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Nach den Mondbergen

Friedrich Wilhelm Mader: Nach den Mondbergen - Kapitel 4
Quellenangabe
type
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleNach den Mondbergen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunZwölfte Auflage
yearo.J.
firstpub1911
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1. Den See entlang.

Die Regenzeit war zu Ende, als eines Morgens eine stattliche Karawane am Nordwestende des Albert-Edward-Sees den Semliki auf einer Pfahlbrücke überschritt.

Sie bestand aus dreißig schwarzen Trägern, Eingeborenen aus der Gegend, jeder mit seiner Traglast auf dem Kopfe, einem Suaheli, namens Hamissi, der als Koch diente, und aus zwölf Askaris oder Soldaten, die von einem Somali, namens Hassan, befehligt wurden.

Die weißen Männer des Unternehmens waren: Professor Heinrich Schulze, Otto Leusohn, Doktor der Medizin, Lord Charles Flitmore und dessen Diener Johann Rieger, sowie Hendrik Rijn, ein junger Bure.

Endlich befanden sich bei der Gesellschaft noch vier weibliche Wesen: Sannah Rijn, Hendriks Schwester, Helene Leusohn, die Schwester des Doktors, Helenes schwarze Dienerin Amina, die Schwester des Somali Hassan bin Mohamed, der die Askaris befehligte, und eine niedliche kleine Zwergin, Tipekitanga, die Wambuttiprinzessin.

Außerdem begleitete noch ein hochgewachsener Graubart, der Bure Piet Rijn, Hendriks und Sannahs Vater, mit seinen stattlichen Söhnen Danie und Klaas die Abziehenden bis zur Grenze seines Besitztums, das sich zu beiden Seiten des Semliki ausdehnte.

Als diese Grenze auf dem linken Ufer des überschrittenen Flusses erreicht war, nahmen der Bure und seine Söhne Abschied von Hendrik und Sannah sowie den übrigen Weißen, wünschten ihnen Glück und den göttlichen Schutz zur Reise und sprachen die Hoffnung auf ein gesundes und frohes Wiedersehen aus.

Noch einmal blickten die Scheidenden zurück nach dem Runsoro und den Wäldern und Pflanzungen zu seinen Füßen, nach der Salzstadt Katwe und dem kleinen Posten Kasindi in der Steppe am Nordstrand; dann wandte sich der lange Zug nach Süden, dem Ufer des Albert-Edward-Sees zu.

Schulze und Leusohn saßen auf stattlichen Reitstieren. Diese langhörnigen Rinder, wenn sie einmal eingeritten sind, zeigen sich als die vorzüglichsten Reittiere Afrikas. Sie sind lenksam und ausdauernd und überwinden auch schwierige Hindernisse, wie Sümpfe und Flüsse, mit Leichtigkeit.

Helene und Sannah besaßen Reitesel, die sich auch stets als bequeme und widerstandsfähige Beförderungsmittel im schwarzen Erdteil bewiesen haben.

Sannah freilich bestieg ihr Tier nur selten, wenn sie einmal recht ermüdet war; für gewöhnlich überließ sie ihren Esel der Zwergprinzessin, der, infolge ihrer außerordentlichen Kleinheit, das Mitkommen oft schwer wurde, so tapfer und ausdauernd sie auch marschierte.

Der Lord und der junge Bure gingen zu Fuß, letzterer aus Gewohnheit von Kind auf, ersterer aus Grundsatz; denn er sagte, er habe in Afrika alle Beförderungsmittel ausprobiert und keines so vorteilhaft gefunden wie die eigenen Beine.

»Ich bin auf Pferden, Eseln und Stieren geritten,« erklärte er, »und ich muß sagen, besonders die letzteren haben sich stets gut bewährt. Ich habe mich auch im Tragstuhl und in der Hängematte von schwarzen Trägern tragen lassen, gleich einem faulen Pflanzer, und es ist dies eine sehr bequeme Beförderungsart, so sanft geschaukelt und ohne Anstrengung das Land zu durchreisen mit seinen oft so schwierigen Wegen.

»Andrerseits muß ich bekennen, so angenehm das körperliche Gefühl dabei gewesen, das moralische war weit minder angenehm; ich habe mich stets geschämt, den Negern meine Last aufzubürden und selber keine Strapazen auf mich zu nehmen.

»Was mich aber in letzter Linie dazu bestimmte, auf alle Bequemlichkeiten zu verzichten und grundsätzlich nur noch zu Fuß zu gehen, ist ein Doppeltes: erstens ist man auf diese Weise allein imstande, an der eigenen körperlichen Ermüdung zu bemessen, wieviel man den Negern zumuten darf, namentlich den Lastträgern; man fordert dann nicht so leicht übermäßige Leistungen von ihnen, mit denen man sie überanstrengt. Sodann aber habe ich erprobt, daß die körperliche Bewegung das beste Schutzmittel gegen Fieber und Erkrankung in den Tropen ist. Nie habe ich mich hier so wohl gefühlt, als wenn ich zu Fuß wanderte; auch die Hitze empfindet man dabei weit nicht so lästig, wie ja überhaupt der Untätige stets mehr unter der Sonnenglut zu leiden hat, als wer sich Bewegung verschafft, vorausgesetzt, daß sie in angemessenen Grenzen verbleibt.«

Die Richtigkeit dieser Bemerkungen des edlen Lords bestätigte sich auch den berittenen Weißen, und in der Folge zogen Schulze, sowie Leusohn und seine Schwester es ebenfalls vor, ihre Tiere meist ledig laufen zu lassen oder einem maroden Schwarzen abzutreten. Manchmal freilich waren sie auch recht froh, nach längerer Anstrengung oder bei besonders schwierigen Wegverhältnissen reiten zu können.

Ganz wundervoll marschierte es sich in den frischen, klaren ersten Morgenstunden der afrikanischen Trockenzeit. Wie leicht hoben sich die Füße, wie wonnig schweifte das Auge in die leuchtenden Fernen, wie herrlich atmete man in der von Mimosenblüten und andern duftigen Pflanzen gewürzten Luft!

»Nirgends habe ich genußreichere Stunden verlebt,« nahm Flitmore wieder das Wort, »als bei einer solchen Morgenwanderung in der afrikanischen Steppe; das Herz will zum Himmel fliegen, man hat so recht das Gefühl, die ganze Welt stehe einem offen, und man wünscht, es möchte nur so weitergehen bis ans Ende der Erde.«

»Nicht übel, teurer Lord,« gab Schulze zurück, »aber andrerseits habe ich nirgends qualvollere Stunden durchlitten als in der Mittagsglut dieser Steppen. Man hat das Gefühl, als sei die Welt zugeschlossen, das Herz möchte in den Boden versinken und man wünscht, es möchte keinen Schritt mehr so weiter gehen.«

Der Lord lachte: »Auch nicht unrichtig, kein Genuß ohne Leiden und alles hat seine Kehrseite. Übrigens, wer keinen besonderen Grund zur Eile hat, mag morgens und abends wandern und mittags rasten, dann geht es prächtig.«

»Ja, so wollen wir's auch halten,« schlug Leusohn vor und traf damit die Meinung der Andern.

Übrigens, so sehr sich Lord Flitmore für die Morgenwanderung begeisterte, die Steppe, die zur Zeit durchwandert wurde, war nichts weniger als reizvoll, vielmehr erschreckend öde. Hie und da eine Euphorbiengruppe und einige kümmerliche Sorghumpflanzen, die auf eine zerstörte Ansiedlung hinwiesen, vereinzelte Hütten mit Feldern, auf denen etwas Eleusine, Sorghum und Bohnen gebaut wurden. – Das war alles!

Von Kassodscho aus sah man noch einmal die silberne Wasserfläche des Issango, dann ging es über Geröll und durch dichten Akazienbusch nach Kassavo. Von dort durch eine Ebene mit einzelnen Laubbäumen und Borassuspalmen; durch Felder von Canna indica, durch hohes Schilfgras und verwüstete Bananenhaine erreichte man am zweiten Abend nach dem Abmarsch den Seestrand, wo es über feinen Kies und durch verlassene Bananenpflanzungen bis Kirima weiterging.

Hier wurde gelagert in der Nähe eines prächtigen Wasserfalles, der von den hohen Bergen herabstürzte.

Es war eine romantische, an norwegische Landschaften erinnernde Gegend. Bei der klaren Luft sahen unsere Freunde gegenüber ihrem hochgelegenen Lager am andern Seeufer im Osten den hohen Bergrand von Nkole, zur Linken im Norden die Schneegipfel des riesigen Runsoro und zur Rechten im Süden in weiter Ferne die Vulkankegel der Virunga-Bergkette, der sie zustrebten.

Am nächsten Tage wanderte man an den steilen Ufern hin, Paviane tummelten sich oben auf den Klippen und schauten neugierig herab; Kormorane, Schlangenhalsvögel, Möwen, Reiher und andere Wasservögel belebten die Luft, den See und das Ufer, schön bewaldete Schluchten öffneten sich zur Rechten und schäumende Wasserfälle rauschten aus gewaltiger Höhe herab.

Beschwerlich, besonders für die Träger und die Reittiere, war das Überschreiten eines mit riesigen Schieferblöcken übersäten Trümmerfeldes.

So ging es über Kischakka nach Kikere.

Der Weg führte an manchen Stellen durch das Wasser, obgleich er leicht hätte höher angelegt werden können.

»Es ist sonderbar,« meinte Helene, »daß die Leute ihre Wege durch den See führen, statt auf dem trockenen Ufer. Was soll das für einen Zweck haben?«

»Allerdings,« sagte Schulze, »das hat keinen Sinn. Zweifellos ist der Spiegel des Sees gestiegen und hat die ursprünglich am Ufer angelegten Pfade stellenweise überschwemmt.«

Die Berge fielen nun steil in den See ab und ließen einen oft nur wenige Meter breiten, mit Geröll bedeckten Strandstreifen frei. An manchen Stellen galt es, mit Gebüsch dichtbewachsene Klippen mühsam zu überklettern.

Bei Vallia zeigten sich die Eingeborenen des Wakondjo-Stammes äußerst freundlich, und es konnten Vorräte an Bananen, Mais und Bohnen erhandelt werden.

»Wissen Sie auch, warum die Stämme hier so friedfertig sind?« fragte Flitmore.

»Na!« sagte Schulze. »Das wird in ihrer Naturanlage liegen.«

»Haben Sie nicht beobachtet, wie viel die Leute Hanf rauchen?« erwiderte der Lord.

»Leidenschaftliche Raucher sind alle Neger,« versicherte Hendrik.

»Ja, aber das hier verbreitete Hanfrauchen hat seine besondere Wirkung,« beharrte Flitmore.

»Jedenfalls eine zerrüttende Wirkung, wie das Opium,« meinte Leusohn, »es betäubt stark, wie ich schon oft beobachtet habe.«

»Schadet nichts,« widersprach der Engländer. »Die gesundheitsschädlichen Folgen sind nicht so schlimm, wie man behauptet. Dafür zähmt der Hanf die Wilden und stimmt sie viel milder. So waren zum Beispiel die Baschilange die wildesten, kampfeslustigsten Neger. Heute sind sie ein friedfertiges Volk. Warum? Sie haben sich dem Hanfrauchen ergeben. Was halten Sie vom Rauchen überhaupt?« fügte er bei, dicke Dampfwolken seiner Pfeife entlockend.

»Da wir alle rauchen,« lachte Doktor Leusohn, »dürfen wir diese üble Angewohnheit nicht zu schlecht machen.«

»Ich meinesteils,« warf Schulze ein, »möchte gerade hierzuland das Rauchen nicht entbehren; es tröstet mich bei so manchen Entbehrungen andrer Genüsse oder Bedürfnisse und hilft meiner Stimmung auf.«

»Solange ich Tabak habe, werde ich nie verzweifeln,« erklärte der Lord. »Ich werde zwar auch ohne Tabak nicht verzweifeln, aber was Sie von der Stimmung sagen, ist richtig: selbst der schärfste Negertabak beruhigt und verklärt die Stimmung gleich Palmwein, das Rauchen regt die Gedanken an, und zwar die besten Gedanken, sowohl die mildesten wie die geistreichsten.

»Ich kenne Edison; je mehr er denkt, desto mehr raucht er, oft zwanzig Zigarren im Tag, und zwar starke. Das verträgt nicht Jeder und vor Nachahmung ist zu warnen. Er aber hat noch nie einen Nachteil für seine Gesundheit davon verspürt. Sein Großvater war ein ebenso starker Raucher und kaute noch dazu Tabak; er wurde hundertdreißig Jahre alt.«

»Bravo! Möchten wir ebenfalls so lange rauchen,« rief Schulze. »Ich kenne auch so einen Raucher in Südamerika, der über dreihundert Jahre alt ist.«

»Oho! Professor!« rief Leusohn ungläubig.

»Natürlich, das glaubt mir niemand,« sagte Schulze. »Ich hätte es auch nicht geglaubt, aber der alte Herr hat mir sein Alter bewiesen.«

»Ich halte nichts für unmöglich,« hub Flitmore wieder an, »und ich glaube Ihnen, Professor. Hüten Sie sich vor der Zweifelsucht, Herr Doktor, sie ist die Mutter der Blamage. Vielleicht zeige ich Ihnen selber noch Dinge, die Sie für unmöglich halten.«

»Das haben Sie freilich schon getan, Lord,« entgegnete Leusohn. »Wenn ich nur an Ihre Geisterstimme im Lande der Zwerge denke! Da fällt mir übrigens eine köstliche Geschichte ein, da wir doch vom Rauchen reden.

»Als junger Student besuchte ich meinen dreiundsiebzigjährigen Großonkel, der den ganzen Tag rauchte. Qualmend hielt er mir einen Vortrag über die Verderblichkeit dieses Lasters und warnte mich, nur nie das Rauchen anzufangen.

»Als ich endlich zu Wort kam, sagte ich: ›da kommst du schon zu spät, Großonkel, ich habe es mir bereits angewöhnt‹.

»Alsbald fuhr er mich an: ›warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Da hätte ich dir schon längst eine Zigarre angeboten!‹ – Und unverzüglich holte er dies nach.

»Inzwischen kam die Großtante herein und begann nun auch, als sie mich rauchen sah, über das Gesundheitsschädliche dieser Gewohnheit sich zu verbreiten.

»›Aber sieh doch nur den Großonkel an,‹ gab ich ihr zurück, ›dem fehlt nie etwas, er bringt den ganzen Tag die Pfeife nicht aus dem Munde und ist schon dreiundsiebzig Jahre alt.‹

»›Schweig du nur,‹ erwiderte die hartnäckige alte Dame. ›Wenn der nicht geraucht hätte, er wäre jetzt mindestens schon achtzig.‹«

Herzlich lachten alle über die unüberlegte Bemerkung der seligen Großtante.

»Da fällt mir auch ein,« begann nun Schulze, »was mir ein alter Gardehusar erzählte, der als Ordonnanz des Generalobersten von Pape den siebziger Krieg mitmachte.

»General von Pape, erzählte er, war ein leidenschaftlicher Raucher, und nur selten ließ er seine Zigarre ausgehen. Einmal, während der Schlacht, kommt ein Hauptmann von den Gardejägern auf seinem Fuchse angesprengt und will ihm eine Meldung machen, vergißt aber im Eifer, seinen Zigarrenstummel aus dem Munde zu nehmen, kann auch, vom tollen Jagen außer Luft und Atem, kein Wort hervorbringen. In aller Seelenruhe sagt General von Pape zu dem Hauptmann: ›Na was haben Sie denn?‹ Und indem er dem verblüfft dreinschauenden Jägeroffizier seine brennende Zigarre entgegenhält, fährt er fort: ›Hier, brennen Sie sich mal erst Ihre Zigarre an und dann erzählen Sie –.‹ Dies geschah im fürchterlichsten Feuer! Es war uns nicht gerade lächerlich zu Mut, dennoch aber mußten wir lachen, selbst der Jägeroffizier! – Vor St. Privat fiel des Generals Schimmel; er selbst kam unter das Pferd zu liegen, das heftig um sich schlug. Nachdem wir ihn aus seiner unangenehmen Lage befreit hatten, suchte er nach etwas eifrig auf der Erde; wir suchen alle pflichtschuldigst mit. Was hebt er auf? Seine halbe Zigarre. Mit den Worten: ›Sie brennt ja noch‹ raucht er ruhig weiter.«

Flitmores Diener, Johann Rieger, hatte, wie gewöhnlich, stillschweigend den Gesprächen zugehört. Nun gestattete er sich in seiner gewählten Sprechweise die bescheidene Frage: »Darf ich, weil es sozusagen etwas ganz Ähnliches ist, ein eigenhändiges Erlebnis erzählen?«

»Gewiß, mein Lieber, trage nur zu unserer Unterhaltung bei,« lud ihn der Professor ein.

»Also, weil ich nämlich herrschaftlicher Kutscher im Hohenlohischen war, so fuhren einmal mein gnädiger Herr und ich den Berg hinunter mit zwei jungen feurigen Rappen, wo noch nicht gut eingefahren waren und deshalb durchgingen, denn der junge Herr hatte mir die Zügel entnommen, indem daß er selber gern kutschierte.

»Das raste den Berg hinunter, daß uns Hören und Sehen verging und ich dachte nur, da bin ich begierig, wo wir landen werden.

»Das war aber plötzlich der Fall, weil der Wagen an einen Kilometerstein prallte, infolgedessen ich in das weiche Gras flog, mein junger Herr aber auf einen Steinhaufen, anstatt umgekehrt, wie sich's gehört hätte.

»Ich spürte bald, daß ich ganz heil war und aufstehen konnte, und eilte zu meinem Herrn, ganz beschämt, daß ich so weich gefallen war, statt auf den Steinhaufen, wo er lag. Er hatte den Arm verstaucht und das Bein zerquetscht und blutete an der Stirn und an der Wange.

»Doch das merkte er sozusagen erst viel später, machte ihm auch nicht viel aus; denn als ich ihn fragte, wie es stehe mit ihm, so zog er an seiner Zigarre und sagte: Gottlob! sie brennt noch! Weil nämlich ein Sturm ging und er sie nicht gut wieder hätte anstecken können.«

»Bravo!« rief Leusohn. »Das sind die echten Raucher! Die kommen viel leichter durchs Leben als die Verächter des edlen Krautes. Aber nun ist es Zeit, sich zur Ruhe zu begeben, daß wir morgen beizeiten fortkommen.«

Am folgenden Morgen erwartete die Reisenden eine peinliche Überraschung. Zwanzig Träger waren entwichen und nur diejenigen, die bei einem früheren Unternehmen gegen die Zwerge dabei gewesen waren und dort unbedingtes Vertrauen zu den Weißen gewonnen hatten, zehn an der Zahl, waren mit den Askaris zurückgeblieben.

Ihre Lasten hatten die Flüchtlinge allerdings zurückgelassen und überraschenderweise nur mäßig bestohlen. Wahrscheinlich mochten sie auf dem beschwerlichen Rückweg über die Felsen des Seeufers kein Gepäck mitschleppen.

Nun war guter Rat teuer.

Dreißig Ballen waren so wie so schon ungenügend gewesen für eine Reise, wie die geplante, und nötigten zur äußersten Sparsamkeit.

Überdies war nun noch Lord Flitmore mit seinem Diener bei der Karawane, der bis auf weniges Gepäck seine sämtlichen Ballen im Lande der Zwerge verloren hatte.

»Was fangen wir nun an?« fragte Schulze. »Den Askaris können wir nichts aufladen, das leiden sie nicht; denn dazu sind sie nicht angeworben. Ließen sie sich aber auch durch Gründe zum Trägerdienst überreden, so könnten wir nur zwanzig Lasten befördern, was doch nicht genügt.«

»Die Askaris müssen freibleiben schon aus Sicherheitsgründen,« erklärte Leusohn. »Aber wir können es machen wie andre vor uns: zehn Lasten nehmen wir mit. Bei den übrigen lassen wir ein paar Askaris als Wächter. Vom nächsten Lagerplatz aus senden wir die Träger zurück, zehn weitere Lasten zu holen, und dann müssen sie nochmals umkehren, den Rest nachzubringen.«

Flitmore schüttelte den Kopf. »Das ist ein verzweifelter Plan; bedenken Sie, daß die Träger jedesmal wieder einer Rast bedürfen. Durch das zweimalige Rückkehren verfünffacht sich die Strecke und mit den Ruhepausen wird noch mehr Zeit gebraucht. Wir würden eine volle Woche brauchen, um den Weg zurückzulegen, den wir sonst in einem Tage machen. Wir brauchen also etwa siebenmal mehr Lebensmittel, und auf der ganzen Strecke, die wir durchziehen wollen, würde der dadurch verursachte Mehraufwand den Wert der Lasten bedeutend übersteigen. Es bleibt uns nichts übrig, als sie zurückzulassen.«

»Dagegen läßt sich freilich nichts einwenden,« sagte der Professor sehr niedergeschlagen. »Aber damit ist auch unsere Weiterreise unmöglich gemacht, es bleibt uns nichts übrig als die Rückkehr nach Oranjehof.«

»Beruhigen Sie sich,« erklärte der Lord. »Nach Vitschumbi haben wir nicht mehr weit und dort, das verspreche ich Ihnen, hat unsere Notlage ein Ende.«

Obgleich der Engländer sich zu keinen weiteren Erklärungen herbeiließ, wurde doch im Vertrauen auf seine Verheißung die Zurücklassung der Lasten beschlossen, für die es an Trägern fehlte.

»Also vergraben wir die Ballen,« riet Leusohn.

Dagegen erhob jedoch Hendrik Einspruch, indem er zunächst fragte: »Gedenken Sie wieder hier vorbeizukommen, um die Lasten abzuholen?«

»Das nicht,« erwiderte der Doktor.

»Also für wen wollen wir die Lasten vergraben? Für die Eingeborenen, die sie sicher finden würden? Sehen Sie, wenn die Eingeborenen merken, daß Europäer aus Mangel an Trägern ihre Ware zurücklassen, dann werden sie alles daran setzen, die Träger der Karawanen durch Überredung oder Gewalt zum Auskneifen zu bringen, um sich dann ohne weiteres die Schätze aneignen zu können, die da liegen bleiben.

»Aus dem gleichen Grunde werden aber schon ohne fremde Überredung die schlauen Träger nach dem Platz zurückkehren, wo die Lasten vergraben wurden, um sich mit den zurückgelassenen Ballen auf Nimmerwiedersehen aus dem Staube zu machen. Man ermuntert sie dadurch geradezu zur Fahnenflucht und zum Diebstahl.«

»Der junge Herr hat recht,« gab Flitmore zu. »Wir würden dadurch die Auflösung unsrer eigenen Karawane verschulden und überdies ein Raubsystem großziehen, das allen späteren Reisenden Schaden brächte.«

»Aber was dann?« fragte Schulze kleinlaut, da er keinen Ausweg aus dieser Sackgasse sah.

»Wir müssen die Ballen vernichten!« entschied Hendrik.

So schwer dieser Entschluß alle ankam, so sahen sie doch ein, daß die bittre Notwendigkeit ihn gebot.

So wurden denn zwanzig Traglasten vernichtet, die Zeuge und alles Brennbare verbrannt, das Übrige in den See versenkt.

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