollen verteilt ...

Draußen scheint kein Mond. Es ist rabenschwarze Nacht um uns her. Eine Beleuchtung gibt es nicht. Einige haben zwar Kerzen in ihren Koffern, aber es wäre zu mühsam, unter dem wilden Haufen von Gepäckstücken die richtigen Koffer herauszufinden.

Der Morgen dämmert. Die Soldaten kommen zu uns. Draußen ist es zu kalt. Nach einer Weile erscheint auch der Polizeioffizier. Wir behandeln ihn zunächst einmal als Luft ...

Seit gestern nachmittag haben wir nichts mehr gegessen. Ein kräftiger Appetit macht sich bemerkbar ... Die Soldaten erklären sich bereit, bei der nächsten Station heißes Wasser zu holen, was es an jedem russischen Bahnhof gibt. Teekessel haben wir natürlich in großer Zahl mitgenommen.

Eine kleine Station. Die Soldaten holen Teewasser. Ein Eßkorb wird herbeigeschoben, einerlei, wem er gehört. Bei der fürchterlichen Enge müssen wir froh sein, wenn wir überhaupt einen öffnen können. Meine Frau und die Kosakin schneiden Brot und Wurst. Das Frühstück ist fertig. Die Soldaten bekommen auch ihr Teil. Der Polizeioffizier wird nicht eingeladen.

Ein trüber Tag, eine seltsame Landschaft.

Wohin man blickt, nichts als sumpfige Steppe, schmutzig, graugelb wie die Dromedare, die, von einem Perser geleitet, hoch mit Waren beladen, durch diese Steppe nach Baku wallen. Ein richtiges Wüstenbild ...

Unser Berliner, der die Gegend genau kennt, flüstert uns zu, gleich käme eine größere Station, wo wir es mit der Rebellion wagen könnten.

Die Luft ist zum Ersticken in unserer Zigarrenkiste, trotzdem die kleinen Fensterchen offen stehen.

»Machen wir doch auf der nächsten Station ein wenig die Türen auf,« meint der Berliner, »daß wir mal gründlich auslüften.«

Die Soldaten sind einverstanden.

Wir kommen zur Station. Die Soldaten öffnen diensteifrig die Türen. Wir drängen nach außen. Sie denken, wir wollen nur auch einmal frische Luft schöpfen und machen Platz. Auch der Polizeioffizier ist schon draußen in der frischen Luft. Ehe sie sich dessen versehen, sind wir alle draußen und unser Gepäck ebenfalls.

Was soll das heißen? Das soll heißen, daß wir für unser gutes Geld einen anständigen Wagen verlangen, und daß wir in diese Kiste nicht mehr hineingehen. Man mag uns krumm schließen, man mag uns einsperren, aber in die Kiste gehen wir nicht mehr.

Die Soldaten schmunzeln und geben uns innerlich recht. Der Polizeioffizier ist ratlos.

»Gehen Sie zum Bahnhofsvorsteher und teilen Sie ihm das Nötige mit!« rufen wir. Er eilt von dannen.

Der Bahnhofsvorsteher kommt und schimpft, zwei Gendarmen kommen und fluchen. Aber es hilft ihnen nichts. Wir zeigen unsere Billette und verlangen einen anständigen Wagen. Publikum kommt hinzu und läßt sich erklären, was los ist. Die einen sind dafür, daß man uns einfach totschlägt und keine weiteren Umstände macht. Andere, und diese schreien natürlich nicht so wie die Patrioten, geben uns im stillen recht und drücken sich.

Die Beamten drohen und bitten. Aber wir bleiben hartnäckig. Und es ist nicht das erstemal, daß ich in Rußland beobachten kann, wie Beharrlichkeit zum Ziele führt.

Wir erhalten wirklich einen anderen Wagen, der wenigstens von außen geräumig und wie ein regulärer Wagen dritter Klasse aussieht.

Wir klettern mit Sack und Pack hinein, so schnell es geht, denn sonst bleiben wir hier liegen.

Nun hat wenigstens jeder einen Sitzplatz. Es ist immer noch mehr als eng, aber wir fühlen uns schon halbwegs im Paradies.

Die Landschaft draußen wird immer phantastischer. Ich bin schon viel in der Welt herumgekommen, meine Frau erst recht, aber so eine Landschaft haben wir noch nicht gesehen. Sandflächen mit Sandhügeln, kein Baum, kein Strauch. Wir befinden uns im Naphthagebiet. Kein Vogel, kein Hund, überhaupt kein Tier. Ab und zu nur ein einsamer Reiter. Man sieht, wie dem Pferdchen unter den Hufen bei jedem Schritt Sand ausspritzt wie Wasser. Und wenn es einen Hügel nehmen muß, so kommt es kaum von der Stelle.

Das dauert bis gegen Abend. Nun wird die Gegend allmählich wieder fruchtbarer. Wir befinden uns auf der anderen Seite des Kaukasus. Eine Bahn zwischen Wladikawkas und Tiflis ist zwar längst geplant, denn das gäbe eine direkte Verbindung über den Kaukasus hinüber, aber Rußland arbeitet langsam, wir werden die Bahn nicht mehr erleben. Wer von Tiflis nach dem alten Rußland will, muß wohl noch zwanzig Jahre lang fahren wie wir, nämlich um den ganzen Kaukasus herum.

Karte: Kaukasus

Karte: Kaukasus

Wir gelangen in das Dongebiet mit seinen riesigen Getreideflächen. Hier sind die meisten unserer Soldaten zu Hause.

Wir halten in Armawir. Die Soldaten hält es nicht länger im Wagen, sie steigen aus. Da sind auch schon ihre Frauen und Kinder. Sie bringen sie uns, wir müssen sie auch kennen lernen. Und nun erscheinen in unserem Wagen drei jüngere Bauernfrauen, die Frau unseres Feldwebels aus der »Reserve« mit ihren Verwandten. Der Feldwebel hat nach Hause telegraphiert, daß wir vorbeikommen. Sie wollen uns begrüßen und bringen Früchte und Fische für uns. Wie das wohltut, wie rührend das ist»

Wir laufen in Rostow am Don ein. Fünf Uhr morgens. Alles raus. Mit Sack und Pack. So wird uns befohlen. Wir sind ärgerlich, denn wir haben uns endlich ein wenig eingerichtet. Aber es hilft nichts. Immer wieder die 87 Gepäckstücke ein- und ausladen, es ist wirklich kein Vergnügen.

Während die anderen noch mit dem Gepäck beschäftigt sind, gehen wir, meine Frau, der Tilsiter und ich, in das Restaurant zweiter Klasse, um uns ein wenig zu erfrischen und womöglich etwas zu waschen, denn man sieht scheußlich aus.

Wir waschen uns und frühstücken, zünden uns eine Zigarette an. Wie prachtvoll das ist, einmal wieder in einem großen Raum mit erträglicher Luft zu sitzen, ohne bei jeder Bewegung aneinander zu stoßen.

Aber wo bleiben die anderen?

Endlich kommt der Polizeioffizier zu uns. Er ist verstört und aufgeregt, denn er fürchtete schon, wir wären ausgerissen. Die Kameraden werden draußen auf einem zugigen Korridor im Bahnhof von Gendarmen bewacht. Niemand darf fort. Wir müssen uns beeilen, auch dorthin zu kommen, bevor die Gendarmen unsere Abwesenheit merken, »die Hunde«, wie der Polizeioffizier sie unausgesetzt nennt.

Nun befinden wir uns auch in dem zugigen Gang. Da sitzen die Kameraden auf ihren Kisten und Koffern mit verkniffenen Gesichtern, und um uns herum wandern unausgesetzt vier riesige Gendarmen.

Es sind große, schöne Menschen, aber mit falschem, gemeinem Gesichtsausdruck. Der eine ruft unseren Polizeioffizier heran. Er sieht stramm vor dem Gendarmen, der ihn anschnauzt wie einen Schuljungen, weil er uns viel zu gut behandle. Der Polizeioffizier wagt keine Erwiderung. Er steht stramm und schweigt. Ein Wink des Gendarmen, und der Offizier tritt ab, wieder zu uns. Ich suche ihn auszufragen. Wir gehen hin und her. Hinter uns drein aber immer ein Gendarm, der unseren Worten lauscht. Wir sprechen Deutsch, und der Gendarm versteht nichts.

Wieder kommandiert er den Offizier zu sich und fragt ihn aus, was wir gesprochen haben, und warum er nicht Russisch mit mir spricht?

Der Offizier erklärt es und darf wieder abtreten.

Wer zu einem Zug will, muß den Gang passieren, in dem wir herumstehen mit all unserem Gepäck.

Die Passanten stutzen, bilden Gruppen und glossieren uns. Sie werden immer erregter und feindseliger. Es werden noch zwei Gendarmen zu unserer Bewachung hierherkommandiert.

Die erregte Menge beschimpft uns und spuckt nach uns. Die Gendarmen beschimpfen uns erst recht. »Totschlagen sollte man euch alle!« – »Erst peitschen und dann aufhängen, das wäre das richtige,« meint liebevoll ein anderer. »Man macht zu viel Umstände mit euch, man sollte euch einfach ersäufen wie die jungen Katzen, statt euch spazieren zu fahren.« – »In der Hölle soll eure Seele verfaulen, ihr Hunde!« – »Wir sind viel zu gutmütig. Wir sollten sie behandeln, wie die Deutschen die Unseren behandeln. Totschlagen und auf den Mist werfen!«

So geht es den ganzen Tag über, denn in diesem Gang werden wir vom frühen Morgen bis gegen Abend festgehalten. Ohne daß jemand etwas essen darf. Ohne daß jemand austreten darf.

Dann müssen wir mit unseren 87 Gepäckstücken wohl eine halbe Stunde lang über alle möglichen Geleise, vorbei an allen möglichen Zügen, bis wir endlich den für uns bestimmten Wagen finden. Die Gendarmen immer um uns her mit Fluchen und Schimpfen.

Endlich sind wir wieder eingeladen, und sofort setzt sich der Zug auch in Bewegung. Gott sei Dank.

Der neue Wagen ist kleiner als der frühere. Wir können wieder nicht alle gleichzeitig sitzen. Wir müssen abwechseln. Auch ist dieser Wagen schon für den Winter eingerichtet. Die Doppelfenster sind zugegipst, so daß man sie nicht öffnen kann. Die Türen sind abgeschlossen, so daß man sie nicht öffnen kann. Luft gibt es nicht mehr.

Unterwegs wird ein Extrawagen an den unseren angehängt. Ein Gendarmerieoberst bewohnt ihn. Er reist wie ein Fürst. Für uns ist es schlimm, denn nun wagt unser Polizeioffizier überhaupt nicht mehr, etwas für uns zu tun.

Er hatte uns versprochen, bei der nächsten Gelegenheit würde er uns einmal in ein Bahnhofsrestaurant lassen, um endlich einmal wieder etwas Warmes zu essen.

Eine große Station zwischen Rostow und Moskau. Unser Polizeioffizier faßt sich ein Herz, als er den Gendarmerieoberst in das Restaurant eintreten sieht, ihm nachzugehen. Hinter ihm drein stampft wutentbrannt unsere Kosakin.

Der Polizeioffizier steht stramm vor dem Gendarmerieobersten, meldet seinen Gefangenentransport und fragt an, da die Gefangenen seit Tiflis noch nichts Warmes bekommen hätten, ob man ihnen gestatten könne, hier einen Teller Suppe zu essen.

Dem Obersten quellen die Augen aus dem Kopf vor Wut, und er brüllt ihn an: »Was fällt dir ein? Die Hunde haben dich wohl bestochen, daß du so sprichst? Verrecken sollen sie!«

Da tritt unsere Kosakin vor, die uns die Szene nachher schilderte, und sagt voller Gift: »Ew. Hochwohlgeboren sind wirklich ein feiner Herr, das muß ich sagen. Daß ein so feiner Herr so ein Wort überhaupt in den Mund nimmt. Verrecken! Man schämt sich, Ew. Hochwohlgeboren, wenn man das hört, eine Russin zu sein.«

Dem Gendarmerieobersten geht die Luft aus; er kann keine Worte finden. Dem Polizeioffizier fällt das Herz vollends in die Hosen.

»Schämen sollten Sie sich, Ew. Hochwohlgeboren, unschuldigen Menschen nicht einmal einen Teller Suppe zu gönnen!«

Totenstille herrscht in dem Raum. Jedermann hört die Worte der Kosakin. Dem Obersten wird die Sache peinlich. Endlich findet er wieder Worte und brüllt den Polizeioffizier an: »Also lasse die Hunde zu je dritt einen Teller Suppe essen!« Dank unserer tapferen Kosakin bekamen wir so zum erstenmal etwas Warmes ...

Weiter geht die Reise. Draußen wird es kalt. Wir sehen den ersten Schnee. Bald versagt die Heizung ganz, daß man schnattert vor Frost. Dann wieder wird für eine halbe Stunde wie wahnsinnig geheizt, daß der Schweiß auf die Stirne tritt. Es ist ein Elend ...!

Wir erreichen Moskau in tiefem Schnee. Wir müssen auf einen anderen Bahnhof. Also wieder einmal heraus mit Sack und Pack.

Donnerwetter, ist das kalt! Wir kommen aus Tiflis und sind gegen Kälte sehr empfindlich. Auch sind wir alle sehr kaputt und herunter.

Endlich treiben die Soldaten ein Fuhrwerk für unser Gepäck auf.

Nun tappen wir armen Verbrecher hinter dem hochbeladenen Karren im Schnee durch halb Moskau. Ein angenehmes Spießrutenlaufen. Halb wie Zuchthäusler, halb wie mittellose Auswanderer nach Amerika kommen wir uns vor.

Endlich erreichen wir den Sibirischen Bahnhof. Gott sei Dank, hier ist es leer, fast gar keine Menschen und merkwürdigerweise keine Gendarmen.

Wir machen es uns im Restaurant bequem. Wir verteilen uns in kleinen Gruppen durch das große Restaurant. Hockten wir alle zusammen, fiele es auf. Wir sind schlau geworden. Wir benehmen uns nach Kräften wie gewöhnliche Reisende. Die Täuschung gelingt auch. Niemand kümmert sich um uns.

Hier sehen wir auch zum erstenmal verwundete russische Soldaten und Offiziere. Die Soldaten betteln uns an. Die Offiziere trinken Tee und kümmern sich nicht darum. Arme Kerle! Unsere Soldaten unterhalten sich mit den Kameraden von der Front. Arme Kerle! Wie jammervoll sie aussehen. Halb verhungert und ganz verlumpt. Gar mancher zum Krüppel geschossen ... Und muß jetzt schon betteln gehen, betteln bei uns Deutschen.

Wir machen dem Polizeioffizier klar, daß meine Frau ja keine Gefangene ist, sondern nur mich, den Gefangenen, aus freien Stücken begleitet, daß sie also volle Bewegungsfreiheit hat. Da unser Zug erst am Abend weitergeht, wollen wir, sie soll allerhand Einkäufe für uns machen.

Wenn kein Gendarm in der Nähe ist, läßt sich mit unserem Offizier auskommen. Er weiß auch, daß sich das Trinkgeld, das er am Schluß bekommen soll, danach richten wird, wie weit er uns gefällig ist.

Wir stellen eine kleine Liste auf, in der warme Schals eine Hauptrolle spielen und Galoschen, und meine Frau darf in die Stadt fahren. Der Gefreite fährt mit und schließlich auch unser Berliner. Es kostet einigen Kampf, bis der Offizier das gestattet. Aber es muß doch jemand mit, der Deutsch und Russisch spricht.

Nach drei Stunden kehren sie zurück mit ihren Einkäufen und haben viel zu erzählen. Der Gefreite von einem Lift, denn so was hat er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen, und es imponiert ihm am meisten von ganz Moskau. Die beiden anderen erzählen von den zerstörten deutschen Geschäften, und wie jedes zweite Haus in Moskau ein Lazarett sei, und wie man auf den Straßen fast nur verwundete Soldaten und Krüppel sähe. Ganz Moskau wirke wie ein einziges Riesenlazarett ... Die Fahrt geht weiter nach Wologda. In Wologda herrschen schon 20 Grad Kälte, und wir müssen wieder einmal in einen anderen Zug. Prrr, das ist ja nun wohl schon sibirische Kälte.

In Wologda ein riesiger Zug mit österreichischen Kriegsgefangenen, Militär aller Art. Also doch wohl Landsleute? Wir suchen uns mit den Soldaten zu verständigen, aber es gelingt nicht, es sind Tschechen ... Aber dort, die sehen wie Tiroler Jäger aus ... Es ist tschechischer Landsturm ... Nur Tschechen, Tschechen, Tschechen! Aber sie sehen gar nicht so vergnügt aus, wie man nach den russischen Zeitungen annehmen sollte. Sie frieren elend. Man hat ihnen die Mäntel fortgenommen. Sie sind blau gefroren in ihren dünnen Uniformen, Sommeruniformen. Das heilige Rußland, das allen slawischen Brüdern den Himmel auf Erden verspricht, scheint alle Liebesbeteuerungen zu vergessen, sowie sie solche Brüder erst in den Händen hat ... Uns soll es recht sein ...

Von Wologda aus stehen uns sogar anderthalb Wagen zur Verfügung. Nun wird man sich endlich einmal wieder ausstrecken können. Wie die Prinzen kommen wir uns vor. Und sogar eine Fliege ist im Wagen. Die erste, die wir auf dieser Reise zu sehen bekommen.

Jeder macht es sich so bequem wie möglich, und dem Zugführer verabreicht der Polizeioffizier ein größeres Trinkgeld aus unserer Tasche, damit wir allein bleiben.

Um drei Uhr in der Nacht werden wir aus dem ersten, schönen Schlaf aufgestört. Wir müssen den Wagen räumen und alle miteinander samt unserem Gepäck in dem halben Wagen Platz nehmen, so schlecht es auch geht. So eng zusammengepfercht waren wir selbst in der Zigarrenkiste von Tiflis nach Baku nicht. Schauderhaft. Warum? Kein Mensch weiß es. Der von uns geräumte Wagen bleibt leer. Die pure Gemeinheit, weiter nichts! Doch nein, zwei Gendarmen beanspruchen den Wagen für sich, den ganzen Wagen für sich allein. Das ist die Sache ...!

An Schlafen nicht mehr zu denken. Draußen ein gewaltiger Schneesturm. Alle Augenblicke muß der Zug halten wegen Schneeverwehungen ... So geht es zwei Nächte und zwei Tage. Zwei von unseren Kranken sind nur noch Schatten. Jeden Augenblick fürchten wir, sie sterben uns unter den Händen. Und wir anderen? Wir sind auch der Verzweiflung nahe ... Wenn ein Trupp Soldaten käme und uns niederschösse, es wäre uns eine Erlösung, wir würden uns gewiß nicht wehren dagegen ...

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