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Musikalische Leiden und Freuden

Ludwig Tieck: Musikalische Leiden und Freuden - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenovelette
authorLudwig Tieck
booktitleTiecks Werke   Zweiter Band
titleMusikalische Leiden und Freuden
publisherLeipzig und Wien. Bibliographisches Institut
seriesTiecks Werke
volumeZweiter Band
editorLudwig Klee
firstpub1823
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorJens Sadowski
modified20151207
created20090406
projectid2a64bfdb
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Einleitung des Herausgebers.

»Eine Mitteilung andrer Art gab der Freund am nächsten Abend, 31. August oder 1. September 1822. wo er das Manuskript seiner neuesten Novelle: ›Die musikalischen Freuden und Leiden‹, vorlas.« Nach dieser Bemerkung Karl Försters in seinem Tagebuch »Biographische und litterarische Skizzen«, S. 285. ist Tiecks fünfte Novelle: »Musikalische Leiden und Freuden«, kurz nach der »Verlobung«, spätestens Ende August des Jahres 1822 vollendet worden. Sie erschien aber erst im Spätjahr 1823 in den »Rheinblüten«. Dritter Jahrgang, Taschenbuch auf das Jahr 1824 (nicht 1834, wie bei Köpke, oder 1823, wie bei Minor verdruckt ist; auf 1823 erschien überhaupt kein Jahrgang), Karlsruhe, Braun. Der erste Einzeldruck bildet den vierten Band der »Novellen« (nicht den fünften, weil der »Geheimnisvolle« in dieser Sammlung fehlte) und ist 1824 Dresden, Arnoldische Buchhandlung. erschienen; Originalneudrucke kamen 1844 im 17. Bande der »Schriften« und 1852 im 1. Bande der »Gesammelten Novellen« heraus. Wie Tieck in seiner ältesten Novelle ehrliche und unehrliche Bestrebungen im Gebiet der bildenden Kunst, in der zweiten (dem »Geheimnisvollen«) Verlogenheit und Wahrhaftigkeit im politischen und gesellschaftlichen Treiben, in der vierten (der »Verlobung«) pietistische Heuchelei und echte, menschliche Frömmigkeit in scharfer Beleuchtung gegeneinander gehalten hatte, so machte er Natur und Unnatur, ehrliche Begeisterung und leere Phrase, wie sie das musikalische Leben der Zeit aufwies und allezeit aufweist, zum Gegenstand dichterischer, stark humoristisch gefärbter Darstellung in dieser fünften Novelle. Das Interesse für Musik war gerade damals neu belebt durch das Erscheinen von Webers »Freischütz« (1821), der von vielen als eine Erlösung vom Rossinischen Klingklang, als ein Sieg deutschen Gemüts über welsches Raffinement freudig begrüßt wurde. Tieck und der große Komponist verehrten einander als Künstler wie als Menschen, und jener ergriff gewiß herzlich gern die Gelegenheit, ein warmes Wort für den musikalischen Romantiker gegenüber den Anfeindungen der Zopf- und Modemusiker und einer bornierten Kritik öffentlich auszusprechen. Dies mag der unmittelbare Anlaß zur Entwerfung vorliegender Novelle gewesen sein. Tiecks Teilnahme an musikalischen Interessen sowie sein feines Verständnis und gediegenes Urteil über Musik schrieb sich schon von früher Zeit her. Bereits im Reichardtschen Hause, zuerst in Berlin, dann in Halle und Giebichenstein, war er in musikalische Kreise eingeführt worden; er hatte als Jüngling die damals neuen Opern Mozarts, trotz Reichardts Widerspruch, mit Begeisterung gehört; durch seinen Freund Wackenroder war ihm die Tonkunst fest ans Herz gewachsen; auch Burgsdorff war eine musikalisch begabte Natur, in seinem und in dem gräflich Finkensteinschen Kreise zu Ziebingen und Madlitz wurden mit enthusiastischem Eifer und bewundernswertem Geschmack namentlich die Schätze der ältern italienischen und deutschen Kirchenmusik ans Licht gebracht und ihnen ein förmlicher Kultus gewidmet. Alle diese Erinnerungen und Erfahrungen verwertete der Dichter in seiner Novelle. Der Baron Fernow ist niemand anders als der Graf Finkenstein. Auch Bilder aus seiner Knabenzeit tauchten heiter verklärt in dem Dichter auf. Die humoristische Schilderung, die der »Laie« von seinen musikalischen Lernversuchen gibt, beruht durchaus auf eignen Erlebnissen des jungen Tieck. Man vergleiche folgende, auf mündliche Berichte Tiecks zurückgehende Darstellung Köpkes: »Ludwig Tieck«, Bd. 1, S. 55 ff. »Eines Tages fragte der Vater: ›nun, Ludwig, hast du nicht Lust, Musik zu lernen?‹ ... Ohne weiter zu wissen, worauf es ankomme, antwortete er, mit der Geige möge er wohl einen Versuch machen. Gesagt, gethan. Ein Musikmeister erschien bald darauf; der Unterricht nahm seinen Anfang. Es war ein guter, stiller und in seiner Kunst sehr tüchtiger Mann, aber der Weg, welchen er einschlug, war der sonderbarste ... ohne ihn über den Wert und Bedeutung der Noten aufzuklären, legte er ihm in einer der ersten Stunden die bekannte Melodie: ›Blühe, liebes Veilchen!‹ vor. Er selbst spielte sie so lange ab, bis Ludwig sie mit dem Gehör aufgefaßt hatte und leidlich nachzuspielen vermochte ... Sogleich ging man zu schwereren Stücken über. Da es ihm an allem Verständnis fehlte, auch sein Gehör keineswegs sicher war, so lahmte der Unterricht bald in der kläglichsten Weise. Die Übungen, das ihm ganz rätselhafte Notenschreiben setzte seine Geduld auf eine harte Probe; das Instrument selbst ward ihm verhaßt. Die dabei notwendige Haltung des Kopfes kam ihm abgeschmackt vor, die sägende Bewegung der Hand lächerlich, der schrillende Ton der Geige, seinem Ohre so nahe, schnitt ihm durch Mark und Bein. Unwillkürlich verzog er bei gewissen Tönen den Mund grimassenhaft, die sonderbarsten Gesichtsverzerrungen wurden ihm zur Gewohnheit ... Eines Sonntags, ein Tag, den der Vater durch allerlei häusliche Untersuchungen auszuzeichnen pflegte, wollte er sich auch von den Fortschritten seines Sohnes in der Musik überzeugen. Ludwig sollte vorspielen. Im guten Glauben an das, was er im Schweiße seines Angesichts gelernt hatte, trug er einige beliebte Melodien vor, mit denen er sich am besten abzufinden meinte. Schweigend hatte der Vater zugehört, endlich sagte er: ›Mein Sohn, du hast in der That Fortschritte gemacht; freilich nicht im Violinspielen, aber doch im Gesichterschneiden. Wo in aller Welt hast du diese abgeschmackten Fratzen her?‹ Zuletzt behauptete er gar, infolge dieser heillosen Musik heftige Zahnschmerzen bekommen zu haben.   Ludwig hatte sich durch sein Kratzen auf der Geige auch dem Ohre der übrigen Hausbewohner bemerklich gemacht, und bald galt er für einen Violinvirtuosen. In dem obern Stockwerk wohnte der Stadtsekretär Laspeyres, dessen aufwachsende hübsche Tochter als Hausgenossin auch seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Sonntags pflegte sie Besuche einiger jungen Freundinnen zu empfangen, und so erging einmal die Bitte, ob Monsieur Tieck nicht die Güte haben wollte, mit seiner Violine hinaufzukommen. Da der Geburtstag der Mademoiselle sei, wünschten die jungen Damen ein Tänzchen machen. Gern folgte er dieser schmeichelhaften Einladung. Die Mutter empfing ihn mit Entschuldigungen und artigen Worten über sein Spiel. Bei diesen hohen Erwartungen wurde ihm schon unheimlich zu Mute. Mehr noch, als er in vollem Lichterglanze, in dem Kreise der jungen, zierlichen Damen stand, die ihn über sein Spiel, welche Tänze er vorzutragen wisse, auszufragen anfingen. Zagend setzte er seine Geige an, und unter obligatem Gesichterschneiden begann er seine Tänze abzuspielen. Man fand die Manier des jungen Künstlers höchst eigentümlich ... Man wunderte sich, man kicherte, unwillig mußte man den eben begonnenen Tanz aufgeben; er endete mit der vollsten Verwirrung. Endlich dankte man Ludwig für seine Bemühungen und bat ihn, sie einzustellen. Voll Zorn über diese Demütigung, die ihn in einem so anmutigen Damenkreise treffen mußte, die Geige und seinen Meister verwünschend, zog er sich still und ohne Geräusch zurück.« Schon Karl Förster schrieb in sein Tagebuch: »Biographische und litterarische Skizzen aus dem Leben K. Försters« S. 285 »In dem Laien schildert Tieck seine eignen musikalischen Leiden bei Erlernung der Geige und gab dabei noch einige höchst ergötzliche Kommentare zu jener Zeit.« Und auch wenn es nicht ausdrücklich bezeugt wäre, daß der Dichter in dem Laien seine eigne Person mit der für ihn charakteristischen Selbstironie abgezeichnet hat, so läßt er in der Erzählung oft so ganz die Maske fallen, daß man schon deshalb nicht daran zweifeln könnte. Dieser »Laie« hat Gedichte über Musik geschrieben und in der päpstlichen Kapelle den Klängen der italienischen Meister gelauscht, er spricht von »unserm Freunde Wolff«, nennt Berlin seine Vaterstadt, ist mit Reichardt, Fasch und Zelter persönlich bekannt, rühmt »unsern hochgeehrten Maria Weber« etc. Um den Laien gruppiert sich nun eine Anzahl Personen, die alle mit frischer Lebendigkeit und gesundem Humor gezeichnet sind, wie der dilettantische Enthusiast Kellermann, der, stets in Extase, sich nicht scheut, über nie gehörte Kompositionen in aufgeschnappten Phrasen zu schwatzen, der nervöse Graf Alten, der aus einem Konzert ins andre jagt und nie befriedigt ist, schließlich aber durch eine wahre Liebe von seiner leidenschaftlichen Überreizung geheilt wird, der von den Launen der Sänger und des Publikums gequälte Kapellmeister und vor allen der halbverrückte italienische Gesangsmeister mit seiner ergötzlichen Radebrecherei der deutschen Sprache und seiner urkomischen Wut gegen die neue deutsche »Seelenmanier«, in welchem das gemütlose Virtuosentum auf das heiterste persifliert wird. So ist es nicht bloß der Reichtum an treffenden und geistvollen Bemerkungen über musikalische und nebenbei auch über dramatische Kunst, nicht bloß der sprudelnde Witz und die würdige Tendenz der Schöpfung, sondern auch hier in erster Linie die feine, konsequente Charakteristik der handelnden und redenden Personen, welche die Dichtung so anziehend macht, wenn man auch zugeben muß, daß die Handlung gegen Gespräche und Situationsbilder sehr zurücktritt. Das Urteil eines Rezensenten in der »Allgemeinen Litteraturzeitung«, daß die »Musikalischen Leiden und Freuden« »viel zu didaktisch« seien, »um echt poetisch zu sein«, wird man heutzutage schwerlich mehr unterschreiben, vielmehr der Meinung eines andern Kritikers in dem nämlichen Blatts beipflichten, der »die Originalität der Erfindung, die Reife und Gediegenheit der darin ausgesprochenen künstlerischen Urteile, die Lebendigkeit der Darstellung, die Wärme des Kolorits und die sprachliche Vollendung« rühmt und zu dem Schlusse kommt, daß solche »geniale Schöpfungen« nichts gemein haben »mit jenen alltäglichen Erscheinungen der Almanachschulen, an denen man mit einemmal genug hat«.

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