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Na prost!

Paul Scheerbart: Na prost! - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleNa prost!
authorPaul Scheerbart
year1987
publisherVerlag Affholderbach & Strohmann
addressSiegen
isbn3-922524-38-9
titleNa prost!
pages3-18
created20010906
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1898
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Geistertanz.

Bewegungsstudie.

Von Norden kommen sie – durch die Luft. Schrill pfeift der Wind.

Die dünnen Gewänder flattern.

Übers Meer kommen sie – am Strande schweben sie hinab.

Am Strande wird getanzt. –

Sie rennen durch den Sand wie die Tollen – die Dünen hinauf und hinunter. Die Muscheln zerbrechen unter ihren Füßen. Wild springen sie hoch in die Luft, klatschen in die Hände, schleudern die dünnen Gewänder rechts und links, als wären's Peitschen...

Dann umarmen sie sich – dann drücken sie sich, als wollten sie sich zerpressen – – – sie lassen sich danach wieder los und drehen sich um sich selbst – – – blitzschnell wie Kreisel – die Gewänder flattern.

Dann bilden sie einen Kreis.

Zwei Dutzend Geister sind's.

Sie stehen ganz still im Kreise.

Langsam reichen sie sich die Hände, drücken sie ganz fest ineinander und lassen dann ihren Körper zurückfallen.

Sie kreischen dabei auf und werfen den Kopf ins Genick.

Wie ein Trichter sieht der Geisterkreis aus.

Jetzt braust der Wind – die Wogen donnern – das Meer schäumt über die Ufer – die Wogen bespritzen den Geisterring... Der springt empor und tanzt nun – die Beine fliegen, die Haare fliegen – – in die Wellen springen die Geister hinein. Wie ein Wirbelwind dreht sich – pfeifend – der Ring der Geister. Das Wasser sprüht nach allen Seiten.

Die Geister tanzen – tanzen – und wie ein Wirbelwind steigen sie empor in die Luft...

Und pfeilschnell drehen sich die Geister wieder nach Norden – hoch überm Meere schweben sie.

Die Winde brausen – die Gewänder flattern.

«Daß die Gewänder flattern, wenn der Wind weht», donnert nun Brüllmeyer los, «daran zweifelt zweifelsohne kein Kuhhirt. Was mit diesem Geistertanz aber gesagt werden sollte, das weiß jeder betrunkne Lämmergeier ebensowenig wie ich. Ich versteh's nicht!»

Passko aber spricht schmunzelnd:

«Schreihals, alter! Hier ist auch Garnichts zu verstehen, ereifre dich nicht! Das Ganze ist eine Bewegungsstudie und will Nichts weiter sein. Müssen denn die armen Dichter ebenfalls immerfort was sagen? Die Gelehrten sagen doch schon genug!»

Man trinkt ein bißchen heißen Magentee, wobei Brüllmeyer nicht umhin kann, seinem Ärger mit den folgenden Worten Luft zu machen:

«Lieber Passko, wenn ich nicht klüger wäre wie du – so würde ich ebenfalls diesem Untertitel ‹Bewegungsstudie› trauen. Ich bin aber klüger! Die allerfeinsten Satiren sehen äußerlich ganz harmlos aus. Der Trichter, den die Geister bilden, scheint mir sehr wichtig zu sein. Wollte der Dichter mit dem Trichter eine Anspielung auf den bekannten Nürnberger Trichter ausspielen?»

Alle müssen lachen, Kusander aber erklärt den bewegten Geistertanz auf diese Art:

«Kinder!» sagt er, «ihr seid doch immer noch nicht scharfsinnig genug. Die flatternden Gewänder können doch nur – flatternde Fahnen sein. Eine Flottenschar fuhr mit flatternden Fahnen vom hohen Norden in den tiefen Süden. Die ganze Geschichte ist die lustigste Verhöhnung eines Paradegeschwaders, das im Süden die Töchter des feindlichen Landes zu einem lustigen Ball einladet, furchtbar wild mit ihnen tanzt und danach mit gehobener Brust kühn wieder nach Hause gondelt. Die Geister sind durchschaut.»

«Schon möglich!» versetzt Brüllmeyer, obgleich es ihm schwer fällt, den Nürnberger Trichter fallenzulassen.

«Was bedeuten aber», fragt nun der kluge Passko,» die vielen Gedankenstriche? Die machen mich allerdings stutzig!»

«Die bedeuten sicherlich was Ausgelassenes!» erwidert der Brüllmeyer.

Und Kusander fügt feierlich hinzu: «Na natürlich! Die Gedankenstriche sind die Kindheitsschmarren der Furchtsamkeit!»

«Na prost!» klingt's ihm da entgegen.

Und bald klingt das «Na prost!» wieder so oft und hell durcheinander wie das Gekrächz großer Krähenvölker im Abendrot.

*           *
*

Der verehrte Leser, dem diese Zeilen zufällig irgendwo im Raum zuflattern, darf sich nicht wundern, daß die Geister der achtkantigen Flasche ohne Unterlaß die vollkommen vergessene deutsche Sprache vollkommen beherrschen und nur deutsch reden. Das ist nur eine Folge der großen Begeisterung für alles Deutsche, die man verstehen wird, wenn man nicht vergißt, daß alle Drei echte Germanisten sind und zu einer Zeit geboren wurden, in welcher der Sinn für die Vergangenheit ungemein kräftig entwickelt war. Es ist ja zudem nur natürlich, daß man sich für das deutsche Volk begeisterte, das ja schon so viele tausend Jahre der Vergangenheit angehörte. Ein ehrwürdiges Alter wird im ganzen Raume zu allen Zeiten selbst den lächerlichsten Ländern, Völkern und Geschichten den Glanz der Heiligkeit und Vollkommenheit verleihen.

Doch dies nur nebenbei!

*           *
*

Der kluge Passko bedauert eines Tages, daß er so wenig von den alten Griechen, Assyrern und Kretern weiß – was den Brüllmeyer veranlaßt, eine Kratergeschichte seinem Schatze zu entnehmen:

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