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Frank Wedekind: Musik - Kapitel 1
Quellenangabe
typedrama
booktitleMusik
authorFrank Wedekind
year1917
publisherGeorg Müller Verlag
addressMünchen
titleMusik
pages3-109
created20020729
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1908
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Frank Wedekind

Musik

Erstes Bild:
Bei Nacht und Nebel

Szenerie

Möbliertes Zimmer mit Klavier; im Hintergrund ein Alkoven. Auf dem Tisch brennt eine Lampe. Daneben liegt eine gepackte Reisetasche

Personen

Josef Reißner, Gesangspädagoge

Else, seine Frau

Klara Hühnerwadel, Musikschülerin

Erste Szene

Klara Hühnerwadel, dann Else Reißner

(Klara steht am Fenster. In der Ferne schlägt eine Turmuhr die siebente Stunde. Klara zählt laut die Schläge von eins bis sieben)

Klara. Was, schon sieben Uhr! – Vor fünf Minuten hat es sechs geschlagen. – Eine ganze Stunde schon stehe ich hier! – Allmächtiger Gott, allmächtiger Gott, was ist aus mir geworden! Allmächtiger Himmel, was wird aus mir! (Aufhorchend) Jetzt kommt jemand! Endlich! Endlich! (Es klopft) Herein!

(Else Reißner tritt ein, vollkommen verhetzt und verstört)

Else. Hier bin ich! Gott im Himmel weiß, wie ich bis hierher gekommen bin! Ich selbst werde es wohl niemals wissen! Ich glaubte, das Schrecklichste, was ein Mensch erleben kann – ich glaubte, das alles längst erlebt und hinter mir zu haben! Dieser Keulenschlag! Nein, ich war auf alles nur denkbar Mögliche gefaßt! Seit Jahren bin ich in jeder Minute, die ich atme, auf das Aller–Allerschrecklichs.e gefaßt! Aber diese . . . diese Keulenschläge! – Nein, ich weiß in diesem Augenblick nicht, ob ich überhaupt noch lebe!

Klara. Aber du, Else? Warum kommst denn du?

Else. Warum ich komme? Ich? Ich bringe dir das Geld für dein Billett, für deine Fahrkarte bis Antwerpen! Hast du denn deine Sachen gepackt?

Klara. Ich habe eine Tasche gepackt. Ich kann nichts anfassen! Ich kann nichts denken! Ich kann von hier nicht bis zu dem Schrank hinüber. Ich bin an Kopf und Händen gelähmt! Meine übrigen Sachen müssen mir nachgeschickt werden!

Else (sinkt in einen Sessel). Allmächtiger Gott, ich kann mir nicht vorstellen, wie ich das überlebe!

Klara. Else! – Ich wage dir nicht den kleinsten Schritt näher zu kommen. Ich . . . (plötzlich von ihrem Gefühl überwältigt, wirft sie sich Else zu Füßen und umklammert ihre Kniee) Else! Else! Kannst du mir denn vergeben? Kannst du mir verzeihen, Else? Ich bitte dich, Else, sag mir, daß du mir vergibst! Sag es mir, bitte! Du tust ein Werk der Barmherzigkeit, Else! Ich werde alles Entsetzliche, was mir bevorsteht, leichter ertragen können!

Else (ihr das Haar streichelnd). Du, Klara? – Du tust mir unsäglich leid. – Mehr sagen kann ich nicht. Du bist ja nicht die Erste. (Richtet sie mühsam empor) Aber was hilft uns das! Wo hast du denn deine Tasche?! Du mußt doch genügend Wäsche mitnehmen! Du weißt ja gar nicht, unter was für Menschen du bis morgen abend kommst!

Klara. Ich muß natürlich fort! Muß so rasch wie möglich fort! Das ist selbstverständlich. Aber muß ich denn notwendig heute abend schon reisen?

Else. Das fragst du mich, Klara? Wie soll ich das wissen?! Ich weiß von der ganzen Sache nichts, als was mir Josef vor zwei Stunden erzählt hat. Ich bin ja von seinen Worten noch ganz betäubt! Er sagte, der Verhaftsbefehl gegen dich sei heute nachmittag erlassen worden, und wenn man dich noch nicht abhole, dann wolle man dir nur die Möglichkeit geben, heute noch über die Grenze zu kommen.

Klara. Wenn ich hier bleibe, soll ich also morgen schon ins Gefängnis?! – O Gott im Himmel, wo hätte ich mir vor einem Jahr, als ich hierher kam, träumen lassen, daß mir solche Höllenqualen bevorständen!

Else. Ich habe mir – das kann ich bei allem, was heilig ist, schwören – bis vor zwei Stunden nichts von alledem träumen lassen! Ich habe Josef und dich seit einem Jahr, vor allem seit dem Tage, an dem du seine Privatschülerin wurdest, so angstvoll, so eifersüchtig beobachtet, wie nur eine Frau von meinen Erlebnissen zwei Menschen beobachten kann. Ich war ja das ganze Jahr hindurch auf gar nichts anderes gefaßt, als daß er ein Verhältnis mit dir anfangen werde! Ich bin aber offenbar ein Rindvieh, das man aus Gründen der öffentlichen Sicherheit totschlagen müßte! So überrascht hat mich noch in meinem Leben nichts wie die Eröffnungen, die mich jetzt in diesem entsetzlichen Augenblick zu dir hierherführen!

Klara. Else! – Ich kann dir genau erzählen, wie alles gekommen ist, und zwar gerade von dem Augenblick an, wo ich seine Privatschülerin wurde! Ich hätte mich nie in meinem Leben darauf einlassen dürfen, seine Privatschülerin zu werden! Aber ich bin fest überzeugt, daß du, die du ihn kennst und liebst, ihm verzeihen wirst. Ich allein bin ja einzig an allem schuld! Ich . . .

Else. Ich beschwöre dich hoch und teuer, Klara, erzähle mir nichts von euch! Ich habe nicht die Kraft, noch mehr zu hören, als was mir Josef erzählt hat! Ich wäre zum Speicher hinaufgerannt und hätte mich erhängt, wenn mich dein grauenvolles Elend nicht daran gehindert hätte! Josef sagt, du brauchest mindestens zweihundert Mark, sonst steckst du morgen im Gefängnis. (Zwei Scheine aus ihrer Tasche nehmend) Hier ist das Geld! Frag mich nicht, von wem ich es habe! Um es zu bekommen, habe ich vielleicht eine neue hirnlose Eselei begangen, die sich nie in diesem Leben wieder gutmachen läßt!

Klara. Der Himmel erbarme sich meiner, dann nehme ich dein Geld nicht! Ich habe Josef und dir durch meine verzweifelten Entschlüsse wahrhaftig schon Unglück genug gebracht! Lieber lasse ich mich morgen ins Gefängnis sperren!

Else. Was wird denn dann aber aus Josef und mir, wenn du ins Gefängnis kommst?! Josef verliert seine sämtlichen Schülerinnen, er verliert seine Stelle an der Akademie! Josef und die Kinder und ich sind brotlos! Deine Abreise ist das einzige, was uns alle retten kann!

Klara (das Geld nehmend). Von wem hast du denn das Geld bekommen?

Else. Von Franz Lindekuh habe ich es. Ich wußte in meiner Angst nirgends anders hin! Ich erzählte ihm, es handle sich um einen Wechsel, den Josef unterschrieben habe. Dabei kam Franz Lindekuh selber auf den Prozeß zu sprechen. Er sagte, in der morgigen Sitzung werde das Urteil gefällt. Er fand es unbegreiflich, daß ich die Zeitungsberichte nicht kannte. Franz Lindekuh hatte aber jedenfalls noch keine Ahnung davon, daß du, Klara, in den Prozeß verwickelt bist.

Klara. Hattest du denn die Zeitungsberichte wirklich nicht gelesen?

Else. Aber natürlich habe ich sie gelesen! Das war ja heute nachmittag das unsagbar Schauerliche! Ich sitze eben beim Kaffee und lese die Zeitung. Seit vierzehn Tagen hat mich in dem elenden Blatt überhaupt nichts anderes als der Prozeß der Frau Fischer mehr interessiert. Eine Frau, die sich Damen aus allen Gesellschaftskreisen, die sich den Folgen ihrer Abenteuer entziehen möchten, gegen die ungeheuersten Bezahlungen gefällig erweist; wen auf Gottes Welt interessiert ein solcher Prozeß nicht! Ich lese eben den zwölften Verhandlungstag; ich freute mich gerade darüber, daß nun endlich einmal keine gesellschaftlichen Unterschiede mehr gelten sollten, sondern daß rücksichtslos alle Schuldigen bestraft wurden. Da tritt Josef ein, totenbleich, und sagt, er brauche sofort zweihundert Mark, sonst seien wir beide verloren. Ich lachte vor mich hin, ich fragte ihn, ob er zuviel getrunken habe. Da schrie er. »Du hast es ja schwarz auf weiß vor dir gedruckt, wofür ich das Geld brauche!« Da ging mir ein Licht auf, wie ich es vor meinem Tode nicht noch einmal aufflammen sehen möchte. Ich stürzte die Treppe hinunter, um, koste es, was es wolle, die zweihundert Mark aufzutreiben. Darüber sind zwei Stunden vergangen. Ich hätte dir das Geld für deine Flucht mit dem besten Willen nicht rascher verschaffen können.

Klara. Es läßt sich mit Worten nicht schildern, Else, was ich, während wir, Josef und du und ich, Abend für Abend beieinander saßen – was ich während dieser Abende an Folterqualen ausgestanden habe! Josef und ich, wir hatten einander kaum einmal die Hand gedrückt – es war ein Augenblick, in dem ich das Bewußtsein, einen eigenen Willen zu haben, vollständig verloren hatte –, da offenbarten sich mir auch schon die Folgen meiner Bewußtlosigkeit. Und nun saß ich mit euch beiden zusammen, saß dir, Else, Auge in Auge gegenüber, fühlte bei jedem Schluck, den du trankst, den Argwohn, mit dem du mich ins Auge faßtest, und mußte mir dabei gestehen, daß ich, deine Freundin, schlecht genug war, um dich durch mein Benehmen immer und immer wieder über den wirklichen Sachverhalt hinwegzutäuschen! Aus dieser grauenhaften Weinstube, in der wir so oft beieinander saßen, ist mir jedes Bild und jedes Licht und jedes Gesicht wie ein unaufhörlich bohrendes Messer in Erinnerung! Und dann kam das Fürchterlichste! Mir krampfen sich heute noch die Finger zusammen, wenn ich an die Stunden zurückdenke! Meine Mutter schrieb mir, der schweizerische Bundesrat habe einstimmig beschlossen, ich solle am Schützenfest in Glarus die Partie der Eva in der »Schöpfung« von Haydn singen. Ich erschien mir aus den Himmeln meiner glühenden begeisterten Liebe für meine Kunst wie durch einen unerschütterlichen Blitzstrahl auf die Erde genagelt! Die erste große Aufgabe, die sich mir bietet, mußte mich in dieser Lage finden! Meine Mutter telegraphierte mir. Wann kommst du? Wann darf ich dich erwarten? – Und ich . . . und ich . . . aber meine künstlerische Zukunft durfte und konnte an diesem unseligen Zusammentreffen nicht scheitern! Drei Tage und drei Nächte habe ich eingeschlossen in meinem Zimmer vor Verzweiflung in mich hineingeschrien und mir die Finger blutig gebissen, um durch den körperlichen Schmerz meine Seelenqualen zu betäuben. Da fiel mein Blick zufällig auf eine Zeitungsannonce, deren Abfassung gar keinen Zweifel darüber ließ, worauf sie sich bezog. Und diese Annonce stand so gebieterisch vor meiner gemarterten Seele, als wäre mein dreitägiges Jammern um Gnade und Erbarmen endlich, endlich von einem höheren Wesen erhört worden! Ich hätte es für die himmelschreiendste Ruchlosigkeit gehalten, dem Wink nicht blindlings zu folgen. Am gleichen Abend ging ich zum erstenmal zu dieser Frau Fischer. Nachdem sich ihre Giftmischerei dann glücklich bei mir bewährt hatte, da war das Eidgenössische Schützenfest in Glarus längst vorbei und ich, ich war so zerrüttet, so elend, daß ich ein Vierteljahr lang überhaupt an kein Singen mehr denken konnte! – – Else! Hast du angesichts meines fürchterlichen Jammers denn gar kein Wort der Vergebung, des Erbarmens für mich?!

Else. Es kommt jemand.

Klara (aufhorchend). Ja, weiß Gott, es ist jemand gekommen! Das wird Josef sein! (Da es klopft) Herein!

Zweite Szene

Josef Reißner, die Vorigen

Josef (hastig eintretend). Ja, was ich sagen wollte . . . (Zu Else) Hast du das Geld bekommen?

Else. Ich habe es Klara gegeben.

Josef (zu Klara). Du mußt mit dem Zuge acht Uhr fünfzig fahren. Du kannst auf dem Bahnhof noch etwas essen. Morgen früh um zehn Uhr bist du in Antwerpen. Ich war eben noch auf einen Sprung im Justizpalast. Das Urteil wird jedenfalls heute abend noch gefällt. Man sagt, die Frau Fischer werde mit zwei Jahren Gefängnis davonkommen. Das läßt darauf schließen, daß ihre Mitschuldigen vielleicht völlig straflos ausgehen werden. Aber trotzdem mußt du fort. Die Staatsanwaltschaft würde es als die gröbste Herausforderung auffassen, wenn du hier bliebst. (Zu Else) Ich traf Franz Lindekuh eben vor dem Justizpalast. Franz Lindekuh meinte, der Paragraph achthundertundzwölf sei überhaupt gar nicht zum Schutz des Kindes in das Strafgesetzbuch aufgenommen worden. Der Schutz des Kindes, meinte Franz Lindekuh, sei nur ein plumper Vorwand, durch den sich das Volksbewußtsein über den eigentlichen Zweck des Paragraphen achthundertundzwölf blauen Dunst vormache. Der eigentliche Zweck des Paragraphen achthundertundzwölf, meinte Franz Lindekuh, sei der, die Eingeweide des weiblichen Körpers als ein dem männlichen Unternehmungsgeist reserviertes Spekulationsgebiet strafrechtlich abzusperren. Übrigens hätte auch die Staatsanwaltschaft die Anklage gegen die Frau Fischer niemals erhoben, wenn die entlassene Magd der Frau Fischer nicht die schamlosesten Erpressungsversuche gemacht hätte. Die Frau Fischer hatte die Magd, wie sich jetzt herausstellt, aus dem einfachen Grunde entlassen, weil die Person sie bestohlen hatte. Sie hatte ihr die Hemden aus dem Wäscheschrank gestohlen, und dann noch einen Schmuck von ihrer Großmutter, dessen Wert die Frau Fischer auf siebentausend Mark angab. Die Magd drohte dann nach ihrer Entlassung zuerst der Frau Fischer selber mit Anzeige, und als die ihr nicht antwortete, schrieb sie direkt an die jetzige Frau Oberstallmeister, die ihr natürlich auch nicht antwortete. Darauf schrieb sie an deren Mann, den Oberstallmeister selbst – selbstredend auch ohne Erfolg. Und dann wandte sie sich an die Mutter der Dame, eine hochangesehene sechzigjährige Gräfin, die in diesen Fragen vollkommen die gleichen Überzeugungen hat wie Franz Lindekuh, und die seit Jahren in allen Frauenvereinen für eine Petition an den Reichstag um Abänderung des Strafgesetzbuches Propaganda macht. Diese Dame übergab nun die Zuschrift der entlassenen Magd der Frau Fischer kurzweg der Staatsanwaltschaft. Offenbar hatte die alte Gans in ihrem Idealismus gehofft, daß ihr Schwiegersohn, den sie wie die Sünde haßt, nun gezwungen sein werde, die Kastanien, die ihr seit Jahren so sehr am Herzen liegen, aus dem Feuer zu holen.

Else (sich erhebend). Ich bin jetzt hier in diesem Zimmer wohl überflüssig . . .

Josef. Ja, was ich noch sagen wollte, Else . . .

Else. Mir – Josef! – hast du hier in diesem Zimmer nichts mehr zu sagen. Das Geld, das du um fünf Uhr von mir verlangtest, habe ich Klara verschafft. Aber Klara hast du vor ihrer Abreise hier in diesem Zimmer wohl noch sehr vieles zu sagen. Und auch ich habe Klara hier in diesem Zimmer noch etwas zu sagen . . .

Klara. Mir, Else? – Ich nehme so unsagbar viel Unglück auf diese Fahrt mit – unglücklicher, als ich schon bin, kannst auch du, trotzdem du das größte Recht dazu hast, mich nicht mehr machen.

Else (von plötzlichem Grauen gepaßt) Nein, du barmherziger Himmel! Nein! Ich erbärmliches Unglücksgeschöpf! Ich weiß es ja, ich armselige Kreatur! Ich allein bin ja an eurem Verderben schuld, an unser aller Verderben! Könnte ich meinem Manne die Kurzweil bieten, die du ihm bietest! Könnte ich ihm sein, was du ihm bist! Ja ja, daß ich ihm das nicht sein kann, wie viele Unschuldige hat das nun schon ins Verderben gestürzt! O warum hat man mich elenden Schwächling nicht vor meinem ersten Atemholen erwürgt! – (Sie trocknet ihre Tränen) Aber ich – ich kann euch mit meinem Geheule nicht die letzte Minute zur Hölle machen. – Lebt wohl! – (Sie geht auf Klara zu und reicht ihr die Hand) Leb wohl, Klara!

Klara (mit einem bittenden Blick ihre Hand nehmend). Else!

Else (weinend). Ich bitte dich nicht um Vergebung. Ich gehe. Das ist einfacher. – (Ab)

Dritte Szene

Klara, Josef

Josef (aufatmend). Gott sei Dank, daß sie draußen ist.

Klara. Wieviel Uhr hast du?

Josef (nach der Uhr sehend). Dreiviertel auf acht.

Klara. Dann hol mir einen Wagen.

Josef. Ich habe eine Droschke unten.

Klara. Weißt du noch, was ich dir sagte, als du mir nahelegtest, zu der Frau Fischer zu gehen?

Josef. Lassen wir das jetzt. Nicht wahr? – Du kannst deinem Aufenthalt in Antwerpen mit der größten Gemütsruhe entgegensehen. Ich schicke dir monatlich hundertundfünfzig Mark. Damit kannst du leben. Derweil wird hier der Prozeß der Frau Fischer zu Ende verhandelt, und in zwei oder drei Monaten ist die ganze peinliche Geschichte vergessen, und um keinen Preis der Welt kommt weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaft auf ihre Nebenumstände zurück. Dafür bürgen uns die Kreise, die dadurch in empfindlichster Weise in Mitleidenschaft gezogen würden. Dann kommst du ruhig von Antwerpen zurück, studierst hier noch ein halbes Jahr weiter, natürlich bei mir, und wenn du heute in einem Jahr nicht ein glänzendes Engagement als Wagnersängerin an einem der ersten deutschen Theater hast, dann nenne mich einen Schuft! Ich kann dir in diesem Augenblick leider nichts anderes sagen. Wenn du in einem Jahr nicht das glänzendste Engagement als Wagnersängerin hast, dann – dann nenne mich einen Schuft!

Klara (auffahrend). Wenn ich daran zurückdenke, mit welchen Hoffnungen ich vor einem Jahr auf das hiesige Konservatorium kam! Allmächtiger Gott! Zu Hause der Abschied von meiner in Tränen aufgelösten Mutter! Aber keine Macht der Welt hätte mich von meinen künstlerischen Zielen abgelenkt! Die Liebe zu meiner Kunst war mir meine Religion! Ein höheres Gebot gab es in dieser Welt nicht für mich, als die seltenen Gaben, die mir unter Tausenden durch die Gnade des Himmels zuteil geworden, zur allerhöchsten Vervollkommnung auszubilden! Und mich brachte ich meiner Kunst so frei, so rein, so unangetastet als Einsatz dar. Ich brachte ihr alles, was sich in der kindlichen Knechtschaft an Seelenstärke, an innerlichen Erlebnissen in mir aufgespeichert hatte! Und dann die ersten Wochen am Konservatorium! Welch ein herrliches, feuriges Ringen! Wie wuchs da mit jedem Tage die Zuversicht! Je unüberwindlicher sich die Arbeit vor einem auftürmte, um so mächtiger wurde der Stolz, um so fröhlicher, um so freudiger war das rastlose Streben! Wenn ich daran zurückdenke! Allmächtiger Gott! Allmächtiger Gott! Wenn ich an diese Zeiten zurückdenke!

Josef. Ich möchte nur sehen, wie du dich dieser vertrockneten Schulfuchserei an der Musikschule heute gegenüberstellen würdest. Diese staatlich konzessionierten Klavierhengste hätten dir im besten Falle eine auf beiden Beinen hinkende Klaviertechnik beigebracht, und du wärst als die größte Klavierlehrerin, die die Schweiz je gesehen, zu deiner in Tränen aufgelösten Mutter zurückgekehrt!

Klara (flammend). Was bin ich jetzt?!

Josef. Jetzt bist du eine Künstlerin, um die sich in einem Jahre die ersten Theater die Hälse brechen werden. – Und wem verdankst du das?!

Klara. Da kamst du! Kamst mit deinem unwiderstehlich schönen Fliegendenholländerbart! Spottetest über das Konservatorium, an dem du Lehrer bist! Sagtest, ich käme, wenn ich bei dir Privatunterricht nähme, in einem Vierteljahr weiter, als wenn ich mein ganzes Leben lang auf der Musikschule studiere! Benutztest jede Stunde, die ich mit meinen Mitschülerinnen bei dir war nur dazu um mir den Unterricht am Konservatorium als den sicheren Tod meiner Stimme hinzustellen! – Und wie sollte ich dir das alles nicht glauben, wo es sich doch um ein Institut handelte, das dich selber als Lehrer bezahlte! So kam ich denn schließlich um meine Entlassung ein und wurde deine – Privatschülerin! – Gelernt habe ich vieles bei dir, das weiß Gott im Himmel! Dein Privatunterricht hat Abgründe vor mir aufgetan, von deren Vorhandensein ich mir vorher nichts hatte träumen lassen! Ob ich im Lauf dieses Jahres am Konservatorium in meinen Musikstudien nicht vielleicht doch weitergekommen wäre? Ich will das nicht entscheiden. Ich weiß nur eines, was in diesem Augenblick unumstößlich feststeht: Weit ist es mit mir gekommen!

Josef. Klara, wir müssen jetzt gehen.

Klara (beginnt irre zu reden). Zu meiner Mutter, Josef? – Ja, Geliebter! Gehen wir doch zu meiner Mutter! Es ist ja so selbstverständlich, daß wir zu ihr gehen! Du bist ja doch mein Mann, Josef! Wird die eine Freude haben, meinen Mann kennen zu lernen. (Ihn stürmisch umarmend) Josef, Josef! Du bist mein Mann! Ich bin dein Weib, mein Geliebter! Bin ich es vielleicht nicht?! – (schmeichelnd) Komm, gehen wir zu meiner Mutter. Meine Mutter gibt uns ihren mütterlichen Segen, und dann fahren wir mit einem Schnelldampfer nach Amerika hinüber! Durch unserer Hände Arbeit, Josef, können wir in Amerika reich werden. Wir können uns das herrlichste Leben schaffen!

Josef (sucht sich loszumachen). Wir müssen fort, Klara! In einer halben Stunde fährt dein Zug!

Klara. Ja, ja – – ins Gefängnis.

Josef. Dein Zug nach Antwerpen. Es handelt sich um gar nichts weiter, als daß du hier in der nächsten Zeit nicht öffentlich gesehen wirst.

Klara (sinkt weinend in einen Sessel). In Tränen aufgelöst beschwor sie mich, mein Lebensglück nicht auf meinen unüberwindlichen Größenwahn zu setzen. Du, mein Kind, willst eine berühmte Sängerin werden. Du. Mit deinem Gesicht. Um eine berühmte Sängerin zu werden, rief sie, muß man andere Nerven haben, als du von deinen Eltern geerbt hast. Dazu gehört eine Pferdemagen, von dem wir uns in der Schweiz keine Vorstellung machen! Dazu muß man über Leichen gehen können! – Sie hatte recht! Sie hatte recht! Und ich in meinem hirnwütigen Größenwahn glaubte ihr nicht! Ich habe sie ausgelacht! Meiner lieben braven Mutter schenkte ich in meiner wahnwitzigen Selbstüberhebung keinen Glauben! (Verzweifelt aufspringend) Könnte ich Dirne jetzt wenigstens vor sie hintreten und sagen: Ja. Ich habe mich überschätzt! Du hattest recht, Mutter. Ich bin keine Sängerin! Ich bin zu spießbürgerlich, ich habe zuviel Ehrgefühl, um eine wirkliche Sängerin zu werden! Aber nicht einmal das kann ich! Fort in Nacht und Nebel! Fliehen muß ich! Über die Grenze muß ich! Meine Kunst, meine Mitschülerinnen, meine Freunde, alles muß ich fliehen! Und dich muß ich fliehen! Dich, Josef! Das ist das Entsetzlichste! Dich, dem ich mein ganzes Elend verdanke! Dich, den ich liebe, wie ich mir irgend etwas auf Erden lieben zu können niemals träumen ließ! (Ihn umarmend) Wie soll ich denn ohne dich, Josef, leben! Sage es mir, Josef, wie ich mir ohne dich helfe!

Josef. Klara, es ist jetzt höchste Zeit! Der Zug wartet nicht auf uns!

Klara (von ihm ablassend). Sie sagte: »Du kannst dich auf einen Wettkampf mit den abgefeimtesten internationalen Abenteuerinnen nicht einlassen, ohne dabei deine Ehre aufs Spiel zu setzen . . .«

Josef (die Reisetasche vom Tisch nehmend). Ich trage dein Gepäck hinunter. Deine Fahrkarte nach Antwerpen habe ich in der Tasche.

Klara (ihm folgend). Wenn die eine Ahnung hätte, worauf ich mich habe einlassen müssen. (Beide ab)

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