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Nach den Mondbergen

Friedrich Wilhelm Mader: Nach den Mondbergen - Kapitel 33
Quellenangabe
type
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleNach den Mondbergen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunZwölfte Auflage
yearo.J.
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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30. Die Häuptlingswahl.

Sie unebene Steppe mit ihren rauhen Grasnarben, Termiten-Hügeln und zahlreichen Löchern, auch stellenweise sumpfigem Boden, machte das Reiten, namentlich auf einem Esel, nicht gerade zu einer Annehmlichkeit.

»So ein Esel ist die reinste Foltermaschine!« erklärte Helene. »Ich muß voller blauer, gelber und grüner Male sein.« Damit schwang sie sich aus dem Sattel und überließ das Reittier Amina, die es mit freudigem Grinsen bestieg; ihre Glieder waren nicht so empfindlich.

Auch Sannah zog es vor, zu Fuß zu gehen, und trat ihren Esel ganz an Tipekitanga ab, die in ihrem neuen Kleide stolz einherritt.

Gegen Abend kam die Karawane in die Nähe eines Dorfes, in dem ein großer Tumult herrschte, so daß Neulinge in Afrika hätten befürchten können, hier ganz wilde und kriegerische Leute zu finden.

Es fand aber lediglich die Häuptlingswahl statt, und die weißen Häuptlinge wurden durch eine Gesandtschaft eingeladen, der feierlichen Handlung anzuwohnen, da gleichzeitig das Fest des neuen Feuers gefeiert werde.

Männer, Weiber und Kinder waren auf dem Dorfplatz versammelt, wo auch unsere Freunde mit einigen schwarzen Begleitern sich niederließen, neugierig, wie der Vorgang sich gestalten werde.

Neben ihnen hockten in einer Reihe die Männer, die für das Amt eines Häuptlings in Betracht kamen.

Zunächst wurde viel Pombe in großen Kürbisschalen herumgereicht.

Die gegenüberhockenden Männer unter Führung des Dorf ältesten, denen die Wahl zukam, achteten fleißig auf die Trinkenden; es schien, als hätten sie im Sinn, den größten Zecher als den Würdigsten zu erwählen.

Kaschwalla leerte seinen Pombebecher allemal auf einen oder zwei Züge; immer wieder mußte das ihn bedienende Mädchen den Kürbis füllen, den sie ihm knieend überreichte.

Er hatte bereits acht Schalen geleert, während die Bewerber aus dem Dorfe an der vierten oder fünften waren und schon bedenkliche Zeichen der Beschwipsung merken ließen.

Mit immer höherem Staunen betrachteten die Leute, Männer und Weiber, den gewaltigen Zecher, dessen fette Gestalt ihnen schon als die eines geborenen Häuptlings in die Augen stach immer demütiger und tiefer neigte sich das Mädchen, das nur zu springen hatte, seine Schale neu zu füllen, vor dem ehrfurchtgebietenden Baba Pombe, wenn sie niederkniete, ihm den köstlichen Trank zu reichen.

Auf einmal erhob sich der Dorfälteste. Er hielt in der Hand eine aus mehreren Gliedern zusammengesetzte Holzschere, wie sie in Deutschland unter dem Namen »Soldatenschere« als Kinderspielzeug bekannt ist.

Eine solche Soldatenschere ist in zusammengelegtem Zustande nur zwanzig bis dreißig Zentimeter lang; sobald aber die Griffe mit beiden Händen gefaßt und gegeneinander gedrückt werden, dehnen sich die Glieder, bilden Vierecke, die sich zu langen Rhomben strecken, und blitzschnell hat der merkwürdige Gegenstand eine Länge von acht bis zehn Metern oder noch mehr erreicht.

Dieses Werkzeug also hielt der Dorfälteste in den Händen, sprang damit im Kreise herum und ließ es plötzlich sich zu seiner ganzen Länge ausdehnen.

Scheinbar zufällig traf die Spitze der vorwärts schnellenden Schere den ahnungslosen Kaschwalla auf die Brust, so daß er erschreckt die volle Kürbisschale fallen ließ, die er eben zum Munde führte. Der schäumende Inhalt ergoß sich über den Kopf des wollhaarigen Negermädchens, das ihn so fleißig bedient hatte.

Mit einem Aufschrei sprang die triefende Schöne zur Seite.

Unterdessen aber war unter den Männern ein wilder Tumult ausgebrochen; mit wütendem Geschrei stürzten sie auf Baba Pombe, umzingelten ihn, packten ihn bei den Schultern und Armen und rissen ihn empor und zerrten ihn auf die Mitte des Platzes.

Dabei brüllten Weiber und Kinder so entsetzlich, daß unsere Freunde sich schon anschickten, dem scheinbar schwer Bedrohten zu Hilfe zu kommen.

Nur Hendrik hielt sie noch zurück. »Ich glaube, das hat nichts Schlimmes zu bedeuten,« sagte er; »übereilen wir nichts, die Leute tragen ja keine Waffen.«

In der Tat war der Sinn des ganzen Spektakels bloß der, daß Kaschwalla feierlichst zum Dorfhäuptling erwählt worden war.

Er selber kannte aber die Sitten dieses Volkstamms so wenig, daß er glaubte, es sei blutiger Ernst und sie seien wütend auf ihn, weil er das schöne Bier verschüttet habe, war er doch der erste, dies als ein Hauptverbrechen anzusehen.

Er wehrte sich daher verzweifelt und es gelang ihm auch, sich loszureißen und zu den Weißen zu flüchten.

Nun wurde aber bei diesen Wilden das Erschrecken und die Gegenwehr eines so unversehens Überfallenen als Zeichen der Feigheit angesehen. Ein solcher galt als unwürdig, Häuptling zu werden, und somit war Kaschwalla seiner neuen Würde bereits verlustig, worüber er sich jedoch nicht weiter grämte, als er später den Sachverhalt merkte.

Die Männer kehrten ruhig an ihre Plätze zurück, würdigten Baba Pombe keines Blickes mehr, und die Schere des Ältesten trat wieder in Tätigkeit und traf diesmal einen hochgewachsenen Dorfgenossen.

Dieser wurde mit dem gleichen Wutgebrüll umzingelt, fortgezerrt und hin und her gerissen. Er bewahrte aber seine Ruhe und wurde nun jubelnd zum Häuptling ausgerufen.

Jetzt nahm das Zechgelage erst recht seinen Fortgang und Baba Pombe hatte Gelegenheit, seinen Mut und seine Ausdauer wenigstens auf diesem Gebiet aufs neue so glänzend zu beweisen, daß er mit Genugtuung bemerkte, wie er sich die verlorene Achtung rasch wiedereroberte und mancher bewundernde Blick ihn beobachtete.

Inzwischen war es Nacht geworden und der Mond hatte am Himmel den Stand erreicht, der das Zeichen zum Beginn des Festes des neuen Feuers gab, das heute in allen Dörfern des Landes gefeiert wurde.

Im ganzen Lande waren die Feuer Tags zuvor gelöscht worden, denn keines durfte älter als ein Jahr werden.

Dem neuen Häuptling wurde ein kleines viereckiges Brett aus weichem Holze gebracht, in dessen Mitte sich eine trichterförmige Vertiefung befand; in diese senkte er die geriefelte Spitze eines spannenlangen Stiftes aus hartem Holz und quirlte ihn mit den Händen rasch und gewandt so lange, bis das Weichholz zu glosten begann, worauf die Weiber durch heftiges Blasen die Funken anfachten und mit Zunderstücken ausnahmen.

An alle Weiber wurden nun glimmende Zunderstücke verteilt; das neue Feuer war geboren, das nun zwölf Monate auszuhalten hatte.

Unsere Freunde wurden noch mit schmackhaften Kuchen bewirtet, die Helene so vorzüglich mundeten, daß sie dem Mädchen, das sie bediente, die Bitte vortrug, es möge ihr verraten, wie diese köstliche Speise zubereitet werde.

Obgleich sich aber das weiße Fräulein tapfer an Termiten-, Raupen- und Rattenkost gewöhnt hatte, verzichtete es doch darauf, sich das Rezept aufzuschreiben, als es erfuhr, der Kuchen bestehe aus kleinen Kungufliegen, die in Schwärmen von Millionen die Sonne verfinstern, und, wenn sie sich ermüdet niederlassen, von den Eingeborenen massenhaft eingesammelt, zerquetscht und zu Teig geknetet werden, um dann geröstet die beliebten Kungufliegenkuchen zu liefern.

Während im Dorfe weiter gefestet und gezecht wurde, verabschiedeten sich die Weißen mit ihren Begleitern und kehrten in ihr Lager zurück, das auch Kaschwalla, dank der kräftigen Unterstützung des starken Juku, glücklich erreichte. Hier aber mußte sich Baba Pombe, wie schon öfters, einen ernsten Vorhalt Hendriks wegen seiner Unmäßigkeit gefallen lassen. Er versprach denn auch Besserung, wie er allemal tat.

Im Lager erfuhr Schulze, daß ein Träger fehle. »Ist er durchgebrannt?« fragte der Professor.

Achmed gab Auskunft: »Abu Arba,« sagte er, »Allah schlug das Weib des Mannes mit Krankheit und ihre Füße trugen sie nicht weiter. Wir sagten ihm, er solle sie zurücklassen, hat er doch noch seinen Lohn für einen Monat anzusprechen. Er aber erklärte: soll ich mein treues Weib im Stich lassen, das mich auch pflegt, wenn ich krank bin? Ich bleibe bei ihr, sie zu pflegen und frage nichts nach meinem Lohn.«

»Warum sagtet ihr mir das nicht gleich?« rief Schulze. »Wahrhaftig, ich hätte der treuen Seele den Lohn sofort ausbezahlt und noch einen Monatslohn dazu! Ist es recht, daß er um sein ehrlich verdientes Gut komme, weil er seine Frau nicht verlassen will?«

Parker, der schnellfüßige Sulu, erbot sich, den Lohn dem Träger zu bringen, der in einem nur eine Stunde zurückliegenden Dorfe sich aufhalte.

Mit Freuden nahm der Professor das Anerbieten des edelmütigen Negers an und gab ihm den doppelten Lohn für den Träger; dem Sulu bot er hernach für den nächtlichen Gang ein ansehnliches Geschenk, das dieser, ganz gegen Negerart, erst gar nicht annehmen wollte, weil er sagte, es sei ihm eine Freude gewesen und keine Mühe.

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