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Mutters Hände und andere Erzählungen

Bjørnstjerne Bjørnson: Mutters Hände und andere Erzählungen - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorBjörnstjerne Björnson
titleMutters Hände und andere Erzählungen
publisherAlbert Langen Verlag für Litteratur und Kunst
printrunviertes und fünftes Tausend
year1908
translatorMaria von Borch
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Mutters Hände

Zwei Bilder

1

Scharfes Säbelklirren hallte von dem hohen Glasdache über dem Perron wider, Stahlklang rieselte in das Schnauben des Dampfes hinein; lautes Lachen und Gespräch in einer dichten, dumpfen Tonmasse von Karren, Hufschlägen und Güterverladung.

Jedesmal, wenn neue Scharen von Kavallerie-Offizieren die Glasthüren ausfüllten, klang das Säbelklirren scharf hindurch; auch viele Artillerieoffiziere kamen, eine Anzahl Infanteristen bildeten den Einschlag; alle nahmen sie die Richtung nach derselben Coupéthür im Zuge, wo eine hochgewachsene Dame in Schwarz und mit großen, halb wehmütigen, halb gebietenden Augen stand und grüßte. Eine langsame Neigung des Kopfes, und niemals mehr. Die Offiziere kamen direkt von einem Manöver oder Marsch, das sah man. Der König war in der Stadt, ein paar seiner Vorboten zeigten es an, d. h. schwedische Uniformen. War er selbst hier? Wurde er erwartet? Nein, dann wären nicht die Offiziere allein hier gewesen. Aber war es die Dame in der Coupéthür, die sie suchten, um ihr lebewohl zu sagen? Also die Frau eines Kavalleriegenerals? Nein, die da war wohl kaum in einem kleinen Waffenmuseum, im Umgang mit Pferden und Pferdemenschen geworden, was sie war. Sie wurde auch nur ehrerbietig gegrüßt. Man sammelte sich um jemanden, der unten stand, und der kaum zu sehen war. Da flatterte gerade ein weißer Damenschleier vor einer behandschuhten Damenhand empor; war es dennoch eine Dame, der die Parade galt?

Noch ist der längst prophezeite Krieg mit Rußland nicht ausgebrochen; vielleicht kommt er erst später, so daß sie noch Zeit haben. Viele von diesen Offizieren trugen Orden auf Vorschuß. Des Obersten tapfere Brust trägt wenigstens acht; er hat viel nachzuholen. Dem Ansehen nach zu urteilen – so die beiden stattlichen Schweden mit süßlichen Hofaugen – sind einige von ihnen auch ziemlich bleich; haben sie vielleicht auch Wunden auf Vorschuß?

Sie strömen vor der Wagenthür zusammen. Also er gilt wirklich einer Dame, dieser friedliche Krieg mit Drängen und Drücken, dieses ungeduldige Hin und Her, dieses beständige Wechseln von Nacken- und Schulterriemen, Ohren- und Backenbärten, dies einstimmige Lachen auf Kommando?

Ist es vielleicht eine Prinzessin? O Gott, dann würden sie sich in ehrerbietigem Abstand halten; aber hier drängen sie vor, drängen sie vor, – – bis die Glasthüren sich abermals mit Uniformen und Säbelklirren füllen (diesmal ausschließlich mit Kavallerie), und ein kleiner Mann, sehr alt, aber lauter Freundlichkeit, nur Freundlichkeit, und wieder Freundlichkeit, kommt, begleitet von einem Stab älterer und jüngerer Offiziere. Disciplin und Hofunterthänigkeit – in einer kleinen Friedensarmee rücken niemals andere als Hofleute zu höheren Stellungen auf – hatten sein Gesicht so korrekt gemacht wie eine alte Zahlenscheibe. Nur daß ein Bart darauf saß, den zwei heimliche Schnüre von hinten aufwärts zum Lächeln und wieder hinab zum Ernst zogen.

Einer rief: »Platz für den General!« – und im Nu entstand eine große, breite Öffnung durch zwei grüßende Halbkugeln, die auseinander gerissen wurden.

Da sah man ins Centrum hinein; es wurde von Damen gebildet, aber voran unter ihnen stand eine hochgewachsene, junge in hellem Reiseanzug und weißem Strohhut; ein langer, weißer Schleier lag lose darauf. Sie hatte die Hände voll Blumen, bekam deren mehr und immer mehr, die der Mutter von den Damen in die Coupéthür gereicht wurden, und welche sie dann beiseite legte. Jetzt sahen es alle: dies waren Mutter und Tochter. Gleich groß, die Tochter vielleicht noch höher, dieselben Augen, groß und grau, aber der Ausdruck weit verschieden, obgleich die Augen beider von einem inneren, weiten Reiche Botschaft brachten. Die der Mutter vom Verständnis für die Widersprüche und Leiden des Lebens; die der Tochter von etwas Flammendem, ein unruhiges Verlangen, ein Sturm von Kräften, die noch kein Ziel gefunden hatten; sie funkelten vor Triumph, aber wechselweise zogen Blitze von Ungeduld darüber hin.

Hoch, schlank, geschmeidig; die Bewegungen glitzerten in der Flamme dieser Augen. Die anderen sahen sie nicht mit den eigenen, sie mußten sie im Glanz ihrer Augen sehen. Das energische Gesicht verhalf den Augen zu dieser Macht über die Menschen. Das der Mutter war oval mit reinen Linien, breite Zeichnung; das der Tochter war länger und schroffer, besonders die Stirn von dem gewaltigen hellen Haar umgeben. Bei ihr gingen die Brauen gerade, ihre Nase war krumm, das Kinn stark, die Lippen sicher geschnitten. Eine Walkürenschönheit, aber ohne das Herausfordernde. Die magnetische Anziehungskraft war Schwärmerei, Hast. Der Eindruck sammelte sich dahin, daß sie von unsichtbaren Kräften getragen wurde; alle, die in den Bereich dieses Eindrucks kamen, wurden mit emporgehoben. Sie sprach nach beiden Seiten und geradeaus, sie grüßte, nahm Blumen entgegen und lachte; wer all diese Bewegungen und Übergänge verfolgte, dem wurde so wirr, wie wenn er einen Wasserstrudel im Sonnenschein verfolgte.

Allerdings war hier Koketterie vorhanden, aber nicht ein Tropfen von jener klebrigen, die sich einen einzelnen aussucht, und jedesmal einen anderen. Nicht das leiseste Trällern eines Locktons. Wohl Bewegungen, die von dem Verlangen, zu gefallen, bestimmt waren, aber auch von keinem andern Verlangen. Das Flammende in den Augen war gerade eine Rüstung gegen Blicke und Wünsche, die dergleichen erzeugen; sie glitten ab. Keine Spur von Schwäche der Verweichlichung in diesem ununterbrochenen Ausströmen von Gesundheit, Begabung und Freude.

Das war der Grund, weshalb es zog, – zur Ehre derer, die sich einfanden, sei es gesagt. Keiner blieb draußen, keiner war der Besondere. Jeder empfing nach seiner Art.

Diese einzig dastehende Bewunderung und Anbetung war im vorigen Herbst entstanden, als der Kavallerieoberst (mit der Schwester ihrer Mutter verheiratet) sie mit aus Paris brachte. Der ewige Bewerber um Männer- und Frauengunst, der absolut niemanden vernachlässigte, mit Ausnahme seiner eigenen Frau, hatte seit dem letzten Herbst keine größere und wichtigere Aufgabe, als seine schöne Nichte vorzuführen. Es geschah zu Pferde an ihrer Seite, auf Bällen an ihrer Seite, im Theater, in Konzerten an ihrer Seite; dorthin gelangte kein anderer. Er arrangierte Kavalkaden ihr zu Ehren, und die ganze Kavallerie war weg; er gab Bälle ihr zu Ehren, und ein gut Teil anderer war weg. Er nahm sie mit auf das große Fest der Offiziere, und das ganze Aufgebot war weg. Als alter Hofmann kannte er die Kniffe; sie wurde niemals ohne Glück präsentiert oder nur vergebens, – wie auch hier wieder; jeder einzelne hatte einen Wink bekommen!

Trotzdem kamen sie im höchsten Grade freiwillig; aber ohne Wink hätten sie es einfach nicht gewußt, oder der Dienst wäre nicht so eingerichtet gewesen, daß sie hätten kommen können, oder viele von ihnen hätten es sogar für aufdringlich gehalten. Jetzt waren sie auf Kommando da; bei einem Offizier erhöht das Gefühl, kommandiert zu sein, das Wohlbehagen in hohem Grade. Seht den Rücken des kleinen, alten Generals, indem er ihr die Hand küßt, von Sr. Majestät grüßt und sein Bouquet überreicht, das er am Morgen selbst für sie gepflückt hat; seht diesen Rücken, sage ich; man könnte ihn klopfen und streicheln. Als er sich wieder emporrichtet, ist er in ihren Strahlen glücklich wie ein steifbeiniger Hund, der unter der Serviette Fleisch wittert.

Ich habe oben von Kommando gesprochen, daß alle das für den Offizier wohlthuende Gefühl hatten, ihr auf Kommando zu huldigen. Der Umstand, daß selbst Majestät ihr Beifall gezollt, war die höhere Weihe. Im Winter hatte er sie gewürdigt, ihr auf dem Eise die Schlittschuhe anzuschnallen. Allerdings ward nicht ihr allein diese große Auszeichnung oder die Mitgliedschaft seines königlichen Schlittschuhklubs zu teil. Außer ihr war noch eine ganze Schar junger Mädchen dabei. Aber jeder einzelne anwesende Offizier der Kavallerie und Artillerie – und es waren ihrer viele zugegen, als er kniete und ihr die Schlittschuhe anschnallte – hielt es für eine Auszeichnung, die ihrer Dame zu teil wurde.

Unter dem Beistand der Infanterie rannten sie hinter ihr her über das blanke Eis, ohne Hindernis und ohne Aushalten, – die Schweden mit! Es gehörte nicht viel Phantasie dazu, um sie an der Tete von Ausrückenden zu erblicken; um die Pferde, die Kanonen, die Pulverwagen unter Hufschlag und Hengstgewieher auf der spiegelglatten Fläche hinter ihr her schlingern zu sehen.

Wäre es nur diese eine Seite von ihr gewesen, – all ihre Schönheit, wie außerordentlich sie war, hätte doch nicht auszurichten vermocht, Was wir jetzt sehen!

Nein, es war mehr dabei. Sie ließ sich nicht fangen, fassen, aufhalten; sie war, als hätte man brennendes Feuer in den Händen; »sie war weder für Männer noch für Frauen«, sagten einige, und das spornte sie an. In der Nähe entglitt sie; aus der Ferne war sie ein Meteor. Besitzt die Erinnerung Glanz, so wird er verstärkt durch anderer Widerschein.

Dieser Eindruck wurde durch einzelne Worte verstärkt. Sie hatte nämlich solche, die »gingen«. Als der König ihr die Schlittschuhe anschnallte, sagte er galant: »Fräulein, Sie haben den charmantesten, kleinen Fuß.« – »Ja, von heute an«, entgegnete sie.

Ein jovialer Artillerieoberst hatte ein Vermögen für Kameraden, Weiber und sich selbst verschwendet. »Ich lege Ihnen mein Herz zu Füßen«, sagte er. – »O Gott, was bleibt Ihnen dann noch zu vergeben?« lachte sie und reichte ihm die Hand zur Polonaise.

Sie inklinierte für einen jungen Leutnant, der purpurrot wurde. »Sie gehören zu denen, für die man sterben könnte«, flüsterte er. Freundlich nahm sie seinen Arm: »Ja, für mich zu leben, würde uns gewiß langweilig werden.«

Zum festangestellten Poeten der Kavallerie, einem kecken Rittmeister, ging sie, um mit ihm Vielliebchen zu essen. »Mögen Sie?« fragte sie. »Eins möchten wir Ihnen gegenüber alle«, entgegnete er, »aber wir kommen nie dazu, es Ihnen zu sagen. Was mag der Grund dafür sein?« – »Mir was zu sagen?« fragte sie. – »Ich liebe Sie!« – Ah –! man weiß ja, daß ich lachen würde«, lachte sie und bot ihm die halbe Mandel, die er verzehrte, und dabei waren sie die besten Freunde.

Aber eine andere Reihe von Äußerungen flößte noch stärkeren Respekt ein. Vor dem Kamin wurde von einer gewissen Pforte erzählt, die »die Pforte der Wahrheit« genannt wurde; alle, die hindurchgingen, mußten sagen, was sie dachten. Da rief sie aus: »O Gott, dann erfahre ich, was ich selbst denke!« Einer von den Anwesenden sagte, genau diese Worte habe der dänische Bischof Monrad Bischof Monrad, dänischer Bischof und Minister. gebraucht, als er von der Pforte gehört. »Und ihn nannte man eine Sphinx«, fügte der Mann hinzu.

Sie saß noch eine Weile, wurde bleicher und bleicher und erhob sich. Kurz darauf fand man sie in einem Nebenzimmer, weinend.

Bei einer Mittagsgesellschaft sagte ein gelehrter Mann: »Derjenige, der zu etwas Großem bestimmt ist, weiß es von Jugend auf.« – »Ja, daß er zu etwas bestimmt ist, aber nicht zu was!« erwiderte sie schnell. Aber hierüber schämte sie sich. Sie wollte es wieder gut machen und sagte: »Einige wissen es, andere nicht.« Schämte sich dann noch mehr, und die Verlegenheit verlieh ihr einen unwiderstehlichen Reiz. Menschen lieben es, starkes Sehnen zu spüren, das sich nicht verraten will.

In einem vertraulichen Kreise wurde eines Abends von einer jungen Witwe gesprochen. »Sie erneuert sich in einer neuen Liebe«, sagte jemand. »Nein, eher in einer That, einer aufopfernden That«, sagte ein anderer, der behauptete, er kenne sie besser. »Mir ist es gleich, was davon wird, wenn sie sich nur irgend einer Sache hingiebt«, sagte der Erste. »In der Hingabe liegt die Rettung, – nennt es Erneuerung, oder was Ihr wollt.«

Dies hatte sie mit angehört. Anfangs war sie gleichgültig, wurde jedoch angeregt, und zuletzt gespannt. Dann rief sie aus: »Nein, gerade sich nicht hinzugeben gilt es!« Keiner antwortete. Man empfand es so seltsam. War etwas geschehen, oder war es eine Vorahnung?

Oder dachte sie an etwas Besonderes, um das niemand hier wußte? Oder an etwas Großes, um deswillen es wert war zu warten.

Das, was man sich nicht erklärt, nimmt die Gemüter gefangen. Die besser Gesitteten, die feineren Naturen unter den Rittern empfanden Respekt. Von ihnen aus verpflanzte es sich weiter. Zwischen undisciplinierten Willen verpflanzt sich nichts schneller, als Respekt – oft der verständnisloseste. –

Sicherlich gab es Leute, die in ihr, hol' mich der Teufel, das feinste Vollbluttier in Norwegen sahen. Es gab auch andere, die, weiß es Gott, ihrer Seelen Seligkeit gegeben hätten für – ich darf nicht sagen, für was. Aber es gab auch solche, die an die Dame der Ritterzeit dachten und im Geiste die Schleife sahen, die sie zur Weihe auf der Brust ihres Ritters befestigte. Ein Blick, ein Wort von ihr, ein Tanz mit ihr war die Schleife. Sie fühlten sich wie angestrahlt, es war dann etwas Höheres und Schöneres in ihnen.

Wie viele versuchten es nicht, sie nach dem Gedächtnis zu malen; sie wollte sich nämlich nicht photographieren lassen. Es wurde ein allgemeiner Sport, ihr Profil zu zeichnen; einige erreichten die größte Fertigkeit darin. Mit dem Peitschenstiel im Schnee, mit einem Streichholz in Cigarrenasche, mit Schlittschuhen auf dem Eise.

Im ganzen genommen war es zu Ehren der Kavallerie, daß sie so allgemein und so einzig dastehend gefeiert wurde. Ihr Onkel glaubte natürlich, er sei schuld daran, aber die Wahrheit war die; seine Reklame würde für jede andere alles ruiniert haben. Sie hielt die Reklame aus. Nun war er hinaus geraten, er wußte selbst nicht wie. Er, der heute diese ganze Versammlung angeordnet hatte, er stand hier und zitterte vor Begierde danach, auf der Höhe der Situation zu sein, aber er konnte nicht. Die Sache ging vor sich, wie über ihm, in der zweiten Etage.

Seine Frau ergötzte sich dran! Anfangs war sie ja erschrocken gewesen, als dieses Wunder von einer Nichte ins Haus gebracht wurde. Seine prahlende, verliebte Ausstellungsparade mit ihr nahm indessen gleich Formen an, die seine Ahnung übertrafen. Der Zug wurde immer größer und dichter; nach der Anwesenheit des Königs hatte die Teilnahme eine Weile den Charakter von Besessenheit. Die Eile wuchs mit der Schnelligkeit, der Oberst trabte mit wie ein zu Schanden gerittenes Pferd. Er kitzelte sich selbst mit übertriebener Munterkeit, mit ungewöhnlichem Eifer auf; aber er blieb zurück, wurde überflüssig, ja, er war geradezu im Wege. Die Oberstin lachte ihn unverhohlen aus. Er, der im Auslande seinen Ehering in die Tasche gesteckt hatte und zu jeder Zeit bereit war, es wieder zu thun, wurde jetzt selbst wie ein leeres Cigarrenetui in die Tasche gesteckt.

Zweites Läuten, Bewegung in der Schar, Säbelklirren und Sporenklingen, Aufheben der Hände, lautes Grüßen. Die Gefeierte grüßte zum tausendstenmal, es fielen lustige Worte, Lächeln und Verbeugungen wurden mit munterer Anmut mit schnellem Takt verteilt: sie war vollkommen auf der Höhe! Das großkarierte Reisekleid, das helle Haar mit dem Schleier darüber, der wieder herabfiel und wieder hinaufgeschlagen wurde, ein stolzer Nacken, eine vollkommene Figur, – das alles im Sonnenschein der Huldigung ... stieg sie nicht in einen Goldwagen mit weißen Tauben davor? Vorläufig nicht höher, als bis zu dem Platz der Mutter in der geöffneten Coupéthür. Von hier aus lächelte sie hinab auf den Obersten an der einen Seite, den General an der anderen, auf die sie umgebenden Damen. Hinter diesen wiederum traf sie auf all die erhobenen Schnurrbärte, all die hellen, all die braunen, all die gefärbten, all die schwarzen; mit ihren Augen begrüßte sie die dünnen Schnurrbärte, die dicken, die langgeschwungenen und dummen, die schwermütigen und hängenden, die geckenhaft aufgedrehten. Zwischen dieser brünstigen Zottigkeit nahmen ein paar Bartlose sich aus wie »schwedische Tenöre«.

»Hoffentlich werden Sie eine angenehme Reise haben, gnädiges Fräulein«, sagte der alte General. Der ehrliche Pferdedrücker war zu bescheiden, um etwas Hervorragendes sagen zu wollen. »Ich danke dir schön für den Winter, mein Mädel!« Das war der Oberst mit lauter Stimme. Der Anhang sollte zeigen, wie väterlich kameradschaftlich er sein durfte. »Ja, du hast mir im Winter oft leid gethan, Onkel,« bekam er zur Antwort, »nun kannst du dich im Sommer schön ausruhen!«

Die Oberstin lachte, und dies wurde zum Signal, daß alle zu lachen wagten.

Die Gesichter zu ihr erhoben – die meisten ehrlich, gutmütig, – fast jedes einzige erinnerte an fröhliche Augenblicke; an einen gemeinschaftlichen Herbst und Winter mit Kavalkaden, Schlittschuhlaufen, Skilaufen, Wagenpartien, Bällen, Mittagessen, Konzerten – ein Rundtanz hin über blinkendes Eis und stiebenden Schnee, oder ein Strahlenmeer in Tönen, in Gläserklang, in Lachen und warmen Gesprächen. Nicht eine einzige Erinnerung mit etwas Häßlichem dran, frei und fern wie eine Reiterparade. Ein paar Versuche – unter andern seitens ihres würdigen Onkels – waren zerstoben wie eine Wolke von Flaum. Sie empfand die Wonne der Dankbarkeit für das, was sie erlebt hatte, für aller Güte bis zum letzten Augenblick. Diese überwältigte sie, sie funkelte in ihren Augen, sie eiferte in ihrem Wesen, sie gab sie aus an alle dort unten und an die Blumen, die sie hielt. Aber ein Gefühl des Zuviel, des Allzuviel lief die ganze Zeit mit unter. Dadurch eine Angst vor etwas Leerem, die einen unerträglichen Schmerz verursachte. Wäre es nur erst vorbei!

Die Billets wurden coupiert, die Thüren geschlossen, sie kam wieder an das herabgelassene Fenster. Sie hielt die Blumen in der einen Hand, das Taschentuch in der anderen; sie weinte. Ihre frische Büste stand im Fenster, wie in einem Rahmen; der Kopf mit dem hellen Hut und dem Schleier beugte sich daraus hervor. Warum in aller Welt wird dergleichen nicht gemalt?

Die Disciplin verbot, daß jemand sich vordrängte, solange der General, der Oberst und die Damen einen Ring bildeten; man stand, wo man stand. Da die Zunächststehenden nicht sprachen, wurde es still. Man sah sie weinen, so daß ihr Busen sich bewegte. Sie sah sie in einem Nebel, und das Ganze wurde zur Qual. Konnte das alles echt sein? Sofort versiegten die Thränen. Eine barmherzige Seele, die unten stand und ebenfalls Qual empfand, fragte, ob sie noch heute nach Hause kämen, was sie begehrlich bejahte. Erinnerte sich dabei ihrer Mutter und machte ihr Platz; aber die Mutter wollte nicht vorkommen. Es war sogar etwas in den Augen der Mutter, was wehe that, oder ängstigte – sie vergaß es, denn das Pfeifen schnitt den Zug von dem Gefolge ab; der ganze Ring zog sich einen Schritt oder zwei zurück. Das Grüßen fing wieder an, vermehrte sich, ihr Taschentuch flatterte, die Wärme in ihren Augen kehrte wieder, jetzt flammten sie auf, alles, was von ihr sichtbar war, rief ihnen zu und jene ihr, sie gingen hinterher. Denn jetzt waren die Leutnants, all die Jungen die ersten geworden! Jetzt gaben Empfindungen anderer Art den Ausschlag, sie grüßten, riefen, grüßten wieder und strömten mit. Das Klirren der Säbel und Sporen, die Farben, die Armschwenkungen, das Gewimmel von Füßen machte sie schwindlig. Mit vorgebeugter Büste winkte sie ihnen zu, wie sie ihr – aber die Geschwindigkeit wurde zu groß, einige unbesonnene Lyriker liefen dennoch mit, die übrigen blieben stehen – blieben im Lokomotivrauch stehen und wieherten. Ihr Taschentuch war noch zu sehen, wie eine Taube in einer dunklen Wolke.

Als sie sich zurückzog, hatte sie Verlangen nach jemand; aber da fielen ihr die Augen der Mutter wieder ein; waren es noch dieselben? Ja.

Da stellte sie sich, als sei sie nicht in Hitze oder Erregung. Sie nahm den Hut ab und legte ihn ins Netz. Aber Mutters Augen hatten die Reaktion geweckt, die schon in ihr geschlummert hatte. Widerstreitende Gefühle brachen hervor; sie wollte es verdecken, sie wollte versuchen, sich selbst wiederzufinden; darum ließ sie sich auf den Sitz fallen, abgewandt, und gleich darauf lag sie ihrer ganzen Länge nach. Bald hörte die Mutter sie weinen; sie sah es auch an den Bewegungen des Rückens.

Etwas später fühlte die Tochter die unbehandschuhte Hand der Mutter unter ihrem Kopfe. Sie schob ihr ein Kissen unter. Das that wohl; fühlen, daß die Mutter wollte, sie solle schlafen, – schon das that wohl. Ja, sie brauchte den Schlaf gar sehr. Und ein paar Minuten darauf schlief sie.

*

2

Der Fluß drängte sich in langen Windungen durch. Vom südlichen Bogenfenster des Hotels aus verfolgten Mutter und Tochter ihn durch das Gestrüpp und den Birkenwald; an einigen Stellen verschwand er, blitzte dann aber wieder auf und kam schließlich ganz hervor. Der Fall war scharf, der Lärm davon drang bis zu ihnen hinauf.

Drüben auf der Station zog man die Lastwagen. Hinter dem Hotel waren die Mühle, die Fabrik, die Sägemühle; gedämpfte Stöße und Schläge waren vernehmbar, und schwach sogar der Wasserfall; alles übertönte der schneidende Laut der Bretter jedesmal, wenn sie durch die Säge gingen. Es war einer der großen Waldbezirke; die Tanne verdunkelte die Höhen, soweit die beiden sehen konnten, und das war weit; denn das Thal war breit und geradlinig.

»Liebe Mutter, es ist sieben Uhr. Wo mögen die Pferde bleiben?«

»Ich habe gemeint, wir könnten heute hier übernachten und erst morgen früh weiterreisen.«

»Hier übernachten, Mutter –?« sie kehrte sich erstaunt zur Mutter. »Heute abend möchte ich so gern mit dir reden.« Die Tochter kannte den Ausdruck in den Augen der Mutter vom Abschied in Christiania her wieder; sie wurde rot. Dann wandte sie sich wieder ins Zimmer.

»Laß uns lieber gehen« – die Mutter kam und legte den Arm um ihre Schulter.

Gleich darauf waren sie unten am Fluß. Die Luft stand zwischen zwei Möglichkeiten, und dadurch wurden die Farben auf Feldern und Höhen gedämpft und gaben ein unsicheres Empfinden. Von Baum und Wiese duftete es, und hinein drängte sich das Stromesbrausen.

»Das, wovon ich mit dir reden möchte, ist dein Vater.« – »Vater?« – Die Tochter wollte stehen bleiben; aber die Mutter ging weiter. – »Hier war es, wo ich ihn zuerst gesehen. – – Du hast seinen Namen in Christiania von niemandem erwähnen hören?« – »Nein.« – Ein ziemlich langes Schweigen folgte auf dieses Nein.

»Wenn ich mich niemals ganz über ihn ausgesprochen habe, so hat das seine Gründe, Magne. Du sollst sie jetzt hören. Denn jetzt kann ich dir alles sagen; bis jetzt habe ich es nicht gekonnt.«

Sie erwartete, daß die Tochter etwas sagen würde; aber sie sagte nichts.

Die Mutter wandte sich halb um und deutete nach der Station, nämlich auf die Häuser, die daneben lagen. »Siehst du das breite Dach dort, rechts vom Hotel? Das ist das Versammlungshaus, die Bibliothek und vieles andere. Die Ehre dafür gebührt deinem Vater. Er gab alles Holz dazu. Wohlan, dort sah ich ihn zum erstenmal, oder richtiger, von dort aus sah ich ihn zum erstenmal; denn ich saß zwischen den Leuten, die ihn hören wollten; das ganze untere Stockwerk ist ein einziger Raum mit einer breiten, sich schräge neigenden Galerie darüber; es ist auf seine amerikanische Weise gebaut; du weißt, dein Vater ging hinüber, sobald er mit seinem Examen fertig war. – Komm nun, laß uns weiter gehen! Diesen Pfad am Flusse entlang liebe ich. Ich ging ihn mit deinem Vater auf Tag und Stunde sechs Wochen später, nachdem ich ihn zum erstenmal gesehen; und da waren wir verheiratet.«

»Das weiß ich.«

»Du weißt auch, daß ich Hofdame bei der Königin war, als ich herkam. Sie wollte weiter hinauf und hinaus nach dem Fjord zu; vorher aber wollten wir einige Tage hier in der Gebirgsgegend bleiben.«

»Wir kamen an einem Sonnabendnachmittag hier an (gerade so wie wir jetzt) und blieben über den Sonntag. Am Sonntag waren gewaltig viel Menschen hier, um die Königin zu sehen; sie wußten, daß sie zur Kirche gehen würde. Am Nachmittag strömten sie dann in das Versammlungshaus; sie wollten deinen Vater sprechen hören; ich hatte im Hotel einen Anschlag darüber gesehen. Die Königin las ihn auch; ich stand daneben und sagte: »Ich habe furchtbare Lust zu gehen.« – »Ja, geh du nur«, erwiderte sie, »aber es wäre wohl besser, wenn einer von den Kavalieren dich begleitete.« – »Hier unter den Bauern?« fragte ich und trug Sorge, daß ich allein blieb.

Ich bekam einen Platz unter der Galerie, aber dicht neben einem großen Fenster, von wo aus ich den Weg weit übersehen konnte. Und als Karl Mander nicht zu rechter Zeit kam (das that er selten), streckten alle den Hals, um einen flüchtigen Blick von ihm zu erhaschen; von der Seite mußte er also kommen. Da sah ich auch dorthin – und in weiter Entfernung wurden drei Männer sichtbar, Arm in Arm, einer war groß, zwei kleiner, der große ging in der Mitte. Ich sehe sehr gut und dachte gleich, von denen könne es keiner sein; denn die hatten noch allzuviel Zeit. Sie standen nämlich jeden Augenblick still. Bald nach rechts, bald nach links schwankend, kamen sie daher. Aber die Leute fingen an zu flüstern und zu kichern. Als die Männer näher kamen, fühlte ich unwillkürlich, daß der Große Karl Mander sei, und ich schämte mich.«

»Er war betrunken?«

»Er war betrunken, er sowohl wie die beiden anderen; auch sehr betrunken, der Doktor wie der Anwalt; das Schlimmste war, daß sie weder seine Freunde noch Gesinnungsgenossen waren. Es war ein »Trick«, den sie ihm gespielt hatten; denn es war Mode, ihm das anzuthun. Sie wollten dafür sorgen, ihn betrunken zu machen; aber sie selbst waren dabei am betrunkensten geworden!«

»Entsetzlich, Mutter!« Sie wollte stehen bleiben; aber die Mutter ging weiter.

»Ja. Ich hatte wohl allerhand über Karl Mander gelesen. Es ist aber doch etwas anderes, wenn man es sieht.«

»Wurde dir nicht angst?«

»Freilich. Es war widerlich. Als sie aber so nahe kamen, daß ich die Gesichter unterscheiden konnte, und alle in der Versammlung, die sie sehen konnten, laut lachten, da befreite es mich von der Angst. Und ganz in der Nähe war Karl Mander so apart, daß sein Anblick mir geradezu ein Genuß war. Das gestehe ich.«

»Wieso apart?«

»Er war die strahlende Fröhlichkeit in Person! Wenn man eine Kavalleriebrigade im lustigsten Galopp nimmt, – solche Fröhlichkeit bringst du nicht zu stände! Diese starke Gestalt mit dem gewaltigen Kopf hielt jene beiden kleinen, einen an jedem Arm, wie zwei Fallschoten, die schleppten. Und dabei lachte und jubilierte er wie das ausgelassenste Kind. Er sah so gut und lustig aus, wie des Jahres längster Tag am Nordpol. Mit den beiden anderen, die es darauf angelegt hatten, ihn betrunken zu machen – es war damals der Sport der Gebildeten, Karl Mander betrunken zu machen, sage ich dir! – mit denen kam er im Triumph daher. Er war furchtbar stolz darauf. Hoch gewachsen und breit in den Schultern, in hellkariertem fein und leichtem Wollanzuge; denn er vertrug keine Hitze, er war ein Kaltwassermensch ersten Ranges, er badete noch, wenn das Eis kam. Er hielt den Hut, einen ganz leichten, der zusammengelegt werden konnte, in der linken Hand. In der Regel ging er so; daheim hatte er nie einen Hut auf und wenn er fort war, trug er ihn in der Hand.

Starkes, buschiges Haar, ungeheures Haar, braun; jetzt fiel es über die steile Stirn – ja, du hast seine Stirn – und dann der Bart! Ich habe nie einen so schönen Bart gesehen. Er fiel ins Blonde und war sehr dicht, aber das Eigentümliche daran war das Feingekräuselte. Er war geradezu appetitlich, was ein Bart selten ist.

Und dann, diese tiefen Augen, so strahlend – etwas davon hast du – und zwischen ihnen der Nasenansatz, so fein gebogen, denn er war ein feiner Mann!«

»War Vater das –?«

»Du ewiger Gott, habe ich dir nicht einmal den Eindruck beigebracht?«

»Doch, – aber – die anderen haben –« Sie schwieg, und nun blieb die Mutter stehen.

»Magne! Ich konnte, ich wollte dich nicht hüten vor alle dem, was von den anderen kam. Solange du Kind warst und halb erwachsen, konnte ich dir nicht alles erklären, wie es war. Es würde dich auch dahin geführt haben, zu verteidigen, wozu du noch nicht die Kraft hattest, es zu verteidigen. Und das konnte dir schaden. Und dann kam noch etwas anderes dazu.«

»Aber jetzt sollst du es wissen: seitdem du ein Kind warst, habe ich dir nie einen Rat gegeben, der nicht von deinem Vater kam; du hast ihn nie gesehen; aber ich kann doch sagen, daß du nie einen anderen gesehen oder gehört hast, als ihn. Durch mich, verstehst du.«

»Wie das, Mutter?«

»Wir kommen dazu. Nun sollte ich dir verständlich machen, wie es kam, daß ich ihn geheiratet habe.«

»Ja, liebe Mutter.«

»Er stand dort auf dem Katheder und goß das Wasser hinunter, Glas auf Glas. Er goß die ganze Karaffe hinunter und bekam mehr. Die Leute lachten, und er lachte. Die Art, wie er Karaffe und Glas faßte, war die eines trunkenen Mannes, er blickte auf und um sich her, als könne er weder sich noch uns so recht finden, und lachte. Aber trotzdem ... durch das alles hindurch sah ich den Gott.

Die offene, fröhliche Seele eines freien Mannes, du. Unbekümmertes Selbstvertrauen im Griff nach dem, was er brauchte. Und dann hättest du seine festen, einfachen Hände sehen sollen, Arbeitsfäuste. Auch das Gesicht, – das eines Mannes, der im Überfluß alles hat.«

»Was sagten die Leute?«

»Sie kannten ihn, sie amüsierten sich nur. Und er amüsierte sich. Als er zu reden begann, gehorchte die Zunge ihm vollständig. Nur glaubte ich, die Stimme sei unnatürlich; sie klang gleichsam wie aus tiefem Innern. Aber das war seine richtige Stimme. Kaum hatte er begonnen, so geschah etwas. Eine Schar Damen und Herren kamen vorüber, darunter auch jemand aus dem Gefolge der Königin. Wir konnten sie sehen, wir, die wir am Fenster saßen, und er sah sie ebenfalls: wir sahen, daß sie herein deuteten.

Da hielt er inne, ganz bleich, atmete so schwer, daß wir alle es hörten. Endlich trank er mehr Wasser. Es dauerte eine Weile, bevor er wieder reden konnte. Alle sahen ihn an, einige flüsterten zusammen.

Bis jetzt hatte er gesprochen, wie eine schwere Maschine die ersten unregelmäßigen Schläge mit Unterbrechungen macht. Aber jetzt erhob er sich, und als er wieder sprach, war er nüchtern. Ich sage dir, er war ganz nüchtern.

Der Mann, der jetzt dastand, ... ja, laß mich es stückweise nehmen. Du wirst es sonst nicht verstehen.

Sein Vortrag – weißt du, womit er zu vergleichen war? Mit einer Fuge von Bach. Etwas Brausendes, aber reich; etwas ununterbrochenes Reiches, und oft so milde. Aber der große Unterschied war der, daß, wenn er drinnen war, suchte er oft nach Worten, wechselte die Worte und wechselte sie wieder. Ununterbrochen und brausend trotzdem, das war das Seltsame. Ein unaufhaltsamer, ein hinreißender Eifer und eine Hast. Man fragte sich verwundert, ob noch mehr vorhanden sei; und es kam immer noch mehr, und beinahe alles bemerkenswert.

Ich hatte Leute so oft als von einer Naturmacht besessen charakterisieren hören, aber ich hatte es nie gesehen. Am allerwenigsten bei Hofe; dort giebt es kaum eine Individualität. Hier saß ich endlich vor einer solchen! Der da mußte reden – wahrscheinlich so, wie er vor einem gutbesetzten Tische trinken mußte. Ich wußte, daß er selbst seine beiden Güter verwaltete und selbst mitarbeitete, wenn er Zeit dazu hatte; und mir war, als wenn ich diesen Riesen sähe, wie er sich in der Arbeit erfrischte; aber ich sah deutlich, daß der Kopf das Arbeiten trotzdem nicht aufgeben wollte, so daß Kopf und Hände wetteiferten, wer von ihnen den anderen müde machen könnte.

Von der Arbeit redete er. Fing damit an, daß die Königin jetzt hier sei.

»Wer ist sie?« fragte er. Er antwortete dann mit ein paar guten, warm empfundenen Worten über sie. Aber dann fragte er wieder: »Wer ist sie?« Er antwortete wieder mit einer Frage: »Verdient sie selbst ihr Brot?«

Dies, meinte er, sei die erste Lebensanforderung an alle erwachsenen Menschen, die dazu im stande seien. Das sei das erste Maß, mit dem wir uns gegenseitig messen sollten.

Verdient sie selbst ihr Brot? Verdienen die das ihre, die in ihrem Gefolge sind?

Nein, antwortete er, sie verdienen es nicht selbst, sie leben von dem, was andere verdient haben und von dem, was andere verdienen.

Was treiben sie denn? Thun sie Geistesarbeit? Nein, sie leben von der Geistesarbeit, die andere gethan haben, und von der, die andere thun. Wie bringen sie denn den Tag hin?

Im Genuß, im geistigen wie im körperlichen – beständig von dem, was andere gethan haben und was andere thun. In Verschwendung, in Raffinement, in Müßiggang, in Gesellschaft, in Huldigung, auf Reisen, im Ruhen leben sie. Er änderte hier fortwährend die Worte, und änderte wieder, aber es kam heraus.

Ihre höchste Anstrengung, meinte er, sei neue Gesellschaft und immer neue Huldigungen zu empfangen. Ihre höchste Gefahr, meinte er, sei eine Erkältung oder überlastete Verdauung.

Und um sicher zu sein, daß die Frucht der Arbeit anderer ihnen nie genommen werden könne, – was thaten sie da?

Sie widersetzten sich allem, das mit einer anderen Ordnung droht; sie widersetzen sich auch jeder notwendigen Umgestaltung. Sie widersetzen sich der Befreiung jener, die nichts erreicht haben. Sie handeln, als sei die Gesellschaftsordnung von aller Ewigkeit an für sie gemacht. Bis hierher und nicht weiter.

Du begreifst, ich habe all diese Gedanken aus meinem Zusammenleben mit ihm; ich könnte auf meine Weise all seine Reden halten und jedenfalls fließender. Aber ich glaube, daß sein Ändern der Worte und sein fortwährendes Stottern dabei bewirkte, daß das schließlich Gewählte bedeutungsvoller wurde. Ich meinerseits habe es aufgeschrieben; alles in unserm kurzen Zusammenleben habe ich aufgeschrieben.«

»Alles?«

»Ich sage dir, alles, was Inhalt hatte. Alles, alles. Er schrieb ja nicht eine Zeile; er habe keine Zeit, sagte er. Er verachtete es. Als der Tod ihn dann mir und uns allen nahm, was hatte ich da Besseres zu thun? – Nein, sag' nichts, jetzt mußt du mich erzählen lassen! – Er erörterte denselben Gedanken von der religiösen Seite. Es war seine Art, einen Gedanken von allen Seiten zu nehmen. Er sagte, heute sei er bei einer alten Frau gewesen, die klagte, sie könne nicht in die Kirche gehen, sie habe keine Schuhe. Es sei ein endloser Spektakel gewesen, Schuhe für sie zu besorgen, denn die beiden Läden, die fertige Schuhe hatten, wollten am Sonntag nicht verkaufen. Aber sie bekam Schuhe. Er habe sie später zur Kirche gehen sehen – genau gleichzeitig mit der Königin und ihrem Gefolge.

Da habe er gedacht, es sitzen viele in der Kirche mit sehr schlechten Schuhen und viele sind zu Hause, die sich nicht hin wagen; sie haben zu elende Schuhe und sind auch im übrigen zu elend gekleidet. Wer sind denn die, welche besonders so schlechte Kleider und Schuhe haben? Die, welche am meisten gearbeitet haben, gearbeitet, bis sie unheilbar krank geworden sind.

Aber die, die nicht gearbeitet haben, die haben zehn Paar Schuhe, sie könnten tausend Paar haben. Und Kleider ebenfalls im größten Überfluß. Er sei nicht in der Kirche gewesen, sagte er, aber er wisse, daß gepredigt worden, als sei es die natürlichste Sache von der Welt, daß die, welche Schuhe hatten, jenen geben sollten, die keine hatten. Es wurde gepredigt, als ob Jesus sie gerade dies gelehrt habe. Jesus sei gekommen, um sie alle glücklich zu machen, und dies sei ja die beste Art. »Er ging einher und that das Gute«, steht geschrieben.

Aber aus der Kirche gingen sie alle heim, wie sie in die Kirche gekommen waren; sie tauschten die Schuhe nicht, und tauschten auch die Kleider nicht. Der eine ging zurück zu seinem Überfluß und seiner Ruhe, der andere zu seiner Armut und seinen Entbehrungen. Die, welche nicht gehen konnten, weil die Armut zu groß, die sitzen noch, wo sie vor dem Gottesdienst gesessen.

So ist unser Christentum nämlich, sagte er. Und er hatte ein Recht, darüber zu reden, kann ich dir sagen, denn er gab von seinem »Überfluß«.

»Aber ihr lebtet doch ein gewisses Wohlleben?«

»Ja, er meinte, das sei das Recht aller Menschen. Wer sich berufen fühle, auch das Wohlleben zu opfern, möge es thun; aber für die meisten gebildeten Menschen sei das Wohlleben die Bedingung für Arbeit und Hilfe, die Grundlage für Freude. Es läge auch der Zug zum Schönen darin, und das ist ein seltener Sporn.

Nein, was er verlangte, war, daß jeder, der es könne, sich selbst ernähren solle – hörst du, meine Tochter! – und daß jeder, der Überfluß habe, ihn in Arbeit umsetzen solle, die fruchtbar für andere. Er nannte die Kirche feige und schamlos, die dies nicht verlange, ohne Ansehen der Person.«

»Also wie Tolstoi?« –

»Nein, sie waren sehr verschieden. Tolstoi ist vom slavischen Volk geboren. Iwan der Grausame und Tolstoi, alle beide; denn sie sind die Gegensätze darin, die einander bedingen. Der eine that alles mit Gewalt, der andere will nicht einmal Widerstand leisten. Der eine mußte jeden Willen unterjochen, um Platz zu bekommen; der andere will ihm denselben gutwillig geben, sicher, daß dann die Begierde stirbt. Der slavische Tyrannen-Drang, die leidenschaftliche Grenzenlosigkeit nach beiden Seiten. Geboren vom selben Volk und von denselben Verhältnissen.

Alle Freiheit, die wir in Westeuropa besitzen, haben wir dadurch errungen, daß wir Grenzen innehalten, nicht für uns selbst allein, sondern für andere. Also indem wir Widerstand leisten. Das Schwache ist grenzenlos; das Starke setzt Grenzen und hält sie.«

»Aber die Bibel lehrt doch auch –«

»Allerdings; aber sie ist ja auch von den Morgenländern. Die Abendländer handeln gegen die Bibel.

Was ich dir hier sage, ist von deinem Vater.«

»Kannte er Tolstoi?«

»Nein; aber er kannte das, was älter ist als die Bibel und als Tolstoi.«

»Er war also ein großer Redner?«

»So wage ich ihn nicht zu nennen; er gehörte nicht unter die Verkünder, sondern unter die Seher. Ja, störe mich nun nicht! – Er meinte, daß nach hundert Jahren die große Menge jene, die im Müßiggang und im Überfluß leben, gerade so ansehen wird, wie wir jetzt die Betrüger und die Liederlichen betrachten.«

»O Mutter, – wie war dir zu Mute?«

»Tag und Nacht toste und zitterte es gleichsam von seiner Stimme in mir. Ich saß wie mitten in einer Gewitterwolke. Nicht, als ob er schrie und lärmte. Nein, seine Persönlichkeit war es und etwas in der Stimme. Sie war verschlossen und tief, ja, sie kam wie aus einer Vertiefung. Es kam stoßweise, aber es kam ununterbrochen. Ich glaube, er sprach über zwei Stunden. Den, auf welchen er zufällig blickte, sah er an, und wenn er zum Fenster hinaussah, so blieb er dabei. Unbeholfen, verstehst du. Die Augen füllten sich von innen heraus mit Brand, er stand vorübergebeugt, wie ein Baum am Abhang. Ich dachte, ehrlich gesagt, an den Wald. Später, als ich ihm näher trat, duftete es auch nach Wald von ihm. Und dann war seine Haut so rein. So die Partie vom Halse, die nicht von der Sonne verbrannt war, weil er vornübergebeugt ging – wenn er den Kopf hob – du kannst dir nicht denken, wie fein und zart sie war.

Ja, wie kam ich doch darauf? Aber das ist gleichgültig, jetzt bin ich da, und will dort bleiben, bei deinem Vater! Gott, Magne, wie ich ihn geliebt habe, und wie ich ihn ewig liebe!«

Sie brach in Thränen aus, und dann lagen sie Brust an Brust. Von den gedämpften Farben in Wald und Feld in der unsicheren Luft, und dem harten Stromesbrausen wurden sie abgeschnitten. Die Umgebung stand feindlich zu ihrer Stimmung. Um so viel treuer hielten sie sich umschlungen und gaben einander all ihre Stärke.

»Magne, es kommt ungeordnet, alles, was ich dir hier zu sagen habe. Ich weiß nur, wo ich hinaus will.

Ja, es war die Natur hier umher, großartig mit heimlichen Verstecken drin; mir ahnte dergleichen. Alles war neu für mich, auch die Natur; ich war gereist, aber nicht in Norwegen.

Sie sagen von uns Frauen, daß wir die, die wir lieben, nicht charakterisieren, sondern nur abstrakt lobpreisen können, Aber er hatte einen Freund, sein bester Freund, der konnte charakterisieren, der Dichter –. Sie nannte natürlich den Namen. Der war mit auf Karl Manders letzter Versammlung, und er kam von dort zu mir, als dein Vater tot war. Wir sprachen zusammen von allem, so viel ich da konnte. Er schrieb das Schönste über ihn, was geschrieben worden. Ich kann alles auswendig, was mit Hochherzigkeit über deinen Vater geschrieben worden ist.

»Wißt ihr, was er war?« schrieb er. »Wenn die Landschaft, die ich um mich her sehe, etwas auf Menschenweise sagen wollte; wenn die dunkle, hohe Waldhöhe sich aufthäte, um dem Strom da draußen zu antworten und die beiden anfingen miteinander über die Häupter des Gestrüpps fort zu reden, so würde das sein, wie der Eindruck, den man empfing, wenn Karl Mander so lange gesprochen hatte, daß das Brausen seiner tiefen Stimme und die Gedanken, die sie ausführte, eins geworden waren.

Stoßweise und nicht leicht, gleichsam wie tief von innen heraus, unbeholfen, so daß er oft die Worte änderte, kam er von allen Seiten zu demselben. Der Gedanke wurde zuletzt so durchsichtig, wie ein seines Birkenblatt gegen die Sonne.«

»War es so?«

»Nein, unterbrich mich nicht!« – »Karl Mander erschien mir oft so unähnlich allen anderen, als gehörte er nicht derselben Ordnung an. Er war gewissermaßen kein einzelner Mann, sondern ein Stück Volk. Er ging an einem vorbei wie der Strom. Je nach Gelegenheit und Landschaft, aber ununterbrochen. Sowohl im Leben wie im Sprechen. Die Stimme war ebenfalls nicht persönlich, sie hatte etwas wie Brausen. Ein melancholisch berückender Wohllaut, aber einförmig, unaufhörlich.«

»Das ist ja der Eindruck des Meeres, Mutter!«

Die Mutter war so ganz in ihre Erinnerungen verloren, so eifrig in ihren Bewegungen, so lebhaft in Tonfall und Augen wie ein junges Mädchen. Jetzt hielt sie inne.

»Wie das Meer, sagst du? Nein, nein, nein, nicht wie das Meer! Das Meer ist ja nur Auge. Nein, liebes Kind, nicht das Meer! Tiefen und heimliche Stellen voll Behagen, die hat das Meer doch nicht. Traulich und warm war es bei ihm; die allergrößte Hingebung war die seine. Hör' weiter: »Karl Mander sei gewählt«, schrieb er, »gewählt zum Vorboten, bevor das Volk selbst kommen könne. Gewählt, weil er gut und unschuldig sei; die Sache an die Zukunft lag nicht als unreiner Bodensatz auf dem Grunde seiner Seele.« –

»Das ist schön gesagt.«

»Kind, kannst du fassen, wie ich mitgerissen wurde! Ich, die ich unklare Empfindungen gehabt, daß das, was mich umgab, unecht sei. Hier war etwas, das echt!

Und er selbst! Wir Frauen lieben das, was hochgeboren ist, nicht nur, weil es hochgeboren ist. Nein, es muß zugleich schwach sein, und es muß etwas haben, dem wir abhelfen können. Wir müssen eine Mission sehen. Und du kannst dir nicht denken, wie mächtig er war und wie ohnmächtig.

»In welcher Beziehung ohnmächtig, Mutter?«

»Nun, – betrunken dorthin zu kommen –!«

»Ja, natürlich!«

»Und die Ausdrucksweise? Er fand ja nicht gleich die rechten Worte, änderte mitten im Redestrom! – Hatte er indessen etwas in die Hand bekommen, so hielt er es fest. War es das Wasserglas, und meistens war es das Wasserglas, so hielt er es mit vollem, festem Griff und hielt die Hand des Glases wegen eine Viertelstunde lang unbeweglich. Sein Wesen war so ganz und gar rührend einfältig, oder wie soll ich es nennen? Er war ein Seher, er war kein Verkünder, – ja, das habe ich dir Wohl schon einmal gesagt. Aber das sind ganz andere Leute, die Seher. Sie wissen über sich selbst nicht so gut Bescheid, sie sind absolut nicht eitel. Gott, welche Lust ich hatte, zu ihm zu gehen und ihm die Manschetten abzunehmen! Man sah, er war nicht daran gewöhnt, Manschetten zu tragen. Jemand muß ihm gesagt haben, es gehe nicht an, von einem Katheder herab ohne Manschetten zu reden. Nun hatte er sie ganz zerknittert, sie waren losgegangen oder waren gar nicht befestigt gewesen, sie waren ihm über die Hände gerutscht. Sie machten ihm zu schaffen. Mit seiner Weste war ebenfalls etwas nicht in Ordnung; schief zugeknöpft, glaube ich, sie schlug an der einen Seite Falten und ließ einen Hosenträger sehen – wenigstens sah ich ihn, denn ich sah deinen Vater von der Seite, und das Licht fiel auf ihn. Und dieser starke Mann mit dem gebeugten Haupte... du, mir traten Thränen in die Augen. Denn, von wem hätte er sich nicht mit fortschleppen lassen?

So stark, wie man es nur fühlen konnte, fühlte ich, daß ihm geholfen werden mußte. Es war mir nicht klar, daß ich ihm helfen müsse; ich kam nur so weit, daß man ihn lieben und ihm helfen müsse.«

Hier stürmten die Erinnerungen so gewaltig auf sie ein, daß sie nicht fortfahren konnte, sondern sich abwenden mußte.

Für ihre Tochter war die Mutter eine neue geworden.

Das war nicht die, welche zu Hause wirkte und schaffte, nicht die, welche ihr kluge Briefe in ruhigen, wohlerwogenen Worten sandte. Welch eine Leidenschaft, und wie schön sie sie machte!

»Wie erging es dir, liebe Mutter?«

»So, daß ich nicht von mir wußte. Tags darauf reisten wir ab, und dort, wohin wir kamen, lagen seine beiden Höfe.

Soviel verstand ich aber noch, daß ich, da einige von uns auf den Nachbarhöfen schlafen mußten, denjenigen für mich erwählte, der dem seinen am nächsten lag. Und da ich dem Sturm in mir nicht länger Widerstand leisten konnte, schrieb ich ohne Namensunterschrift an ihn. Ich bat ihn um eine Unterredung. Er möge mich auf dem Wege zwischen seinem Hofe und uns erwarten; der führte durch seinen Wald. Den Brief warf ich selbst in seinen Briefkasten am Wege.

Du kannst dir vorstellen, wie ich war, wenn du hörst, daß ich die Zeit um zehn Uhr abends festsetzte, weil ich glaubte, daß es dann dunkel sei! Ich hatte nicht bedacht, daß es noch hell sei, da wir jetzt so weit nordwärts gekommen waren! Die Folge war, daß ich nicht vor elf Uhr auszugehen wagte und überzeugt war, daß ich niemand mehr treffen würde.

Aber da ging er! Schwer und vorübergebeugt, in der Hand den Hut, den er aufgerollt hatte wie einen Ball, kam er so ruckweise, verlegen freundlich und linkisch daher. »Ich wußte, daß Sie es seien«, sagte er.

»O Gott, Mutter, und was thatest du?«

»Ich begriff mit einem Male nicht, woher ich den Mut genommen hatte! Ja, ich wußte nicht, was ich von ihm wollte! Als ich ihn sah, hätte ich umkehren, davonlaufen mögen. Aber sein seltsamer Gang, diese sicheren, langen Schritte, den Hut in der Hand und der krause Kopf, ... ich mußte doch hinsehen. Und so sonderbar, daß er sagte: »Ich wußte, daß Sie es seien!« Wie konnte er das wissen? Ich kann mich nicht erinnern, ob ich fragte, oder ob er nur meine Verwunderung sah; aber er erzählte, daß er mich gesehen habe, als wir vom Vortrag heimgegangen; er habe gehört, wer ich sei. Es war seltsam, jene tiefe Stimme, die für mich das Ungewöhnliche bedeutete, gleichsam aus ferner Zukunft herein, verlegene Entschuldigungen dafür vorbringen zu hören, daß er gesagt habe, was mich beleidigen könne. (Ehe er dazu kam, »Sie beleidigen, Fräulein«, sagte er: »die Königin beleidigen, – ich wollte sagen: die Königin und ihre Damen beleidigen, – ich wollte sagen: Sie beleidigen, Fräulein!«) Er habe so manchen anderen Stoff gehabt, den er hätte wählen können, sagte er, und so viele andere Wege, um dahin zu gelangen. Er hätte so viel Gutes von der Königin sagen können, was er wirklich kannte; nun habe er es vergessen. So fuhr er fort, die Augen dicht vor den meinen. Treuherzige, aber starke Augen, die mich in sich hineinzogen. Wie Brausen durch den stillen Wald ging seine unergründliche, linkische Ehrlichkeit. Die Augen sagten gleichsam beständig: Glauben Sie das nicht auch, Fräulein? Man kann sich nicht vorstellen, wie wenig sie von dem wußten, was sie thaten.

Er sprach, und ich lauschte, und näher und näher kamen wir einander. Aber die Wonne, die ich empfand, und die keine Worte bekam – was hätte ich auch sagen sollen? – denk' nur, zuletzt konnte ich ihr nicht mehr steuern, sie wurde rebellisch. Mit einem Male hörte ich mich selbst lachen! Da hättest du sehen sollen, – ohne irgend welchen Übergang stimmte er in mein Lachen ein! Lachte so, daß es im Walde wiederhallte! Die Fischer kamen gerade vorüber, um zur Stelle zu sein, wenn die Sonne aufging; sie lehnten sich auf die Ruder und lauschten; sein Lachen kannten alle. Ich kannte es auch, von damals, als er mit seinen beiden Sklaven daherkam. Ein Faun steckte in ihm. Natürlich ein nordischer Faun, ein ungeheurer Waldmensch, ein Wilder, ausgelassen, aber unschuldig, der zwei Bären führt, einen unter jedem Arm! Ja, etwas Derartiges. Kein Kobold, verstehst du, die sind so dumm und böse.«

»Du sagst ›unschuldig‹, Mutter? Was verstehst du darunter, daß er unschuldig war? Er, der zugleich so wild sein konnte?«

»Ach, ihm schadete nichts. Was er erfahren oder gekannt haben mochte, – er war trotzdem ein großes Kind. Ich sage dir, ebenso zart und ebenso unberührt. Ihm wohnte eine so große Umbildungskraft inne, daß alles, was seiner Natur nicht zusagte, in ihr verschwand. Dann war es nicht mehr da.«

»Mutter, was wurde daraus? – O, weshalb hast du das erlebt, und nicht ich?« Kaum hatte sie es gesagt, so war sie fort.

Die Mutter ließ sie. Sie selbst setzte sich auf einen Stein und wartete. Es that wohl, die Gedanken ruhen zu lassen. Sie saß lange allein und hätte gern noch länger gesessen; aber die Wolken begannen sich zusammenzuziehen. Da kam Magne mit einem Bouquet zurück, eine Menge der zartesten Waldblumen und seine Gräser, die zierlich um einen Tannenzweig mit Zapfen dran, geordnet waren, graugrüne, junge Zapfen. »Du, Mutter? So war er wohl? – Nein, liebe Mutter, du weinst?«

»Vor Glück, Kind, vor Glück und schmerzlichem Vermissen zugleich. Dereinst wirst du verstehen, daß das die wohlthuendsten Thränen im Leben sind!«

Aber Magne legte sich ins Gras neben die Mutter. »Mutter, du weißt nicht, wie glücklich du mich heute gemacht hast!«

»Ich sehe es, liebes Kind. Ich that recht, als ich wartete! Es hat mich viel gekostet, das kannst du glauben; aber ich that recht.«

»Mutter, liebe Mutter! Laß uns wieder heim in unseren Wald ziehen, über die Straße durch unseren Wald! Laß mich mehr hören! Dort war es also! Mutter, erzähle! Wie erging es dir, süße Mutter! Gott, wie schön du bist! In dir entdeckt man doch beständig etwas Neues.«

Die Mutter strich ihr übers Haar und wurde still.

»Mutter, ich kenne den Waldweg in der Sommernacht. Laura ging ihn mit mir, als sie sich verlobt hatte und erzählte, wie es gekommen. Die Fischer ruderten auch damals vorüber, gerade als wir an eine Öffnung kamen. Wir versteckten uns hinter einem großen Stein. Und die Singdrossel begann zu zwitschern und eine Menge anderer Vögel; was mich aber am meisten bezauberte, war der Duft.«

»Nicht wahr? Und daher war es wohl, daß es mir später beständig schien, als dufte Karl nach Wald. – Nein, ich muß dir erzählen, wie ›unbewußt‹ er war, – ja, welches andere Wort soll ich brauchen? Wir standen still und sahen über die See hinaus. ›O, welche Sehnsucht das weckt‹, sagte ich. ›Ja, nach dem Baden, nicht wahr?‹ sagte er.«

Magne brach in das hellste Gelächter aus; die Mutter lächelte. »Jetzt ist es mir nicht mehr so wunderlich. Für ihn war das Wasser mehr als für uns. Ins Bad stürzte er sich zu den unvernünftigsten Zeiten; wenn er nicht auf den Feldern oder im Bureau war, so war er dort. Für ihn war es das stärkste Naturgefühl; er wolle sich kalt fühlen durch die Umarmung der Erde, sagte er.«

»Du kannst dir übrigens denken, daß er selbst lachte. Ja, wir lachten, daß es ein Konzert wurde.«

»Aber, Mutter, wie wurde es dann? Jetzt kann ich nicht länger warten!«

»Ich kam nach Hause, als die Leute aufstehen wollten. Und wie in dieser Nacht auch in der nächsten und dann in der nächstfolgenden. Während einer Nacht regnete es, wir gingen zusammen unter einem Regenschirm. Das war es wohl, was dann den Ausschlag gab.«

»Den Ausschlag –? Wie das?«

»Freilich, wir waren nun einmal Arm in Ann gegangen, und da blieb es dann später beim Arm im Arm gehen.«

»Aber die anderen, Mutter? Habt Ihr denn die andern nicht gefürchtet?«

»Nein, die anderen existierten nicht für uns. Was ich sonst erlebte, weiß ich nicht mehr. Es kam so, daß wir uns eines Nachts hingesetzt hatten ...«

»Ach, jetzt kommt es!«

»Ich bat, mich setzen zu dürfen; ich konnte gleichsam nicht mehr. Die Nacht war herrlich, die Stille, und wir beide – er sprach mir beständig gerade in die Augen, und er wußte selbst nicht, wie diese Augen nun vor Glück strahlten. Ich hatte keine Worte, zuletzt keinen Atem mehr, ich mußte ausruhen. Und es vergingen nicht viele Stunden, da saß ich auf seinem Schöße.«

»War er es, der –?«

»Daran erinnere ich mich nicht genau; ich besinne mich nur noch, wie ich das erste Mal die Arme um seinen Hals geschlungen und das Gesicht an seinen Bart geschmiegt hatte ... die Wollust, etwas absolut Neues, selig bis ins innerste Innere. Diese Riesenarme um mich zu fühlen, ich wurde weit, weit fortgetragen. Aber wir saßen auf dem Stein.«

»Warst du wie außer dir?«

»Ja, sieh, das ist es! Man nennt es nämlich so; aber im Gegenteil, es ist das, daß man mit seinem ganzen Verstand in eine höhere Ordnung kommt. Bei ihm war ich doppelt ich selbst. Das ist die Liebe, alles andere ist nicht Liebe.«

»Mutter, Mutter, so warst du es, die sich auf seinen Schoß setzte? Du warst es!«

»Ich fürchte, ich war es. Er war gewiß zu bescheiden und scheu, zu einem solchen Beginnen. Ich war es gewiß. Ja, eigentlich weiß ich, daß ich es gewesen. Denn sein Leben muß man bergen. Und weniger galt es nicht. Ihm helfen dürfen, ihm folgen, ihn anbeten, mich ihm ganz hingeben, das oder nichts mehr. Ich glaube sicher, daß ich etwas Derartiges sagte, wenn ich ein einziges Wort sprach.«

»Ah, du weißt, daß du es gesagt hast!«

»Ich glaube, ich habe es gesagt. Aber aus solchen Stunden weiß man nicht zu unterscheiden, was man sagt, und was man fühlt.«

Sie blickte hin über den langen Thalweg. Sie stand da, wie jemand, der im Begriff ist, zu singen. Mit emporgehobenem Kopf, offenem Mund, auf die Töne lauschend, bevor sie kommen. Aber dem war nicht so; sie hörte die Töne wieder, die verklungen.

Bald darauf sagte sie ganz leise – die Tochter mußte näher an sie herantreten, das Stromesbrausen trug einzelne Worte fort –: »Jetzt sollst du etwas erfahren, Magne, – – du hast es nie von mir gehört, und andere haben es dir wohl auch nicht gesagt–«

»Was ist es, Mutter? Du machst mir beinahe Angst.«

»Als ich damals deinem Vater begegnete, – – war ich verlobt.«

»Was sagst du? – Du, Mutter?«

»Verlobt und sollte heiraten; ja, es war mein letzter Monat bei der Königin. Die Verlobung war geschehen und sollte unter höchster Protektion vollzogen werden.«

»Mit wem –?«

»Das ist es! – – Habe ich dir vorhin gesagt, daß ich mich, als ich damals deinen Vater traf, eigentlich selbst aufgegeben hatte?«

»Du, Mutter? – Nein.«

»Ich glaube nicht, daß das Leben etwas zu bieten, oder daß ich etwas zu erwarten habe. Die meisten Mädchen, die 28 Jahre alt werden, ohne daß etwas geschieht, – ja, daß etwas geschieht, was wert ist, daß man sich darum ermannt, – die glauben, es sei alles gleich. Jenes Alter, oder die Jahre um jenes Alter her, sind die gefährlichsten.«

»Was sagst du?«

»Da geben die meisten Mädchen es auf.«

Sie nahm den Arm der Tochter, drückte ihn, und dann gingen sie.

»Ich muß es dir also gestehen.« Aber darauf schwieg sie.

»Wer war es, Mutter?«

Sie sagte es so leise, daß die Mutter es nicht hörte, aber sie wußte, was es galt.

»Es war einer, vor dem du wenig Achtung hegst mein Kind. Und mit Recht.«

»Onkel!« – –

»Wie kommst du darauf?«

»Ich weiß nicht. – – Doch, war er es?«

»Er war es. Ja, ich sehe, du begreifst es nicht. Ich selbst habe es auch niemals begriffen. Denk' nur, dein Vater – und er! Und ungefähr gleichzeitig! – Was dünkt dich von mir? Aber nimm dich selbst in acht, mein Kind!« – »Mutter!«

»Nun, nun, – du hast eine Mutter; die hatte ich nicht. Und dann war ich bei Hofe. Und in dem gefährlichen Alter; das sagte ich dir. Da einem so ungefähr alles gleichgültig geworden ist.

Ich hatte ja auch das Spiel gespielt, dem wir heute zugesehen haben. Nicht mit deinen Anlagen. Ja, wende dich ab! – Ich hatte auch viel Ekel im Leben empfunden, unter anderm vor mir selbst. Und ging dann umher und verschmähte, bis es spät am Tage wurde.«

»Aber – mit Onkel!« rief Magne wieder aus.

»Damals sahen wir ihn mit anderen Augen an. Aber ich mag es jetzt nicht aufwühlen; ich gebe nur zu, daß es widerlich war.

Nun magst du darüber denken, was du willst; – ich meine über den Grund, daß es dazu kam.«

Die Tochter ließ den Arm der Mutter los und blickte sie an.

»Ja, Magne, wir handeln nicht immer so, wie wir sprechen. Ich sagte dir ja, ich war in dem gefährlichen Alter.

»Dann begreifst du auch, was ich fühlte, als ich deinen Vater sah. Denn es ist doch auch nicht nur lauter kleine Münze in mir.«

»Aber die anderen, Mutter? Wie hast du dich von den anderen losgemacht, – vom Hofe, von unseren Verwandten, von Onkel und all den Seinen? Das muß ja ein Aufsehen und ein Skandal gewesen sein, dem du die Stirn bieten mußtest!«

»Weißt du, Magne – all das wollen wir bis später ruhen lassen. Es gab gar keine »andern!« – Einige Fischer hatten uns gesehen, und die gingen darauf aus, zu erfahren, wer ich sei. Aber ehe es bekannt wurde, war ich abgereist, und vor Ablauf eines Monats war ich seine Frau. Ich war in die Hände des Mannes gekommen, der alles ganz that und es sofort that. Er war allzu unbeholfen, um anders als geradeaus zu begreifen. Es ging ohne Hindernisse.«

»Aber was sagten die Leute! Du guter Gott! Half es Vater, – ich meine im Urteil der Menschen – daß du die Seine wurdest?«

»Du meinst, daß er eine Hofdame geheiratet hat?« Sie lächelte.

»Weißt du, wie es hieß? Karl Mander habe auf einer Versammlung die Königin verleumdet; eine Hofdame habe es mit angehört, und einen Monat später sei sie mit Karl Mander auf und davon gelaufen. So ungefähr. Den rohesten Mann des Landes habe sie vorgezogen. So hieß es.«

»Natürlich. Die haben immer recht.«

»Im Jahr darauf schrieb ein Tourist in einer Zeitung, er habe die falsche Hofdame an einem Waschfaß gesehen. Ha, ha! Es war übrigens wahr. Du warst gekommen, und es war in der geschäftigsten Zeit; ich mußte schon zugreifen. Das thaten wir beide.«

»Mutter, Mutter, wie war es zu Hause? Als Ihr zusammenkamt, meine ich. Ach, die Herrlichkeit! Es muß doch das Erhabenste gewesen sein, was je auf Erden gelebt wurde? – O Mutter, mein ganzes Leben muß ich dir dankbar dafür sein, daß du mir das bis jetzt aufgespart hattest! Früher hätte ich es nicht verstanden.«

»Nicht wahr? Dergleichen kann man unmöglich einem Kinde oder einer Halberwachsenen erzählen. Aber ich erzähle nicht nur, um zu erzählen.

Wie wir zusammen lebten, fragst du. Zuerst denk' ihn dir! Eine Natur der Hingebung, die sehr wenig verstanden wurde. Wohl von einigen wenigen und auf gewisse Weise, aber nicht so, daß es einen selbst freute. Die Folge davon war, daß, wenn er Widerhall zu finden glaubte, er sich hingab, so daß er zum Narren wurde. War er in einer Gesellschaft, so betrank er sich, oder besser gesagt, er wurde betrunken gemacht, und dann ließ er seiner unbändigen Natur die Zügel schießen. Weißt du, – ja, ich will es dir erzählen! O! – In einer Gesellschaft schmeichelte eine Dame ihm (sie ist jetzt hier mit dem Kapitän verheiratet ), sie schmeichelte sich bei ihm ein, um die anderen zu amüsieren. Sie war sehr munter, ziemlich witzig, sie that, als sei sie ganz weg in ihn, so daß sie gar nicht genug hören, nicht genug fragen könne, und zugleich praktizierte sie immer mehr Wein in sein Glas, sie trank ihm zu, veranlaßte, daß all die anderen mit ihm tranken.«

»O Gott, Mutter!«

»Weißt du, wie das endete? Im Viehstall. Sie sperrten ihn in den Viehstall ein. Vor Wut bekam er einen Schlaganfall. – Das war die, die er durchs Fenster sah, als er auf der Rednertribüne stand. Dadurch wurde er nüchtern.«

Mutter und Tochter gingen schweigend weiter.

»Davon wußtest du damals nichts, Mutter? Erst später?«

»Nein. Hätte ich es gewußt, so glaube ich, daß ich geradenwegs zu ihm gegangen wäre, ihm die Hand gegeben und ihn herzlich begrüßt hätte, als ich ihn zum ersten Male sah.«

»Ich auch, Mutter!«

»Nach dem Leben mit ihm habe ich so viel gedacht. Weißt du, ich glaube, Genies haben dies Treuherzige und Unbändige. Es kommt daher allzuviel auf Menschen und Verhältnisse an, wie es ihnen geht.

Karl Mander hatte die Gewohnheit angenommen, allein zu reden; ihm war am wohlsten unter Bauern, sie störten ihn am wenigsten. Die Bücher und das Denken und die Landwirtschaft und die Bäder ... und dann und wann eine Orgie, eine Rede, am liebsten beides nacheinander, – das war sein Leben bis dahin.«

»Aber er trank doch nicht, Mutter? Es war ihm kein Bedürfnis zu trinken, nicht wahr?«

»Nicht mehr als dir und mir! Es war einzig und allein ein Ausbruch der Lebenswonne, des konzentrierten Sehnens. So das letzte Mal ...«

»Ja, das –! O Gott, weshalb warst du nicht dabei –?«

»Damals warst du ja gekommen, Kind, ich konnte nicht. Ich hatte dich an der Brust. Es wäre alles gut gegangen, wenn nicht jemand nach der Versammlung beim gemeinsamen Mahl so unvorsichtig gewesen wäre, meine Gesundheit auszubringen! Da ließ er sich die Zügel schießen! Das war der Gegenstand aller Gegenstände! Und den hatte er noch mit keinem erschöpfen können! Es soll gewesen sein, wie wenn man das größte Freudenfeuer anzündet, er hielt Reden über wenigstens zwanzig Eigenschaften von mir, und über die Ehe und die Vaterfreude, er ...«

Sie konnte nicht mehr. Sie setzte sich, und die Tochter setzte sich neben sie. Beide weinten. Das Brausen des Flusses strich mit harter Hand über sie fort, tröstete sie aber auf seine Weise. Wieviel wir auch weinen, es nützt nichts. Er geht, wie er geht, und er hält nicht inne, der schwere Weg zum Meere.

Durch die Sprache der Natur flüsterte die Erinnerung an sein trauriges Ende. Es erzählte sich düster in ihnen beiden, daß er sich nach der Mahlzeit in einem Bade abkühlen wollte, daß alle ihm abrieten, – daß es nichts nütze, – daß er von der höchsten Höhe hinabsprang, weiter und immer weiter ausgriff, als wolle er gleich nach Hause schwimmen, einen Krampf bekam und untersank.

»Mutter – – du bist's mir noch schuldig zu sagen, wie ihr zusammen lebtet?« Wieder nach einer Weile: »Mutter, das mußt du mir auch noch geben! Du hast es ja erzählt, ja, so ungeheuer viel davon erzählt. Aber das noch nicht, was ich jetzt wissen will! Die Liebe, Mutter, die Hingebung zwischen Euch beiden! Mutter, die muß ja gewesen sein, so daß wir anderen nicht darüber schlafen könnten.«

»Über alle Begriffe, Kind! Über alle Begriffe! Und weißt du, – die Verleumdung über uns, besonders die schmutzigen, anonymen Briefe, die Niederträchtigkeit, .... die half nach! Denn jedesmal schmiegten wir uns dichter ineinander! Er hatte nicht so feine Haut wie ich. Er begriff es erst durch mich. Die, welche dieses kleine Volk in gesellschaftlicher Beziehung leiten, sind nicht die Abkommen von Norwegern, sondern von Eingewanderten. So einer wie er konnte niemals mit ihnen auf gleichen Fuß kommen. Aber ich war eine von ihnen, und durch die Wirkung auf mich begriff er! Wurde er erst auf die Spur gebracht, ja, dann kannst du glauben –!

Von Natur war er ein Entdecker. Und als er nun erst richtig heraus fand, welchen Dingen ich mich ausgesetzt hatte, indem ich ihn wählte ... nun, das spornte!

Ja, hat es Lohn auf Erden gegeben, so gab er ihn! Nacht und Tag, den ganzen Sommer, den ganzen Herbst, den ganzen Winter, den ganzen Frühling gingen wir nicht voneinander. Unser Leben war ja eine Flucht vor der anderen, aber es war eine Flucht in ein Paradies hinein. Er schlug alle Einladungen aus, er hatte kaum Zeit, mit den Leuten zu reden, die zu uns kamen; er wollte sie nicht hier haben. Er und ich, und ich und er in den großen Zimmern und den kleinen Kammern, er bei mir, oder ich bei ihm. Und auf der Landstraße, auf den Feldern, auf der Alm, auf der See, auf dem Eise, bei der Arbeit, bei der Aufsicht zusammen, zusammen, oder, wenn fort von einander, dann nur, um so schnell wie möglich wieder zusammenzukommen. Aber je mehr wir zusammen waren, desto reicher wurde er. Das Größte für mich war nicht der Gedankenstrom, sondern der Mann. Einen Blick in seine Aufrichtigkeit zu thun, die klar bis auf den Grund war, das waren für mich die herrlichsten Stunden, die ich erlebt habe. Seine Hingabe an mich, oder wie ich es nennen soll, das sammelt sich in einem einzigen Bilde: sein großer Kopf auf meinem Schoß! Dorthin legte er ihn oft und sagte jedesmal: hier ist gut sein!«

Und nun legte die Tochter ihren Kopf in den Schoß der Mutter und schluchzte.

Es begann zu regnen, sie erhoben sich und mußten wieder umkehren. Die kleine Gruppe von Häusern oben an der Station lag im Regen ferner, wurde aber vertrauter. Auch die Landschaft bekam mehr gemeinsame Färbung und Freundlichkeit; die Birke duftete dreifach.

»Ja, nun, mein Kind, glaube ich, dir etwas von seinem Sehnen gegeben zu haben. Nicht wahr?« Sie beugte sich zu ihrem Antlitz hinüber.

Statt der Antwort schmiegte die Tochter sich an sie.

Es dauerte eine Weile, bevor sie wieder gingen.

»Du hattest das Sehnen; das ist ererbt, und ich habe es in dir gesteigert. Große Ziele, edle Männer und Frauen habe ich vor dir aufgestellt. Das that er. In hochherzigen Gedanken habe ich dich gebadet, wie er sich in der Natur badete, um die seinen zu kühlen.

Ich wußte, als ich dich hinausschickte, daß ich in seinem Geiste handelte. Aber ich selbst kannte die Rüstung, die du trugst, am besten. Sie war von ihm. Und doch – Magne.«

Unwillkürlich löste die Tochter ihren Arm aus dem der Mutter und blieb stehen. Sie stützte sich gleichsam auf sich selbst.

»Ja, ich sehe es. Das ist heute das dritte Mal. Du fühlst, daß ich dich angreifen will. Und ich will dich angreifen.

Es war in der Gesellschaft bei deinem Onkel, wo du zu mir sagtest, als ich mit hinein zum Souper wollte: »Mutter, du kannst deine Handschuhe ebensogut anbehalten.« – Du schämtest dich meiner Arbeitshände.«

»Mutter, Mutter –!« Sie bedeckte das Gesicht, sie wandte sich ab.

»Ich will dir's sagen, mein Kind, ohne diese arbeitenden und ordnenden Hände wärst du nicht das, was du jetzt bist. Hast du in einer Gesellschaft gelebt, in der es eine Schande für eine Dame ist, solche Hände zu haben, so ist das eine schlechte Gesellschaft.

Heute hast du dich an der Gesellschaft erfreut, – hast dich daran erfreut, als glaubtest du, du selbst seist etwas Großes geworden!«

»Nein, Mutter! Nein, nein!«

»Dem ist doch so! Vielleicht empfandest du auch Gewissensbisse dabei oder Furcht; das mag sein; ich stand ja dabei.

Aber jetzt ist die Wahl für dich gekommen. Ich wollte es gethan sehen, bevor du in das Haus deines Vaters tratest, mein Kind.

Arbeit oder das, – das andere.«

»O Gott, Mutter, du thust mir unrecht! Wenn du wüßtest –!«

»Kann ich dich dahin bringen, deinen Vater zu lieben, und ich will dir alles geben, und die Fähigkeiten hast du, – kann ich dich dahin bringen, ihn so recht, recht zu lieben, ja, dann weiß ich, welchen Dingen du entgegengehst. – Wir Frauen müssen lieben, um zu glauben.«

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