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Nach den Mondbergen

Friedrich Wilhelm Mader: Nach den Mondbergen - Kapitel 40
Quellenangabe
type
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleNach den Mondbergen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunZwölfte Auflage
yearo.J.
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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37. Eine Spuckgeschichte.

Ehe sich noch das schreckliche Geschick der Sklavenjäger erfüllt hatte, waren unsere Freunde an das südliche Ende des Moerosees gelangt.

»Um unser Ziel mit Sicherheit zu erreichen,« sagte hier Lord Flitmore, »müssen wir dem bedeutendsten Gewässer folgen, das sich auf dieser Seite in den See ergießt.«

So zog denn die Karawane, auf des Engländers Wunsch, am stärksten südlichen Zufluß des Moerosees hin, immer weiter nach Süden.

Wie sich später herausstellte, war dieser Zufluß kein anderer als der Luapula, der den Bangweolosee mit dem Moero verband, so daß diese ganze Reise Lord Flitmores Behauptungen aufs glänzendste bestätigte.

Zunächst ging es durch eine Buschsteppe: sechzig Meter hoch und noch höher strebten hier dicke Fikusstämme kerzengerade empor, einen schroffen Gegensatz bildend zu den glanzblättrigen, niedrigen Bäumen, Dornsträuchern und Riesengräsern des dicht daran anschließenden Buschwalds.

Eintönig rief der helmköpfige Turako sein tiefes »Wau-Wau« von den Bäumen.

Elefantenspuren und Nashornfährten waren überall zu sehen und in der Parklandschaft zeigten sich Perlhühner in Menge.

Man nahte sich nun dem Gebiet eines äußerst selbstbewußten Häuptlings, dessen Gewalttätigkeit weit und breit gefürchtet war, und hier sollte Hendrik Rijn noch besondere Gelegenheit finden, seine Kenntnis des Negercharakters und sein diplomatisches Geschick im Umgang mit den Eingeborenen glänzen zu lassen, wie er es auf der Reise schon manchesmal getan hatte.

Einige Eingeborene warnten die Ankömmlinge dringend vor der Überschreitung der Grenze, denn der mächtige Fürst sei unerbittlich gegen alle, die ohne seine Erlaubnis sein Gebiet beträten. Die Erlaubnis zum Durchzug aber könne man nur mit hohem Hongo erkaufen.

Professor Schulze schlug vor, das Land des ungastlichen Tyrannen zu umgehen.

»Nein!« erwiderte Flitmore bestimmt. »Das würde unsere Reise um zwei Tage verlängern, und überdies würden wir unseren einzigen sicheren Wegweiser, den Fluß, aus den Augen verlieren.«

»Immerhin besser, als wenn wir's Leben verlieren! Der Negerhäuptling soll heimtückisch sein, und manche Karawane, die sich durch hohen Hongo freien Durchzug durch sein Reich erkaufte, metzelte er treubrüchig nieder, um ihre Schätze zu rauben.«

»Wir werden uns wehren!« meinte Flitmore. »Im Notfall verschanzen wir uns hinter starkstromgeladenen Drähten. Ich meinesteils wähle unbedingt den kürzesten Weg; denn Eile tut not. Wir haben schon allzuviel Zeit gebraucht seit unserm Aufbruch vom Tanganjika.«

»Wenn wir nur wüßten, warum wir so eilen sollen,« entgegnete Schulze etwas ärgerlich; »kommt uns etwa ein anderer bei unseren berühmten Entdeckungen zuvor? Und woher wollen Sie das so plötzlich erfahren haben? Etwa durch Ihre Telephonie ohne Draht? Da hätte John doch auch etwas davon vernommen. Übrigens sagten Sie ja selber, daß niemand außer Ihnen einen derartigen Apparat besitze, also auch niemand Ihnen eine derartige Mitteilung machen kann. Ja, wenn es einen Zweck hat, da setze ich auch mein Leben ein; das wissen Sie ja aus Erfahrung. Aber unser aller Dasein aufs Spiel setzen, nur um ein paar Tage bälder festzustellen, daß die achtundfünfzig Kupferbilder des Königs Hermes nicht bestehen, nee, dazu bin ich nicht zu haben!«

»Hören Sie,« sagte Flitmore ernst, »Sie, Herr Professor, haben vor kurzem mit Leusohn und Hendrik Ihr Leben gewagt, um mich aus der Gewalt der heimtückischen Zwerge zu befreien. Nun denn, auch jetzt handelt es sich um ein Menschenleben, das vielleicht gerettet werden kann, wenn wir zu rechter Zeit die Nilquellen erreichen, das vielleicht verloren ist, wenn wir um einen Tag später ankommen. Übrigens sollen Sie bei dieser Gelegenheit auch die achtundfünfzig kupfernen Bildsäulen bewundern, das verspreche ich Ihnen, wenn wir nur unser Ziel erreichen; denn ich weiß es nun gewiß, daß sie tatsächlich vorhanden sind, und zwar bis auf den heutigen Tag.«

»Da steht mir der Verstand still!« rief Schulze. »Was? Vor kurzer Zeit am Tanganjika wollten Sie noch gemütlich verweilen, Mylord, wußten noch nichts von einem gefährdeten Menschenleben, konnten von den Nilquellen nur so viel vermuten, als die Schriftbinden Ihrer Mumie vom Meroësee Ihnen vorfabelten? Und dann plötzlich Hals über Kopf fort; Sie wissen Geheimnisse von bedrängten Menschen, das Rätsel der Nilquelle ist Ihnen mit Gewißheit enthüllt! Stehen Sie mit Geistern in Verbindung?«

»Mag sein!« erwiderte Flitmore trocken. »Jedenfalls ziehe ich durch Tschitambos Reich, und wer Angst hat, mag sich außen herumdrücken.«

Damit war die Streitfrage entschieden, denn Angst wollte keiner der Weißen kennen.

»Jedenfalls werden wir suchen, den Herrscher günstig zu stimmen,« schlug Leusohn vor, »und seine Forderungen ohne Murren befriedigen, wenn sie noch so unverschämt sein sollten.«

Dagegen erhob jedoch Hendrik Einwände, indem er sagte: »Wenn Sie mir glauben wollen, so handeln wir gerade umgekehrt am besten. Man muß solche Tyrannen verblüffen; ich kenne das aus Erfahrung. Zeigen wir uns nachgiebig, so setzen wir uns erst den schlimmsten Gefahren aus; denn der Neger wird übermütig. Je frecher so ein Häuptling sich gebärdet, desto leichter läßt er sich durch energisches Auftreten imponieren, Nachgiebigkeit aber hält er für Furcht und Schwäche; dadurch gewinnt er dann Mut zur schamlosesten Ausbeutung und unter Umständen zu einem blutigen Angriff.«

»Meine Meinung ist,« nahm Flitmore das Wort, »Mister Hendrik hat so viel Erfahrung und Geschick im Umgang mit Schwarzen bewiesen, daß wir ihm die ganze Sache überlassen sollten.«

»Es sei!« lachte Schulze. »Also in Tschitambos Reich sollen Sie, Hendrik, der Führer der Expedition sein.«

Nach einigen bescheidenen Einwänden nahm Hendrik an, und gab dann den Befehl zum kühnen Einmarsch in das feindliche Gebiet.

Noch nicht weit waren unsere Freunde vorgedrungen, als ein stolzer Unterhäuptling mit mehreren Bewaffneten ihnen als Gesandter des Negerfürsten entgegenkam.

Hendrik fiel es nicht ein, abzuwarten, bis der wütend blickende Neger mit seinen Drohungen wegen der unerlaubten Grenzüberschreitung und mit der unvermeidlichen Hongoforderung begann; er ließ ihn gar nicht zu Worte kommen, sondern mit finsterer Stirn und grollenden Worten schrie er den Verdutzten an: »Wie kannst du es wagen, mit leeren Händen zu uns zu kommen? Weiß dein Herr nicht, daß er mir Hongo schuldig ist?«

Dieser völlig unerwartete Empfang brachte den Häuptling so aus der Fassung, daß er selber keine Worte fand, hilflos im Kreise umhersah und den Mund weit aufsperrte.

Zufrieden mit der Wirkung seiner kühnen Worte, fuhr Hendrik fort: »Gehe hin zu deinem Könige und sage ihm: So spricht der mächtige Häuptling der Weißen: willst du geschlagen werden, so komme und werde geschlagen. Willst du Frieden, so will ich auch Frieden. Darum eile und bringe deine Geschenke. Dieses ist meine Rede.«

Verwirrt und bestürzt hörte der Häuptling diese stolzen Worte und kehrte schnurstracks um, seinem Herrn Bericht zu erstatten und sich für diesen ganz unerhörten Fall Verhaltungsmaßregeln geben zu lassen.

»Ich bin starr über Ihre Frechheit,« sagte Schulze zu Hendrik, als die Schwarzen davoneilten. »Da haben Sie uns eine schöne Suppe eingebrockt! Das läßt sich der Tyrann unter keinen Umständen bieten; er wird uns sofort mit seinen Kriegern überfallen.«

»Warten Sie nur ab,« lachte Hendrik. »Inzwischen wollen wir uns hier lagern.«

»Tun wir das,« stimmte Flitmore bei. »Die mächtigen Felsblöcke, die hier aufeinandergetürmt sind, gewähren uns Schatten und Rückendeckung. Für alle Fälle können wir uns hier verschanzen. Ich stelle meine elektrischen Batterien auf, und wir ziehen Drähte um das Lager; sowie Gefahr droht, schicke ich einen starken Strom durch den Zaun, und wir decken uns hinter den Blöcken.«

»Wie Sie wollen,« meinte Hendrik. »Aber Sie werden sehen, es ist überflüssig; Tschitambo kriecht zu Kreuze.«

Die Vorbereitungen waren rasch getroffen und bereits vollendet, als nach etwa einer Stunde die Gesandtschaft des Häuptlings wieder erschien und zwei Ziegenböcke brachte.

Hendrik setzte nun eine höchlichst beleidigte Miene auf. »Ich glaubte, dein Herr sei ein Fürst,« fuhr er den zitternden Unterhäuptling an, »nun sehe ich aber, daß er ein Bettler ist; gehe, bringe ihm seine armseligen Böcklein wieder und sage ihm, von armen Leuten nehme ich kein Hongo.«

Zerknirscht zogen die Gesandten mit ihren Böcken wieder ab.

Wieder verging eine Stunde; da erschien ein langer Zug: der Fürst bemühte sich in Person von seinem Bergsitze herab, umgeben von Dienern und Weibern, mit großem Trommelschall und Beckengerassel. Zwei Stiere und ein Dutzend Schafe und Ziegen führte er mit sich und bat Hendrik, sie als Hongo anzunehmen.

Nun zeigte sich der junge Bure gnädig und ließ Gegengeschenke herbeiholen: einige Kinderpistolen, Messingarmbänder, Halsbänder von Glasperlen, eine Spieldose, ein paar grell bemalte Masken und einige Ellen Tuch nebst bunten Taschentüchern – alles in allem ein Schatz im Werte von wenigen Mark.

Der schlaue Negerfürst wollte nun seinerseits, wie es Sitte und Politik gebot, eine unzufriedene Miene aufsetzen, um womöglich noch mehr herauszuschlagen; allein seine entzückten Weiber brachen in einen solchen tollen Jubel aus bei dem Anblick der nie geschauten Herrlichkeiten, daß Tschitambo aus der Rolle fiel und es nicht mehr zuwege brachte, seine strahlende Freude zu verbergen. Die glänzenden Reichtümer und namentlich der große Zauber in der Spieldose überwältigten ihn.

Nun lagerte er sich bei seinen neuen Freunden und ließ Bananenbier herbeischaffen, einen wirklich köstlichen Trank. Die Stimmung wurde sehr lebendig, und der Fürst lernte, als die Deutschen ihm zutranken, das klassische Wort »Prosit!« aussprechen, dessen Gebrauch ihm viel Vergnügen machte.

Besonders neugierig schielte Tschitambo nach Helene und Sannah hinüber, die über den komischen Anblick des sich so anmaßend gebärdenden und schroffem Auftreten gegenüber doch so hilflosen Tyrannen zu Tränen gerührt waren, weil sie krampfhaft das Lachen verbissen, das bei einer solch feierlichen Gelegenheit unpassend erschien.

Als aber der Häuptling mit großartiger Armbewegung seinen Becher gegen sie erhob und ihnen sein neugelerntes »Broasit!« entgegenbrüllte, platzten beide heraus, worüber Tschitambo in solche Verlegenheit geriet, daß er ängstlich im Kreise umhersah, ob er nicht eine unbewußte Ungeschicklichkeit begangen und die »Weiber« der Weißen tödlich beleidigt habe. Aber er konnte keinen Groll in den Mienen Hendriks, Leusohns und Schulzes gewahren, die eine unerschütterliche Würde und Ruhe heuchelten, so daß sich der Häuptling wieder faßte.

Da kam Hamissi und klagte, es sei mit Pfeilen auf die friedlich kneipenden Träger geschossen worden.

Sofort stellte Hendrik den Häuptling zur Rede.

»O,« entschuldigte sich dieser grinsend, »das ist nur ein kleiner Scherz, den meine Leute gewöhnt sind, sich fremden Durchreisenden gegenüber zu erlauben.«

Hendrik bat nun Leusohn heimlich, er möchte mit einigen Askaris ausziehen und die launigen Schützen einfangen. Als Leusohn zurückkehrte und berichtete, es sei geschehen, gab Hendrik ihm weitere Verhaltungsmaßregeln und ersuchte darauf Lord Flitmore, einen schwachen elektrischen Strom durch die Drähte zu lassen.

Hierauf führte er Tschitambo mit seinen vornehmsten Negern hinter die Felsen. Da sah man die Schützen gefesselt stehen mit ausgestreckten Armen, die in diesem Zustande festgebunden waren an hinter den Schultern wagrecht laufenden Stecken. Die Gefangenen waren so gestellt, daß sie einander mit den Fingerspitzen beinahe berührten; sie standen vom Boden isoliert auf Kautschukplatten, nur der letzte stand auf dem Erdboden. Der erste aber hielt den Draht der Umzäunung in einer Hand, die an den Draht festgebunden war.

Nun wurde die elektrische Batterie in Tätigkeit gesetzt, und da es dämmerte, sah man blitzende elektrische Funken von einer Hand zur anderen überspringen. Die elektrisierten Bogenschützen heulten vor Entsetzen. Gefährlich war die Sache nicht und eine eigentliche Schmerzempfindung konnten sie bei der Schwäche des Stroms nicht haben; aber ein abergläubischer Schrecken überfiel diese Naturkinder, als sie ihrem eigenen Leibe leuchtendes Feuer entspringen sahen und das Überspringen der Funken gleich Nadelstichen fühlten.

»Was soll das sein?« stammelte Tschitambo. »Wie könnt ihr es wagen, meine Untertanen in meinem eigenen Lande so zu mißhandeln?«

»O,« erwiderte Hendrik, »das ist nur ein kleiner Scherz, den wir uns mit Leuten erlauben, die auf uns Pfeile schießen. Wenn sie dabei jemand treffen, haben wir noch ganz besondere Scherze im Gebrauch. Du siehst, o Häuptling, wir haben den Blitz in unserer Gewalt und lassen ihn durch diese Leute fahren; wenn wir stärkere Blitze benutzen wollten, so kämen sie ums Leben und müßten verbrennen; doch diesmal handelt es sich ja bloß um einen kleinen Spaß.«

Damit ließ er die geängsteten Neger los, und Tschitambo konnte sich überzeugen, daß sie keinerlei Schaden gelitten hatten.

Der Fürst erholte sich nur langsam von seinem Entsetzen; nun aber verlangte er mit dem großen Zauberer und Herrn des Blitzes ein Schauri abzuhalten.

»Schauri« wird in Ostafrika eine Verhandlung, eine Beratung oder Unterredung geheißen; in Westafrika nennt man das »Palaver« und in der europäischen Diplomatie »Konferenz«.

Das Pombe wurde vorläufig beiseite geschafft und nun setzten sich Tschitambo, sein Unterhäuptling und seine Würdenträger den weißen Männern gegenüber.

Tschitambo stellte verschiedene Fragen, aus denen nicht recht klar wurde, auf was er hinauswollte, und die deshalb von den Weißen ebenso diplomatisch unklar und zweideutig erwidert wurden.

Man kam auf diese Weise nicht vom Fleck und Schulze flüsterte Leusohn zu: »Das ist ja Blödsinn, geradezu schauerlich!«

»Daher der Name Schauri,« flüsterte der Doktor zurück, denn er liebte es, schauerliche Kalauer zu machen.

Endlich rückte Tschitambo mit dem eigentlichen Zweck des Schauris heraus: er habe die Macht und Weisheit seiner Brüder erkannt, und begehre ein festes und dauerndes Freundschaftsband mit ihnen zu knüpfen. Er wünschte daher mit dem großen Häuptling Hendrik Blutsbrüderschaft zu schließen.

»Nur mit wirklichen Königen schließe ich Blutsfreundschaft,« erwiderte Hendrik stolz; denn er hatte keine Lust, diese ihm wenig sympathische Feierlichkeit über sich ergehen zu lassen. »Aber hier mein Unterhäuptling Hassan soll dir an meiner Statt willfahren.«

Tschitambo begriff zwar nicht, warum er, der gewaltige Häuptling, in den Augen der Weißen kein »wirklicher König« sein sollte; doch ahnte er, daß es bei den Weißen Könige gebe, die ihn an Glanz und Macht überstrahlten, und so erklärte er sich mit Hendriks Anerbieten zufrieden.

Nun wurde ein Ziegenbock herbeigeschleppt, dem der Negerfürst auf die Stirne spuckte, unter gräßlichen Verwünschungen über die Fremden, falls sie ihm nicht treue Freundschaft hielten. Hierauf spuckte Hassan, unter womöglich noch stärkeren Verwünschungen für den Treubruch der Gegenpartei, auf die gleiche Stelle.

»Da geht es ja recht spuckhaft bei zu,« meinte Schulze, der sich halb krank lachen wollte.

»Ja,« pflichtete Leusohn bei, »solch eine Spuckgeschichte habe ich bis jetzt auch noch nicht erlebt!«

Dem Ziegenbock wurde nun der Kopf abgeschnitten, und aus der bespuckten Haut schälte man zwei Streifen los, die Hassan und Tschitambo um den Mittelfinger wickelten.

Nun folgten aufs neue die üblichen Verwünschungen: »Wenn du den Blutsbund nicht hältst, du und dein Herr und die Deinigen,« kreischte Tschitambo, »so sollen die Elefanten eure Felder zerstampfen und der Blitz eure Häupter treffen.«

Und Hassan brüllte noch viel lauter: »Und wenn du die Blutsfreundschaft brichst, du und deine Unterhäuptlinge und deine Leute, so sollen die Löwen deine Kinder holen und die Hyänen dir Nase und Ohren abbeißen, und der schwarze Geist von Mitternacht wird deine Seele stückweise aus deinem faulenden Leibe reißen und zu Brei zerstampfen wie die Weiber den Mais.«

Tschitambo standen die Haare zu Berge: der Unterhäuptling der Weißen war ihm in den Verwünschungen noch über!

»Wissen Sie, wie Hans Meyer bei einem ähnlichen Anlaß über den Aberglauben der Neger urteilt?« fragte Schulze den Doktor.

»Wie sollte ich?« lautete die Gegenfrage.

»Nun, er wundert sich, daß die Neger immer noch an solchem Wahne festhalten, obgleich sie sich doch jedesmal praktisch von seiner Wirkungslosigkeit überzeugen müßten. Dieser menschliche Zug aber, meint er, gehe durch alle Religionen; denn mit dem christlichen Gebet sei es nichts anderes.«

»Was? Mit dem Gebet?« rief Sannah empört. »Hat er wohl so viel Erfahrung auf diesem Gebiet, daß er ein solch völlig unzutreffendes Urteil wagen darf?«

Schulze mußte über den Eifer des Burenmädchens lächeln, würdigte ihn aber vollkommen, tastete man doch hiermit ihr Heiligstes an.

»Nein!« erwiderte er. »Erfahrung besitzt er hierin wohl gar keine, oder, wenn er auf Grund eigener Versuche mit dem Gebet urteilen sollte, so waren es jedenfalls ganz ungenügende Versuche und es geht ihm hiebei wie jenem Gelehrten, der glaubte ein Dasein Gottes leugnen zu können, weil er mit dem Fernrohr im ganzen Himmelsraum keinen Gott entdecken konnte; und dabei zeigt uns heute die photographische Platte, daß es sogar Welten im Raume gibt, die kein Fernglas uns zeigt.«

»Natürlich,« lachte Leusohn, der gerne Sannahs Partei nahm. »Mit solchen Schlüssen läßt sich alles leugnen; es ist fabelhaft, wie vernünftige Menschen überhaupt wagen, derartige Begründungen vorzubringen. Mit dem gleichen Recht kann man sagen: es gibt keinen Duft, weil man ihn nicht sehen kann, und es gibt keine Farbe, weil man sie nicht riechen kann.«

»Das ist gewiß!« sagte nun Hendrik. »Man macht seine Versuche mit ganz verkehrten und ungeeigneten Mitteln, und dann leugnet man den Erfolg, den andre auf dem richtigen Wege tatsächlich erzielten.«

»So wahr das auch ist,« begann nun Schulze wieder, »von Hans Meyer glaube ich nicht, daß er sein absprechendes Urteil auf solch schwachsinnige Trugschlüsse aufbaut. Er ist ein bedeutender, hochverdienter Gelehrter und ein äußerst liebenswürdiger Mensch; auch besitzt er den hervorragenden Verstand, der nicht an die Unfehlbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse glaubt. Vergessen wir nicht, daß die Religion dasjenige Gebiet ist, auf dem die meisten glauben, ein vollwichtiges, oft vernichtendes Urteil fällen zu dürfen, ohne irgendwelche eigene Erfahrungen darin gemacht zu haben. Andrerseits gestatten sich manche genau das Gleiche auf andern Gebieten, übrigens ist Hans Meyers Urteil in diesem Falle schon deshalb hinfällig, weil die Neger ja durchaus nicht die Erfahrung machen, daß die Zeremonie der Blutbundschließung wertlos ist; im Gegenteil ist sie von größter Wirksamkeit und der Bund wird unverbrüchlich gehalten.«

»Ich erinnere mich,« sagte Helene, »Lord Flitmore erzählte von einem Geographen Cooley, der das Vorkommen eines Gletschers in den Tropen für Wahn erklärte, obgleich mehrere einwandfreie Zeugen den Gletscher des Kilimandjaro mit eigenen Augen gesehen hatten. Das ist ja ein ganz ähnliches Vorgehen auf einem andern Gebiete.«

»Das erzählte ich in der Tat,« bestätigte der Engländer. »Und das Gleichnis stimmt: wer die Erfolge zu leugnen wagt, die richtige Beter erfahrungsgemäß mit dem christlichen Gebete erzielten, der tut auf religiösem Gebiete genau das Gleiche, was Cooley auf geographischem Gebiete tat: er erklärt die tatsächlichen Erfahrungen anderer für Wahn, ohne einen anderen Anhaltspunkt zu haben, als seinen eigenen Mangel an Erfahrung. Übrigens dürfen sich die Damen beruhigen, es gibt hervorragende Gelehrte genug, die auch über das christliche Gebet das richtige Urteil besitzen.«

»So äußerte zum Beispiel Emin Pascha gegen Stuhlmann,« schloß der Professor, »welche Beruhigung es ihm gewähre, im Gebet neue Kraft zu finden.«

Über diesen ernsten Gesprächen, die Dinge berührten, in welchen sich die anwesenden Weißen alle einig fühlten, hatten sie die weiteren Verwünschungen, mit denen Tschitambo und Hassan einander bange machten, überhört, was gerade kein Verlust war.

Die Blutsbrüderschaft war nun feierlich geschlossen und unsere Freunde hatten in des großen Tyrannen Gebiet nichts mehr zu befürchten.

An die Feierlichkeit des Blutbunds schloß sich erneutes Pombe-Trinken an und die Untertanen Tschitambos führten auf Befehl des Häuptlings den Weißen ihre kunstvollen Kriegs- und Friedenstänze vor.

So oft unsere Freunde derartige, übrigens in jedem Lande wieder ihre besondere Eigenartigkeit aufweisenden Tänze gesehen hatten, das reizvolle Schauspiel fesselte sie doch immer wieder. Besonders großartig waren die Waffentänze mit ihren Scheinangriffen und Lufthieben, mit angedeutetem Beil-, Keulen- und Messerfechten; sodann das Speerwerfen mit den vorgestreckten bemalten Schilden und das Pfeilschießen. Dabei zeigten die Krieger eine bewundernswürdige Muskelkraft und fabelhafte Gewandtheit in Seitensprüngen, Ducken, Niederwerfen, Schlangenwindungen und andern Bewegungen und Künsten, die mit unfehlbarer Sicherheit durchgeführt wurden.

Auf einmal entstand eine Unruhe unter den Schwarzen.

Als Hendrik nach der Ursache fragte, erfuhr er, es seien zwei Araber und vier Neger erschienen, die bei Tschitambo Schutz suchten.

Ein Unterhäuptling führte die Leute heran, die mit scheuen Blicken auf Lord Flitmore sahen.

Sie berichteten Tschitambo von ihrem Kampf mit Werdella und dem Untergang Mohamed Heris und seiner großen Karawane.

Mit Schaudern hörten alle den entsetzenerregenden Bericht mit an.

Zuletzt wies der Wortführer auf den Engländer und erzählte von der Prophezeiung, die der Lord ausgesprochen habe, und die so furchtbar in Erfüllung gegangen sei.

Dann wandte er sich an Flitmore und bat: »Herr, wende deinen Zorn von deinen Sklaven, die nie mehr einen Schwarzen zum Sklaven machen werden, sei uns gnädig, wie Allah dir gnädig ist!«

»Wo sind die Leute, die uns treulos geworden sind, um euch auf dem Wege des Verbrechens zu folgen?« fragte der Lord.

»Ein Fraß der Geier sind sie, die Geier zerhacken ihre Gebeine; denn wer konnte sie begraben?« erwiderte der Araber düster.

»Gott erbarme sich ihrer und lehre alle Menschen sich ihrer Brüder erbarmen,« sagte Flitmore ernst.

Ein Flüstern ging durch die Reihen der Träger und Askaris, sowie der Leute Tschitambos. Mit zitternder Ehrfurcht sahen sie den Lord an, der ihnen mit göttlichen Mächten im Bunde zu stehen schien.

Tschitambo aber fragte: »Befiehlt der weiße Häuptling, daß auch diese den Geiern zum Fraße gegeben werden?«

»Nein, nein!« sagte Flitmore. »Sie sollen leben und ihren Brüdern verkünden, wie schrecklich Allah die Menschenräuber richtet. Schütze sie vor ihren Verfolgern, das ist mein Wille.«

Der Häuptling versprach dies um so lieber, als er Werdella zu seinen Feinden zählte.

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