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Nach den Mondbergen

Friedrich Wilhelm Mader: Nach den Mondbergen - Kapitel 26
Quellenangabe
type
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleNach den Mondbergen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunZwölfte Auflage
yearo.J.
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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23. Ein verzweifelter Kampf.

Die Insel, auf der unsere Freunde gelandet waren, war nur spärlich bevölkert. Ein einziges Dorf befand sich auf ihr, und der Unterhäuptling der Watongwe, der hier herrschte, hatte kaum fünfzig waffenfähige Männer zur Verfügung.

Mit kleinem Gefolge erschien er um die Mittagzeit und verhandelte mit Leusohn, der ihm als Häuptling der Eindringlinge bezeichnet worden war.

»Warum seid ihr hiehergekommen?« fragte er.

»Weil uns die Leute von Utongwe ohne allen Grund überfallen haben. Wir wollten Frieden, wir wollen immer Frieden, sie aber wollten Krieg.«

»Ich kann euch hier nicht dulden,« fuhr der Häuptling fort, »weil ihr Feinde der Watongwe seid.«

»Wir sind nicht ihre Feinde, wenn sie uns in Frieden lassen, wir sind nicht schuld am Streit. Aber ob du uns dulden willst oder nicht, kann uns einerlei sein: mit zehn von meinen Leuten vernichte ich deine ganze Macht.«

Der Häuptling warf einen Blick auf die Gewehre der Askaris und sah die Richtigkeit von Leusohns Behauptung wohl ein, doch sagte er: »Die Watongwe werden kommen und euch vertreiben, sie haben viele Kanus. Der Sohn ihres Königs ist bei mir, sie werden ihn nicht in eure Hände fallen lassen.«

Als Hendrik die letzten Worte hörte, sagte er zu Leusohn: »Wir sollten uns unverzüglich des Königsohns bemächtigen, dann hätten wir einen Geisel und das könnte uns den Watongwe gegenüber einen unschätzbaren Vorteil gewähren. Auch den alten Häuptling würde ich ohne weiteres gefangen nehmen, damit seine Leute uns im Falle eines Kampfes nicht anzutasten wagen.«

»Sie haben recht,« sagte Leusohn beistimmend: »Unsere Not erfordert außerordentliche Vorsichtsmaßregeln.«

Er wandte sich wieder dem Häuptling zu, während er Hendrik anwies, die nötigen Vorbereitungen zu treffen.

»Wie heißt euer König?«

»Antari, der Löwe.«

»Du sagst, du habest seinen Sohn bei dir? Du willst uns nur bange machen, wir glauben dir nicht.«

»Hier ist er, Schekka, einer der Söhne Antaris,« erwiderte der Häuptling erzürnt, und wies auf einen Jüngling von etwa achtzehn Jahren.

»Gut so! Ihr beide seid unsere Gefangenen. Es soll euch kein Leid geschehen; wir müssen euch nur in unserer Gewalt behalten um unserer Sicherheit willen.«

Der Häuptling sah sich um.

Von allen Seiten war er mit seinen wenigen Begleitern von Askaris umzingelt und drohende Flintenläufe starrten ihm entgegen.

»Es sei, wir können nichts machen,« sagte er finster.

»So befiehl zunächst deinen Leuten, sie sollen uns Lebensmittel bringen. Wir könnten sie jetzt mit Gewalt nehmen, wir wollen aber alles bezahlen; wir sind gute Menschen und keine Räuber.«

Der Häuptling gab die nötigen Befehle und seine Leute wurden entlassen, während er selbst und Schekka sich's gefallen lassen mußten, gefesselt zu werden.

Die Einwohner des Dorfes kamen denn auch bald und brachten Lebensmittel in Menge, die ihnen redlich bezahlt wurden.

»Wir begehren auch, euch eure Waffen abzukaufen und eure Ruder,« sagte Hendrik.

Darauf wollten sie nicht eingehen; aber der Häuptling fand es geraten, auf eine scharfe Aufforderung hin, auch hiezu Befehl zu erteilen und so lieferten die Leute Speere, Bogen und Pfeile aus und brachten ihre Ruder herbei.

So, im Rücken gedeckt und mit Rudern versehen, schifften sich unsere Freunde am anderen Tage wieder ein.

Als sie jedoch um die östliche Ecke der Insel bogen, sahen sie eine große Flotte von Booten auf sich zukommen: es waren die Watongwe, die mit etwa dreihundert Fahrzeugen ausgezogen waren, die Fremden zu vernichten.

Unsere Freunde gedachten nun, zunächst wieder in die Bucht zurückzukehren und zu landen, weil sie hofften, vom Land aus die übermächtige Flotte wirksamer im Schach halten zu können.

Aber die Wilden hatten sich vorgesehen, und durch ein geschicktes, gut vorbereitetes Manöver kamen sie den gegnerischen Kanus zuvor und schnitten ihnen den Weg ab.

Nun rief Leusohn zu den nächsten Watongwekanus hinüber: »Wir haben Schekka, eures Königs Sohn, in unserer Gewalt und den Häuptling der Insel. Laßt ihr uns in Frieden abziehen, so soll ihnen nichts geschehen, greift ihr uns aber an, so sind sie des Todes!«

Dabei hieß er die beiden Gefangenen, die sich in seinem Boote befanden, aufstehen, so daß die Watongwe sie sehen konnten.

Einen Augenblick stutzten die letzteren; dann aber schrieen sie: »Nangu, nangu! Behaltet Schekka, er ist uns niemand; wir haben einen anderen Mkama.«

»Nangu« bedeutet in ihrer Sprache »nein!«, »Mkama« aber »König«.

»Wollet ihr nichts tun, um Antaris Sohn zu retten?«

»Nangu, nangu! Antari hat noch viele Söhne, was ist ihm der eine? Wir wollen nichts tun, als kämpfen und euch vernichten.«

»Das werdet ihr bald bereuen!«

Aber nur ein höhnisches »Huh!« war die Antwort und die Boote kamen näher.

»Nun hilft es nichts!« rief Leusohn: »Es geht um unser Leben!« und er befahl »Feuer!«

Hundert Schüsse krachten, und da die Gewehre meist mit grobem Schrot geladen waren, war der Erfolg ein ganz bedeutender. Schon diese erste Salve hatte gewaltig unter den Angreifenden aufgeräumt.

Aber sie ließen sich nicht abschrecken und waren bereits so nahe, daß sie von ihren Assegais, das heißt Sperren, Gebrauch machen konnten.

Diese flogen durch die Luft, und alsbald hatten auch unsere Freunde mehrere Tote und Verwundete zu beklagen.

Leusohn sah ein, daß er zwar mit neuen Salven die Feinde schließlich vernichten könnte, aber daß er in diesem Kampfe Verluste erleiden würde, die der Karawane für ihre weitere Reise verhängnisvoll sein müßten.

Es galt ihm, möglichst wenige seiner Leute preiszugeben.

Er kommandierte daher noch eine Salve, und dann befahl er, so rasch als möglich dem nächstgelegenen Ufer zuzustreben.

Die Wirkung der zweiten Salve ließ unseren Freunden Zeit, aus dem Bereiche der feindlichen Wurfspeere zu gelangen; so bald jedoch die Watongwe sahen, daß sich ihre Gegner ans Ufer flüchteten, folgten sie ihnen nach.

Ein unerwartetes Hindernis stellte sich der Landung unserer Freunde entgegen: das Ufer war von einer Menge von Flußpferden belebt, und einige derselben stellten sich den Booten entgegen und drohten, sie zum Kentern zu bringen.

Es mußten erst durch mehrere wohlgezielte Schüsse ein paar der Dickhäuter erlegt werden, ehe der Weg zur Küste offen stand.

Glücklicherweise wurde auch die Landung der Feinde, die mit ihren zahlreichen Booten einen weit breiteren Küstenstreifen anlaufen mußten, durch die kampflustigen Nilpferde wesentlich verzögert.

Als Leusohn mit seinen Truppen die Kanus verließ, verhehlte er sich nicht, daß diese samt den Ballen ein Raub der Feinde werden könnten. Er dachte daher daran, die Annäherung der feindlichen Flotte möglichst zu verhindern. Das Ufergebüsch bot genügende Deckung; doch war es fraglich, ob bei der großen Anzahl der Wilden ihre Landung auf die Dauer vereitelt werden konnte.

Die Frauen und Kinder wurden zunächst vorausgeschickt, damit sie sich weiter oben in größerer Sicherheit aufhalten könnten, bis sich der Kampf entschied.

Dann wurde ein mörderisches Feuer auf die nachdrängenden Boote eröffnet.

Diese waren aber dem Ufer schon so nahe und dort vielfach durch das dichte Schilfgebüsch, das sie geflissentlich aufsuchten, so gut gedeckt, daß Leusohn den Befehl geben mußte, sich weiter zurückzuziehen, um von einem günstigeren Standpunkt aus den Kampf wieder zu eröffnen.

Da teilte ihm Hendrik einen Plan mit, den er sich soeben ausgedacht hatte, und der Leusohn einleuchtete.

Hendrik schlug sich mit fünfzig Mann seitwärts in die Büsche, wo er sich bis zum rechten Augenblick verborgen hielt.

Leusohn schickte sodann die Weiber und Kinder mit den Verwundeten und den beiden Gefangenen nach der südlichen Inselbucht, in der sich die Kanus der Insulaner befanden.

Da sie die Vorsicht gebraucht hatten, ihre Ruder mitzunehmen, konnten sie die kleine Flotte der Einwohner zur Flucht benutzen, auch wenn Hendriks Plan nicht gelingen sollte.

Den waffenlosen Insulanern waren die bewaffneten Weiber, die mit Reserveflinten ausgerüstet waren und die zum Teil nur leicht verwundeten Männer gewachsen, so daß sie hoffen durften, sich der Boote mit leichter Mühe bemächtigen zu können.

Dann setzte sich Leusohn auf einem bewaldeten Hügel fest, von wo er aus guter Deckung die anstürmenden Wilden beschießen konnte.

Diese begnügten sich nicht damit, die Kanus ihrer Gegner mit dem sämtlichen Gepäck sich anzueignen: die Beute hielten sie für sicher und ließen vorerst nur wenige Mann in den Kähnen zurück, um zunächst die Karawane vollständig zu vernichten, und dann nach einem gründlichen Erfolg mit dem reichen Raube heimzukehren.

Das eben hatte Hendrik erwartet und daraufhin seinen Plan gebaut.

Leusohn ließ die Feinde nie auf Speerschußweite herankommen: nach ein oder zwei Salven zog er sich mit seinen Leuten jedesmal wieder im Laufschritt in eine neue Deckung zurück, die Feinde auf diese Weise immer weiter vom Ufer weglockend.

Als der junge Bure am immer schwächer vernehmbaren Knall der Schüsse erkannte, daß die Kämpfenden weit genug entfernt waren, brach er mit seinen fünfzig Mann plötzlich hervor, und überwältigte in den Booten die völlig überraschten Wächter, die gut gefesselt ans Ufer geworfen wurden, wo sie sich die Lungen ausschreien konnten.

Sie zu knebeln, glaubte Hendrik unterlassen zu dürfen; denn in absehbarer Zeit konnten ihre Rufe nicht an das Ohr ihrer Stammesgenossen dringen.

Nun wurden die stärksten und größten Kanus der Wilden ausgesucht und zum Teil an Stelle der eigenen, schlechteren mit den Ballen beladen. Die übrigen wurden alle ins Schlepptau genommen und auf den See hinausgeführt.

Mit fünfunddreißig Kanus waren die Weißen hier gelandet, einundfünfzig nahm nun Hendrik mit, so daß der Verlust der gesunkenen Boote mehr als gedeckt war, zumal mehrere weit größere Fahrzeuge unter den neugewonnenen sich befanden, als die Seefahrer zuvor besessen hatten.

Jedes der einundfünfzig Boote war mit einem Ruderer bemannt und hatte vier bis fünf Kanus im Schlepptau.

Letztere wurden aber nur einige hundert Meter weit in den See geführt, worauf mit Äxten und Beilen ihr Boden durchschlagen wurde, so daß sie rasch sanken.

War es nun den anderen gelungen, sich der Boote der Insulaner zu bemächtigen, so saßen die Feinde ohne Fahrzeuge auf der Insel gefangen, und die Flucht mußte ohne Schwierigkeit gelingen.

Eine Verfolgung war dann auch nicht mehr zu befürchten; denn einige Tage würden die Wilden immerhin brauchen, um sich den notdürftigsten Ersatz für ihre verlorenen Kanus herzustellen, von denen über zweihundert auf dem Grunde des Sees ruhten.

Wie ausgemacht worden war, ruderte Hendrik mit seiner stattlichen Flotte dem Bootshafen der Insel zu. Dort fand er bereits die Kanus der Eingeborenen von den Weibern, Kindern und Verwundeten in Beschlag genommen.

Nun wurden auch hier diejenigen Fahrzeuge vernichtet, die sich als nicht ganz seetüchtig erwiesen. Die anderen ruderten mit ihren Insassen auf den See hinaus, während Hendrik im Hafen blieb mit so viel Schiffen, als nötig waren, um Leusohn und seine Mitkämpfer aufzunehmen.

Der Jüngling ließ hierauf eine Salve abgeben, das verabredete Zeichen, daß sein Unternehmen geglückt und alles bereit sei.

Leusohn hatte sich bei seinem Rückzug mit Vorbedacht dem Hafen genähert; so war denn der Schauplatz des Kampfes bereits ganz in der Nähe, als der Doktor die erlösende Salve vernahm.

Verluste hatte ihn die ganze langwierige Schlacht keine mehr gekostet; nur einige leichtere Verwundungen waren noch vorgekommen, da er mit äußerster Vorsicht seinen Rückzug ausgeführt hatte. Die Wilden hingegen mochten wohl die Hälfte ihrer Leute eingebüßt haben; trotzdem waren es noch mehrere hundert kampffähige und aufs äußerste erbitterte Männer, die dem heldenhaften Doktor gegenüberstanden.

Nun aber wandte er sich mit all den Seinigen in rasendem Laufe dem Hafen zu.

Die Höhe des Hügels, auf dem er zuletzt gekämpft hatte, war so dicht bewachsen, daß die Feinde zunächst nicht sehen konnten, nach welcher Richtung er abgezogen war.

Erst nachdem sie ihrerseits die Höhe erklommen hatten, konnten sie den Spuren der Flüchtigen folgen, und bis sie dann zum Hafen gelangten, waren die Boote schon so weit entfernt, daß die nachgesandten Pfeile und Speere keines mehr erreichten.

Ein rasendes Wutgeheul erhob sich unter den gefoppten Wilden, obgleich sie noch nicht ahnten, welch schlauer Anschlag hier durchgeführt worden war.

Sie glaubten einfach, ihre Gegner hätten sich der Boote im Hafen bemächtigt, mit denen sie nun entfliehen würden.

Sie eilten daher zur Stelle zurück, wo sie ihre eigene Flotte und die beladenen Kanus der Karawane zu finden glaubten, um sofort den Flüchtigen nachzusetzen und mit größerem Vorteil auf offenem Wasser den Vernichtungskampf fortzusetzen und zum siegreichen Ende zu bringen.

Wie groß war nun ihre Verblüffung und ihre ohnmächtige Wut, als sie nichts fanden als ihre gefesselten Genossen, die ihnen berichten konnten, welch niederträchtigen Streich ihnen der Weiße gespielt hatte, der noch fast ein Knabe schien!

Als unsere Freunde sich in Sicherheit wußten, lösten sie die Bande des Häuptlings und des Königsohns Schekka und gaben ihnen ein Boot, mit dem sie nach der Insel zurückfahren konnten da es keinen Zweck hatte, sie länger gefangen zu halten.

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