Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Söhle >

Musikanten und Sonderlinge

Karl Söhle: Musikanten und Sonderlinge - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMusikanten und Sonderlinge
authorKarl Söhle
year1900
firstpub1900
publisherB. Behr's Verlag (E. Bock)
addressBerlin
titleMusikanten und Sonderlinge
pages190
created20180713
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Die Konferenz.

Vivat hoch, Mittwochnachmittag! Keine Schule! Und morgen Himmelfahrt, ein vollständiger Ferientag!

In majestätischer Ruhe, feierlich langsam, groß, stolz wie eine Königin gleitet die Sonne am Himmel dahin ihre Bahn, mütterlich sich weidend an der Pracht tausendfältigen Grünens und Blühens unten allüberall. Keinen Blick wendet sie ab: »Na ja, bin zufrieden heuer mit der Fichtenhagener Gegend, ja alles in bestem Gedeihen.«

»Na, Kollege Dörge, mach dich schnell fertig. Nä, 'rein will ich nich erst kommen, sonst schnackt man sich doch ümmer fest. Ich wart' hier draußen. Komm her, lang erst 'mal 'raus aus 'm Fenster – da, leg's ihr auf die Kommode: hab' deiner Altschen endlich Witschels ›Morgen- und Abendopfer‹ mitgebracht, sollt's ihr doch all ümmer leihen. Sput' dich aber auch 'n büschen, Kollege. Prachtvolles Wetter, die Birken geben Schatten die ganze Celler 156 Chaussee 'rauf. Wollen langsam hinbummeln, so ganz öhtepetöhte, in Ruhe und Gemütlichkeit, Zeit haben wir ja überleidig bis Glock halwig vier beim Fichtenhagener Pastoren.«

Kaum sind zwei Minuten vergangen, da schütteln die beiden alten Freunde und Nachbarkollegen, die Lehrer Schein aus Hechelkamp und Dörge aus Runkelfeld, einander kräftig die Hände und wandern zunächst vorsichtiglich hintereinander die Furche des großen Kartoffelackers vorm Schulhause hinauf. Dann geht's hopps über den Chausseegraben weg und mit Anken und Janken durch das mannshohe Ginstergestrüpp den Chausseewall hinauf. Oben angekommen, lehnt sich zunächst jeder still für sich an eine Wegbirke, und als man sich verpustet und der Atem einigermaßen sich wieder beruhigt hat, beginnt die Wanderung von neuem und nach und nach fassen die Füße Takt und festen Tritt.

Nach etwa halbstündigem Marsche haben sie die scharfe Biegung des großen Kain erreicht, wo die Celler Chaussee und die alte Braunschweig-Hamburger Heerstraße sich kreuzen, und knapp hundert Schritte weiter tauchen bereits die weitverstreuten kleinen Weddersehler Abbauerstellen vor ihnen auf.

Als sie ins innere Dorf kommen, sich dem Kruge nähern und gerade überlegen, ob's nicht 157 geraten wäre, sich heut mal einen kleinen Wachholderbittern zu genehmigen, da platzt unversehens Karl Berkebusch, der neue, junge Weddersehler Kollege ihnen in den Weg. Und da er ebenfalls nach Fichtenhagen will, so verlangt's die heilige, unverletzliche Kollegialität gebieterisch von ihm, sich wohl oder übel den Kollegen von Runkelfeld und Hechelkamp anzuschließen, obschon er beide nicht riechen kann und sie innerlich zu allen Teufeln wünscht, zumal heute.

Ernst, stumm, wie träumend, tief im Innern unaufhörlich mit sich selber beschäftigt, schreitet Berkebusch neben den beiden Alten seines Wegs fürbaß.

Auf all ihr neugieriges Gefrage bringt er kaum mehr als ein mechanisches Ja oder Nein über seine Zähne.

Zuweilen ist's, wie wenn er sich aufrappeln und sich höflich entschuldigen wollte, und ein verlegenes Lächeln zuckt krampfhaft um seine Mundwinkel, wobei es jedoch sein Bewenden behält.

Berkebusch merkt nicht, wie die beiden nach und nach anfangen, sich über ihn lustig zu machen, wie sie ihn spöttisch von der Seite beäugen, den Kopf schütteln, sich vielsagend zuplinken und wie Vater Dörge sogar einige Male fatal bedeutsam mit dem Zeigefinger sich auf seine runzelige Stirn tupft. 158

Unterm Arme schleppt der junge Weddersehler Schulmeister keuchend ein ungefüges, schweres Buch, die Last alle paar Schritte von einer Seite auf die andere schiebend.

Auf Dörges Witz, ob's vielleicht sein Pädagogikbuch wäre, das er da mit sich herumtrage, und ob er nachher vielleicht seinen Vortrag daraus ablesen wolle, hatte er nur kurz aufgelacht und zerstreut »Ja« genickt.

Die Wanderer sind auf die höchste Erhebung der Gegend gelangt, an den Örreler Handweiser.

Hier beginnt bereits die Fichtenhagener Feldmark und breitet sich mit jedem Schritte reicher in ihrer vollen, gottgesegneten Schönheit vor ihnen aus.

Berkebusch verlangsamt unwillkürlich seine Schritte. Der weite, freie Blick muntert ihn auf. Die schöne Natur nimmt ihn nach und nach völlig gefangen.

Es ist aber auch allemal eine wahre Lust, von hier oben aus rechter Hand über den Steinsink und die Fichtenhagener Bruchwiesen den Blick schweifen zu lassen! Tausend Schmetterlingen taumelt er nach, wonnetrunken. Die Heide freilich an der anderen Seite der Chaussee schaut noch immer, trotz Maimonat und Himmelfahrt, wie ein graugrämlicher Klosterbruder darein. Aber sie thut wohl nur so. Tritt nur näher 159 an sie heran, schärfe den Blick. Merkst du's wohl? Weltliche Regungen überall, schüchtern, halb verborgen. Hellgrüne Flechten und Moose kichern unterm Saum der braunen Kutte hervor, neugieriger Bärlapp kommt im Zickzack einhergetrippelt zwischen den Planken. Ja, auch über die Heide muß man sich heute Nachmittag immerfort freuen, vom Handweiser aus, wo die Fuhren und Wacholder angehen und die schlanken Birkenstämme silberübergossen im Sonnenlicht flimmern. Was nicht alles in der Haide einwohnt! Das Gewimmel der bunten Haidegrillen – Herrgott, solche Wohligkeit! Die feiern wohl ein großes Volksfest heute? Ununterbrochen surrt und brummt und summt, raschelt, schwirrt und flirrt und klirrt und zirpt es. Da, ein grüngoldener Laufkäfer, ein stattlicher, breitschulteriger Rittergutsbesitzer, auf der Pirsche in seinem Revier! Zwei Eidechsen, grün die eine, die andre braun, klöhnen gemütlich zusammen an einem Häuflein Feuersteinen, prick in der Sonne. Schneeweißer Sand, wellig aufgelockert, schimmert unter den Planken weithin die Furchen hinauf. Da hausen die Ameisenlöwen in Ruhe und Beschaulichkeit. Immer in schönster Ordnung die Trichterfallen. Gnad' euch Gott, ihr Ameislein, kommt nicht zu nah!

Berkebusch bleibt plötzlich horchend stehen, 160 bückt sich und legt das klotzige, große Buch auf den Chausseerasen, muschelt beide Hände um die Ohren, blickt entzückt um sich und ruft: »Nein, Kollegen, hör'n Sie doch man blos die Heidelerchen heut' Nachmittag! Wie sie so lieblich dideln und lullen immer in einem hin, 's reißt gar nich ab! Doch man gut, daß 's bei uns noch ordentlich welche gibt. Dagegen kann die gewöhnliche Feldlerche nicht an, nein, kein Vergleich! – Pst, halt, halt: gluckste nicht eben 'n Birkhuhn, da geradeaus, dicht vor uns in der Brandrute? – Sehen Sie wohl, wirklich – rrrrr streicht's lang die Fuhrenschonung hin. 's war 'n Er, 'n mächtiger alter Hahn!«

»Och, was is denn da weiter bei, was is denn an so'n alten Birkhahn an gelegen, Kollege Berkebusch,« antwortet Vater Dörge, hämisch in sich hineinkichernd. »Solche Biester kann man bei uns in der Heide doch alle Dage zu sehen kriegen, überleidig. Wenn man nach so was ümmer hören und kucken wollte! Da hat unser einer, der's mit seiner Klasse ernst nimmt, Wichtigeres in seinem Kopp zu denken, wollt' ich doch man meinen, als vor die alten Birkhühner und gar auch noch vor die Lerchen zu schwärmen, nich wahr, Kollege Schein?« Und letzteren nach einer Weile verstohlen am Ärmel zupfend: »Is 's dir woll zu glauben, sogar die alten 161 Birkhühner und die Lerchen schwärmt er an! Nä ich sag': so 'n Schwärmer – nä, wie dieser Mensch auch ümmer gleich über sich hin is! Wo 'n anderer nich 'n Mund um aufthut! Wenn's wenigstens noch Kanarivögel –«

»Holt, siehst 'e«, unterbricht ihn der Angeredete, »siehst 'e Kollege, da taucht nu all die Fichtenhagener Windmühle auf, auf 'm Voßberg, links vorm Fillergrund, und noch 'n büschen weiter links vor is richtig auch all Refardten Scheune zu sehen, ganz deutlich.«

»Ja, würklich, Kollege! Na, in 'ner lütjen halben Stunde sind wir unten in Fichtenhagen.«

Ja was wollen denn die drei Schullehrer heute Nachmittag in Fichtenhagen? Wie und alle zusammen kommen sie ja ganz sonntäglich im langschößigen Gehrock daher gewandert?

Ah so, richtig: in Fichtenhagen ist ja heute wieder 'mal Konferenz!

Eine stattliche Versammlung allemal, so eine Fichtenhagener Lehrerkonferenz!

Im ganzen Dorf merkt man auf und spricht davon, und der Bauer am Mistwagen oder beim Pflügen sagt: »Brrrr åeha!« stößt den Stecken vor und faßt sich an den Kopf: »Was das wohl allemal für wichtige Angelegenheiten sein mögen, daß alle vierzehn Schulmeister des Kirchspiels an solchem Konferenztag sich erst beim 162 Pastoren versammeln und dann im Pasemannschen Gasthause ›Zum vier Linden‹ hinten im Tanzsaale stundenlang ernst und feierlich reden und sich zwischendurch hitzig herumkampeln, sich aber immer regelmäßig wieder vertragen und friedlich in der Kegelbahn Kaffee zusammen trinken, einen kleinen Schub machen, darauf vespern und zuletzt abends zum ›Schafskopf‹, ›Solo‹ oder ›66‹ sich zusammensetzen?

Ein höchst merkwürdiger Konferenztag diesmal, fürwahr, gleich von Anbeginn!

Pastor Barthels war, als er mit den amtlichen Besprechungen beginnen wollte, plötzlich so verlegen geworden, daß er sich kaum zu raten und zu helfen wußte, und endlich, nach vielem Hüsteln und Räuspern, hatte er in halbem Flüsterton gesagt: »Meine Herren, Folgendes habe ich ihnen notgedrungen heute zu eröffnen: Das hohe königliche Landeskonsistorium in Hannover verbietet aufs strengste den Lehrern jedwede Erörterung politischer Fragen auf ihren Konferenzen, denn alles Politisieren führt in einer Zeit, wo durch die Irrlehren der Sozialdemokratie Religion und Sitte schwer gefährdet sind, zu nichts Gutem. Man hat insbesondere es oben übel vermerkt, daß auf dem Lande, zumal in unserer Heidegegend, die Lehrer sich fortgesetzt an welfischen Umtrieben beteiligen 163 oder doch denselben Vorschub leisten, trotz verschiedentlicher Maßregelungen, so leider bereits erfolgen mußten.«

Bei seinen letzten Worten hatte der gute Pastor mit fast bittendem Ausdruck unsern Christoph Dörge aus Runkelfeld angesehen. Dieser jedoch hatte sein kahles, runzeliges Haupt stolz zurückgeworfen und den Pastoren ebenfalls angeblickt, lange, scharf, volläugig, ohne mit der Wimper zu zucken, und zugleich hatte er seinen gestrickten gelb und weißen Shawl, den er Sommer- und Wintertag immer locker um den Rockkragen gelegt trug, auf der Brust breit auseinandergefaltet.

Nachdem man den ersten Schrecken einigermaßen überwunden, hatte – Dörge ausgenommen – die ganze Versammlung zu guterletzt ein gemeinsames langes Zipfelmützengesicht gemacht und gedacht: »Na, was kann's weiter helfen, Mußpreußen sind wir ja nun 'mal seit Sechsundsechzig, sonst aber weiß man hier zu Lande nichts von den Schlechtigkeiten der Welt draußen. Bei uns Heidjern hier hinten hat's gute Weile, hier gelten noch die unwiderleglichen Worte Sankt Petri an die Römer: Seid unterthan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat, denn es ist keine Obrigkeit, ohne daß Gott sie über euch gesetzet und verordnet hat. Aber bös 164 mag es ja wohl in der Welt draußen hergehen. Was liest man nicht öfters im ›Ülzener Kreisblatt‹ von den mordbrennerischen, vaterlandsverräterischen Absichten der schrecklichen Sozialdemokraten. Hier haben wir keine. Bloß Buchbinder Melbern in Strulleborn und Luten Bütkampen, den Flickschuster, haben sie ja wohl in Verdacht. So wolle uns denn der liebe Gott in Frieden vor ihnen bewahren nun und ewiglich.«

Vom Pastoren hatten sich die Lehrer direkt ins Pasemannsche Gasthaus begeben. Einige jedoch hatten sich unterwegs aus dem großen Trupp ausgehakt und waren nach verschiedenen Richtungen hin abgekrümelt, um schleunig erst noch allerhand wichtige Besorgungen zu machen: Hoffmannsche Musterschreibhefte, Bleistifte, Tafelsticken, Schwemmkreide, Quitmeyersche Lesebücher und Ercksche Spruchbücher einzukaufen beim Buchbinder Greyer, und bei Kaufmann Kiehn große graue Pakete Pastorentabak, schwedische Streichhölzer und Vierteldüten Kaffeebohnen.

Punkt halb Fünfe hatte sodann die eigentliche Sitzung ordnungsgemäß begonnen und Karl Berkebusch hatte den Vortrag gehalten.

Welche Verwegenheit – über Richard Wagner hatte er geredet! In den Wind geschlagen hatte der Leichtsinnige die Warnung 165 Kantor Konrings, der's gut mit ihm meinte: statt dessen doch lieber über den Gesangsunterricht in der Volksschule, über Orgelbau oder dergleichen zu sprechen, wenn's schon durchaus ein musikalisches Thema sein müsse; denn die guten Kollegen kämen mit dem bewährten Alten hier zu Lande vollständig aus und fühlten sich wohl dabei, das Neue wäre ihnen unbequem, und zumal beim bloßen Hören des verrufenen Namens Richard Wagner würde ihnen allen schon angst und bange. »Ha, wenn's so steht,« hatte Karl Berkebusch jedoch dem Kantor trotzig erwidert, »ist's bei Gott höchste Zeit, daß der Wagnersache auch in Fichtenhagen Märtyrer erstehen – 's bleibt dabei, ich nehme das Kreuz auf mich und thu's doch, nun erst recht!«

Sehr begeistert und schwungvoll hatte Berkebusch gesprochen und weit hatte er ausgeholt, bis an die präwagnerianischen alten Griechen. Ungestüm hatte er eine beweiskräftige Sentenz auf die andre getrumpft. Allein die Stimmung unter den Kollegen war leider frostiger und frostiger geworden. Unruhig rückten sie auf ihren Schemeln hin und her, und: »Oho! Na nu! Hört, hört! Gott steh' mir bei!« wurde fortwährend gerufen. Ja und den alten Dörge mußte der Vorsitzende, Kantor Konring, dreimal streng zur Ordnung rufen, bis er sich 166 wie ein gereizter Eber in den hintersten Winkel des Saales grollend zurückzog.

Die langen Gesichter gleich, als Berkebusch sein Thema nannte: »Richard Wagner, das Genie der Zukunft. Was will Wagner, was kann er und was hat er erreicht

Am lautesten war es hergegangen, ja ein förmlicher kleiner polnischer Reichstagstumult war ausgebrochen, als Redner ausgeführt hatte: wie alle früheren Meister, Mozart, Weber, Marschner am letzten Ende ja doch man bloß »alte Opern« geschrieben hätten, nicht weiter gekommen und somit immerhin nur als bloße simpele Vorgänger Wagners zu estimieren wären, Wagner hingegen sei kurz und bündig das endgültige Genie der Zukunft und sein Werk, das endgültige »Wort-Ton-Drama«, die Kunst schlechthin – der Ozean, in den, gleich verschiedenen großen und kleinen Flüssen, alle andern Einzelkünste nunmehr endgültig einmünden.

Da aber waren die Kollegen steil in die Höhe gefahren, wie von Nattern gebissen! Stühmke aus Räderloh, Gehrts aus Steimke, der dicke, flachsköpfige Brahmsen aus Lingwedel, Tiedge aus Gannerwinkel, Hoop aus Bottendorf, der immer Schüttelfrost hat und drei Hosen übereinander zieht, Schein aus Hechelkamp, Alfke von der Hankensbütteler großen Schule 167 – der kleine hübsche Herr Diercks von der Hankensbütteler kleinen Schule war zwar sitzen geblieben, aber er hatte beide Hände erhoben und gerufen: »Das geht entschieden zu weit!«

»Impertinenz!« rief in größter Wut der alte Dörge aus Runkelfeld zweimal laut hintereinander. Herr Marwedel aus Oerrel bemerkte bissig: der berühmte Mendelssohn-Bartholdy wäre doch auch noch da, bei dem wüßte man doch wie und wo, und das stünde längst sicher in den Büchern! Und weiterhin wurde bunt durcheinander gerufen: Spohr, der weltberühmte Meyerbeer, Konradin Kreutzer hätten doch wohl auch 'n büschen was gekonnt! »Zampa, die Marmorbraut«, »Marie, die Tochter des Regiments« – das wären denn doch sicher auch Leistungen! Und in Braunschweig der große, melodienreiche Franz Abt, der alte selige Johanneskirchenorganist Troost in Lüneburg, Doktor Wilhelm Volkmar, Molck in Hannover, königlicher Musikdirektor, die könnten sich denn doch heut' und jeden Tag dreist neben so 'n Wagner sehen lassen! So viel wäre sicher: Gemüt, Melodie, worauf denn doch sicher alles ankäme, hätten sie entschieden viel mehr, und sie könnten samt und sonders einen ordentlichen, reinen, sangbaren Satz schreiben; und niemand hätte von ihnen jemals gehört, daß sie in ihres nichts 168 durchbohrendem Gefühle die Klassiker über die Achsel anguckten und nur sich allein gelten lassen wollten; und ein ordentliches, brauchbares Orgelvorspiel in triomäßigem Satz, den Cantus firmus in den Mittelstimmen, hätte dieser Wagner man bloß deshalb nicht gemacht, weil er einfach nicht damit zustande gekommen wäre – das zu machen, dazu gehöre auch 'was!

Es kostete dem Kantor große Mühe, die Ruhe nach und nach wenigstens so weit wieder herzustellen, daß man den Redner aus dem Wirrwarr einigermaßen wieder heraushören und verstehen konnte.

Munter und ungeniert war Karl Berkebusch fortgefahren. Er ging so völlig auf in seiner heiligen Sache, daß er die verheerende Wirkung seiner Worte kaum gewahrte. Zum Schluß gab er noch eine kraftvolle Zusammenfassung und stellte dreiundzwanzig gewichtige Thesen zur Debatte auf. Einen Augenblick schnappte er danach Luft und bemerkte zuletzt im erschöpften Flüsterton: »Ich hab' den großen ›Meistersinger‹-Klavierauszug mit – gucken Sie 'mal, liebwerte Kollegen, was für 'n kolossaler Bengel, rein wie 'n Kirchenbuch, hab' unterwegs schwer genug daran zu schleppen gehabt. Von der Nagelschen Hofmusikalienhandlung in Hannover hab' ich 'n mir hergeliehen. Hier, hier nehmen 169 Sie 'n doch 'mal in die Hand, lichten Sie 'n 'mal auf, lassen Sie 'n herumgehen, daß Sie heute auch gleich alle 'mal sehen, wie kolossal die Wagnersche Musik sozusagen schon rein äußerlich in den Noten aussieht. Vier Wochen hab' ich Tag und Nacht daüber geschwitzt, kann ich Ihnen versichern! 's ist auch wirklich 'n Jammer, daß kein Klavier hier ist: – würd' Ihnen liebend gern daraus vorspielen und singen, so viel Sie hören wollen!«

Nun trocknet er sich den Schweiß ab in dem glühheißen Gesicht, stöhnend und pustend, wie nach einem langen Dauerlauf, macht eine tiefe Verbeugung, verschränkt darauf die Arme, lehnt sich stolz zurück und schweigt.

Totenstille im Saale.

Nur eine verirrte Wespe summselt am Fenster herum.

Die Kollegen schauen verstohlen mit vielsagenden Zwinkerblicken einander an. Einige lehnen sich steif zurück. Andere beugen sich nachlässig vor und lassen ihr gedankenschweres Haupt vornüber hängen. Dann und wann erleichtert einer sein Herz durch einen tief heraufgeholten Seufzer.

Hinten vorm Musikantenträsen entspinnt sich ein allmählich deutlicher und lebhafter werdendes Flüstergespräch: »Na, da hört sich 170 doch würklich Verschiedenes auf! Nä was sagst denn du dazu, Schein, Kollege, sprich doch? Herrje, is der grün! Nä sag', is dir so einer schon 'mal vorgekommen? Er schnappt sicher bald noch ganz über und muß nach Hildesheim. Ich geb' 'n auf, würklich. Na und 'n büschen was versteht man doch würklich auch davon. Wer in Lüneburg, im Seminar – weißt du, beim alten Johanniskirchenorganisten Troost selig, und der war bannig streng – den Kanon durch bis zur dreistimmigen Fuga hingekommen is. Und hab' ich Troosten denn nich zweimal in seiner Johanniskirche im Nachmittagsgottesdienst vertreten? Du weißt doch, gleich direkt nach 'm Plummer – da irgendwo in der Lüchower Gegend sitzt er, 'ne fette Kirchschulstelle, und in 'n Halbmeierhof hat er da ja woll eingeheiratet und sein Glück gemacht, ja, und man is so in Runkelfeld hängen geblieben – ja würklich, Schein, gleich achter 'm Plummer war ich dir doch in der Musik der Beste im achtzehnhundertsiebenunddreißiger Jahrgang! ›Dir dir, Jehova, will ich singen‹ und ›Ermunt're dich, mein schwacher Geist‹ hatt' ich zu spielen. Ja wohl, bezifferten Baß, frei aus der Faust – ha, würklich, damals wurde noch 'n büschen was geleistet! Möcht' wissen, ob dieser Klugschnacker eben mit 'm 171 bezifferten Baß im alten Enghausenschen Choralbuch zur Reih' kommt? Ja, ha, da klemmen se den Stahrt ein und machen kusch! 's ist würklich wahr, Schein: nix nich is 's heut zu Tage mehr, se werden dir würklich ümmer dümmer; oder is 's Faulheit, Bequemlichkeit? Wir Einjährigen, ja Schein, wir waren denn doch andre Kerls! Jetzt der dreijährige Seminarkursus der macht se würklich man bloß stolz und eingebildet. Alles spielt jetzt aus 'm lappigen ausgesetzten Enghausen, der Musche Berkebusch sicher auch. Ha, die Gelbschnäbel, man bloß noch Nerven haben se in 'n Kopp, das is ja jetzt so Mode, und 'n großes Maul, natürlich! Aberst hier oben –Grütze? I Gott bewahre: vacat. Ach du himmlische Barmherzigkeit, nä, was da so aus ihrem Dåets 'rauskommt – hm, man hat's ja gehört eben: so 'n trostlosen Koppmist! So, ich hab' meine Meinung gesagt. Mögen die vorn man zusehen, wie sie heut' noch ne Debatte zuwege bringen, ich mach' nich mit!«

Nachdem er sodann mit einem einzigen heftigen Ruck eine wohlgezielte Prise genommen hat, erhebt sich Meister Dörge und ruft borstschnauzig wie ein gereizter preußischer Feldwebel aus dem Saalfenster in die Wirtschaft: »Pasemann, bringen Se mir – aberst 'n büschen fix, bitt' ich mir aus – 'n Schoppen Uelzener 172 Braunbier 'raus in die Kegelbahn und 'n Butterbrot, Mett – nä täuw 'mal: geräucherte Rotwurst daauf! Man 'n ornlichen Knacken. Hab' Magenstärkung nötig. Den weitesten Weg von Runkelfeld 'rein, und nu so 'was!«

»Da hast du vollkommen recht in, Kollege, das stimmt alles,« antwortet der alte weißbärtige Schein, vielemal lebhaft mit dem Kopfe nickend, und schadenfroh blinkern seine kleinen grauen Äuglein hinter den ihnen vorgelagerten dicken faltigen Thränenbeuteln herum. »Das soll auch 'n Konferenzvortrag sein heute? Hat man so was Dösiges hier in der Gegend all erlebt! Ja, sag' man, was hat man nu davon? Dörge, Kollege, das hätten wir man vorher wissen sollen – in Runkelfeld bei deiner Altschen wären wir gemütlich zusammen geblieben. Nach 'm Kaffee hättest du mir deinen Buchweizen und deinen Klewer 'mal gezeigt, na und vor allen Dingen: dein neues Schwein vom Hankensbütteler Michelimarkt – ich bin doch hellschen neugierig daauf – sag, ist's denn 'n Borg oder 'n Sauschwein?«

»'n lütjen nüdlichen Borg, rund und prall, und mächtig kregel ist er dir ümmer in der Bucht. Ja, Schein, weißt du, an meinem Schwein hab' ich nu 'mal ümmer meine Hauptfreude! Na, die Mast aber auch bei mir, meine vorzüglichen krauspelltenen Schweinekartoffeln –« 173

»Wie lange willst 'n denn sitzen lassen, Kollege?«

»Gleich die Woche nach Epiphanias, denk' ich, soll er daan glauben. Du weißt doch, nach 'm Fest schlachten die Bauern seltener. Aberst vorher, bei mir in meinem Runkelfeld: ich sag' dir, würklich, ümmer schlank auf 'm Bohnenschacht dicht aneinandergereiht hab' ich die Würste in der Rauchkammer hängen, wir können gar nicht dagegen an! – Na, um nu wieder auf diesen überspönigen Menschen da vorn zurückzukommen – bitt' dich noch 'mal: Schein, sprich, was sagst denn du man bloß dazu? Freilich, er mußte ja endlich auch 'mal sprechen. Und über was kann der anders, von ernsten Berufsfragen versteht er ja doch würklich nich 'n Spirchen. Ja und da muß man sich's nu ruhig gefallen lassen, daß so 'n – so 'n Musikante uns frech und ungeniert in unsere Pädagogik rinnpfuschen darf, 'n Mensch, der keinen Dunst davon hat. Ich mein': unsere Pädagogik is denn doch anerkanntermaßen die schwerste Wissenschaft der Jetztzeit und die wichtigste! Daüber sind sich die Gelehrten denn doch nachgrade einig! Und warum? Weil alles davon abhängt, das ganze menschliche Leben, All und Jedes! Und dieserwegen frag ich blos ümmer wieder, Kollege: warum wird so einer wie dieser Berkebusch auch nich lieber gleich von 174 vornherein richtiger Mus'kant? Wir haben doch würklich nachgerade genug räudige Schafe in unserm Stand. Denk' beispielswegen an den dreck'gen Thieking in Aschendorf. Du weißt doch, daß er selber nu auch noch mit seiner einen Kuh an der Deichsel Mist auf seine Koppel fährt.«

Noch immer hockt vorn alles stumm und starr auf den Schemeln.

Karl Berkebuschen wird die Sache nach und nach unheimlich. Seine Augen schweifen herum von einem Kollegen auf den andern. Ganz bleich ist er geworden und über seine zuckenden Lippen ergießt sich's zischend vor Ärger in abgerissenen, giftigen Flüstersätzen: »Wie Ölgötzen sitzen sie da! – Bloß die beiden alten Esel hinten am Orchester – die tuschelten ja herum hinten und steckten die Köpfe zusammen die ganze Zeit über – 's sind doch so richtige alte Pulververschwörer, und immer waren sie so gegen mich! – Wie dummklug mich alles anglupt, rein wie die Kühe das neue Scheunenthor! Und der Kantor – wie, auch er versagt heute? – Sonst stand er mir doch immer bei? Will er denn die Debatte noch immer nicht eröffnen?«


Da, endlich richtet der Kantor sich mühsam auf, in voller Breite, und beginnt langsam, tonlos, wie aus einem Traum erwachend: »Mein 175 Seel', das war starker Tobak, und mir ist ja auch ganz blümerant dabei geworden – aber hm: so ganz ohne war's nicht! – Zur Tagesordnung, Pflicht geht vor Vergnügen, die Kegelbahn kommt nach, jeder bleibt ruhig an seinem Platz! Kollege Schein, Dörge – sind die hinten noch immer nicht fertig mit ihrem Quatsch? Bitt' euch ernstlich, Kollegen, den Deuker auch, Ordnung muß sein, sonst dank' ich für 'n Vorsitz! Schriftführer, Kollege Alfke, leg' man ruhig dein Papier parat. So, Debatte eröffnet, wer wünscht 's Wort? – Ich frag' noch 'mal: will einer 's Wort? Was Tausend, kein Finger hebt sich? Dörges und Scheins höhnische Gesichter –? Ich frag' zum dritten Mal, dreiundzwanzig Thesen hat Redner zur Debatte gestellt – –?«

Kein Sterbenslaut. Nur die Wespe am Fenster rührt sich wieder. Nachgerade ungeduldig und zornig geworden, versucht sie mit aller Kraft, das rätselhafte, durchsichtige Hindernis mit dem Kopf einzustoßen.

Plötzlich klinkt der Wirt vorsichtig die Thür auf: »Nich för ungaud, mick dücht, Sei wir'n all damit klo̊ar vandag – pst, Herr Dörge, ör Bodderbrod staht all 'ne ganze Tied buten in de Kegelbahn, up 'n lütjen Tafeldisch. Ganz staatschöse dörchrukerte Tungenwost, ok 'n Schoppen Uelzener Brunbeier heww 'ck Sei intappt, all 176 längst, maken se man tau, kamen se man, 't qualmt aff.«

»In die Mistkuhle damit, Pasemann, geben Sie uns Ruhe hier,« donnert der Kantor auf den jäh zurückfahrenden Wirt ein.

Konring wird jetzt ernstlich böse. »Da keiner sich zum Wort meldet, so frag' ich: wird etwa gar die Debatte heut' überhaupt abgelehnt?«

Wupp hebt alles den Zeigefinger. »Schriftführer, Alfke, Kollege, zu Protokoll: Debatte abgelehnt.«

»Na, das wollt' ich auch man meinen,« bricht der alte Dörge los, jede Silbe messerscharf pädagogisch betonend, »nä, über so 'n unverdaulichen Grünkohl auch noch achterher debattieren, ernste Männer, Familienväter –«

»Silentium! Wer hält den nächsten Konferenzvortrag, Sonnabendnachmittag vor Erntedankfest, punkt halb Fünfe, wie immer im Pasemannschen Saal allhier? – Na, Marwedel und Gehrts scheinen ja beide Lust zu haben? – So, so, Gehrts tritt zurück. Also, Kollege Marwedel spricht das nächste Mal über die Wunstorfer Rechenmaschine, die geniale neue Erfindung des Seminarlehrers Magnus, und ihre rationelle Anwendung.«

Na, Karl Berkebusch ist denn aber mächtig böse. Er läßt sich's nur nicht ankommen. »Die Hauptsache,« denkt er, »ist jetzt ein würdiger 177 Abgang, stolz und ungebeugt.« Wie ein Edelfalk, von einer gemeinen Krähenhorde umflattert und angekrächzt, kommt er sich vor. Versungen und verthan, wie Walter von Stolzing.

»Armer Kollege Berkebusch,« wendet sich nun der Kantor wieder an ihn, »Sie sehen – 's thut mir leid – nichts zu machen! Na, aber auch gleich so mit Forke und Dreschflegel – da hätten Sie politisch zu Werke gehen müssen. Nein, 'n Politiker sind Sie nun 'mal entschieden nicht. Will dieser junge Mensch uns hier förmlich zu Wagnerianern prügeln! Erwägen Sie doch 'mal ruhig in Ihrem Busen, Kollege: Raum und Zeit sind aller Dinge Maß und Ziel. Wir alten Heidjer sitzen hier friedlich hinten in der Heide bei unsern Bienen und Heidschnucken, und bei uns heißt's: immer sachte voran, daß der Heidewinkler Landsturm auch mitkommen kann. Ich, als Kantor, das können Sie mir glauben, hab' ja eigentlich an meinem Bach genug fürs Leben – überleidig, und so ab und zu, Sonntagnachmittags – in der Woche hat man ja immer seine Plage – greif' ich ja auch 'mal nach 'm Beethoven.

»Also lieber Kollege, Thatsache ist Thatsache: mit Ihrem Wagnerischen Vortrag sind Sie eben bei uns schmählich abgeblitzt. Vollständiger Reinfall. Bedingungslose Kapitulation. Ja, 178 so geht's zu in der Welt! Je schlimmer Hund, je ärger Flöh, wie's alte Sprichwort sagt.

»Jedoch, liebwerte Kollegen, man muß den Menschen öfters für sich allein betrachten und die Sachen, die er treibt, auch. Wir wissen ja doch alle, daß unser junger Weddersehler Kollege 's ehrlich meint. Kuckt'n doch man bloß 'mal in seine guten Augen, wenn er sie jetzt grade auch grimmig rollen läßt. Er hat's im Geblüt, er ist nun 'mal von Natur so'n gewaltiger Wagnernimrod vor dem Herrn.

»Hm, übrigens, Kollege Berkebusch, das trauen Sie mir wohl nicht zu, daß ich auch schon 'mal halb und halb 'n Wagnerianer gewesen bin? Ja, staunen Sie man! Freilich, 's ist schon lange her. Als ich noch in Hannover auf 'm Hauptseminar war, das war Achtzehnhundertfünfundfünfzig, nämlich da wurde doch der »Tannhäuser« da zuerst gegeben. Unterm alten Marschner, im schönen neuen Hoftheater an der Georgstraße. Ach, wenn ich daan zurückdenke! – Alle Wetter, das packte mich denn aber, ganz Feuer und Flamme war ich! Direkt hinterm »Freischützen« kam mir das zu stehen, schon nach 'm zweiten Hören, als ich 'n ganz Teil mehr begriff. Und hinterher die Nacht über konnt' ich mich nicht fassen und lief herum, mein Herz war zum Zerspringen voll. Die ganze Celler Straße schlank 179 runter, durch die List und noch 'n tüchtig Stück die Chaussee 'rauf, dann beim Schlagbaum rechts ab in die Eilenriede 'nein.

»Es war im Mai. Im Walde heilig tiefes Schweigen, kein Blatt regte sich, der Mond spann leise seine Silberfäden über die taufeuchten Halme und Büsche hin, köstlichen Harzduft atmeten die Tannen. Kaum waren die Sterne erblichen – im ersten Dämmergrau wurden die Vögel munter und ein herrlich tausendstimmiges Amseloratorium erschallte. Nie hab' ich sie so wunderbar wieder singen hören, die Amseln, in meinem langen Leben! Lange, lange stand ich festgebannt und lauschte voll Entzücken, und sah's langsam Morgen werden. Mein innerstes Herz quoll auf. Tiefe Rührung überkam mich und mir war, als brauste es aus den Buchen und grünen Tannen bald in mächtigem Anwachsen, in gewaltigen Akkorden, dann wieder leis verhallend:

›Zu dir wall ich, mein Herr und Gott,
Der du des Sünders Hoffnung bist!‹

Und horchte darauf andächtiglich alle Kreatur des Waldes.

»Und Stücker drei, vier Schwarzplättchen, Doppelüberschläger erster Klasse, alte Vorsänger, 'n herrlicher Stamm, und 'ne ganz famose Davidzippe in meiner nächsten Nähe – auf einem 180 trockenen, schwanken Ahornast, ganz deutlich konnt' ich sie sehen – sangen immer zugleich ihr Solo dazwischen hinein, frisch und freudig, immer im feurigsten Eifer:

›Nun spiel' ich lustig die Schalmei,
Der Mai ist da, der liebe Mai!‹

Nie, nie werd' ich das vergessen! Gott war das schön! –Sie werden mich verstehen, Berkebusch, Sie sind ja auch 'n großer Vogelmensch. – Glock Fünfe längst durch war's, als ich daheim war und zu Bette ging.«

»Na aber, Verzeihung, Kollegen – ich alter Mann verlier' mich ja ganz und fang' reinhal an zu schwärmen!

»Ach ja aber der ›Tannhäuser‹, der ›Tannhäuser‹! Doch im ›Lohengrin‹ soll ihm ja vieles ebenso großartig geglückt sein! Aber die späteren Sachen – nein, dain geht er doch ganz sicher zu weit. 'n Jammer, daß er so auf Abwege gekommen ist. Das man bloß zum Exemplum mit seinen sogenannten Leitmotiven, was er sich damit so ausklamüsert hat: das soll ja reinhal wie 'n Kuhmagen sein, 'n ewiges Wiederkäuen – nämlich dieweil ihm nichts Neues mehr einfällt! 'ne bequeme Sache. Man muß sich zu helfen wissen. Und vorher muß man ja wohl immer 'n ganzen Hümpel dicke Bücher durchstudiert haben, sonst kapiert man nichts von all der tiefen 181 Wissenschaft und Philosophie und was sonst alles in der Pastete instecken soll. Haha, 's ist lachbar: Musik soll's wenigste sein, Musik – so Arien, Duette, kurzum alles, was sonst eigentlich für die Hauptsache und fürs Schönste in 'ner Oper galt, ist dem Wagner nach 'm ›Lohengrin‹ ja wohl 'n überwundener Standpunkt. – Doch wenn ich immer wieder so an seinen ›Tannhäuser‹ zurückdenke – o mein Gott, möcht's im Ernst bestimmt wissen: sind die späteren Sachen wirklich so schlimm?«

Der Kantor versinkt in Nachsinnen und Schweigen. Die Kollegen erheben sich, einer nach dem andern, die Schemel schurren und knarren, Gruppen bilden sich, schon öffnet einer die Thür zur Kegelbahn – da plötzlich trommelt Konring bummberumbumms auf die Tischplatte, daß alles jäh erschrickt: »Halt, noch sitzen bleiben, ich stelle einen Antrag, Kollegen! Kollege Berkebusch – Kollegen, pst, hört mich an: Da, wie gesagt, Redner gründlich 'reingefallen ist, mit seinen Worten uns zu bekehren und zu Wagnerianern zu machen – sie waren wirklich, gelinde ausgedrückt, 'n büschen schlimm verstiegen; des weiteren, da ihr alle seine sämtlichen dreiundzwanzig Thesen auf den Kopf verneint, und da somit eine Debatte sich erübrigt – nun denn, Kollegen, so fordere ich euch auf, kommt alle zusammen, wie ihr 182 dasitzt, mit in meine Schulstube. Platz haben wir da genug. Mein altes Klavier holen wir uns da 'rein. Pasemann kann uns ja unser Achtelfaß auch so lange hinkarren. Auf, schnell, kommt, fix, thut mir's zu Gefallen! Nachher kommen wir wieder hierher und können sicher noch 'n paar Kugeln machen! Kollege Berkebusch soll's nun nachträglich noch mit seinen Tönen versuchen. Er mag uns brühwarm gleich 'mal ans 'm ›Meistersinger‹-Klavierauszug was vorspielen, den er ja mit hat. Ich muß der Sache heut' auf den Grund kommen. Fiel mir da ohnlängst in Uelzen beim Doktor Sonntag, 'rein zufällig, so 'ne Leipziger Musikzeitung in die Hände, ›Das musikalische Wochenblatt‹ nennt sie sich. Das geht denn aber mit dem Wagner durch dick und dünn! Ein gewisser Wolzogen – von Wolzogen, wenn ich nicht irre, hatte was eingerückt. Mein Gott, der schwögt denn aber über diese ›Meistersinger‹-Oper und besonders über Wagner seinen Kontrapunkt! Seinen Kontrapunkt! Steh' mir bei – dagegen muß mein Bach ja wohl ein unschuldiges weißes Kindlein sein, noch ungetauft! Mein Kopf kam doch wirklich gar nicht aus 'm Schütteln 'raus, so lange ich las. – Na, nun auf, fix, alle Mann! Doch halt 'mal noch 'n kleinen Augenblick: Alfke, Kollege, Schriftführer, schnell, 183 setz' dich erst man noch 'mal dahl – zu Protokoll: anstatt Debatte erfolgte durch Redner Klaviervortrag bei Kantor Konring in der Schulstube.«

* * *

Karl Berkebusch sitzt in Konrings Schulstube am Klavier und greift mit aller Gewalt in die Tasten. Das alte Helmholtzsche Tafelklavier kommt besorgniserregend ins Wackeln – Herrgott, es wird noch aus den Fugen gehen! Hui saust der blonde Kopf durch die Luft, im Fortissimo zurückgeworfen, und läßt der Spieler ihn im pp espressivo schlapp vorüberhängen, wie innerlich vor Ergriffenheit zusammengebrochen – tapp lecken dicke Schweißtropfen nieder auf die Tasten. Wie ein tatzenreckender junger Leu hatte er sich auf das Vorspiel gestürzt, nachdem er zuvor in aller Eile die Handlung kurz erzählt hatte.

Die guten Kollegen starren offenen Mundes bald den Spieler, bald, wie schutzsuchend, den Kantor an.

Konring sitzt auf seinem alten, ausgesessenen, mit schwarzem Wachstuch überzogenen Lehnstuhl hinterm Katheder, den Kopf geneigt, die linke Hand flach über den Augen. Er ist ganz Ohr. Dann 'mal schüttelt er mißbilligend den Kopf, 184 dann wieder nickt er: »So 'n Elefantenbaß, vier Fuder Heu hintereinander! – Prachtvoller Vorhalt! – Na, ist das auch 'ne Auflösung, das dreht einem ja den Kragen um? – Viel zu klumpiger Satz, harmoniefremde Noten 'n ganzes Bündel! – Da hört alles auf, Banditenmodulationen! Nein auch immer mit billigen enharmonischen Verwechselungen – igitt wer das schreiben mag! – Doch halt, so kommt er wieder aus 'm H-dur 'raus und ins tonale Geleise zurück, hm, klingen thut's ja! – Na? Was? Was? Haltet mich fest . . . . das, das ist ja . . . . sollt' man's für möglich halten: wahrhaftiger Gott, dreifacher Kontrapunkt, alle drei Themen zugleich, übereinander, und wie!«


»Sag aufrichtig, Kantor, gefällt dir der Spektakel, würklich, im Ernst?« fragt mit hohler Grabesstimme Meister Dörge aus Runkelfeld nach Beendigung des Vorspiels. »Das ist ja lieksterwelt der Hankensbütteler Schweinemarkt, da achter Stellmacher Penzhorns Hof 'rauf, wo ümmer die großen, unruhigen Faselschweine eingebuchtet sind! So'n Tohuwabohu kann ich for meine Person nich mehr als Musik estimieren. Um Gottes willen, was sollen wir auch hier in unserer Heide mit so 'n wüsten neuen Kram, wo einem die Ohren bei gellen? Laßt se draußen 185 doch man ruhig damit angeben, was se wollen – das heißt, bis so lang, als die Mode noch hindauert, bis se ja in 'n paar Jahren wieder nach 'ner annern Modepfeife danzen. Und ganz sicher, die meisten thun auch man bloß so und lügen, wenn se ümmer gleich die Augen verdrehen und janken: ach, der schöne Wagner!«

»Hör, Dörge, den bloßen Lärm lass' ich for meinetwegen schließlich noch hingehen. Aberst das moralische Gift! Ist mir jemals so was Unanständiges von Musik vorgekommen! Das ist ja reinhal, als wenn 'n ganzes Rudel Brunsthirsche dain zu Gange is, und wie's immer wühlt und sich hin und her windet – igittigitt, reinhal als 'n alten ekligen Bandwurm: das ist das woll, was sie Wagnern seine unendliche Melodie nennen?«

»Nich einer bloß, Schein – vier, fünf ringeln sich ümmer nebeneinander her, pfui!«

»Dörge, Schein, wenn ihr euer Geschimpfe hier in meiner Schulstube auch nicht sein lassen könnt – da ist die Thür, laßt uns hier in Frieden! Geht man lieber gleich wieder zu Pasemann retour und spielt Schafskopf zusammen. Ich hab's nun aber dick, Tausend noch 'mal!«

»Gut! Schön! Thun wir auch! Herr meines Lebens, hat man je so 'ne Konferenz erlebt!«

»Laßt sie, laßt sie gehen, die alten Stänker! Wann wär' denn mit dem Dörge schon 'mal 186 auszukommen gewesen? Er ist und bleibt nun 'mal 'n ganz sappermentscher alter Krippensetzer. Und dieser Schein – so 'n richtiger alter Dröhnbartel, so 'n alter Heimlicher! Ewig 'n saures Gesicht zu all und jedem, und wie er immer die Stirn schrumpelt und so hinterm Berge vorglupt! Haben sie nicht immer zusammengehalten, die beiden, wie Pech und Schwefel? Wißt ihr noch, wie wir uns mit ihnen herumkampelten bis aufs Blut, damals als das neue Gesangbuch eingeführt werden sollte – wir mußten doch auch Stellung dazu nehmen auf der Konferenz? Von wegen des Scheusals, ja wohl! Durchaus nicht missen wollten's die beiden, natürlich, einen Mordsspektakel machten sie, als sollte an den Glaubensartikeln was geändert werden. Stimmten wir andern nicht alle einmütig dafür, der Vers solle zeitgemäß umgeändert werden in: ›Ich bin verloren ohne dich‹ – statt ›Ich bin ein Scheusal ohne dich, mein Heiland, rette mich‹?«

»Die Beckmesser, selber Scheusäler,« ruft Karl Berkebusch den in großer Wut Fortgehenden höhnisch nach und macht eine Handbewegung, die beinahe wie eine lange Nase aussieht.

Danach setzt er sich stramm wieder zurecht zum Weiterspielen. Klug berechnenderweise 187 wählt er möglichst Stellen aus, die auf Bach zurückstrahlen, mit denen er den Kantor am sichersten zu erobern hofft. Zu oberst natürlich gleich den einleitenden Choral, und als hinten der mächtige Orgelpunkt einsetzt, läßt er immer aus voller Faustkraft in jeden Takt von neuem das tiefe E nur so hineinkrachen. Dann weiter spielt er die Versammlung der Meistersinger: wie sie, die fetten Hände überm Wams gefaltet, langsam steifbeinig, voll reichlich ausgewogener Würde erscheinen, einer nach dem andern, und reihherum Platz nehmen. Scharf paßt er auf, daß ihm der berühmte »Vierton« allemal fein säuberlich gelingt in der linken Hand, und bedeutende Blicke wirft er dem Kantor zu: »Dabei sollte der kalt bleiben?«

Dann singt und spielt er mächtig schwungvoll, wie der biedere alte Pogner den endlich vollzählig versammelten Meistersingern so prächtig vom Johannisfest erzählt. Eine Weile schwankt der Spieler und überlegt: »Nein, Walters Gesang doch lieber nicht. Von Liebesgeschichten hält der Kantor nichts. Und daß er nur um des Himmels willen von David und der verliebten alten Jungfer nichts erfährt, kein Spirchen! Schade eigentlich um den famosen David. Na, vielleicht schmuggel' ich wenigstens sein Jordantauflied irgendwo ein. Aber den Sachs, den 188 Sachs! Den soll er mir lieben lernen! Den muß ich ihm tief zu Gemüte bringen! Sein Schusterlied, die Monologe, die ganze prachtvolle Festwiese! Ob ich den lustigen Lehrbubentanz nicht schließlich weglasse? Tänze imponieren dem Kantor nicht.«

In lichterloher Begeisterung hatte Karl Berkebusch weitergespielt. Alles war ihm prachtvoll gelungen.

Mitten im Vorspiel zum dritten Akte hatte der Kantor sich sachte erhoben und war auf den Zehen ans Klavier geschlichen, um dem Spieler über die Achsel weg nachzulesen. Das Quintett hatte er ungestüm da capo verlangt. Nach dem erhabenen »Wach auf«-Choral hatte Konring in großer Ergriffenheit gewinkt, eine Pause zu machen. Ans Fenster war er getreten und hatte stumm hinausgeschaut, an die altersgrauen, steinernen Wände seiner Kirche hinauf und lange starr und unverrückt hinein ins große mittlere Schallloch über der Uhr. Und zuletzt, nach Sachsens Schlußlied, hatte er ungestüm beide Hände des Spielers gepackt und kräftig geschüttelt, immer wieder von neuem und ganz wie abwesend gestammelt: »Diese ›Meistersinger‹-Noten . . . lieber Kollege . . . behalt' ich, leih' ich Ihnen ab . . . Damit muß ich morgen gleich zu meinem Pastoren hinüber!« 189


Schräg vom Hohen Felde herüber gleiten die letzten Strahlen der sinkenden Sonne über Fichtenhagen hin. Wie von Gold übergossen schimmern die Eichenkronen, der Wipfel der alten Kirchenlinde, und auf die roten Wellziegel des Turmdaches strahlt warm die Sonne ihren Scheidegruß. Hollunder, Flieder und Jasmin, Lilien, Goldlack, Nelken, die ersten Monatsrosen blühen im Schulgarten, er haucht berauschenden Duft. Auf allen Beeten, im Busch- und Strauchwerk am Zaun hin, überall die üppigste Blütenpracht. Frühling, Frühling ist's draußen! Frühling, o Wonne! Um die Wette singen die Finken, Rotschwänzchen, Grasmücken, Sprehen und Amseln in den Eichen, Pappeln, Ebereschen, in den Obstbäumen, in den Hecken.

Nicht nur dem Kantor – allen, so scheint es, ist die Musik zuletzt doch zu Herzen gegangen.

Konring schreitet vom Klaviere langsam wieder ans Fenster.

Er öffnet mechanisch beide Flügel.

Köstlicher, würziger Duft, erfrischende Abendkühle strömt herein in die dumpfige Schulstube.

Endlich wendet er seinen ehrwürdigen grauen Kopf und flüstert: »Weisen Sie 'mal her, Berkebusch, lieber Kollege, wie waren doch die Worte:

›Wie duftet doch der Flieder
So mild, so stark und voll! 190
Mir löst es weich die Glieder,
Will, daß ich was sagen soll. –
Was gilt's, was ich dir sagen kann?
Bin gar ein arm einfältig Mann!‹«

Lange schweigt er dann wieder, in tiefem, herzbewegtem Nachsinnen versunken, warm, innig liebevoll blickt sein blaues helles Auge. –

Weshalb wohl neigt der Kantor plötzlich lauschend den Kopf?

Ah so, die Amseln draußen! Merkst du wohl! Ein leises, feines Lächeln trauter Erinnerung spielt um seine Lippen und traumverloren spricht er wie in sich hinein: »Ja, wie Vogelgesang im süßen Mai! – Im Mai! – O gold'ne Jugend!«


Plötzlich richtet Meister Konring sich energisch auf und stupft kräftig mit der Faust auf das Fensterbrett: »Schriftführer, Kollege Alfke, schnell, stipp' man deine Feder noch 'mal ein – zu Protokoll: auf der Himmelfahrtskonferenz in Fichtenhagen den 22. Mai anno 1882 die ›Meistersinger‹ von Richard Wagner mit großer Stimmenmehrheit zuletzt doch noch anerkannt.«

 


 

 << Kapitel 5 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.