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Nach den Mondbergen

Friedrich Wilhelm Mader: Nach den Mondbergen - Kapitel 16
Quellenangabe
type
authorFriedrich Wilhelm Mader
titleNach den Mondbergen
publisherUnion Deutsche Verlagsgesellschaft
printrunZwölfte Auflage
yearo.J.
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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13. Die Inseln des Kiwusees.

Da unsere Freunde wußten, daß der Kiwusee keine Krokodile beherbergt, so wenig wie Flußpferde, ließen sie sich's nach eingetretener Dunkelheit im köstlichen Wasser wohl sein, plätscherten und schwammen darin umher.

Tipekitanga wollte auch hier durchaus ihre Herrinnen begleiten, die abseits von den weißen Männern eine stille Bucht als reizende Badegelegenheit erkundet hatten.

»Aber daß du dicht am Ufer bleibst!« mahnte Helene die Zwergprinzessin, »da du nicht schwimmen kannst, darfst du den Boden unter den Füßen nicht verlieren.«

Die Kleine ging bis an den Hals ins Wasser und sah, wie Helene und Sannah lustig umherschwammen. Der Mond begann zu scheinen und Tipekitanga achtete aufmerksam auf alle Schwimmbewegungen der weißen Mädchen.

Dann plötzlich warf sie sich hin und begann mit den schlanken Armen und Beinen die Bewegungen auszuführen, die sie gesehen hatte. Ihr Kopf tauchte unter und sie mußte Wasser schlucken; aber sie gab nicht nach. Ihre Füße fanden keinen Grund mehr: sie mußte schwimmen! Und so hatte sie's gewollt.

Als Sannah und Helene umwendend die Prinzessin im Wasser kämpfen sahen, glaubten sie, sie sei am Ertrinken und schwammen eilends herbei; aber Tipekitanga sprudelte einen Mund voll Wasser heraus, lachte und rief: »Jetzt schwimmt Tipekitanga gleich den weißen Herrinnen!« und mit ein paar Stößen ruderte sie weiter hinaus in den See; sie hatte das Gleichgewicht gefunden und in wenigen Minuten die Kunst gelernt, die man, sobald man sie einmal erfaßt hat, nie wieder verlernen kann, auch wenn man sie jahrelang nicht übt.

Nun aber sahen unsre Freundinnen einen Büffel am Felsufer zur Rechten sich nahen; dies bewog sie, dem köstlichen Bade zu entsteigen und sich rasch anzukleiden, um dann das schützende Lager zu gewinnen.

Am frühen Morgen wurde aufgebrochen und am Seeufer entlang nach Osten marschiert. Über den kleinen belgischen Militärposten Ngoma, der aus ein paar elenden Strohhütten bestand, ging es nach dem äußersten damals noch deutschen Posten Ostafrikas, Kissenji, der wie Ngoma völlig auf Lavagrund steht und dessen Häuser auch meist aus Lavagestein erbaut sind.

Dieser deutsche Vorposten in Mittelafrika stand erst seit kurzer Zeit; doch mit seinen sauberen, weißen Häuschen, die mit Gras gedeckt waren, mit den hübschen Bananen- und Blumengärten und dem schnurgeraden, von Eukalyptusbäumen eingefaßten Strandspazierweg machte er einen ganz städtischen Eindruck und wurde als Kulturstätte im wilden Afrika von unsren Freunden mit lebhafter Freude begrüßt.

»In gesundem, frischem Höhenklima, eintausendfünfhundert Meter über dem Meer,« sagte Schulze, »ist dieser Posten an der Grenze des Kongostaates einer glänzenden Zukunft gewiß.«

»Und kann man sich einen reizenderen Fleck Erde denken?« schwärmte Helene. »Am Ufer des lieblichsten Sees, umrahmt von schroffen Felsen, mit dem Ausblick auf die ganze Kette der mächtigen Virungavulkane, – wo kann es schöner sein?«

Eine besondere Freude war es den Deutschen, hier Landsleute zu treffen, namentlich einen liebenswürdigen deutschen Offizier; auch der Lord und die Buren freuten sich dieser Begegnung, und eine dreitägige Rast wurde aus diesem Grunde hier gehalten.

Dann ging die Reise an der Ostküste des Sees hin nach Bujonde, einem Dörfchen an einem steilen Hange über der Mecklenburgbucht, und weiterhin südwestwärts bis Ischangi und Nya-Lukemba.

Während der Lord die Karawane auf diesem Landweg führte und Leusohn ihm zur Seite stand, fuhr Schulze mit Hendrik, Helene und Sannah, Amina, Tipekitanga und Hassan nebst einigen Trägern über den See, um dessen größere Inseln zu besichtigen. In Nya-Lukemba wollten sie dann mit der Hauptkarawane wieder zusammentreffen.

Zuerst wurde auf der Insel Mugarura gelandet, die vorwiegend Steppencharakter trägt und bloß im Norden mit dichtem Buschwald bestanden ist. Nur dieser bewaldete Teil bietet landschaftliche Reize, und zwar ganz entzückende Plätzchen.

Verschwiegene Buchten umsäumen hier das sanft ansteigende Ufer. In einer solchen verankerten unsre Freunde ihre Boote.

Zu Tausenden hingen in den Ästen der Bäume die Flughunde, die sich weder durch Geschrei noch durch Schüsse vertreiben ließen; aufgeschreckt umflogen diese Fledermäuse gleich Mückenschwärmen die Köpfe der Ruhestörer und ließen sich dann gleich wieder an ihren alten Ruheplätzen nieder.

Die Insel Mugarura, die zu den größeren Inseln des Kiwusees gehört, ist unbewohnt und dient nur zeitweise Rinderhirten der Watussi zum Aufenthalt.

Von hier aus machten unsre Freunde einen Abstecher an den Mhorofall, der sich in großartigen Kaskaden in den See ergießt.

Über Mugarura zurück ging es dann nach Westen zur kleineren Insel Wau. Gelandet wurde in der nördlichen ihrer beiden malerischen Buchten, welche das drei Kilometer lange Eiland in der Mitte bis auf hundert Meter Breite zusammenschnüren.

Obgleich die Insel sehr niedrig ist, gewährt sie doch wunderbare Ausblicke auf die Virungavulkane, auf die Insel Kwidschwi und einige kleinere bewaldete Inseln.

Wau zeigte sich zur Hälfte mit dichtem Urwald bedeckt, zur Hälfte war es eine blühende Steppe, welcher die kleinen, in den prächtigsten Farben schillernden Nektarinen, die Kolibris Afrikas, einen besonderen Reiz verliehen, wie sie umherflatternd mit den langen Schnäbeln die Insekten aus den Blüten holten.

Auch Graupapageien belebten die Landschaft und regungslos, wie erstarrt, thronte auf hohen abgestorbenen Bäumen der Beherrscher der Insel, der königliche Schreiseeadler.

Als Hendrik eine am Ufer daherwatschelnde Nilgans schoß, ertönte im Urwald das Schrecken eines Buschbocks, des einzigen Säugetiers, das die Insel bewohnt.

Die Fahrt ging weiter nach der nahen Insel Kwidschwi, die mit ihrer ausgedehnten Masse die südliche Hälfte des Kiwusees beinahe zum dritten Teil ausfüllt; sie ist vierzig Kilometer lang und bis zu fünfzehn Kilometer breit.

Diese Insel wird von Negern bewohnt, deren Zahl auf zwanzigtausend geschätzt wird.

Der mittlere Teil der Insel ist mit einem dichten Urwald bedeckt, der stellenweise bis ans Ufer reicht. Hier landeten die Seefahrer in einer breiten Bucht, die von Bananen-, Erbsen und Bohnenfeldern dicht umsäumt war.

Unter einer mächtigen Schirmakazie wurden die Zelte aufgeschlagen.

In der Nähe lagen mehrere Dörfer in Bananenhainen versteckt; die Einwohner zeigten sich jedoch äußerst scheu. Sie fürchteten die Fremden, in der Erinnerung an die Watussi, die ihnen früher ihr Vieh raubten, als die Insel noch zu Ruanda gehörte. Nun aber hat sie sich von der Herrschaft Ruandas befreit und bildet ein unabhängiges Sultanat.

Bald mochten die Leute merken, daß ihnen von den Fremden keine Feindseligkeiten drohten; namentlich Tipekitanga, als gewandte Vermittlerin, brachte ihnen diese Überzeugung bei. Sie wurden rasch zutraulich, und als Schulze am folgenden Tag ein Dorf betrat, ging ihm der Älteste entgegen, schlug sich auf den Schenkel und auf die Stirn, worauf er dem Professor die Hand reichte mit der Begrüßung: »Jambo, Mami – willkommen, Herr!« Hierauf lieh der Dorfschulze den fremden Gästen Pombe und Bananen, sowie einige Hühner bringen, die mit Dank angenommen und mit Gaben von Stoffen und Perlen vergolten wurden.

Schulze hatte es sich in den Kopf gesetzt, Meerkatzen zu erbeuten, die einzigen größeren Säugetiere der Insel. Bald sollte er erfahren, wie schwierig die Affenjagd in einem afrikanischen Urwald ist.

Hendrik begleitete den Professor und Hassan folgte. Für die Mädchen war das Eindringen in den Wald nicht ratsam.

Die äußerst scheuen Meerkatzen hielten sich bandenweise in den höchsten Baumkronen versteckt, verrieten sich aber durch ihre Unruhe und ihr Gekrächze.

Es ging bergauf, bergab durch das dichteste Unterholz. Mit Armen und Beinen zugleich blieb man an den Lianen hängen oder die Schlingpflanzen schlangen sich um die Büchse und um den Hals gleich lebendigen Reptilien.

Dann krochen die Jäger wieder auf allen Vieren unter einem undurchdringlichen Gewirr von Zweigen weg, sie turnten mit Lebensgefahr über einen gestürzten Baum; die Dornen hielten sie fest und zerfetzten ihre Kleidung.

Hatten sie dann endlich schweißbedeckt den Baum erreicht, aus dessen Wipfel das Gekrächz erschollen war, so hatte das Geräusch ihrer mühsamen Annäherung die Affen längst verscheucht.

Ermattet und zerrissen mußten die erfolglosen Meerkatzenjäger schließlich die Jagd aufgeben und zu den Zelten zurückkehren, wo die Damen ihr Mißgeschick lebhaft bedauerten und die Spuren ihrer Mühsale, soweit sie sich an den Kleidern zeigten, durch fleißige Nadelarbeit beseitigten.

Der Dorfhäuptling machte einen Besuch, und als ihm das Jagdergebnis berichtet wurde, erklärte er, niemand vermöge die Meerkatzen zu erbeuten, als die Batwazwerge im Innern der Insel, die berühmten Jäger, die an Schlauheit und Gewandtheit die Affen überträfen.

Zugleich erbot er sich, einige dieser Zwerge herbeizubringen, ein Angebot, das Schulze mit Dank annahm.

Tipekitanga aber lachte verächtlich: »Braucht unser Herr fremde Jäger?« fragte sie. »Können seine Leute nicht jagen, was er befiehlt?«

Allein niemand achtete auf ihren Widerspruch; denn daß keiner der Schwarzen auf Befehl eine Meerkatze schießen werde, das stand fest, und daß es den Weißen nicht gelang, davon waren diese nach dem heutigen Mißerfolg überzeugt.

Am andern Morgen erklärten Helene und Sannah, den Urwald besichtigen zu wollen.

Schulze und Hendrik geleiteten sie an eine zugänglichere Stelle, wo ein kleiner Wasserlauf aus dem Walde trat.

Hier herrschten unter dem Laubdach der höheren Bäume die Baumfarne vor, die schönsten Kinder der afrikanischen Pflanzenwelt, die eher Palmen als Farnkräutern glichen, und deren Stamm oft zehn Meter hoch war.

Zu Helenes Entsetzen ringelten sich am Boden ungeheure Regenwürmer, fast einen halben Meter lang und von mehr als Daumendicke,» Benhamia specialis« nannte sie der Professor; aber der lateinische Name machte sie den Mädchen nicht liebenswürdiger. Krabben und Schnecken, mit oder ohne Gehäuse, krochen im feuchten Unterholz umher. Lieblicher erschienen in ihrer Farbenpracht die Schmetterlinge, von denen unzählige Arten in buntem Geflatter das Auge erfreuten. Wundervolle, große Papilioniden und Nymphaliden mit zarten, metallisch glänzenden Farben oder sattem, samtenem Schwarz, auf dem kräftiges Grün oder leuchtendes Gold strahlte, saßen im feuchten Sande.

Lange verweilten unsre Freunde in dem herrlichen Walde.

»Wo ist Tipekitanga?« fragte plötzlich Helene. Die Zwergprinzessin hatte sie begleitet, war aber verschwunden, ohne daß es bemerkt worden war; erst jetzt erinnerten sich alle, daß sie die Kleine schon seit mehreren Stunden nicht mehr bei sich gesehen hatten.

»Sie wird ins Lager zurückgekehrt sein,« sagte Schulze lachend. »Was interessiert sie die Tier- und Pflanzenwelt des Urwaldes? Gewiß wurde ihr's zu langweilig.«

Aber im Lager wußte niemand etwas von der Verschwundenen und sie erschien auch nicht zum Mittagsmahl.

Als nach beendigter Mahlzeit Hendrik mit einigen Schwarzen auf die Suche nach Tipekitanga gehen wollte, erschien der Dorfälteste Tamate und brachte ein Dutzend Zwerge mit. Sie waren kleiner als die Batwa des Vulkangebiets und zeigten sich äußerst scheu. Ihre zierlichen, wohlgebauten Leiber trugen als einzige Bekleidung einen Schurz aus Rindenstoff.

Sie waren mit Speeren bewaffnet und jeder trug, an der Schulter hängend, einen Tabaksbeutel, wie es auch bei den Wanjaruanda üblich war.

Tamate erklärte, die Zwerge seien bereit, gegen angemessene Belohnung einige Meerkatzen für die Weißen zu erlegen.

Da vernahm man in der Ferne das Kreischen eines dieser Affen aus dem Walde. Immer näher kam es und nun erschien Tipekitanga am Waldrand. Mit Mühe schleppte sie einen zierlich aus Lianen geflochtenen Korb, in dem eine Meerkatze wie tobsüchtig umherfuhr.

Die Zwerge und der Dorfhäuptling rissen Mund und Augen auf und auch die Weißen waren ganz verblüfft.

»Wie kommst du zu diesem seltenen Fang?« rief Schulze dem Mädchen entgegen, ganz außer sich vor Freude.

Die Zwergprinzessin brachte ihre Beute herbei und sagte stolz: »Tipekitanga wollte zeigen, daß ihr keine fremden Jäger braucht, wenn sie bei euch ist. Sie hat sich einen Korb aus Lianen geflochten, weil sie glaubte, eine lebendige Meerkatze sei dem Bwana Bawessa wertvoller als zehn tote; dann machte sie sich eine Schlinge und kletterte zu den Affen hinauf, so leise, daß sie nichts merkten. Mit der Schlinge hat sie diesen gefangen und vom Baum herabgezogen; er hielt sich sehr fest, aber das Lasso erwürgte ihn, daß er die Kraft verlor. Dann löste Tipekitanga die Schlinge und sperrte ihn in den Korb; da wurde er bald wieder lebendig.«

»Sehr lebendig!« sagte Hendrik und betrachtete das rasende Tier. Kopf und Hände waren tiefschwarz, sonst war es graugrün gefärbt.

Der Professor erklärte, es sei die gleiche Art wie der Cercopithekus Stuhlmanii, der bisher nur im Gebiet des Ruwenzori gefunden wurde.

Alle drückten der Kleinen ihre hohe Bewunderung über ihre unglaubliche Gewandtheit aus, Tipekitanga aber erwiderte nur: »Im Walde liegen noch zwei tote Meerkatzen, von Tipekttangas Pfeilen getroffen. Sie konnte sie nicht mitbringen, die eine war schon schwer für sie.«

Tamate meinte, nun brauchte man wohl die Batwajäger nicht weiter zu bemühen, und dies wurde ihm bestätigt. Einige Glasperlen entschädigten die Zwerge für ihren unnützen Gang.

Während Tipekitanga ihren Hunger stillte, gelang es Hendrik mit Hilfe einiger Träger, die Meerkatze mit einem Strick um den Leib zu fesseln, worauf sie an einen Baum gebunden wurde. Dann zeigte die Prinzessin den Trägern den Weg zu den erlegten Affen, die bald herbeigebracht wurden.

Die gefesselte Meerkatze aber machte an ihrem Strick so tolle, rasende Sprünge, daß sie sich innere Verletzungen zuzog und noch am Abend einging.

Allein der Professor meinte, er habe die Studien am lebenden Tiere, auf die es ihm ankam, schon zur Genüge machen können und die Felle der drei toten Exemplare seien eine äußerst wertvolle Bereicherung seiner Sammlung.

Tausende kleiner Grillen ließen im Röhricht des Sees ihr Nachtkonzert ertönen, als unsre Freunde nach ihrer Abendandacht sich zum letztenmal auf Kwidschwi zur Ruhe niederlegten; es war, als hämmerten winzige Schmiede mit silbernen Hämmern auf klingende Ambosse.

Am andern Tage ging die Fahrt weiter nach Nya-Lukemba am Südende des Kiwusees, wo der Russissi in prächtigen Fällen aus dem See austritt, um seine Wasser dem Tanganjika zuzuführen.

Flitmore und Leusohn befanden sich mit der Hauptkarawane schon dort.

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