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Nach den Mondbergen

Friedrich Wilhelm Mader: Nach den Mondbergen - Kapitel 43
Quellenangabe
type
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleNach den Mondbergen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunZwölfte Auflage
yearo.J.
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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40. Das rasende Nashorn.

Als, wie gewöhnlich, über die heißeste Zeit Mittagsrast gehalten wurde, wollten Schulze und Hendrik den Versuch machen, eine Giraffe zu beschleichen, da sich heute mehrere der schönen Tiere in der Ferne blicken ließen.

Leusohn, der von seiner Ruhr noch nicht völlig wiederhergestellt war, blieb im Lager, während Flitmore sich den Jägern anschloß.

Johann natürlich begleitete den Lord: Herr und Diener waren schier unzertrennlich, und es war stets ein erfreuliches Bild, zu sehen, wie der Engländer seinen deutschen Diener schätzte und beinahe kameradschaftlich behandelte, während dieser dadurch niemals zu unziemlicher Vertraulichkeit sich verführen ließ, sondern stets mit bewundernder Verehrung zu seinem Herrn emporblickte.

Da es galt, wenn es gelingen sollte, sich einem der vorsichtigen und scheuen Tiere zu nähern, demselben möglichst alle Wege zur Flucht zu verstellen, wurden auch Hassan und Juku mitgenommen.

Hassan ging hinter dem Professor her, und Schulze mußte denken, daß er kaum so sorglos einen Weißen, den er zum erstenmal in dessen Leben hätte prügeln lassen, mit geladenem Gewehr in seinem Rücken geduldet hätte, zumal die Freunde sich bald trennten und er, von Hassan gefolgt, allein dem nahen Wäldchen zuschritt.

Die Giraffen sehen und hören ausgezeichnet, und da sie, vermöge ihrer hohen Gestalt, ein weites Gebiet zu überschauen vermögen, ist es sehr schwierig, sie anzuschleichen. Aber auch die Jagd zu Pferd ist äußerst anstrengend und selten erfolgreich und nimmt in jedem Fall viel Zeit in Anspruch; denn kaum ein anderes Wild ist so schnell und so unermüdlich wie die schlanke Giraffe.

In einer Gegend jedoch, wo die Giraffe noch nicht gejagt wird und die Tiere daher keine Scheu vor den Menschen haben, ist die Jagd umgekehrt die denkbar leichteste, und es können viele Schüsse abgefeuert werden, ehe eine Herde dieser schönen Tiere daran denkt, zu flüchten.

Unsere Freunde konnten zwar annehmen, daß noch keine weißen Jäger diese Jagdgründe betreten hatten; doch gebrauchten sie für alle Fälle jede mögliche Vorsicht.

Mit dem Fernrohr hatte Flitmore drei Giraffen erblickt, die am Waldsaum junge Zweige abweideten.

Schulze sollte sich nun mit Hassan in den Wald begeben und bis zu der betreffenden Stelle vordringen. Er hatte den kürzesten Weg, aber auch den beschwerlichsten, da es galt, das Gestrüpp zu durchbrechen und in der Nähe der Giraffen jedes Geräusch zu vermeiden.

Die übrigen Jäger gingen im hohen Grase gedeckt vorwärts; Flitmore und Johann stellten sich vor den Giraffen auf, Hendrik und Juku umgingen sie in großem Bogen, worauf alle vier in gleichmäßigen Abständen bis auf Schußweite dem Wilde sich näherten, das dann an seinen Feinden vorbei mußte, nach welcher Seite es auch den Durchbruch versuchen mochte.

Noch hatten Hendrik und Juku ihre Posten nicht erreicht, als plötzlich die Giraffen zu erschrecken schienen und mit flüchtigen Sätzen davon eilten, und zwar just auf dem Wege, der ihnen allein noch offen stand.

Trotz der großen Entfernung schoß Hendrik auf das größte der Tiere, das nahezu sechs Meter hoch war, und, siehe da! er traf es in den Hals.

Der Schuß saß gut und das Tier mußte verbluten; ein Meisterschuß in Anbetracht der Entfernung und des flüchtigen Laufes, in dem die Tiere davongaloppierten.

Vorerst jagte die getroffene Giraffe noch weiter, und Hendrik hatte keine Zeit zu beobachten, ob und wo sie stürze; denn nun sollte er sehen, was es war, das die Tiere in solchen Schrecken versetzt hatte.

Aus dem Wäldchen brach nämlich ein massiges, zweigehörntes Nashorn hervor.

Schulze und Hassan hatten den Koloß sehr gegen ihren Willen aufgestört, und letzterer sandte ihm noch einen Schuß nach, der jedoch das Tier nur unbedeutend verletzte.

Es stürmte gerade zwischen Johann und Flitmore durch, und der Lord konnte ihm aus nächster Nähe eine schlimme Wunde im Kopfe beibringen, die jedoch den Lauf des rasenden Tieres nicht hemmte.

Nun setzten sich sämtliche sechs Jäger in scharfen Trab, um dem Dickhäuter zu folgen, der geradewegs dem Lager zustürzte.

Durch Schüsse und Rufe machten die Nachsetzenden die Lagernden auf die nahende Gefahr aufmerksam. Ein ungeheurer Aufruhr entstand unter den Schwarzen, als sie den furchtbaren Feind auf sich zukommen sahen; nach allen Seiten stoben sie auseinander.

Leusohn und die Mädchen ergriffen wenigstens ihre Flinten, ehe auch sie aus der Bahn des Rhinozerosses wichen.

Dieses schien ganz von Sinnen; statt seine Flucht fortzusetzen, wütete es im Lager umher, rannte die Zelte um, zertrat sie und zerriß sie mit dem scharfen Horn, spießte einen Ballen auf und warf ihn in die Luft und rannte schließlich den flüchtenden Schwarzen nach.

Der schwerfällige Kaschwalla, der wieder allzusehr dem Pombekruge zugesprochen hatte, war weit hinter den andern zurück; nur sein treues Weib Sangula hielt sich an seiner Seite. Nun schnaubte das Nashorn dicht hinter den beiden, den Kopf zur Erde gebeugt, um im nächsten Augenblick den unglücklichen Baba Pombe auf seine furchtbaren Hörner zu laden und ihn durchbohrt in die Luft zu schleudern.

Aber Sangula war nicht gewillt, das Leben ihres Gatten dem Ungetüm preiszugeben.

Die Flucht wäre ihr leicht geworden, wenn sie Kaschwalla seinem Schicksal überlassen hätte, aber sie zeigte sich bereit, ihr eigenes Leben für seines hinzugeben; sie packte mit raschem und festem Griffe das vordere Horn des Nashorns, das schon den Rücken Kaschwallas berührte, und umklammerte es mit beiden Händen, ein verzweifeltes Hilfsmittel, das namentlich dem Büffel gegenüber in der höchsten Gefahr häufig angewendet wird.

Wütend schleuderte der Dickhäuter den häßlichen Kopf in die Höhe, vermochte aber Sangula nicht gleich abzuschütteln, obgleich sie unsanft in der Luft geschwenkt wurde.

Ein zweiter gewaltiger Ruck jedoch ließ ihre Hände vom Horn abgleiten und sie fiel zu Boden, dem Nashorn vor die Füße.

Nun traf sie alsbald das scharfe Horn und schleuderte sie hoch empor.

Flitmore, der als Engländer in körperlichen Übungen Meister war, überdies von vornherein vor Hendrik, Hassan und Juku einen Vorsprung hatte, – Schulze kam als Schnelläufer nicht in Betracht – war der erste, der von hinten her in Schußweite an das Tier herankam. Leusohn nahte zwar auch mit Sannah und Helene, war aber noch nicht so weit herangekommen; denn das Rhinozeros war gerade in entgegengesetzter Richtung davongestürmt, als die war, in der die drei ihm ausgewichen waren.

Der Lord sah, wie Sangula emporgeschleudert wurde und zögerte keinen Augenblick, einen Schuß abzugeben. Auch dieser Schuß saß und hatte wenigstens die Wirkung, daß das rasende Nashorn stutzte und das blutende Weib zunächst liegen ließ.

Flitmore war sofort, nachdem er gefeuert, noch ein paar Schritte vorgesprungen und schoß dann zum zweitenmal. Diesmal war die Kugel tödlich und das Tier stürzte augenblicklich zu Boden: die Kugel saß im Gehirn.

Nun war auch Leusohn zur Stelle und untersuchte kopfschüttelnd Sangulas Rückenwunde.

»Da ist nichts zu machen,« erklärte er.

Helene riß sofort einen Streifen ihres Kleides ab, mit dem die Wunde vorläufig verstopft und verbunden werden konnte, damit der Gefahr einer Verblutung wenn möglich vorgebeugt würde, bis Sannah die antiseptischen Mittel und das Verbandzeug herbeibrächte. Doch gab der Doktor keinerlei Hoffnung auf Erhaltung von Sangulas Leben; zu furchtbar war die Wunde. Das ganze Trauerspiel hatte sich in wenigen Sekunden abgespielt.

Kaschwalla in seiner Trunkenheit und Todesangst hatte das Beginnen seines Weibes gar nicht bemerkt, bis er nach einigen weiteren Schritten sich umblickte, weil er sie nicht mehr an seiner Seite sah. Da lag sie aber schon blutend am Boden.

Nun stürzte er zurück, – in sein sicheres Verderben, wenn nicht Flitmores Schüsse der Gefahr rechtzeitig ein Ende gemacht hätten.

Da stand er jetzt und jammerte, und Uledi, der inzwischen auch herbeigeeilt war, warf sich klagend über seine arme Mutter.

Sangula liebkoste ihn; dann streckte sie noch einmal ihre Arme nach Kaschwalla aus und umarmte zärtlich den sich Niederbeugenden, lächelte ihn zum letzten Male an und starb.

Kaschwalla gebärdete sich ganz verzweifelt, und teilnahmsvoll sprachen ihm seine schwarzen Kameraden Trost zu; er aber jammerte an einem fort: »O, ich schlechter Mensch! Weil ich so viel Pombe trinken, Sangula tot sein! Kaschwalla nie mehr Pombe trinken! O, Sangula, Sangula!«

»Und da gibt es Afrikareisende, die behaupten, dem Neger sei die Liebe fremd!« rief Flitmore aus, als die Weißen zum Lager zurückkehrten.

»So sagt zum Beispiel Stanley von schönen Negerinnen,« fügte Schulze hinzu: »›Die dunkeln Augen, welche nie das blendende Liebeslicht ausstrahlen, das die armen Menschenkinder erst schön macht.‹ Und dabei muß er selber rührende Beispiele von der Gattenliebe der Negerinnen berichten. Ebenso urteilt Hans Meyer: Was wir Europäer unter Liebe verstehen, sei den Wadschagga fremd. Er hat da freilich bloß einen Volksstamm im Auge, aber ich bin überzeugt, er urteilt nur so, weil er ihn nicht genügend kennen lernte.«

»Man lernt sogar seine Rassengenossen nicht so rasch kennen,« sagte Leusohn. »Gar zu schnell glauben die Reisenden, den Charakter eines fremden Volkes ergründet zu haben und beurteilen zu können, und schießen meist gründlich daneben. So erinnere ich mich, daß Hans Parlow schreibt, er habe vor zwölf Jahren einige Bücher über Spanien und die Spanier geschrieben, als Frucht eines mehr denn vierjährigen Aufenthalts in diesem Lande, müsse aber vor deren Ankauf warnen, weil er nach weiterem zwölfjährigen Aufenthalt in Spanien erkannt habe, daß genau das Gegenteil von dem wahr sei, was er damals in völliger Verkennung des tatsächlichen Charakters der Spanier geschrieben habe.«

»Ja, das vorschnelle Urteil!« seufzte Schulze. »So reist zum Beispiel ein Professor Küttner einige Wochen in China herum und schreibt dann über die chinesische Mauer, sie sei ein ebenso großartiges wie zweckloses Gebild von Menschenhand. Na, der muß das auf den ersten Blick erkennen, ohne eine Ahnung der Geschichte des chinesischen Reiches zu besitzen! Denn, ich bitte Sie, wann hat je ein Menschenwerk seinen Zweck großartiger erfüllt als diese Mauer; ohne sie hätte dies mächtige Reich niemals so lange unberührt bestehen und seine uralte Kultur retten können.«

»Genau so,« begann der Doktor wieder, »haben naive und unkundige Kritiker Georg Ebers ägyptische Romane bespöttelt, weil er da moderne Menschen in altertümlichen Gewandungen male. Wenn solche Weise nur einmal die Odyssee oder die Bibel oder die indische Mahabharatta mit offenen Augen lesen würden, sie müßten zugeben, daß die Menschen überall und zu allen Zeiten sich gleich bleiben, was ihre Empfindungen, Gefühle und Charaktereigenschaften anbetrifft. Auch was Aristophanes, Horaz, Lucian und andere unter den Alten uns schildern, mutet uns ganz modern an.«

»Sie haben recht,« sagte Flitmore; »die Menschen sind überall gleich. So urteilen auch Afrikakenner, wie Ihr Ernst Vohsen, der nach zehnjährigem Aufenthalt in Afrika die Überzeugung gewann, daß der Neger sich vom Europäer im wesentlichen nur durch die Farbe unterscheide.«

»Ähnliches sagen Stuhlmann, Stanley, Casati und andere,« begann Schulze wieder. »Und wir müssen nach unsern eigenen Erfahrungen gestehen, daß nur ein unwissender und aufgeblasener Mensch auf die Neger als eine minderwertige Rasse herabsehen kann. Alle Afrikakenner, die durch liebevolles Studium wirkliche Kenner wurden, sprechen mit einer gewissen Zärtlichkeit, ja Bewunderung von den Schwarzen.«

»Man braucht nur zu sehen, was unsere Träger leisten,« meinte Hendrik. »Wir finden bei ihnen nicht bloß Arbeitskraft, Tüchtigkeit, Leistungsfähigkeit und Ausdauer, sondern auch Arbeitslust.«

»Und manche sind wahre Helden an Mut,« sagte Sannah.

»Und wie gutmütig sie sind,« fügte Helene hinzu; »opferwillig und hilfsbereit.«

»Und vor allem, sie klagen nicht,« rühmte der Professor wieder. »Nicht bei der angestrengtesten Arbeit, nicht wenn sie am Verhungern sind, nicht wenn man ihren Übermut gezüchtigt hat; nein, sie sind bereit, ihr Leben für ihre weißen Herren zu opfern, wie Stanley zum Beispiel erfuhr, der der beste Herr nicht war. Aber sie sagten ihm: wenn wir sterben, macht es nichts, es ist wichtiger, daß du am Leben bleibst als wir.«

»Und wer zu bezweifeln wagt, daß sie lieben können, so gut wie irgend ein Europäer,« eiferte wieder Helene, »der soll nur einmal die Lebensgeschichte des Negerkönigs Zamba von Gottlob Barth lesen.«

»Oder,« lachte Schulze, »soll er zusehen, wie die Weiber aus Liebe zu ihren Gatten sich jahre-, ja jahrzehntelang der schmerzhaften Prozedur der Tätowierung unterziehen, lächelnd und ohne ein Wort der Klage.«

»Wenn wir so fortmachen,« meinte Leusohn, »so machen wir aus den Schwarzen noch die reinsten Engel, gespickt mit Tugenden und ohne Fehler.«

»Ihre Fehler,« sagte Flitmore, »kennen wir ja alle zur Genüge; aber wir wollen bekennen, sie wiegen nicht schwerer als die unsrigen, während ihre Vorzüge uns wohl beschämen dürfen.«

Die von Hendrik erlegte Giraffe war von einigen Trägern herbeigeschafft worden; aber nicht ihr dem Kalbfleisch vergleichbares zartes Fleisch und nicht einmal die köstliche Zunge wollten heute unseren Freunden recht munden: Sangulas Opfertod ging ihnen doch gar zu nahe.

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