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Gutenberg > Lily Braun >

Mutter Maria

Lily Braun: Mutter Maria - Kapitel 4
Quellenangabe
typedrama
authorLily Braun
titleMutter Maria
publisherVerlagsanstalt Hermann Klemm A.-G.
seriesLily Braun - Gesammelte Werke
volumeVierter Band
printrun1.-20. Tausend
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070919
projectid35ed0622
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Dritter Akt

Im Palast der Mediceer zu Florenz. Vorraum des großen Festsaals, gegen diesen durch einen Vorhang abgeschlossen. Rechts ein tiefes, breites Fenster. Links eine Türe. Es treten auf: Giuliano Medici, Lorenzo Medici und der Pater Inquisitor, Abt von Fiesole.

Giuliano
Er schlug ihn mit der Peitsche ins Gesicht?
Beim Zeus, Lorenzo, dieser wilde Knabe
Bezeugt durch Taten, daß er meines Bluts!
Und Ihr, Herr Abt, beklagt Euch, weil des Fraters
Aszetenantlitz rot gezeichnet wurde?
Den Heiligen zu danken käm' Euch zu.
Daß sie den frommen Mann des Martyriums
Gewürdigt haben.

Der Abt
Wie gedenkt der Herzog
Die Schmach zu sühnen?

Giuliano
Seid mein Gast heut abend.
Mit Euren eignen Augen sollt Ihr sehn.
Wie ich den lohne, der die Tempelschänder
Aus Venus' Reich vertreibt.

Der Abt
Ihr spottet unsrer?!
Herr Herzog, hütet Euch! Auf schwankem Grunde
Steht Eure Macht, und sie versinkt im Moor,
Wenn Ihr Euch auf den Boden unsrer Kirche,
Den felsenfesten, nicht zu retten strebt.
Es wird Euch nicht verborgen sein: Versagt
Die weltliche Gerechtigkeit –

Guiliano (spottend, den Abt unterbrechend)
So ist
Das heilige Offizium rasch zur Stelle! –
Trinkt ein paar Flaschen Wein mit mir. Die Kehle
Ist Euch ganz ausgedörrt vom langen Dursten;
Mit solcher Stimme predigt Ihr umsonst.
Wart Ihr in Rom? Noch nicht? So sputet Euch,
Daß Ihr es vor dem Hades noch erreicht.
Und lernt, was fromme Weisheit längst erkannte:
Daß Gott gehört, was Gottes ist – die Seele –,
Und dieser Leib der sündhaft schönen Welt.
(Von der Straße her tönt das Geräusch des nahenden Zuges, Musik und Gesang. Giuliano eilt zum Fenster, das er öffnet.)
Da sind sie. Welch ein Anblick, so viel Jugend
In diesen grauen Mauern! Bin ich nicht
Selbst wieder zwanzig Jahre alt? Ich kenne
All diese süßen Mädchen. Die Marietta,
Die Rosa ist's – die kleine Tullia dort –
Noch fühl' ich eure Küsse auf den Lippen!
(Er sieht hinaus und winkt ihnen zu.)

Lorenzo (zum Abt)
Mein Oheim ist heut spaßhaft aufgelegt.

Der Abt
Ihr meint? Ich sehe nur den Ernst der Stunde.
Der Herzog kam zurück, so wie er ging.

Lorenzo
Ich aber – komme nur.

Der Abt
Versteh' ich recht?

Giuliano (rasch dazwischentretend)
Hier gibt's kein Mißverstehn. Mein teurer Neffe
Stellt sich Euch vor und bietet sich Euch an.
Er lernte Händefalten, Augendrehn
Und ist bereit, sogar das Knie zu beugen,
Wenn's einen Vorteil gilt. Und alle Sünden,
Die er begeht, deckt er hübsch sauber zu, –
Er wird Euch niemals Ärgernis erregen.
Im übrigen ist er mein guter Freund
Und nur im Augenblick nicht recht bei Laune –,
Ein Schloß in Spanien ist ihm abgebrannt!

Der Abt
Noch bin ich ohne Antwort. Welche Sühne
habt Ihr beschlossen?

Giuliano
Keine.

Der Abt
So lebt wohl.

(Der Abt entfernt sich.)

Lorenzo
Gestatte, Oheim, daß ich mich entferne.

Giuliano
Du bleibst. Ich wünsche, daß mein Sohn –

Lorenzo (spottend)
Dein Sohn?!

Giuliano
Höre, Lorenzo, treib' es nicht zu weit.
Wenn meine gute Laune einmal aufhört,
Dann schmoll' ich nicht wie ein verwöhntes Kind,
Dann weiß ich den zu treffen, der die Schuld trägt.

Lorenzo
Vor Schaden nur bewahrte ich dich gern.
Vor bill'gem Spott den Namen Medici.
Wer kennt die Liebesfreuden einer Magd?

Giuliano
So wisse denn, viel eher zweifle ich dran,
Daß ich im Bett der Medici erzeugt bin.
Als daß ihr Sohn nicht meines Samens ist!
Sie war so keusch, daß selbst der blasse Mond
Vor ihr erröten müßte, war so rein.
Daß sie mich liebte und es nicht verstand.
Was ich noch mehr begehrte als ihr Lächeln.

(Lucrezia kommt hastig und erregt herein.)

Nun Allerschönste, nun du Botin Amors?
Ging unser holder Findling in dein Netz?

Lucrezia
Er ist im Hof.

Giuliano
Und ist noch nicht bei mir?

Lucrezia
Er spricht zum Volk, das sich ihm nachgedrängt.
Die Mär von seiner Tat ging vor ihm her.
Als trüge sie der Wind auf seinen Flügeln.
So wie ein Flußbett in der Frühlingszeit,
Das bis zum Rand die wilden Wasser füllen,
Erschienen alle Straßen, als er kam.
Von seinem Amboß lief der Schmied, der Bäcker
Von seinem Mehltrog und der Koch vom Herd;
Wen nur die Füße trugen: kleine Kinder,
Die kaum dem Gängelband entwöhnt, und Greise,
Die sich auf Krücken mühsam fortbewegten –
Sie alle strömten ohne Glockenläuten
Und ohne Führer, wie besinnungslos,
Den gleichen Weg, dem Venuszug entgegen.
Wo sich ein Priester ihm entgegenwarf,
Da übertönte seine Litaneien
Ein einz'ger Ruf: Es lebe Aphrodite!

Giuliano
Und er – Angelo?

Lucrezia
Ging dem Zug voran;
Die Rechte krampfhaft um die Peitsche klammernd.
Das Antlitz starr und bleich. Ich bot ihm Wasser
Zu wiederholten Malen auf dem Weg –
Er wies mich ab – er sah mich nicht einmal.

Lorenzo
Euch nicht zu sehn, ist freilich ein Verbrechen.

Lucrezia
Die Diener, die ihn schmücken wollten, trieb er
Mit rauhen Worten fort.

Giuliano
Was aber fesselt
Ihn länger noch an das gemeine Volk?

(Man hört draußen wiederholt Heilrufe.)

Lorenzo
Ihm mag nicht fremd sein, daß des Volkes Fäuste
Oft besser treffen als der Fürsten Schwert.

Lucrezia
Er spricht von einem Gott, der auferstanden.
Von einer goldnen Zeit – sie jubeln laut! –
Hätt' er sich nicht gesträubt, sie trügen ihn
Auf ihren Schultern durch Florenz.

Giuliano (tritt an das Fenster, das er weit öffnet)
Dies Volk
Hört niemals auf, ein Kind zu sein. Ihm ist
Das neuste Spielzeug stets das allerschönste;
Wonach es gestern voll Entzücken griff.
Das schimmelt heut im Winkel. Doch mein Sohn
Versteht sein Herrscherhandwerk.
(Er sieht hinaus, man hört Sprechen und Schreien.)

Lorenzo (hält Lucrezia zurück, die gehen will)
Schönste Frau,
Ihr seid in meiner Schuld.

Lucrezia
In Eurer?

Lorenzo
Ja.
Entsinnt Euch nur, als wir im Lager waren
Vor den verschloss'nen Toren von Florenz,
Und Ihr ganz früh, im ersten Morgengrauen,
Aus meines Oheims Zelt entschlüpftet, – heiß
Noch von der heißen Stunde –, rieft Ihr nicht
Mir lachend zu: Erobert jene Stadt!
Und jauchzend flieg' ich
In jedes Mediceers Siegerarm.
Ich fordre heut mein Recht.

Lucrezia (verächtlich)
Seid Ihr ein Sieger?

Lorenzo
Die feile Lagerdirne spottet noch?

(Angelo erscheint in der Türe links, von vielen Menschen gefolgt. Lorenzo bemerkt ihn und stößt Lucrezia mit brutaler Gebärde ihm entgegen, so daß sie dicht vor ihm zusammenbricht.)

So sei des Bastards!

Angelo (neigt sich zu ihr und hebt sie auf)
Tat er Euch sehr weh?

(Der Herzog wendet sich vom Fenster weg und mustert Angelo ruhig, der keinen Schritt ihm entgegentut, sondern seinen Blick stumm erwidert.)

Giuliano
Du hast kein Wort für deinen Vater; trägst
Das staub'ge Kleid des Klosterschülers noch
Und machst im Hof gemein dich mit dem Pöbel?

Angelo
Ich wartete auf einen Gruß von Euch.
Auch wüßt' ich nicht, daß über seinem Kleide
Ihr Euren Sohn vergessen könnt. Der Pöbel,
Von dem Ihr sprecht, ist Florentiner Volk.

Giuliano (zu dem sich vordrängenden Volk)
Macht, daß ihr weiterkommt! Für euch Gesindel
Brät schon ein ganzer Ochse auf der Piazza,
Und aus den Brunnen fließt euch reiner Wein.

(Sie drängen eilig hinaus, nur Giuseppe, der unter ihnen ist, zögert noch.)

Das Florentiner Volk! Du bist ein Träumer!
Was will der Alte noch?

Angelo
Er war mein Vater.

Giuliano (zu Giuseppe, der gebückt, die Kappe in der Hand drehend, vor ihm steht)
Ihr zähmtet diesen jungen Löwen schlecht.
Das dank' ich Euch. Ich mag das Haustier nicht.
Das mit dem gleichen demutsvollen Nicken
Sich streicheln und sich schlagen läßt. Nehmt hier,
(er wirft Giuseppe einen Beutel zu)
Ich fülle mit Dukaten Euch die Kappe.
(Giuseppe will unter Dankesbezeugungen gehn.)
Noch eins.
(Er zieht ein verblichenes Band aus der Brusttasche.)
Bringt Eurem Weibe dieses Band.

Angelo (entreißt ihm das Band)
Tut's nicht: Sie würf's Euch vor die Füße.

(Giuseppe drückt sich ängstlich zur Tür hinaus.)

Giuliano
Ah!
Aus diesem Wetterloche pfeift der Sturm?
Hier aber ist die Grenze. Ich gestehe
Dir, Knabe, nicht das Recht zu, Rechenschaft
Von mir zu fordern. Was weißt du davon.
Welch wilde Bestien dieses Herz, dies Leben
Zum Fraß sich ausgesucht? So wie ich bin,
Ward ich durch ihre Schuld; sie floh von mir
Im Augenblicke, da ich weicher Ton
In ihrer, sanften Hand geworden wäre.
Dies Band – das letzte, was mir von ihr blieb –
Für meines Sohnes Herz wollt' ich es tauschen!
Durch ihn verwirft sie mich zum zweitenmal.
(Er wendet sich ab.)

Lucrezia
Seht, Angelo, er leidet.

Angelo
Sie litt mehr!

(Die Venusstatue wird hereingetragen; viele folgen ihr, darunter auch die Freunde Angelos. Der Vorhang teilt sich einen Augenblick und schließt sich hinter der Statue wieder. Nur die Freunde bleiben zurück.)

Pietro
Mein teurer Freund.

Giuliano (wendet sich rasch um, mit lauter Stimme)
Angelo Medici!

Gasparo
Wir grüßen dich, Besieger aller Seelen!

Roberto
Und warten dein, du Priester Aphroditens!

Cesare
Hör' nur die Kirchenglocken, wie sie wimmern,
vergebens locken sie. Vergebens toben
Die Priester von den Kanzeln wider dich.

Angelo
Daß sie mich fürchten, ist mein erster Sieg!

Gasparo
Sie rufen laut, du seist der Antichrist!

Angelo
Bei Gott, sie haben recht: Der Antichrist,
Der die Gesetze umstößt, die sie schufen.
Mit denen sie den Geist in Fesseln schlugen,
Die Augen blendeten, so daß das Licht
Als Finsternis erscheint, das Leben selbst
Zum Laster wurde und der Tod zur Tugend.

Cesare
Der Satan sei dein Vater, sagen sie;
Durch seinen Samen sei der Göttin Leib
Fruchtbar geworden.

Giuliano
Welch ein guter Witz!
Die schwarze Bande soll vor Wut verrecken
In ihrem eignen Gift. Jetzt bin ich wieder
Der, der ich war. Rührsel'ger Mummenschanz
Paßt nicht für mich. Laßt uns in Eisen gehn,
Wie's Fürsten zukommt.
(Er reicht Angelo die Hand, in die dieser einschlägt. Dann wendet er sich zu Lucrezia.)
Sieh nur, unser Schätzchen,
Wie es dir Augen macht! Bist du verliebt
In diesen Jungen? Du errötest gar?
Warum? Du bliebst sein sittsam in der Sippe.
Zieh' ihm zunächst dies schwarze Röllchen aus
Und küsse ihm die Schwermut von den Lippen.
Das steht uns nicht, mein Sohn; auf unsern Zügen
Hat stets das Glück zu strahlen.

Angelo
Heuchelei
Versteh' ich nicht, und dieses Herz hat mir
Das Leid gestählt und meines Werkes Strenge.
Schenkt Euch die Müh', Lucrezia.

Giuliano
Wie, du magst
Die Schöne nicht? – In einer einz'gen Nacht
Lehrt sie dich alle Liebeskünste Roms,
Und du vergißt im Rausch, was je dich quälte.

(Sie verschwinden alle durch den Vorhang, der von nun an offen bleibt, gehen durch den Saal und verlassen ihn durch eine Tür im Hintergrund. Es erscheinen Diener und Pagen mit brennenden Kandelabern, Blumenkränzen, Stühlen usw.)

Ein alter Diener
Hierher die roten Sessel; dort die Leuchter!
So war's, als der Magnifiko noch lebte
Und wir das Fest des großen Heil'gen Plato
In diesem Saale feierten.

Ein Page
Welch Glück
Hat dieser Angelo! Vor wenig Monden
Saß ich mit ihm noch in der Klosterschule
Und borgt' ihm meinen Griffel.

Ein zweiter Page
Laß ihn dir
Mit Gold bezahlen. Heute wird's ihm leicht.

Ein Diener
Er bringt uns Glück! Dem Schatz, der lange schon
In Kisten und in Kasten trauernd schlief,
Schloß er die Schleusen auf. An diesem Abend
Strömt mehr durch unsre Stadt als je vorher
In zwei Jahrzehnten.

Eine Dienerin (die mit einem Fruchtkorb auf dem Haupt durch den Saal geht)
Seine Mutter aber
Liegt weinend schon seit Stunden auf den Knien
Vor dem geweihten Muttergottesbild
In San Lorenzo.

Eine zweite Dienerin (ihr entgegenkommend)
Seine arme Mutter!
Ihr Mann, der Zimmermeister, ist schon jetzt
Voll süßen Weins. Ich sah ihn, wie er sie
Vom Betpult fort nach Hause zerren wollte.

Eine dritte Dienerin
Mein Beppo schwor mir zu – Chorknabe ist er
Und ging an ihr vorbei – daß die Madonna
Von San Lorenzo sich ihr zugeneigt
Und ihr, wie zum Gelöbnis, gar die Hand
Gegeben hat!

Die erste Dienerin
Sie ist die frömmste Frau!

Eine alte Dienerin
Im Hofe hockt sie jetzt, dicht bei der Treppe,
Wie ein versteinert Heil'genbild. Es liegt
Ein seltsam Leuchten auf den blassen Zügen.
Ihr könnt – so sagt' ich – nicht die ganze Nacht
Hier auf den Fliesen liegen; doch sie sprach:
Ich warte meines Sohns durch tausend Nächte
Mit Augen, die kein Schlaf befällt.

(Lorenzo und der Abt kommen im Gespräch, die Dienerinnen laufen auseinander.)

Lorenzo
Wir sind die Ersten.

Der Abt
Eine Frage noch:
Ihr seid gewiß, der Herzog gibt es zu,
Daß hier ein heidnisch Fest gefeiert werde?

Lorenzo
Ihr zweifelt noch? Angelo hat sein Wort.

(Roberto und Cesare kommen durch den Saal.)

Cesare
Hochwürdigster, Ihr stiegt sogar herab
In diesen Pfuhl des Teufels?

Der Abt
Ist er das?

Cesare
Was sonst für Euch? Es wird ein Bacchanal!

Der Abt
Ich denke, man erwartet röm'sche Botschaft
Und rüstet sich zur Feier, daß zum Papst
Ein Medici gewählt?

Roberto
Kann man die Wahl
Solch eines Heil'gen Vaters besser feiern
Als durch ein Fest der Venus? Angelo
Wird eine Predigt halten, daß Ihr staunt.

Der Abt
Ein lust'ger Kardinal – ein frommer Papst,
Ihr könntet euch verrechnen, edle Herren.

(Sie gehen weiter.)

Der alte Diener (kommt wieder, zwei Männer tragen ein bekränztes Rednerpult ihm nach)
Hierher. Derselbe Platz, wo einst Ficin
Gesprochen hat. Gott, daß ich dies erlebe!

(Der Saal füllt sich von allen Seiten mit Gästen, die nächsten abgerissenen Unterhaltungen werden durch die Vorbeigehenden geführt.)

Ein Gast
Hm. Er versteht's.

Ein zweiter Gast
Und sorgt für Überraschung.

Ein dritter Gast
Ein harter Bissen für Lorenzo ist's.

Ein vierter Gast
Ich gönn's dem Leisetreter.

Der Abt (zu einem anderen Geistlichen)
Sein wir klug;
Kundschafter sandt' ich aus; der Kardinal
Kann nicht mehr fern sein, und der Hexentanz
Hat dann ein Ende.

Eine Dame
Hörtet Ihr, man sagt.
Er sei sehr schön.

Eine andere Dame
Und keusch, wie eine Nonne!

(Sie lachen. Der Herzog und neben ihm Angelo, fürstlich gekleidet, von Lucrezia gefolgt, treten auf.)

Giuliano
Seid mir willkommen. Freunde, Anverwandte.
Ich grüße euch und bring' euch meinen Sohn
Und meinen Erben. Seid ihm wohlgewogen.
In meine Faust zwang das Geschick das Schwert,
Ließ mich die Pflege sanfter Kunst vergessen.
Die sonst die Zierde meiner Sippe war;
Er ist ein Medici der alten Art.
Er weihe dieses alte Haus der Ahnen
Dem Glück und Glanz des kommenden Geschlechts.

(Die Herzogin Filiberta kommt, gefolgt von jungen Leuten, rasch durch die vordere Türe links und drängt sich durch die Reihen der Gäste, bis sie vor dem Herzog und Angelo steht.)

Filiberta
Ich bin zu spät – nicht böse sein, Giuliano!
Du glaubst nicht, welchen Spaß wir hatten. Nicht?
Das ganze edle Florentiner Volk
Schwankt, schwer bezecht, umher; und Liebespaare
In zärtlicher Umschlingung liegen selbst
Auf Kirchenstufen! – Ist das Angelo?
Wie nett von meinem Gatten, daß er mir
Solch einen schönen großen Sohn bescherte!
Wir wollen Freunde werden, nicht, mein Lieber?

(Sie hebt Angelo den Mund entgegen, er küßt ihr förmlich die Hand. Das Herzogspaar nimmt Platz, die Gäste hinter ihm. Angelo betritt das Rednerpult, er spricht zuerst befangen, wie unter den vorhergehenden Eindrücken stehend, dann immer entrückter, so daß er die Zwischenrufe und Bemerkungen der Zuhörer gar nicht beachtet.)

Angelo
Das Fest der Auferstehung Christi feiert
Die Kirche bald. Und Siegeshymnen singt sie,
Weil Gottes Sohn gen Himmel fuhr. Wir aber,
Wir feiern heut ein Auferstehungsfest
Des Lebens selbst, des ew'gen Liebeslebens
In diesem Bild der auferstandnen Göttin.

Filiberta
Er ist so schön wie Eros!

Angelo
Unsre Heimat
Ist nicht der Himmel, sagt ihr stummer Mund,
Und unser Gott ist nicht der ferne, fremde.
Der sich zur Lust ein Menschenspielzeug schuf,
Und um zu proben, ob die lieben Puppen
Ihm auch getreu am Faden tanzen, listig
In ihren Garten die, Versuchung pflanzte;
Der dann, so wie ein König über Sklaven,
Zu ew'gem Frondienst sie verdammt.

Ein Gast
Er spricht
Rhetorisch ungeschult.

Ein zweiter Gast
Doch mit Talent.

Angelo
Der mit dem Odem seiner Göttlichkeit
Den Erdgebornen nicht einmal die Kraft
Gegeben hat, von den Galeerenketten
Ererbter Schuld sich selber loszureißen,
Der seinen Sohn erst für sie opfern mußte!
Der Gott, den wir empfinden, der uns lebt,
Ist dieses Leben selbst, das in uns atmet.
Die Muskeln strafft, in Sehnsucht vorwärts drängt,
Uns Schönheit schaun, Weisheit begreifen läßt
Und unsre eigne kurze Spanne Leben
Todüberwindend einfügt, einen Ton
In die erhabne Melodie der Sphären.

(Allgemeines Beifallklatschen unterbricht ihn.)

Ein Gelehrter
Er ist ein zweiter Plethon!

Eine Dame
Ein Apoll!

Cesare
Das Leben unser Gott!

Roberto
Und der Genuß!

Der Abt
Er ist des Teufels!

Lorenzo
Doch er reißt sie fort.

Angelo
Und unser Gottesdienst ist nicht Gebet
Vor blut'gen Marterkreuzen und nicht Buße
Um Sünden, die der Geist der Gotteslästrung
Zu Sünden erst gestempelt. Heißt es nicht
Gott lästern, wer das Leben lästert? Ist
Nicht Leben, göttlich Leben, in der Hand
Des Künstlers, der dies Bild der Schönheit schuf?
Nicht göttlich Leben in dem Haupt des Mannes,
Der über Sternen neue Welten denkt? –
Wenn sich das Vöglein, süßen Ahnens voll,
Ein Nestchen baut, und wenn der Feige Samen
Die Hülle sprengt und in den üpp'gen Schoß
Der Erde gleitet, – wenn des Jünglings Auge
Dem Mädchen trunken folgt und sein Gefühl
Aus seinem Innern tausend neue Kräfte
Zum Leben löst – so ist das Gottes Stimme;
Sie ruft: Es werde! über Zeit und Raum.
Uns aber raunen falsche Priester zu:
Die Erde ist des Teufels; wer das Auge
Am Sehen hindern kann, das Herz am Fühlen,
Wer Niedrigkeit und Armut selbst erwählt.
Statt nach den höchsten Kronen stolz zu greifen.
Den schmücken sie mit einem Heil'genschein.
Ich aber sag' euch: Dieser lästert Gott.

Viele junge Leute
Heil – Angelo! Heil – Medici, Erlöser!

Der Abt
Ein Sakrileg! Ein unerhörter Frevel!
(Ein Mönch tritt ein, flüstert mit dem Abt, dieser erhebt sich rasch.)
Die Stunde schlägt, die diesen Wahnwitz straft!

(Er geht, von Lorenzo gefolgt. Während der folgenden Worte Angelos wird die allgemeine Unruhe immer größer. Man steht verschiedentlich auf, geht zu den Fenstern und flüstert miteinander. Angelo selbst wird umringt, bemerkt aber zunächst weder die Unruhe, noch die Huldigungen, die man ihm darbringt.)

Angelo
Zur Schönheit beten wir!

Zwei junge Mädchen (heben knieend einen Pokal zu ihm empor)
Du Allerschönster.
Wir opfern dir in rotem Wein; er glüht
Wie unser Herz für dich!

Angelo
Der Größte aber
Und Heiligste ist nicht, der sich verlöscht,
Damit der Kerzenglanz auf den Altären
Sich nicht verdunkle – nein, der ohne Furcht
Den Funken Gottes in sich selbst entfacht
Und vor der Menschheit, die in Finsternis
Verzweifelt irrt, wegweisend, aufwärts flammt,
Und weithin leuchtet, eine Feuersäule.

(Ein Diener tritt zu Giuliano.)

Giuliano (leise)
Was soll der Lärm?

Der Diener
Der Kardinal Bibbiena.

(Giuliano springt auf und geht bis zur Tür.)

Filiberta
Du mußt mein Meister sein im Venusdienst;
Nicht wahr, da gibt's Mysterien, unerhörte?

Cesare (etwas ironisch)
Welch ein Erfolg!

Pietro
Das war ein Meisterstück!

Roberto
Die schönsten Mädchen sind heut abend dein!

Gasparo
Und gelb vor Neid sind alle Schreiberseelen!

(Angelo sieht mit erwachendem Verständnis von einem zum andern.)

Angelo (wild ausbrechend)
Buhl' ich um Beifall wie ein Komödiant?!

(Der Kardinal Bibbiena, gefolgt von Priestern, tritt mit Giuliano, Lorenzo, dem Abt usw. in den Saal. Er ist im roten Kardinalsgewand. Wie er die Arme segnend erhebt, fällt alles in die Knie, nur Angelo bleibt aufrecht stehn.)

Bibbiena
Der Stadt Florenz, die einst den Knaben zärtlich
In ihren Armen hegte, sendet Leo,
Der Heil'ge Vater, den die Kardinäle
Einstimmig wählten, seinen treuen Gruß.
Sie wird, wie stets, so hofft er, an dem Himmel
Der Christenheit als heller Stern erstrahlen.

(Alles umdrängt ihn, um ihm die Hände zu küssen.)

Der Segen Gottes schützte meine Reise,
Drum kam ich unerwartet.

Der Abt
Nicht zu früh!

Bibbiena (geht weiter und bleibt vor Angelo stehen).
Dies ist der junge Mann, von dessen Streichen
Mir vor den Toren schon die Kunde kam?

Giuliano
Mein Sohn.

Bibbiena
Ganz recht. Man sagte so. Allein
Euch hat die Freude, wie mir scheint, verwirrt.
Wir wissen längst: der liebe Herzog läßt
Der frohen Laune gern die Zügel schießen,
Die der Verstand erst eben fester schnallte.
Gebt diesem Knaben einen Mentor; laßt
Ihn ein paar Jahre, ferne von Florenz,
Die Welt betrachten. Unser heil'ger Vater,
Besorgt um diese Stadt, trug mir besonders
An Euch die Mahnung auf, nicht zu vergessen.
Daß er den jungen Herzog von Urbino,
Auf dessen Klugheit und ergebnen Sinn
Er zuversichtlich baut, zur Seit' Euch stellte.
Ihr seid ein Krieger, doch kein Staatsmann, Herzog.
(Er geht weiter.)

Giuliano (zu Lorenzo)
Das dank' ich dir! Noch etwas mehr der Predigt,
Und du kannst ruhig sein: ich steig' zu Roß
Und such' mir wieder freies Feld, wo Stürme
Mir um die Stirne wehn.

Lorenzo
Tut, was Euch frommt.

Bibbiena (wendet sich nochmals zu Giuliano)
Noch eins: Der Heil'ge Vater würde trauern.
Erführe er, daß sein getreuer Knecht
Im Dienst der Kirche schwer beleidigt wurde.
Nicht wahr. Ihr sorgt dafür, daß Euer Sohn
Die Kirchenbuße, die ihm auferlegt,
Treulich erfülle? Dann versprech' ich Euch,
Sei zwischen uns das übrige vergessen.

(Der Kardinal, von der ganzen Gesellschaft gefolgt, geht durch den Saal, den alle durch die Türen im Hintergrund verlassen. Nur Angelo und Lucrezia bleiben zurück. Angelo stürzt nach vorn, zerrt mit einer wilden Gebärde den Vorhang herunter und umschlingt Lucrezia.)

Angelo (in höchster Verzweiflung)
In einer Nacht – die Liebeskünste Roms –
Die Nacht ist da – jetzt gib mir das Vergessen!

(Hinter dem Vorhang werden Schritte und Stimmen hörbar. Jemand scheint mit Metall gegen Marmor zu schlagen.)

Angelo
Was regt sich dort?

Lucrezia
Komm mit mir, holder Freund!
In meiner Kammer ist es still – ganz still.
Ein Brunnen nur rauscht vor dem Fenster leise
Und deckt mit seiner Flüsterstimme
Den Ton der Küsse, die wir tauschen, zu.

Angelo
Laß mich!
(Er hebt den Vorhang. Man sieht Giuliano und den alten Diener mit einer Blendlaterne vor der Venusstatue.)
Der Herzog! Still!

Giuliano
Wo war es nur?

Der alte Diener
Am Fuß hier, mein' ich.

Giuliano
Nimm den Bohrer, rasch!
Wer weiß, wie bald das Gold mir nötig ist!
Mag er die Macht behalten, – dies ist mein!

Der alte Diener
Ich find' es nicht, – die Öffnung war versteckt
Und gut mit Gips verschmiert.

Giuliano
So schlage zu!
Was zögerst du? Die drüben hören nichts.
Sie sind beim Saufen; selbst der Kardinal
Hat einen roten Kopf, und Filiberta
Kraut ihm das Kinn.

Der alte Diener
Mein lieber, gnäd'ger Herr!
Im Volke heißt's, das Glück der Medici
Zerbricht, wenn sie verletzt wird.

Giuliano
Aberglaube!

(Er entreißt dem Diener das Beil und haut gegen die Füße der Statue, die mit ungeheurem Getöse nach hinten fällt, ehe der hinzustürzende Angelo es verhindern kann. In der Ferne bläst die Musik eine Fanfare. Giuliano und Angelo sehen einander stumm an. Angelo weist den Vater mit einer heftigen Gebärde zurück. Dieser reißt aus dem stehengebliebenen unteren Teil der Statue einen Beutel an sich und eilt davon. Angelo bricht in ein konvulsivisches Lachen aus, schlägt die Hände vor das Gesicht und stürzt links zur Türe hinaus, die Treppe hinunter.)

Maria (Stimme von unten)
Angelo!

Der Vorhang fällt.

Ende des dritten Aktes.

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