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Musikanten und Sonderlinge

Karl Söhle: Musikanten und Sonderlinge - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMusikanten und Sonderlinge
authorKarl Söhle
year1900
firstpub1900
publisherB. Behr's Verlag (E. Bock)
addressBerlin
titleMusikanten und Sonderlinge
pages190
created20180713
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der heilige Gral.

Ich lobe mir Weihnachten im Schnee! Bleigrau der Himmel, düster, wolkenschwer – fußhoch muß Schnee liegen die heilige Woche über: so hat's Art.

Vielverheißend fing's an diesmal, den Tag vor Heiligabend. Aber der schändliche, scharfe Wind gleich, seit es zweiten Festtag Nachmittag mit schneien nachließ. Prick Nordost, immer gleichmäßig aus vollen Puhstebacken, er wird noch ganz Hankensbüttel vom Platze wehen. Hui! pfeift's durch die Kirchhofseichen, und die Wetterfahne auf der Giebelspitze des Wirtshauses »Zum Storch«, die alle Dächer, sogar den Kirchturm stolz überragt und nach welcher sich der ganze Ort richtet, weiß sich nicht ein und aus – ein Schrillen und Wimmern zum Erbarmen. Auf der Landstraße durch die Malloh-Heide saust Treibschnee daher, in dichten Wolken, daß die alten, verwitterten Handweiser wie betäubt hin und her wackeln, pflichtgetreu bis zum Umfallen. Keine Sorge: heute braucht 4 schwerlich jemand ihren Rat: die Weihnachtswoche, sollte man meinen, bleibt jeder daheim in Frieden unter Dach, auch der ärmste Schlucker,

Aber zu was haben sie denn im »Storch« heute Licht brennen, oben im Saale, schon nachmittags Glock halb vier?

Ja so, dritten Feststag feiert die »Euterpe« regelmäßig ihr Stiftungsfest, und die Bässe sollen ja gestern in der Generalprobe sich schlecht gehalten und zweimal umgeschmissen haben – so wird jetzt gewiß noch eine letzte Notprobe abgehalten.

Lächerlich, so'n kleines Nest in der Heide, knapp tausend Seelen, da ein gemischter Chorverein?

Ich meine: erst Hankensbüttel und seine Einwohner genauer kennen, und dann urteilen.

Ja, was wäre der Ort, was wäre der ganze Amtskreis Isenhagen-Hankensbüttel, wenn Herr Amtsgerichtsrat Friedrich Eberhard Krahnold dort nicht residierte!

So einen Prachtmenschen giebt's nicht zum zweitenmal in der ganzen Landdrostei Lüneburg. Er hat das Herz auf dem rechten Fleck, das ist wahr, mag er auch noch so derb und geradezu sein und immer 'was zu brummen und zu schelten haben, man weiß, wie's gemeint ist.

Als geborner Hankensbütteler, einziger Sohn 5 des weiland Pastors Krahnold, kennt er Land und Leute aus dem Grunde. Besonders die Bauern weiß er zu nehmen. Wie vorm alten Pastoren haben sie ererbter Maßen auch vorm Sohne, dem Richter, den tiefsten Respekt. Langwierige, bösartige Prozesse kommen unter Krahnold auf dem Amtsgerichte kaum mehr vor. Hat man sich 'mal gekampelt und möchte prozessen, so braucht er die Parteien im Termine nur ein paarmal scharf vorzunehmen und ihnen alles richtig im kräftigen Hankensbütteler Platt zu »verkloaren« – in der Regel kommt's zum Vergleich, und selbst in den schwersten Fällen, bei Grenzregulierungen, groben Hausfriedensbrüchen, dunkeln Erbschafts- und Alimenten-Angelegenheiten nimmt meist auch der grötscheste alte Maierbauer Vernunft an, wenn nach langem Hin und Her dem Amtsgerichtsrat endlich der Geduldsfaden reißt, daß er ernstlich böse wird, auf den Tisch schlägt und losdonnert: »Marsch, nah Hus, Sei kamt da nich mit dörch und halt sick man blot noch 'n Ors vull Kosten tau!«

Schade, einen bösen Fehler hat er, und dagegen ist nichts zu machen, der liegt ihm nun 'mal im Blute. Das ist sein echt niedersächsischer Dickschädel, sein unbeugsamer, eichenholzerner Starrsinn. Mag auch das größte Unheil daraus werden, nachgeben kann er nicht. 6 Die Krahnolds waren alle so. Konnte doch selbst der alte Pastor dem Sohne die Umsattelung vom Theologen zum Juristen nie verzeihen.

Amtsgerichtsrat Krahnold liebt leidenschaftlich die Musik. Ohne Musik kann er nicht leben. Am liebsten wäre er überhaupt ganz und gar Musiker geworden. Er war nahe daran gewesen, als er in Leipzig studierte. Ja aber das »Wenn« im Leben! Einen großen Kapellmeister hat die Welt in ihm verloren, sicherlich, es ist nicht auszudenken. Doch seit er Richter in Hankensbüttel ist, hat er wenigstens Zeit genug zum Musizieren, auf dem Gerichte ist ja so gut wie nichts zu thun.

Schon manches Jahr verkörpert Friedrich Eberhard Krahnold im Isenhagen-Hankensbütteler Amtskreise die hohe Justiz. Als junger Assessor kam er hin. Schon bevor er da war, ging das Gemunkel, der neue Assessor hätte eine Braut; zugleich aber wollte man von anderer Seite wissen, er wäre jedoch inzwischen bereits wieder entlobt. Es wurde im Klub und in allen Familien in größter Aufregung darüber hin und her disputiert. Die Sache mußte aber doch wohl ihren Haken haben, denn wo in aller Welt hatte man jemals einen so menschenscheuen Sonderling, wie Krahnold, gesehen? 7 Ganze Tage in der Malloh-Heide herumstreifen, mit Quick, seinem Hunde, und abends, kaum im Hause, die halbe Nacht am Klavier sitzen – na, ich meine? Essen und Trinken vergäße ihr Herr, erzählte Dortchen, und zwischendurch rase er mit fuchtelnden Armen im Hause herum, wie vom Teufel besessen, daß sie sich mit ihrem Gesangbuche vor Angst in der Küche einschlösse.

Mit einem Mal taute Krahnold auf. Eine Heiratsanzeige aus Göttingen bewirkte dies Wunder. Licht ist in die Sache und ihre dunkeln Zusammenhänge nie gekommen. Kurzum, von Stund' ab ist mein Amtsgerichtsrat wie ausgewechselt. Abends erscheint er sogar bei Göhmanns im Klub.

Spät wendet er sich heimwärts, unter den blühenden Kastanien am Pfarrgarten hin. Am Bredenbeck schlagen die Nachtigallen. Auf Hecken, Bäume und Dächer, auf die längst verlassenen Klöhn-Bänke an den Hausthüren gießt der Mond sein mildes Dämmerlicht.

Halt, klingen nicht Horntöne durch die laue, duftgeschwängerte Luft?

Horch! Wieder ein Ton, langgehalten, weich und schwellig.

Zu einer innigen Weise fügt sich das Tönen: »Ännchen von Tharau ist's, die mir gefällt.« 8 Schallt's nicht von der Lindenlaube her, hinter Striepen Gasthause?

Sachte schleicht der Amtsgerichtsrat hin.

Harkort sitzt dort und bläst, der Trompeter von Langensalza, der letzte große Klappenhorn-Virtuose.

Nach Hankensbüttel, in eine elende Unterbeamtenstellung steckten die Preußen den Mann im Schmerzensjahre 66. Doch sein kupfernes Klappenhorn brachte er mit heim von der Schlacht, zu blasen, zu vergessen, zu träumen.

Heute klingen seine Weisen seltsam frisch und lustig. Zu Anfang blies er sogar ein übermütiges Kneiplied, zum fröhlichen Erstaunen des ganzen Ortes. Hat er doch eine gewaltige Freude gehabt! Ein Musikgenie hat er entdeckt, heut' Nachmittag, ganz zufällig, auf einem Dienstwege: Karl Berkebusch, den neuen, jungen Lehrer in Weddersehl! Sofort nahm er ihn mit nach Hankensbüttel. Hörte Harkort Berkebusch geigen und Klavier spielen, so muß umgekehrt dieser nun sein Blasen hören, auf daß der Respekt sich ausgleiche.

Harkort hat den Schlußton geblasen und setzt ab.

Der Amtsgerichtsrat tritt in die Laube: »Ihre Hand, mein bester Herr Harkort!«

»Dieser junge Mann hier, Herr 9 Amtsgerichtsrat, sehen Sie 'n sich an: ein Genie, wahrhaftigen Gott, der zweite Ludwig Spohr, das kann ich Ihnen heilig versichern,« erwidert Harkort auf Berkebusch weisend. »Da bin ich rein nichts gegen! Auch Klavier und Orgel spielt er, den ganzen Beethoven, den ganzen Wagner kennt er in- und auswendig!«

Drei Musikanten haben sich gefunden, mit einem Schlage!

Die alte Striepen muß Wein in die Laube bringen.

Nach dem Klappenhorn greift Harkort schnell noch 'mal, als man sich gegen Morgen trennen will, und bläst, bereits in der Gartenpforte stehend, aus tiefster Seele, langsam, feierlich das Schubertlied:

»Du holde Kunst! In wie viel grauen Stunden,
Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,
Hast du mein Herz zu warmer Lieb' entzunden,
Hast mich in eine bess're Welt enttückt!«

Doch in der Mitte muß er leider absetzen. Zu überquellend groß ist seine Rührung.

Die Sonne der Kunst geht auf über Hankensbüttel.

Feste Wochen-Musikabende richtet der Amtsgerichtsrat sich ein.

Harkort entdeckt Talente, eins nach dem andern. Aus dem Trio wird ein Quartett, und 10 dieses wieder wächst sich aus zum Quintett. Fritz Greyer, der Postverwalter, muß von Violine auf Bratsche umlernen. Die zweite Geige übernimmt Schorse Schacke, der vielseitige Storchenwirt.

Der alte Apotheker Gustav Pimpernuß läßt sich in Uelzen extra Zähne einsetzen, um wieder ein bißchen Flöte mitblasen zu können. Auch Stengel, der Ortsmusikant, muß zuweilen mithelfen. Ein paarmal mußte sogar Elvers' Christoffer mit seinem großen Kontrabaß zum Amtsgerichtsrat kommen. Zum Violoncello will sich lange keiner verstehen, denn so aus sich selber Cello lernen ist nicht leicht. Endlich aber ist Harkort bereit dazu, und nach sechs Wochen kann er sich anständig hören lassen. Ha, er müßte nicht königlich hannoverscher Stabstrompeter bei den Northeimer Gardekürassieren gewesen sein! Violino primo spielt natürlich Berkebusch.

Vier Jahre blühte die Hankensbütteler Kammermusik. Großes wurde geleistet. Ganze Nächte durch wurde gespielt. Früh Glock drei fingen sie öfters mit dem »Forellenquintett« nochmal wieder von frischem an. Da trat eine verhängnisvolle Wendung ein – man war freilich darauf gefaßt: Der Amtsgerichtsrat schickte Berkebusch aufs Konservatorium.

Jedoch was geschah? 11

Der Mensch verbummelte in Dresden, machte Schulden, und eines guten Tages, als die Vogelwiese zu Ende, ist er denn wahrhaftig mit einer hübschen Kouplet-Sängerin vom Variété auf und davon.

Na, der Klatsch darüber im lieben Hankensbüttel, als es bekannt wurde, zumal im Klub!

Schade um den Berkebusch! Daß auch Genie und Lüderlichkeit oft so nahe bei einander wohnen!

Ohne Berkebusch war's mit der Hankensbütteler Kammermusik nichts rechtes mehr. Sie konnte diese schwere Krisis nicht überwinden.

Doch da kommt Rettung.

Die Musen bleiben wohnen in Hankensbüttel.

Die »Euterpe« tritt ins Leben. Die zweite Hälfte der Hankensbütteler Kunstepoche beginnt, die vokale.

Das kam so: Als das siebente große Kreis-Missionsfest der Hermannsburger Mission, von dem heute noch die ganze Gegend spricht, zur Abwechslung einmal statt für Wittingen für Hankensbüttel angesetzt war, hieß es, Kantor Konring ans Fichtenhagen werde den Tag mit seinen Posaunern herüber kommen.

Wie? Was? Musik von auswärts, in Heide-Athen – Hankensbütteler?!

Man versammelt sich und berät. Harkort und Pimpernuß fangen Feuer. Endlich kriegen 12 sie den Amtsgerichtsrat nach langem Sträuben herum. Pimpernuß erläßt einen Aufruf. Der schlägt ein und zündet. Das Feuer der Begeisterung lodert empor. Pimpernuß und Harkort rennen herum wie die Faßbinder und heben aus musikalische Mannschaft. Jedwedes unbescholtene Männlein und Fräulein, was auch nur die winzigsten musikalischen Fühlhörner herauszustrecken vermag, muß mitmachen. Auch die Honoratioren beteiligen sich, anstandshalber. Im Handumdrehen verfügt der Amtsgerichtsrat über eine stattliche Armee von Sängern. Ein gemischter Chor, der sich sehen lassen kann. Und gute Kräfte sind dabei, notenkundige sogar. Es stellt sich heraus: das Musizieren beim Amtsgerichtsrat hat beispielgebend gewirkt, Klavierspielen und Singen ist unter den Hankensbütteler Beamtentöchtern längst geradezu Modesache geworden.

Der Amtsgerichtsrat wird denn wirklich mit dem »Großen Hallelujah« zur Verherrlichung des Missionsfestes fertig. Der Erfolg ist durchschlagend, gewaltig, aufrüttelnd. Fürwahr, man hatte bewiesen, was man kann.

Seitdem lag's in der Luft. Heimliche Beratungen. Ein Ausschuß bildete sich unter Pimpernussens Vorsitz. Man machte Andeutungen. Doch der Amtsgerichtsrat wehrte 13 sich auch diesmal lange, mit Hand und Fuß, bei seiner Scheu vor der Öffentlichkeit. Dreimal lehnte er die Leitung rutschweg ab und wurde sogar grob. Doch Pimpernuß ließ nicht locker. Weihnachten waren die letzten Schwierigkeiten glücklich überwunden, und den dritten Festtag, heute vor sieben Jahren, wurde die »Euterpe« im »Storch« gegründet.

Und sehr feierlich war's, als Pimpernuß die Weihe- und Taufrede hielt und Programm und Ziele des Vereins beredt darlegte, und als danach auch Kantor Lühr das Wort ergriff und die kräftigsten und schönsten Lutherworte zum Preise der edeln Frau Musika von einem Zettel ablas. Allerdings, ein äußerst hitziger Streit hätte den kaum trocken gewordenen Verein denselben Abend noch beinahe in die Luft gesprengt. Es handelte sich um seinen Namen. Der Amtsgerichtsrat wollte davon überhaupt nichts wissen. Pimpernuß meinte: »Ohne Name nichts Reelles, ›Euterpe‹ muß er heißen.« Kantor Lühr wollte das geistliche Prinzip betont sehen und schlug »Caecilia« vor. Der Storchenwirt jedoch lachte beiden höhnisch ins Gesicht: »Och Schnickschnack, Pflege edler Geselligkeit, darauf kommt's an – ›Laetitia‹ ist der passendste und schönste Name!« Ein doppeltes, peinliches Ballotement entschied endlich, im letzten Gange, 14 mit zweiundzwanzig weißen gegen acht schwarze Kugeln für »Euterpe«.

Schnell in Flor kam die »Euterpe«. Es war eine Lust, wie eifrig geübt wurde.

Alles drehte sich um die »Euterpe«. Und heute feiert sie ihr siebentes Stiftungsfest mit Konzert und Ball im »Storch« bei Schorse Schacke.

Pfeife Wind, blas', daß dir die Backen platzen, die Hankensbütteler spotten deiner!

Das wird wieder 'mal ein Abend werden! Schorse Schacke hat ja mächtig vorbereitet. Und bei all der Arbeit, den ganzen Tag über, abends im Konzert noch den Baß mit zu stützen! Kaum ist er einen Sprung im Kontor und hat in die Noten geguckt, dann gleich mitten im vollen Singen wieder zurück in die Gaststube: »Chrischan, man leiwer noch 'n Achtel mehr anstäken, dat supt sei hüt weg! – ›Frohlocket dem Herrn, dem mächtigen Gott‹ – in drei Deubels Namen, Kåeksche, hüt nimmst de mick 'n halw Lot Kaffeebohnen mehr up 'n Pott!« Ja, ein wahrer Sarastro von Wirt, profund wie sein Baß seine Weisheit, bei ihm ist die »Euterpe« gut aufgehoben.

's ist doch die Möglichkeit, die ganze »Schöpfung« führen sie auf!

Bald ist's so weit. 15

Ganz Hankensbüttel ist auf den Beinen. Sie strömen nur so in den »Storch«. Sieh', da kommen schon Kreisphysikussens angerückt, die vier dicken, heiratsfähigen Töchter, die sieben jungen Mädchen – eine ganze Karawane. Horch, Landrats neue Ülzener Equipage rollt heran. Oberförster Malchussens leichter Jagdwagen gleich dahinter. Apotheker Pimpernuß, der Notenwart, kommt in höchster Eile überm neuen Weg herangestürmt, außer sich vor Wut: des alten Imker Nodewald selbsterfundene Hexenschuß-Salbe war im letzten Augenblicke noch zusammen zu rühren.

Der Saal ist gestopft voll. Das Publikum sitzt stumm und regungslos vor Erwartung. Vorn die Mütter und nächste Verwandtschaft der Sänger, zur Beruhigung etwaiger zaghafter Backfischchen, die zum erstenmale mitwirken möchten. Pimpernuß traf diese bewährte, klug politische Anordnung.

Pimpernuß hat die Noten ausgegeben.

Der Amtsgerichtsrat pocht.

Der Chor faßt Stimmstellung und steht zum Losschlagen in Bereitschaft. Pflaumen und rohe Eier haben sie vorher gegessen, um die Kehlen geschmeidig zu machen.

Ein erhebender Anblick, wahrhaftig, die ganze, vollzählige »Euterpe«! Und wie fein sie 16 sich gemacht haben zur Feier des Tages! Tierarzt Linsemann hat sein rotseidenes Taschentuch in der Brusttasche, Förster Drögeborck den blanken Hirschfänger an der Seite stecken, Kantor Lühr hat sein allgemeines Ehrenzeichen, auf das er sehr stolz ist, angelegt. Und die Damen – welche Toiletten-Pracht, weiß, gelb, blaßrosa, himmelblau! Noch in Plauderbewegung die niedlichen Köpfchen, hierhin, dahin, gleich Anemonen im Winde. Meister Harkort nimmt sich in der letzten Minute noch ein paar unsichere Buschsänger vor, solche, die die Noten verachten und rein gefühlsmäßig zu Werke gehen – ermahnt, erklärt, markiert Rhythmus vor, zeichnet Vortragszeichen in die Hefte, beschwört den alten Lehrer Stühmke aus Räderloh, nicht zu schleppen, und Chaussee-Aufseher Bangemann, sich nicht vorzudrängen und im Forte Maß zu halten; sie sollten nur um Gotteswillen immer auf den Amtsgerichtsrat sehen: bei jedem Einsatze würde er den einzelnen Stimmen kräftig zunicken.

Die Aufführung beginnt.

Der Amtsgerichtsrat kommt in Feuer.

Wie ihm die Augen leuchten, die Wangen glühen, wenn er nun ein Crescendo vorbereitet und ein gewaltiges Fortissimo herausholt; wenn er den Ton darauf lieblich abschwellen läßt; wenn er zwischendurch ein sforzato heraussticht; 17 wenn er zurückhält und auf espressivo ausgeht – noch ein Pfund Ausdruck mehr, immer noch eins!

Und die Solisten! Wo sah und hörte man je einen so wunderbaren Erzengel Uriel, wie Tierarzt Linsemann? Bei den schönen Stellen plinkt sich alles verständnisinnig zu. Bei »Es werde Licht« wendet Kantor Lühr sich schon zwei Takte vorher mit »pst« ans Publikum und erhebt pädagogisch bedeutsam den Zeigefinger. Nach der köstlichen Blumen-Arie des Erzengels Gabriel:

»Nun beut die Flur das frische Grün
Dem Auge zur Erquickung dar«,

von Kantors Linchen silberhell gesungen, weinen sämmtliche Mütter. Sogar einzelne unverheiratete und sehr strenge Tanten schluchzen ins Taschentuch. Linchen sieht auch wirklich ganz entzückend aus, einem knospenden, halb erschlossenen Heckenröslein gleich – Linchen, Linchen!

Immer schöner wird's!

Herrlich gerät die Aufführung!

Was ginge denn aber auch über die »Schöpfung«!

Als die Tiere erschaffen werden: der schnelle Hirsch sein zackig Haupt erhebt, das edle Roß springt und wiehert, der Leu sich königlich reckt und vor Freude brüllt – da sind Förster 18 Drögeborck, der Verwalter und die beiden Ökonomie-Lehrlinge von der Domäne, Herr Schmaltzer, Kaufmann Dannenbergs neuer Kommis, kaum noch zu bändigen. Dermaßen kraftvoll legen sie sich ins Geschirr im herrlichen Triumphchor »Die Himmel erzählen die Ehre Gottes«, daß es hinten bei der verwickelten Firmament-Stelle ein paarmal haarsträubend dicht ans Umschmeißen hergeht. Und als dann nach dem Schlusse zu das große Adam-und-Eva-Duett kommt und der Herr Kandidat, Landrats Hauslehrer, und Fräulein Glackemeyer aus Hannover, Oberförster Malchussens Gouvernante, vortreten, und Adam männlich volltönend beginnt:

»Nun ist die erste Pflicht erfüllt,
Dem Schöpfer haben wir gedankt,
Nun folge mir, Gefährtin meines Lebens«,

worauf Eva in weichen, sanft wispernden Schmachtetönen:

»O du, für den ich ward,
Mein Schirm, mein Schild, mein All!«

– da erklimmt die Begeisterung den Gipfel. Die Damen rücken dichter zusammen und Frau Einnehmerin Schrader flüstert Kaufmann Sausken Großmutter ins Ohr: »Die sind sich einig, bald werden se woll Karten schicken!« 19

* * *

Die Kronleuchter-erhellten, gastlichen Fenster des »Storches« leuchten weit hinaus in die Winternacht.

Auch durch die kahlen Zweige der Linden vorm Spritzenhause dringt der helle Schein. Deutlich zu erkennen ist die Holzbank am linken Thorflügel des baufälligen Fachwerk-Häuschens, worin die gewaltig große, uralte Gemeindespritze nebst Schläuchen, die rostigen Feuerlaternen, die großmächtige alte Feuertrommel, die zahlreichen, vielfach geflickten und mit weißen Nummern gezeichneten Feuereimer, auf Stangen dicht aneinandergereiht, unter Staub und Spinnweben ein beschauliches, in christliche Geduld ergebenes Dasein führen.

Ein Fremder sitzt regungslos auf der Bank.

Schon lange hat er von dort unverwandt zu den Saalfenstern hinauf geblickt. Die Hände ziehen zuweilen hastig und krampfhaft die vom Winde immer bald wieder aufgelockerten Mantelschlippen über den aneinander gepreßten Knieen fester zusammen. Das abgemagerte, bartlose Gesicht bleibt starr und unverändert, als wäre alles Leben darin erstorben. Hellblondes, langes, welliges Haar stößt in wirren Strähnen auf den hochgekrempten Rockkragen.

Plötzlich, mit Aufbieten all seiner Energie, erhebt er sich und nähert sich langsam dem 20 Wirtshause, allem inneren Sträuben zum Trotz wie magnetisch hingezogen.

Einige Male bleibt er vornüber geneigt stehen, als horche er in größter Spannung zu den Fenstern hinaus.

Wütendes Hundegebell macht ihn plötzlich erschrocken zusammenfahren. Es ist der Köter des Nachtwächters. Das Vieh gerät in die tiefste Entrüstung: bei nachtschlafender Zeit Fremde in Hankensbüttel, auf der Straße?

Der infame Köter läßt sich nicht beschwichtigen, und so rafft sich der Fremde denn endlich zusammen, tritt in die trüb erhellte, menschenleere Gaststube, bestellt ein Glas Bier bei der schlaftrunkenen Mamsell und drückt sich still in eine dunkle Ecke.

* * *

Beendet ist die Aufführung im Saal oben. In Glanz und Herrlichkeit ging sie zu Ende. Das Beifallsklatschen will nicht aufhören.

»Ja, mein Lieber,« wendet sich Kantor Lühr voll Begeisterung an den alten halbtauben Gerichtsvogt Wrede, »das nenn' ich 'ne Musik! Alles andere schenk' ich mir. Hundert Jahre alt, bis heut' unerreicht. Ja, ich mein' man: das faßt einer doch, wie 'm alten Herrn Pastor 21 Krahnold selig seine Predigten. Der einfachste Mann kann sich da aus vernehmen.«

»Meine Herrschaften, meine Damen, meine Herren,« ereifert sich Apotheker Pimpernuß, »ich hätt' würklich all längst verkauft und säß' bei meinem Eduard in Hannover, wenn die ›.Euterpe‹ nich wär', will ich Ihnen man sagen! Was hat denn bloß unser einer hier sonst! 'ne gesundere Gegend soll man suchen. Das büschen Lakritzen und Süßholz und Johannesbrot. Ja, bei Doktor Alten früher, das war 'n andern Schnack! Aber jetzt Kreisphysikus Langmichel – so 'n neumod'scher Naturheiliger, wann verschreibt denn der 'mal 'was Ordentliches? Heut' Abend aber muß man sich würklich freuen, sag' ich! Ja, so 'n Abend entschädigt für allen Ärger! Wer macht uns das nach, ich frag', wer macht uns das nach, meine Herrschaften?«

»In Uelzen bringen se's nich zuwege,« antwortet Chausseeaufseher Bangemann. »Die Uelzener kenn' ich. Dat sollen se woll bleiben lassen. Einen Amtsgerichtsrat Krahnold haben se nich.«

Um die Solisten bilden sich bewundernde Gruppen.

»Mein Gott, Tierarzt Linsemann! Idel Gold hat er in der Kehle, da steckt 'n zweiter 22 Wachtel in! Habt ihr gesehen, habt ihr gesehen: Landrats sind zu'm gegangen?«

Frau Kantorin Lühr hat ihr Linchen in den Armen und strahlt vor Mutterstolz.

Der Kandidat hat sich den mit Sicherheit zu erwartenden Frageblicken und zarten Anspielungen durch schleunige Flucht entzogen. Hinterm Träsen, weit im Hintergrunde, sitzt er rittlings auf einem Fasse, ein Glas Staackmannsches Lagerbier in den Händen – ich bitte: ein theologischer Kandidat und künftiger Gottesmann!

Den guten Harkort hat die Sache ziemlich mitgenommen. Frau und Tochter trocknen ihm mit vereinten Kräften den Schweiß in dem kupferroten Gesicht. Er ist noch immer mitten darin und brummt und schwögt in einem hin: »Und seiner Hände Werk zeigt an das Firmament – wunderbar, großartig!« Und ein über das andere Mal ermahnt die Frau: »Justus, erhitz' dich nicht, reg' dich nicht auf, denk' an deinen Rheumatismus!«

Der Amtsgerichtsrat sitzt noch immer vorm Flügel, in Gedanken verloren, und blättert mechanisch in den Noten herum.

Alles betrachtet ihn ehrfürchtig von der Seite. Keiner wagt's, ihn zu stören. Das ungescheitelte, volle weiße Haar liegt wie 23 ein Glorienschein über dem stark geröteten Gesicht.

Na aber, ich denke, es soll noch 'was geschehen?

Da wird's höchste Zeit. Merkt der Amtsgerichtsrat erst einmal Mäuse und steht endgültig auf – keine zehn Pferde kriegen ihn dann wieder an seinen Platz zurück, Feierlichkeit kann er nun 'mal durchaus nicht vertragen.

Apotheker Pimpernuß – wo ist er denn geblieben; Kantors Linchen – wo stecken die beiden denn?

Man sucht den ganzen Saal, die Nebenzimmer, den Vorplatz nach ihnen ab. Vergeblich. Endlich kommt Pimpernuß aus der Kutscherstube zum Vorschein. Hier hatte er in aller Ruhe sein zerknittertes Konzept noch 'mal mit lauter Stimme durchgelesen, und Friedrich hatte das Publikum vorstellen müssen. Zuletzt hatte er sich vor Friedrichs Spiegelscherbe die Perücke hübsch egal gerückt. Sie verschiebt sich nämlich leicht, da sie schon ziemlich alt und abgenutzt ist, zumal bei so großer Aufregung und so vielem Schwitzen, wie heute Abend.

Sieh', da kommt auch Linchen, aus der Mamsellkammer, eine griechische Göttin, holdselig, strahlend wie der Morgenstern tritt sie in den Saal, etwas Verdecktes vorsichtig in den vorgestreckten Händen haltend. 24

Scheu teilt sich vor ihr die gaffende Menge.

Pimpernuß bietet Linchen galant den Arm, und beide, ohne Wanken, stracks auf den Amtsgerichtsrat zu.

Der erschrickt nicht schlecht und will Pimpernuß barsch anfahren. Doch ein Blick auf die holde Muse an seiner Seite und der Fluch bleibt dem Amtsgerichtsrat in der Kehle stecken. Er sinkt kopfschüttelnd auf den Stuhl zurück. Die Arme hängen ihm schlaff am Leibe herunter.

»Allverehrter Herr Amtsgerichtsrat, und die ihr allhier in Apoll versammelt, liebe ›Euterpe-Schwestern und -Brüder‹,« beginnt Pimpernuß. »Aller Kunst Alpha und Omega – ich frag', sind das nich die alten Griechen? Ja, sag' ich! Daan is nich zu rütteln. Das verzeichnet die Weltgeschichte mit ehernem Griffel auf ihrer Tafel. Dieselben feierten bekanntlich die weltberühmten sogenannten olympischen Spiele, meine Herrschaften, und Schiller sagt: ›Da sangen die Musen im himmlischen Chor, da erhoben sich Göttergebilde.‹

»Verehrte Anwesende, das ganze sogenannte klassisch-antike Altertum möcht' ich sagen, will ich Ihnen man sagen, war pure Kunst, direkt pure Kunst. Und ich frag': konnt's denn auch anders sein, wenn man 'n büschen daüber nachdenkt? Dieselbe sogen se ja schon gleich mit 25 der Muttermilch ein, mit Respekt zu sagen, und kräftig sogen se zu, wie lauter lütje Herkulesse. Nämlich die griechischen Mütter, ja das waren Sie Mütter! Nich für ungut, meine Damen, so welche giebt's nich mehr, und auf die Mütter kommt's an! Und is nich rein dieserwegen die gesamte Menschheit gleich hinterher aus der Art geschlagen? Darwin hat dain Recht mit seinen Ansichten, ich mein' das auch, und über den Mann soll man nich lachen. Meine Herrschaften, ich hab' über diesen ganzen alten gelehrten Kram seiner Zeit mal 'n Kolleg geschunden, wie der Student sagt, als ich in Göttingen studierte, und weiß, wie's gewesen ist.

»Und nu komm' ich zu der Frage: wo is das alles geblieben? Tempora mutantur, wie der Lateiner sagt – alles hin, alles in Schutt und Trümmer, 'n Ende mit Schrecken hat's genommen, und der Türke sitzt da jetzt mit übergeschlagenen Beinen und lacht da Hohn auf. Aber, meine Damen und Herren, wenn derselbe Schiller wehmütig zu seiner Harfe singt: ›Schöne Zeit, wo bist du, kehre wieder‹, so is dasselbe nu bei uns voll und ganz in Erfüllung gegangen.

»Ich frage: wo sind die Musen hingekommen, als se unten abgewirtschaftet hatten und die Vandalen alles kurz und klein schlugen? – Irgendwo mußten se doch bleiben? – 26

»Meine Herrschaften, ich will 's Ihnen sagen: über die Alpen haben se sich 'rübergemacht, zu uns haben se sich geflüchtet! Ja, das sollten se man wissen, die alten Griechen, wie wir sogenannten Barbaren oben uns 'rausgemacht haben! Sogar bis in unsere verachtete Lüneburger Heide sind se 'rauf. Seht da unsern hochverehrten Herrn Amtsgerichtsrat: ihr Schirm- und Schutzherr, und unser Ort – wahrhaftig, nich Hankensbüttel, Musenbüttel sollt er heißen!

»Unser Verein hat in den sieben Jahren seines glorreichen Bestandes seinem stolzen Namen – den er übrigens von mir hat – Ehre gemacht, meine Herrschaften, und ich frag' bloß ümmer wieder: was sollten wir woll anfangen in so 'nem lütjen Nest, wie hier, fünf Stunden von der Bahn ab, wenn wir die Kunst nich hätten? Wir müßten ja reinweg versauern!

»Meine Damen und Herren, und wo die Musen weilen, will ich Ihnen man sagen, möcht' ich sagen, da sind Venus und Amor auch ümmer dicht bei, und das is 's nämlich, was ich zuletzt noch sagen wollte: in sieben Jahren so praeter propter 'n Dutzend Brautpaare – ja, meine Herrschaften, lassen Se sich's gesagt sein: so 'n gemischter Chor is 'n Segen für die Menschheit!« 27

Pimpernuß schweigt, trocknet sich den Schweiß und greift ordnend nach seiner Perücke, zugleich flüstert er Linchen zu: »drei Schritt vor, Kind – keine Bange – hübsch hoch halten, und grappsch 'runter die Hülle nach'm letzten Vers!«

Mit erhobener Stimme fährt er fort:

»Ja seht, da sitzt der Mann, dem wir das alles verdanken! Ich weiß woll, das kleinste büschen Lob macht 'n ümmer gleich grantig, und ich für meine Person hätt' mir's auch nich getraut. Aber meine Herrschaften, wenn die Musen selber vom Himmel 'runtersteigen und mir beistehen, da muß er doch woll anstandshalber Stand halten. – Pst, Linchen, noch 'n Ideechen weiter links, daß dich alle sehen können!

»Hernieder vom hohen Olymp,
Allwo die alten Götter sind,
Ist sie zu uns gekommen,
Das Antlitz hold entglommen,
In Weiß gekleidet, mit rosa Schärpe:
Die schöne Musengöttin ›Euterpe.‹

– Mach 'n Knix, Linchen, nich so ängstlich! –

So schaut sie mit Verständnis an,
Die nieder vom Olympus kam.
Hergesendet von Phöbus-Apoll
Sie feierlich verkünden soll,
Was der erlauchte Göttersenat
Folgendermaßen beschlossen hat:
Dieweil ohn' Kunst und G'rechtigkeit
Das Leben eitel Nichtigkeit, 28
So sei denn ihm, dem selt'nen Mann,
Der beides gleicherweise kann:
Salomon'sches Urteil pflegen,
Der den vollen Musensegen
Ausgießt übers ganze Amt,
Der vereint in einer Hand
Hält mit festem Griff umspannt
Themisschwert samt Musenleier –
Wohlan, dem Manne sei geweiht,
Zum Preise seiner Herrlichkeit,
Als würdig Mal für unsern Dank
Dieser Silberpokal voll Nektartrank!

»Meine Herrschaften, hoch leb' Herr Amtsgerichtsrat, ihn preis', was Stimm' und Odem – um Gottes Willen: halt, halt auf! Noch nicht »Hoch« rufen! Halt, warten! – Herr Schacke, Teufel auch, 's is ja nichts eingegossen worden! Schnell her 'n Buddel! Feinste Marke! Sekt! Schweren Sekt, den schwersten!«

Der Wirt stürzt die Treppe hinunter zum Weinkeller. Weinbestellungen besorgt er stets eigenhändig.


Große Verlegenheitspause.

Alles bewundert währenddem im Stillen den Pokal. Massiv Silber. Prachtvolle Gravierung. So viel Kunst. Na, ich wollt' auch meinen, was Goldschmied Rissebeer in Hamburg macht. Freilich, Pimpernuß gab ihm die Idee.

Erleuchtung, Vater Homer, Erleuchtung, den 29 Pokal zu beschreiben! Des Amtsgerichtsrats stattliche Dienstwohnung prangt darauf, ganz naturgetreu, mächtig von der Sonne überstrahlt. Überm Dache, genau zwischen den beiden Schornsteinen schwebt wehenden Gewandes die Muse Euterpe, die schön geschwungene Lyra in den Händen. Und in der Hausthüre, am linken Pfosten – sitzt da nicht Quick? Ja, wirklich! Das gemütlichste Schmunzelgesicht von der Welt macht das drollige Vieh.

Den Amtsgerichtsrat umgiebt eine förmliche Ringmauer von Köpfen. Keine Möglichkeit, zu entrinnen. Die Umstehenden waren von Vers zu Vers näher gerückt und die Hintersten zuletzt gar auf Stühle und Bänke gestiegen. Alle blicken sie ihn so warm, so herzlich an. Das kostbare Geschenk. Linchen, das gute Kind.

Endlich kommt Schorse Schacke mit einer dickbäuchigen Champagner-Flasche wieder zum Vorschein.

Aber was ist denn mit ihm. So ernst, ganz blaß und verstört?

»Ist was passiert,« fragen Pimpernuß und Harkort zugleich.

Des ehrlichen Storchenwirtes verschiedenen Versuche, sich herauszulügen, mißlingen. »Wenn's Tanzen angegangen ist, soll Herr Amtsgerichtsrat 's wissen,« verspricht er endlich. »Die 30 unschuldige junge Welt darf nicht zu kurz kommen, und 's Geschäft will ich mir auch nicht ganz verderben lassen, mein' ich man.«

Musikant Stengel und seine Leute haben sich inzwischen hinterm Musikantenträsen versammelt, eingerichtet und gestimmt.

Pimpernuß selber hat die Flasche eiligst entkorkt und den Pokal gefüllt und kommandiert nun ein dreifaches »Hoch« auf den Amtsgerichtsrat.

Die Musikanten blasen Tusch, daß die Wände wackeln und gehen nach dem dritten »Hoch« ordnungsmäßig in »Hoch soll er leben« über.

Der Amtsgerichtsrat erhebt sich und klopft Pimpernuß lächelnd auf die Schulter: »Lieber Herr Pimpernuß, was sind das wieder für Schosen! Sie haben doch alle 'n Spleen die Apotheker. Das bringt der Beruf so mit sich, die scharfen Gerüche steigen ihnen zu Kopf. – – Na, meinen Dank auch, prosit:

»Auf unsern Verein Euterpe,
Apoll ihm Herz und Lungen stärke!

Darauf setzt er den Pokal an und thut einen herzhaften Zug. Und damit endet die Feier und das Vergnügen beginnt. Im Nu sind die Stühle weggeräumt und die jungen Leute helfen den Flügel auf die Seite schieben. Stengel stimmt seine altberühmte Polonaise an: 31

»Von der Schlacht, mit Ruhm bedeckt,
Seht die edlen Polen schreiten.«

Der Förster führt sie an, elegant und geschmeidig, wie immer, mit dem bildschönen Fräulein Lottchen Drangmeister aus Hildesheim, Kreisphysikussens hübschester Pensionärin. (Na, na, er hat später noch vier Mal mit ihr getanzt –?)

Alles, was Beine hat, die ganze alte und junge Welt schreitet die Polonaise mit. Aktuar Schröders, Gerichtsvogt Wreden, Schorse Niebuhr und Nörchen Heiland, die alten Rentmeister Söhles, Sophie Harnack – Onkel Stock am rechten und Onkel Röhr am linken Arme, die alte Einnehmerin Schrader mit dem alten wackeligen Kommissionsrat Michaal; sogar Kaufmann Sausken Großvater und Großmutter müssen ein paar Mal mit herumhumpeln, sie mögen wollen oder nicht, obschon beide in die Kuhle treten, Großvater rechts und Großmutter links, daß ihnen bei jedem Schritt beinah' die Köpfe zusammen klappen.

Endlich, nach dem vierten Tanze winkt der Wirt den Amtsgerichtsrat beiseite: »Erschrecken Sie nicht: Berkebusch sitzt unten! Ich hab' 'n hinten in die Wohnstube mit 'reingenommen. Es hat 'n noch keiner zu sehen gekriegt. Wer würde 'n aber auch wieder kennen! Mit Gelegenheit ist er von Uelzen 'rein. Mein Gott, 32 er sieht aus: ganz erbärmlich, ganz hellschen 'runtergekommen, nicht zu sagen! Kaputte Stiefeletten, einen fadenscheinigen Sommerüberzieher hat er an – bitt' Sie, bei der Kälte! Sagen thut er kein Wort, keine Silbe, 's war nichts weiter aus 'm 'raus zu bringen, als daß er Sie zu sprechen wünscht, heut' Abend noch. Thun Sie mir den Gefallen, kommen Sie mit 'runter.«

Der Amtsgerichtsrat widerstrebt zwar erst heftig, doch der Wirt zieht ihn am Arme mit sich fort die Treppe hinunter.

Eine schwüle Minute und der Amtsgerichtsrat und Karl Berkebusch stehen einander gegenüber.

»Herr Amtsgerichtsrat ich bin gekommen – ich will – Herr Amtsgerichtsrat, – ich bitt' Sie – zum letzten Male: helfen Sie mir, empor muß ich wieder,« unterbricht Berkebusch das peinvolle Schweigen.

Krahnold steht lange unschlüssig, in heftigem innerem Ringen. »Wie ich Ihnen schrieb,« preßt er endlich abgewandten Gesichtes heraus, »dabei bleibt's! Ich hab' mein Wort noch immer gehalten!«

Tief erregt schreitet er darnach im Zimmer lange gleichmäßig auf und ab. Endlich läßt er sich in den Sessel am Sofatische fallen und spricht zerstreut, matt, tonlos, in abgerissenen 33 Sätzen: »Nein, nein. Ich kann nicht! – Sie haben mir Schande gemacht! Die Kunst verraten das ist Todsünde, das ist die größte Schmach! – Nein! – Es bleibt dabei: es ist aus zwischen uns! Aus, vorbei, sag' ich! – Sehen Sie zu, wie Sie durchkommen. – Treten Sie meinetwegen in ein Bier-Orchester ein, wenn Sie nicht verhungern wollen. Oder geben Sie's auf, werden Sie wieder Schulmeister. – Freilich, das Konsistorium nimmt einen Menschen wie Sie nicht wieder an. Das ist klar.«

Der Amtsgerichtsrat bleibt unerschütterlich fest, selbst als Berkebusch ihn flehentlich bittet, ihm wenigstens zu seiner in Hamburg versetzten Geige zu verhelfen.

Schweigend sitzen beide da und starren in die Lampe, oder vor sich nieder in die Muster der Tischdecke.

Dumpf schallen die Tänze von oben durch die Zimmerdecke, dazu das Walzen, Rutschen, Stampfen – die große Tampête, die Rosenpolka, »Wo geht der Weg nach Halle«, der Großvater.

Dem Amtsgerichtsrat ist's unmöglich, nach dem Saale zur Festlichkeit zurückzukehren. Als es Zwölfe schlägt, steht er auf und schlängelt sich langsam nach seiner Wohnung.

In Hut und Überzieher wirft er sich auf seinen Sofa. Doch es läßt ihm keine Ruhe 34 zu Hause. Nach knapp einer halben Stunde springt er vom Sofa, steckt seine Brieftasche ein und geht wieder in den »Storch« zu Berkebusch zurück.

Sein Fehlen läßt im Saal oben kein rechtes Vergnügen wieder aufkommen. Und als es sich herumspricht: »Karl Berkebusch sitzt unten, ein zerlumpter Landstreicher,« da vergeht den meisten die Lust und nur das ganz junge Volk schwingt noch die Tanzbeine. Landrats, Kreisphysikussens, Oberförster Malchussens, Domainenpächter Barkhausens – kurzum alle Honoratioren brechen frühzeitig auf. Der untröstliche Pimpernuß trinkt sich in seinem Ärger einen beträchtlichen Schwipps an. So nimmt das so schön begonnene Stiftungsfest ein trübes, vorzeitiges Ende.

Auf dem Turme schlägt es fünf und der Postillon bläst gleich darauf zur Abfahrt der Uelzener Post. Im »Storch« ist zugleich die Posthalterei. Berkebusch und der Amtsgerichtsrat erheben sich. Letzterer holt einen Hundertmark-Schein aus seiner Brieftasche: »Hier, nehmen Sie. Dies das Letzte. Machen Sie damit, was Sie wollen – was Sie wollen, mir ist's gleich. Nur fort von hier! Mir aus den Augen!«

Die schwerfällige, gelbe Postkutsche setzt sich in Bewegung, mit ihrem einsamen Passagier, und rumpelt davon. 35

Der Amtsgerichtsrat blickt dem Wagen nach.

Fritz Greyer, der Postverwalter, tritt teilnehmend an ihn heran, doch der Amtsgerichtsrat winkt ihm, zu schweigen.

Noch lange steht der Amtsgerichtsrat still da, inmitten der Straße, den Kopf tief gesenkt und beide Hände krampfhaft fest auf den Griff seines Spazierstockes gestützt.

Plötzlich macht er ein paar heftige Schritte, als wolle er dem Wagen nacheilen, zaudert, bleibt stehen, wendet sich und geht langsam nach Hause.

* * *

Fünf Jahre sind vergangen.

Wiederum ist's Weihnachten, dritter Festtag.

In Hankensbüttel hat sich viel verändert.

Verklungen, begraben die schöne Zeit der traulichen »Euterpe«-Abende. Die Musen haben Hankensbüttel verlassen. Harkort und Pimpernuß mit ihnen. Statt zu den Übungsabenden im »Storch« gehen die Hankensbütteler jetzt Bier trinken und Karten spielen und siehlen sich in den Wirtshäusern herum. Auf dem Turnerball heute Abend im »Storch« mag's wüst genug hergehen. Mehr Geld haben sie, seit die Bahn näher und man in der Malloh-Heide Kieselguhr gräbt. 36

Im Amtsgerichte giebt's jetzt Arbeit genug und Aktuar Schröder könnte saubere Prozeßakten vorweisen. Amtsgerichtsrat Krahnold hat dort nichts mehr zu sagen. Er ist seit Ostern vorm Jahre pensioniert. Seine stolze Dienstwohnung hat er räumen müssen. Bei Maurermeister Beenen hinten auf dem Käseberg wohnt er nun, still und einfach, ein einsamer, alternder Junggeselle, und oft denkt er wohl zurück an die vergangenen Zeiten.

Bald nach der unglücklichen Nacht im »Storch« hatte Krahnold zu kränkeln angefangen.

Die böse Melancholie, sein altes Erbleiden, regte wieder ihre dunkeln Fittiche in seiner Seele.

Da er sich bei seiner ständigen Niedergeschlagenheit keine rechte Mühe mehr gab und neue größere Werke nicht mehr zur Einstudierung gelangten, was Wunder, daß der Eifer schnell erkaltete und die »Euterpe« herunterkam.

Die Übungsabende wurden saumselig besucht und mußten verschiedentlich gar ausfallen. Pimpernuß berief zwar unermüdlich eine Generalversammlung nach der anderen, jedoch all sein Reden, Ermahnen, Abstimmen, Beschlußfassen half zu nichts mehr.

Zwei Jahre etwa noch schleppte der Verein sich hin, bis das trübe Lebensflämmchen verflackert und erloschen war. Das letzte 37 Stiftungsfest mit der alten Romberg'schen »Glocke« – lieber Gott, wie traurig das ablief gegen die früheren!

Den unrettbaren Verfall beschleunigten zudem allerhand Ursachen im Schoße des Vereins selber, unglückliche Zufälligkeiten, Schicksalsschläge, Zwistigkeiten.

Schon gleich damals, nach der »Schöpfung« will's das Unglück, daß Förster Drögeborck und der Verwalter beide zugleich in Fräulein Lottchen Drangmeister bei Kreisphysikussens sich sterblich verlieben. Das vergeßliche Fräulein hatte nämlich beiden die große Tampête irrtümlich versprochen und hernach den Förster vorgezogen. So kommt's denn auf dem gemeinsamen Nachhausewege zwischen ihnen zunächst zu einem heftigen Wortwechsel und schließlich gar zu Thätlichkeiten. Die bislang Freunde gewesen waren, haßten sich als Nebenbuhler selbstverständlich und kamen nicht mehr in den Verein, um sich hier nicht zu begegnen.

Gleichfalls durch Uneinigkeit – durch eine große umfangreiche Familien-Verzankung verlor die »Euterpe« kurz dahinter zwei notenfeste Bässe, zwei Tenöre, fünf Sopran- und drei Altstimmen, darunter die Hauptstütze des Altes. Sodann im Sommer, um Pfingsten geschah ein betrübendes Unglück: Fritz Greyer, den alten 38 guten Postverwalter rührte der Schlag. Ganz plötzlich, an einem Übungsabend, mitten in seinem Leibliede, Schumanns »Schön Rothtraut«, bei der Stelle:

»Ich hab' Schön Rothtrauts Mund geküßt,
Schweig stille mein Herz!«

sinkt er Schorse Schacke, seinem besten Freunde, mit dem er aus dem gleichen Hefte sang, tot in die Arme.

Was thaten darauf Lehrer Stühmke und Kaufmann Dannenberg, gleich den andern Tag? Sie erklärten ihren sofortigen Austritt, indem sie behaupteten, singen verdicke das Blut, spanne die Adern an und sei gefährlich fürs Herz. Und so höhnisch Pimpernuß sie auch 'was auslachte und trotzdem er ihnen klipp und klar mit verblüffender wissenschaftlicher Schlagfertigkeit das Gegenteil bewies – einerlei, sie blieben bei ihrer Ansicht und kamen nicht mehr zum Singen.

Darauf war ziemlich ein Jahr Ruhe. Dann aber, Johannis vor drei Jahren, brach eine wahre Sturmflut von Unglück über die »Euterpe« herein. Tierarzt Linsemann verließ Hankensbüttel, schnöden Gewinnes halber: er avancierte zum Kreis-Tierarzt in Gifhorn. Landrats Kandidat heiratete endlich seine bräutliche 39 Gouvernante und wurde Pastor in Neddelkamp bei Uelzen.

Und das Allertraurigste zuletzt: Harkort mußte seines bösen Langensalzaer Rheumatismus wegen seinen Dienst aufgeben. Sie pensionierten ihn, den Trefflichen, Braven, und so lumpig, wie möglich: mit seinem halben Gehalt, und nicht lange darauf siedelte er auf Betreiben seiner Frau nach Hannover über, zu seiner dort verheirateten Tochter. Lange hatte er zwar wegen der Übersiedelung Widerstand geleistet, bis zum äußersten, jedoch die Frauen – kriegen sie schließlich nicht den stärksten Simson herum? Kurz darauf ging auch Pimpernuß. Er verkaufte seine Apotheke und folgte Harkorten nach Hannover zu seinem Eduard.

Ja, was blieb da noch übrig von der Hankensbütteler Musik? – ein traurig Trümmerfeld, und die »Euterpe«? – eine Harfe ohne Saiten.

* * *

»Sei mo̊et 'n beten an de Luft, Herr Amtsgerichtsrat, 't hat uphört mit sneien, buten is de schönste Sünnenschien!«

Keine Antwort.

Der Amtsgerichtsrat rührt sich nicht in seiner Sofaecke. 40

Kopfschüttelnd grappscht Dortchen das Kaffeebrett an sich heran und schlürt aus der Thür: »nee Kinners, wo will dat noch henn mit öm!«

Ein Hundegreis kommt vom Ofen gekrochen, schüttelt sich, borstet den Rücken, gähnt und reckt sich, und legt zuletzt seine ehrwürdige weiße Schnauze seinem Herrn aufs Knie. Quick, bist du's denn wirklich? Der treue, kluge, muntere, tapfere Quick – die stärksten Schäferhunde im Orte gingen ihm früher aus dem Wege. Grausames Altwerden!

In Erinnerungen versunken, den Kopf in die Schlummerrolle gedrückt, betrachtet der Amtsgerichtsrat die Bilder überm Flügel: den sinnenden Robert Schumann, Mozart, wie er sterbend schnell noch einen Takt Requiem schreibt, Joseph Haydn auf der Überfahrt nach England bei Sturm und Gewitter.

Freilich, in der Dienstwohnung früher, im »Saal« auf der blauen Tapete, da kamen sie anders zur Geltung, als hier in dem engen, niedrigen Loch.

So eigen schauen die Köpfe heut auf ihn herab. Ein Blicken, ein leises Winken, ein stilles Grüßen. Die Rhythmen des Trauermarsches im Schumannschen Quintette werden ihm lebendig im Ohre. Nun Berkebuschs große Kantilene, breit und markig, Harkorts Cello auch zugleich 41 in der tieferen Oktave. – Es klingt doch pompös auf dem neuen Violoncello!Vergl.: »Das neue Violoncello«, in des Verfassers »Musikantengeschichten«.


»Ist gut – keinen Dank, mag nicht so 'was! – Setzen, setzen! – Wieder von vorn den Satz!«


»Was, immer noch die Hand vor meiner Nase –?«

»Harkort!«

Der Amtsgerichtrat fährt in die Höhe. Er reibt sich die Stirn – »wach' ich, träum' ich –? Wahrhaftig, Harkort! Er steht leibhaftig vor mir!«

Und so ist es. Sachte und unbemerkt war Harkort schon vor einer guten Weile ins Zimmer getreten.

»Nich allein komm' ich, Herr Amtsgerichtsrat, hier, kennen Se's woll noch, denken Se woll noch ans neue Violoncello? Und hab mir gedacht, grad' heut', dritten Weihnachtstag, mußt du 'n Herrn Amtsgerichtsrat doch endlich 'mal besuchen. Und 'ne frohe Botschaft bring' ich mit, Herr Amtsgerichtsrat: Berkebusch ist gefunden, in Hannover, vor'ge Woche da aufgetreten! Und war da natürlich, und aufgesucht hab' ich 'n noch 'n selbigten Abend. Und gefreut hat er sich und nach allem 42 hat er gefragt, was hier passiert ist. Und auch nach Ihnen hat er sich erkundigt. Und dann hat er von sich erzählt. Herr Amtsgerichtsrat, was der Sie erlebt hat! Ist ja nich zu glauben! Erst 'n Jahr lang Kellner in Hamburg, bis er seine Geige wieder hat. Und dann 'rinn in die Welt. Und bei Zirkus-Orschestern und alles mögliche andere, bis er zuletzt in Paris hängen geblieben ist. Und da ist er ja woll in so'n Boulevard-Theater angekommen. Und was meinen Se woll: es glückt 'm, Schüler vom großen Professor Léonard zu werden! Von Léonard, denken Sie!

»Herr Amtsgerichtsrat, ich sagt' ja früher all ümmer: sein Strich, sein Strich! Und sehen Sie, Léonard auch, und: in Ihnen steckt 'was, junger Mann, hat er zu'm gesagt, und ganz vor umsonst hat er 'n vorgenommen, bis er 'n fertig hatte, daß er auf Reisen gehen konnte. Und in England und Schweden war er all. Und diesen Sommer, wo doch wieder Festspiele sind, will er in Bayreuth mitspielen, sagt er. Und natürlich Violino primo, am ersten Pult', dicht beim Konzertmeister, anders thut's so einer nich.«

Der Amtsgerichtsrat springt auf und schüttelt Harkorten leidenschaftlich beide Hände. Er ringt nach Fassung, zu sprechen, doch nur das Wort: »Berkebusch« vermag er herauszubringen. 43

Jäh wendet er sich darauf von Harkorten ab und rast im Zimmer auf und nieder, wie's so seine Art ist. Quick wedelnd und kläffend hinter ihm darein: »ist denn mein Herr wieder 'mal nicht recht bei Troste?«

Endlich macht er am Flügel Halt, schiebt die Wachstuchdecke zurück und öffnet den Deckel. Ein schüchterner Griff in die seit Jahr und Tag nicht mehr berührten Tasten, ein paar Harpeggien, eine Tonleiter. Des Amtsgerichtsrats Augen leuchten auf: »schnell einstimmen, Harkort!«

Darauf stürmt er an den Notenschrank und wühlt in den Notenstößen auf den Börten herum, während Harkort mächtig dröhnend seine Quintensaiten streicht. »So, hier Beethoven, Harkort, die Cellosonaten, alle fünf zusammen! Sofort 'mal die herrliche A-dur. Die stimmt dazu!«

Nach dem ersten Satze blickt der Amtsgerichtsrat Harkorten lange an, feuchten Auges: »Harkort, lieber Freund, was ist das Leben ohne Musik – ein traurig Nichts, ich hab's erfahren!«

»Ja, und was wär' auch der Himmel ohne Musik, Herr Amtsgerichtsrat? Wir Musikanten kommen alle hin, man braucht uns da!«

»So, nun man fix wieder zu Stuhl, Harkort! Fix! 'rann an'n Baß! Den Stachel fest, ordentlich Colophoneum auf den Bogen, für heute 44 bleiben wir sitzen! Weiter, das Scherzo, los, fuoco, accelerando, poco presto! Und wissen Sie die Parole für diesen Sommer, Harkort? Auf, auf, nach Bayreuth, zum heiligen Gral!«

* * *

Der heiterste lichtblaue Nachmittags-Himmel spannt sich über die altersgrauen Giebel und Thürme der Wagnerstadt am roten Main.

Nicht das leiseste Lüftchen weht, nicht das kleinste Wolkenflöckchen taucht am Himmel auf, freie Bahn will die Sonne an den Hundstagen haben. Und das Wiesengelände, das Saatland, goldschimmernd, erntereif, die grünumheckten Gärten, dahinter die blauschimmernden Waldberge – schläft alles halbverschmachtet im Sonnenglast seinen Hundstagsschlaf.

Doch ob auch jede andere Stadt im lieben deutschen Vaterlande heut schwitzend kapituliert, die Wagnerstadt singt: »Wagalaweia, woge du Welle, hier rauschen die Wogen der Kunst, hier badet der Geist sich frei und gesund!«

Im Flaggenschmuck prangen die Häuser.

Karossen rollen auf grasumwuchertem Pflaster stolz einher.

Zeug' deine Schuhe aus, Wanderer, du stehst auf geweihtem Boden!

Stolz grüßt das Festspielhaus von seinem 45 Hügel weit in die Lande. Die Flaggen wehen auf der First – Festspieltag.

Schon hat die Auffahrt begonnen. Wagen reiht sich an Wagen. Horch, die Fanfaren – das Grals-Motiv, voll und dröhnend. Es glühen die Gesichter, voll Erwartung pochen die Herzen. Geduld, bald ist's so weit.

Jener alte Herr mit dem blauen Sonnenschirm, der schon stundenlang im stärksten Sonnenbrand auf der Plattform ungeduldig auf und ab ging, ist denn wirklich der erste im Theater, wie die Thüren nun endlich sich aufthun.

Nun hat er seine Platznummer glücklich gefunden.

Was steht und späht er denn so zum Orchester hinunter, es ist doch verdeckt, man sieht nichts davon?

Endlich setzt er sich und richtet sich ein.

Nun nimmt er den breitrandigen, großen Strohhut ab – ah, sieh': Amtsgerichtsrat Krahnold aus Hankensbüttel!

Die zweiten Fanfaren draußen. Der Menschenstrom verläuft sich allgemach. Die letzten Nachzügler. – Nun sind auch sie verschwunden.

Still ist's wieder auf der Plattform, auf den Wegen. Der Staub verzieht sich, wieder sicher die Luft. Und im Wiesengebüsch weit in 46 der Runde singen die Goldammern ihr friedlich Ditditditditdit-Dieh; ohne Unterlaß zirpt das Grillenvölkchen, munter im Chor, immer im gleichen fröhlichen Zweitakt:

Hundstagsonne,
Grillenwonne!«

Im Tempel darinnen atemlose Stille. Aus geheimnisvoller Geistertiefe tönt's herauf. Langgezogene, tiefe, feierliche Töne, Klänge herbsten Schmerzes und doch erfüllt von himmlischem Trost. Und nun glitzernde Geigen-Harpeggien, seraphisches Flimmern. Horch, nochmals, in höherer Oktave, das Motiv des Abendmahles. Die Liebe des Heilands verkündend, wie er dahin gegeben sein heilig Blut, die Welt zu erlösen vom Fluch der Sünde. Zum drittenmale das Abendmahls-Motiv. Das Blut des Erlösers – siehst du's rieseln am Kreuz? Siehst du den scharfen Speer den Leib des Heilands durchbohren? Doch Engel schweben hernieder, vom Vater gesendet, in göttlichem Erbarmen. Auffängt das Blut des Grales krystallene Schale, und mit Schale und Speer entschweben die Engel, zu bergen in reinster Menschen Hut die heiligen Symbole. Das Grals-Motiv nun, mild, verklärt, getaucht in Strahlen urewigen Lichtes. Im Kuppeldom versammelt sich des Grales stolze Ritterschaft. Die Decke sinkt vom Schrein. 47 Der Gral ist enthüllt. Siehe, da thut sich auf der Himmel und langsam senkt sich's herab, in lichtem Schneegefieder – selige Gewißheit göttlicher Gnade:

»Der Glaube lebt,
Die Taube schwebt,
Des Heilands holder Bote,
Der für euch fließt,
Des Weins genießt
Und nehmt vom Lebensbrote.«

Der Vorhang teilt sich langsam, geräuschlos. Ein halbunterdrückter Hauch aufatmender Bewegung geht durch die dichtgedrängten Reihen der Hörer.

Vom Kopfe des Amtsgerichtsrates lösen sich die vor Erregung bebenden Hände. Seine Augen glühen wie im Fieber, als schauten sie ekstatischen, hellsichtigen Blicks weit hinaus ins magische Jenseit des Lebens, irdischem Aug' sonst ewig verborgen.

Da, feierliches Posaunenblasen auf der Bühne, von der Gralsburg her. Der Morgenweckruf schallt durch die schattigen Hallen des schlummernden Waldes, den Tag verkündend, Sonne, Leben, Liebe. Doch Amfortas ist's vergellt. Dumpfes Klagen und Stöhnen in den Streichbässen, unter schluchzenden Bläser-Synkopen: nun bringen sie ihn getragen, den siechen König, zum lindernden Bad im heiligen See. 48 Waldes Morgenpracht. Süßlabende Kühlung atmet der Wald und seine Stimmen erwachen. Doch nur eine Rettung giebt's vom Fluch der Sünde: Mitleid aus reinem, unbeflecktem Herzen –

»Durch Mitleid wissend,
Der reine Thor,
Harre sein,
Den ich erkor« –

so lautet der Verheißungsspruch.

Amtsgerichtsrat Krahnold wiegt gedankenvoll den Kopf: »Durch Mitleid wissend! Doch immer derselbe Prozeß! Teuer erkauftes Wissen! Bei Gott, ich hab's erfahren!«

»Pst!« blitzt's dem Störenfried an den Kopf, von verschiedenen Seiten her, und die Kommerzienrätin links neben ihm blickt seufzend die alte fette Baronin rechts an seiner Seite an: »Was hat er nur fortwährend, dieser unruhige Gast zwischen uns?«

Weiter wickelt sich die Handlung ab. Parsifals Kommen verkünden freudig die Hörner. Über des Amtsgerichtsrats ernste Züge gleitet ein Lächeln freudiger Erwartung: »Wiedersehen, heute noch. Es kann nicht fehlen. Auf der Bürgerreuth. Nach der Vorstellung wär' er da regelmäßig zu finden, Veranda linke Seite, wie man mir sagte. Fast schäm' ich mich – Narr, der ich war! Ach Gott, weil eine schlimme 49 Kundry ihm 'mal den Kopf verdreht für eine Weile – was gehen das Künstlervolk die Gralsgelübde an? – – Halt! die Violinstelle eben? Der Ton, so bekannt – war er's? Gott, hätt' er doch 'mal 'n Solo, hört' ich ihn doch 'mal 'raus!«

Parsifal erlegt den Schwan. Zum biedern Gurnemanz bringen die Knappen den Frevler. In die Burg kehrt der König vom Bade zurück. Mit Gurnemanz folgt Parsifal dem Zuge. Die erhabenen Klänge der Verwandlungs-Musik. Majestätisch schreiten die Bässe. Die Gralsglocken läuten, gewaltig dröhnen die Schläge und rufen zum Hochamt die Ritter des Grales.

* * *

Die Abendschatten haben sich herabgesenkt und Kühlung gebracht.

Zu Ende die Vorstellung.

Vollbracht ist das heilige Erlösungswunder, der Speer zurückgewonnen und des Amfortas Schuld gesühnt. Parsifal ist König des Grals, Ordnung und Friede walten wieder in der Gralsburg.

Tot liegt das Festspielhaus da. Phantastisch ragen die schwarzen Mauern in den Nachthimmel. 50

Es ist spät. In den Zelten ist man beim Abräumen.

Von der Bürgerreuth, durch die Tannen kommen zwei Männer geschritten, ein alter und ein jüngerer Mann von schlankem Wuchs, im hellen, eleganten Sommer-Anzug.

An die Brüstung der Plattform treten beide nun und schauen in den sternübersäeten Frieden.


»Wissen Sie wohl noch, Berkebusch, vor zwölf Jahren in Striepen Laube. Grad' so 'ne schöne Nacht war's. – Ja, Harkort hat Recht behalten! Berkebusch, Sie haben mich armen, alten Amfortas heut' erlöst. Doch übersiedeln, zu Ihnen nach Hannover, weg von meinem Hankensbüttel? Nein, das nicht! Einen alten Baum soll man nicht umpflanzen. Aber hinkommen werd' ich öfter, das versprech' ich Ihnen, und dann ist das alte Quartett wieder beisammen!« 51

 


 

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