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Nach den Mondbergen

Friedrich Wilhelm Mader: Nach den Mondbergen - Kapitel 46
Quellenangabe
type
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleNach den Mondbergen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunZwölfte Auflage
yearo.J.
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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43. Die Wunder der Nilquellen.

Nur kurz ließen sich die Geretteten durch dieses Schauspiel erhabener Wildheit aufhalten. Der nach all den Aufregungen und Anstrengungen sich mit doppelter Stärke geltend machende Hunger mahnte sie, daß sie noch nicht von allen Nöten erlöst seien. Sie schritten den Bach entlang, der sich bald wieder auf sein gewöhnliches Bett beschränkte.

Plötzlich standen sie am Ausgange des Tales an einem ziemlich steil abfallenden Hang. Der Fluß stürzte hier nicht in die Tiefe, sondern wurde durch einen großartigen, aus Riesenpfeilern ruhenden Aquädukt weitergeleitet nach einem merkwürdigen Bau, der aus dem Talgrund vor ihnen emporragte.

»O, Mutter!« schrie Amina entsetzt auf. »Das ist die Behausung der Djins!«

Die »Djins« sind nach arabischem Glauben böse Geister oder Dämonen, und das seltsame grüne Schloß, das sich den erstaunten Blicken zeigte, konnte ganz den Eindruck eines Geisterschlosses machen. Daher rief auch Hamissi fast gleichzeitig mit Amina: »O, Mama, o, Mama! Das muß die Wohnung Iblis', des Bösen, sein, vor dem uns Allah in Gnaden bewahre.«

Denn der Suaheli hatte, ohne gerade zum Islam übergetreten zu sein, doch, wie die meisten Schwarzen Sansibars, die mohammedanischen Glaubensbegriffe, Lehren und Namen angenommen. Iblis ist bei den Arabern der Name des Satans.

Aber auch die Weißen standen starr, bis auf Flitmore, der keinerlei Überraschung wenn auch staunende Bewunderung zeigte.

»Der Kupferpalast!« rief Hendrik aus.

Einem altägyptischen Tempel gleich in seinen riesigen Verhältnissen, so stand es vor ihren Augen, dieses sagenhafte Schloß König Hermes des Ersten. Zum Teil war es freilich eingestürzt, im großen ganzen aber hatte es den Jahrtausenden getrotzt. Einen geradezu märchenhaften Eindruck machte es in seinem tiefgrünen Überzug, der Patina, die das Metall so wirksam vor der Verwitterung schützt. Dennoch sah es an vielen Stellen stark zerfressen aus; allein die Mauern waren so gediegen, daß sie noch manchem Jahrhundert Trotz bieten mochten.

Welche Riesenwände, bedeckt mit erhabenen Bildwerken und Verzierungen! Wie großartig die hohen Bogenfenster, wie kunstvoll die durchbrochenen Galerien der grünen Zinnen! Massige und doch so zierlich gegliederte Säulen trugen die einzelnen Stockwerke und bildeten übereinandergetürmte Wandelgänge, herrliche Terrassen, die rings um den Märchenbau liefen und hinter denen sich erst die dicken Wände mit ihren unzähligen Fensteröffnungen erhoben.

Es war ein ausgedehnter, kreisrunder Talkessel, in dessen Mitte der wunderbare Palast zum Himmel emporstarrte.

Man sah hier verschiedene Seitentäler einmünden, und aus jedem waren die Wasserläufe auf Aquädukten dem Schlosse zugeführt worden, das heißt auf Hochwasserleitungen, die auf Pfeilern ruhten. Vollständig erhalten war aber nur die eine Zuleitung, an der unsere Freunde standen. Die anderen, sechs an der Zahl, waren teilweise oder ganz eingestürzt, und von den Ruinen rann und troff das Wasser an langen, herrlichen Moostuffen hernieder.

Lange Zeit hielt der wunderbare Anblick die Beschauer gebannt; dann aber eilten sie hinab ins Tal, und bald betraten sie mit ehrfürchtigem Schauern das Kupferschloß, nachdem sie noch von außen die herrlichen Bilderszenen und Inschriften in Bilderschrift bewundert hatten, mit denen die Wände bedeckt waren.

So hoch der Bau emporragte, so stak er doch über die Hälfte im Erdboden; das war das Werk der Jahrtausende, die Schicht um Schicht von Sand und Geröll absetzten, um das großartigste Werk menschlichen Unternehmungsgeistes zu begraben.

Der Eingang in das Schloß erfolgte durch ein Fenster, das vielleicht zum zweiten Stockwerk gehörte, da das Portal und das unterste Stockwerk nunmehr unterirdisch geworden waren. Hohe, reichverzierte Säle und prachtvolle Prunkgemächer befanden sich dort innen, und als unsere Freunde auf der anderen Seite zu den Fenstern hinaussahen, erblickten sie unter neuem überwältigendem Staunen die altberühmten kupfernen Statuen vor dem Schlosse im Halbkreis aufgestellt.

Viele davon waren freilich umgestürzt und lagen im Sande begraben, einigen fehlte der Kopf, andere aber waren noch völlig gut erhalten, und siehe! aus einem dieser Riesenmäuler floß noch wie vor Jahrtausenden das Wasser in mächtigem Bogen hinab, um sich mit den am Boden hinfließenden anderen Zuflüssen zu vereinigen.

Die Gewalt der strömenden Wasser hielt sich noch einen Schacht frei, in den sie hinabstürzten, sich mit Sand und Steinen vermischt durch den uralten Tunnel nach außen zu ergießen. Wenn sich bei Hochwasser hier die Fluten stauten, so mußte das Schloß zum Teil unter Wasser stehen und die Standbilder würden bis zu den Knien bedeckt sein. Welch herrliches Bild mochte das abgeben!

Und wie überwältigend reckten sich die kupfernen Kolosse empor! Da saßen sie auf ihren Thronen, die Hände auf die Knie gelegt; die erhabenen Häupter blickten ernst und ehrfurchtgebietend drein und der weitaufgesperrte Mund verlieh ihnen etwas Drohendes und Schreckliches.

»Meine Herren!« sagte Lord Flitmore feierlich, nachdem der erste Eindruck einigermaßen überwunden war. »Wir schauen als die ersten Sterblichen seit Jahrhunderten, wohl mit einer einzigen Ausnahme, ein Weltwunder, nach dessen Anblick sich die kühnsten und edelsten Geister vergeblich gesehnt haben; ein Cäsar hätte gerne seinen ganzen Kriegsruhm geopfert, wenn er hätte sehen dürfen, was wir sehen; wir bewundern, was menschliches Genie vor unvordenklichen Zeiten auszuführen vermochte, ein Wunderwerk, an dessen Dasein die übergescheite Gelehrsamkeit Europas gar nicht glaubt, Gebilde, deren Wucht uns hochmütige Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts vernichtet, weil vor ihnen unser ganzer Fortschrittswahn beschämt zerfließt! Wie blähen wir uns doch mit unserer Kultur, unseren Erfindungen, mit unserer glorreichen Bezwingung der Naturkräfte. Und siehe da! Mit all unserem Witz, mit all unseren gewaltigen Hilfsmitteln könnten wir nicht einmal eine geistlose Nachahmung solcher genialen Schöpfungen zustande bringen, die durch die Kraft verschollener Titanen vor Jahrtausenden geschaffen wurden. Das sind Wunder, die nicht bloß unsere Fähigkeiten übersteigen, sondern die über die kühnsten Gedanken unserer geistvollsten Köpfe weit, weit hinausragen.

»Preisen wir uns glücklich, daß wir schauen durften, was uns verwirrt und zugleich erhebt; aber entreißen wir uns dem Banne dieses Wunderwerks und kehren wir in die Wirklichkeit zurück.«

»Ja!« rief Schulze. »Sie haben recht, wie immer. Das Leben mahnt uns gebieterisch, und wenn wir seiner Stimme nicht gehorchen, wird niemand Kunde erhalten von diesen Geheimnissen und Wundern, die wir entdeckten, und nur eine blasse Sage wird gehen, der Berg Gumr habe neue Opfer gefordert und Menschen verschlungen wie vor Zeiten.«

Der Lord aber begann wieder: »Auch das hat seine Richtigkeit; aber nicht bloß unser eigenes Leben fordert sein Recht, nein! noch ein anderes Leben hängt von uns ab; in diesen Tälern lebt noch ein armes Menschenkind eingeschlossen, ohne Hilfe und Ausweg, wenn es nicht schon seinen Leiden und Entbehrungen erlegen sein sollte, was Gott verhüte.«

Diese letzten Worte rüttelten unsere Freunde vollends auf aus ihrer träumenden Verzücktheit. Sie bestürmten Flitmore mit Fragen, er aber sagte nichts als: »Suchen wir!«

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