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Münchnerinnen

Ludwig Thoma: Münchnerinnen - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMünchnerinnen
authorLudwig Thoma
year1985
publisherPiper Verlag
addressMümchen
isbn3-492-00639-6
titleMünchnerinnen
pages3-168
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1919
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Ludwig Thoma

Münchnerinnen

(1919)

In einer Seitengasse der inneren Stadt lag die Spezereiwarenhandlung von Nepomuk Globergers sel. Erben. Zwei Ladenfenster und eine mit Schnitzereien geschmückte Glastüre nahmen zu ebener Erde die Front des schmalen Globergerschen Hauses ein; in einer Nische über den Fenstern des ersten Stockwerkes stand eine schmerzhafte Mutter Gottes, und davor brannte in einer roten Ampel ein ewiges Licht, gestiftet vom Gründer des Geschäftes, Nepomuk Globerger, der unter Max Joseph aus der Altöttinger Gegend nach München verzogen war.

Wer sich an alten Häusern als den Wahrzeichen und Zeugen einer lieben Vergangenheit erfreut, mochte gerne vor dem Hause stehen bleiben und die Rokokoornamente über den Fenstern betrachten.

Aber der Laden mit den Auslagen mußte ihn aus der Behaglichkeit aufstören, denn Benno Globerger, der jetzige Besitzer, war dem Zeitgeiste, der Höhe und Breite braucht, um sich protzig zu geben, gefolgt und hatte die Fenster vergrößert, mit Spiegelscheiben versehen und mit Rolläden geschmückt.

Hinter den Fenstern leuchteten Plakate von Zigarettenfabriken, von Kakao-, Feigen- und Malzkaffeefirmen hervor.

Sympathische Hausmütterchen tranken aus großen Tassen ihre Lebenselixiere, Andreas Hofer schwang die Fahne zu Ehren eines Feigenkaffees, und reizvolle Damen rauchten Zigaretten und zeigten ihre schlanken Waden her.

Wer in den Laden eintrat, wurde von einem älteren, anscheinend schwerhörigen Ladendiener ohne sich überstürzende Höflichkeit begrüßt und konnte an seiner bedächtigen Manier, die Waren in Papier einzuschlagen, sehen, daß man hier Zeit hatte.

Ein Lehrbub, dessen sommersprossiges Gesicht Lust zu dummen Streichen verriet, stand gaffend hinter der Budel und schlenkerte mürrisch zur hinteren Türe hinaus, wenn ihm der Ladendiener in grobem Ton einen Auftrag gab.

Viel beschäftigt schien nur Herr Benno Globerger zu sein, der im anstoßenden offenen Kontor hinter einem Pulte stand.

Aber wenn er spielerisch mit dem Federhalter Kreise beschrieb, um schwungvolle Kaufmannsbuchstaben aufs Papier zu malen, oder wenn er sorgfältig ein Lineal auflegte, um rote Striche unter schwarze zu ziehen, erkannte man, daß seine Arbeit mehr qualitativ als quantitativ bedeutend war.

Er liebte es, sich vor Kunden ein Ansehen zu geben, und rief Fragen oder Befehle in den Laden herein, aber das mehrte seinen Ruhm nicht, denn der Ladendiener gab respektlose Antworten, und der Lehrling verzog das Gesicht zu einem heimlichen Lachen. Ob der Gram über den Mangel an Autorität, oder ob ein anderes Gefühl Herrn Globerger täglich kurz vor elf Uhr mit Unruhe erfüllte, mag dahingestellt sein; jedenfalls zog er stets um diese Zeit einigemal seine Uhr aus der Tasche, schüttelte den Kopf, murmelte etwas von dringenden Geschäften und holte dann mit einem energischen Ruck den Hut vom Nagel herunter, um schleunig ins Freie zu eilen.

Durch die Gasse ging er im Geschwindschritte, und sein Gesicht behielt einen sorgenvollen, überanstrengten Ausdruck bei, der sogleich einem aufatmenden Behagen wich, wenn Globerger auf den Marienplatz kam. Da schlenderte er langsam, alle Passanten jovial betrachtend, jedem Dinge Beachtung schenkend, einer Weinstube zu und trat von Wohlwollen strahlend ein. Er grüßte nach allen Seiten, erwiderte fröhliche Zurufe und zeigte in familiärer Behandlung der Kellnerin die Rechte des Stammgastes.

Hier war der Ort, wo er das glückliche Gefühl hatte, etwas zu gelten.

Und in der Tat konnte, wer sein Vermögen vergrößern und durch glückliche Unternehmungen Reichtum erwerben wollte, nichts Besseres tun, als auf Herrn Globerger hören, der bei einem Schoppen Wein die besten Ratschläge bereit hatte und genau wußte, wie aus der Entwicklung der Stadt erhebliche Gewinne zu ziehen wären.

Seine Pläne waren kühn und weit ausschauend, und sein Tadel gegen Rückständigkeit war herb.

Allerdings waren ihm selber alle Versuche, den Fortschritt auszubeuten, mißlungen, aber daran waren Zufälle, die auch der klarste Kopf nicht hatte berechnen können, schuld gewesen.

Sein geschäftlicher Rückgang aber fand die beste wie einfachste Erklärung darin, daß die Erfolge der Konkurrenz auf unsauberen Machenschaften beruhten. Da mußte man es wohl gelten lassen, daß sich ein Altmünchner gegen das neuzeitliche, unreelle Wesen sträubte und mit Rechtssinn und Biederkeit in Schwierigkeiten geriet.

An denen fehlte es nicht, und sie stellten sich zu allen Jahreszeiten ein; die Verfalltage ausgestellter Wechsel kamen hinter den Verfalltagen der Hypothekenzinsen, und sie hatten das gemeinsam, daß sie stets überraschend eintrafen.

Jedesmal äußerte Globerger sein unwilliges Erstaunen gegen den schwerhörigen Ladendiener, und jedesmal wunderte sich dieser über die Gunst des Schicksals, das im letzten Augenblick Hilfe schickte.

Auf schlimme Zeiten folgten schönere, wenn Herr Globerger etwa mit dem Vertreter einer Firma, die ihn bedrängt hatte, wieder zusammentraf.

Als gekränkter Ehrenmann war er groß in Seitenhieben und sarkastischen Bemerkungen über wahre Noblesse und Solidität, und seine Briefe an Geschäftshäuser, die ihn mit Klage bedroht hatten, waren vollends meisterhafte Leistungen voll treffenden Humors, der sich schon gleich in der auffälligen Vermeidung von Höflichkeitsformeln zeigte.

In diesen Dingen war Benno Globerger keine Ausnahmeerscheinung; er gehörte der zahlreichen Klasse behäbiger Bürger an, die von einem Kredite zum andern sehr auskömmlich leben.

Diese jeder nationalökonomischen Wissenschaft Hohn sprechende Kunst fand in München stets eine treffliche Pflege.

Der Vater Bennos, der Globerger Muckl, war ein Mann, der seinem Sohne außer den Anfängen des geschäftlichen Rückganges alle Eigenschaften hinterlassen konnte, die den Menschen vor Hast und Ruhelosigkeit bewahren.

Da er seine Frühschoppen, Abendschoppen und Kaffeehaussitzungen gewissenhaft unter die Kundschaft verteilte, und da er vielen Vereinen eine selbstlose, hingebende Tätigkeit widmete, hatte er keine Zeit, sich um die Erziehung zu kümmern.

Er überließ sie vertrauensvoll der Frau wie der Schule.

Wie recht er hatte, nicht überängstlich zu sein, bewies der Erfolg, denn auch Benno erreichte das eigentliche Ziel aller Vorbildung, die Berechtigung zum Einjährigendienste, die für ihn als Gradmesser wertvoll blieb, auch als er wegen Herzverfettung frei wurde. Er trat als Volontär bei einem befreundeten Kaufmanne ein, und es lag schon im Begriffe dieses Wortes begründet, daß er sich nicht überanstrengte.

Als der Globerger Muckl an einem sonnigen Novembertage von einem Ausfluge zum Giesinger Weinbauern nicht mehr heimgekehrt, sondern ohne Umstände und Vorbereitungen vom Schlage gerührt in einem Straßenbahnwagen verschieden war, übernahm Benno das väterliche Geschäft. Er war von der Bedeutung seiner Stellung als Bürger und Geschäftsherr tief ergriffen und zeigte in den ersten Wochen oder Monaten einen Eifer, den Kenner und Freunde der Globergerschen Familie belächelten.

Er trug sich mit großen Plänen und wollte den Betrieb reformieren, organisieren und dem Zeitgeiste anpassen. Er nahm sich vor, in Hamburg wie in Bremen Anschluß an bedeutende Firmen zu suchen, um das Beste in Kaffee, Tabak und Zigarren zu führen.

Er knüpfte Verbindungen mit der Londoner City an und wollte den feinsten Tee für München erhalten.

Die Nachbarn sahen mit Staunen, wie der junge Mann eine Stunde vor der üblichen Zeit den Laden öffnen ließ, wie er auf die Straße hinaustretend das Arrangement der Auslage überwachte, und sie übersahen es nicht, daß auch nach Ladenschluß noch längere Zeit Licht im Kontor brannte.

Durchs Fenster, das nicht verhängt war, konnte man sehen, wie Benno am Pulte stand und eifrig schrieb.

»Der Bub reibt sich auf«, sagte seine Mutter zu Bekannten. »Essen und Trinken kennt er schon bald nimmer. Wenn ich ihn an mein Mann selig erinnere bei dems doch nie so pressant war, laßt er mich net ausreden. ›Mami‹, sagt er, ›der Pappi hat einer andern Zeit anghört. Da is 's noch pomadig gangen; die Neuzeit‹, sagt er, ›verlangt eiserne Tatkraft.‹ I hab wirkli Angst um mein Beni.«

Auch der schwerhörige Ladendiener hatte Angst, Gram und Ärger, denn der junge Herr jagte ihn aus seiner Gemächlichkeit heraus, fragte, forschte, befahl und hielt feurige Ansprachen an ihn.

»Dös mach i nimmer lang«, sagte der Kommis, der Charles Flunger hieß, aber von Benno, der es damals mit der englischen Tüchtigkeit hielt, Tscharlie genannt wurde. »I mag einfach nimmer. Heut will er Bilanz aufnehmen, morg'n will er an Ausverkauf arrangieren, 's Lager will er säubern, und 's Lager will er umbau'n, a Kaffeerösterei will er haben, neue Räume für'n Tee will er haben, von oan Eck hetzt er mi ins andere, und allaweil dös Schimpfen über alte Schlamperei, na, fallt mir net ei. A Monat schau i no zua... Wird's net anders, sag i auf...«

Es wurde anders.

Die Reformen im Großen verlieren ihren Reiz durch die ermüdenden Details, durch Schwierigkeiten und Widerstände. Gerade die flammenden Begeisterungen ersticken in der Atmosphäre von Nüchternheit und Mißtrauen.

Die alte Kundschaft wollte keine Neuerungen, sie hing am Hergebrachten, besonders an den alten Preisen.

Es erging dem Eifer Bennos wie den Blechdosen der Firma John Baxter and Donley, die mit köstlichem Tee angefüllt waren.

Zuerst standen sie auffällig in der Auslage, dann erhielten sie einen bescheideneren Platz im Laden, und nach etlichen Monaten standen sie in einer Ecke des Kontors, wo sie mit Staub überzogen wurden.

Benno stellte seine fieberhafte Tätigkeit nach Ladenschluß ein, und die Nachbarn konnten sich an seinem Fleiße nicht mehr erbauen.

Übrigens war auch der Rolladen heruntergezogen.

Tscharlie wurde nicht mehr vom Laden ins Lager, vom Lager in den Keller gehetzt, und bald kam der Tag, wo Globerger junior, ganz so wie sein Vater, kurz vor elf die Uhr aus der Tasche zog, etwas von Geschäften murmelte und ins Freie eilte.

Es gab noch einmal eine Zeit der besten Vorsätze zu Aufschwung und Tätigkeit.

Das war, als sich Benno mit Paula, der Tochter des Hutmachers Schoderer, verheiratete.

Nicht als ob ihn eine tiefe Leidenschaft für das hübsche, gutmütige Mädel erfüllt hätte; sie gefiel ihm, und seine Werbung wurde angenommen.

Es war nichts Aufwühlendes, was ihn zu dem Vorsatze brachte, ein regsamer, vorwärts schreitender Handelsherr zu werden; es war eine milde Stimmung, der er sich als weicher, lenkbarer Mensch hingab.

Als der Pfarrer von den Stürmen des Lebens sprach, denen der Mann ruhig entgegen steuere, nickte Benno bestätigend mit dem Kopfe.

Als es dann hieß, die zarte Frau klammere sich an den Mann, wie sich der Efeu um den Baum ranke, nickte er wieder, und Tränen füllten seine Augen. Kämpfen, stark sein, das wollte er. Und er blickte gerührt auf dieses zarte, vertrauensvolle Wesen, das er fortan vor den Stürmen behüten sollte.

Einige Frauen der Hochzeitsgesellschaft bemerkten seine Bewegung und fanden Gefallen daran.

Wenn sie Tscharlie, der als Zuschauer im Hintergrunde stand, auch bemerkt hätte, wären in ihm schlimme Ahnungen aufgestiegen, Erinnerungen an schweißtriefende Reformpläne.

Aber er sah sie nicht, und als Benno mit der jungen Frau von der Hochzeitsreise heimkehrte, hatten seine Vorsätze alle Heftigkeit verloren.

Seine Zärtlichkeit war abgeflaut, und schon vor dem Einzuge ins eigene Heim sah Paula, wie so manche junge Frau, mit Erstaunen, wie einschläfernd Gewohnheit auf junge Ehemänner wirkt.

Wenn dieses Einschlummern mit dem Erwachen des anderen Teiles zusammentrifft, gibt es Enttäuschungen und Leiden, jenes bittere Durchringen zur Erkenntnis der Ehe.

Gutmütigkeit und ein bequemes, erregten Auftritten abgeneigtes Naturell verhinderten Paula, in diesen Kämpfen leidenschaftlich zu werden.

Wenn Benno ihre Zärtlichkeiten, mit denen sie auch zur Unzeit freigebig war, nicht erwiderte, schmollte sie etwas täppisch, um sich gleich wieder anzunähern.

Nur ganz allmählich setzte sich in ihr eine leise Mißachtung gegen den Mann fest, der immer von Grundsätzen und vom Ernst des Lebens sprach, wenn er seinen nichtssagenden Freuden nachging und sie vernachlässigte.

Aber die Stimmung hielt nicht an.

In Vergnügungen und Gewohnheiten, im Klatsch mit den Bekannten und auch ein wenig im kleinen Krieg mit der Schwiegermutter übersah sie, wie leer und nichtssagend ihr Leben war.

Daß der Kindersegen ausblieb, bedrückte sie in den ersten zwei Jahren; später sah sie darin eine Bequemlichkeit, die ihr zusagte.

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