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Nach den Mondbergen

Friedrich Wilhelm Mader: Nach den Mondbergen - Kapitel 30
Quellenangabe
type
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleNach den Mondbergen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunZwölfte Auflage
yearo.J.
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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27. Der Kampf mit dem Gorilla.

Als Helene am andern Morgen mit etwas Kopfweh ziemlich spät erwachte, erklärte ihr Bruder, sie sei außer Gefahr. Auch schmerzten sie die kleinen, bereits geschlossenen Wunden kaum mehr.

Heute war Schulze entschlossen, einen gewaltigen Jagdausflug mit seiner nie fehlenden Büchse zu unternehmen und womöglich einen Elefanten oder gar ein Rhinozeros zur Strecke zu bringen. Es kam ihm auch nicht darauf an, gleich ein Dutzend solcher Dickhäuter zu erlegen; denn er war nicht kleinlich in seinen Plänen und Vorsätzen, sowie es auf die Jagd ging.

Da die Höhlen hier so äußerst wohnlich und geräumig waren, und den besten Schutz vor den nächtlichen und zuweilen auch täglichen Güssen der Regenzeit boten, war Beschluß gefaßt worden, mindestens zwei Wochen hier zu verweilen.

Dazu lockten auch die ergiebigen Jagdgründe; denn Flitmore, Leusohn und Hendrik waren ebenso leidenschaftliche Jäger wie Schulze.

Es kam noch hinzu, daß sich Lebensmittel für die Karawane sehr leicht mittels der Kanus aus den zahlreichen Dörfern am Ufer beschaffen ließen. Die Jagd sollte jedoch, schon aus Sparsamkeitsgründen, das Hauptmittel der Versorgung mit Nahrung sein.

Ein so sonniger Tag, wie der heutige, mußte ausgenützt werden, und so schulterte der Professor sein Gewehr gleich nach dem Frühstück und rief Leusohn zu, der soeben die Höhle betrat, die er mit Schulze und Hendrik bewohnte: »Nanu, Doktor, gehen Sie mit auf die Jagd?«

»Unbedingt,« erwiderte dieser und machte sich alsbald fertig, dem Professor zu folgen, der schon ausgerüstet vor ihm stand. »Hendrik wird uns wohl begleiten?«

Hendrik war aber nicht zu finden. Schulze erkundigte sich bei Hamissi, wo der Jüngling wohl stecken möge.

»Bwana Hendrik ganz allein auf See gefahren, Bwana Bawessa,« entgegnete der Suaheli.

»Wenn es nur keinen Sturm gibt,« meinte Schulze mit einem besorgten Blick zum Himmel; »der See ist tückisch, und allein mit einem großen Segelboot – der Junge ist tollkühn!«

»Nur keine Sorge,« beruhigte Doktor Leusohn. »Er ist stark und gewandt und wird sich auch vorsehen.«

Die beiden Nimrode verließen ihren Stand an dem Höhlenloch mitten in der Felswand und begaben sich ins Innere des Berges, bis eine Seitenhöhle zur Linken sie dem Tageslicht entgegenführte. Hier traten sie zu ebener Erde heraus auf einen freien Platz, wo die Träger und Askaris lagerten, soweit sie nicht vorgezogen hatten, unten auf dem schmalen Küstenstreifen ihr Quartier aufzuschlagen. Als Zuflucht gegen Regengüsse standen ihnen oben und unten geräumige Höhlungen zur Verfügung, so daß sie die gewöhnlichen Hütten aus Baumzweigen, die doch nicht wasserdicht waren, hier gar nicht errichtet hatten: gegen die Sonne fanden sie im Schatten der Bäume Schutz.

Hassan und Johann standen zur Zeit ebenfalls hier oben und unterhielten sich mit den Trägern.

»He, John! Du könntest uns deinen Nigger zur Jagd mitgeben,« bat Schulze.

»Mit ausgezeichnetem Vergnügen,« erwiderte Johann zuvorkommend. Wie gerne wäre er selber mitgegangen; aber niemand dachte daran, ihn einzuladen, und selber darum zu bitten, dazu war er zu bescheiden. Wenn der Professor oder der Doktor übrigens seinen Wunsch geahnt hätten, sie hätten ihn mit Freuden erfüllt; ein dritter Gefährte konnte ihnen nur willkommen sein. Nun aber blieb Johann zurück; so geht es, wenn man nicht wagt, den Mund aufzutun! Übrigens war es diesmal ein Glück, daß der Diener nicht mitging, wie sich bald zeigen wird; er sollte seinen Teil an der Jagd heute trotzdem noch haben.

Da die treue, bescheidene Seele von Lord Flitmore während der Rastzeit wenig in Anspruch genommen wurde, hatte Rieger übrige Zeit. Er kletterte, die Flinte über die Schulter gehängt, ein wenig an den Felsen hinauf und legte sich oben in den Schatten eines Gebüschs, zum blauen Himmel hinaufträumend.

Da sah er einen Vogel heranfliegen, schnurstracks von Süden kommend. Rasch legte Johann sein Schießrohr an die Wange, und in dem Augenblick, da der Vogel über ihn wegflog, dem Norden zu, knallte der Schuß, und tödlich getroffen stürzte das arme Opfer herab.

»O weh, eine Taube!« rief Johann aus, als er seine Beute aufnahm. »Der arme Vogel! Tut mir leid! Ein Habicht wäre mir lieber gewesen. Daß ich aber auch gerade treffen mußte! Das passiert mir doch sonst so selten. Nun, es ist nichts zu machen; ich will das schöne Täubchen dem Lord bringen, der ist ein Feinschmecker, wenn er's haben kann.«

Rieger stieg hinab und durcheilte die Höhlengänge, bis er unten am Seeufer herauskam, wo Flitmore am Felsen lehnte und in einem Buche las.

»Was bringst du da? Eine Taube? Pfui, John, wer mag so harmlose Geschöpfe töten, wo es doch gefährliche Raubtiere genug gibt in diesen Gegenden!«

»Es hat mir selber leid getan, Mylord, aber ich schoß, ohne erst genau zu sehen, was für ein Vogel es war.«

»Das muß man nie tun! Nur keinen Schuß, ehe man weiß, auf was man schießt! Man kann sonst großes Unheil anrichten. Ich weiß das aus Erfahrung. – Aber, was ist das? Gib her die Taube, gib sie her!« fügte er in plötzlicher großer Erregung bei, die Johann an seinem kaltblütigen Herrn gar nicht gewohnt war. Hastig ergriff der Lord die dargereichte Taube und verschwand mit ihr in der Höhle.

Nach einer Viertelstunde kehrte der Lord zu seinem Diener zurück. Er war tief blaß; sonst aber war ihm nichts von seiner inneren Erregung anzumerken.

»Wo sind der Professor und der Doktor?« fragte er. »Und wo ist Hendrik?«

»Die Herren sind auf die Jagd und Herr Hendrik auf den See hinaus.«

»Ärgerlich! Suche sofort nach den beiden Herren und bitte sie, eiligst zurückzukehren; nach Hendrik will ich selber sehen.«

Johann konnte sich den unvermittelten Auftrag rein nicht erklären; allein er war gewohnt, seinem Herrn zu folgen, auch ohne den Grund seiner Befehle zu kennen. Er eilte daher hinauf und folgte den Spuren der Jäger in den Wald.

Schulze und Leusohn waren lange gewandert, ohne ein Wild zu erspähen, das sie hätten jagen mögen. Zur Jagd auf Raubtiere war die Tageszeit wenig geeignet, wenn man die Bestien nicht in ihren Schlupfwinkeln aufspüren konnte.

Affen freilich gab es in Menge, aber auf solche mochte Leusohn so wenig schießen, wie der Professor.

Außer Pavianen zeigten sich Meerkatzen und Hundsaffen, die hier überall heimisch sind, während der Ostküste des Tanganjika die Meerkatzen zu fehlen scheinen.

Auch eine besonders hübsch gezeichnete Art des Bartaffen, Colobus Guereza, wie ihn der Professor nannte, belebte den Wald; diese Affen hatten eine bläuliche Gesichtsfarbe mit weißbehaarter Nase und weißem Backenbart. Prächtig sah es aus, wenn bei ihren weiten Sprüngen ihre weißen Haarmäntel und Schwanzhaare wallten; sie schienen wirklich beflügelt.

»In diesen Wäldern soll übrigens auch der gefürchtete Soko hausen,« nahm Schulze das Wort. »Die einen glauben, dieses gefährliche Affentier sei eine Gorillaart, Wißmann ist der Ansicht, es handle sich um besonders große und starke Schimpansen. Es ist merkwürdig, was für Sagen über erschreckliche Affen in der Welt umgehen: in Südamerika ist es der Salvaje, der behaarte Waldmensch, hier am Tanganjika ist es der Soko. Ein Europäer hat ihn übrigens noch so wenig zu Gesicht bekommen, wie den Salvaje Venezuelas.«

»Sie schießen Affen grundsätzlich nicht?« fragte der Doktor.

Schulze bestätigte dies: »Man kann nicht wissen, in welchem Verwandtschaftsgrad man zu ihnen steht,« scherzte er.

Doch er sollte lernen, sich um eine solch fragwürdige Verwandtschaft nicht länger zu kümmern.

Nigger stieß plötzlich ein solch klägliches Geheul und Gewinsel aus, daß die beiden Jäger erschreckt stutzten. Hier mußte eine ganz außergewöhnliche Gefahr nahen; denn der Dachshund, der sich einem Krokodil gegenüber so furchtlos zeigte, konnte sich kaum so ängstlich gebärden, wenn es sich bloß um ein gewöhnliches Raubtier handelte.

Äste und Zweige krachten, und da trat er zwischen den Bäumen hervor, hochaufgerichtet, mit rollenden Glutaugen und gräßlich fletschenden Zähnen, der Riese unter den Affen, der auch den Löwen nicht fürchtet.

»Ein Gorilla!« rief Schulze entsetzt. »Wahrhaftig, der Salvaje, der behaarte Waldmensch! Der fürchterliche Soko!«

Leusohn, dem weniger bekannt war, welch furchtbarer Gegner der Gorilla ist, konnte noch über des Professors Schrecken scherzen. »Nun, Kamerad,« rief er, »vor Ihrem nächsten Verwandten werden Sie sich doch nicht fürchten?«

Schulze war inzwischen zurückgesprungen, während der Doktor das Gewehr anlegte. Aber mit einem Satz hatte der Gorilla den Unglücklichen erreicht, entriß ihm das Gewehr und zerbrach es wie ein dünnes Rohr, unbekümmert um den Knall des losgehenden Schusses. Gleich darauf wurde Leusohn von einem solch wuchtigen Schlag an den Kopf getroffen, daß er besinnungslos zu Boden stürzte.

Währenddessen hatte der Professor den Affen aufs Korn genommen und drückte los. Die Kugel traf den Gorilla in die Brust; doch blieb es dem Schützen zweifelhaft, ob der Schuß tödlich sei; denn ehe er ein zweites Mal abdrücken konnte, hatte der Wüterich ihn umklammert und sich in seine Schulter verbissen. Der Professor fühlte seine Rippen knacken, und sein Leben hätte nur noch nach Sekunden gezählt, wenn nicht Nigger seinen Heldenmut wieder bewiesen hätte und dem Affen in die Seite gesprungen wäre, seine Zähne tief einschlagend.

Dies bewog den Gorilla, von Schulzes blutender Schulter abzulassen und den Kopf nach dem kleinen Angreifer zu wenden. Doch nur wenige Augenblicke konnte des Teckels Heldentat das Ende des Professors verzögern, denn der Affe ließ diesen nur mit einem Griffe los, um den Hund zu packen und fortzuschleudern.

Allein im Augenblick der äußersten Gefahr erschien der Retter; des Professors Schuß hatte Johann, der schon lange rufend den Wald durchsuchte, den rechten Weg gewiesen. Er stürzte herbei, um aus nächster Nähe eine Kugel um die andere in des Ungetüms Leib zu jagen. Aus größerer Entfernung hätte er keinen Schuß wagen dürfen wegen der Gefahr, zugleich den festumklammerten Professor zu durchbohren.

Der Gorilla griff noch nach dem neuen Gegner und riß ihm ein ansehnliches Büschel Haare samt einem Fetzen Kopfhaut aus; das war aber auch seine letzte Schandtat. Seine Kräfte verließen ihn, und zuckend kollerte er zu Boden und verendete.

Leusohn war unterdessen wieder zu sich gekommen, doch brummte ihm der Schädel gewaltig und nur taumelnd schritt er neben den Gefährten her, die übrigens auch das stramme Marschieren verlernt hatten.

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