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Nach dem Sturm

Gorch Fock: Nach dem Sturm - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
authorGorch Fock
titleNach dem Sturm
publisherM. Glogau jr. Verlag
year1943
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080119
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Eine Weihnachtsfahrt.

Während eine Woge nach der andern schwer gegen den Schiffssteven stieß, als sei sie von Eisen, und die Sprühflagen heftig auf das Deck niederbatzten, als habe der gute, alte Heben ein Leck gekriegt; während das Wasser kochte und bruddelte und der gedrungene, grünbugige Fischerkutter bald trotzig und verwegen stampfte und bäumte wie ein junger Bulle, den die Jungen necken, bald auf und ab jagte wie ein armes Häslein, das sich von einer Rotte bellender, geifernder Jagdhunde verfolgt sieht, umstellt und umwütet, während Deck und Luken nichts als Schaum und Gischt waren, während die Schoten hart und ungestüm mit den Segeln kämpften und es von den Wanten, Fallen, Tauen und Giekbäumen troff und strömte, – lag Hein Gröhn wohlig gedehnt in der Knechtenkoje und ließ einen schönen Traum über sich ergehen.

Bei ihm war Sonntag und Kirchmeß dazu, – drüben auf der andern Seite der Elbe, zu Nienstedten. Um die grüngedachte Kirche herum standen die Zelte und Reitbuden, wie Hein deutlich sah. Er hatte sein bestes blaues Marinerzeug angezogen und segelte mit dem Boot bei gutem, raumem Wind hinüber. Vor ihm, auf der Mastenducht, saß Gesine Husteen, seines Schiffers dralle Deern ... Still war es und hell, und die Elbe ebbte ruhig mit ihren Dreuchewern seewärts. Gesine blickte ins Wasser und nickte ihrem Spiegelbild mitunter lachend zu. Sie war ganz in Weiß, recht wie eine Braut, und trug Kornblumen auf der Brust ... Gerade segelten sie über den Fall, und das Boot scheuerte ganz gemächlich durch die Binsen und das Reet, – da dachte Hein, einen kleinen Streek zu machen, und er zog Gesine an sich, um ihr einen Süßen aufzudrücken.

»Hein–n–n! Höh–h–h!« rief mit einemmal eine Stimme.

»Wokeen is dat bloß?« fragte Gesine und wollte ihm entschlüpfen, aber er ließ sie nicht los.

»Lot dat wesen, keen't will«, sagte er patzig und hob ihr das Kinn in die Höhe.

In diesem Augenblick aber hatte Klaus Fock, der Junge, das Gröhlen an Deck satt bekommen, er riß die Kapp auf, kam holterdipolter die Treppe herabgestampft, schob kurzerhand die Kojentüren zurück und faßte den Träumer derb an.

»Is so wiet, Hein! Du müßt de Wacht nehmen!« rief er, und der Nienstedter Kirchturm kam Hein Gröhn mit einemmal aus Sicht.

»Jo, jo!« knurrte er.

Das hörte sich keineswegs freundlich an, aber der Junge verlangte auch keine Freundlichkeit von ihm; der schrob die Lampe hoch und suchte im Brotschapp nach dem Roggenknust.

»M–m! Kinners! M–m!« ... damit schwang Hein sich schwerfällig aus der Koje, setzte sich auf die Wandbank, die den Wandbetten halbmondförmig vorgebaut war, und langte nach den Seestiefeln und nach Ölrock und Südwester. Weiteres anzuziehen, hatte er nicht nötig, denn die Seefischer schlafen während der Fahrt in voller Kleidung, damit sie jeden Augenblick klarstehen können, wenn es nötig sein sollte.

»Wo lot is't, Klaus?«

Der Junge, der sich freute, daß er nun schlafen konnte, begann im Nachtwächterton zu singen: »De Klock is twee, twee is de Klock.«

Das war schiefer Wind für den Knecht.

»Non, non, denn hebbt wi dat jo all. Weest, wat wie schriewt, Klaus? Den 24. Dezemmer! Wihnachten is't, Wihnachtenobend! Nu kunnen wi bi Hus wesen, und nu müßten wi bi Hus wesen – un woneem sünd wi?«

»Achter't Land«, war Klausens seefischerliche Antwort.

»Achter Hilgoland, sühst du woll! Un de Wind steiht noch eben so scheef um de Huk?«

»Is noch scheeber worden!«

»Ooskroom dat. Schiet! Denn könnt wi de Elw nich holen, denn geiht dat heuchstens no de Wesser. Wihnachten up Bremerhoben, in 'n Tingeltangel!«

»Ik wür ok leeber bi Hus, güng giern mol obends no Kark. Dat is so scheun, wenn all de Lichten brennt«, sagte Klaus verträumt und guckte sehnsüchtig in das eine kleine Lampenlicht hinein, das noch dazu recht trüb brannte.

»Un he dor boben, wat uns Kappen is, de steiht troß an 't Ruer und lett em klüsen, wat? Vogel hett he, wieder nix,« rief Hein ärgerlich, schlug mit der Faust auf den Tisch und begab sich hinaus.

Der Junge aber zog die Decke über die Ohren und högte sich über ihn.

* * *

Mit dem brummigsten Gesicht von der Welt turnte der Knecht an den Wanten entlang nach dem Besanmast. Auf seiner Unterlippe hätte ein Schock Hühner Platz gehabt, so weit war sie vorgeschoben.

Es war aber auch eine Gelegenheit danach! Ein Wetter, um Pferde zu stehlen, aber nicht um zu segeln und zu fischen!

Ein steifer Wind heulte in Flagen durch die Wanten, und es goß in Strömen wie aus Schlachtermulden. Der Kutter lag sehr schief vor dem gewaltigen Druck des Windes und holte weit über, spudderte und schüttelte sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt, dann nahm er wieder die Seen an und wühlte sich seinen düstern, wetterleuchtenden Weg wie ein Torpedoboot.

Am Ruder stand Harm Husteen, der lange, breitbeinig und ließ die Augen zwischen den Segeln und der See hin und her springen. Klöternaß war er wie ein Seehund, aber seine Laune hatte das noch nicht verwüsten können.

»Solang ik leew, solang lach ik!« war sein Spruch, den er auch im Sturm nicht vergaß.

»Meun, meun, lütt Hein«, lachte er seinem Bestmann entgegen. »Hier ward 'n warm bi, kann ik di seggen! Kiek mi mol in de Snut!«

Sein Gesicht glänzte im Schein der Kompaßlaterne auch wirklich sehr, aber Hein sagte trocken: »Jo, jüst as 'n Sirupskringel sühst du ut!« und ergriff eine Kette, um einen Halt zu haben, wenn etwa eine Sturzsee anbrüllen kommen sollte.

Für eine Weile halloten und hurraten wieder Wind und Wasser allein. Ängstlich knarrten die Gaffeln, und der Regen rauschte gegen die schwarzen Segel. Über den Setzbord aber prieselte und schwappte das Wasser.

Harm, im Steuergang, watete immer knietief im Wasser, denn die Löcher konnten es nicht schlucken.

»Hein! Lütt Hein, mok nich so'n dumm Gesicht. Wenn de See di wat dohn will, stoh ik di bi! Wees man nich bang!«

»Bang! Ik bün nich bang!« schnauzte der Knecht und setzte mit Nachdruck hinzu: »Ober hier up See rümswalken un Seils twei rieten, dat deiht ok jüst nich neudig! Anner Lüd sünd binnen.«

»Teuf't man af, lütt Hein! Bums, ward't stiller, wi fett de Kurr ut un fischt uns 'n scheune Reis«, lachte Harm.

»Och wat,« gnitzte der Knecht und nahm die Kette kürzer, denn die Seen wurden naseweiser.

Es war, als wenn ein großer Herr Jagd abhielte auf der nachtdunkeln Nordsee. Wie spürten und schnupperten, wie sprangen und kläfften seine Hunde, wie lärmten seine Treiber!

Hein packte wieder der Ärger.

»Dreih doch um, Mann! Wat schall so'n Fohrt? Hier is nix mehr to beschicken!«

Harm aber sagte gelassen:

»Bün ik Schipper, lütt Hein, oder du?«

Da drehte Hein sich wieder um und dachte sich seinen Teil.

Es kam dem Wind bei, noch mehr als bisher nach Norden zu laufen. Die See wurde gröber und ochsiger als zuvor. Auch kälter wurde es, der Heben wurde dunkler, bezog sich mehr und mehr mit schwarzem Gewölk, und mit einemmal fing es an zu schneien. In langen, nassen Flocken streute, schleuderte der Wind den Schnee herab. Deck und Luken hielten die Wogen blank, aber die Masten, das Boot und das Nachthaus bestellten sich weiße Litzen und bekamen sie.

»Nu ward't Wihnachten!« gröhlte der lange Schiffer.

»Wihnachten is jo all bald vörbi«, erwiderte der Knecht giftig und wischte sich die kribbelnden Flocken mit dem Fausthandschuh von der Nase.

»Non, denn fang man an to bölken,« riet der Schiffer.

Der Knecht brummte etwas Unverständliches von der Art des braven Hummels.

»Du sühst ut as 'n Sneekirl, lütt Hein. Junge, jo, dat ward fix sneen. Wenn't so bi bliwt, rüscht de Jungens morgen den Diek hendol mit jümmer Kreeken und Peeken.«

Da begehrte Hein wieder auf.

»Jo, un allerwärts brinnt de Dannenbäum. Bloß wi sitt in'n Düstern!«

Harm kriegte das Lachen wie einen Hustenanfall.

»Dreug de snapplangsten Tronen man af, lütt Hein. Ik back di ok 'n poor Poppen in uns ol Klütenpann, schallst mol sehn, wat de fein smecken ward. Un in'n Düstern sitt wi noch lang nich. Lichten genog. Kiek di um: een geel hier klangen den Kumpaß, rot und greun an de Wanten, in Lee dat witte Hilgolanner Für! Jowoll, jowoll: up See is't ok Wihnachten. Un du schallst Kojees speelen, du schallst de Wihnachtsmann wardn, lütt Hein. Mit so 'n Gesicht kannst du ok grote Lüd bang moken.«

Der Knecht trat einen Schritt stevenwärts und zog den Südwester tiefer ins Gesicht, aber er erwiderte nichts darauf.

»Du büs jo bannig dull no de Elw, lütt Hein! Hest woll dien seute Melkdiern versproken, Wihnachten bi ehr to slopen!« stichelte Harm – und da ging es dem Knecht wie Flutstrom durch den Kopf: nun sprichst du, nun sagst du, wie es steht, er mag es aufnehmen, wie er will, und sagen, was er Lust hat. Heraus muß es sowieso: da wird es das Geratenste sein, daß es jetzt geschieht – auf See! Düster ist es auch, so daß er dein Gesicht kaum erkennen kann. Sagt er ja, gibt es eine Bratenhochzeit bei Trina Pnitten (Mest un Gobel mitbringen!), sagt er nein, gehen wir zu Peter Fick und mustern komodig ab.

»Dat hebb ik ok!«

Der Schiffer schlug einen bedauernden Ton an: »Och, och, och! Jo, lütt Hein, denn büst du to bedurn, hier buten up See. Ober ik gläuf dat nich, nee, ik gläuf dat nich, du wullt mi wat upbinden. Wokeen schull di woll nehmen? Wokeen schull den lütten Hein Gröhn woll lieden mögen?«

So hatte der lange Harm schon öfter gefragt und gespottet, seit die beiden zwischen Fanö und Borkum die Schollen und Zungen belauerten und den Meeresgrund eggten: – diesmal aber guckte Hein scheinbar angelegentlich nach dem Helgoländer Feuer und sagte halblaut:

»Dien Gesine, wenn't weeten wullt!«

Harm sollte es hören: er hörte es auch.

Zunächst luvte er etwas mehr auf, damit der Kutter einen steifern Nacken bekam, denn er war auf den Stoß bedenklich tief gefallen.

»Mien Gesine, seggst du?«

»Jo, de is mien Brut all twee Johr!« rief Hein durch den Wind und machte ein Gesicht wie sein Vater, wenn er Kleeberbauer beim Skat ausspielte.

»Grot Husteen und Lütt Gröhn: dat is jo 'n scheune Taß Tee,« rief Harm. »Un dat seggt ji nich?«

Hein nahm es für Ernst.

»Wihnachten wulln wi't seggen,« gab er zur Antwort.

Harm guckte geschäftsernst auf den zitternden Kompaß. »De Wind löppt jümmer mihr nördlicher«, sagte er mehr zu sich selbst und setzte die Stroppen um, mit denen er dem Helmholz Gewalt antat. Darauf hielt er scharfen Oberkiek über Luv und Lee, als müsse irgendwo etwas geschehen sein. Das war eine Sache, die sich neben dem weißen Kachelofen in seiner Dönß am Deich weit besser hätte abmachen lassen, als hier in der Nacht achte Helgoland.

»Wat hest du denn nu för 'n Antwurt?« fragte der Knecht halb abgewendet.

»Du meenst woll, ik schall Jo und Amen seggen, wat?« fragte der Schiffer dagegen.

»Dat dachten wi, Harm,« sagte Hein fest.

»Kiek an: wi! He und se! Herr un Madam! Nee, Moot, so licht i–st se nich bi Gierd Eitzen. Wat hest du, wat kannst du?«

»Fischen kann ik!«

»Stimmt, seggt Eddelbeutel! Fischen! Un wo lang büst du bi mi? Dree Johr!«

Da erwachte aber der Trotz des Knechtes und er ward der Bemerkungen satt.

»Segg jo oder nee, Harm. Anners kannst di anner Reis 'n annern Knecht seuken!«

»Höh, höh: so kreiht de Hohn?«

»So kreiht he!«

So auf den Stutz wollte das Hahnenkrähen dem langen Schiffer aber noch nicht in den südwesterbedachten Kopf, er blickte erst noch einigemal scharf nach der Grotgaffel hinauf und stellte sich einen halben Schritt weiter nach Steuerbord hin. Er schob das Büffelhorn, das sonst den Daak verschrie und nun im Nachthaus stand, etwas weiter in die Ecke, damit es nicht herausfallen konnte. Schließlich wrang er umständlich seine Fausthandschuhe aus.

Dann aber war er soweit fertig, daß er sagen konnte: »Denn fot man mol dat Ruer an!«

Sie lösten einander ab.

»Fischen können und Dierns lieden mögen, is nich genog, lütt Hein! Bang döt de Minsch nich wardn un wogen mütt he wat!«

»Dat vertill dien Grotmoder, mi brukst du dat nich to seggen,« brauste Hein auf, aber Harm beschwichtigte ihn, indem er sagte:

»Hein, hür to: 'n ornlichen Kirl, ober 'n Kirl un 'n ornlichen, de kriegt mien Diern, un wenn he wieder nix hett as Hemd un Büx. Mol sehn, wat du kannst! Bit morgen föhrst du dat Fohrtüch alleen, un wenn wi denn den Kupp noch boben hebbt und hebbt noch all de Seils, denn snackt wi wieder ober Brut un Brögam. Gunnacht, lütt Hein.«

Damit ging der Schiffer schlauen Gesichts nach vorn und kletterte unter Deck.

* * *

Hein blieb allein am Ruder und guckte verwundert nach der Kapp. Was hatte das zu bedeuten? Hinter dieser Rede und hinter dieser Nachtwache steckte etwas Besonderes, oder er kannte den langen, streichelustigen Harm Husteen erst seit gestern. Nachdenklich guckte er über See und Schiff, und mit einemmal lachte er herzhaft auf, denn nun wußte er Bescheid.

Fester umklammerten seine Hände das Helmholz des Ruders, dann paßte er einen flauen Augenblick ab und löste in frohem Trotz die Stroppen ...

Wie Meister Reineke in seinem Bau, so saß der Schiffer drunten in der Kajüte auf der Bank, trank schmunzelnd aus seiner blaugeränderten Kaffeemuck und lauerte.

Er meinte, die Sache gut eingefädelt zu haben. Hein war ihm gar nicht unpaß als Tochtermann, er war ein sturer Fischer und auf See und an Land gleich gut zu gebrauchen – aber gleich merken lassen? Hein konnte den halben Kutter bekommen und um das Halbe mit ihm fahren – aber gleich sagen? Nein: erst wollte er sehen, ob Hein plietsch genug war, Gedanken zu lesen.

Im Bett aber lauerte es sich besser, wie ihm einfiel, und er zog die Stiefel aus, legte das Ölzeug ab und packte sich in die Koje.

Siehst du woll, hätte er beinahe laut ausgerufen, als die Schoten wie wahnsinnig mit den schweren Blöcken zur Kehr gingen und er an diesem Zeichen merkte, daß Hein aufluvte. Sie rissen und schlugen noch erregter, – die Segel erhoben großen Lärm, die Gaffeln knarrten heftig, das Schiff tauchte ungestüm und wild auf und ab. Harm wußte, daß der Kutter in den Wind gelaufen war, und richtete sich jählings auf. Wenn es nicht klarging, wenn es der tollkühne Knecht in Fock und Besan versah? Sprungbereit wollte er jedenfalls sein!

Harm flog beinahe aus der Koje, als die Giekbäume nun überwuchteten und der Kutter den andern Bug nahm.

»Gotts verdori, he hett 'n rüm«, rief Harm anerkennend, dann aber sprang er doch aus der Koje, denn der Kutter fiel schief, als liege er platt auf der See, und als könne er nicht wieder in die Höhe kommen. Es ging verkehrt, es ging verkehrt! Er mußte helfen, mußte an Deck! Rasch suchte er die Stiefel her, aber kaum daß er sie anhatte, da richtete das Schiff sich langsam und hoch auf. Das Wasser gurgelte und kochte heftiger vor dem Steven, aber das Dümpeln wurde minder. Stetig wogte der Kutter hin und her, als schöben die Seen ihn wiegend vorwärts.

Harm zog die Stiefel wieder aus und stieg abermals in die Koje.

Was war geschehen?

Der Knecht hatte gewendet, hatte den Kutter in der schweren See herumgekriegt, ein gefährliches Wagnis! Ohne einen Mann bei der Hand zu haben! Statt nach der Doggerbank, wies das Bugspriet nun nach Südosten. Mit räumen Schoten klüste das Fahrzeug auf die Elbmündung zu, der Weihnacht entgegen.

Meuterei war's! Harm Husteen strich mit der Hand über die Bartstoppeln und überlegte, was er tun sollte. Diese Kühnheit hatte er Hein nicht recht zugetraut, aber gedacht hatte er doch daran, als er ihm das Ruder übergeben hatte! So ein Gedankenleser! So ein Kerl! Er wollte an Deck und losballern, Hein abkanzeln! Oder sollte er hinaufgehen und ihm sagen: Dat hest god mokt? Das ging auch nicht ... Aber getan werden mußte etwas, das fühlte er, und weil der Kalender schon abgerissen war, weil er die Uhr schon aufgewunden hatte, und weil er sonst kein Stück Arbeit in den Ecken liegen sah, so weckte er in seinem Eifer den armen Jungen, der an der ganzen Sache doch gewiß am unschuldigsten war.

»Wat is dor los?« fragte der schläfrig.

Ja, – das war nun eine Frage besonderer Art. Was war da los? Harm besann sich.

»Du kannst vunabend Wihnachtsmann speelen, Klaus«, sagte er dann eifrig.

»Dat harr ik morgen ok noch freuh genog to weeten kregen,« knurrte Klaus und setzte hinzu: »Hier an Burd oder to Bremerhoben?«

»Nee, Klaus, an'n Elwdiek. Wi hebbt em rümkreegen. Morgen sünd wi bihus.«

»Non, denn speel ik Kojees,« sagte Klaus befriedigt und legte sich das Kopfkissen zurecht.

Hein Gröhn aber sang in dieser stürmischen Nacht laut alle Lieder, die er wußte. Er sang nur, wenn es laut in der Luft und auf dem Wasser war, und wenn er allein an Deck stand, sonst nicht. So tun viele unserer Fischerleute, und es ist seltsam, sie beim Fischen oder beim Segeln in der Einsamkeit der See laut singen zu hören ...

Als der Morgen graute, kamen die Feuerschiffe in Sicht, Neuwerk, Scharhörn, Kugelbake, die Alte Liebe, Buschsand, alles wurde schnell passiert. Der Kutter flog wie eine Seemöwe vor dem Winde. Harm aber war noch nicht an Deck gekommen.

Unter schweren Flagen wühlte der Kutter weiter. Die Oste, Altenbruch, Balje, Brunsbüttel kamen zum Vorschein. – Harm blieb unsichtbar. Der Zollkreuzer kam längseite, und die Beamten ließen sich von Hein, den sie für den Schiffer hielten, den Proviantzettel ausfüllen. Klaus machte Schollen zu und schälte Kartoffeln.

Harm stieg nicht aus der Koje, und Hein ging nicht vom Ruder, auch fragte keins nach dem andern, obgleich doch der Junge bald oben war, bald unten, bald mit dem einen sprach und bald mit dem andern und sich sehr wunderte. Über den Knecht, der so lange das Ruder behielt, und über den Schiffer, der gegen seine Gewohnheit nicht aus dem Bett finden konnte.

Aber es war ein stillschweigendes Übereinkommen zwischen Schiffer und Knecht. Sie trieben Komödie selbander und spielten Verstecken wie die Kinder in Heu und Stroh. Jeder freute sich insgeheim auf das Gesicht, das der andere machen würde, wenn die Geschichte an den Tag kam.

Zu Juels war es Mittag, und die von Klaus krosch gebratenen Schollen riefen. Aber auch sie konnten die beiden noch nicht zusammenbringen: Harm aß im Bett und Hein auf der Achterplicht.

Schon von der Lühe an flaute der Wind gehörig ab, und beim Swiensand verlor er seine ganze Kraft. Zugleich wurde es kälter und begann stark zu schneien.

Der Kutter verlangsamte seine Fahrt unter den Bergen immer mehr, so daß er Finkenwärder doch erst in der Dämmerung erreichen konnte. Blankenese hatte schon ein weißes Weihnachtsgewand übergeworfen, und die Elbe wogte dunkel und feierlich.

Die Glocken begannen zu läuten und zur Abendkirche zu rufen. Allerwärts glommen Lichter auf wie im Märchenland.

Der Deich war weiß wie eine Tischdecke, und alle Häuser grüßten mit freundlichem Schein über das Wasser.

So standen die Dinge, als Harm Husteen langsam an Deck kam. Er hatte die Glocken läuten hören. War das aber der große Lärmmacher von sonst? Es war wohl kaum möglich.

»Dat süht jo ornlich no Wihnachten ut,« sagte er ruhig und gelassen und wies nach dem Deich.

»Deiht't ok,« erwiderte Hein ebenso ruhig und sah ihn offen an.

»Non, Klaus, denn lot den Draggen man fallen«, rief Harm heiter, und sie machten sich schnell an das Dalnehmen der Segel. Zuletzt setzten sie das Boot vom Deck, packten Fische und Zeug hinein, kletterten nach und stießen vom Kutter ab.

Nach Seefischerbrauch hätte der Junge wriggen müssen, aber Hein nahm ihm den Riemen aus der Hand und tat sein Bestes.

»Du schipperst em to sinnig,« lachte Harm in bester Laune.

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